Dritte Satire: Die gewünschte Hausmutter
von Joachim Rachel (1618-1669)
Wer mit dem ersten Spieß[1] hat lang genug gerennet,
und endlich nun sich selbst und seine Torheit kennet,
wer viermal ungefähr erreichet sieben Jahr,
der sucht ein eignes Nest, und nehme fleißig wahr,
was seinem Bette dient. Die Philomela[2] singet,
wann uns der kühle Lenz die ersten Blumen bringet.
Sie lebt in Fröhlichkeit, fliegt lustig hin und her,
als wenn kein Vogelstrick, noch Katz und Sperber wär,
Wenn aber nun das Licht der Sonnen höher steiget,
der Lenz gibt gute Nacht, und Ceres[3] schon sich zeiget,
so ist der Frühlings-Tanz, die Lust, das Singen aus,
sie trägt ein Sträuchlein zu, und baut ihr kleines Haus.
Sie legt zu rechter Zeit, sie hecket ihre Jungen,
sie speist und nähret sie: da wird nicht mehr gesungen.
Kein Wind- noch Saitenspiel, kein süßer Lautenklang
erweckt das erste Licht, der Jugend Lustgesang.
So hat ein jeglichs Ding gewisse Zeit und Sitten.
Die Jugend gehet frei mit unbedachten Schritten,
wohin die Lust sie treibt, und weil die Raserei
den Alten war gemein, so steht’s den Jungen frei,
wie mancher schießen will, der mit der Leimenstangen[4],
wo nicht anitzo geht, doch vormals ist gegangen.
Tritt aber mit der Zeit das männlich Alter an,
so muss der Kälbertanz[5] sein gänzlich abgetan,
wozu nicht besser dient, als klüglich umgeschauet
nach ein vernünftig Weib, sein eigen Haus gebauet,
den eignen Herd versorgt. Wenn solches ist getan,
da wird der halbe Mensch ein vollenkommner Mann,
bevorab, wo die Wahl ist glücklich ausgeschlagen,
und weil du, o mein Freund, mich pflegst so oft zu fragen,
wie meines Urteils soll ein Weib beschaffen sein,
so sag ich dir zu Dienst ausdrücklich, was ich mein.
Ein Weib sei echt zuvor, und ehrlich von Geblüte,
gottsfürchtig, tugendreich und sittsam von Gemüte,
ein Weib, das ihrem Mann an Stand und Gut ist gleich,
nicht prächtig, nicht zu schlecht, nicht arm, auch nicht zu reich,
nicht allzu hässlich, schön, jedoch gesund von Leibe,
das an dem Spiegel nicht den ganzen Tag vertreibe,
nicht allzu weiß noch schwarz, nicht mager, nicht zu fett,
nicht wie ein Weizenklump[6], nicht wie ein Eichenbrett.[7]
Ein Weib, das bald den Sinn des Mannes lernet kennen,
versucht nicht an die Wand mit steifem Kopf zu rennen,
das nicht in Schnauben geht und wie ein Leu[8] sieht aus,
bringt auch der Mann zur Zeit ihr einen Gast ins Haus.
Ein Weib, das mit Verstand kann geben und ersparen,
und weiß der Küchen Grund[9] in ihren ersten Jahren,
ein Weib, das mit der Faust den Mägden zeiget an,
was irgend spät und früh im Hause dient getan.
Ein Weib, das Woll’ und Flachs[10] von Kindheit an verstehet,
der nicht vom Teufel träumt, wenn sie ein Rad umdrehet,
ein Weib, das witzig ist und hält doch weißlich ein,
das nicht in Manns Gewerb dem Mann zu klug will sein.
Ein Weib, das nicht daheim von Kot und Mistlach[11] stinket,
und auf der Gassen geht, wie eine Braut geschminket.
Ein Weib, das sorglich ist und hat ein scharf Gesicht[12],
auf sich selbst und ihr Haus und auf den Nachbarn nicht.
Ein Weib, das mit Vernunft sich in die Zeit kann schicken,
und das, im Fall es stürmt, kann weichen oder bücken.
Das ihren wehrten Herrn nicht fährt mit Schnauben an,
im Fall er übern Durst hat einen Trunk getan.
Ein Weib, das all ihr Leid mit Sanftmut kann ertragen,
nicht gehet Haus bei Haus in allen Gassen klagen:
das über ihren Mann, im Fall er was verbricht,
nicht bei Gevattern klagt, auch bei der Mutter nicht.
