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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Liebe, Sex und große Sprüche

Liebe, Sex und große Sprüche

Schülerstück in 20 Bildern

Personen:

Albin, Fluppy, Alfred, Gerd, Berta, Anette, Petra
(Allesamt Gymnasiasten zwischen 14 und 16 Jahren alt.)

Albins Vater, Bibliotheksangestellter

Stiefmutter Albins, Hausfrau

Astrid, Gerds Schwester

Sportlehrer

Schießbudenbesitzer

Punker

Punkerin

Pfarrer

(Die 15 Personen können bequem von 10 Akteuren, 6 männlichen, 4 weiblichen, dargestellt werden. In diesem Fall werden von jeweils dem-/derselben Schauspieler/Schauspielerin gespielt:
Gerd/Pfarrer; Annette/Gerds Schwester; Albins Vater/Schießbudenbesitzer; Stiefmutter Albins/Punkerin; Sportlehrer/Punker)

Handlungsort ist eine mittelgroße Stadt in Deutschland.

Das Stück spielt Mitte der 70er-Jahre; der in ihm vorgestellte Zeitraum erstreckt sich auf etwa vier Wochen.

Um die innere Problematik der dramatischen Aussage zu spiegeln, sollten insbesondere die vorgestellten öffentlichen Räume mit Werbeplakaten ausgestattet werden.

1. Bild: Hausordnung

(Wohnzimmer; die Mutter sitzt, Modejournale durchblätternd, in der Sitzgruppe; der Vater kommt herein, er sieht abgespannt und müde aus, bemüht sich aber, das zu überspielen)

Vater: Guten Abend (versucht, der Mutter einen Kuss auf die Wange zu drücken, doch sie weicht aus)…

Mutter: Lass doch. Du siehst doch, dass ich lese.

Vater: (enttäuscht) Natürlich. (Er legt seine Tasche ab, macht eine etwas ungeschickte Bewegung des Gliederstreckens, anderer Ton)

Oh, war das wieder ein Tag…

Mutter: (ohne vom Journal aufzusehen) So?

Vater: Jetzt schon die vierte Woche die Umstellung auf EDV… jeden einzelnen Titel umschreiben… eine Arbeit ohne Ende…

Mutter: ..wird wohl nötig sein.

Vater: …kostet unglaublich viel an Energie und Konzentration. Und es wird immer mehr. Letztes Jahr die Ausdünnung und Straffung im Personalbereich… keine Hilfskräfte mehr, jetzt, mit weniger Mitarbeitern zusätzlich die computergerechte Verschlüsselung jedes einzelnen Titels… und immer Mehrarbeit…

Mutter: Ja, ja, ich weiß.

Vater: Aber das schlimme ist nicht die Mehrarbeit. Das schlimme ist die täglich um sich Greifende Dummheit, die Stupidität, die das mit sich bringt… Du hörst mir ja gar nicht zu…

Mutter: Wozu auch? Es ist doch immer dasselbe. Abend für Abend kommt du herein und jammerst mir die Ohren voll. Wenn du gar nichts anders zu sagen hast…

Vater: Ja, ja, ich weiß. (er sinkt in einen Sessel, kurze Pause) Wo ist Albin?

Mutter: Weiß ich nicht…

Vater: Jemand muss sich doch um ihn kümmern. Wo ist er?

Mutter: Ich sag doch, ich weiß es nicht. Vielleicht auf seinem Zimmer?

Vater: Warum weißt du’s nicht?

Mutter: Wozu? Du hast das schlechte Gewissen, nicht ich. Ich sehe auch, dass deine Fürsorge recht unregelmäßig ist. Einmal bist du übereifrig, einmal lässt dich dein Sohn kalt. Meistens letzteres.

Vater: Ein junger Mensch muss heute bestehen, gerade heute. Davon weißt du natürlich nichts. Er kann froh sein, dass er einen Vater hat, der ihm in vielen Dingen helfen kann -

Mutter: Bravo! (sie klatscht in, die Hände) Wie dankbar wird er sein! (sie faltet die Hände) …und wie wird sich erst sein Vater fühlen!

Vater: (gelassen) Meinst du nicht, dass es auch deine Aufgabe wäre?

Mutter: Was soll meine Aufgabe sein?

Vater: Dich um ihn etwas zu kümmern.

Mutter: Nein, das ist meine wohl nicht (sie nimmt eine Zigarette und raucht lächelnd). Es ist ja auch nicht mein Sohn. Außerdem ist er alt genug.

Vater: Nein, das ist er eben nicht. Mach sie zu deiner Aufgabe. Du tust ja sonst nichts.

Mutter: (lässt das Journal klatschend auf den Tisch fallen) Jetzt hört aber alles auf! D u wolltest doch nicht, dass ich arbeite, ich sollte doch abhängig sein, nur zu d e i n e m Glanz, für d e i n Prestige.

Vater: Das eine hat mit dem andern nichts zu tun. Es ist deine Pflicht, hier…

Mutter: Du lieber Himmel! Jetzt kommen die lieben Grundsätze. Da wiehert das alte Paragraphengerippe!

Vater: (erregt) Du, du..

Mutter: (gefasst und kalt) Vorsicht, mein Lieber. Ich bin deine Frau, und ich hoffe, du weißt, was das heißt.

Vater: Also dann sei es. Kümmre dich um ihn… (weicher) Ich kann das nicht immer, ich muss arbeiten.

Mutter: Um mich kümmert sich auch niemand. Und seine Mutter bin ich nicht, und ich bin froh darum. Und du, mein Lieber, bist nicht wenig stolz, wenn du mich vorführen darfst anstatt eines rundlichen Muttelchens. Das war’s doch, was du damals wolltest, oder nicht? Und an deinen Sohn hast du bei dieser Entscheidung nicht zuerst gedacht.

Vater: Das gehört nicht hierher. Tu das mindeste, du deine Pflicht in diesem Haushalt!

Mutter: Oh, der Automat scheppert.

Vater: (erregt) Du lebst von dem Automaten, und nicht schlecht.

Mutter: …aus dem Automaten, meinst du wohl. Aber leben? Was für ein Wort! Weißt du, was das heißt? Als ich dich heiratete, habe ich davon geträumt. Und was ist seither passiert? Ich werde alt - an der Seite eines Pflichtautomaten.

Vater: (höhnisch) Ich kann dich nicht jünger machen. Das wirst du wohl nicht verlangen können.

Mutter: (neue Zigarette) Ich sage ja: D u machst mich alt.

Vater: Du rauchst zuviel, das macht dich alt.

Mutter: Sehr charmant! Ich rauche, weil das ein billiger, der billigste Ersatz ist, wenn ich hier schon nicht leben soll.

Vater: (Ermahnertonfall) Ich will dir mal was sagen: Du rauchst so viel, weil dir die Aufgaben fehlen, weil du nutzlos bist und nur nach deinem Egoismus lebst.

Mutter: Mein Lieber. Du hast mir einst das Blaue vom Himmel versprochen. Und was ist geschehn? Einmal Athen, und dann alljährlich an den Gardasee. Das war alles. Das verstehst du unter Leben, aber ich nicht.

Vater: (erschöpft) Nein, nein… immer dieselbe sinnlose Diskussion.

Mutter: Eine Pflichtdiskussion… (sie gähnt) Eine Diskussion aus Pflicht, für die Pflicht, zur Pflicht. Eine Diskussion über Leben wär mir lieber. Noch lieber wär mir Leben selbst.

Vater: Wie kann ein Mensch nur so charakterlos sein!

Mutter: Wie kann ein Mensch nur so hohl und trotzdem so aufgeblasen sein!

Vater: Wie hab ich mich nur in dir getäuscht!

Mutter: Ich etwa nicht? Du warst doch der große Schauspieler. Ich hielt dich für eine große Nummer, und was steckte dahinter? Ein Bücherwurm, eine kleine, graue Paragraphenmaus, eine Null.

Vater: Du Vampir.

Mutter: (amüsiert) Was soll ein Vampir wohl aus einer Null saugen können? Verrate mir das mal?

Vater: (er gibt auf) Ach… Hat Albin wenigstens was zu essen bekommen?

Mutter: Er ist doch alt genug. Dosen und Pizza sind im Schrank. Herd und Töpfe wird er wohl noch finden.

Vater: Ich sehe schon… (will gehen)

Mutter: Übrigens, da du die ganze Zeit von Pflicht redest: Ich brauche Geld. Ich muss zum Coiffeur. So kann ich wohl kaum in die Stadthalle gehen.

Vater: Ach ja, das Konzert.

Mutter: Also, was ist?

Vater: Du hast doch letzten Montag erst Haushaltsgeld bekommen!

Mutter: Für den Haushalt ja, für den Coiffeur nicht…

Vater: Das ist doch nicht wahr! Essen, Kleidung, Körperpflege, für alles ist doch ein Betrag vorgesehen. Das weißt du doch!

Mutter: Dann will ich dir mal eine kleine Geschichte erzählen. Beim letzten Empfang bei Aldekovens, ist dir da eigentlich nichts aufgefallen?

Vater: Ich wüsste nicht was.

Mutter: Dann werd ich’ s dir sagen. Die Heckmanns waren doch auch da, und sie, die alte aufgeblasene Schachtel hat es doch wieder mal voll drauf angelegt, mich zu provozieren und auch dich als das bloßzustellen, was du bist: ein kleiner, knauseriger Angestellter.

Vater: Ich hab nichts, aber auch gar nichts davon bemerkt.

Mutter: Natürlich nicht: Was du kennst, beschränkt sich ja auf Bücher und Paragraphen. Ihre Handtasche, hast du die nicht gesehen?

Vater: Das weiß ich doch jetzt nicht mehr. Ist das so wichtig?

Mutter: O ja. Sie hat sie nie aus der Hand gelegt. Selbst beim Essen lag das Ding auf dem Tisch. Und dann hat sie sie mit dem Ellbogen so zu mir rübergeschoben, dass der Dior-Anhänger fast auf meinem Teller lag! Und dann die Bemerkungen: Ach, man kriegt ja hier nichts Gescheites mehr. Ich werd doch mal wieder nach Paris fliegen müssen… Nach Paris fliegt sie…

Vater: Mein Gott, das ist doch Gerede .

Mutter: Das ist kein Gerede, denn es steckt etwas dahinter (sie macht die pantomimische Bewegung „Pinke Pinke”). Was meinst du eigentlich, was diese Tasche kostet? - Sie kostet 3800 Mark. Und die Heckmann kommt jedes Mal, aber auch jedes Mal mit einer neuen Handtasche daher… Und ich trage schon das dritte Mal in der Öffentlichkeit blau. Wie sieht denn das aus? Und da willst du mich noch nicht einmal zum Coiffeur gehen lassen? Nicht einmal das? Und alles soll ich von den paar Mark Haushaltsgeld bestreiten, von den paar Mark? Wie denkst du dir das eigentlich?

Vater: Komm, ich kann’ s nicht mehr hören. Da. (gibt ihr Geld)

Mutter: Übrigens kannst du dankbar sein, dass ich nicht so eine Fettnudel bin und mir jedes Teil einzeln anfertigen lassen muss! (im Abgehen) Wenigstens deine Pflichten erfüllst du noch, wenn man dich nur stark genug daran erinnert.

Vater: (eine Weile brütend) Albin! (für sich) So charakterlos sollst du nicht werden.

2. Bild: Belehrung

(Albins Zimmer)

Vater: Guten Abend, mein Sohn.

Albin: Guten Abend, Vater.

Vater: Na, wie war dein Tag?

Albin: Ganz gut.

Vater: Sieh mal, jetzt weiß ich schon wieder nicht, wie ich das nehmen soll. Du meinst doch sicher: Im ganzen gut, unter dem Strich gesehen. Aber wenn du sagst: ganz gut, so ist das nicht präzise genug. Du musst dir eine präzisere Ausdrucksweise angewöhnen. Kein Wunder, wenn es bei dir im Deutschen immer an der Ausdrucksschwäche hapert.

Albin: Ja.

Vater: Es ist aber auch schlimm mit dem Verfall der Sprachzucht. Du allein hast daran nur einen kleinen Anteil. An den Schulen wird einfach nicht mehr genug dafür getan. (Pause)

Habt ihr eigentlich die Lateinarbeit noch nicht zurück?

Albin: Nein, Grunzy war krank in der letzte Woche.

Vater: Wer?

Albin: Grunzwald, unser Lateinlehrer. Außerdem ist der immer der lahmste im Korrigieren.

Vater: Das ist doch jetzt schon zwei Wochen her, dass die Arbeit geschrieben wurde?

Albin: (zuckt die Schultern)

Vater: Nun gut. Was macht ihr eigentlich in Geschichte? Davon hab ich schon länger nichts gehört.

Albin: Die Griechen. Polis und so…

Vater: ..und so. Weißt du eigentlich, wie sehr wir heute davon noch leben und zehren?

Albin: Das ist mir alles so weit weg, so fremd… mit den Sklaven.

Vater: Was ist denn eine Polis?

Albin: Ein Stadtstaat.

Vater: Und wie funktioniert der?

Albin: Mit Demokratie.

Vater: Und das heißt?

Albin: Es wird abgestimmt.

Vater: Ja, das ist wohl richtig. Aber was braucht man dazu? Was ist der Kern einer Demokratie? Von wem wird sie getragen?

Albin: Vom Volk.

Vater: Natürlich. Aber was heißt hier Volk?

Albin: Ich weiß nicht, was du meinst.

Vater: Man braucht den politischen Menschen, den, wie die Griechen sagen, anthropos politikos, den Menschen, der sich als Einzelner in der Gemeinschaft gebunden weiß. Der Mensch ist ein politisches Wesen. Das haben die Griechen erkannt. Und nicht der Mensch ist wichtig, sondern dass er politisch ist, das ist wichtig. Und die Griechen gingen sogar noch weiter (kurze Pause) Du warst doch schon öfter im Zoo.

Albin: Klar, warum?

Vater: Sie haben sogar gesagt, der Mensch sei ein zoon politicon, ein politisches Tier.

Albin: (lacht)

Vater: Da lachst du! (er blüht langsam auf) Und es kommt noch mehr. Pass auf. Du weißt doch auch, was ein Idiot ist?

Albin: Ein Irrer.

