Deprecated: Assigning the return value of new by reference is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 520

Deprecated: Assigning the return value of new by reference is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 535

Deprecated: Assigning the return value of new by reference is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 542

Deprecated: Assigning the return value of new by reference is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 578

Deprecated: Function set_magic_quotes_runtime() is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 18

Strict Standards: Declaration of Walker_Page::start_lvl() should be compatible with Walker::start_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1199

Strict Standards: Declaration of Walker_Page::end_lvl() should be compatible with Walker::end_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1199

Strict Standards: Declaration of Walker_Page::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1199

Strict Standards: Declaration of Walker_Page::end_el() should be compatible with Walker::end_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1199

Strict Standards: Declaration of Walker_PageDropdown::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1244

Strict Standards: Declaration of Walker_Category::start_lvl() should be compatible with Walker::start_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1391

Strict Standards: Declaration of Walker_Category::end_lvl() should be compatible with Walker::end_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1391

Strict Standards: Declaration of Walker_Category::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1391

Strict Standards: Declaration of Walker_Category::end_el() should be compatible with Walker::end_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1391

Strict Standards: Declaration of Walker_CategoryDropdown::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1442

Strict Standards: Redefining already defined constructor for class wpdb in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/wp-db.php on line 306

Strict Standards: Redefining already defined constructor for class WP_Object_Cache in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/cache.php on line 431

Strict Standards: Declaration of Walker_Comment::start_lvl() should be compatible with Walker::start_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/comment-template.php on line 1266

Strict Standards: Declaration of Walker_Comment::end_lvl() should be compatible with Walker::end_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/comment-template.php on line 1266

Strict Standards: Declaration of Walker_Comment::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/comment-template.php on line 1266

Strict Standards: Declaration of Walker_Comment::end_el() should be compatible with Walker::end_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/comment-template.php on line 1266

Strict Standards: Redefining already defined constructor for class WP_Dependencies in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/class.wp-dependencies.php on line 31

Strict Standards: Redefining already defined constructor for class WP_Http in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/http.php on line 61
Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Wer hat’s erfunden? - Die Schweizer

Wer hat’s erfunden? - Die Schweizer

Vom Rahmdeckli-Sammeln in der Alpen-Republik

© 1997 Dirk Schindelbeck

(aus: Jagd auf den Sarotti-Mohr. Von der Leidenschaft des Sammelns, Frankfurt 1997, S. 158-168. )

Wer Interesse an diesem Buch hat - es gibt noch einige Exemplare.

Dass die Verpackung, als ästhetisches Ereignis verstanden, wichtiger und wertvoller sein kann als die Ware, für die sie steht und wirbt, zeigt das Sammelgebiet, das Frau G. seit einiger Zeit gefangengenommen hat: Kaffeerahmdeckeli (kurz: KRD). Wie die Schokolade aus dem Land des Matterhorns zum Markenzeichen werden konnte für das Land, so scheint auch in diesem Fall der Kaffee, nein, der Café, ein rechter Schweizermacher zu sein. Denn ebenso beziehungsreich und bedeutungsvoll wie die Varianten der Cafd Schümlis und Café Crèmes sind die Zutaten, die dazu nötig sind. Die wichtigste davon ist der Rahm, der uns heute zunehmend in kleinen Tiefziehformen aus Kunststoff begegnet, die mit Aluminiumdeckeln verschlossen werden, den sogenannten Rahm Deckeli.

Ein Sammlerclub setzt sich selbst ein Denkmal - auf Kaffeerahmdeckelis

Ein Sammlerclub setzt sich selbst ein Denkmal - auf Kaffeerahmdeckelis

Bis heute ist das Niveau, auf dem sich die Eidgenossen in der Kaffeerahmdeckelproduktion und -akzeptanz bewegen, einsam und unerreicht. Auch wenn inzwischen Deckeli aus über 20 Ländern und allen fünf Erdteilen bekannt sind und eifrig gesammelt werden - was immer sich in den letzten Jahren auf dem Erdball in dieser Hinsicht entwickelt hat, es leitete sich her vom Schweizer Impuls.

