2009 als Lehrgedicht, inkl. Bundestagswahl, Wirtschaftskrise und Jahrestag des Mauerfalls
(Langfassung von “Niemand ist besser für Deutschland!”)
© 2009 Dirk Schindelbeck
“…Omnia Nemo potest. Nemo sapit omnia per se.
Nemo manet sempre. Crimine Nemo caret.
Niemand kann alles, es weiß von selber Niemand auch alles,
Niemand bleibt ewig bestehn. Niemand auch ist ohne Fehl.”
(Ulrich von Hutten: Ille ego sum nemo… Jener Niemand bin ich… 1509/1517)[1]
I.
Wahlblasen
Niemand spricht hier, kein Mensch! Es schickt ein riesiger Rechner,
worauf er Zugriff hat aus dem Speicher, in endloser Schleife
Bilder- und Audiodaten ins weltweite Netzwerk, gebündelt
und in bestechender Qualität - und in Millisekunden
steht die Botschaft auf sämtlichen Bildschirmen draußen im Lande,
wo sie auf Netzhäute trifft, in Hirne und Seelen sich festsetzt,
wo sie jetzt wirken könnte, wenn - indessen bleibt’s ruhig.
Niemand widerspricht. Es bleibt alles ruhig an diesem
Abend, wie auch am Abend zuvor, in den Wochen und Jahren.
Niemand fühlt sich betroffen, die Sendung, das zeigen
deutlich die Einschaltquoten seit Jahren, wird gerne gesehen:
„Melodien für Millionen”, vermischt mit den Sprüchen der Werbung:
„Alles super!”, „Nichts ist unmöglich!”, „Heute ein König!”.
Ruhig verläuft der Abend, die Botschaft verteilt sich wie Feinstaub
gleichmäßig über das Land, ein Mehltau, den niemand mehr wahrnimmt.
Nur ein paar Techniker kontrollieren den Ablauf der Sendung,
während jene, die für den Inhalt verantwortlich zeichnen,
ihre Freizeit genießen in Miami oder San Remo.
Wieder versinkt das Land in den Medienschlaf, und es schlafen
alle die Niemands da draußen, die namenlosen, es schlummert
tief und fest das Volksempfinden. Doch andere wachen,
einzelne sind es, Träumer, Phantasten, die heimlich Visionen
nachhängen von einer besseren, aufgeklärten Gesellschaft,
wo nur eins zählt: Wahrhaftigkeit, nicht Profitmaximierung,
sehnen die Stunde herbei, die große, den Aufstand der Massen,
denn zuwider ist ihnen, was in den Medien tagtäglich
klebrig, als Dauerwerbesendung, die Leute benebelt.
In einer Nacht wie dieser träumen sie von Tribunalen,
wenn in der Zukunft einst die Masse der Menschen sich auflehnt
und als geschlossener Chor den Herrschenden liest die Leviten:[2]
„Wir sind das Volk! Habt ihr das vergessen? Wir sind’s, die Nichtse,
Masse, Nullen, Niemands: Stimmvieh, das euch gewählt hat.
Die wir hier stehen, wir stehen nicht auf. Wir lassen euch heute,
die ihr da oben regiert, noch sitzen. Nur heute. Vielleicht auch
morgen noch. Aber seid euch ständig bewusst, es ereilt euch
jener Tag, der heut noch nicht feststeht, an welchem euch allen
Hören und Sehen vergeht, ihr Walters, Angies und Guidos.
An jenem Tag, an dem das Mandat verfällt, dreht die Welt sich
anders herum, wird abgerechnet. Dann zieht euch warm an.
Aber heute noch nicht, nicht heute. Die Stunde wird kommen:
Gut ist’s, wenn ihr immer dran denkt, dass ihr stets nur auf Abruf
dorthin gesetzt seid, wo ihr grad seid, als schlichte Vertreter,
oft nur sehr schlechte Vertreter im Auftrag aller, die schweigen,
all dieser Niemands hier. Wir raten euch, jetzt schon zu üben,
euch versuchsweise mal wie reale Vertreter zu fühlen,
die in schmuddligen Kneipen abends die Abschlüsse zählen,
arme Teufel, die krampfhaft sich neu motivieren, um ihre
Kunden für ein Produkt, das Mittelmaß ist, zu begeistern.
Mittelmaß seid auch ihr, die ihr breitbeinig hinter den Pulten
vor uns im Bundestag steht und Reden haltet, die Niemand
ernsthaft verfolgt. Vom Steuermitteln gespeist, sind
eure Pensionen fürstlich: Diäten erhöht ihr euch selber.
Auf Provisionsbasis sollten wir Euch Regierungsvertreter
setzen, die ihr so dreist euch produziert in den Medien
vor uns, den Niemandsmenschen, die ihr im Grunde verachtet.”
So die selbsternannten, wütenden Fürsprecher, jene,
die in die Bärte murmeln, die grauen, in vielen Jahrzehnten
seltsam und einsam geworden, bucklige Männchen, die niemand
hört oder anhört, die Stammler und Stampfer, während der Tag sich
kraftvoll mit rosigen Fingern[3] im Osten erhebt. In der Hauptstadt
stehen die Zeichen nämlich auf Wahlkampf. Nicht nur der Tag muss,
es muss die Zeit gewonnen werden. Kaffeeduft steht in den Gängen
des Gebäudes. Soeben trifft auch der Andruck des neuen
Riesen-Wahlplakats ein mit dem Bildnis des Topkandidaten,
dessen Macher einbestellt sind für den Nachmittag, später.
In der Parteizentrale ist die Wahlkampf-Mannschaft versammelt:
Kandidat, Referent, Geschäftsführer, Hilfskräfte, alle.[4]
„Ihr nehmt doch niemand mehr ernst. Es kümmert euch niemand!
Niemand steht auf und ohrfeigt euch wie ihrs verdient habt!
Niemand bewirft euch, wutentbrannt, mit Tomaten und Eiern,
für das dreist ins Volk hinausposaunte Versprechen,
blühender Landschaften, sicherer Renten, Bildung für alle!”
Auch die Wissenschaftler des Forschungsteams sind gekommen,
ihre im Rahmen der Sinus-Studie erhobenen Daten
auszubreiten, wie sich Konsum- und Wertorientierung
in der Gesellschaft wandeln, neue soziale Milieus sich
rasend schnell herausbilden, was schon Rückschlüsse zulässt
auf veränderte Präferenzen in dem Verhalten der Wähler.
Gern wird das Zahlen- und Tafelwerk entgegengenommen,
gründlich werde man diese Ergebnisse analysieren
und die Wissenschaftler noch laden zur Abschlussbesprechung.
„Wir, die Nummerntiere, biometrisch vermessen
DNA-registriert und fingerabdruckgespeichert,
wir, als „sozialen Milieus” in Sinus-Erhebungsmethoden,
die der gierigen Marktforschung Datenberge bescheren,
eingesperrt, im Wahl- und Kauf- und Nachkaufverhalten
auf den Strichcode gebracht, mit Kundenkarten geködert…”
Jetzt sind die eignen Anhänger Thema und auch das Ausland:
„Sollten wir nicht,” so der Referent, „nach dem Vorbild Obamas,
Ehrenamtliche fördern, die dann per Handy und Email
in das Internet dringen, in Hunderten Blogs oder Chatrooms
unsre Botschaft verbreiten, Bekannte und deren Bekannte
mitziehen, infizieren, zugleich immer Siegesgewissheit
ausstreuen wie einen Virus?” Der Geschäftsführer nickt nur:
„Dieser Wahlsieg war das Ergebnis von Massenerregung,
welche, von Hunderttausenden ehrenamtlicher Helfer
angefacht und genährt, sich in immer höheren Wellen
über das Land ergoss, ein Sog, der am Ende selbst viele
umstimmte, die im Normalfall McCain den Vorzug gegeben.”
„Wie es Obama machte, wie er mit modernsten Methoden,
unter Einsatz von Foren und Chats die Massen erreichte,
das war phantastisch. Ich sehe jetzt noch die Bilder: der Saal kocht,
niemand ist da mehr ausgeschlossen, ein jeder ist Zeuge,
ist involviert, hat Anteil am fulminanten Spektakel…
„Schaut nur die armen Teufel: die Body-Guards, die den Zirkus
überwachen, für glatten Ablauf sorgen, sie stehen
hilflos im Vorraum, ihr Job ist beschränkt auf die Tage im Wahlkampf.”
Alle schwenken begeistert die Fähnchen, die ihnen vorab schon
klug die Regie zuteilte, und plötzlich bricht’s los wie entfesselt:
‘Yes we can!’ Und der Jubel steigt höher und höher
an zu einem Orkan, und die Kamera saugt die verzückten
Mienen in sich hinein und verbreitet sie rund den Globus.”
„He, was heißt das: ‚We can!’? Ein riesiges Ausrufezeichen
inhaltslos und banal. Eine Fatamorgana, nichts weiter.
Aber Entscheidungen, Politik? Das bereden die Profis
wenn die Reporter fort sind, in Ruhe an der Hotelbar.”
Der Kandidat bleibt skeptisch. „Ehrenamtliche Helfer
stehen in der benötigten Anzahl kaum zur Verfügung,
leider. Auch ist die ältere Generation hier noch längst nicht
so vertraut mit dem Netz, dass sie online erreicht werden könnte.
Uns bleiben da doch nur die klassischen Mittel und Wege,
dies Potenzial zu erschließen: Volksfest mit Bierzelt und Reden,
diese Leute zu packen und auf den Punkt hin zu stimmen,
um dann am Wahltag selbst mit gemieteten Bussen geschlossen
ganze Seniorenheime bis vor die Urnen zu fahren.
Das nur kann die Chance auf den Wahlsieg deutlich verbessern.”
„Wenn ihr gemein euch macht mit uns, dann riecht’s nach Gemeinheit -
selbstherrlich seid ihr wie immer, aufgeblasen von jener
Arroganz, die automatisch berauscht, wer die Macht hat!
ganz nach dem Vorbild des Dicken, der meinte, sein Bauch sei
näher am Menschen, den Nichtsen als der seiner Gegner;
und er schwenkte die Worscht und den Wecken, trank Pfälzer Landwein,
stampfte, Hände schüttelnd, im Festzelt gemütlich den Rhythmus
zu den Schnulzen der Volkmusikanten, denn schließlich ist Wahlkampf
immer grad da, wo Politiker sind, die den Atem der Leute
spüren und meinen, sie selbst seien wandelnde Wahlkampfbroschüren.”