Vater: Und mehr. Auch dies Wort kommt aus dem Griechischen. Ein Idiot ist einer, der sich nicht am politischen Leben beteiligt, der nur abgeschieden für und in sich lebt und nichts Nützliches für die Gemeinschaft tut. Ja, so ist das. (er kommt ins Sinnieren) Ach, wenn ich daran denke, wie das früher mit soviel Geist gedacht worden ist und wie das heute alles so verflacht und entleert ist. Alles soll nur noch funktionieren, aber der Sinn der Begriffe ist den wenigsten klar, und daran kranken wir alle, krankt unsere Gesellschaft, die sich nur noch mit den seichtesten Dingen und gröbsten Äußerlichkeiten zufrieden gibt. Der Geist der Antike, der Geist Goethes, Kants, wie oft wird das breitgetreten, und wie wenig ist davon noch lebendig! Ja, die wahre Kultur ist nicht mehr da, nur noch ein Kulturbetrieb, Effekte, die sich jedermann noch zu eigen machen will, um auch als Kulturmensch zu gelten.

Ja, zu Ende geht es mit dem Abendland und seinen Traditionen, und die, die sie noch bewahren, sie werden immer weniger.. du hörst mir doch zu?

Albin: (der solcherart Reden schon des öfteren gehört hat und nicht bei der Sache ist) Ja.

Vater: Sie sind immer vereinzelter und können dem gewaltigen Angriff des Geistlosen bald nicht mehr standhalten. Ja, so ist das…

Wo war ich? Ach ja, Albin, und wenn du mir nun sagst, es sei dir alles so fremd, das Alte zumindest, und wenn dir die Schule das nicht vermitteln kann, so will ich dir zeigen, dass man Brücken bauen kann, lebendige Brücken des Verständnisses, ganze Welten bauen sich da vor einem auf.

Albin: Aber was du sagst, das brauchen wir in der Schule nicht.

Vater: Das kann schon sein, und du magst das jetzt auch so sehen, aber später wirst du dich gewiss daran erinnern.

Albin: Ich hab das noch nie verwenden können…

Vater: Sieh mal, ich will dir trotzdem ein Beispiel geben: Industrie, du weißt, was das ist. Und lateinisch, was heißt industria?

Albin: industria? Fabrik?

Vater: Der Fleiß, die Betriebsamkeit. Kommt dir das nicht vor wie eine plötzliche Erkenntnis? Ist damit nicht das Wesen getroffen?

Albin: Ich weiß nicht. (er wird unruhig auf seinem Stuhl)

Vater: Oder, vielleicht war das Beispiel schlecht. Lass mich überlegen. Disciplina, altlateinisch discipulina - die Pflicht und discipulus, das ist doch ähnlich, oder?

Albin: (nickt)

Vater: Es ist eine Wurzel. Und was heißt disciplina?

Albin: Disziplin.

Vater: Nur das?

Albin: Ich weiß nicht.

Vater: Es heißt doch mehr: Im Sport hörst du doch auch oft: In dieser Disziplin, in jener. Disziplin heißt auch: Das Fach, der Inhalt, die Lehre. Und discipulus?

Albin: Der Schüler.

Vater: Sehr gut. Der in den Disziplinen Aufstrebende, der fachlich und formal Erzogene. Was siehst du daraus? - Inhalt und Form sind aus einer Wurzel, sind letztlich dasselbe.

Albin: (ungläubig) Das glaub ich nicht.. Form ist doch äußerlich.

Vater: Das hab ich auch lange geglaubt, aber als ich es mir ganz tief und mit den Jahren immer öfter bedachte, musste ich einsehen, dass die Lehre und die Form eins und dasselbe sind.

3. Bild: Psyche I, Traum und Wunsch

(Albins Zimmer; er selbst auf dem Bett, in einer Art Trance)

Albin: Vorüber gleitet das Boot an überhängenden Felsen, auf denen

unzählige Möven sitzen. Dahinter aber liegt eine kleine Bucht, wie du vermutetest. Knirschend setzt das Boot auf dem flachen Sandstrand auf. Du hast es selbst gerudert, Albin, bis hierher, die ganze weite Strecke, und die ganze Fahrt über hast du sie und hat sie dich angesehen: Berta mit ihren kleinen Grübchen und den sanften Augen und ganz in rosa.

Jetzt steigt ihr aus dem Boot, du hilfst ihr, hebst sie, so, sicher, und ihr steht auf dem Strand und sie kuschelt sich an dich. Und du küsst sie. Ja, du bist stark, Albin, und das ist die Insel, die du für euch gesucht hast. Hier hast du sie hingebracht, um mit ihr glücklich zu sein. Du wirst eine Hütte bauen für euch beide, und niemand wird euer Glück stören.

Immer noch küsst du sie. Doch, Albin, wie stellst du dir das erste Eindringen vor? Alles soll langsam, unendlich langsam vor sich gehen. Du bist sehr zärtlich, Albin, du fühlst alles unheimlich intensiv. Du kennst wie aus höherem Wissen jede Stelle ihres Körpers. Irgendwoher hast du ein Organ für jeden kleinsten Muskel an ihr. So dumm das klingt, irgendwie musst du für sie bestimmt gewesen sein, so intensiv kannst du dich in sie hineinfühlen, so als ob du fast sie selber wärst. Und sie schließt die Augen und überlässt sich dir ganz, sie weiß, dass du der einzige bist, der sie versteht und dass eure Liebe so groß und dauerhaft ist, dass nie etwas anderes dagegen ankommt. „Ich habe dich sehr gern, Albin”, haucht sie, „ich habe es immer gewusst, dass es so kommen musste, wie es gekommen ist.” Du willst antworten, Albin, aber alle Worte sind zu klein …und vor allem der Name Berta. Wer konnte ihr nur diesen Namen geben! So nickst du nur und sprichst nicht mit Worten, du sprichst eine andere Sprache. Irgendwie sind die Worte ja doch nur ein kalter Wind, die die Sonne der Empfindung kühlen. Berta aber spürt, was du sagst mit den Händen, den Lippen, und sie wird nie etwas falsch verstehen. Und nun, Albin, da du so zärtlich und so stark bist, musst du dich langsam bereit zum Beischlaf machen. Unendliche Male bist du schon eingedrungen, und immer war es das erste Mal. Der Traum wiederholt es dir, und jedesmal bist du noch besser, noch gefühlvoller, noch intensiver gewesen. Jetzt ist der Augenblick gekommen, und sieh, Berta ist wie berauscht. Langsam streifst du den Slip von den Schenkeln und elegant gleitest du hinein, und sie stöhnt: „O Albin”. Aber plötzlich spürst du die Kraft, die aus der Tiefe kommt und du reitest drauf los und reitest sie voll ein. Und sie stöhnt: „Nein, Albin ” .Du aber weißt es von irgendwoher, dass du nun keine Rücksicht mehr nehmen darfst und du reitest und reitest. Du fickst sie, dass ihr die Titten tanzen, dass sie sich wälzt und windet, dass sie es spürt und spürt und spürt: Du bist der einzige, und du holst das Weib, das ganze Weib aus ihr heraus.

Irgendwann aber, zwischen noch grauer Nacht und schon grauem Tag findet ihr euch in den Armen wieder, und sie schlägt die Augen auf und flüstert: „Albin, du bist mein Mann. Du hast mich zur Frau gemacht. Ich bin sehr glücklich!” Und du, Albin, du bist sehr stolz auf dich und glücklich und das sagst du ihr auch. Und du legst deinen Kopf auf ihren Leib unterhalb ihrer schönen großen Brüste, und du hörst ihr Herz schlagen, und sie krault dich zärtlich im Nacken wie man ein Hündchen krault, das sehr lieb gewesen ist. (er küsst unbewusst sein Kissen, wacht auf und bemerkt verwirrt seinen Zustand)

4. Bild: Abgebrochener Annäherungsversuch

(Einkaufsstraße; Albin kommt Berta entgegen )

Albin: Berta!

Berta: Guten Tag, Albin (will vorübergehen).

Albin: Guten Tag, Berta. Wo gehst du denn hin?

Berta: Du, Albin, ich bin sehr eilig, ich muss noch zur Drogerie.

Albin: Ja, dann.. auf Wiedersehen (er geht ein paar Schritte in seiner Richtung weiter, kehrt aber dann rasch um).

Darf ich dich nicht ein Stück begleiten?

Berta: Aber du kamst mir doch entgegen. Wieso kommst du jetzt zurück?

Albin: Och, ich… eigentlich ging ich nur spazieren. Ist mir ganz egal, wohin ich gehe.

Berta: Wenn du soviel Zeit hast und mich begleiten willst, ist das sehr nett von dir.

Albin: Findest du?

Berta: Ja. (sie gehen eine Weile stumm nebeneinander her, Albin schaut Berta des öfteren schräg von der Seite an)

Albin: Du, Berta, wollen wir vielleicht ein Eis essen?

Berta: Albin, ich hab wirklich keine Zeit.

Albin: Ach ja, sagtest du, hatt ich vergessen, entschuldige.

(Pause) Das ist aber auch heiß heute (er schüttelt übermäßig den Kopf) Findst du nicht auch?

Berta: Ja, wenn’s nicht bald regnet, wird uns der ganze Garten vertrocknen. Und nicht nur Tomaten und Bohnen, auch die ganzen Blumen, die Rosen und die Levkoien. So viel Wasser zum Gießen können wir kaum herbeischaffen.

Albin: Wir haben selten Blumen zu Haus. Meine Mutter sagt immer: Die Leichen stinken die Vasen voll und machen Arbeit.

Berta: Dann hat sie kein Herz. Außerdem stehen unsre ja im Garten und brauchen keine Vasen.

Albin: Ach ja, sagtest du. Hatt ich vergessen.

Berta: Du vergisst viel heute. Was ist mit dir?

Albin: Du, Berta..

Berta: Ja?

Albin: Ich möcht mit dir reden.

Berta: Das tust du doch schon die ganze Zeit.

Albin: Ja, aber nicht richtig.

Berta: Was ist denn dann richtig? Was meinst du damit?

Albin: Ich mein: wesentlicher, nicht so oberflächlich.

Berta: Ich versteh dich nicht. Wer über Blumen redet, redet doch über was Schönes…

Albin: Das streit ich ja gar nicht ab. Aber meinst du nicht, dass die meisten Leute immer aneinander vorbeireden? Und dass sie das wichtigste nicht sagen?

Berta: Ich weiß nicht. Das kommt mir nicht so vor. Ich fühl mich nicht missverstanden.

Albin: Ich meine das so: Wenn sie über Blumen reden, meinen sie

oft gar nicht die Blumen, sondern etwas anders.

Berta: Ich meine die Blumen, die haben doch auch einen Wert. Was soll da noch anderes sein?

Albin: Du verstehst mich nicht.

Berta: Ist auch nicht leicht.

Albin: Ich denke..

Berta: Wir sind da.

Albin: Wo?

Berta: An der Drogerie. Gehst du mit rein oder bleibst du hier oder gehst du weiter? Dann „Auf Wiedersehen”

Albin: Ich bleib hier und warte.

Berta: Vielleicht erklärst du mir dann, was du meinst.

Albin: (allein) Scheiße! Ich könnt mir selbst um die Ohren schlagen. Irgendwie bin ich so nervös und unsicher, dass ich nie das Richtige rausbringe, so kribbelig..

(Gerd kommt vorbei, mit einem großen Recorderradio unterm Arm, laute Musik)

Albin: (für sich) Auch das noch! Ausgerechnet jetzt.

Gerd: Ah! High Albin! schau mal, hab ich gerade gekauft… Unheimlich starker Kasten, 2 mal 20 Watt stereo portable.

Albin: Hallo Gerd.

Gerd: Findste nicht? Sonderangebot. 260 Mark, normal 320. Ist doch Spitze, nicht? Du, ich wollt zum Stadtbrunnen. Kommste mit?

Albin: (plötzlich sehr eilig) Ja, ja, komm, wir gehen. Wo haste denn soviel Kohle her?

Gerd: Tja, die letzte Arbeit, die letzte Arbeit brachte die Bescherung. Ha, ich bin gespannt. Wenn am Brunnen die heißen Rhythmen ertönen, dann schwirren die Bienen summ, summ, summ um den swingenden Gerd herum. Die scharfe Susi hab ich vorhin gesehen. Wenn wir richtig die Watt aufdrehen, du, die hat feine Ohren, die hört das… lausch mal; die Superpunks.

Albin: Kenn ich doch.

Gerd: (singt mit) Baby, I’d such a bad time, but now, but now

(er brüllt die nows voll heraus) Ist doch Spitze. Da ist power hinter.

Albin: (abwesend) Ja, ja.

Gerd: Was ist los mit dir? Biste nicht ganz da?

Albin: Ach, Quatsch, komm, machen wir, dass wir hinkommen.

5. Bild: Hilfeschrei I

(Schlafzimmer der Mutter; sie steht vor dem großen Wandspiegel und macht sich zurecht; Albin tritt herein; sie sieht es im Spiegel)

Mutter: He! Was willst du denn hier?

Albin: Ich möchte dich etwas fragen, Mutter.

Mutter: Ich mag es nicht, wenn du immer Mutter zu mir sagst. Also, was ist?

Albin: Isabella, es ist..

Mutter: Na also, es geht doch. Setz dich (sie posiert vor dem Spiegel).

Albin: Ich wollte dich etwas fragen.

Mutter: Sagtest du.

Albin: Ich… (er bricht ab) es ist nicht so leicht… (Pause)

Mutter: (dreht sich zu ihm um) Eigentlich bist du schon ein richtiger junger Mann geworden. Wie fühlst du dich denn da?

Albin: Ich weiß nicht so recht, was du meinst

Mutter: Ach, komm, tu doch nicht so. Du bist doch kein Kind mehr.

Albin: Es ist unheimlich unterschiedlich. Mal fühl ich mich stark und fähig, sehr viel auszuhalten, dann wieder fällt alles auf mich ein, und ich fühle mich weggetrieben wie von einem Strom, von dem ich nicht weiß, wohin er mich trägt.

Mutter: Sieh mal an. Und weiter? Wann fühlst du dich stark und wann in einem Strom?

Albin: Stark, wenn ich eine Aufgabe gelöst habe, von der ich dachte, dass ich die nie packe. Und schwach, wenn ich versage.

Mutter: Ach so (enttäuscht; sie tupft sich das Gesicht ab)

Albin: Aber manchmal ist beides dasselbe.

Mutter: Jetzt weiß ich gar nichts mehr.

Albin: ..mein Verhältnis zu andern Menschen. Da sind dann Widerstände, auf sie zuzugehen, doch je mehr ich gehe, desto größer sind sie. Ein anderes Mal aber ist gar kein Widerstand da, selbst wenn ich welche suchen würde, und dann ist beides dasselbe. Ich weiß aber nicht, woher das kommt.

Mutter: Du sprichst in Rätseln…

Albin: Manchmal fühl ich mich unwahrscheinlich frei und dann wieder wahnsinnig gehemmt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht weiß, was ich bin oder was ich sein soll.

Mutter: Du musst nicht so viel fragen. Du bist jung. Genieß das.

Albin: Ja.

