Fünfte Satire: Vom Gebet[1]
von Joachim Rachel (1618-1669)
Sei fröhlich, O Makrin[2]! Halt diesen Tag in Ehren,
der deiner Jahre Zahl von neuen wird vermehren.
Gib Dank und Opfer her, bring nur ein Nössel [3]Wein,
mit unserm Schaden will Gott nicht gedienet sein.
Ein heiliges Gebet, das nach dem Geiz nicht schmecket,
sticht hundert Ochsen aus: du trägest unverdecket
den Wunsch des Herzens an: bringst alles deutlich vor
und raunest insgeheim den Göttern nicht ins Ohr,
wie sonsten wohl geschieht. Ist jemand da zugegen,
so ruft man laut heraus: Gib nur in allen Wegen,
o Jupiter, ein Herz, das dir zu Dienste sei,
mit Schanden unbefleckt, genugsam, redlich, treu,
dem Geiz und Wucher feind. Das geht aus vollem Rachen,
inwendig aber spricht das Herz von andern Sachen
und murmelt bei sich selbst: O dass das gute Glück
mir an Dukaten geb einhunderttausend Stück!
O dass mein alter Freund, dass meine reiche Base,
gar sanft und selig wär, bedeckt mit grünem Grase!
O dass Nikanors Sohn[4], der näher erbt als ich,
noch heute kriegen möcht den letzten Todes-Stich!
Denn wozu dienet ihm so großes Gut zu erben,
des Leben nichtes ist als nur ein täglich Sterben,
schwarz, mager, hässlich, bleich, vom Fieber ausgezehrt,
ein Schatten sonder Leib, nicht eines Hellers wert.
Ach möchte’ ich nur ein Weib mit großem Gut erwerben,
die heute käm ins Haus, und morgen möchte sterben!
Sieh, wie es Nerius[5], dem reichen Filze, glückt,
der schon die dritte Frau bereits zu Grabe schickt.
Dies ist des Herzens Wunsch. Und dass nun solch Begehren
als heilig und gerecht der Himmel mag erhören,
so gehst du morgens hin, tust dreimal einen Guss
vom Tiber auf das Haupt, entsündigest den Fluss
der hingelegten Nacht. Nun muss ich eins dich fragen:
Wer ist den Jupiter? Was willst du von ihm sagen?
Ist er ein Gott? Gerecht? Der Frömmigkeit belohnt?
Den Grund des Herzens kennt, und keines Buben schont?
Wie darfst du denn von ihm solch schändlich Ding begehren?
Wenn Stajus selbst ein Feind der Tugend und der Ehren
ein solches hören sollt, er schrie den Himmel an:
O Jupiter! O Mars! O Phöbus! O Vulkan!
Wie kommt es denn, sprichst du, dass Jupiter so schweiget,
nicht pfeifet oder zischt, noch zornig sich erzeiget?
So meinest du, O Narr!, weil dich der Boden trägt,
weil dich der Donner nicht fort in die Erde schlägt
zehn ganzer Klafter tief, es sei bereits vergessen
und hieltest nun davor, dass Stehlen, Rauben, Fressen,
dass Neid, Betrug und Mord, dass wüste Tyrannei
nicht sauer sehenswert und lauter Kurzweil sei.
Womit kannst du also die Götter doch betören,
dass sie dir günstig sein und gerne müssen hören?
Was macht dich so genehm? Ein Hand vol Blut und Fett?
Schaf-, Rind- und Kälberfleisch? ein fluchendes Gebet?
Doch du bist nicht allein ein Mann von solchem Ruhme,
der mit den Göttern spielt. Dort sitzet eine Muhme
(der süße Branntwein hat, sobald sie ist erwacht,
die Lippen andachtsvoll, die Nase rot gemacht),
und hält ihr Kindes Kind: sie braucht in Wisch- und Winden
ein sonderlich Gesetz. Sie streichet vorn und hinden
ein dreimal doppelt Kreuz. Wenn dieses ist getan,
da hebt sie ihr Gebet mit einem Seufzer an:
Der Himmel sei dir hold, der dir bereits gegeben
Der Schönheit höchsten Preis vor allen, die da leben,
o gleicher Mutter Sohn! Es wachse Glück und Geld
dir in der Wiegen zu, als wie der Regen fällt.
Ganz England weiche dir an Vieh und schöner Weide,
Apulien an Wein, Ägypten an Getreide.
Der reiche Licinus, des Crassus große Pracht
sei gegen dir, mein Sohn, für Bettelei geacht.
Was nur dein Herze wünscht, dass muss dir Gott bescheren,
ein großer König muss zum Eidam dich begehren.
Wohin du treten wirst, wo deine Füße gehn,
da müssen Majoran und schöne Rosen stehn.
Und welche wird zuletzt nach deinem Namen heißen?
Es müssen sich um dich die schönsten Jungfern reißen,
und neiden mit Verdruss die hochbegabte Braut,
die dir zu großem Glück wird werden anvertraut.
So spricht das alte Fell. Ein andrer wünscht dem Kragen,
so viel er schlingen mag, und einen guten Magen,
und einen starken Leib von Gicht und Fieber frei,
der nicht weiß, was Klistier und bitter Pillen sei.
Wie aber kann doch dies, Hans Schluckebier[6], geschehen,
der du die Sonne nicht siehst nüchtern untergehen?
Der du dem Halse nie vergönnest satte Ruh
und stürmest auf den Leib mit solchen Humpen zu.