Nun wird die Frage nach einer Home-Story wieder erörtert;
schließlich lege das Motto „‚Näher am Menschen” es nahe,
den Kandidaten zu zeigen in seiner vertrauten Umgebung.
Dutzende professioneller, aber willfähriger Schreiber
stünden bereit für diesen Job, ihnen selbst zum Vergnügen.
„Glaubwürdigkeit geht so!”, bekundet der Referent fest.
Nur der Kandidat ist unwillig. Seine Privatwelt
ist ihm heilig: „Lieber drei Bäder mehr in der Menge!”
„‚Näher am Menschen!’ Was soll das heißen? Das werdet ihr rege,
steigt in die Guidomobile, schwärmt ins Land aus zum Wahlkampf,
uns wie klebrige Schnecken zur Paarungszeit zu beschleimen,
Stimmen, stimmen zu ködern an Baggerseen oder in Kneipen.”
Endlich wird der finale Auftritt im Fernsehn besprochen:
die Elefantenrunde, Generalstrategie sowie Taktik
festgelegt. Man kommt überein, um gar keinen Preis auf
Vorwürfe einzugehen, strickt seine Linie zu fahren,
was auch immer geschehe, Argumente der andern
stets nur formal zu bedienen, möglichst im Halbsatz, um blitzschnell
kraftvoll zurückzufedern, das eigne Programm zu erläutern,
seine Zukunftsvision den Leuten in plastischen Bildern
näherzubringen, um dann die Gegenattacke zu reiten
scharf, in der eignen Diktion, im eignen Stil. „Denn zu knapp ist
immer bemessen die Redezeit. Und nur wer redet, kann wirken,
wer nur zuhört, der fällt aus dem Bild. Die Kamera richtet
sich ja nur auf den, der spricht, die Grimassen der andern
während der Elefantenrunde sind völlig belanglos.”
„Wie ihr euch präsentiert uns Namenlosen, mit welcher
Nonchalance, das ist so widerlich und so eitel,
stillos und penetrant. Das Musterstück gab schon der Dicke,
als er bei Biolek einst uns gnädig sein Leibgericht preisgab:
‚Karamellpudding mit sechzehn Eiern’, die Mutter der Pudding-
Bomben, mit welcher daheim er noch Hannelore traktierte.
Schröder, als Master-Consumer, konnte darüber nur lächeln:
cool im Armani-Anzug, ein Mode-Geck, die Cohiba
aufreizend lässig im Mund wie ein Mafiaboss aus Palermo,
winkte er smart aus dem Porsche. Toller Stoff für die Medien!”
Lange wird noch diskutiert und die Fernsehrunde der letzten
Bundestagswahl im Videomitschnitt eifrig betrachtet,
alle Personen darin nach der Körpersprache bewertet:
„Wie sich Schröder da aufblies, so aggressiv und geladen,
fast ein Schwarzenegger im Anzug, darf uns nicht passieren.
Hat’s ja auch teuer bezahlt. Es war sein politisches Ende.”
Spät am Nachmittag sind noch die Werbefachleute im Hause
mit den Plakat-Entwürfen zur heißen Phase des Wahlkampfs.
„Wir haben diese Kingsize-Formate jüngst erst entwickelt:
Die gab es vorher noch nie! In der Woche vor der Entscheidung
hängen sie überall aus, in Zentrumsbereichen der Städte
und an den Ausfallstraßen. Standorte sind schon gemietet:
Das wird ein Wahnsinns-Spektakel: Nur das Parteilogo und der
Kandidat im Profil samt dem starken Spruch in Versalien:
‚Niemand ist besser für Deutschland!’ Perfekt beglaubigt wird alles
durch das Gesicht, das markant sich abhebt gegen den Background.”
Einer der Werber erklärt die Wirkungsabsicht dahinter:
„Dieser Effekt entstand dank einer extrem starken Lampe,
die die Person, als wir fotografierten, von hinten bestrahlte.
Das Ergebnis: ein Heiligenschein, der leicht um die Nase
oszilliert und vibriert, die Chiffer für Zukunftsgewissheit.
In ihrer Dramaturgie ist diese Bildsprache völlig
sensationell und kühn, sie eröffnet uns Dimensionen
einer ganz neuen Polit-Kultur in PR oder Werbung.”
„Lügenjongleure, Schönfärberfuzzis, Dummdreist-Trompeter,
Schmunzelschlangen, Schaumkanoniere, Sprechblasenaffen,
Strunz-Automaten, Prahlhanskasper, Selbstherrlich-Gecken..
Der Referent des Kandidaten schüttelt nur müde
seinen Kopf: „Die Menschen wollen doch angeschaut werden
von dem Politiker. Dessen offener Blick ist durch gar nichts
zu ersetzen. Kontakt, der erste Schritt zur Vertrauens-
bildung erfolgt durch die Augen. Das ist empirisch bewiesen.”
Der sich am schnellsten fängt, ist der Communications-Director:
„Kein Problem. Das können wir ändern. Wir haben genügend
gute Bilder vom Kandidaten. Wir liefern schon morgen
einen verbesserten neuen Entwurf, der jedem hier zusagt!”
Und um Schadensbegrenzung und Stimmung bemüht spricht er weiter:
„Demokratie braucht freie Gesichter! Ist ja auch logisch.
Doch wer in diesem System als Wahlkandidat kein Profil hat,
was immer heißt: kein Markenprofil, wird zwangläufig scheitern.
Hieran müssen wir arbeiten, hier gibt es noch Potenziale
bei unserm Kandidaten, markentechnisch betrachtet.
Wie gewinnen wir denn das öffentliche Vertrauen?
Wie erreichen wir es, dass die große Masse der Wähler
Zutrauen fasst zur Person des Kandidaten, zu seiner
einzigartigen Qualität als Mensch und als Fachmann?
Letztlich ist völlig belanglos, ob wir einen Markenartikel,
eine Dienstleistung oder politischen Inhalt bewerben:
Eine Partei ist so gut oder schlecht wie die Dose Tomaten,
die im Supermarkt im Regal liegt. Was dort der Nachkauf,
ist hier die Wiederwahl. Woher soll die Oma in Straubing,
woher Lieschen Niemand in Riesa beurteilen können,
welche Qualität Politik hat? Die weiß ja noch nicht mal,
wie der Außenminister heißt! Und dennoch bestimmen
immer die Lieschen-Gehirne die Zukunft unseres Landes
durch ihre Bleistift-Kreuzchen am Wahltag in der Kabine.”
Der Referent ist müde, will heim. Man vertagt sich. Längst haben
Kandidat und Geschäftsführer das Gebäude verlassen:
„Und Sie liefern bis Morgen den neuen Entwurf des Plakates?”
Noch im Abgang versuchen die Werbeleute zu punkten:
„Unterstützt nicht die Deutsche Bank, soweit uns bekannt ist,
diese Partei durch Spenden? Also hier noch ein Vorschlag:
Des Instituts aktuelle Werbung basiert auf dem Slogan
‚Leistung aus Leidenschaft!’ Gesetzt nun, diese Kampagne
für das Finanzprodukt, sie würde verstärkt geführt im
Schlussspurt dieses Wahlkampfs im Außenbereich mit Plakaten,
die sich geschickt im öffentlichen Raume ergänzten
mit den Plakaten zur Wahl. Wenn beides dann gegenüber
fast wie absichtslos hängt, die Wirkung wäre vergleichbar
kommunizierenden Röhren: Die Slogans verstärkten einander,
ist doch der Kern ihrer Aussagen glaubhaft für beide Produkte,
Einerseits wäre ‚Leistung aus Leidenschaft!’ als Charakter-
Qualität des Kandidaten präsent und erfahrbar,
andrerseits profitierte die Bank vom gewachsenen Image
unseres Kandidaten als leidenschaftlicher Kämpfer
für den Standort Deutschland, Marktwirtschaft, Wettbewerb, Freiheit.
Sowas geht Hunderttausenden unterbewusst ins Gehirn ein -
wahrgenommen als eins: Synergieeffekte vom feinsten
bei reduzierten Kosten, aber verdoppelter Wirkung.”
„Eure Regierungskunst erschöpft sich, wie immer, in Phrasen,
die das Gehirn der Massen benebeln, Sprechblasenschwaden,
Infusionen des guten Glaubens an Gradheit und Anstand,
Gift, Beruhigungsgift für die Nerven uns einflößen wollen!”
Damit geht zu Ende der Tag, der so reich war an Arbeit -
weitere werden ihm folgen, alle im Zeichen der einen
großen Idee, an die Macht zu kommen im Land, zu regieren.
Während der Referent nach Haus fährt, bewegen ihn lang noch
jene Worte des Werbers zum öffentlichen Vertrauen
und der möglichen Mittel und Wege seiner Gewinnung;
auch der Gedanke der kommunizierenden Slogans, er steht ihm
lebhaft vor Augen. Er wird dem Kandidaten berichten.
„Immer saugt, wer herrscht, die Beherrschten aus und erniedrigt
sie mit noch guten Gewissen, fühlt er sich doch als berufen,
als ein vom gütigen Schicksal, von Gott letztendlich Erwählter.”
Seit er in der Zentrale beschäftigt ist, hat er erfahren,
welche Kunst es ist, mit einfachen Worten zu wirken,
diszipliniert zu bleiben und nie aus der Rolle zu fallen,
jederzeit Journalisten zu antworten, niemals verlegen,
glaubhaft vor Publikum sein großes Versprechen zu geben.
Nur eine einzige schwache Stelle in Auftritt und Rede,
nur ein Haarriss im hart erworbenen sauberen Image,
und die Arbeit von Jahren ist schon vernichtet. Die Menschen
spüren ja ganz genau, wer schwach ist und wer Format hat.
Jetzt im Wahlkampf muss das Versprechen besonders
glaubhaft in griffige Formeln verpackt daherkommen, magisch,
möglichst wie „Keine Experimente!”[5] einst, das die Masse
wie aus eignem Empfinden entsprungen so hypnotisierte.
„Glaubwürdigkeit: Welches Wort: O gebt uns Kredit doch! Wer schreit da?