Mutter: (ist jetzt fertig geworden) Findest du eigentlich, dass ich gut aussehe?

Albin: Ja sehr… weißt du, manchmal wundere ich mich, dass ich überhaupt da bin. Ich steh dann wie vor einer Wand und weiß nicht, was ich soll, was das alles mit mir soll.

Mutter: Junge, bist du grüblerisch. Du wühlst ja richtig in dir. Ich glaub, du machst dir die meisten Probleme selbst.

Albin: Nein, ich hab mich das schon oft gefragt, vor allem in letzter Zeit.

Mutter: Hast du denn überhaupt keine andern Interessen? Was dich ablenkt? Mädchen zum Beispiel?

Albin.: Natürlich, Mädchen auch.

Mutter: Aber ich sehe keine…

Albin: Dann denke ich nämlich, es muss doch etwas Richtiges sein, etwas Großes, wofür man da ist.

Mutter: Nun fang du mir auch noch an.

Albin: Sonst käm ich mir vor wie eine Maschine, die funktioniert. Und dann weiß ich immer noch nicht, was ich bin und was ich soll.

Mutter: Ich verstehe das wirklich nicht. Was willst du überhaupt?

Albin: Ich wollte dich ja auch etwas fragen.

Mutter: Dann sags auch endlich.

Albin: Ich weiß nur nicht, wie ich anfangen soll.

Mutter: Du hast doch jetzt schon so viel krauses Zeug erzählt. Jetzt wirst du doch wohl keine Hemmungen mehr haben.

Albin: Warum habt ihr eigentlich getrennte Schlafzimmer?

Mutter: (verärgert) Du dummer Junge. Du verstehst aber manches nicht richtig.

Albin: Das hab ich doch gesagt.

Mutter: Ja, ja, das hast du. Du weißt ja, dein Vater muss früh raus, und ich, ich bleib halt gern ein bisschen länger liegen. (sie lächelt gequält)

Albin: Ist es nur deshalb?

Mutter: (kurz) Natürlich.

Albin: Ich denke halt oft daran und ich sehe und höre das ja auch. Ihr versteht euch nicht gut. Ihr streitet so oft.

Mutter: Das ist wohl in jeder Ehe so.

Albin: Ich weiß nicht. Ich kenne keine andre. Ich höre immer nur von Freunden…

Mutter: was?

Albin: dass es bei den andern nicht so ist.

Mutter: Was weißt du denn! Dass ihr überhaupt darüber redet. Neben all euren schulischen Problemen dafür noch Zeit habt.

Albin: Liebt ihr euch eigentlich noch?

Mutter: (getroffen, fasst sich aber schnell) Was für Worte! Du bist sehr indiskret. Das geht dich überhaupt nichts an. Was fällt dir eigentlich ein, in mein Schlafzimmer zu kommen, am helllichten Tag?

Albin: Hilf mir doch, Mutter (er stürzt auf sie zu)

Mutter: (wehrt ab) Wie soll ich dir helfen? Mir hilft auch keiner.

6. Bild: Kleines Gruppenritual

(Parkbank; Anette bietet Petra eine Zigarette an)

Anette: (zu Berta) Willst du auch eine? -

Berta: Nein, danke.

Anette: Der Bauer ist richtig süß. Findest du nicht auch?

Petra: Ja, so einen duften Lehrer hatten wir noch nie.

Anette: Wie der heute so guckte, so richtig verlegen. Aber dass der immer in so Opajacken rumläuft. Wie’ n Junggeselle, der sich nie was Neues kauft.

Petra: Ist der nicht verheiratet? Ich mein, ich hab so was gehört.

Anette: A nee, der trägt doch gar keinen Ring.

Petra: Vielleicht zieht er ihn ja morgens vor der Schule immer ab? (sie lachen, Berta lächelt)

Anette: Weißt du, das könnten wir ganz einfach rauskriegen. Wir rufen einfach in der Pause mal bei ihm zu Hause an, während er in der Schule ist.

Petra: Au ja, tolle Idee.

Anette: Hast du eigentlich gemerkt, was der für rote Ohren kriegt, wenn er Lydia oder mich drannimmt?

Petra: Wirklich? Ist mir nicht aufgefallen. Aber seine Nasenspitze wird manchmal ganz weiß, und dann fährt er so unruhig mit seiner Hand an seinen Bart oder in die Hosentasche.

Anette: Ja, ja, das Blut sammelt sich manchmal an bestimmten Stellen.

(sie lachen laut, Berta lächelt)

Petra: Bist du eigentlich noch mit Michael zusammen?

Anette: Michael? Den kenn ich doch so gut wie nicht.

Petra: Ich hab euch doch mit eigenen Augen zusammen gesehen.

Anette: Der wollte immer gern. Aber reine Einbildung seinerseits.

Dauernd lief er hinter mir her und erzählte mir irgendwas von ‘ner neuen Rockgruppe, die kein Mensch kennt. Superöde, der Typ. Jetzt bin ich den Affen endlich los. Der hatte auch was richtig Blödes in seinen Wasseraugen.

Petra: Blaue mag ich auch nicht. So richtig schwarz müssen sie sein, am besten wie die von Angelo.

Anette: Angelo, das ist schon was anderes.

Petra: Sieht er nicht aus wie ein kleiner Löwe?

Anette: Er hat ja auch wenigstens die passenden Haare dazu. Hat ja sonst keiner mehr. Laufen ja alle rum wie die Pfadfinder oder Soldaten. Schrecklich.

Petra: Und richtig nett ist kaum einer noch.

Anette: Die strengen sich nicht mehr an. Die meinen alle, sie hättens nicht nötig, brauchten nur zu pfeifen, und wir würden vor ihnen auf dem Bauch liegen.

Petra: Da sagst du was Wahres. Letztens kommt doch der Richard, lädt mich zum Eis ein, ja und nachher glaubt doch der Kerl, er dürfe so langsam, langsam den Arm um mich legen. Na, dem hab ich was erzählt.

Anette: Der kam mir immer schon so plump vor, der Richard. Plump sind sie, plump und aufdringlich.

Petra: Was ist los mit dir, Berta, du sagst ja gar nichts?

Berta: Ich hör euch zu. (mit etwas Stolz). Aber nette Jungs gibts doch noch. Gestern traf ich Albin…

Petra: Der kleine…

Berta: So klein ist er auch wieder nicht.

Petra: Und?

Berta: Was soll sein? Wir haben uns nett unterhalten.

Anette: Aber er ist auf dich abgefahren?

Petra: Köstlich.

Berta: Das weiß ich nicht.

Anette: Das merkt man doch.

Berta: Ich kann es ehrlich nicht sagen. Wir haben uns einfach nur unterhalten.

Anette: Hat er denn nicht versucht, dir zu zeigen, wie toll er ist? Oder wann er dich mal sehen darf oder was ähnliches?

Berta: Nein, er war sehr zurückhaltend. Doch dann war er plötzlich nicht mehr da.

Petra: Oh Berta.

Anette: Manche lernens nie.

Berta: Ihr seid gemein. (sie geht )

Petra: War doch nur Spaß, Berta. Nimms nicht übel!

Anette: (fängt nach einer Pause an zu lachen) Wenn ich mir das vorstelle!

Petra: (lacht mit)

7. Bild: Psyche II, Gefängnis des Ich

(Dieselbe Szenerie, Albin schiebt ein Fahrrad, setzt sich im Laufe der Szene)

Albin: Wie die Wolken ziehen! Dunkle Türme am Himmel. Und Wände. Wie eine Burg um mich rum. Und wo ich gehe, immer ist ein Kasten von dicken Wolken um mich her. Ich komme da nicht durch. Und dann wird es schwarz und ganz dunkel. Ich zünde ein Streichholz an, es gibt ein kleines, flackerndes Licht , und es malen sich schöne schlanke Schatten an die Wände, Schatten von Menschen, Frauen und Mädchen und guten Freunden, ich will sie anfassen und einladen, aber mein Licht reicht nicht aus, es zuckt, es verglimmt, und ich weiß nicht, wie wahr und echt das alles ist. Kommen sie von draußen? Ja, ja, wo sonst her. Da muss es doch auch hell und frei sein.. draußen.

Und Stimmen dringen durch die Wolkenwand, aber was sagen sie denn? Wovon reden sie? Ich versteh ihre Worte, aber was meinen sie? Ich rufe: „Wollt ihr mich denn?” Und die Wolkenwände beulen sich vor. Lachen unter meinem eigenen Echo. Wenn das so hart da draußen ist, dann bleib ich lieber in meiner dunklen warmen Wolkenzelle. Und ich zünde wieder ein Streichholz an und versuche zu erkennen, ob da ein Ausweg ist. Aber es werden mehr und mehr verbrannte Streichhölzer, und manchmal hör ich mein Herz donnern wie von fern eine große Explosion. „Wollt ihr mich denn? Wollt ihr mich denn?”

8. Bild: Freundeskauf

(Am Kiosk, Bank mit Plakatwänden dahinter; Albin und Fluppy rauchen) ,

Albin: So ‘ne Scheiße. Ich blick’ s nicht in Mathe. Das gibt ‘n Horror morgen.

Fluppy: Ist doch geschenkt. Die paar Gleichungen machste doch locker. Stur nach Tabelle.

Albin: Eben nicht. Ich hab so’ n flaues Gefühl, dass ich’ s nicht pack.

Fluppy: Ganz klare Sache. Binomische Formeln. Immer dasselbe. Langweilt mich richtig.

Albin: Hör auf mit dem Zeug. Ich kann’ s nicht mehr hören.

Fluppy: Na siehste. Einen Nachmittag investierste und drückst dir’ s ins Hirn. Reine Gedächtnissache.

Albin: Sag mal, könnten wir nicht doch mal nachher kurz zusammen mal drübergehn?

Fluppy: Oh, das geht schlecht. Ich muss meiner Mutter helfen. Warum haste mich gestern nicht gefragt?

Albin: Weiß nicht. Da hatt ich den Horror noch nicht.

Fluppy: (drückt seine nicht zu Ende gerauchte Zigarette aus, schaut auf die Uhr) Oh je, schon so spät. Ich glaub, ich muss los .

Albin: He, warte doch noch. Ich hab da war ganz Heißes. Willste mal sehen? (er holt ein Pornoheft aus der Tasche)

Fluppy: Da an der Bude hängt das Zeug doch auch aus.

Albin: Der nicht. Spezialversand. Nur für Mitglieder (er lacht).

Fluppy: Bistu Mitglied?

Albin: Ich? Nee, Hab aber meine Drähte. (Fluppy blättert)

Fluppy: Wow, ist der scharf.

Albin: (lehnt sich lässig auf die Bank zurück) Mehr in der Mitte, da wird’ s noch heißer.

Fluppy: Wo haste den her? So einen hab ich noch nie gesehen.

Albin: Sag ich ja. Mein Alter hat stapelweise davon. Die hat er im Bücherschrank hinterm Lexikon versteckt. Und hält sich für klug. Ich kann dir morgen neue besorgen. Kein Problem.

Fluppy: (blättert angestrengt im Heft, er scheint nicht mehr zuzuhören auf das, was Albin sagt)

Albin: Das schärfste ist immer, wenn die Dinger ankommen. So einfach verpackt wie die weißen Marken, dass du nicht ahnst, was drin ist. Und. wenn ich dann meinem Alten sag: Du, da ist wieder eins von den weißen Päckchen gekommen, dann tut er immer so gleichgültig: Vom Pan-Versand? Ach so, leg’ s mal auf die Kommode. War denn nichts Wichtiges dabei, keine Büchersendung? Dann tut er immer ganz enttäuscht und ich merk, wie er sich heimlich freut und froh ist, dass keine Büchersendung dabei war.

Fluppy: Guck mal hier, die hier mit den dicken Ballons. Erinnert mich unheimlich stark an Anette.

Albin: Anette? Die hat doch nix auf der Brust hängen.

Fluppy: Ich mein doch mehr vom Gesicht, von den Haaren.

Albin: Ach so. Von den Titten wär’ s eher die Berta.

Fluppy: Und der Typ dabei mit der Glatze. Das ist das Größte.

Albin: Und die Stellungen. Oben, unten, rechts, links.

Fluppy: Munter, munter, die lassen nichts aus.

Albin: Sind auch heiße Geschichten dabei: „Er fickte seine Tante”. Sieben Fortsetzungen. Hab ich alle gelesen.

Fluppy: Dann biste ja gut informiert. Nur ob du damit die Mathe schaffst?

Albin: Reg mich nicht auf. Ist mir auch Scheiß egal (Pause).

He, Fluppy, willste das Heft haben? Ich schenk’ s dir.

Fluppy: O.K. Danke. Das lenkt mich ab zuzeiten. Ne schöne Erholung.

Albin: Kann man wohl sagen…

Fluppy: Und dein Alter? Merkt der nichts? Wenn was fehlt?

Albin: A wo. Der hat genug. Außerdem ist er blöd. -

Fluppy: Na, wenn du’s sagst.

(Anette, Berta und Petra kommen vorbei, Arm in Arm)

Petra: (kichert) Unsre Traummänner!

Anette: Haltet mich, Kinder, mir schwindelt…

Petra: Ich bin ganz weg.

Berta: Guten Tag Fluppy, guten Tag Albin.

Anette: Och, Berta, du verstehst keinen Spaß. Siehst du nicht, wie männlich sie sitzen (macht Fluppys Kopfhaltung nach).

Petra: Was lest ihr denn schönes?

Fluppy: Keine Bravo. Nichts für kleine Mädchen.

Albin: (halbleise zu Fluppy) Tu’ s weg. (er läuft rot an)

Fluppy: Ein kleiner Porno zur Entspannung von anstrengender Arbeit.

Albin: (zu Fluppy) Gib her, ich steck ihn in die Tasche.

(zu den Mädchen) Haben wir gefunden, ist ziemlicher Schwachsinn.

Fluppy: (hüstelt)

Petra: Aufklärung tut not bei den Knaben.

Anette: Lass sehen. Sind auch Männer drin.

Fluppy: Die schönsten (er hält das Heft vor sich hin und blättert langsam, so dass es für die Mädchen zu sehen ist).

Berta: Schweinisch.

Albin: Komm, ist gut, Fluppy, lass sein.

Fluppy: Warum denn? Guck mal, Anette, ich halt hier zu. So sieht’ s aus wie du. Und jetzt nehm ich die Hand weg, und was sehn wir? Eine Frau (er grinst breit).

Anette: Du Schwein, was du immer nötig hast!

Fluppy: In einigen Jahren, mein Kind, kannst du darüber urteilen. Doch wovon eine nichts weiß, davon sollte sie nicht sprechen. Berta! Jetzt halt ich den Kopf zu, und du siehst nur diesen prallen Körper. Vielleicht gelingt dir, was Anette nicht schafft.