Ein Weib, das um den Hut[13] sich gar nicht mag bemühen,
noch über ihren Pelz die Hosen anzuziehen.
Ein Weib, das ihr Gesind fein ernst und ehrbar hält,
doch gegen ihren Mann sich untertänig stellt.
Ein Weib, das sich nicht schämt zu waschen oder backen,
nicht sieben andre hält, die künstlich an sich packen,
dieweil die gute Frau besucht den Abendschmaus,
mit vollen Kannen gehn, bald vorn, bald hinten aus.
Ein Weib, das jedermann mit Freundlichkeit empfänget,
doch ihres Herzens Lust an keinen Fremden hänget.
Ein Weib, das niemals wird auf bösen Sinn gebracht,
als wenn ein schändlich Maul sie blöd und schamrot macht.
Ein Weib, das nicht ihr Geld auf lauter Kundschaft leget,
und alles wissen will, was in der Stadt sich reget.
Ein Weib, das nicht regiert Rat, Kirchen und Gemein,
das lieber Koch zuhaus als Kanzler wünscht zu sein;
ein Weib, das nicht daheim kaum halb sich satt will fressen,
auf dass die neue Tracht an ihr nicht sei vergessen;
ein Weib, das Reinlichkeit hält für die beste Pracht,
das Zucht und Tugend mehr als Geld und Perlen acht’t.
Ein Weib, das ziemlich früh das Volk zur Arbeit jaget,
und eh nach Habermann[14] als nach dem Branntwein fraget;
ein Weib, das ihr Gesind nicht allzu kärglich speist,
und auf den Stockfisch nicht nur lauter Wasser geußt.[15]
Ein Weib, das nach der Kunst den Besen weiß zu führen,
und, wenn sie fegen will, erst fegt vor ihrer Türen.
Die mit der Nachbarschaft in Lieb und Frieden steht,
doch selten aus dem Haus, und oft zur Kirchen geht.
Ein Weib, der Ehrbarkeit für aller Welt geflissen,
das alle Tugend hat, doch solches nicht will wissen,
ein Weib, das sittsam geht, sich stiller Zucht befleißt,
und um die Narrenkapp und Vortritt sich nicht reißt,
ein Weib, das keine Luft zu böser Lust entzündet,
das ihres Herzens Wunsch in ihrem Hause findet,
ein Weib, das auf der Welt nichts mehr ergötzen kann,
als Gott, sein heiligs Wort, die Tugend und ihr Mann.
Glückselig ist der Mensch, den solcher Schatz bescheret,
und wo dir, o mein Freund, dies Muster ist gewähret,
das eben auf ein Haar in allem hält den Stich[16],
so hast du besser Glück als Peter Filz[17] und ich.
zur vierten Satire “Die Kinder-Zucht”
[1] Erster Spieß = wer sich die Hörner abgestoßen, jugendlichen Leichtsinn und Hitzköpfigkeit abgelegt hat
[2] Poetisch = Nachtigal
[3] Ceres = Göttin des Getreides, im übertragenen Sinn = Sommer
[4] Leimenstangen = Leimrute, die mit Leim bestrichene Rute, die zum Fangen kleinerer Vögel aufgestellt wird. Vgl. auch Leimruten legen
[5] Kälbertanz = bildhaft für jugendliche Zeit des Balzens
[6] Weizenklump = ähnl. unserem umgangssprachlichem Ausdruck = aufgegangen wie eine Dampfnudel
[7] Eichenbrett = ähnl. der heute umgangssprachlich als „Brett mit Warzen” verspotteten Frau mit wenig Oberweite.
[8] Leu = poetisch Löwe, übertragen = wie ein grimmiges Raubtier
[9] der Küchen Grund = sparsame Haushaltung
[10] „Woll und Flachs” = in jeglicher Art von Nadelarbeit geschickt
[11] Mistlach = Gülle
[12] scharf Gesicht = aufmerksam, auch kontrollierend
[13] sich um den Hut bemühen = den Hut auf bzw. die Hosen an haben, also herrschen
[14] Habermann = ein im 17. weitverbreitetes, nach seinem Verfasser Joh. Habermann (1520-1590) benanntes Gebetbuch
[15] Auf den Stockfisch nicht nur Wasser gießen = schmackhaft kochen können
[16] hält den Stich = stichhaltig sein, die Stichprobe halten
[17] Peter Filz = ein Kunstname = ein unwirklicher Hans im Glück