Als ein Grund für die Entstehung des Phänomens im Land, wo Rahm und Schokolade fließen, werden die farbigen und ansprechenden Motive auf den Kaffeerahmkübeln genannt, wie sie hier schon zu Zeiten Usus waren, als in der Bundesrepublik noch ziemlich plumpe Firmenschriftzüge die Portionspackungen auszuweisen pflegten. Der andere Grund, so wird behauptet, liege im gottgegebenen Hang der Eidgenossen zum Sammeln schlechthin. Mit über 40 000 Deckeli Anhängern, von denen ein Viertel zum harten Kern gehört, stellt man die mit Abstand stärkste Fraktion der Welt. Suisse made ist die bislang umfangreichste Serie mit 232 Stadtwappen aus dem Kanton Aargau. Ebenso stammt die “blaue Mauritius” unter den Deckeli, 1979 als Serie in fünf ziemlich reizlosen Motiven für »Blick« (das Schweizer Pendant zur Bildzeitung) produziert und mit 6 000 fr. in der Liste, aus dem Mutterland des Kaffeerahms. Um einen kleinen Eindruck zu geben, welch monetärer Einsatz dem gemeinen Kaffeerahmdeckel Sammler heutzutage abverlangt wird, seien nur einige wenige Zahlen genannt: 1996 wurden in der Schweiz 142 Serien mit zwischen 20 und 40 Sujets herausgegeben. Allein für die im Januar/Februar 1997 gleichzeitig erhältlichen 22 Serien mußten über 210 Schweizer Franken (mit Rahm) oder über 300 Franken (ohne Rahm) berappt werden. Die Tatsache, daß die reine Verpackung um die Hälfte teurer zu stehen kommt als selbige in ihrer Ausführung mit anhängender Ware, zeigt, wohin sich eine Konsumgesellschaft entwickelt hat, die ihre Überproduktion nur noch abzusetzen vermag, wenn sie in der Lage ist, diese mit überzeugenden Fetischqualitäten auszustatten. Für Roswitha G. war das eigentlich nicht das Problem: »Am Rahm«, so sagt sie mit aller Entschiedenheit, »bin ich überhaupt nicht interessiert. Nur an den Deckeli.«

Frau G., die als Verkäuferin in einem Spielwarengeschäft in Deutschland arbeitet, ist keine Flohmarktgängerin und wird es auch niemals sein. Ihre diversen Sammel Erfahrungen mit DDR-Briefmarken, 10-Mark-Sondermünzen und Jahreslöffeln sind fast alle auf dem Abonnement-Weg zustande gekommen: ideale Voraussetzungen, um zu den Deckeli überzuwechseln. Mitte der achtziger Jahre hatte die heute 52-jährige die bedruckten Aluminiumfolien erstmals staunend wahrgenommen: »Vor etwa zehn Jahren im Urlaub haben wir die Deckeli bei unserem Österreich Urlaub gesehen. Später ist es uns auch in der Schweiz wieder aufgefallen. Es gab damals so schöne Blumen auf den Deckeli, aber auch Serien mit Bäumen wie Korkeiche und Mistel oder Tieren wie Reh und Murmeltier. Der Wirt von dem Lokal hat mir dann auch gleich einen ganzen Karton voll besorgt, und ich hab’s mir aussortiert. Es waren immer 30 verschiedene Bilder, ich glaube, das war die ganze Serie.« Ihr Standard-Weg zur Beschaffung neuer Deckeli ist seitdem der Gang zum Supermarkt, wenn immer möglich im gelobten Land: »Wenn ich in die Schweiz komm, geh ich gleich in den nächsten Lebensmittelladen und schau, was für Rahmdeckeli da sind. Und dann hol ich mir eine ganze Kiste, weil ich hoffe, komplette Serien zu kriegen. Ich zieh die aus dem Regal, lege sie alle vor mir hin, schau, welche Serien neu sind, und kauf sie. «