Albin: (reißt an dem Heft, zu Fluppy) Gib her, ist genug jetzt.

Fluppy: (prustet heraus) Er hat mir das Ding doch geschenkt, und jetzt will er’ s mir aus der Hand reißen.

Petra: Komm, lasst uns gehen, sie stinken, die Schweine.

Fluppy: Die blöden Ziegen, und du bist mir auch ein Held.

Albin: Du Sau.

Fluppy: (schmeißt den Porno hin) Du bist die Sau und willst es nicht sein.

9. Bild: Großes Gruppenritual

(Partyraum im Hause von Gerds wohlhabenden Eltern. Alle sitzen auf dem Teppichboden, um sie herum, in Form einer großen Acht, volle Bierflaschen; Alfred kommt gerade herein)

Alfred: High fans (sieht auf das Bier)! So richtig einen abzocken, full stuff …das baut auf.

Fluppy: Sind wir komplett?

Gerd: Wenn Christoph nicht kommt.

Alfred: Kommt er? Kommt er nicht? Wer weiß es? Ist doch genug da. Ich schlage vor, wir fangen an.

Fluppy: Ah, so ‘ne richtige Männerfete. Immer dies laue Gewäsch mit den Weibern.

Alfred: Aber, aber, wir wollen die Frauen nicht vergessen. Prost Jungs, auf das was wir lieben.

Alle: Prost!

Alfred: Ich hab übrigens seit gestern ‘ne Neue. Sylvia. Heißes Weib.

Albin: Sylvia? Kenn ich nicht.

Alfred: Haste bestimmt schon gesehn. Zwei Klassen über uns. Die blonde mit den langen Haaren. Spitze, immer in Mini. Aber drunter immer stramm Maxi. (lacht)

Gerd: Wow!

Alfred: (trinkt) Ah, tut das gut! Einen Abend stoßen, einen Abend saufen. Ich sage mir immer: So viel Bier wie du trinkst, so viel fucks setzt du an; wer das nicht draufhat, der ist kein Mann.

Albin: Haste sie schon?

Alfred: Mann, sind das Fragen! Selbstredend!

Gerd: Erzähl, wie hast du’ s geschafft. War’ s schwer?

Alfred: Wie immer. Sie war schon lange heimlich scharf auf mich, hat’ s nur nicht gewagt. Na ja, einmal musst’ s ja soweit kommen. Also: Ich steh am Kiosk und rauch eine, ganz lässig steh ich da, so (macht vor mit aufgelehntem Arm), da kommt sie vorbei. Ich sag: „Na, Baby, Schule schon aus? Geht’ s heim zu Muttern? Ich seh, wie die Nudeln schon dampfen.” Darauf sie: „Wer bist du denn, dass du mich so blöd anlaberst?” Ich sag: „Ich bin der Ramba-zamba-rucki-zucki-teeny-mini-Alfred.” Sie, immer noch schmollend - einen süßen Schmollmund hat sie - sieht mich schräg an. Ich sag: „Baby, nimm ’s nicht tragisch, komm, ich fahr dich zu Muttern, wenn du willst, meine Maschine wartet…” Na ja, und nach ein paar Sätzen entkrampft sie sich, und schwupp! sitzt sie auf. Aber, Freunde, die Nudeln, die sind wohl ziemlich kalt geworden. (allgemeines Lachen) Na ja, Jungs, der Rest ist geheim.

Albin: Wie schaffst du das nur so schnell?

Fluppy: Er würd wohl auch gern.

Alfred: Biste noch Jungmann? Wow. Das wusst ich nicht. Ich wollt keine Minderjährigen verführen.

Albin: Natürlich hab ich Erfahrung.

Fluppy: Sicher?

Albin: Jawohl!

A1fred: Was ist los, Jungs? Ich erzähl euch, freundschaftlich, ‘ne nette Begebenheit, und ihr macht ein Drama draus. Also, Albin, was ist los?

Albin: Ich frag nur, wie schaffst du’ s so schnell.

Fluppy: Ist doch geschenkt! Er hält sich mit Pornos hoch.

Albin: (giftig) Aber du wollst ‘n haben!

Alfred: Hör mal auf, Fluppy, ich muss dem Jungen was erklären.

(mehr zu Albin) Das wichtigste ist: immer locker, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und cool, unberührt. Sonst legste drauf.

Albin: Ich kann das nicht glauben.

Alfred: Die Liebe ist ein Spiel, mein Freund.

Albin: Ich will aber was Wahres und kein Spiel.

Alfred: Mann, damit langweilst du die Frauen. Außerdem kannste dann warten, biste schwarz wirst. Komm mal mit (sie stehen auf und gehen in den Hintergrund). Jungs, ihr versteht.

Fluppy: Der hat wirklich noch nie.

Gerd: Und wie steht’ s mit dir?

Fluppy: Keine Zeit. Außerdem will ich mal Medizin studieren.

Gerd: Frauenarzt?

Fluppy: Schwachkopf. Ihr besteht wirklich nur aus Geilheit. Ich hab’ s an meinem Bruder gesehn, der seinen Notenschnitt nicht hatte. Jetzt studiert er Völkerkunde.

Gerd: Nicht jeder schafft das wie du. Ich fühl’ s auch oft prickeln.

Fluppy: Alles Quatsch. Verarsch die Weiber. Das macht dich frei.

Gerd: Ist doch auch Scheiße. Mensch, wenn ich bloß erst 18 wär, und mein Alter gäb mir seinen SL, und ich könnt so richtig langsam an der Schule vorbei, so richtig gleiten, verstehste - dann könnt ich was reißen. Aber so!

Fluppy: Ihr habt’ n tolles Haus. Hab ich gleich gesehen. Schon wenn man oben reinkommt.

Gerd: Wir haben auch’ n Pool im Garten.

Fluppy: Wenn ihr soviel Kohle habt, dann gehste selbst doch auch nicht ganz leer aus und kannst dir die Weiber kaufen.

Gerd: Es ist irre! Was meinst du, was ich schon versucht hab! Die, die ich kaufen kann, gefallen mir nicht, und die, die ich will, lassen sich nicht kaufen.

Fluppy: Dann liegt’ s an dir. Das geht mir nicht in den Kopf. Wenn ich mal Arzt bin, das kannste mir glauben, dann hab ich auch Frauen.

Gerd: Und wie hältst du’ s aus bis dahin?

Fluppy: Hier.. (macht die Wichsbewegung)

(Alfred und Albin kommen zurück)

Alfred: Hört mal Jungs, ich glaube, unser Albin, der schafft’ s, er hat da ein Objekt im Visier.

Gerd: Brav!

Fluppy: Lasst hören.

Alfred: Wir haben ‘ne starke Taktik ausgeknobelt. Grundsatz: Isoliere das Weib von dem was ihm Halt gibt.

Fluppy: (prustet)

Alfred: (wild gestikulierend, dabei fällt ihm die Glut seiner Zigarette auf den Boden)

Ach, du verstehst gar nichts. Ich nehm mir noch mal’ n Bier. Also: ganz einfach. Sprich sie nie in Gruppen an. Die Weiber halten sich aneinander fest und du bist verarscht…

Fluppy: Kommt drauf an.

Alfred: Wenn du gewinnen willst…

Fluppy: Nun gut.

Alfred: Habt ihr denn keinen zweiten Aschenbecher? Scheiße, mir ist hier die Glut auf den Boden gefallen.

Gerd: (springt hoch) Bist du wahnsinnig? Wenn das meine Mutter merkt, die macht mich ein.

Alfred: (zuckt die Achseln) Passiert doch auf jeder Fete mal. Muss man doch Verständnis für haben.

Gerd: (mit Scheuerlappen reibt heftig an der Stelle) Kannst du denn nicht aufpassen, du Arsch! Alles schwarz. O Gott! Das krieg ich nie wieder raus. Hilf mir doch mal einer.

Alfred: (unbeweglich) Ist halt passiert. Tut mir leid. Ihr habt doch die Kohle. Trifft euch doch nicht. Alter Teppichboden raus, neuer Teppichboden rein. ‘Ne Sache von einem Tag.

Gerd: Da kennst du meine Mutter schlecht. Die wissen doch gar nichts von der Fete.

Alfred: Und wo kommt das Bier her? Ich dacht schon, ’s wär der Service des Hauses. Wollt schon auf deine Alten trinken…

Gerd: Von meinem Taschengeld.

Alfred: Stell doch das Stuhlbein so hin, dass es genau auf dem Fleck steht.

Gerd: Ach, Scheiße, das merken die. Au Backe, wird das hart.

Alfred: Beruhige dich doch. Sag, ich bin’ s gewesen, Junge. Sag, wir hätten gelernt, Mengenlehre oder was weiß ich, an Streichhölzern, und da ist halt eins explodiert. Dafür haste jetzt alles verstanden. Komm, tu den Lappen weg, ist nicht zu ändern. Bring lieber noch’ n Aschenbecher.

Gerd: Nein, nein, das bringt’ s nicht. Ich muss mir was anderes überlegen. Außerdem bin ich nicht so schlecht in der Penne, dass ich Nachhilfe brauche .

Alfred: Fluppy ist besser.

Gerd: Weiß ich doch, Blödmann.

Fluppy: Stimmt. Du lernst nie mit andern. Wie machst du’ s?

Gerd: Ist doch egal.

Fluppy: Find ich nicht. Bei dir wär mehr drin, wenn du dich abchecken ließest. Du bist trotzdem nicht schlecht. Sag, wie machst du’ s?

Gerd: Will ich nicht drüber reden.

Alfred: Und das nennt man Freundschaft. Inniges Zusammensein mit Gleichgesinnten. Ich fühl mich von dir verarscht, Gerd.

Fluppy: Ich aber auch, und ganz gewaltig.

Gerd: Also, aber ihr müsst es für euch behalten. (er sieht sich um) Ehrlich, alle. Meine Mutter, die hat da so Pillen, die wirken unheimlich gut, vor allem mit Cola. Und vor ‘ner Arbeit oder ‘nem Test, da nehm ich mir zwei oder drei. Die geben mir unheimlich viel Druck. Und die Konzentration ist plötzlich da, weil ich mich so wahnsinnig stark fühl und echtgehend lachen muss über den Schwachsinn, der da verlangt wird. Früher, da war ich immer so nervös vor der Arbeit und dachte: Kannste das packen, trauste dir das zu, schaffstes in der Zeit, und schon war der Horror da. Doch heute: cool geh ich’ s an, komm wie vom andern Stern runter, schau mich um, was hier Sache ist, und dann rucki-zucki ausgeführt und adios, wieder auf meinen Stern, interessiert mich alles nicht mehr.

Albin: Mann, das ist stark.

Fluppy: Nee, das ist schwach.

Alfred: Ich werd irre: der gedopte Schüler!

Fluppy: Kannste froh sein, dass es noch keine Doping-Kontrolle gibt.

Albin: Kommt auch noch, wetten?

Alfred: Wenn ich mir das vorstelle: Jeden Morgen Urin abgeben.

Fluppy: Der Hausmeister zählt die Ampullen.

Albin: Der Direx hält die Teststreifen rein.

Alfred: Wir sind Profis, Jungs, echte Profis. Gib noch mal’ n Bier. Ich hab’ s gewusst.

Gerd: Aber, ihr habt’ s versprochen, kein Wort.

Alle: Klar.

(Plötzlich geht die Tür auf, Gerds Schwester erscheint)

Alfred: Ah, Damen, endlich!

Gerd: Was? Du? Ich dacht, du bist in der Disco.

Astrid: War ich auch. Aber da warn nur beknackte Typen. Die einen zum Gähnen, die andern zum Kotzen. Aber, Brüderchen, erklär du mir doch lieber, was hier vor sich geht…

Gerd: Kleines Zusammentreffen mit guten Freunden.

Astrid: Feucht fröhlich oder feucht wehleidig?

Alfred: N’ Abend, Lady. Wir sind Gerds auserlesene Gäste, in trauter Runde beim kühlen Getränke.

Astrid: Danke, ich bin schon frustriert.

Alfred: Aber, aber, Kindchen, wer wird denn so voreingenommen sein? Sonst könnt man ja denken: Die Disco prägt fürs Leben, formt den Charakter… nicht umsonst halten wir uns da fern.

Astrid: Ihr kämt ja gar nicht rein. Ihr Bürschchen seid doch höchstens fünfzehn.

Alfred: Über Alter und Geld spricht man nicht. Nur eins steht fest: Wir bewahren ihn noch, den zarten Schmelz der frühen Jahre.

Astrid: (zu Gerd) Was ist denn das für’ n Typ?

Alfred: Ich bin der Ramba-zamba-rucki-zucki-teeny-mini-Alfred.

Astrid: Von allem etwas, nur nichts Greifbares.

Alfred: Das kommt, über Nacht.

Astrid: Träume, Träume.

Alfred: Träume haben schon oft die Welt verändert.

Astrid: Genau das werd ich jetzt tun, nämlich träumen. Gute Nacht, du Ramba-zamba. Gerd, wo lässt du denn die Bierflaschen?

Gerd: Lass das mal meine Sorge sein.

Astrid: O.K., O.K. (ab)

Alfred: Na, wie war ich?

Fluppy: Nicht mehr ganz sauber.

Gerd: Idiotisch.

Alfred: Kinder, habt ihr denn nicht gemerkt, was da für’ n drive dahintersteckte?

Fluppy: Sie hat dich doch absolut eingemacht.

Alfred: Versteht ihr denn nicht so viel (schnippt mit dem Finger)? Die kann sich doch hier nicht einfach ausziehen, wenn ihr dabeihockt, schon wegen Gerd. Wetten, wenn ihr nicht dabei gewesen wärt, hätt ich sie abgeschleppt.

Fluppy: Scheiß-Sprüche.

Alfred: Allein der Satz: „Was ist denn das für’ n Typ?” zeigt doch, wie scharf sie war. Meine Möglichkeiten lagen doch klar auf der Hand. Auch Albin oder Fluppy, ihr hättet ‘ne Chance gehabt.

Albin: War nicht mein Typ.

Alfred: Tut doch jetzt nichts zur Sache. Statt dessen sitzt ihr stumm da wie die Fische. Ihr sitzt und wartet bloß auf eure Chance. Ich sage euch: Scheiße. Als Mann musst du dir deine Chance erst erarbeiten, jede.

Fluppy: Hört, was der weise Guru spricht.

Gerd: Ich find auch, dass du’ n bisschen übertreibst.

