Nietzsches Homepage
© 2001 Dirk Schindelbeck
Das unten abgebildete Objekt war Teil einer Ausstellung visualisierter Poesie. Unter dem Titel “Poetische Installationen” wurde sie im Jahr 2001 im alten Rathaus in Denzlingen gezeigt. Die im folgenden wiedergegebene ausführliche Deutung des Objekts geschah auf vielfaches Verlangen von Kunstpädagogen und Ausstellungsbesuchern.
Nehmen wir an, der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 - 1900, bekannt und berüchtigt geworden durch den Satz: „Du gehst zu Frauen - vergiss die Peitsche nicht!”) lebte heute noch - auch er hätte vermutlich eine Homepage, aber wie sähe die aus? Nun war dieser Philosoph als Kind seiner Zeit in seinem Denken tief in dem verhaftet, was wir uns, die wir längst im Bill-Gates-Zeitalter angekommen sind, angewöhnt haben als die „Gutenberg-Galaxis” zu bezeichnen.
So schrieb Nietzsche zwangsläufig in einem anderen Duktus und einem anderen Stil als er heute üblich ist. Und er tat dies in ganzen Sätzen und unter Berücksichtigung komplexer grammatikalischer Strukturen, von denen viele, die sich ausschließlich im www des Bill Gates aufhalten, kaum eine leise Ahnung haben dürften. Solcherart nur wort- (und nicht bild-) gebundene Informationen bauen sich von A nach B auf und verlangen auch vom Leser dementsprechend strukturierte Aufnahmeleistungen (Konzentration usw.). Informationsübertragung auf die simultane Art und via „Benutzeroberfläche” und sich immer neu öffnende Fenster, durch die man sich, von Menü- und Untermenüleisten gesteuert, navigierend „durchklickt”, gab es noch ja nicht.
Übersetzen wir gleichwohl Nietzsches Botschaft in die heutige Situation, verarbeiten wir ihre Elemente zu einer zeitgemäßen „Benutzeroberfläche”. Als Hintergrund für die Homepage wählen wir eine Art Tapete aus Worten, die das Porträt des Philosophen einrahmt. Das Material dieses wiederkehrenden Tapetenmusters entnehmen wir einem seiner Gedichte (Nietzsche war bekanntlich nicht nur Philosoph, sondern auch Lyriker. Es handelt sich um Verse aus dem Gedicht „Das tiefe Lied” aus seinem bekanntesten Buch „Also sprach Zarathustra”, III. Teil, 1883-85 entstanden). Nur was als „echte Info” gilt oder sich zu einem hübsch-seriellen Muster verarbeiten lässt, ist für eine Homepage (das Internet ist ein schnelles Medium!) brauchbar, der Rest ist uninteressant. Für das kleine Häuflein der noch in der Gutenberg-Galaxis heimischen Dinosaurier sei hier gleichwohl die Vollversion des Nietzsche-Textes (als freeware) wiedergegeben.
O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
“Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!”
„Lust” und „Ewigkeit” - damit haben wir sie auch schon, die beiden Schlüsselworte, welche die Struktur der Homepage auch im Vordergrund, wo ja die Aktionsbuttons liegen, vorgeben. Der Antagonismus „Lust” - „Ewigkeit” erscheint vordergründig wie geschaffen für eine Um- und Übersetzung in die Computer- und Software-Welt. Diese funktioniert bekanntlich nach dem binären Prinzip 0 und 1. Alle Phänomene auf dieser Welt lassen sich mithilfe des binären Systems in Datensätze verwandeln, ganz gleich ob es sich um Töne, Farben, Buchstaben oder was auch immer handelt. Dass im vorliegenden Fall damit zugleich ein Zuordnungsprinzip gesetzt wird, welches sowohl der modernen technisch ausgerichteten Zivilisation entspricht als auch tief im kollektiven Gedächtnis haftende emotionale Zuordnungen befriedigt, ist beabsichtigt. „Rot“, das ist von jeher die „Lust”, „blau” hingegen die „Ewigkeit”, um die Worte des Gedichts noch einmal in Erinnerung zu rufen. Selbst international ist diese Zuordnung unstrittig (selbst die Wasserhähne in den Hotels rund um den Erdball funktionieren so!) „Rot” steht für Wärme, Herz, Feuer, Leidenschaft, Liebe, Sex, Lust und hier in der Homepage „Transvestiten”, „blau” für Kälte, Reinheit, Geist, Vernunft, Ewigkeit, das Absolute und hier „Transzendenz”. Dem Besucher der Homepage wird also ein Rotlicht- und Blaulichtmilieu zur Wahl angeboten (enter here). Dementsprechend findet sich hinter den beiden Eingängen eine Art Spundloch, hinter dem ein rotes bzw. blaues Licht, Symbole des eben beschriebenen Wahlmenüs, aufleuchtet.
Nun ist das Internet ein großer Marktplatz, und die am meisten dort angebotene Ware ist Sex. Andererseits gilt es als das schnellste Mittel zur Wissensbeschaffung. Auch dafür stehen die beiden Buttons „Transvestiten” und „Transzendenz”. Die Frage lautet nur: Hält das System, was es verspricht? Nietzsches Homepage beantwortet diese Frage eindeutig mit „Nein”. Zwar wird, um die Besucher auf einer Seite zu halten, immer wieder und immer öfter zum Mittel „Sex” gegriffen, doch letzten Endes bleiben die Angebote virtuell, und wer sich wirklich auf entsprechenden Seiten zu den „echten” Angeboten durchklickt, wird später manch unliebsame Gäste auf seiner Festplatte haben bzw. entsprechende Rechnungen in seinem Briefkasten finden. Ebenso aber ist auch das Versprechen des Zugriffs auf das gesamte Wissen der Welt (die „Transzendenz”) trügerisch. Doch die beide Lampen leuchten unausgesetzt…. Sie sind nichts anders als leere Versprechungen. Es bleibt das Spiel mit dem Präfix „Trans…” in zwei Varianten, das ein Übersteigen, Überspringen, Eintauchen in neue Welten verheißt, aber nicht leistet. Denn selbst Letzteres, der alte philosophische Kernbegriff der Transzendenz (samt der Kantischen Transzendentalphilosophie) korrespondiert mit Nietzsches Kritik an den tradierten, noch theologisch inspirierten Mustern der Philosophie. Nach ihm, Nietzsche, ist ja „Gott tot”, die Transzendenz also leer respektive eine Chimäre.
Fazit
Der Computer und das Internet sind eine Lüge. Er gaukelt totale Zugriffsmöglichkeiten vor, die so nicht bestehen. Das Medium selbst ist aufgrund seiner binären Struktur so primitiv wie ein us-amerikanischer Wahlkampf. Es ist ein Medium der Reduktion, worauf hier ironisch angespielt mit der letztendlichen Nonsense-Wahlmöglichkeit Transvestiten” versus „Transzendenz”. Am Ende hilft nur eins: Lesen wir Nietzsche im Original.
Dirk Schindelbeck, Denzlingen, 16. November 2004