Die Wunderwelt auf den Deckeli, verführerisch in Serien zerstückelt, wie sie auch Frau G. ins Sammelfieber stürzten, hat sich heute so sehr in den Vordergrund des Interesses geschoben, daß von der ursprünglichen Idee der Molkereien, die Cafébesitzer vom Mißstand ewig in Kännchen dahinsäuernder Milch zu befreien, kaum noch etwas übriggeblieben ist. Hergestellt wurden die ersten Kaffeesahneportionen 1959, als die Verpackungsindustrie den Kunststoff zu entdecken und geeignete Formmaschinen zu entwickeln begann: Es war die Geburtsstunde der Joghurt und Schlagsahnebecher aus Polyäthylen, Polypropylen und Polystyrol. Dünngewalzte Aluminiumfolie erwies sich als das zum Verschließen der Becher am besten geeignete Material. Es dauerte nicht lange, bis auch die ersten bedruckten Aluminiumfolien auf den Portionsbechern, hergestellt von der Neher AG (Alusuisse-Lonza) im thurgauischen Kreuzlingen, auftauchten.

Heute stellt sich der produktionstechnische Ablauf so dar: Ein Aluminium-Rohband von 0,7 mm Stärke wird auf eine Stärke von etwa 0,03 mm abgewalzt und lackiert, um der Druckfarbe einen guten Untergrund zu bieten. Im Tiefdruckverfahren werden die Farben aufgebracht, bei exquisiten Motiven sind dies bis zu acht. Die unbedruckte Seite wird mit einem Thermolack, der zugleich als Bindemittel zwischen dem Aluminiumdeckel und dem Kunststoffbecher fungiert, behandelt. In den Molkereien, denen die bedruckten Deckelbänder ebenso wie die Kunststoffolien in Rollen angeliefert werden, können in einem Arbeitsgang die Becher aus der Folie von Spezialmaschinen geformt, mit zuvor haltbar gemachter Kaffeesahne befüllt und unter aseptischen Bedingungen auch versiegelt und verschlossen werden. Hochleistungsmaschinen stoßen in einer Stunde bis zu 72000 solcher Portionspackungen aus.

Schon Mitte der siebziger Jahre müssen einige Schweizer ihre Begeisterung für Kaffeerahmdeckeli entdeckt haben; das erste größere Coming-out einzelner Sammler datiert aber erst aus den frühen achtziger Jahren. Seitdem vergrößerte sich die Gemeinde sprunghaft von Jahr zu Jahr, bekannten sich immer mehr Schweizer zu diesem Sammelgebiet. Heute werden sowohl gebrauchte wie ungebrauchte Deckeli, aber auch ganze Folienbögen gesammelt. Die ungebrauchten, die direkt von der Rolle kommen und noch nie eine Portionspackung gesehen haben, sind allerdings auch die ungeliebten und erfahren eine eher stiefmütterliche Behandlung und Bewertung. Wird neues Sammelgut in Augenschein genommen, geschieht zunächst dessen »primäre Sortierung nach der Ausgabeform«: die runden (»Einzelschüttung«) stammen aus dem Restaurant oder Café, die eckigen bekunden durch Perforationskanten ihre Herkunft aus den Zehnerblöcken der Supermärkte. Es folgt das Ablösen des Deckels vom Becher: ein Ritus, der fast im Rang einer heiligen Handlung steht und bis heute der psychoanalytischen Deutung harrt. Selbst eingefleischten KRD-Sammlern hat dies in der Vergangenheit immer wieder schlaflose Nächte bereitet; allzu oft rissen die hauchdünnen Aluminiumfolien beim Trennungsversuch ein, vor allem, wenn sie durch die sogenannte Drei-Punkt-Schweißung (»Teilaufriß«) am Becherrand hafteten. Erst Gottfried Muster aus Zwillikon, der Szene seit Jahren als größter Deckeli Sammler unter der Sonne, zugleich als Präsident des »Internationalen Kaffee-Rahm-Deckeli und Folienbogen-Sammlervereins« und überdies »Sahne-Deckeli-Professor« wohlbekannt, fand den erlösenden Ausweg: Deckel mit Plastikrand vom Kübel abschneiden, beides mehrtägig in azetonfreies Waschbenzin legen, warten, bis sich der Siegelkleber allmählich löst, waschen, glätten, einsortieren. Heute kann sich auch der wenig Geübte durch »hochaktives Fettlöserkonzentrat ohne ätzende Zusätze« seine Sammlung aufbauen, ohne ärgerliche Deckeleinrisse in Kauf nehmen zu müssen. Zudem haben sich in letzter Zeit die Schweizer Molkereien auf die Bedürfnisse der Sammler eingestellt und produzieren fast nur noch den problemlos zu handhabenden Vollaufriß. Auch Roswitha Geßler, die sich immer wieder über die hohe Verlustquote bei deutschen Deckeli ärgert, weiß den Schweizer Ablösekomfort zu schätzen. Ständig einen Topf mit Waschbenzin in der Küche bereitzuhalten ist auch ihre Sache nicht. Und so stammen die vielen unangebrochenen und längst verfallenen Kaffeerahmpackungen in ihrem Kühlschrank alle aus deutscher Produktion.