Alfred: Immer der Undank! Dabei bin ich der einzige gewesen, der’ s wagte. Ich müsst fast noch extra Punkte kriegen, weil’ s deine Schwester ist, Gerd. (er schüttelt den Kopf) Großzügig kriegt ihr Anschauungsunterricht, doch anstatt dass ihr mitmacht, drückt ihr euch in die Ecken wie die Hunde. Nachher aber, wenn das Objekt weg ist, habt ihr die größte Klappe.

Albin: Er hat nicht unrecht.

Alfred: Das will ich wohl meinen.

Fluppy: Sein Gestrunz geht mir auf die Nerven.

Gerd: Frieden, Jungs.

Alfred: Von wegen Gestrunz. Wenn ich erst mal richtig loslegen würde, da würden euch die Ohren erzittern. Was ich euch erzähle, sind ja bloß die Anfänge, das Anmachen. (er erhebt sich, zieht lang und intensiv an seiner Zigarette ) Wisst ihr, am meisten könnt ich natürlich vom Ficken erzählen. Aber da schweigt der Gentleman. Das andere aber, wo ihr Probleme habt, das teil ich euch freundschaftlich mit. (er sinniert) Wisst ihr, bei mir geht das irgendwie automatisch, fast instinktiv. Ich weiß nicht warum. Vielleicht liegt’ s daran, dass die Weiber doch alle gleich sind.

Albin: Das glaub ich nicht.

Fluppy: Geh nur nah genug ran, dann wirstes sehn (er feixt).

Alfred: Und weil die Weiber alle gleich sind, kannste ihnen auch immer gleich kommen. Ich zieh das zur Zeit auf Ramba-zamba.

Albin: Damit kommste nicht bei allen an.

Alfred: (winkt ab) Ach, Albin. Ich seh doch, wies wirkt. Dass du damit allein nichts reißt, ist klar. Bearbeiten, immer bearbeiten, Junge. Sieh mal, du bist verkrampft, du schämst dich fast, dein Objekt anzugehen. Ich sage dir: wofür? Ein Wort ist ein Wort, mehr nicht. Doch die Weiber saugen das auf, echt. Die wollen die Schau, die kommen da nicht gegen an, weil’ s im Grunde alles Nutten sind.

Albin: Deine ja. Aber es gibt noch andere Frauen.

Fluppy: Was hat er nur?

Alfred: Ist unbelehrbar. Er sieht nicht mehr klar. Er verzweifelt an seinem Objekt.

Gerd: Wer ist es denn?

Albin: Haltet ihr euch da raus.

Gerd: Jetzt lässt er auch noch die Klappen runter.

Fluppy: Ich finde, hier hat jeder heute schon was rausgelassen. Jetzt bist du dran, Albin.

Gerd: Aber echt.

Alfred: Quält den Jungen nicht so. Albin, wir sind deine Freunde. Wir helfen dir kameradschaftlich. Komm schon, sag schon, wer es ist.

Albin: Ihr amüsiert euch ja doch nur auf meine Kosten.

Alfred: Aber, Junge, ich hab die Frauen nicht gemacht. Sie sind wie sie sind. Da kannste nicht drumrum oder einfach sagen: Ich bin der edle Albin, nun kommt gefälligst her und werft euch auf mich.

Albin: Ja, stimmt ja, aber trotzdem muss es doch einen andern Weg geben, einen offeneren, ehrlicheren.

Alfred: Alles Theorie. Sag, um welches Objekt es sich handelt, und wir spezialisieren die Taktik, die wir vorhin ausgeknobelt haben.

Albin: Aber ihr dürft nicht lachen.

Alfred: Nein, bestimmt nicht.

Albin: Es ist Berta. Ich liebe Berta.

Alfred: Prost Jungs. Auf Albin und sein Gerät!

Gerd: Wen?

Fluppy: Die Riesentitte. Kennste doch. (mehr für sich) Ach, deswegen.

Alfred: Interessantes Objekt, in der Tat.

Gerd: Die Dicke, die immer in rosa rumläuft?

Fluppy: Abartig, nicht?

Gerd: Ist das dein Niveau?

Fluppy: Albin an den Mutterbrüsten (beide unterdrücken ihr Grinsen; Albin schaut zornig herüber).

Alfred: Ich empfahl ihm: beobachten, auflauern, frisch angehen, zuschlagen, abschleppen.

Albin: Nein, das will ich nicht und kann ich auch nicht. Das find ich Scheiße und richtig billig.

Alfred: Wie willstes dann machen?

Albin: Weiß ich noch nicht genau. Vielleicht einen Brief schreiben.

Alfred: Mann, du Pflaume bist wahnsinnig. Du machst dir wirklich alles kaputt. Direkt musst du sein, immer direkt. Direkt bist du unschlagbar. Deine Augen muss sie funkeln sehen, deinen Puls muss sie fühlen, deinen Atem zischen hören. Wie willst du das machen im Brief?

Fluppy: Vielleicht legt er ja seinen Schwanz mit rein!

(alle wiehern laut und anhaltend, erstarren dann und bleiben als Figurentableau sitzen. Albin verlässt dumpf und gebückt den Raum.)

10. Bild: „Vergiss es!”

(Schulweg; Gerd und Albin mit Taschen)

Albin: Warum seid ihr immer so gemein zu mir?

Gerd: Wieso? Was meinsten?

Albin: Auf der Fete.

Gerd: Ach so… wegen der dicken Berta? Ist doch längst gegessen. Das kam irgendwie von allein, weiß auch nicht, woher.

Albin: Aber warum denn?

Gerd: Weiß ich wirklich nicht. Das war halt auf einmal da. Da war vorher keine Absicht dabei. Wir wollten dich nicht verarschen.

Albin: Ihr habt euch ja fast totgelacht wie die Irren.

Gerd: Das war alles so komisch, in dem Augenblick. Jetzt kann ich mich schon gar nicht mehr an die Einzelheiten erinnern. Es war einfach die Situation. Und du hättst gar nicht gehen müssen. Wir hatten noch’ n irren Spaß.

Albin: Kann ich mir gut vorstellen. Habt den ganzen Abend noch über mich gelacht.

Gerd: A wo. Nee, aber von da ab ist’ s wirklich Spitze geworden. Mit dir, das war eigentlich nur so eine Art Einstimmung.

Albin: Find ich trotzdem beschissen.

Gerd: Nimm’ s nicht so ernst. Guck mal, ich möcht manchmal auch alles hinschmeißen, weil ich mich verarscht fühl und mich alles ankotzt und ich down bin. Dann aber gibt’ s plötzlich ‘n Augenblick, wie auf der Fete, da kommt unheimlich stark was auf, und wenn das hinhaut, dann wird’ s super. Das ganze life ist doch im Grunde fun; und wenn manchmal alles beschissen läuft, und du kannst das irgendwie wegdrücken, ist das doch Spitze, oder? Wie ‘ne harte Schale, die überall drüber liegt und nichts rauslassen will, die knackst du dann (er demonstriert eine Art Karateschlag) und du springst einfach in die Vollen. Ist doch Spitze.

11. Bild: Autorität

(Das Innere der Turnhalle; auf der einen Seite in einer Nische die Garderobe; alle ziehen sich gerade Sportzeug an)

Alfred: Schon wieder in die Knochenmühle. Geht mir bald übern Eichstrich.

Gerd: Eichelstrich (er grinst).

Albin: Sport ist Mord, richtiger Stress.

Alfred: Seit wir den Vollbart haben, läuft alles beschissen. Dass so einer so brutal sein kann, hätt ich nie gedacht.

Fluppy: Ist doch gut, dass einer mal was macht. Ist doch besser als rumsitzen wie beim Meißner und sein blödes Gelabere hören: Olympische Idee und so…

Gerd: Dabei sein ist alles.

Alfred: Dieser verdammte Hochleistungstyp. Ich sage nur: Sportler aller Länder vereinigt euch - und werft eure Trainer auf den Müll.

Gerd: Früher konnt man wenigstens schlafen und träumen. Energiesparend (er lacht).

Fluppy: Schlappsack.

Alfred: Lass dich gleich einglasen.

Albin: Hol dir doch ‘n Attest.

Gerd: Ach, komm, wieder action, nee. Die anderthalb Stunden halt ich auch noch durch.

(Fluppy ist fertig mit dem Umziehen und macht Lockerungsübungen)

Alfred: He, langsam, langsam. Kriegst wohl nicht genug, Mann!

Albin: Was Fluppy macht, das macht er.

Alfred: Ihr ödet mich an (er versucht, seine Trainingshose anzuziehen, der Reißverschluss klemmt) Scheiße, Jungs, ich krieg den Reißverschluss nicht zu. Am liebsten würd ich gleich abhauen. Komm, hilf mir mal, Albin.

(Albin tut’ s, kniet sich hin, währenddessen stellt Alfred sein Bein vom Bänkchen auf den Boden, so dass Albin ganz nach unten muss. Eine gewisse Absicht Alfreds ist zu erkennen)

Brav, Sklave, brav. Ab morgen einen Teller Suppe mehr.

(Die andern lachen, Albin schaut nicht einmal böse, eher verwirrt; auf das Lachen erscheint der Sportlehrer in der Tür)

Sportl.: Was gibt’ s denn zu lachen? Los, los, fertigmachen, Leute, aber mit Tempo! Ist doch kein Altherrenverein hier. Das gilt besonders für dich, Freund Alfred. In welcher Gruppe du auch bist, die wird immer die letzte.

Alfred: Wir kommen ja schon. (Sportl. ab; Alfred macht ihn nach)

…für dich, Freund Alfred. Ha, der Heuchler, das miese Schwein.

Gerd: Menschentreiber.

Alfred: Ihr habt’ s vernommen. Ich bin schuld, wie immer. Typisches Paukerverhalten: Er greift mich heraus, versucht mich fertig zu machen. Immer ich. Wo bleibt der Gleichheitsgrundsatz? Wir leben doch in einer Demokratie. Wenn ich wenigstens von euch Hilfe erwarten könnte. Aber ihr seid ja alle Feiglinge.

Gerd: Auf uns hast du dich immer verlassen können.

Albin: Stimmt.

Alfred: Und letztens? Wer hat den Eintrag ins Klassenbuch gekriegt? Wo war denn da eure Solidarität? Keiner von euch hat mich verteidigt. Ihr habt euch hinter mir versteckt, und ich musste alles allein einstecken.

Fluppy: Wenn du die Pauker provozierst und den großen Macker rauskehrst..

Alfred: Von dir kann ich sowieso nichts erwarten..

Fluppy: selber schuld.

Alfred: Gewiehert habt ihr, gewiehert, ihr und die Scheiß-Weiber… Ich bin der einzige, der sich auflehnt, der noch Mumm in den Knochen hat, wogegen ihr alles angepasste Feiglinge seid. Tatsachen! Notengeil bis zum Rand seid ihr.

Fluppy: Gleich fängt er an zu weinen. Was du erzählst ist doch absolute Scheiße. Du, das Opfer. Mir kommen die Tränen! Bei deinem Klassenbucheintrag warst du doch selber schuld, du ganz allein. Und jetzt willst du der große Held sein. Ist doch geschenkt. Die Wahrheit ist doch: Dass du nichts bringst, und darum hier die große Schau abziehst. Du leistest ja nichts. Du redest nur.

Alfred: Ich glaub, ich steh im Wald. Du laberst ja wie mein Alter… Was meinst du eigentlich, wie klein du hinter mir verschwinden würdest, wenn ich wollte, so… (er hält die Hand flach über die Augen)

Fluppy: Nur zu.

Alfred: Ich kenn die ganze Scheiße ja schon. Was du Leistung nennst, ist doch die reine Anpassung. Du bist doch der absolut genormte Computertyp, der voll ins System passt. In dir ist doch nicht mehr so viel (er schnippt mit dem Finger) an Leben, an… (er findet die Worte nicht)

Fluppy: Du bist doch nur sauer, weil du hängen geblieben bist. Haste bis jetzt nicht verwunden. Und überhaupt hör ich dich das erste Mal von System reden, sonst immer nur von Frauen.

Alfred: In der Klasse, wo ich war, da haben wir immer über Politik geredet. Da war was los. Aber bei euch? Sind doch gar keine Voraussetzungen da. Wir sind sogar auf Demos gegangen.

Fluppy: Und? Biste festgenommen worden?

Alfred: Ach, ihr wisst ja überhaupt nicht, worum’ s geht (er entfernt sich und macht Lockerungsübungen, aber gewollt nachlässig; der Sportlehrer erscheint mit einer Trillerpfeife)

Sportl.: Auf denn! (pfeift)

(Unveränderte Szene; die Turnstunde geht dem Ende zu; Geräte sind noch aufgebaut, die vier Schüler aber machen in einer Ecke der Halle Liegestütze)

Alfred: (prustend) Ich geh am Stock. Mann, ist das ‘ne Viecherei. Wie die Tiere .

Gerd: Hamster im Laufstall haben’ s da besser.

Alfred: Aber echt. (er baut ab, seine Liegestütze werden langsamer, zuletzt bleibt er platt auf dem Boden liegen) Herr Becker, ich glaub, ich kann nicht mehr.

Sportl.: Nicht so schnell schlappmachen. Ein bisschen Selbstüberwindung. Kommt, weiter, noch zehn Liegestütz, jeder noch zehn.

Alfred: (quält sich noch zwei Liegestütz heraus, schauspielernd, und mimt dann den total Ausgepumpten) Ich kann wirklich nicht mehr. (treuer Augenaufschlag)

Sportl.: Wirklich? Kettenraucher, wie?

Alfred; Ja, da bin ich besser. (alle lachen, der Sportl. schmunzelt)

Sportl.: O.K. Dann sammle du die Bälle ein. Die andern weitermachen.

Albin: (plötzlich) Ich will nicht mehr (bleibt ebenfalls liegen; die andern staunen)

Sportl.: Sieh an, und warum?

Albin: ..weil …weil ich das nicht gut finde. Ich finde es überflüssig, soviele Liegestütz.

Sportl.: (knapp) Überflüssig. So. Und das sagst du mir? Was meinst du eigentlich, wozu du hier bist? Oder wozu man dich hier lässt? Weißt du eigentlich, was draußen los ist? Wieviele Hauptschulabgänger keinen Ausbildungsplatz haben? Niemand zwingt dich, das Abitur zu machen. Aber solange du hier bist, ist das mindeste, was du zeigen musst, Einsatz und guter Wille.

Albin: Ich find, es sind wirklich zu viele Liegestütze. Das finden die andern auch.

Alfred: (lachend) Wie man’ s nimm. (Gerd und Fluppy brummeln undeutlich vor sich hin)

Sportl.: Wieviele, das bestimme allein ich.

Albin: Wir leben doch in einer Demokratie.

