Das Fliegenpapier
(nach Robert Musil¹)
© 2007 Dirk Schindelbeck
Sie werden angelockt vom süßlichen Geruch
des Giftleims, setzen sich ganz arglos aufs Papier.
Da kleben andre schon, die grad wie zu Besuch
herkamen, hier nun sind, hier bleiben, ewig hier.
So stehn sie aufrecht da, soldatisch, heldenhaft.
Man fühlt die Spannung in den kleinen Köpfen sausen.
Für einen Absprung sammeln sie die ganze Kraft
bis zur Erschöpfung. Länger werden bald die Pausen,
sie schwächer, bis die Beinchen knicken, und im Nu
sind sie am Schenkel oben oder Bauch fixiert,
ihr Überlebenskampf wird aussichtslos und dumpf -
nun sehn sie aus wie Flieger, die in einen Sumpf
gerast sind, unnatürlich, komisch, affektiert -
tags drauf noch klappen ihre Augen auf und zu.
¹ bezieht sich auf den berühmten Text Robert Musils in “Nachlass zu Lebzeiten”