Kaffeerahmdeckli-Folienbogen von 1996

Kaffeerahmdeckli-Folienbogen von 1996

Selbstverständlich erfuhr in der Schweiz das Kulturgut Deckeli längst seine systematische Erfassung: im »Käppeli Katalog«. Das Basis Werk, erstmals 1990 erschienen und seither alljährlich erweitert, verzeichnete schon in seiner ersten Auflage 1500 Serien, die seit 1968 produziert wurden (mangels fundierter Informationen gilt die Zeit davor als prähistorisch). Seine Urheberin, Frau Maya Gysi, eine der ersten KRD-Sammlerinnen überhaupt, hatte allerdings versäumt, sich die Rechte am von ihr entwickelten Nummernsystem zu sichern. Der findige Jungunternehmer Thomas Käppeli nahm sich der kopierten Listen an, setzte Druckmaschinen in Bewegung und gab den Katalog unter seinem Namen heraus. Schon 1994 hatte sich der ehemalige Berufsoffizier aus der Deckelisucht seiner Landsleute ein stattliches Firmen-Imperium aufgebaut, die KADE AG in Bowil im Emmental mit 60 Angestellten und einem erwirtschafteten Jahresumsatz von 100 Millionen Franken. Neben dem Katalog gab der heute als »Deckeli-König« geltende Käppeli mehrere Sammelzeitschriften heraus, kaufte Becher mit hübschen oder seltenen Motiven palettenweise auf, um sie an Restaurants, Händler und Sammler weiter zu veräußern. Serien in kleinen Auflagen, bei denen besonders satte Gewinne abfielen, ließ er in eigener Regie produzieren; so beispielsweise 99 Motive mit Schweizer Ministern aus dem Revolutionsjahr 1848 zum stolzen Preis von 80 Franken. Das Sammelvolk, an Preise von 30-35 Rappen für Neudeckeli gewöhnt, war hell empört. »Mafiaähnliche Methoden« befand die Präsidentin des Vereins »Doppelcrème«. Käppelis Geschäftserfolg, der sich inzwischen erlauben konnte, die Geschäftsleitung seiner Firma in andere Hände zu legen, brachte auch etliche Privatleute auf den Geschmack von Zusatzrahm. 1991 tauchten in Winterthur, später auch in anderen Teilen der Schweiz, sogenannte Privatserien in Mini-Auflagen auf, die von ihren Urhebern vom Wohnzimmer aus vertrieben wurden. 1992 waren es deren sieben, im Jahr darauf schon 38, 1994 gar 71, bis massiver Sammlerboykott dem wuchernden Phänomen ein Ende bereitete.

