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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Kukirol: Fortsetzung Teil 3

Kukirol: Fortsetzung Teil 3

11. Kukirol wirbt - mit Beschimpfungen, Ressentiments und Monströsitäten

Typische Negativ-Kampagne (Januar 1925)

Typische Negativ-Kampagne (Januar 1925)

Lassen wir einige Inserate der Firm Kurt Krisp aus den Jahren 1924 und 1925 Revue passieren: Kukirols wüste Beschimpfungen der Konkurrenz begannen Anfang November 1924. Sie erfolgten in einer Form, die in ihrer Aggressivität bis dahin beispiellos war. Sie richteten sich vor allem gegen den seit 20 Jahren unbestrittenen Marktführer bei den Hühneraugenpflastern „Lebewohl”. Unter der Schlagzeile: „Wer hat sechseckige Hühneraugen?” inspizierte Dr. Unblutig im Januar 1925 in einer Annonce das Konkurrenzprodukt süffisant und machte es in allen seinen Bestandteilen madig, vom „Pflasterkern der Hühneraugenbinde”, der sogar die „gesunden Hautteile” entzünde und „rasende Schmerzen” verursache über „den Filzschutzring”, der den Druck und somit die Schmerzen erhöhe bis hin zum „Heftplasterstreifen”, der sich durch die Fußwärme zusammenrolle und „Nervöse noch nervöser, als sie es schon sind” mache. „Der einzige Vorzug des Konkurrenz-Präparates ist die sechseckige Form des Pflasters. Wenigstens für diejenigen, die sechseckige Hühneraugen haben….”  Iversen, der Werbetexter, war seiner Vitriol-Schreibe treu geblieben und zur Hochform aufgelaufen. Die diskreditierte Konkurrenz wehrte sich - zumindest öffentlich - nicht. Sie tat gut daran und blieb bei ihrer Werbelinie.

Anzeige des "sechseckigen" Konkurrenzprodukts (1926)

Anzeige des "sechseckigen" Konkurrenzprodukts (1926)

Im Februar 1925 kehrte Kukirol resp. Dr. Unblutig zu den Ressentiment-geladenen, ja revanchistischen Affekten, wie sie bereits die Piedecubiste-Annoncen geprägt hatten, zurück. Jetzt inspizierte der Arzt-Gnom eine Einheit der angetretenen Reichswehr: “Rührt euch! Was ich Ihnen mitzuteilen habe, ist als militärisches Geheimnis zu behandeln, sonst könnte es wieder diplomatische Schwierigkeiten geben. Denn bekanntlich hängt die Schlagkraft einer Truppe von ihrer Marschfähigkeit ab. Da nun die Ententekommission in jeder alten Gummiunterunterlage und in jedem Luftkissen eine Gasmaske wittert, besteht die Gefahr, dass sie bei Verwendung der vorzüglichen Kukirol-Präparate bei der Reichswehr eine unzulässige deutsche Rüstungsmaßnahme erblickt und die Zerstörung der Kukirol-Fabrik verlangt. Deshalb rate ich Ihnen: Kukirolen Sie! aber kukirolen Sie heimlich. Die Entente darf nicht wissen, dass der deutsche Soldat keine Hühneraugen und keinen Fußschweiß mehr hat und dass es bei uns kein Wundlaufen der Füße mehr gibt, sonst bekommen es die Sieger wieder mit der Angst…”

Spätestens zur Jahresmitte 1925 konnte keine deutschsprachige Kampagne, noch dazu von einer so kleinen Firma, solch einen Popularitätstriumph feiern wie Kukirol. Offensichtlich bemaß auch Kurt Krisp die Werbewirkung seiner Kampagne am Grad der Publikumsresonanz, die sie erregte. Ihr Unterhaltungswert jedenfalls war unbestritten: diese Anzeigen wurden gelesen. Stets wurde auch daran appelliert, die einzelnen Folgen wie einen Fortsetzungsroman auszuschneiden und aufzubewahren. Und selbst dann, wenn Dr. Unblutig für Monate in der Versenkung verschwand, wurden in der Zwischenzeit Anzeigen mit vergleichbarer Vitriol-Dosis lanciert. Schon im Frühjahr 1924 z.B. eine Serie über „Adolar, den Unbeweibten” mit „sektkorkengroßen” Hühneraugen, wenig später dann „Tante Josephine” („Besitzerin von sechs gut entwickelten hypothekenfreien Hühneraugen, zwei eingewachsenen Nägeln und einer stadtbekannten Warze”), im Frühsommer 1925 schließlich „Bilder zur Zeitgeschichte”, in denen sich Kukirol gar als Kommentator aktueller Finanz-Skandale (Kutisker-Barnat) gerierte. Wenig später gab sich Kukirol sogar als Global Player - als in einer Serie ein alter chinesischer Mandarin auftrat, der die Kolonialpolitik der alten Großmächte China gegenüber scharf kommentierte:

„Seit Jahrzehnten zerbrechen sich unsere uneigennützigen Freunde, die Engländer, unsere edelen Wohltäter, die Amerikaner, die ritterlichen Franzosen und unsere lieben Nachbarn, die Russen, die Köpfe darüber, was zu unserem Wohle noch geschehen könnte. Deutschland, zurzeit machtloseste Großmacht, hat uns kein Ultimatum und keinen Panzerkreuzer geschickt, sondern nur die freundliche Aufforderung: Kukirolen Sie! Von allen Errungenschaften der westlichen Kultur schätzen wir nur das Kukirol…”

gillian_19_07-1925

Ein wahres Monströsitätenkabinett führte im Sommer 1925 schließlich die Serie „Eheirrungen in der Tierwelt” vor; anhand skurriler Grafiken wurden die phantastischsten Tierkreuzungen vorgeführt wie das Kamelkrokodil, die Heringskuh oder der Mückenelefant. Der Anzeigentext des letzteren zeigt, welche Verrenkungen der Text unternahm, um von diesem an den Haaren herbeigezogenen Aufhänger zur Produktanpreisung zu gelangen:

„Dem bekannten Afrikaforscher Knatterbull ist es gelungen, in der Nähe des Wendekreises in den Gebieten der Negerstämme der Dämelacks und der Kanaphagen ein bislang unbekanntes Tier zu entdecken und es lebend nach Europa zu bringen: den Mückenelefanten (elephas müccensis Knatterbulli).
Dieses Tier, dessen bizarre Formen dem entzückten Forscherauge so manchen Liebreiz bieten, scheint seine Entstehung dem Umstand zu verdanken, dass die Kanaphagen die Dämelacks unterjocht haben und bestrebt, ihnen das recht fühlbar zu machen. Ihre Medizinmänner verwandeln deshalb jeden Mückenschwarm, den sie im Bereiche der Dämelacks entdecken, durch sogenannten faulen Zauber in eine Elefantenherde und verlangen davon neue Tribute. Durch die oftmalige Wiederholung hat sich dann eine Zwischenform von Mücke und Elefant herausgebildet, dessen Konstruktion, was das Untergestell betrifft, als nicht wohlgelungen bezeichnet werden kann.
Hagenbeck in Hamburg, bei dem das Tier einstweilen verpflegt wird, hat sich deshalb die gesamte Literatur über Kukirol bestellt und im Elefantengehege, wo es untergebracht ist, ein Plakat aufgehängt: Kukirolen Sie!”

Jahrmarktstil ohne Ende: Selbst der Zirkuselephant "kukirolt" (1926)

Jahrmarktstil ohne Ende: Selbst der Zirkuselephant "kukirolt" (1926)

12. Die Welt „kukirolt!”

Noch 1924 hatte es schlicht geheißen „Hühneraugen groß und klein beseitigt Kukirol allein!” bzw. “Hühneraugen klein und groß wirst durch Kukirol du los!” und sich damit nicht im geringsten vom biederen  Merkvers-Stil der Konkurrenz unterschieden - jetzt hieß es imperativisch kurz und knapp: „Kukirolen Sie!”
In der Tat galt dem Laien dieses Kunstwort in zwanziger Jahren bald als das Nonplusultra raffinierter Reklamestrategie. Neben der gezeichneten Figur des Dr. Unblutig wurde es zur zweiten Konstante in den Anzeigenkampagnen von Kurt Krisp. Erstmals tauchte „Kukirolen Sie (auch selbst. Treiben Sie sachgemäße Fußpflege!)” im Dezember 1924 auf, als Dr. Unblutig in einer Werbeanzeige die neue „Kukirol-Weihnachtspackung” anpries, welche im Hinblick auf das herannahende Weihnachtsgeschäft gleich drei Produkte auf einmal bewarb: Fußbad, Streupulver und Hühneraugenpflaster. Zugleich wurde zum Bezug der Broschüre „Die richtige Fußpflege” aufgefordert, dafür aber kein Hinweis mehr auf die Schutzmarke „Hahnenkopf mit Fuß” gebracht wie in den Wochen zuvor. In der Folge-Anzeige fragte Dr. Unblutig die Familie unterm Weihnachtsbaum: „Habt ihr auch brav kukirolt?” Fortan sollte „Kukirolen Sie!”, nun immer auch optisch durch Freistellung hervorgehoben, für den fortgeschrittenen Konsumenten stehen, dem alle drei Krisp-Produkte gleichermaßen vertraut waren.