Ihr Vertrauensabsauger, Kanaillen, ihr wollt unsere Stimmen?
Wir als Gläubiger? Als Kreditgeber? Kredite, mein Gott, wer
mag und kann noch Kredit geben heute, Schecks auf die Zukunft,
von denen keiner weiß, was sie morgen taugen und wert sind?”
Das bedeutet: Sprache und Ton finden, Worte und Formeln,
die Melodien werden, Melodien für Wähler-Millionen.
Nie wird es anders sein können: Wenige sprechen mit vielen,
immer spricht die Elite zur Masse, die Masse hingegen
bleibt ja sprachlos, murrt und grummelt ein wenig, am Ende
reagiert sie wie üblich nach Stimmung, Gefühl oder Laune;
aber es reicht ja aus, wenn sie alle vier Jahre mit „Ja” stimmt.
„Niemand ist besser für Deutschland!” verkünden bald schon Plakate,
die, je näher die Wahl kommt, des Kandidaten Visage
überzeichnen zur Riesen-Ikone aus Pappe und Kleister.
„Ist da Niemand mehr, der kraftvoll aufsteht und endlich
seine Stimme ergreift, Schindludern wie euch in die Ohren
so zu blasen, dass euch das dauernde Pfeifen auf Trab bringt,
Tinnitus als moralische Keule zu verabreichen? Vielleicht wird
aus dem Gemurmel noch Stimme, die Masse kommt in Bewegung.
II.
Niemand steht auf
„Habt Ihr vergessen, wem Ihr verpflichtet seid? - Niemand?!
Wie viele Niemands leben im Lande, wie viele Menschen!”
Manchmal aber und ohne Vorwarnung zeigt sich, was niemand
vorher für möglich gehalten hätte. Da hebt sich doch einer
aus einer Masse gepresster Menschen heraus, was ein zweiter
sieht, ein Dritter und Vierter, auf einmal sind’s ihrer schon zehne.
Seltsam standhaft stehen sie da, ein Häuflein. Ihr Beispiel
aber gibt Hoffnung andren, die selbst wie namenlos gehen,
diese schließen sich an. Auf einmal wächst was, die Luft ist
angespannt wie noch nie zuvor. Sie strömen auf einmal:
Nichtse, schüchtern und schwach: Da stehen sie wie die Würstchen
ohne Mandat und ohne Vermögen - doch mit was für Vermögen!
Frühling kamen und Sommer, da konnt’ es noch niemand ermessen,
wie sich verwandeln sollten im östlichen Deutschland die Menschen,
welche Kraft ihnen zuwuchs zur riesigen Massenerhebung.
Dabei war alles beim Alten geblieben im östlichen Deutschland
äußerlich, keine Erneuerung spürbar, es ging den gewohnten
sozialistischen Gang das Leben, die Nischengesellschaft
hatte sich arrangiert und abgefunden, die Datsche
und bescheidner Konsum regierten den Alltag der meisten.
Wer die Betriebe von innen kannte, wusste es besser:
Mühsam wurde die Produktion noch am Leben gehalten,
improvisiert und geflickt, wo immer es ging, denn es fehlte
an Ersatzteilen ständig: So wurde weitergewurstelt
Jahr um Jahr, auf Verschleiß die Anlagen schrottreif gefahren.
Wie viele Jahre würde es so noch fortlaufen können?
Niemand sprach gern darüber, doch fühlten und sahen es alle:
Dieser Staat war bankrott und seine Wirtschaft am Ende.
Manch einer machte sich Luft in Sarkasmus, goss Spott aus
über die Planvorgaben, die Unmöglichkeit sie zu erfüllen
ohne Material - im System des komplettes Versagens.[6]
Mitte August - es rumorte im Land schon - hatte sich Erich
Honecker eigens nach Erfurt begeben, das Muster des ersten
hier im Land produzierten Computerchips zu bewundern.
In dem volkseignen Betrieb begrüßten sie den Genossen
und den Vorsitzenden der Partei mit herzlichen Worten;
Honecker nahm das Wunderding in die Hand und beschwor es
in der ihm eigenen Art: „Den Sozialismus in seinem
Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!” Wie applaudierte
da die Belegschaft ob dieses welthistorischen Ausspruchs![7]
Und was als Zukunftsvision bei früheren Generationen
in den Köpfen lebendig gewesen war: in heiligem Eifer
eine Gesellschaft im sozialistischen Geist zu errichten,
für sie zu kämpfen, selbstlos, auch ohne persönlichen Vorteil,
weil man erfüllt war von großen Ideen und großen Versprechen,
alles war Makulatur längst, bewegte und kümmerte keinen.
Taub und zutiefst verstockt gegen ewig dieselben Parolen
der Propaganda, die Leiersprüche der Agitatoren
grüßte so mancher in der Brigade die Arbeitskollegen
morgens bereits mit der Frage „Braun oder weiß?” Wie marode
waren nicht nur Maschinen, oft auch die Menschen geworden!
Zu beschwerlich war der Lebensalltag inzwischen,
überall der Mangel mit Händen zu greifen: So hatten
viele den Einkaufs-Beutel dabei, für den Fall, dass sich plötzlich
unvermutet in einem HO-Laden Posten von Waren
auftaten, die man nicht brauchte, doch auf Vorrat sich abgriff.
Gierig nahm man aber die Botschaften auf aus dem Westen,
sah im Fernsehn Produkte aus fremden, glitzernden Welten:
Videorecorder[8], Computer und protzige Luxuskarossen,
und verglich sie beschämt mit dem ärmlichen eigenen Dasein.
Auch im Urlaub erlebte man es, wie wenig man wert war
als ein Bürger der DDR, wenn westdeutsche DeMark
selbst in den Ländern der sozialistischen Staatengemeinschaft
gierig genommen wurde, man selbst hinten anstehen musste.
All die Zurücksetzung wäre noch immer erträglich gewesen
ohne die Repressionen durch lungernde Stasi-Gestalten.
Überall sah man sie an den Ecken, man roch sie, man spürte
ihre Präsenz überall. Kein Gang durch die Stadt, keine Feier,
kein privates Gespräch, bei dem man versichert sein konnte,
ob es nicht abgehört wurde. Wer einmal nur an sie geraten,
oft aus nichtigen Gründen, der war geprägt für sein Leben.
Wieviele fragten sich dann: Wem habe ich das zu verdanken?
Wer hat mich denunziert, verraten, ans Messer geliefert?
Wer konnte wem noch vertrauen? Die Schwester dem Bruder? Die Eltern
Ihrem Sohn? Seiner Schreibkraft der Leiter eines Betriebes?
Doch es war nicht stehen geblieben das Rad der Geschichte,
Gorbatschow war auf die politische Bühne getreten:
Was für eine Erscheinung! Welch neuer Ton! Seine Botschaft,
Perestroika, Glasnost, sie traf die Menschen im Tiefsten.
Eingefroren dagegen die Riege der alten Genossen,
all die Axens und Hagers, Honeckers, Mielkes und Mittags,
unfähig sich zu erneuern, den Geist der Zeit zu erfassen!
Mai war’s geworden, als erstmals DDR-Bürger im Ausland
auf einer Urlaubsreise spontan sich entschlossen zu fliehen.
Und es fielen die Sperranlagen des Eisernen Vorhangs
in den Wochen darauf, und noch während die Nachricht herumging,
planten immer mehr Urlauber, die am Plattensee campten
mit ihren Zelten oder im Trabi durch Budapest fuhren,
ihren ultimativen Ausbruch aus Honeckers Deutschland.
Unser Reporter berichtet: „Sternklare Nacht über Deutschen,
die sich an der Grenze entlang pirschen, plötzlich ein Lichtschein:
Angstsekunde, der Posten dreht sich gelangweilt zur Seite
und behelligt die Leute nicht mehr, sie fliehen ins Dunkel.”
Dort aber wuchs der Unmut. Ausreiseanträge in Massen
wurden gestellt und Visabegehren, doch träge wie immer
mahlte die Bürokratie in Honeckers Staat - oder gar nicht.
Hoffnung konnten nur jene haben, die schon im Urlaub
in der Tschechei, in Ungarn oder Rumänien waren.
Ihnen war alles egal jetzt! Familie, Freunde und Heimat,
das zu verlassen bedeutete nichts; vom Wunsch nur getrieben
„Jetzt oder nie! Nur weg aus der DDR!”[9] in der Hoffnung,
ihre Ausreise schnell zu erzwingen, drängten die Menschen
in die Bonner Botschaften, so in Prag und in Warschau
oder in Budapest. Da kampierten Familien auf Gängen,
auf den Treppen, im Garten, im nassen Schlafsack die Männer.
„Flüchtlinge stürmten Botschaft! Kinder niedergetrampelt.
Frauen fielen ohnmächtig vom Zaun!” beschreibt der Reporter
diese bewegenden Szenen, bis endlich der Außenminister
Genscher einflog aus Bonn und in harten Gesprächen erreichte,
auszulösen die Leute, doch die Lage entspannte sich kurz nur.
Und mit Flüchtlingen voll war schon wieder das Botschaftsgelände.
Und das Deutschland im Osten glich einem riesigen Kessel,
in dem der Druck sich ständig erhöhte. Hier spürte es jeder:
So ging es nicht mehr weiter, so war es nicht zu ertragen,
fehlten doch schon in vielen Betrieben, Schulen und Ämtern
Freunde und Arbeitskollegen. Rapide entleerte das Land sich,
doch eine Lösung war Flucht nur für manche. Für alle die andern,
welche bei ihren Freunden, in ihrer gewohnten Umgebung
leben wollten, war sie es nicht. Doch wo war die Lösung?
Montag: Nikolaikirche in Leipzig. Friedensgebete
gab es schon längere Zeit, seit den frühen achtziger Jahren,
als gegen Marschflugkörper und neue Abwehrraketen
Montag für Montag ein Häuflein betete, lange belächelt.
Nun war September gekommen, das große Schaufenster Leipzig
präsentierte sich wieder vor aller Welt mit der Messe.