Gleichwohl sind Tendenzen, daß das Sammelgebiet Deckeli in der Schweiz explodieren und bald in sich zusammenfallen könnte, schwer von der Hand zu weisen. Noch ist jedoch, quantitativ wie qualitativ, die allmonatliche Steigerungsrate die Regel. Wenn in den Filialen der Supermärkte nach zehn Wochen der Absatz der Kaffeerahm-Haushaltspackungen einzubrechen beginnt, ist der Befund eindeutig: Die Sammler sind bedient, es ist allerhöchste Zeit, Packungen mit neuen Motiven nachzuschieben. Auch in den Cafés ist das Deckeli-Abgreifen zu einem derart verbreiteten Phänomen geworden, daß mancher Besitzer bestrebt ist, sich einen Namen als Sammler-Treff durch exklusiv nur bei ihm erhältliche Sujets zu machen.

Um der Tendenz zum Premium-quality-Deckeli nachkommen zu können, haben Produzenten wie die Neher AG schon vor Jahren eigene Kunst-Ateliers eingerichtet. Einen Begriff vom Aufwand, mit dem Sujets heute in der Schweiz erarbeitet werden, gab unlängst die Zeitschrift »Sammelfieber«. Für eine inzwischen in den Migros-Märkten erhältliche Serie wurde eigens ein Cartoonist als Designer verpflichtet: »Das Ziel war, von den üblichen Landschafts-, Tier- und Blumensujets ein wenig wegzukommen und den Sammlern etwas Exklusives zu bieten, das nicht bereits in Zeitschriften oder Katalogen abgedruckt worden war. Nach einer mehrmonatigen Projektierungsphase wurden die Hauptakteure der neuen KRD-Serie geboren: Sechs Figuren, deren Geschichten jeweils zwei oder drei Bilder lang und ohne Worte sind, damit sie in allen Sprachregionen der Schweiz verstanden werden… All diese Figuren werden durch das ganze Jahr in den Regalen der Migros mit immer wieder neuen, lustigen Geschichten aufwarten: Alle zwei bis drei Wochen sollen neue, saisonangepaßte, numerierte Deckeli erscheinen. Sei es an Ostern, während der Badezeit oder bei der herbstlichen Apfelernte Joe, Nina & Co. wären natürlich froh, wenn sie auch in Ihrer Sammlung ein Plätzchen finden würden!«

Es mag deutlich geworden sein, warum und wie das Deckeli in unserem Nachbarland zu solchen Dimensionen hinaufkultiviert werden konnte. In einem Land, wo die kleinen Aluminiumfolien sogar schon Trauerränder (»in memoriam Jean Tinguely«) getragen haben, sind die Werte der Nation gemeint, stellt sich eidgenössische Identität dar und aus. Wie sehr das öffentliche Interesse berührt ist, zeigt nicht zuletzt, daß beim Zentralverband schweizerischer Milchproduzenten in Bern jede neue Serie vor Drucklegung einzureichen ist, um auf sittliche wie ästhetische Unbedenklichkeit geprüft zu werden. Doch was an der Oberfläche als sozialpsychologisches Phänomen erscheint, hat natürlich auch eine zutiefst ökonomische Seite und kommt in einem so kleinen Land fast schon einem Wirtschaftsfaktor gleich. Deckeli in einzigartiger Schweizer Qualität sind eben nur zu haben, wenn auch Figuren wie der in Sammlerzirkeln so herzlich verabscheute Herr Käppeli kräftig mitmischen. Gleichwohl ist der Riß, der die Nation in gutes Sammelvolk und findige Geschäftemacher spaltet, tief.