Ein andrer bittet wohl, dass ihm bei großen Haufen
das Horn und Wollen-Vieh mag auf der Weide laufen,
dass seine Schäflein sich verstecken in dem Klee
und dass der süßen Milch die Eimer übergeh:
wie ist das möglich doch, wann du auf dem Altare
mehr Vieh und Opfer würgst, als du im ganzen Jahre
von neuen ziehen magst, und gibst den Göttern hin,
was weder dir gereicht noch ihnen zum Gewinn?
Und daher hoffest du: Nun kommet das Gedeihen!
Nun wird es lauter Gold und Rosenobel[7] schneien;
Nun kommt das gute Glück! Bis das aus großer Not
der letzte Heller geht nach Hering oder Brot.
Und wie der güldne Dreck ist deine Lust und Leben,
so meinst du, dass ihm auch die Götter sind ergeben
nicht weniger denn du. Wenn dir von lieber Hand
ein güldnes Trinkgeschirr, ein teurer Diamant,
ein schöner Beutel käm mit fünfzehn tausend Taler,
wie wär der Freude Rat? Wie führest du, o Prahler
vor Wollust aus der Haut? So, bildest du dir ein,
muss auch der Jupiter und sein Gesinde sein.
Und darum lässt du ihm auch Haar und Bart vergülden,
und ziehst ihm Purpur an, behängst mit reichen Schilden
der Kirchen Rauch-Altar. In jener alten Zeit
da hatte Jupiter kein besser Ehren-Kleid
als König Numa[8] selbst. Der Hoffart war vergessen,
Frau Veste[9] musste wohl aus steinern Schüsseln fressen,
und schlecht genug gespeist, dies aber alles war
den Göttern mehr genehm als zweimal fünfzig Paar
der Ochsen jetzo sind, weil sie die schlechten Gaben
mit Treu und Redlichkeit zuvor gewürzet haben.
Gold, Silber, Fleisch und Fett ist nur der Menschen Lust,
davon der Götter Zunft nicht weiß noch hat gewusst.
Der Menschen Üppigkeit sucht Purpur, Gold und Seiden,
da Pelze, Flachs und Woll uns besser konnte kleiden.
Der Leib, der Madensack, macht Stein und Perlen teur,
es dienet seiner Luft Erd, Himmel, Wasser, Feur.
Dies alles nützt der Mensch, wiewohl nicht ohne Sünden,
doch kommt es ihm zu gut, so viel er weiß zu finden.
Nun aber sage mir, du ganze Pfaffenschar,
wozu ein Rind und Lamm gewürget beim Altar?
Was soll doch Geld und Gold und dergeleichen Sachen
im Tempel beim Gebet und für den Göttern machen
Es sei denn jetzund wahr, was längst gelogen ist,
dass Herkules ein Rind auf eine Mahlzeit frisst:
dass Jupiter zu Tisch mit allen Göttern sitzet,
hält immer frei Gelag und saufet, dass er schwitzet?
Was nützet ihm das Geld, das er nicht mehr begehrt,
als wenn man der Dion[10] ein Dockenspiel[11] verehrt!
Lasst uns zum Tempel gehen, gerüst mit solchen Dingen,
die des Messalen[12] Sohn nicht kann zuwege bringen,
wie reich er immer ist; ein Herz von Lastern rein,
und Hände, welche nicht mit Blut besudelt sein:
ein ehrliches Gemüt, ein fröhliches Gewissen,
das Billigkeit beliebt, des Rechten ist beflissen.
Solch Opfer bringe vor: und ob du mehr nicht hast,
wirst du den Göttern sein ein angenehmer Gast.
[1] Diese Satire ist im wesentlichen eine ausgeführte Übersetzung der zweiten (nicht wie Rachel selbst angibt, der vierten) Satire des Persius. Infolgedessen bleiben auch die römischen Namen bestehen, während Moscherosch, der in seinen Höllenkindern (Gesichte, Straßburg 1642 I, S. 382) der gleichen Satire des Persius folgt, seine Darstellung aber auf christliche Verhältnisse überträgt.
[2] Makrin = Plotius Macrinus. An ihn richtet Persius seine zweite Satire. Das Schol. des Persius bezeichnet ihn u.a. als homo eruditus - Persius II, V. 1: Hunc, Macrine, diem…
[3] Nössel = Hohlmaß, ca. ½ Liter (regional unterschiedl.)
[4] Nikanors Sohn = Sohn eines Nicanor war ein Balacrus, der Ende 333 von Alexander dem Großen die Satrape Kilikien erhielt; er fiel im Kampfe gegen die kilikischen Bergvölker
[5] Nerius = So, nicht Nereus, wie alle Drucke haben. Persius II,14 spielt auf ihn an; vielleicht identisch mit dem von Hor. Sat II, 3,69 als fenerator erwähnten N.- Schol.: Nerius morte coniugum locupleatus feneratur est factus notissimus, de quo Horatius: scribe decem a Nerio!
[6] Hans Schluckebier = einer der für Rachel typischen sprechenden, negativ konnotierten Namen.
[7] Rosenobel: ältere englische Goldmünze, die auf der Rückseite eine Rose zeigte.
[8] König Numa = Nach der Überlieferung zweiter König Roms, durch Boden- und Kalenderreform sowie Kultvorschriften legendär
[9] Frau Veste = Göttin von Heim und Herd
[10] Dion(e) = ursprüngliche Gemahlin des Zeus
[11] Dockenspiel = Puppenspiel
[12] Messalen Sohn = Die Messaler waren durch ihren Reichtum bekannt. Ein M. Valerius Messala brachte durch viele Bestechungen, die ihm später Anklage und Verurteilung de ambitu zuzogen, seine Wahl zum Konsul für das Jahr 53 zuwege.