Damit waren nun Korrespondenten aus anderen Ländern
hier in der Stadt, um Berichte zu liefern. Und sie bemerkten
plötzlich einen doppelten Chor wie im alten Theater:
Wo die einen noch riefen „Wir wollen raus!”, so skandierten
„Wir bleiben hier!” die andern dagegen. Es wurde dies Schauspiel
über die Medien vermittelt, und so geschah’s, dass die Masse
erstmals sich ins Gesicht sah, und plötzlich stand diese Losung
„Wir sind das Volk!” im Raum: nicht „Elemente” noch „Rowdys”
Unruhestifter, so wie das Regime es behauptete, hier stand
der Souverän auf, die Macht der Arbeiter und auch der Bauern
selbst. Aus der Kirche traten die Menschen hinaus in den Abend,
sehr gefasst und mit Mut, wenn auch mit pochendem Herzen,
schauten in die versteinten Gesichter der Volkspolizisten:
Wen der Stasi herausgriff, wer zugeführt wurde, der rief sein
„Wir sind das Volk!” noch laut heraus mit dem Mut der Verzweiflung,
schon von Sicherheitskräften umrahmt. Und der Körper aus Menschen,
fühlte es instinktiv jetzt: Zusammenbleiben ist Stärke.
Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Also formierte sich langsam ein Zug, zusammengehalten
von einer Mischung aus Lust und Angst bei jedem, der mitlief.
Damit begann es zu brodeln auf den Straßen von Leipzig
Montag für Montag, Fanal für alle, die oben und unten.
Schon das Wissen im Vorfeld erzeugte knisternde Spannung
immer montags: Dann kam sie, die Masse. Verunsichert waren
stets die Organe des Staats, doch hofften, es würden
irgendwann ermüden vom Demonstrieren die Menschen.
Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Diesmal marschierte der Trupp die Grimmaische Straße hinunter
vor bis zur Ampelanlage. Hier zeigten die Lichter grad Rot an,
und der riesige Pulk verharrte, besann sich, verschnaufte,
bis das grüne Männlein erschien. Jetzt kehrte der Zug sich
heftig um nach links, dem Hauptbahnhof zu, gewann Breite
auf dem Leipziger Ring; hinzu strömten immer mehr Menschen.
Straßenbahnen, steckengeblieben, wurden von ihren
Fahrern verlassen, die reihten sich ein und riefen die Losung:
„Schließt euch an!” und „Keine Gewalt!” und an die Adresse
der Polizisten: „Schämt euch!”, und diese schwiegen betreten.
In ihren Händen erstarben ihnen die Knüppel zu Steckchen.
Montag für Montag zeigten die Niemands so ihre Seele
kurz nach siebzehn Uhr; dann wuchs und schwoll ihre Macht an,
wurde die Straße zur Bühne für einen riesigen Bandwurm.
Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Niemand erkühnt sich. Niemand ist aufgebracht, aber niemand
will mehr ein Niemand bleiben an diesem Montag in Leipzig.
Rotten sich Niemands so zusammen, dann wollen sie wachsen,
wollen weiter und siegen. Ob bei strömendem Regen
oder bei schneidender Kälte, sie kommen, bar jeglicher Führung,
sehen der Staatsmacht ins Auge Montag für Montag, sie kommen:
Tausend Anfang September, dann vier-, dann achttausend Köpfe,
dreimal so viele am zweiten Oktober. Die Masse, wie magisch
halb aus Lust, halb aus Angst getrieben, ist wieder gewachsen.
Und so brodelte es in den trüben Straßen von Leipzig;
schon das Wissen im Vorfeld erzeugte knisternde Spannung
montags: Da war sie, die Masse, gewachsen, hilflos verharrten
die Organe des Staats mit schwindender Hoffnung daneben,
dass diese Menge sich auflösen würde. Im Gegenteil war so
in die Trostlosigkeit der grauen zerbrochnen Fassaden
Leipzigs das Leben zurückgekehrt, die traurigsten Viertel
waren zur Brutstatt geworden eines Jahrhundertgefühles.
„Aus dem obersten Stock der Uni, Leipzigs mit Abstand
höchstem Gebäude, [benannt nach dem Über-Vater und Heros
dieses Staates: Karl Marx] Institut Sektion der Geschichte
der Geschichtswissenschaft, schauten wir: Lehrer, Studenten
runter auf das, was da unten geschah: Aus der Nikolaikirche
trat nach den Friedensgebeten montags immer ein Häuflein:
Irgendwann formierten die sich, und von Woche zu Woche
wurde das Häuflein größer und breiter, bis - Mitte September
war’s wohl - ein geschlossener Trupp von dreitausend Leuten
die Grimmaische Straße hinunterlief zum Karl-Marx-Platz,
der sich nur langsam zerstreute, hinten bei dem Gewandhaus.
Schon am folgenden Montag waren das dreimal so viele,
die auf den Ring einbogen - wir sahn nur den Pulk, wie er drückte -,
sich nach Norden wendeten und zum Hauptbahnhof strömten.
Rücksicht auf den Verkehr nahm keiner von denen, die alles
wegschoben wie eine Walze und dann den Ring überschwemmten.
Wir als ML-Lehrer finden, Historiker und Philosophen,
die wir die Lehre von Marx seit Jahren verbreiten und lehren,
dieses Verhalten obszön. Denn der einzige und legitime
Erbe fortschrittlich-konsequenter Gesellschaftsentwicklung,
kann ja nur unsere DDR sein. Hier liegen die Mittel
jeglicher Produktion schon längst in den Händen des Volkes:
hier ist alles erbaut auf der Herrschaft der Arbeiter und der
Bauern; er ist der Willensausdruck werktätiger Menschen,
somit ein Meilenstein auf dem Weg der Menschheitsgeschichte.
Denn wie diese verläuft, gesetzmäßig, dialektisch, und was das
für den Erkenntnisprozess heißt, hat Marx sehr deutlich beschrieben,
wenn, nach dem Ende der Klassenkämpfe, wie es die Logik
der Dialektik besagt, ein Zeitalter folgt, das dann herrschafts-
frei, als Weltkommunismus die Menschheit auf immer beglückt und
Freiheit für alle bringt. Dann ist kein Mensch mehr des andern
Ausbeuter, keiner mehr unterdrückt, die Geschichte vollendet.”
Unten schob sich weiter indessen der menschliche Lindwurm
Montag für Montag, vorbei an Bahnhof und Fußgängerbrücke,
um am neunten Oktober erstmals nach Süden zu schwenken.
In den Köpfen der Menschen, die heut sich zusammengerottet,
standen noch frisch die Bilder vom Samstag, dem siebten Oktober,
als am vierzigsten Jahrestag die Geburtstags-Parade
an der Ehrentribüne, auf welcher Gorbatschow saß und
Erich Honecker, stramm im Stechschritt vorbeizog. Mechanisch,
puppenhaft grüßte der Greis, der Parteivorsitzende, als sich
Gorbatschow zu ihm beugte mit diesen prophetischen Worten:
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!” Doch solches
hörte Erich nicht. Um so gespenstischer wirkte die Szene.
Erich Honecker nahm diese Menschen nicht ernst. Woher kam denn
all dieser Unmut, die Wut, die Renitenz dieser Leute?
Das war das Werk von Bonns bezahlten Agenten, kein Zweifel.
Vierzig Jahre bestand dieser Staat jetzt, das bessere Deutschland:
seine DDR, die sich Stückchen für Stückchen nach oben
weiterentwickelt hatte, ein Staat, der im Ausland geachtet
war und im Sport eine Macht. Hier hatte jeder zu essen,
billige Fahrkarten, Wohnraum, Heizung: Arbeit vor allem.
hier wo nicht Schlotbarone, Ausbeuter, Rüstungskonzerne
die Politik bestimmten mit ihren Profitinteressen,
hier war der Hort der sozialen Sicherheit und des Friedens.
Waren nicht vierzig Jahre der schönste Beweis, dass ein Staat, der
seine Errungenschaften des sozialistischen Weges
immer verteidigt hatte zum Wohl seiner Bürger und somit
allseits gefestigt war, ein Naturrecht auf Fortbestand hatte?
Heute am neunten Oktober ist alles anders; ein jeder
fühlt, die Masse ist riesig wie nie! Ihre Kraft spüren alle,
aber es hat auch jeder bemerkt, welch gewaltiger Aufmarsch
in allen Nebenstraßen an Volkspolizei und Soldaten
längst erfolgt ist: Lastwagen, Waffen, Geräte und Hunde.
Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Niemand erkühnt sich. Niemand ist aufgebracht, aber niemand
will mehr ein Niemand bleiben an diesem Montag in Leipzig.
Niemand behält mehr die Fassung. Niemand spricht jetzt für alle.
Niemand reckt seine Faust den Stasi-Leuten entgegen.
Angst kriecht in sie hinein bis zum Grund; doch sie laufen,
instinktiv drängen und schließen sie sich noch enger zusammen,
während sie laufen. Die kessen Parolen, Slogans und Sprüche,
sie sind verstummt. In dieser Hochspannung laufen sie weiter,
dass man minutenlang gar nichts hört als das Schlurfen der Schritte;
Langsam kriecht weiter der Zug zum gespenstisch daliegenden schwarzen
Riesengebäude, im Volksmund nur „Krumme Ecke” geheißen:
Dies ist die Stasizentrale von Leipzig. Stumm und bedrohlich
liegt der gewaltige Bau vor ihnen. Was wird nur passieren,
wenn aus den Nebenstraßen plötzlich Bewaffnete rücken,
Teilnehmer festnehmen, abführen, unter dem Einsatz von Waffen?
Wie auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking ein Blutbad?
Meter um Meter schiebt der Trupp sich hin zum Gebäude.
Tausende halten die Luft an, beobachten Fenster und Türen -
Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Niemand erkühnt sich. Niemand ist aufgebracht, aber niemand
will mehr ein Niemand bleiben an diesem Montag in Leipzig.
Niemand behält mehr die Fassung. Niemand spricht jetzt für alle.
Niemand reckt seine Faust den Stasi-Leuten entgegen.
Niemand schreit auf. Niemand ist außer sich. Niemand skandiert hier:
„Keine Gewalt!” und „Reiht euch ein!” - Antwortet Niemand?
doch es passiert nichts, nichts regt sich, alles bleibt ruhig.
Dabei weiß es jeder, dass hinter der schwarzen Fassade
Einsatzkräfte massiert sind, um auf Befehl von ganz oben
zuzuschlagen. Doch nichts: verbarrikadiert das Gebäude.
