Karl Kraus und die Reklame

© 2009 Dirk Schindelbeck

Womöglich wird sich manche(r), dem/der der berühmte Text von Karl Kraus „Die Welt der Plakate” (1909, in: ders.: Grimassen, Ausgewählte Werke, Bd. 1, Berlin 1971, S. 232-237) schon einmal begegnet ist, gefragt haben, was Karl Kraus damals eigentlich vor sich gesehen hat, als er diese Satire zu Papier brachte. Dass er sich auf reale Werbebotschaften seiner Zeit bezog, daran besteht kein Zweifel, um “Plakate” allerdings in unserem Verständnis des Wortes handelte es sich keineswegs. Es waren Zeitungsinserate, von denen im Folgenden einige an die entsprechende Stelle in den Text eingestellt werden. Somit entsteht einerseits ein plastisches Bild der Anzeigenkultur jener Zeit, andererseits dürfte die Bildstrecke heutigen Lesern den Zugang zum Text erleichtern.


Karl Kraus: Die Welt der Plakate (1909)

„Als man anfing, das geistige Leben in die Welt der Plakate zu verbannen, habe ich vor Planken und Annoncentafeln kaum eine Lehrstunde versäumt. Und lange ehe ich das Wesen des Plakats als die Empfehlung einer Ware erkannte, empfand ich es als eine Warnung vor dem Leben. Ich wusste bald um den Stand des Geistes Bescheid. Mit der Offenbarungskraft eines Erlebnisses wirkte es auf mich ein, als ich einmal in einem Schaufenster die Darstellung zweier Männer sah, deren einer sich mit seiner Krawatte plagte, während der andere triumphierend daneben stand, auf sein fertiges Werk zeigte und schadenfroh rief: „Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so? Kaufen Sie sich Schlesingers Kragenhalter, der hält Kragen und Krawatte fest!” Dass die Menschheit einen Anschauungsunterricht in diesem Fache nötig habe, bedachte ich nicht. Ich nahm vielmehr an, dass es eine realistische Darstellung sei, dass in der guten Gesellschaft täglich solche Dialoge geführt werden und dass es viele Menschen geben müsse, deren Zentrum jenes Problem ist und deren Leben bloß einen Vorwand bedeutet, um den endlichen Zusammenschluss von Kragen und Krawatte zu erreichen. Und plötzlich sah ich es auf der Straße von solchen Leuten wimmeln, überall sah ich diese Gesichter, den verdrossenen Kämpfer und den fröhlichen Sieger des Lebens, ich lernte den Choleriker vom Sanguiniker unterscheiden, wiewohl beide einen aufgewichsten Schnurrbart und Schnabelschuhe hatten. Den ersten, entscheidenden Eindruck von einer Menschheit also, die in ihrer überwiegenden Majorität aus Ladenschwengeln besteht, empfing ich von jenem Bilde, und mit einem Male war ich es, vor dem sie sich alle zu der Frage einten: Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so?…

Dies trieb mich wieder zu den Plakaten, die mir den Schreckensgehalt des Lebens wenigstens im Extrakt darboten. Gern stellte ich mir vor, dass alle Geistigkeit übernommen sei, dass alles, was die Literatur an Zitaten, die Sprache an Sprüchen, das Herz an Empfindungen bietet, nur mehr dort verwendet werde, und dass das Leben außerhalb der Annoncen ein leerer Schein sei und höchstens eine wirksame Reklame für den Tod. Eines Tages brach die Sintflut des Merkantilismus herein. Gevatter Schneider und Handschuhmacher gebärdeten sich als die Vollstrecker eines göttlichen Willens, und es entstand die Mode, die Köpfe dieser Leute an den Straßenecken zu konterfeien. Da verfolgte mich durch all die Jahre ein Gesicht, in dessen Zügen ich mindestens den Stolz auf eine gewonnene Schlacht zu lesen meinte. Ich wurde älter, aber das Gesicht bekam keine Runzeln, und ich wusste, dass es mich überleben und dem Jahrhundert das Gepräge geben wird. Einst war es die Physiognomie Napoleons, die auf die schwangeren Frauen so nachhaltig wirkte, dass noch das Gesicht der Urenkel sie der ehelichen Untreue verdächtigt hat. Das Antlitz, das heute einen ähnlichen Eindruck in den Seelen der zeitgenössischen Welt hinterlässt, gehört einem Uhrmacher. Weil er sich rühmt, dass seine Uhren die besten seien, hat er auch den Mut der Persönlichkeit; er gibt seinen Kopf zum Pfand und seinen treuen Blick als Garantieschein. .. Wo tue ich das Gesicht nur hin? Fragte sich manch einer, sann und kam nicht darauf. Er war einem Manne begegnet, hatte ihn wie einen alten Bekannten begrüßt, und wusste doch nicht, wer es gewesen sei. An der nächsten Straßenecke grüßte ihn ein Plakat zurück. Ein Gastwirt wars oder ein Hutmacher oder der uns allen liebgewordene Schmierölerzeuger, von dem wir nur nicht vermutet hätten, dass er uns leibhaftig begegnen könnte, weil ja auch Beethoven nicht von seinem Sockel steigt! Gibt’s denn ein Leben außerhalb der Plakate? Wenn uns die Eisenbahn aus der Stadt holt, so sehen wir freilich eine grüne Wiese - aber die grüne Wiese ist nur ein Anschlag, den der Schmierölerzeuger im Bunde mit der Natur ausgeheckt hat, um uns auch dort seine Aufwartung zu machen!
Kein Entrinnen!