Sportl.: Was soll das heißen? Dass jeder seine eigenen Gesetze machen kann? Tun und lassen kann was er will? Keine Leistung mehr zu bringen braucht? Sagen kann: Nee, es passt mir jetzt grad nicht, ich steige aus, seht zu, wie ihr allein fertig werdet? Meinst du etwa, in einem Industriebetrieb herrscht keine Demokratie? Und trotzdem sagt dort keiner: Ich will jetzt nicht mehr. Vielleicht Morgen wieder oder nächste Woche. Wenn einer nicht kann wie Alfred, dann wird er geschont. Wenn aber einer nicht will und sich nicht an die vereinbarten Spielregeln hält, dann muss er seinen eigenen Staat aufmachen.

Albin: Aber…

Sportl.: Ich weiß nicht, was du gerade für Probleme hast. Bei Schülern in eurem Alter wundert mich sowieso nichts mehr. Trotzdem: es interessiert mich nicht. Was hier allein interessiert ist der Wille und die Bereitschaft mitzumachen. Auch das ist Demokratie, positiv definiert. Aber darüber könnt ihr euch nähere Aufklärung bei eurem Geschichtslehrer holen.

Albin: Aber man kann doch darüber reden…

Sportl.: Solange du hier bist, hast du dich an die Regeln zu halten. Kaporen?

Albin: (bleibt starr)

Sportl.: Jetzt willstes durchstehn, was? Ich sag dir aber nur eins: Komm du erst mal mit dir selbst ins Reine. Ansonsten, für diesmal: Schwamm drüber. So, die andern auf, Albin räumt die Geräte zusammen.

(Albin in eigentümlichem Stolz räumt ab)

12. Bild: Psyche III, Aufbruch

(Albins Zimmer; Albin sitzt an seinem Tisch und liest)

Albin: Genauso kommt mir das doch auch oft vor, genau so! Wie das hier steht! Das hört sich doch schön und groß an, als wenn es das doch gibt! (er lässt das Buch sinken) Oder ist das alles wirklich nicht da, nur Phantasie? Und wie oft hör ich doch reden von Liebe und was das wär. Und jeder redet davon, als wenn er bescheid weiß, so stark, so überlegen, dass ich immer nur staune. Doch wenn ich dann allein bin, dann bring ichs nicht mehr zusammen, und dann hab ich oft so ein Gefühl, als wenn, als wenn sie das Richtige doch nicht wüssten, als ob sie alle eine geheime Mauer vor sich herschieben würden. Dann kommts mir vor, als wenn immer etwas verschwiegen würde. Vor allem dann, wenn da immer so viel Schau dabei ist.

Unheimlich viel Schau. Wer hat die kernigsten Sprüche drauf, wer die meiste Erfahrung?

(er ist aufgestanden und geht im Zimmer auf und ab)

Sie hat gar nichts gesagt, kein Wort. Ich schäm mich so vor ihr. Dabei denk ich doch im Grunde ganz anders. Liebe, das ist doch was unwahrscheinlich Großes, muss doch was unwahrscheinlich Großes sein. Doch immer ist das, was ich sehe und mitkrieg, so klein. Und ich Blödhammel, mit den Scheiß-Pornos, sah noch besonders klein aus. Und wie Fluppy mich verachtet hat ,..und er hat Recht. Scheiße, Scheiße, Scheiße, ich könnt in das tiefste Loch kriechen, dass mich keiner mehr sieht. ..dabei dachte ich nur, wenn sie alle erzählen..

Kann man denn überhaupt Liebe verstehen, wenn man so super ist? Hat das nur der Schwache nötig? Das kann doch nicht sein. Es muss doch Menschen geben, Mädchen, die anders sind, denen die ganze Schau auf den Geist geht . Woher haben die alle nur ihre Sicherheit? Und immer und immer wieder hör ich: der tolle Angelo, die scharfe Figur von Anette. Das kann doch nicht alles sein! Ist das die Wahrheit? „Seht, da kommt der blöde Albin”.

Alles lacht, und ich komm nicht mit. (er ist wie von selbst vor seinen Spiegel getreten) Ha, wie klein ihr doch alle seid, wie erbärmlich! Wie ich eure Sprüche hasse! Das sind doch Tricks und Lügen! Ihr habt ja doch alle nur Angst und versteckt euch dahinter. Denn wenn eure Pläne schief gehen, dann war eben alles nur Spiel, war nicht ernst gemeint. „Tschüs Baby, ich wollt ja nur mal sehen, ob du wirklich nicht heiß wirst.” Aber kein wahres Wort. (bis jetzt hat Albin in den Spiegel wie durch ein Fenster gesehen, nun betrachtet er sich selbst) Und ich, hab ich denn keine Angst, dass es schief geht? Vielleicht doch viel mehr als ihr alle. Aber ich muss doch offen sein, will doch klar sagen, was ich denke und fühle.

Könnt ich das überhaupt? Nein, bei mir soll das anders sein, ganz anders. Und sie hat ja auch nicht losgebrüllt wie die andern. Ja, Berta, du bist stiller.. und viel stärker. Dir sind die blöden Sprüche genauso zuwider wie mir - du musst das doch verstehen. Ja, Berta, ich glaube an uns. Wenn ich dir ehrlich schreiben würde, würdest du doch auch ehrlich antworten. Du würdest mich doch verstehen. (fest) Ich werde den Brief schreiben. (er setzt sich hin und beginnt fieberhaft zu schreiben, stockt aber immer wieder und verwirft) Liebste Berta! …nein. Liebes Mädchen. Ich wollte dir schon immer schreiben, weil… nein, man soll doch nicht mit Ich anfangen. Liebe Berta. Da ich dich schon so lange kenne, dachte ich mir.. nein. Liebe Berta. Wann können wir uns sehen. Ich möchte dir etwas sagen. Albin. (er besieht das Blatt) Das ist besser. Und wenn sie nicht will? Oder gar nicht mal antwortet? Scheiße. (er steht wieder auf und geht auf und ab) Vielleicht ein Geschenk? Ja, ich werde dir etwas schenken. Das wirst du verstehen (er sieht sich um): Das schönste und wertvollste, das ich habe.. wo du dran sehen kannst, dass es mir etwas bedeutet. Meine Lokomotive, meine große Güterzuglokomotive! Wie hab ich mich damals gefreut, als ich die bekam! Die werd ich dir schenken! (er nimmt eine Modelleisenbahnlokomotive vom Regal und besieht sie).

13. Bild: Querschläger

(Bushaltestelle; zwei Bänke nebeneinander; auf der einen ein Punkerpaar; auf die andre gehen Berta und Albin zu; im Verlauf der Szene fangen die Kirschen essenden Punker an, die Steine in Richtung Albin zu spucken)

Albin: Guck mal, da sitzen Punker.

Berta: Lass sie doch…

Albin: Ob die sich wohl wohlfühlen, so…

Berta: Frag sie doch.

Albin: Och nee, ich unterhalte mich lieber mit dir (sie setzen sich. Schweigen).

Berta: Ich glaub, dies Jahr wird’ s für mich in Mathe ganz schön schwer werden.

Albin: Ja? Was macht ihr denn? Vielleicht hatten wir das ja schon. Du, und wenn… ich habe da noch alte Hefte. Die kann ich dir geben. Ich bring sie dir gern morgen mit.

Berta: So Computersprache, Dualsystem, oder wie das heißt.

Albin: Ja, ja, genau, so was haben wir gemacht.

Berta: Das könnt mir bestimmt was helfen.

Punkerin: Hörst du was?

Albin: Gleich nachher werd ich nachsehen. Ich hab das bestimmt…

Punker: He, ihr angepassten Gymnasiastenschweine.

Albin: Ich glaub, ich hab sogar noch mein Klassenarbeitsheft.

Punkerin: Haut endlich ab mit eurem blöden Geschwätz. Kriecht zu Mama untern Rock.

Berta: Wirklich? Das wär ja toll.

Punker: Du musst dir deine Haare kürzer schneiden, Junge. Das macht ‘n besseren Eindruck bei der Reifeprüfung.

Punkerin: Das i s t die Reifeprüfung.

Punker: (laut zur Punkerin) Komm, kraul mir mal meinen Schwanz.

(noch lauter zu Albin) Weißt du, was das ist, ein Schwanz?

(er rülpst) Habter noch nicht durchgenommen, wa? Könntst hier was lernen.

Punkerin: Red kein’ Stuss. Ist selber schuld, das verbogene Arschloch.

Punker: Ich seh schon, du bist’ n trüber Wichser. Wichs dir eins ‘ab und mach dein Abi. Das gibt ‘n prima Stempel.

Punkerin: Und du dahinten, du rosa Plastikbombe bist auch so’ n dressiertes bürgerliches Schweinchen.

Punker: Oink, oink, hast du schon Mathe?

Punkerin: Oin, oink, das ist Dualsystem (sie brüllen vor Lachen).

Punker: (zu Berta) Warte noch ‘n paar Jährchen. Wenn der Knabe hier erst mal Chefarzt ist, dann klemmt er dir schon die Klunker unters Kinn.

Punkerin: Wenn das man nicht bis dahin so runterhängt und alles unter nem Schlabber-Fettberg begräbt.

Punker: Ja, ja, das Rankommen ist manchmal schwierig. (sie gehen)

Punkerin: Schade, Schade (brüllendes Lachen)!

Punker: (spuckt im Vorbeigehen Albin Kirschkerne ins Gesicht)

Für dich ist der Zug längst abgefahren.

Berta: (nach kurzem Schweigen) Du, ich möchte nach Hause. Ich fühl mich nicht gut.

Albin: Ich begleite dich noch ein Stück.

Berta: Nein, bitte nicht.

Albin: Ich wollte dir noch etwas sagen.

Berta: Du, bitte jetzt nicht. Ein ander Mal vielleicht.

Albin: Ja, wenn du meinst.

Berta: Wiedersehen. (im Abgehen) Du hast uns nicht gut dargestellt, Albin.

Albin: Wiedersehen (er bleibt auf der Bank sitzen)

14. Bild: Abschuss

(Rummelplatz; rechts ein Schieß-, links eine Würstchenbude, die Schießbude ist von vorn, die Würstchenbude nur von hinten zu sehen; durch Lautsprecher gelegentlich Anreißersprüche)

Schießbudenbesitzer: Noch einmal und heute zum letzten Mal: Die Supergewinnchance. Ab fünf Treffern schon freie Auswahl. Ab fünfzehn schon eine Kuckucksuhr: echte Schwarzwaldqualität. Ja, hier wird was geboten, hier lohnt sich das Mitmachen. Treten Sie näher, meine Herrschaften, nutzen Sie ihre Chance. Zeigen Sie, dass es noch Profis gibt.

Alfred: Was sehen meine erstarrten Pupillen? Berta!

Berta: (stumm)

Alfred: Welche Miene, welche Blicke! He, so bleib doch!

Berta: Was hab ich mit dir tun oder zu reden?

Alfred: Aber doch. Tust du ja schon.

Berta: Lass mich (will weiter).

Alfred: Da trifft man mal jemand Bekannten, und dann will er nichts von einem wissen.

Berta: Grad du wirst doch wohl genug Bekannte haben. Was brauchst du mich?

Alfred: Ja, nur Bekannte. Das ist es ja, nur Bekannte.

Berta: Wenn du was von mir willst, bist du schief gewickelt.

Alfred: Aber nein doch. Ich dacht nur so… ein Gespräch über die Geschlechter hinweg..

Berta: Sag mal, was ist eigentlich los mit dir? Musst du immer so blöd kommen?

Alfred: Ach, ich weiß nicht. Vielleicht die Einsamkeit. Weiß der liebe Gott.

Berta: Der liebe Gott, der wird’ s wissen.

Alfred: Ja, dann eben nur die Einsamkeit.

Berta: Einsam ist doch fast jeder. Was ist denn dabei?

Alfred: Uff! Du streckst einen ja richtig nieder. Das find ich stark.

Berta: So?

Alfred: Ja, ehrlich. Guck mal, ich dacht, ich geh noch’ n bisschen übern Platz, vielleicht ist ja was los, und was ist wieder? Nichts. Sitzen wohl alle zu Haus rum. Warum bist du denn hier?

Berta: Ach, nur so, ich weiß nicht recht.

Alfred: Na ja, ist ja auch egal.

Berta: Jetzt wirst du langsam normal.

Alfred: Kann schon sein. Komm, probier mal: (er zieht einen Flachmann aus der Tasche) Spezialabfüllung. Von meinem Opa. Macht der selbst.

Berta: Nein, ich vertrag das nicht.

Alfred: Nur probieren. Macht warm.

Berta: Also schön. Aber nur einen ganz kleinen Schluck.

Alfred: Weißt du, Berta, ich kannte dich ja vorher nicht …nur vom Sehen. Und als ich dich vorhin sah, da dacht ich: Mensch, das ist ja die Berta. Mit der hast du noch nie gesprochen. Dann mach mal den Anfang. Und als du dann so kalt …da dacht ich: Oh je.

Berta: Komm, hör auf, ist ja schon gut, du warst auch ziemlich unmöglich.

Alfred: Weißt du, Berta, im Grunde ist doch alles ziemliche Scheiße. Als Schüler wirst du doch dauernd verarscht.

Berta: Wie meinst du?

Alfred: Der Stress. Du hast keine Lust. Die Eltern, die Pauker machen dich fertig. Du sollst nur lernen, nicht mehr leben. Dauernd kommen sie dir mit dem Leistungshammer. Du willst im Grunde weg und kannst nicht (er trinkt), bist abhängig. Hier, nimm noch mal.

Berta: Nein, danke, nicht mehr.

Alfred: Und wenn du dann das Abitur hast, musst du dich wieder hinten anstellen. Da geht das Spiel von vorn los. Numerus clausus und so… was weiß ich. Es ist schon eine beschissene Situation.

Berta: Ja, da hast du recht.

Alfred: Da kommt echt keine Freude auf. Was soll’ n wir denn tun? Man muss sich einfach nehmen, was man braucht.

Berta: Das mein ich nicht.

Alfred: So? Und was hast du getan?

Berta: Ich? Ich hab abgewartet.

Alfred: Siehst du! Traurig, nicht?

Berta: -

Alfred: Pass auf. Zur Krönung des Tages werd ich dir was schießen.

Berta: Ach nein, das muss doch nicht sein.

Alfred: Man muss es einfach wagen. Jetzt oder nie. Komm!

(sie gehen zur Schießbude hinüber)

Schießbudenbesitzer: Hier gibt’ s noch was zu gewinnen, hier lohnt sich das Mitmachen. Bei fünf Treffern schon die freie Auswahl aus dem Riesensuperangebot. Na, wie wär’ s, meine Herren. Einen schönen Schal für die Dame, eine Nachttischleuchte, o la la. Oder für die Kleinen einen großen weichen Kuschelbär.