Nach Sekunden begreifen die ersten die Lage - und plötzlich
explodiert der Jubel. Als ob mit Urkraft ein Pfropfen
abspringt von einem Gefäß, in welchem es lange gegärt hat,
bricht sich Befreiung Bahn. Tief atmen, tief auf die Menschen:
„Keine Gewalt!” gegen „Wir sind das Volk!” Selbst auf Seiten der Staatsmacht
hat man den Willen, den heiligen Ernst dieser Menschen begriffen!
Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Niemand erkühnt sich. Niemand ist aufgebracht, aber niemand
will mehr ein Niemand bleiben an diesem Montag in Leipzig.
Niemand behält mehr die Fassung. Niemand spricht jetzt für alle.
Niemand reckt seine Faust den Stasi-Leuten entgegen.
Niemand schreit auf. Niemand ist außer sich. Niemand skandiert hier:
„Keine Gewalt!” und „Reiht euch ein!” - Antwortet Niemand?
Niemand fasst großen Mut und steht auf. Der Souverän ist
Niemand. Niemand sonst. Und Niemand ist besser für Deutschland.
Siebzigtausend haben den Durchbruch gewagt und gewonnen -
Wer wollte gegen Siebzigtausend ein Blutbad riskieren,
vor der Geschichte dastehn als Urheber eines Massakers?
Und die Menschen, sie feiern ausgelassen die Nacht durch
ihren symbolischen Sieg bis zum anderen Tag: diese erste
friedliche Revolution in der langen deutschen Geschichte!
Was für ein Gefühl! Den aufrechten Gang und die eigene Sprache
wieder zu finden, nach so vielen Jahren in lähmender Knechtschaft,
Angst und Repression vor dem Staatsapparat und dem Stasi!
Montag für Montag kommen die Menschen fortan zusammen
auf dieses Straßenfest. Eine halbe Million sind es schließlich,
jetzt gibt es nicht nur Sprüche, jetzt tauchen auch Transparente
auf, zu Dutzenden erst, dann zu Hunderten: „Priviligierte
aller Länder, beseitigt euch!” und „Dem Volke zum Wohle,
Stasi in die Kohle!” Krampfhaft versucht das Regime jetzt,
sich an der Macht zu halten durch raschen Austausch von Köpfen:
Honecker wird durch Krenz ersetzt. Wie lacht da die Straße!
Was sie von diesem Manöver halten, sagen die Menschen:
„Schnürt ein Krenzlein auch sein Ränzlein?” unmissverständlich.
Alles wird angesprochen, phantasievoll, was sie bedrückt hat
auf immer neuen Transparenten von Montag zu Montag:
„Neues Forum zulassen!” - „Freie Wahlen!” - „Bestrafung
aller alten Genossen!” - „Visafrei reisen ins Ausland!”
„Demokratie - jetzt oder nie!” - „Eine saubere Umwelt!”
Täglich wächst so der Druck der Straße auf das Regime an,
bis dies endlich erkennt: Keine Zusage und kein Versprechen,
auch kein Austausch von Köpfen kann diese Massenerhebung
jemals stoppen. Und also verkündet Politbüromitglied
Schalck-Golodkowski am Abend des neunten November lakonisch,
jedermann dürfe nun reisen, die Mauer sei offen, passierbar.
Was für ein Schlag ins Zentrum tiefster Gefühle! Mit einem
Satz annulliert, makuliert die Politik von Jahrzehnten![10]
Doch den Menschen ist’s gleich. In überschäumender Freude
stauen sich vor den Schlagbäumen Massen, um „rüber zu machen”,
hautnah selbst das andere Deutschland zu sehn. Und so liegen
Ost- und Westdeutsche sich in den Armen, wildfremde Menschen.
Keiner findet mehr Worte, zu mächtig sind die Gefühle.
Tausende, Hunderttausende stammeln immer nur „Wahnsinn!”
Schon am Montag darauf marschieren sie wieder in Leipzig,
aber wie aufgewühlt jetzt durch Träume und neue Visionen!
Zaghaft taucht auf, was sich rasend vermehrt: Transparente
„Deutschland - einig Vaterland!”, auch wenn manche schon warnen
vor dem Vierten Reich, dem großdeutschen Wahn, es erscheinen
ohne Zirkel und Ährenkranz die Farben von Deutschland -
und sie breiten sich aus von Montag zu Montag zu Montag.
Ende November beherrscht das Fahnenmeer schon die Straße.
Aus dem „Wir sind das Volk!” ist „Wir sind ein Volk!” geworden!
Wie galoppierte die Zeit! Wer’s miterlebte, der fasste
sich an den Kopf wie benommen, als sei ein Wunder geschehen.
III.
Platzende Versprechen
Nichts hatten diese Menschen vorher ersehnt und erhofft als
endlich ein Leben zu führen ohne Angst und Kontrolle,
ohne die Repressionen im Alltag, befreit von der Stasi-
Krake, die überall lauerte, frei von Willkür und Allmacht
dieses Staatsapparats und seiner Parteifunktionäre.
Dies war der ehrliche Antrieb gewesen. Politiker aber,
Machtarchitekten von Haus aus, nutzten die Gunst dieser Wochen
und bedienten die Emotionen der Ostdeutschen passend,
leiteten sie in Kanäle, bevor die Menschen nur merkten,
dass sie beherrschbar wurden - für Jahre und für Jahrzehnte.
„Stellt euch einmal nur vor, die Menschen in Leipzig, sie hätten
Sprüche, wie ihr sie gewöhnlich ordert bei Werbe-
fuzzis, PR-Agenturen, von sich gegeben, sie hätten
also gerufen ‚Yes, we can!’ oder ‚Nichts ist unmöglich!’
oder sogar ‚Wir sind doch nicht blöd!’ und ‚Heute ein König!’,
‚Alles für diesen Moment!’ und ‚Leistung aus Leidenschaft!’ - welche
Selbstentlarvung der Blasensprache wär’ das gewesen!
Hier aber gab’s keine Einbläser mehr, war ernsthaft und ehrlich
jeder Missstand benannt, zu Satz und Slogan geworden;
hier hatte deutlich und klar das Volk sein Votum gegeben.”
Kohl, der mächtige Kanzler zum Beispiel, historisch gebildet,
sah diese Massenerregung. Er schaute nur in die Gesichter,
Menschenkenntnis brauchte er nicht, die Mangelsyndrome
standen auf diesen Mienen nur allzu deutlich geschrieben;
Also fiel rasch der Beschluss, die aufgestauten Gefühle
nicht sich selbst zu überlassen. Die Stunde war günstig,
und erfahren der Kanzler, gestählt in vertrackten Debatten,
ausgepfiffen so oft von wüsten Chaoten, er wusste,
wie man Stimmung erzeugt und die schwankende Meinung der Menge
auf das ‚richtige’ Konto bucht. Mit einskommsechs Milliarden
D-Mark Begrüßungsgeld, ein verschwindender Posten im Haushalt,
ließ sich den Drüben-Leutchen ein Leben in Freiheit und Wohlstand,
wie auf Rosen gebettet, versprechen. Dieses Pro-Kopf-Geld,
einhundert D-Mark, wahrlich, das ließ sich keiner entgehen:
„Let’s go west!” und en masse. Und die Heldenstädter, sie kamen,
schichteten Opas und Enkel bis unter das Dach ihrer Trabis,
steckten singend im fröhlichsten Stau der deutschen Geschichte,
fielen ein in westdeutsche Städte und staunten mit großen
Kinderaugen und streunten durch glitzernde Einkaufspassagen
zwischen riesigen Warenbergen hindurch, und man hörte
immer wieder nur eins: „Wie wurden wir alle betrogen!”
„Dream your Dream!” - „Willkommen im grünen Bereich”! - „Ich bin ja schon drin!”
Sollen wir preisen - so preiswert sie war! - die ‚ruhmreiche’ Handlung
des Begrüßungsgelds? Es wärmte für Tage die Herzen
zwischen Deutschen in Ost und West, in der kurzen Berührung
schienen die Hand des Gebers und die des Nehmers verschmolzen
fast wie im Sozialismus, in seinen schönsten Symbolen.
Weihnachten kam, und es weinte ein völlig verändertes Deutschland.
„Alles super!” - „Test the West!” - „Man gönnt sich ja sonst nichts!”
Und es entstand eine neue Dynamik, das große Versprechen
blühender Landschaften tanzte traumhaft über den Leuten.
Wie verlockend erschien die Allmacht des westlichen Bruders,
mit seinem Wirtschafts-Knowhow den „Wohlstand für alle” zu bringen!
Eh sich die Ostdeutschen umsahn, waren schon Fakten geschaffen,
wurden ein weiteres Mal, nach bewährtem historischen Muster
wie Anno neunzehnachtundvierig am zwanzigsten Juni,
über Währung und Geld jetzt Wirtschaftsräume gebildet.
„Freuen Sie sich auf einen herrlichen Ausflug! Wir fahren
Sie im Luxus-Bus auf die dunklen Höhen des Schwarzwalds.
Sehen Sie Deutschlands höchste Wasserfälle in Triberg,
weiter geht’s nach Furtwangen ins Deutsche Uhrenmuseum.
Einkehr danach im zünftigen Gasthof mit Kaffee und Kuchen,
wertvollen Haushaltstipps und Vorstellung neuer Produkte.
Frühbucher aufgepasst! Sie erhalten Willkommensgeschenke!”
Waren die ideologischen Grenzen für immer gefallen,
fielen nun auch die Schranken von Selbstkontrolle und Anstand,
kam mit Macht eine neue Zeit - der Gier und des Raffens.
Wie infiziert von diesem Virus lag Goldgräberstimmung
über den Menschen im alten Deutschland: „Den Osten beackern!”
galt als Devise bei Tausenden jetzt im Westen, darunter
Unternehmer und Makler, Handwerker oder Vertreter,
aber auch Hasardeure zuhauf oder Halbkriminelle:
Jeder rechnete nur auf schnellen Gewinn. Und in Wochen
fielen ein in die DDR Scharen von Drückerkolonnen,
übertölpelten mit Versichrungs- und Bausparverträgen,
Zeitschriftenabonnements und Versandgeschäften die Menschen,
welche noch Jahre später an drückenden Altlasten litten.
„Selbständig werden? Kein Traum mehr! Endlich Ihr eigener Chef sein!