Zubehör für ordnungsgemäßes Deckli-Sammeln und -Archivieren

Zubehör für ordnungsgemäßes Deckli-Sammeln und -Archivieren

Auf Deutschland, wo die Deckeli-Sucht noch immer in ihren Anfängen steckt, werden sich diese Zustände allerdings kaum ausdehnen. Schon 1989 hatte Gottfried Muster einmal einen großen Auftritt im WDR-Fernsehen gehabt, ohne größere Folgen. Ein Jahr später befand eine Fachzeitschrift kurz und knapp, Deutschland sei weiterhin »ein weißer Fleck auf der milchwirtschaftlichen Landkarte«. Seither hat sich wohl einiges getan; im Süden der Republik, am Oberrhein und im Allgäu sowie in einzelnen Hochburgen im Norden und Westen, hat sich der Bazillus festgesetzt. 1992 gründete Gerhard Hein aus Biessenhofen im Allgäu den ersten »Verein für Kaffeerahmdeckelsammler Deutschland« mit inzwischen an die 100 Mitgliedern. Nicht nur er treibt das Hobby voran. Der noch wenig entwickelte Sammelmarkt zieht Geschäftsleute an Herbert Bucher, der in Breisach am Rhein einen Sammlerdienst betreibt, hat heute schon 1000 private Kunden im Bundesgebiet, die er regelmäßig mit Serien von Rahmdeckeln aus aller Welt beliefert. Bucher ist sich ziemlich sicher, im nächsten Jahr die dreifache Zahl an Abnehmern zu haben. Auch die einheimischen Aluminiumbedrucker beginnen sich zunehmend auf die Sammler einzustellen und bringen interessantere und aufwendiger gestaltete Motive heraus. So schätzt Frau G. einige Serien der Allgäuer Alpenmilch AG sehr, schon wegen des Suchbild Effekts: »Hier, das sind die mit dem kleinen Bär von Bären-Marke, eine Serie mit 40 Stück. Da mein ich immer, wenn ich den Bär hier anschau: dies Gesicht und das andere hier die Blume ist hier doch viel näher am Aug’als da. Man muß es nur ganz genau anschauen, dann sieht man: Jeder Bär ist ein wenig anders. Ja, bei diesem deutschen Motiv kann man mal zufrieden sein.«

Wer Deckeli-Sammler bei ihren Zusammentreffen beobachtet, fühlt sich unweigerlich an Sammelerlebnisse aus Kindheitstagen erinnert, als noch die Bildchen von Film oder Fußballstars Gegenstand heißen Interesses waren. Vielleicht liegt hier der Schlüssel, warum das Ablösen des Deckels vom Becher so eminent wichtig genommen wird. Es ist ein Initiationsritus. Kaffeerahm als notwendiges Beiwerk des Kaffeetrinkens schließt ja die Kinder anregende Getränke sind ihnen verboten! vom Sammeln dieser Bilder aus: Die Erwachsenen gewinnen ein Stück Territorium zurück, das sie längst verloren hatten. Doch nicht nur Haltungen wie diese verweisen auf die Herkunft vieler KRD-Sammler aus vorwiegend kleinbürgerlichem Milieu. In den Cafés auf der Lauer zu liegen und mit gezielten Blicken die Nebentische abzutasten, um bei günstiger Gelegenheit fremde Überbleibsel flugs in der Handtasche verschwinden zu lassen, offenbart eine Lust am Verbotenen im Rahmen des Erlaubten, wie sie kleinbürgerlichen Verhaltensweisen entspricht. Und letztendlich ist auch die Erklärung und Deutung der Welt aus dem Geiste gesammelter Bildchen vor dem Hintergrund einer sich täglich diversifizierenden Medienlandschaft ein atavistisch anmutendes Phänomen: Hier scheinen sich all die Defizite an Welterfahrung und Wissen kompensieren zu lassen, die als Wurzel kleinbürgerlicher Minderwertigkeit von jeher empfunden worden sind. In geordnete Reihen einem Album einverleibt, kann die komplexe Welt erfolgreich sortiert, überschaubar gemacht und begriffen werden. Es ist eine Überzeugung, die einer Erlösung gleichkommt und immerzu sagt: Wer Deckeli sammelt, der braucht kein Lexikon.

Aus einer Serie mit "amerikanischen Präsidenten" (1996)

Aus einer Serie mit "amerikanischen Präsidenten" (1996)

Schlagworte: »

Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 1. Juli 2009 10:24
Themengebiet: Sammelfieber