Alfred: Fünf Schuss.

Schießbudenbesitzer: Bitte sehr, junger Mann (durchs Mikrophon): Der junge Mann hier hat seine Chance erkannt. Da heißt es anlegen, zielen, treffen. Die Jugend ist auf dem richtigen Weg. Sie nutzt ihre Chance. Verpassen sie die Ihre nicht, meine Herrschaften. Das supergünstige Angebot, einmalig, letztmalig: Fünf Schuss für drei Mark. Und schon hat… der zweite gesessen, und der vierte… und der fünfte. Ein wunderschönes Trockenblumensträußchen für den jungen Mann.

Alfred: Da, Berta, für dich.

Berta: Danke.

Alfred: Unsere gemeinsame Leistung.

Berta: Du hast doch geschossen.

Alfred: Aber du hast das Zielwasser gehalten. Allein hätt ich das nie geschafft.

Berta: Tu doch nicht so.

Alfred: Ist doch wahr. (er legt seinen Arm um sie) Du bist ein ganz patentes Mädchen.

Berta: Im Grund bist du ja auch ein ganz netter Kerl. (sie lacht) Oh je, was sag ich nur.

Alfred: (lacht) Außen rauh und innen herzlich.

Berta: Das soll ich sein?

Alfred: (fängt sich) Ja, ja, du auch… weißt du, was mir an dir besonders gefällt?

Berta: Mach keinen Schmus.

Alfred: Mein starker Ernst. Da. (reicht ihr die Flasche )

Berta: Nein, ich will jetzt nicht. Was denn?

Alfred: Na, rat doch mal.

Berta: Ich weiß nicht.

Alfred: Weißt du bestimmt.

Berta: Nein, wirklich nicht. Sag’ s mir doch.

Alfred: Hast du noch nie vorm Spiegel gestanden?

Berta: Alfred, nun sag schon.

Alfred: Es ist immer dasselbe. Da leben die Frauen wie die Blumen so vor sich hin und wissen nichts. Sagt ihnen ja auch keiner was. Das schönste an dir sind –

Berta: was?

Alfred: deine Augen.

Berta: -

Alfred: Komm, ich brauch jetzt Phosphat. Das macht lustig.

Berta: Was brauchst du?

Alfred: Phosphat. Ist in jeder Wurst. Der Stoff, aus dem die Wurst besteht, sozusagen.

Berta: (amüsiert und heiter) Spinner.

Alfred: Echt, das baut auf. (er geht zur Wurstbude) Zweimal Currywurst (er bekommt wortlos zwei Portionen)

Ach, kann das Leben schön sein. Findst du nicht auch? Man muss es nur richtig anpacken.

Berta: Manchmal schon.

Alfred: Na, siehst du. Hier, nimm noch mal. Auf unsern Preis.

Berta: Ich bin doch jetzt schon ganz bedudelt.

15. Bild: Hilfeschrei II

(Wohnzimmer )

Vater: Deine Mutter war so sanft, so sanftmütig, aber sehr sehr anfällig. Ja, was sanft und gut ist, das soll wohl nicht lange leben. Und als sie gestorben war, da wollte ich für dich jemanden haben, der selbst jung genug war, und für mich selbst auch, und für ein paar Monate fühlte ich es: Ja, da ist Hoffnung, das ist es. Und ein neuer Anfang schien möglich. So vereinigt man sich und lebt, und man denkt: So wird es schon bleiben, denn da ist der Glaube an den guten Kern..

Albin: Was meinst du?

Vater: Ach, das verstehst du nicht. Doch dann kommen Tage und Monate und sie gehen, und einmal muss man feststellen, dass das, woran man geglaubt hat, nicht da ist, denn mit der Zeit ist alles so kleinlich und eng geworden, und was man für Rückkehr zur Jugend gehalten hat, ist zur schleichenden Verhärtung, zum unerbittlichen Machtkampf geworden. Gut, man musste immer kämpfen nach außen, das ist klar, aber nun muss man auch nach innen kämpfen, denn da sind die Ansprüche.. egal - doch alles reißt an einem und frisst einen auf. Man fühlt es, wie einem die Kraft herausgezogen wird, und dann steht man da, dass man bekennen muss: Ja, die Jugend hat die Macht, und das Alter wird an den Rand gedrückt. So geht es einem, der da geglaubt hat, die …Liebe sei ein Wert für sich. Nein, es

ist alles käuflich, und die echten Werte müssen woanders herkommen, Werte, an denen man sich aufrichten kann: Beständigkeit, Fleiß, Ordnungsliebe.

Albin: Das glaub ich nicht.

Vater: Ich weiß, doch nur Mut, Albin. Du bist meine Hoffnung. Weißt du eigentlich, warum ich manchmal so streng mit dir bin?

Albin: Damit ich gute Noten mit heimbringe.

Vater: Nein, das ist es nicht. Du sollst lernen, selbst streng mit dir zu sein. Denn darauf kommt es an. Nur auf deinen Charakter kannst du zählen, auf sonst gar nichts.

16. Bild: Annäherungsversuch

(Parkweg)

Albin: Ich möchte mich bei dir entschuldigen, Berta.

Berta: Wofür?

Albin: Wegen der Punker, letztens, …dass ich nichts gesagt habe, und dann wegen der Hefte, die ich gelesen habe. Verzeih mir bitte.

Berta: Ich kann dir doch nicht vorschreiben, was du liest.

Albin: Ich weiß. Aber die Pornos. Ich habe mich so geschämt vor dir.

Berta: So was liest doch jeder mal. Wenn man das nicht dauernd tut.

Albin: Du bist mir nicht böse?

Berta: Wie sollte ich dir böse sein? (längeres Schweigen)

Albin: Du, Berta, ich wollte dich schon immer mal fragen, schon vor zwei Wochen, ich …wollte dir auch schon einen Brief schreiben, ich. ..( er fasst sich ein Herz) Willst du mich?

Berta: (bleibt stehen) Albin! Bitte nicht.

Albin: -?

Berta: Albin, es… es geht nicht. Ich kann dir da nichts sagen.

Albin: Du brauchst mir auch jetzt nichts zu sagen, wenn du nicht willst. Du kannst es mir auch später sagen, Morgen oder nächste Woche. Ich gebe dir Zeit, auch ganz viel Zeit.

Berta: Das ist es nicht.

Albin: Was denn dann?

Berta: Es ist… die Frage

Albin: Wie?

Berta: Sie haut mich um.

Albin: Deswegen sollst du ja Zeit haben.

Berta: Nein.

Albin: Kann ich dann wenigstens ein Bild von dir haben?

Berta: Nein, Albin, bitte….

Albin: Berta, ich möchte dir auch etwas schenken, dass du siehst, wie ernst ich es meine. Es ist das, was für mich das Wertvollste ist. Das möcht ich Dir schenken. Ich habe ja sonst nichts. Da. (er will etwas aus einer Verpackung wickeln und ihr überreichen)

Berta: Nein, Albin, das nehm ich nicht an.

Albin: Nimm’ s doch bitte, damit du siehst, dass ich dich liebe.

Berta: Albin, ich kann das nicht annehmen. Es ist ..auch noch etwas anderes.

Albin: Und was?

Berta: Hast du denn noch von niemandem etwas gehört?

Albin: Nein.

Berta: Ich gehe mit Alfred.

Albin: (geschockt, nach einer tiefen Pause) …so richtig, ich mein..

Berta: Ja. (Schweigen)

Albin: Und wenn du jetzt ein Kind bekommst?

Berta: Ich nehm doch die Pille.

Albin: Du - nimmst - die Pille?

Berta: Ja, seit mehr als einem halben Jahr.

Albin: So lange schon?

Berta: Ja, ist das so außergewöhnlich? Alle Mädchen, die ich kenne, nehmen die Pille. Was ist denn dabei? Und wenn es nicht so wäre, das wär doch gar nicht vorzustellen, heute.

Albin: (schweigt)

Berta: Weißt du, Albin, du kommst mir manchmal vor wie aus einem vergangenen Jahrhundert. Du denkst dir so viel Seltsames dabei, was gar nicht mehr wirklich ist…

Albin: Was seid ihr nur für Menschen? Ich denke und quäle mich die ganze Zeit, und ihr macht das so… so wie wenn ihr’ n Apfel esst oder die Zeitung lest.

Berta: Ach, Albin, du bist ja ein lieber Kerl, aber dir fehlt… du weißt einfach nichts vom Leben… oder du siehst es nicht. Und es ist ja auch ganz nett mit Alfred.

Albin: Ganz nett! Ganz nett! Ist das alles?

Berta: Ja, er hat sich Mühe gegeben und ist sehr charmant.

Albin: Charmant?

Berta: Ja, charmant, unterhaltsam.

Albin: Und das ist dir das wert?

Berta: Natürlich. Man muss doch auch seine Erfahrungen sammeln.

Albin: Aber. ..das erste Mal?

Berta: Gerade das erste Mal. Schau, Albin, ich seh nicht so gut aus wie manche anderen und wie es den Jungen gefällt. Ich kann mir nicht alle aussuchen.

Albin: Für mich bist du die schönste.

Berta: Hör doch auf! Immer reden alle davon, und ich möchte doch auch mitreden können. Ist das so was Schlimmes, mit einem Jungen zu schlafen?

Albin: Mit irgendeinem!

Berta: Nein, das nicht. Das darfst du nicht sagen. Ach, Albin, es hat keinen Zweck, darüber noch zu reden. Du bist ein lieber, netter Kerl, aber mehr ist nicht zwischen uns. In dich könnt ich mich nie verlieben.

Albin: Also doch! Du bist verliebt. Was hab ich nur falsch gemacht?

Berta: Ich weiß nicht (fängt an zu weinen) Alles, Albin, alles.

Albin: War ich nicht ehrlich genug?

Berta: Ja, ja doch. Aber wie du das sagst, ist das so.. so unausweichlich, so hart…richtig grausam und endgültig, so dass mir fast der Atem schwer wurde. Da kann man doch nicht „Ja” sagen, selbst wenn man wollte!

Albin: Aber dies leichte, oberflächliche Getue von Alfred, das gefällt dir besser?

Berta: (schweigt)

Albin: Das findest du charmant! Ich finde das schleimig.

Berta: Albin, du bist so ernst, so furchtbar ernst, so ernst wie ..alte Männer, wie ein Pfarrer, und trotzdem scheinst du nicht zu wissen, wie du handeln sollst.

Albin: Aber man muss doch etwas ehrlich und ernsthaft meinen und glauben dürfen, und darauf hingehen und sich vorbereiten, auch wenn man noch zu schwach dazu und zu unreif ist. Irgendwann wird man dann vielleicht stark genug sein, danach zu leben, so zu leben, wie man es plante.

Berta: Irgendwann? Aber leben ist doch immer hier und jetzt, immer heute. Wie willst du denn auskommen und aushalten bis dahin, wo du stark sein willst?

Albin: Ich weiß nicht. Aber soll deswegen alles eine einzige große Schauspielerei sein? Jeden Tag?

Berta: -

Albin: Willst du das nicht doch annehmen (er hält ihr erneut das noch eingewickelte Geschenk hin; Berta schüttelt den Kopf)

17. Bild: Entdeckung

(Albins Zimmer)

Vater: Isabella, sieh mal, was ich gefunden habe, in Albins Papierkorb! „Liebste Berta!” Was geht hier vor?

Mutter: (lacht) Was erwartest du?

Vater: Dass er sich konzentriert, sich anstrengt. Und dann so was. Einsehen soll er..

Mutter: Einsehen soll er was?

Vater: was für ihn das beste ist.

Mutter: Ihr versteht euch ja so wunderbar, Vater und Sohn.

Vater: Was hat der Junge nur im Kopf?

Mutter: Es ist eben nicht dein Kopf, sondern seiner. Deine Formalausbildung begreift das wohl nicht.

Vater: Was hast du mit ihm gemacht?

Mutter: Ich? (lacht) Ich hab ihm keine Vorschriften gemacht, im Gegensatz zu dir.

Vater: Vorschriften sind doch kein Selbstzweck. Ich will wahrlich nur sein Bestes…Wie lange macht er das wohl schon? Junge Mädchen verführen! Wenn sie noch keine 16 ist.. Was das für Folgen haben kann! Ich muss das verhindern..,

Mutter: Du wirst überhaupt nichts verhindern. Er muss sich da selbst durchfinden, da kannst du machen was du willst und wirst es nicht ändern können…

Vater: Was für ein Blödsinn. Kein junger Mensch kommt ohne Erziehung und Anleitung aus. Dir ist alles egal, Hauptsache, du lebst gut.

Mutter: Du sagst es. Und alles Unverklemmte und Frische bringt dich dagegen zur Raserei, und du willst es vernichten, weil du zu klein und angepasst bist.

Vater: Ich halte meine Prinzipien aufrecht. Ohne das kann man nicht leben. Ein jeder muss seine Grenzen kennen, sonst ist kein Zusammenleben möglich.

Mutter: Die kenn ich wohl, leider, und es ist kein Zusammenleben möglich.

Vater: weil du keine Ideale hast.

Mutter: Du hast doch auch keine, du hast doch nur Angst.

18. Bild: ex and hopp

(Am Kiosk)

Alfred: Mensch, Fluppy, gestern hatt ich die Berta unterm Hammer. Mann, hat die Klötze. Irre.

Fluppy: Was, die Berta ?

Alfred: Hat mich fasziniert, schon auf der Fete. Ich stoß sie euch ab, wenn ihr wollt. Solche Brüste sollten vielen zugänglich sein. (er lacht)

Fluppy: Und Albin? Albins Traum war sie doch!

Alfred: Immer noch? Ich hör seit zwei Wochen nichts mehr und denke doch, er hat kein Interesse mehr, hat sie abgeschrieben, er hat ja auch gar nichts mehr gesagt.

Fluppy: Du kennst Albin nicht. Der macht das langsam. Jetzt könnt er einem richtig leid tun.

Alfred: Ach, was, er wirds verwinden. Außerdem, was hindert ihn, es noch mal zu versuchen? Ich hab sie gut eingeritten, der Sattel ist schmiegsam. Er sollte mir dankbar sein. (er grinst)

Fluppy: Wie machst du eigentlich Schluss mit den Weibern?

Alfred: Ach, Scheiße.

Fluppy: Was ist?

Alfred: Ich werd immer schwächer, wenn sie mir nicht mehr gefällt, bis sie von selbst sagt: Du bringst es nicht mehr, hau ab. Dann bin ich richtig befreit.

Fluppy: Hast du noch nie gesagt: Jetzt ist Schluss.

Alfred: Einmal und nie wieder. Nee, das kann ich nicht. Die Blicke, das Zittern, das Heulen macht mich immer so fertig. Manchmal benehm ich mich auch daneben, so dass sie den Hals voll hat von mir.