Keine Versicherung, kein Verkauf. Nur Kundenbetreuung!
Sensationelle Produkte, absolut konkurrenzlos!
Nur geschützte Gebiete. Als deutsche Allein-Importeure
sehen wir Ihrer Bewerbung mit großer Spannung entgegen!”
Doch was in Deutschland geschah in dieser Zeit, das passierte
jetzt in noch größerem Maßstab, viel radikaler, brutaler
auf der ganzen Welt. Wo immer die Staatsmonopole
abgewirtschaftet hatten, weil ja der Sozialismus
in sich zusammengebrochen war, entstanden jetzt Räume,
frei von jeder Kontrolle und Recht. Mit Urgewalt schoss nun
hierhin das Kapital; Fabriken, in Tagen errichtet,
wurden in Stunden geschlossen, wenn der Profit zu gering blieb.
Hei, wie raste das Kapital ob dieser Verheißung,
überschlug sich vor Lust, denn sein Ziel ist immer: zu wachsen!
Niemals schienen die Margen so groß, Gewinne nie leichter
einzufahren als jetzt im befreiten globalen Handel.
Eigner von Riesenvermögen pumpten in Fußballvereine
Geld, in Immobilien, Raffinerien, Modekonzerne.
Wenn nur irgendwo auf dem Globus ein neuer Markt sich
zu eröffnen schien mit außergewöhnlichem Wachstum,
anfangs in Osteuropa, doch bald schon viel profitabler
in der Provinz in Indien, Malaysia oder in China
und berechtigte Hoffnungen nährte auf satte Gewinne,
da galoppierte die Spekulation; sie heizte sich selbst an.[11]
„Ich als Modellauto-Hersteller bin nach dem Fall unsrer Mauer
gleich nach China gegangen, nicht erst nach Polen und Russland.
Mir war vollkommen klar, wie der Markt sich weiterentwickelt.
Nur der Insider weiß, unter welchem Druck diese Branche steht.
Denn bei so raffinierten Details, wie der Kunde in Deutschland
sie wie selbstverständlich bei diesem Produkt jetzt erwartet,
ist die fleißige Hand der Chinesin durch nichts zu ersetzen.”
Wenn die Profiterwartung, Grundmotiv allen Handelns,
sich nicht erfüllte, wurde nachgeholfen nach Kräften,
Jubel-Artikel lanciert in entsprechenden Wirtschaftskolumnen,
oder Gerüchte gestreut, bis Anleger sicher sich fühlten,
bis, zum Wohlgefallen der Hegde-Fonds, die Börse es dankte.
Sie war zum Barometer geworden für Werte, zur Nachricht
vor aller Nachricht, bildete ab, was den Weltlauf bestimmte;
ihre Tafeln dokumentierten, was aufstieg, was abfiel,
ihre Bewertungen wurden zum Maßstab irdischer Dinge.
Galt ein Betrieb als sozial, war die Einschätzung mäßig,
wurden Betriebsteile stillgelegt und Leute entlassen,
bis das Filetstück verblieb, das als profitabel und zukunfts-
fähig bewertet wurde, gleich schossen die Kurse nach oben:
Dieses gefiel den Anlegern sehr, und also floss hierhin
noch mehr Kapital, was den Druck auf die andern verstärkte,
es genauso zu machen, die Produktion zu verlagern,
effektiver zu fahren, rentabler, schneller, flexibler.
„Nur ein schlanker Betrieb mit innovativen Produkten
ist dynamisch genug, sich am wandelnden Markt zu behaupten!”
So und ähnlich ertönten im Chor Unternehmensberater,
Wirtschaftsprüfer, Werbegurus und Marketingpäpste,
Banker und Broker, Arbeitgebervertreter, Verbände,
Lehrstühle und Politiker, zuletzt gar schon Arbeiter selber.
Ausschließlich ausgerichtet auf Unternehmensgewinne
galten als Heilsbringer, die es verstanden, blendende Zahlen
auf den Punkt optimiert zum Abschluss jedes Quartales
vorzustellen. Und lagen die Super-Bilanzen gedruckt aus,
konnten nur staunten die Aktionäre, die wie berauscht von
diesem Ergebnis dem Vorstand jubelnd Entlastung erteilten.
Die verantwortlich waren für diese Gewinne, sie schnitten
selbst sich als Provision vom kräftig gewachsenen Kuchen
eine riesige Scheibe heraus und ließen sich’s munden,
um, wenn die Zeit ihnen reif schien, flugs den Abschied zu nehmen,
nicht ohne Bonus-Millionen an Abfindung einzukassieren,
wussten sie selbst doch am besten, wie raffiniert die Bilanzen
trickreich geschönt worden waren, den Show-Effekt zu erzielen.
So übernahmen Blender das Steuer der Welt. Ihre Wachstums-,
ihre Gewinnprognosen und phänomenalen Versprechen
auf noch bessre Erträge lockten Millionen von Menschen,
die, selbst unbedarft von kühnen Finanztransaktionen,
ihr Erspartes nur anlegen wollten in sichren Papieren
als Ergänzung zur Rente oder als Notfall-Reserve,
ihnen nun anvertrauten die Pflege ganzer Vermögen.
Somit floss wiederum Geld in die Kasse jener, die damit
wirtschaften gingen, hemmungslos nun drauflos spekulierten,
Kurse nonstop checkten, die Aktienpakete verschoben,
zockend nach Laune und Lust, auf Gewinnmitnahmen erpicht nur.
„In der Innenstadt haben sich Gegner der Globalisierung
gestern erneut zusammengerottet. Einige waren
stark vermummt. Es kam zu gezielten Provokationen
und zu Handgreiflichkeiten mit den Sicherheitskräften:
Dreizehn Personen wurden erkennungsdienstlich behandelt.”
Bald schon drifteten auseinander die Raten des Wachstums
zwischen der Wirtschaft vor Ort und der blendenden Welt der Finanzen.
Da die Bewerter beider Sektoren wiederum Banker,
also Kaufleute waren, fiel das Urteil immer nur so aus:
„Die Realwirtschaft bringt zu wenig an guten Renditen!”
Ihren fatalen Triumphzug begann dafür eine Meinung wie diese:
„Warum noch produzieren, wenn Geld von selbst sich viel leichter
anhäuft, arbeitet, Zins bringt, das Kapital sich auch ohne
Herstellung von realen Gütern vervielfacht, die letztlich
doch nur Probleme nach sich ziehen, weil Menschen dahinter
stehen mit Arbeitsverträgen, Urlaubsansprüchen, Rente?”
Neue Finanzprodukte bedienten den Markt nun fast täglich:
Banken liehen von Banken Geld, Anleger von andern,
die noch bessre Renditen ausgespäht hatten, womit sie
weitere Anleger lockten und höhre Erträge versprachen.
Aber die Risiken kannten nur die Verkäufer: Verborgen,
wohlverpackt und versteckt in komplexen Zertifikaten
ahnten die Anleger nicht, wie gefährlich die Spekulation war.
Doch solange es lief, solange Wachstum zu Buch stand,
protzte großspurig das Kapital und jagte beschleunigt
um den Globus, war hier bald, bald dort, bis es plötzlich erfuhr von
exorbitanten Renditen in anderen Branchen, an andren
Plätzen, in anderen Fonds und in andren Paketen.
So nährte Wachstum vermeintliches Wachstum vermeintliches Wachstum.
„Immobilien in Spanien! Östlich von Alicante!
Sonnenschein garantiert an dreihundert Tagen im Jahre!
Bauausführung nach deutschen Standards, massiv und solide!
Exorbitante Rendite! Als Wertanlage geeignet
oder als Alterssitz. Mit dem Rohbau wurde begonnen.
Achtzig Prozent verkauft. Nur noch wenige freie Objekte!
Nähere Informationen auf unserer Internet-Seite!”
Also stiegen die Preise von Immobilien und Aktien,
also stieg der Preis für Erdöl in schwindelnde Höhen,
wie an der Börse selbst die Kurse stiegen und stiegen.
Und die Rechnung, auf Rechnung gestellt, die wieder auf Rechnung
ausgestellt war, sie türmte sich höher und höher, doch niemand
wollte die Rechnung jetzt schon begleichen, es sollte das Geld ja
weiter arbeiten, weiter abwerfen. So hatte niemand,
der diese Dinge durchschaute, die Macht, hieran etwas zu ändern.
„Steigern Sie Ihren Ertragswinkel!” Werbesprüche wie dieser
waren längst Lebensdevise von Millionen von Menschen,
ob sie naiv, ob gerissen in Gelddingen waren, versammelt
in der Ansicht: Das Geld wächst von selbst, man muss ihm nur zuschaun,
wie es sich höher und höher auftürmt zu goldenen Bergen.
So meinten immer mehr Menschen, verführt von falscher Begierde:
„Nie besitzt man zuviel; nach Vermögen bemisst sich die Geltung.” [12]
„Weck den Spieler in Dir! Nur du entscheidest, wie lang Du
deinen Gegner im Spiel lässt. Pokern ganz wie die Profis!”
Viele waren, zu viele, mit Haut und Haaren zu Knechten
dieses Systems geworden, das sie immer tiefer hineinzog
in seine Teufelsspirale: zwangsläufig selbst Spekulanten
halfen sie mit, Kapital um den Globus zu peitschen, wie alle
auf der Suche nach bessren Renditen. Wer sich drauf einließ,
fühlte sich innerlich wie auf einem rasenden Tiger
reiten, der ohne Kontrolle und wie von wilden Hornissen
angestochen, dahinjagte, ohne Ziel und Besinnung,
doch ein Aus- oder Absteigen gab es nicht: Und so lief es
Jahre um Jahre weiter, wurden Millionen von Menschen
Geld sich zu leihen verführt, ja ermuntert. Es fragten
- in Amerika war das, in Großbritannien die Regel -
immer laxer die Banken nach Sicherheiten und Bürgen.
„Geldprobleme? Warum? Sie haben doch Immobilien!
Also wieviel? Rückzahlung später. Das werden wir regeln!”
Doch ihren Grund, ihr Haus, das konnten sie selbst ja gerade
nur dank günstigem Bankzins erwerben. Der Wertzuwachs war ja
bei Immobilien am höchsten; und Hauseigentümer zu werden,
das war ja nie verkehrt. Das hatten ja ihre Berater
bei der Bank stets verkündet, dagegen waren die Zinsen
an einen Tiefpunkt gelangt. Auch ohne eigene Mittel
war ein Hauskauf so möglich. Wie freuten sich da die Besitzer!