Wie sehr das Kunstwort „kukirolen” samt dem Bild des gnomenhaften Dr. Unblutig schon 1925 in den Köpfen spukte, dokumentieren diverse Reaktionen - auch aus dem Ausland. Für den Moskauer Regisseur Alexander Tairoff, den Erfinder des „entfesselten Theaters” kam Dr. Unblutig wie gerufen; er verarbeitete dieses Material 1925 zu seiner avantgardistischen Kurikol-Revue. Damit glaubte er dem Moskauer Publikum die Quintessenz dessen, was in Deutschland en vogue war, zu präsentieren. Im August 1925 versuchte der Journalist Paul Morgan ein Interview mit Carl Lämmle, dem deutschstämmigen, in die USA ausgewanderten allmächtigen Präsidenten der Universal Pictures zu machen. Lämmle hielt sich gerade in Karlsbad auf, als es dem Journalisten gelang, sich zu ihm vorzuarbeiten. In der Film-Revue (17. August 1925) stellt Morgan dieses Zusammentreffen so dar: „Laemmle wird gerade pedikürt. “Good Morning, Mister President”, rufe ich verwegen. (Blitzartig durchlief mich einen Hühneraugenblick lang der Gedanke, wieviel wohl von jenem unblutigen Drogisten zu erzielen wäre, wenn ich plötzlich dem Dollarmann zuriefe: Kukirolen Sie!)…” Der Höhepunkt von Dr. Unblutigs Ruhm stellte jedoch zweifellos das Titelbild des Simplicissimus vom 14. Dezember 1925 dar. Als Karikatur traten auf und als „Dr. Blutig” apostrophiert, Benito Mussolini und, als sein Widerpart, der Gnom Dr. Unblutig. Darunter stand als Kommentar schlicht: „Kukolini und Mussirol”. Bis in den Simplicissimus hatte es also Dr. Unblutig gebracht…

Titelbild vom Simplicissimus 14.12.1925

Titelbild vom Simplicissimus 14.12.1925

13. Das Maß ist voll: Demontage in der Fachpresse

Doch die Umsätze der Firma Krisp entsprachen offenbar in keiner Weise dem ohrenbetäubenden Reklamespektakel, das sie entfaltet hatte. Es schien, dass die Firma kurz vor dem Konkurs stand; zahllose Rechnungen bei den Insertionsorganen waren nicht bezahlt worden. Kurt Krisp jedenfalls hatte „Geschäftsaufsicht” beantragt.
Vor diesem Hintergrund erschien Anfang April 1926 in der Fachzeitschrift „Die Reklame” ein Artikel, der gnadenlos mit der bisherigen Kukirol-Reklame abrechnete. Sein Autor Hans Will Hebsacker brachte es auf den Punkt: „Von der Dackelschlange und dem Kamelkrokodil bis zum Minister Stresemann und dem Volkskommissar Radek mußten wir den Kelch der Kukirolreklame kosten. Vom Weiteren (Die Weltreise) ins Engere (Wo bleibst Du, Schatz, fragt er verstohlen? Ich muß erst, sagt sie, kukirolen!) schweifte der neckische Doktor Unblutig, und es gibt wohl keine Sünde wider den guten Geschmack, die der Brave während seines kurzen Erdenwallens nicht verbrochen hätte.
Am betrüblichsten für das deutsche Werbewesen ist aber nicht einmal Herr Doktor Unblutig selbst, der wenigstens ein Original darstellt, als vielmehr die Seuche, die er - fortzeugend - in Deutschland verbreitete. Jede bessere Firma der Markenartikelbranche versuchte, Herrn Krisp zu imitieren oder nach Möglichkeit zu übertrumpfen… Es soll nicht geleugnet werden, daß die Kukirolfabrik zu Anfang mit ihrer Reklame Erfolg hatte. Warum? Die Sache war neu, das Publikum, auch das „bessere”, reagierte lebhaft auf starke Reize, was mit der geistigen Einstellung der Bevölkerung zusammenhing, die Krieg, Revolution und Inflation durchgemacht hatte.
Auf einen Kardinalfehler der Kukirolreklame habe ich schon in einem früheren Aufsatz hingewiesen. Es war der ‚falsche Ton’, auf den die ganze Werbung Krisps gestimmt war, das Ressentiment und das allzu Volkstümliche, man kann schon sagen Gewöhnliche (im schlechten Sinn). Herr Doktor Unblutig hat von Anfang an zu laut geschrien, da mag es nicht verwunderlich erscheinen, wenn ihm zuletzt die Puste ausging.”