Fluppy: Das ist schwach.

Alfred: Meinetwegen (er raucht heftig). Jeder hat halt seine Stärken. Ich bin eben stark im Aufreißen, aber Schlussmachen: Scheiße. (er erhebt sich von der Bank) …und überhaupt: Was willst du alter Wichser denn? Du hast die Probleme ja nicht. Du bringst mich um die letzte Stimmung, Mann.

19. Bild: Psyche IV, Katastrophe

(Schulhof; Albin zuerst allein vor sich hin sprechend; dann die andern Schüler plötzlich und aufgeregt)

Albin: …aus einem vergangenen Jahrhundert …nicht mehr wirklich. Vielleicht hast du recht, Berta …aber muss ich denn nicht einen Glauben haben, ein Ideal, wonach ich lebe? Dann wollen alle einfach nur leben, und dann ist das mit den Idealen egal, und ich merk es ja auch, wie schwer es ist durchzuhalten, wenn man etwas ehrlich machen will. Und ich bin zu schwach und zu plump, ich kann es ja noch nicht mal nach außen zeigen… Gibt es überhaupt noch ein Ideal? Oder ist alles nur die reine Schau ums Ficken und ums Geld? Trotzdem wird doch immer von Werten geredet, und ich hab das geglaubt! Und was ist es? Alles nur Schau ums Ficken und ums Geld. Überall kommt das dahinter vor, und alles andere geht daran kaputt. Wer was erreichen will, muss da mitlaufen, sich verkaufen, nach außen immer ja, ja, bla, bla, Schau abziehen, beliebt werden. Wie einfach!

Ich habe immer gedacht, ich müsste andern geben, was sie brauchen. Dabei ist es genau umgekehrt: Ich muss mir nehmen, was ich brauche. Und wenn mir wieder mal einer was erzählen will von Werten und so: Ich darf von nun an einfach nichts mehr glauben. Ich muss, ich muss mir einfach verbieten, ihnen zu glauben. Und wenn da noch etwas da ist, dann werd ich es ganz tief in mir versenken, was ich eigentlich will, ganz ganz tief. Denn wenn ich Ernst mache, dann versteht mich ja doch keiner oder sie lachen mich alle aus. Alles werd ich jetzt taktisch angehen, mein ganzes Leben eine einzige große Taktik. Augen zu - und durch.

(die andern kommen aufgelöst auf Albin zu)

Alfred: Albin, Albin! Es ist etwas passiert.

Fluppy: An der Autobahnbrücke.

Anette: Gerd!

Alfred: Er hat sich hinuntergestürzt.

Berta: Gestern Abend.

Anette: Er ist tot.

Albin: (noch im Dämmerzustand) Eine einzige große Taktik…

Fluppy: Was sagst du?

Alfred: (schüttelt Albin) Hast du nicht gehört? Gerd ist tot.

Von der Brücke gesprungen.

Albin: So?

Fluppy: Verstehst du nicht?

Anette: Tot ist er. Wie ein Brei lag er da, von Lastwagen überrollt.

Fluppy: Er war schon vorher tot, beim Aufprall auf die Fahrbahn.

Albin: Gestern.

Alfred: Mensch, Gerd, Gerd, ausgerechnet du (er stampft mit dem Fuß auf den Boden)

Albin: Augen zu und durch.

Berta: Hast du denn überhaupt kein Mitgefühl? Er saß doch neben dir. Zwei Jahre lang. Jetzt ist er nicht mehr da, nie mehr. Er kommt nie mehr wieder (weint).

Alfred: Gestern noch hat er mir seinen neuen Recorder gezeigt. Er wollte die Red Punks aufnehmen. Er schien ganz normal…

Albin: Ihr wisst nichts…

Fluppy: Er hatte unheimliche Muffe vor der Mathearbeit. Das weiß ich, er hat’ s mir gesagt.

Berta: Warum hat er denn nicht mehr gesagt? Wir hätten ihm doch alle helfen können, alle…

Albin: (macht sich los) ich gehe..

Anette: Was ist? Wo willst du denn hin?

Albin: Lasst mich.

Berta: Du kannst doch jetzt nicht weggehen, jetzt..

Anette: Wir sollen alle zur Beerdigung kommen, Freitag.

Albin: Lasst mich…

Fluppy: Er will wohl allein sein.

(Albin geht seitwärts aus der Gruppe)

20. Bild: Ende und Anfang

(Andeutung von Friedhof; im Hintergrund Schemen von Menschen, im Vordergrund die Schüler)

Pfarrer: Immer wieder erschüttert es uns tief, wenn ein junger Mensch, auf dem unsre Hoffnungen ruhten, dem unsre Sorgen galten, so unvermittelt und scheinbar grundlos von uns geht. Ich sage „scheinbar grundlos”, weil er doch keinen Mangel gelitten hat an jenen Dingen, die für viele von uns das tägliche Leben ausmachen. Doch diese Dinge decken uns oft das wahre Leben zu, und darüber haben wir ihn nicht mehr gesehen, wie er war, woran ihm lag, wie er sich uns zeigen wollte. Wir müssen gestehen, dass wir seine Sehnsüchte, seine Motive, die ihn zu der schrecklichen Tat getrieben haben, nicht kennen. Doch jetzt, im Nachhinein, ahnen wir, dass es doch ein großes Leid gewesen sein muss, ein Leid, sein Leid, das er für sich behielt. Wir wissen es doch so gut als wir es fühlen: Jeder Selbstmord ist ein Zeichen, und immer das traurigste, das letzte, das er zu geben imstand war. Dass wir die davor gesetzten Zeichen nicht bemerkt haben, nicht deuten konnten, das ist die Trägheit unseres Herzens, die uns verblendet, auf den Leidenden zuzugehen und ihm zu helfen. Denn er, der mit uns verbunden war, weil er gewiss auch an uns litt, war es mehr mit uns als wir mit ihm. Und wenn wir heute hier stehen, sollten wir dessen eingedenk sein und ihn um Verzeihung bitten und darüber bedenken, dass im großen Schauspiel des Lebens nicht alle, die stark tun, auch stark sind. Und dass andererseits ebenso die, die uns schwach erscheinen, vor dem Auge unseres Herrn Gerechtigkeit finden werden. Und also mahne ich euch, die ihr hier am Grab des jungen Menschen versammelt seid, zu bedenken, wodurch der Mensch stark ist. Unser Herr Jesus sagt: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken, und er meint damit: Allein durch den Glauben. Und also wollen wir beten (der Pfarrer tritt aus der Szene; nach seiner Ansprache Vaterunsergemurmel)

Alfred: (halblaut) Auch das noch! Wie die unbezahlten Statisten. Hat denn keiner ‘ne passende Kassette dabei?

Fluppy: Reiß dich zusammen, Alfred, wenigstens einmal.

Alfred: Jetzt fängst du auch noch an!

Albin: Du kannst es doch innerlich tun.

Alfred: Was denn?

(große Pause, allgemeines Schweigen; alle gehen, in Gruppen oder einzeln, stumm aus der Szene, nur Albin bleibt zurück, tritt wie in Trance nach vorn, allerdings in eigentümlicher Festigkeit. Im folgenden formuliert er drei Varianten einer Lösung für sich selbst. Nach jeder Variante springt die Handlung in die Ausgangslage des Dialogs „Albin: Du kannst es doch innerlich tun. Alfred: Was denn?” zurück)

(Variante 1: Lösung über den „Willen zur Macht” - Unternehmertyp):

Albin:

Keiner hat gewusst, wie’s in Dir wirklich aussah, Gerd. Du hast nur ganz selten etwas über dich verraten, im Gegensatz zu mir. Ich hab mich doch ständig nur verplappert. Und wie habt ihr dann über mich gelacht, und ich fühlte mich so schwach, so klein, so ausgelutscht. Doch am Ende: wer lebt weiter, und wer ist tot? Eigenartig. Aber in mir hat sich alles verändert. Mein Kopf ist so klar und wie von einer Nebelwolke befreit. Für dich kann keiner mehr etwas tun, Gerd. Dafür habe ich von Dir gelernt: Ich werde anderen nichts mehr von mir erzählen, nie mehr. Sonst bin ich der Verlierer auf ewig, das weiß ich jetzt: Gutgläubigkeit ist Dummheit.

Obwohl du jeden Tag, fünf Jahre lang, neben mir saßest, hab ich dich im Grunde gar nicht gekannt. Ich war viel zu sehr mit meinen Problemen beschäftigt. Dabei bist du’s, der mir am meisten geholfen hat durch seinen Tod. Denn ich weiß, ich hab nur eine einzige Chance: Ich muss stärker werden, sonst geht nichts. Gestern nacht hab ich mir zehn Sätze aufgeschrieben, die mir dabei helfen sollen, es sind meine 10 Gebote für die Zukunft.

Erstens: Vertraue niemandem als dir selbst.

Zweitens: Sage keinem, was du wirklich fühlst.

Drittens: Hör gut zu, wenn andere was erzählen - versuch rauszukriegen, wie sie’s in Wahrheit meinen. Glaube aber niemals ihren Worten, nur ihren Taten.

Viertens: Niemand wird etwas für dich tun. Das bist auf dich allein angewiesen.

Fünftens: Du wirst von jetzt ab sehr einsam sein. Du musst lernen damit umzugehen: das wird schwer, doch es geht nicht anders!

Sechstens: Hör auf Träumen nachzujagen. Weine dem Verlorenen nicht nach.

Siebtens: Frage dich immer: Wem nützt es? Was oder wer kann dir nützlich sein?

Achtens: Schreib auf, was dich umtreibt. Was ist wichtig, was nicht.

Neuntens: Frage dich jeden Tag: Was ist dein Ziel? Bist du ihm heute näher gekommen?

Zehntens wie erstens: Vertraue niemandem als dir selbst.

Noch bin ich nichts, noch hab ich nichts, noch kann ich nichts. Doch ich werde wiederkommen, und ich werde ein Anderer sein!

(Variante 2: Die soziale Lösung - Typ Pfarrer oder Revolutionär):

Albin: Du kannst es doch innerlich tun.

Alfred: Was denn?

Albin:

Gerd, warum ausgerechnet Du? Und ich habe gar nichts gemerkt. Ich, der direkt neben dir saß! Was wissen die Menschen voneinander? Nichts, gar nichts. Weil jeder immer nur an sich denkt, meint, in dieser Welt ein Schauspieler sein zu müssen, der mit den geilsten Sprüchen gewinnt. Alfred, der größte! Ha, Alfred, ein Versager! Dabei sind wir doch alle dieselben armen kleinen Würstchen. Das ist doch die Wahrheit! Aber warum bricht keiner diese Mauer der Schauspielerei auf, gibt mal auf eine ganz andere Art und Weise den Ton an? Weil in unserer Gesellschaft Geld und Konkurrenz jeden gegen jeden aufhetzen, weil alle sich immer wieder blenden und betäuben lassen von dieser blöden Schau. Das ist doch krank! Da kann sich doch keine echte Freundschaft, keine Menschlichkeit, keine Liebe entwickeln! Wir brauchen eine andere Gesellschaft, in der die Menschen freier und ehrlicher miteinander umgehen. Wo man sich achtet und nicht gegeneinander, sondern miteinander lebt.

Im Grunde sind wir doch alle Opfer der Umstände, unter denen wir leben. He du da, du bist mein Knecht, du arbeitest für mich. Welcher Irrsinn! Warum soll sich daran nichts ändern lassen? So kann es doch nicht auf ewig weitergehen. Im Grunde sind die Menschen doch nicht schlecht, sie sind nur gedrückt und verbogen von den Zuständen, sie haben sich notgedrungen angepasst. Wir müssen die Zustände endlich ändern, müssen zeigen, dass es möglich ist, diese Entwicklung umzudrehen. Ade Berta. Ja, auch ich habe nur an mich gedacht. Klein, egoistisch. Ich schäme mich sehr. Ich muss endlich aus mir raus, mich engagieren, für bessere Ideen eintreten, eine menschlichere Gesellschaft, nicht nächste Woche, nicht Morgen, sondern in dieser Minute.

(Variante 3: Die ästhetische Lösung - Kultivierung der Innerlichkeit: Dichtertyp):

Albin: Du kannst es doch innerlich tun.

Alfred: Was denn?

Albin:

Wie konnte das geschehn? Es kennt kein Mensch

den andern. Keiner nimmt den Nebenmann

mehr wahr, ja freut sich noch, wenn dieser reinfällt.

Warum ist denn die Welt so furchtbar kalt,

so hart und lieblos? Gibt’s kein andres Leben?

Auch ich, Gerd, hab an dir vorbeigelebt,

ich sah dich jeden Tag, blieb steif und regungslos,

jetzt sah ich deinen Sarg ins Erdloch sinken.

Es gab doch Zeichen, ich verstand sie nicht,

ich war gelähmt von Alfreds dreisten Sprüchen,

ein dummes Kind mit Augen, die nicht sahen,

mit Ohren, die nicht hörten, stand wie irr

und hoffte einfach, dass da einer herkam

zu sagen: „Was du fühlst, Albin, ist richtig,

was es bedeutet, musst du erst noch lernen.

Dein Herz ist voll, jedoch dein armer Kopf

ist zugemüllt von tausend üblen Sprüchen.”

Was ist mit mir, mir Blödem? Warum bin ich

der Tropf, in dem so krauses Zeug sich stapelt?

Dann plötzlich scheint mir sehr viel größer alles

da draußen, reifer, wunderbarer als ich

im Stande bin, im Innern zu begreifen.

Ich ahn’: Es muss ein bessres Leben geben,

sonst hält kein Mensch das seine wirklich aus.

Wie sehn ich mich nach dieser andern Welt,

wo alles gut und einfach ist, wo Liebe siegt,

schon weil sie wahr und ehrlich ist. Vielleicht

fehlt’s nur am rechten Wort zur rechten Zeit?

Dafür will ich von jetzt an leben, will

mich auf die Suche machen nach der bessren Welt.

Ja, ja, ich weiß, ich bin nichts, kann nichts, klein

und schwach bin ich und werde Jahre brauchen,

muss erst dreitausend Bücher lesen, eh

ich wagen darf, das Wort zu brauchen wie ein Dichter,

das plötzlich vielen Menschen wie ein Blitz

in ihren Alltag sticht - doch das sie niemals mehr vergessen.

Die Hoffnung braucht doch eine starke Stimme,

denn ohne Ziel und bessere Ideen

da wird die Menschheit sich am End begraben,

für dieses Ziel muss ich mein Leben geben.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Donnerstag, 4. Juni 2009 15:50
Themengebiet: Bühnenwerke