Doch nur ein halbes Prozent an Zinserhöhung, und plötzlich
kommt eine riesige Düne in trudelnde Abwärtsbewegung.
Menschen, die glaubten, Sicherheiten zu haben in Grund- und
Hausbesitz, erkennen geschockt: „Wir haben nichts zu beleihen,
denn die Häuser gehören ja uns nicht, sondern den Banken!”
Dafür steigt nun die Zinslast für all das geliehene Geld an,
das sie Monat für Monat aufbringen müssen. Die Raten
aber erdrücken sie schnell, sie sind in der Falle der Schulden.
Zwangsräumung folgt, die Banken, sich halbwegs schadlos zu halten,
wollen die Häuser veräußern. Doch rar sind natürlich die Käufer,
umso tiefer fallen jetzt die Häuser in der Bewertung.
Sitzen bleiben die Banken auf Tausenden von Immobilien.
Menschen sinken, Zehntausende so in den Abgrund. Sie ziehen
anderes mit sich nach unten. Zu Abertausenden platzen
Konsumentenkredite, die Schuldner stehn auf der Straße,
wohnungslos jetzt und arbeitslos bald. Die Volkswirtschaft ächzt schon,
und die Banken, in Panik, versuchen bei anderen Banken
Geld sich zu leihen, doch die, vom selben Problem ja betroffen,
sind zu nichts mehr bereit. Ins Stocken gerät der Kreditfluss.
Diese bedrohlichen Zeichen für eine weltweite Krise
dringen herüber nach Deutschland. Um seine Ansicht gebeten
tritt vor Presse Bank-Chef Ackermann lächelnd: „Die Krise
ist bald vorüber! Ich sehe schon Zeichen einer Entspannung
auf dem Markt der Immobilien. Auch unsere Freunde
in Amerika haben’s erkannt und steuern dagegen.
In drei Monaten schon wird die Wirtschaft sich wieder erholen.”
Sagt’s im Brustton der Überzeugung, lausbübisch schmunzelnd.
Nach drei Monaten aber zeigt sich die Wahrheit: Die Krise
des Immobilienmarkts hat andere Branchen ergriffen:
Bank um Bank ist bankrott und ruft nach staatlicher Hilfe.
Wenig später nur folgen die großen Autokonzerne,
die Verluste nur machen, vom Absatzeinbruch getroffen.
Was er ausstieß, waren nicht als Beruhigungsphrasen
für all die Peanuts im Lande. Denn in Krediten zu denken
heißt Vertrauen zu bauen. Vertrauen, das schafft Vertrauen -
diesen Grundsatz der Banker wird keiner von ihnen verraten.
Denn ein einziger Haarriss im sorgsam gezimmerten Image
kostet - das weiß der Banker - bares Geld. Wenn der Glaube
ihrer Anleger schwächelt, verdünnt sich sofort der Zufluss
frischen Kapitals. Der Sachzwang gebiert Optimismus.
Also wird schnell die Schaumkanone in Stellung gefahren
Bunte Blasen zu werfen und leuchtende Zukunftsvisionen
In gigantischen Ausmaß wurde Kaufkraft vernichtet,
was die Nachfrage einbrechen lässt weltweit; und dennoch
wirft der Zinsencowboy im Werbespot lässig sein Lasso,
zieht sich, seinen Ertragswinkel steigernd, grinsend Prozente herüber.[13]
„Unterm Strich zähl ich!” - „Genial!” - „Der Fels in der Brandung!”
In der Tat. Der letzte Fels in der Brandung des Abschwungs,
das sind die Michels, die Steuerzahler, früher auch Peanuts,
Stimmvieh, Nullen und Nichtse geheißen, die Würstchen, die Niemands:
Diese müssen den Fels in der Brandung machen für jene, die brokten,
die verbrokten, mit Leergeschäften und Zertifikaten
und die Weltwirtschaft an den Abgrund trieben aus Raffgier.
Denn wo kommt ja das Geld her, das zur Belebung der Wirtschaft
dringend gebraucht wird, um wenigstens Binnennachfrage
sicherzustellen? Richtig. Von Michel, dem Steuerzahler, dem Niemand.
Niemand hat Guthaben noch. Schlechthaben machten die Banker!
Einzig die Dummen und Braven, Vertrauensseligen, welche
jahrelang ihre Groschen gutgläubig, schamhaft und uncool
auf die Banken trugen, zum Spekulieren zu blöd und zu träge,
die nach dem Sprichwort lebten, das Oma ihnen geflüstert:
„Ausgeben kann man nicht mehr als man hat!”, die im Traum nicht
daran dachten und wagten, Kredite auf Zukunftsprognosen
aufzunehmen, die aus dem Haben und nicht aus dem Pumpen
ihr solides, borniertes, ihr dümmliches Dasein sich bauten,
sie, die Niemands, sie haben Reserven, sie sind die Reserve.
Es ist wieder mal Zeit für das volltönend-große Versprechen:
Vor die Presse treten die Kanzlerin und der Minister
der Finanzen, versichern mit Treuherz-Gesichtern den Leuten:
„Niemand verliert seine Einlagen. Die Regierung verbürgt es.”
Was ist Regierungskunst? Die Massen zu steuern, die Dosis
der Beruhigungspillen zu steigern dann, wenn Gefahr droht?
Niemals darf eines passieren: Kleinsparer stürmen die Banken,
voller Panik, ihr Geld wäre längst von windigen Brokern
in Immobilien versenkt in Amerika oder in Spanien;
und verlangen massenhaft Guthaben wieder, sie würfen
all ihre Wertpapiere, die Sparbücher weg, um ihr Bares
eiligst nach Hause zu tragen, ums im Winkel des Sparstrumpfs
zu verstecken, in Briefmarkenalben und Suppenterrinen.
Was für ein Super-Gau! Es versiegte der Geldfluss,
Mittel, Kredite zu geben, wären kaum mehr vorhanden:
Alles bräche zusammen. Die Weltwirtschaft, sie versänke
in die Steinzeit zurück und triebe Tauschhandel wieder.
Also ist angesagt, als um Vertrauen zu werben,
also noch einmal die Szene, die Herrschende trennt von Beherrschten:
Vor die Presse treten die Kanzlerin und der Minister
der Finanzen, verkünden mit Treuherzgesichtern den Leuten:
„Niemand verliert seine Einlagen. Die Regierung verbürgt es.”
Damit hofiert Politik Kapital, damit nur der Rubel
rolle, denn diesmal geht’s um den Kern, um das Wesen
dieses auf Geld gebauten Systems, seines heimlichen Gottes.
Und wen sehen wir hinten auftauchen in den Kulissen?
Richtig, die Banker sitzen schon wieder bequem in der Lobby,
man verbrüdert sich mit den Politikern später, beim Umtrunk,
schließlich braucht man einander. Das wissen sie beide, und also
gehen im Doppelpack vereint in den Wahlkampf
„Leistung aus Leidenschaft” und „Niemand ist besser für Deutschland!”
Blasen bilden sich auf verschiedene Weise, von Lügen
oder von Raffgier geschwellt, von Macht- und Profitinteressen
korrumpiert, das probate Werkzeug zur Täuschung der Massen:
Blasen der Spekulation, aus Gewinnerwartung geboren,
die sich wie süßer Klebstoff, wie lähmendes Gift der Verheißung
festsetzen in die Nachrichten, Magazine und Talkshows,
bis am Ende die Blase als Wahrheit gilt. O wie dankbar
hängen sich Sprechblasen dran, die von Politikermündern
abgehen, glänzend wie Rotz, zu Zukunftsblasen mutieren,
die von Konsumparadiesen, blühenden Landschaften säuseln.
Immer wachsen, sich ausdehnend, schwellend und schmunzelnd
Blasen, spalten sich, teilen sich, lagern sich wieder an Blasen:
Was sich immer versprechen, beschwören lässt, ist schon Blase.
Blasen, die „Wohlstand für alle!”, „Die Rente ist sicher!” versprechen,
Blasen aus Siloanlagen, Ministerien und Gullis,
Blasen aus Hörsälen, Wertpapieren, Recyclinganlagen,
Blasen, die noch verführerisch duften, in denen Gestank sich
längst schon zusammenzieht aus unseriösen Versprechen,
Sonderangebotsblasen, die schnell überm Lande verziehen,
Protz-Blasen, welche den Markt der Eitelkeiten bedienen,
Propagandablasen, die dümmlich von Endsiegen schmettern,
strahlend-trompetende, rasend-jubelnde, klebrige Blasen,
glänzend-gespannte, zuckend-wabernde, schillernde Blasen,
Leichtsinns-Blasen, fragile, oder Betroffenheits-Blasen,
die sich mit Trauergesichtern anbiedern wie ihre Verwandte:
Seife, die Blasen wirft, was wiederum Blasen hervorruft -
bis der Tag kommt, an welchem die Finanzierungssysteme
platzen, die tolldreist überzognen Luftschlösser platzen,
mit einem lautem Knall die Politikerreden und Sprüche
platzen wie die Rendite-Prognosen, Bürgschaften platzen,
platzen Banken, platzt das Vertrauen, platzen selbst Staaten,
platzt die DDR, platzt Honecker, platzt auch der Stasi.
Spät erst, nachdem die Schwaden der aufgedunsenen Blasen
abgezogen sind, berappelt das Volk sich und staunt nur.
„Niemand ist besser für Deutschland!” verkünden uns die Plakate:
„Aufschwung, Fortschritt und Freiheit!” - „Sicherheit, Zukunft und Frieden!”
Alles gesagt. Und nichts. Ist das nun besser für Deutschland?
Und Karl-Marx-Stadt, selig zurückverwandelt in Chemnitz,
emittiert als Hauptstadt der Volksmusik „Melodien
für Millionen” an alle, die Niemand heißen und Müller;
Florian Silbereisen, der blumige, gibt seine beste
Moderation dazu, und die Leute schunkeln beseligt.
Niemand steht auf. Kein Mensch. Die Botschaft verteilt sich wie Feinstaub.
Nur ein paar Techniker kontrollieren den Ablauf der Sendung.