14. Totgesagte leben länger

Offenbar gelang es doch noch, die Firma vor dem Konkurs zu retten. Im November 1926 jedenfalls taucht Dr. Unblutig in den Anzeigenspalten nach längerer Abwesenheit wieder auf - und kann sich natürlich nicht versagen, seinen eilfertigen Grabrednern eine lange Nase zu drehen unter der fetten Schlagzeile: „Dr. Unblutig lebt!” Im Hintergrund sieht das Publikum einen frustrierten Sensenmann davonschleichen. Nur „die mörderische Wirtschaftsgrippe” sei schuld an seinem Schwächeanfall gewesen. Und nun dreht Dr. Unblutig in altbekannter Manier wieder auf: „Da stand er vor mir, der knöcherne Lebensfadenabschneidergehilfe, und tanzte vor Freude wie wild einen Charleston… Gewiss, etwas unpässlich bin ich vorübergehend gewesen, aber keineswegs lebensgefährlich erkrankt… Der aber meinte, dass er das besser wissen müsste. Mein Lebenslicht wäre am Erlöschen. Als ich ihm das ausreden wollte, nahm er mich an der Hand und führte mich in den großen Saal, in dem unendlich viele Lebenslichter brennen. Als uns beide dort der Tod selbst sah, schüttelte er missbilligend den Kopf und sagte zu seinem Gehilfen: ‚Das hast du falsch gemacht. Sieh hier den Stein des Lichtes!’ und er wies dabei auf den funkelnden Stein, der wie hunderttausend Lichter strahlte: „Das ist der Kukirol. Der wird nie erlöschen, weil es immer Menschen geben wird, die an Hühneraugen, Hornhaut, Fußschmerzen und an kalten und nassen Füßen leiden…”

unblutig_lebt_07_11_1926

Dr. Unblutig lebt... im November 1926

Damit war Dr. Unblutig offenbar in seine mystisch-weltanschauliche Phase eingeschwenkt; Ende Mai 1927 erreichte er spielend den Gipfel der Geschmacklosigkeiten: “Wenn die vielen, vielen Millionen Hühneraugen auf einen Lagerplatz zusammengetragen würden, die infolge meiner guten Ratschläge durch das vielmillionenfach bewährte, noch nie übertroffene Kukirol-Hühneraugen-Pflaster schmerzlos in wenigen Tagen beseitigt worden sind, so könnte man zu ihrer industriellen Verwertung eine große Fabrik daneben bauen. Und wenn alle Schmerzen, die durch das Kukirol schon gestillt worden sind, zu einem großen Schmerze zusammengefasst werden würden, so würde das Weltall aufheulen: Kukirolen Sie!

Das Weltall heult auf...

Das Weltall heult auf...

Und wieder wurde Dr. Unblutig zu Grabe getragen. Diesmal von keinem Geringeren als Carl Zuckmayer, der ihm - ebenfalls in „Die Reklame” - Ende April 1928 ein Epitaph widmete:

O Jammer, dass er nicht mehr lebt!
Ich habe zwar niemals Hühneraugen besessen,
doch jahrelang danach gestrebt,
so lang er wirkte unvergessen.

Ein Volk in Hühneraugen statt in Waffen,
den großen Fuß ins herbe Joch gezwängt.
Er hätte Deutschlands Sohle neu geschaffen:
Zu spät, zu spät!
Der Tod, ein Judensöldling, hat auch ihn verdrängt.

Und wieder erhob sich Dr. Unblutig von seinem Sterbebett, diesmal freilich nur noch als matter Schatten seines einstigen, von übersprudelnder Phantasie und Energie strotzenden Selbst. Die 1929 noch geschalteten Anzeigen boten nämlich keine neuen Geschichten mehr: Sie wiederholten exakt dieselben Motive, die schon vier Jahre zuvor, nämlich 1925, in der Presse zu lesen gewesen waren. Dr. Unblutig war endgültig „die Puste ausgegangen”.

Hühneraugen-Notfall für Dr. Unblutig (1925, 1929 wiederholt)

Hühneraugen-Notfall für Dr. Unblutig (1925, 1929 wiederholt)

Seine Spur verlor sich in den Wirren der Weltwirtschaftskrise. Nicht einmal das Kunstwort „kukirolen” blieb, im Gegensatz zum ebenfalls nur durch eine Werbekampagne geprägten „einwecken” (von Hanns W. Brose 1940 erfundenes Kunstwort für das Einmachen ausschließlich mit Produkten der Firma „Weck), im sozialen Gedächtnis haften.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Sonntag, 16. August 2009 15:20
Themengebiet: Reklame & Werbung