…Wir liegen da und büßen für Macbeths Schuld. Es erscheinen der Reihe nach die Könige des Lebens: der Knopfkönig, der Seifenkönig, der Manufakturkönig, der Ansichtskartenkönig, der Teppichkönig,

Der "Nasenkönig" von 1904

Der "Nasenkönig" von 1904

der Kognakkönig, und als letzter: der Gummikönig. Seine Augen mahnen uns an unsere Sünden, aber seine Züge sprechen für die Unzerreißbarkeit menschlichen Vertrauens. Und doch, und doch!… Ein buschiges Haupt taucht auf und stöhnt: „Ich war kahl!”

Inserat 1907

Inserat 1907

Und wieder: Hier sind noch Gesichtspickeln, dort sind sie nach Gebrauch verschwunden. Ach - ein anderes Antlitz, eh sie geschehen, ein anderes zeigt die vollbrachte Tat… Ein ‚heller Kopf’ erscheint; es ist jener, der nur Dr. Oetkers Backpulver verwendet.

Reklamemarken mit Dr. Oetkers "Hellkopf"

Reklamemarken mit Dr. Oetkers "Hellkopf" (1908)

‚Wo isst und trinkt man gut?’ summt’s in der Luft und schon öffnet sich ein Maul, um ein Gulasch zu verschlingen, und schon zeigt eines, wie man Bier trinkt. Wer kommt denn dort herein? Wilhelm Tell mit seinem Sohne? „Ich soll vom Haupte meines Kindes-” Da schwankte er! Aber zur Schutzmarke einer Schokoladenfirma gibt er sich her…

Emailschild für Tell-Schokolade (Sammlung Hemmeler)

Emailschild für Tell-Schokolade, ca. 1905 (Sammlung Hemmeler)

Seht, seht, wer bricht sich Bahn? Ein Weib, dessen Haar länger ist als sie selbst, ein Weib also, das Grund hat, seine Persönlichkeit zu betonen; sie ruft! Ich, Anna…

Anna Csillag mit 185 cm Haarpracht

Anna Csillag mit 185 cm Haarpracht

Aber ihre Rede verhallt im Gerassel eines Wagens, dessen Lenker mir zuruft: „Sie fahren gut - wenn Sie Feigenkaffee-” - „Entfernung ist kein Hindernis!” unterbricht ihn ein Weltweiser, der der Welt von Herrschaften abgelegte Kleider gönnt. Und nun ist das Chaos der Maximen entfesselt: „Verlangen Sie überall… Schönheit ist Reichtum, Schönheit ist Macht…

Inserat 1908

Inserat 1908

Verblüffend rasch heilt… Das Entzücken der Frau ist… Fort mit den Hosenträgern!… Geben Sie eine Krone… Wer probt, der lobt… Haben Sie schon Kinderwäsche?… Jeder Firmling wünscht…. Weltberühmte prämierte Olmützer Quargel… Das ist’s, was Sie brauchen…. Ihr Magen verdaut schlecht…. Wollen Sie stark und gesund werden? … Reizend schön wird jede Dame… Leiden Sie an den Folgen…. So sehe ich in einem meiner Korsetts aus, ohne dasselbe zu fühlen… Der weiße Rabe spricht… Rasier Dich im Dunkeln!…

„Trinken Sie Sodawasser!’ rät ein Unberufener. „Das ist der gute Krondorfer, der fehlt nie an unserem Tische!” entgegnet es.

krondorfer-sauerbrunnen-cover-1900

„Trinken Sie Geßlers Altvater!” höre ich und spüre, wie ein Bart mich kitzelt. „Kauen Sie schon Ricci?” fragt ein Kobold. „Wie werde ich energisch?” wimmert einer, dem in diesem Zimmer angst und bange wird.

Inserat "Wie werde ich energisch?" 1909

Inserat "Wie werde ich energisch?" 1909

Und ein Alp, der mir auf der Brust kauert, glotzt mich an und hat nur einen Wunsch: „Wenn ich Sie persönlich sprechen könnte?” Hilfe, Hilfe! - Ah, wer ruft dort um Hilfe? Wer rennt mit dem Kopf durch die Wand? Rauft sich das Haar? Verzweifelt und frohlockt, jubelt und klagt, springt herum und bearbeitet das Fenster mit den Fäusten? Oh, es ist einer, der unglücklich ist, weil man ihm seine Kleider nicht beim Gerstl einkaufen lässt, und der schließlich doch seinen Willen durchsetzt! „Ich bring mich um! droht er, wenn man ihn hält; „Wa—s? ists möglich!!!” ruft er, weil er die Preise zu billig findet; „Freiheit” der Wahl!” brüllt er und bringt damit auch die Demokratie auf seine Seite, wiewohl es sich sofort herausstellt, dass er nur die Wahl der Stoffe meint. Und nun tobt alles durcheinander - ich unterscheide die Branchen nicht mehr - hundert Fratzen tauchen auf - hundert Rufe werden laut.

Schlafe patent: Anzeige (ca. 1908)

Schlafe patent: Anzeige (ca. 1908)

Ich verstehe nur noch Ratschläge wie: Koche mit Gas! Wasche mit Luft! Bade zu Hause! (vgl. hierzu mein Sonett Bade zu Hause)

Bade zu Hause: Anzeige von 1905

Bade zu Hause: Anzeige von 1905

Und da das Leben in solcher Fülle mein Schmerzenslager umbrandet und alle Bequemlichkeiten, alle automatischen Wonnen bietet, deren man um diese Stunde habhaft werden kann - so merkt ein Waffenhändler, dass ich mich nicht mehr auskenne, und übertönt den Lärm mit der Reklame: Morde dich selbst!

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Montag, 14. Dezember 2009 9:58
Themengebiet: Literarische Fundstücke