„Sie wurden ausgewählt! Gewonnen! Millionster Besucher
dieser Seite ist Niemand! Herzlichen Glückwunsch! Sie geben
nur Ihre Kontonummer hier ein, und schon fliegen Sie morgen
- all inklusive - ins Land ihrer Träume. Gewonnen hat Niemand!”
Einst kommt wieder der Tag, da ergreift das Volk seine Stimme
wie an jenen Montagen damals in Leipzig; dann zeigt sich
wieder in ihrer einfachen Würde die Wahrheit, die lange
Jahre hindurch unter Kaugummiblasen zugedeckt war und
von geschönten Versprechen erdrückt wurde, die als
Gier-gesteuerter Blasebalg ungestraft ungehemmt Lügen
in die Hirne versenkten vom schöneren Leben für alle:
„Niemand wird falsch beraten! Niemand bietet mehr Zinsen!
Niemand ist besser für Deutschland!” bis irgendwann Niemand
wieder aufsteht, die Straße beherrscht für Stunden und Tage
und der Wahrheit den Raum zurückerobert für kurze
aufgeklärte Momente im großen Buch der Geschichte.
[1] Ulrich von Huttens (1488-1523) bekannte Elegie „Ille ego sum nemo” von 1509/17 befasst sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Mensch-Seins. Augenfällig ist das anaphorische Nemo, das sich durch 41 von insgesamt 156 Versen zieht. Anhand des personifizierten Niemand wird ex negatio geschildert, welche Un-Möglichkeiten menschliches Dasein mit sich bringt. Thematisiert werden die physische und die intellektuelle Endlichkeit des Menschen, seine Leidenschaften und Laster und die Vergänglichkeit alles Materiellen. Der Kunstgriff mit dem zum handelnden Subjekt erhobenen Nemo ermöglicht es, Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben. Mit der Idee, den Niemand zu einer handelnden Person zu machen, greift Hutten nicht nur auf mittelalterliche Vorbilder zurück, sondern insbesondere auch auf die Odyssee Homers (Neunter Gesang, Vers 367ff.), als Odysseus, nachdem er den Riesen Polyphem betrunken gemacht hatte und dieser von ihm seinen Namen erfahren will, antwortet:
„Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle,
Meine Mutter, mein Vater, und alle meine Gesellen.
Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich:
Niemand will ich zuletzt nach seinen Gesellen verzehren…”
Insofern stellt mein Gedicht auch eine Hommage an Ulrich von Hutten dar: „Niemand”, d.h. die Gesichtslosen, die Masse „steht auf” (vor allem in Teil II).
[2] Von hier an arbeitet das Gedicht zweistimmig. Auch wenn hier einerseits der für das antike Lehrgedicht obligatorische klassische Hexameter (angefangen von den philosophischen Lehrgedichten eines Parmenides, Empedokles oder Lukrez über das Sein, die Elemente bzw. Atome usw. über regelrechte Anleitungen etwa zur Bienenzucht wie in Vergils Georgica oder zur Behandlung von Schlangenbissen des Nikander bis hin zu allgemeinen Betrachtungen über die Natur wie in Goethes Metamorphose der Tiere) benutzt wird, so erschien mir andererseits die Einführung einer zweiten, hier kursiv gesetzten, Stimme notwendig, um polare Gegensätze zu schaffen, das was man heute bei einer DVD etwa das Bonus-Material nennt, zu transportieren. Hier ist ebenso der Platz für die polemischen Einwürfe aus dem Off, die bewusst z.T. nur Stammtisch-Qualität haben, z.T. aber auch tiefer gehen. Im ersten Teil ist bildet fast ausschließlich solch monologisierendes Schimpfen den Kontrast, im zweiten Teil ist es der Wachstumsprozess der Menschenmasse, im dritten sind es die Blähungen allzu großer Werbeversprechen, ästhetisch präsentiert nach dem Gesetz der steigenden (II. Teil) bzw. schrumpfenden (III. Teil) Glieder.
Dank ihrer reichen Flexionsendungen erlaubt die deutsche Sprache einen nahezu ungekünstelten Umgang mit dem Hexameter, wie er etwa im Englischen nicht möglich wäre - schon gar nicht in einem Text von über 1000 Versen. Der Hexameter wird hier sozusagen neu entdeckt: Dazu gehört seine radikale Befreiung vom stehenden Adjektiv (der „listenreiche” Odysseus; die „verständige” Mutter usw.), wie es in der Gattung der antiken Ekloge bzw. Idylle unausgesprochenes Gesetz war und noch bei Thomas Mann (Gesang vom Kindheit) anzutreffen ist. Der Hexameter ist ein unglaublich flexibles Instrument: Warum nur hat man in die Mottenkiste verbannt? Es gibt dafür keinen nachvollziehbaren Grund (außer Unfähigkeit).
[3] Homer eröffnet seine Gesänge gern mit dem Hinweis aus Eos, die am östlichen Himmel mit Rosenfingern erschien.
[4] Fiktiv und gleichwohl sehr realistisch ist die nun folgende Darstellung eines Tagesablaufs in einer Parteizentrale angesichts des bevorstehenden Wahlkampfs. Bewusst wird die eine oder andere Aussage übertrieben dargestellt, um die Denkstrukturen der Beeinflusserseite, samt dem unverhohlenen Zynismus der sie unterstützenden Dienstleister wie etwa Werbeagenturleute, umso deutlich freizulegen und darstellen.
[5] Vgl. hierzu: Dirk Schindelbeck: „Sloganjäger ihrer Zeit. Wahlplakate im historischen Wandel, in: Der Bürger im Staat. Bundestagswahl 2009, Heft 2/2009, Landeszentrale f. politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2009, S. 112-117. http://dirk-schindelbeck.de/wp-content/uploads/2009/07/wahlplakate_der_brd.pdf
[6] Vgl. auch Dirk Schindelbeck: Der gebrauchte Lieferwagen. Vom drei Jahre lang währenden Kampf eines Handwerksmeisters mit der DDR-Bürokratie (1986-1989) http://dirk-schindelbeck.de/wp-content/uploads/2009/05/barkas.pdf
[7] Vgl. auch: Dirk Schindelbeck: Marken, Moden und Kampagnen. Illustrierte deutsche Konsumgeschichte (Kapitel „40 Jahre Konsum im Osten”), Darmstadt 2003, S. 138 http://dirk-schindelbeck.de/wp-content/uploads/2009/06/ddr-konsum215.pdf
[8] Vgl. hierzu: Dirk Schindelbeck: „Der Sozialismus in seinem Lauf”. Alltagskulturelle und lebensweltliche Aspekte des Konsums in der DDR während der Ära Honecker, in: Rolf Walter (Hg.): Geschichte des Konsums. Erträge der 20. Arbeitstagung der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 23.- 26. April 2003 in Greifswald, Stuttgart 2005, S. 367-377. http://dirk-schindelbeck.de/archives/255
[9] Vgl. hierzu: Dirk Schindelbeck: „Jeder bringt noch einen mit!” Die Leipziger Montagsdemonstrationen als massenpsychologisches Lehrstück, in: FORUM-Schulstiftung, Heft 43, 2005, S. 25-49 http://www.schulstiftung-freiburg.de/de/forum/index.php?sid=&psid=&id=32&artikel=187
[10] Die Politik der Abschottung, die mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 einsetzte, Vgl. hierzu Dirk Schindelbeck: „Bauwerk der Unmenschlichkeit (über den Bau der Berliner Mauer im August 1961), in: DAMALS. Das aktuelle Magazin für Kultur und Geschichte, S. 8-11 http://dirk-schindelbeck.de/wp-content/uploads/2009/05/mauerbau_1961.pdf
[11] „Einheimisch alte Gewerbe zerstört sie und holt sich den Rohstoff
Aus den entlegensten Ländern und ihre Fabriken bedienen
Nöte und Launen, erzeugt durch die Klimate andrer Regionen.
Hoch in den Wolken den Bergpass erklimmen die fiebrigen Waren,
Uralte Schlagbäume drücken sie ein und ihr Passwort ist: billig.”
So beschreibt Bertolt Brecht in seinem Fragment gebliebenen Lehrgedicht „Das Manifest” von 1947 den Gang der weltwirtschaftlichen Gesamtentwicklung. Schon der Titel seines Gedichtes ist eine bewusste Hommage an Karl Marx und dessen Werk „Das Kapital”. In seiner poetischen Adaption versucht Brecht die Hauptzüge der Marxschen historischen Analyse von Kapital und Arbeit samt der Herausbildung des auf materiellen Gewinn orientierten Bürgertums bzw. des Kapitalismus wiederzugeben. Inspiriert zu dieser Art der Darstellung hat ihn der römische Dichter Titus Lucrezius Carus (98 - 55 v. Chr.) resp. dessen Werk „De rerum natura”. Nicht nur die Idee des Lehrgedichts, sondern auch dessen Ton versucht Brecht zu imitieren, vor allem den hohen Ton zu treffen, von dem er offenbar meint, dass er genuiner Bestandteil der Gattung sei - und scheitert daran. Somit bleiben die etwa 450 Verse des Gedichts - trotz hier und da aufblitzender poetischer Kraft - Fragment. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Gedichte, Bd. 3, S. 916.
Aus demselben Grund ist übrigens auch Thomas Mann in seinem „Gesang vom Kindchen” (1916) am Hexameter gescheitert. Auch er meinte, die Gattung - diesmal die auf Theokrit und Vergil zurückgehende Idylle - bedienen zu müssen durch Verwendung des stehenden Beiworts. Was bei Goethe („Hermann und Dorothea”; 1797) oder Mörike („Idylle vom Bodensee”; 1846) noch funktionierte, funktioniert bei Thomas Mann nicht mehr. Das Produkt ist unsäglicher Kitsch.
[12] Quintus Horatius Flaccus (Horaz): 1. Satire
[13] Es war schon bemerkenswert anzusehen, wie die Zinsversprechen der Deutschen Bank innerhalb von Tagen zusammenschrumpften. An der 4 konnte sich der Zinsencowboy noch bequem anlehnen, an der 3 hatte er schon große Probleme, inzwischen ist er ganz abgeschafft worden. Eine ebenso anschauliche wie verständliche Darstellung der globalen Finanzkrise finden Sie hier.