SS 09: Lyrik des 16. - 18. Jahrhunderts

Die Lyrik des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ist ein wenig bekanntes Terrain. Wir wollen uns in diesem Seminar in diese terra incognita einarbeiten - nicht zuletzt, um die Vorgeschichte jener uns unmittelbar berührenden Lyrik, wie sie uns seit der Sturm-und-Drang-Periode begegnet, verstehen zu lernen. Diese Zeitspanne von etwa 250 Jahren - zwischen 1520 und 1770 - bietet ein ungeheuer vielfältiges Spektrum lyrischer Weltaneignungen. So wurde von Luther die große Tradition des (protestantischen) Kirchenliedes begründet, von Paul Gerhard und anderen 100 Jahre später fortgeführt und zur Hochblüte gebracht. Daneben beeindruckt der reiche Schatz lateinischer Dichtung deutscher Humanisten z.B. eines Conrad Celtis oder die sich parallel entwickelnde überaus derbe Volkslieddichtung, deren Texte - oft anonym überliefert - häufig in das kollektive Bewusstsein eingegangen sind. Der oft lehrhaft einherkommende Meistersang (bekanntester Vertreter Hans Sachs) wiederum stellte zur selben Zeit nach dem Muster der Handwerkszünfte frühe Qualitätskriterien für die Verfertigung poetischer Texte auf. Lehrhafte Dichtung finden wir auch 18. Jahrhundert häufig (z.B. gereimte Fabeln bis hin zum großen Lehrgedicht wie Albrecht von Hallers „Die Alpen”). Daneben führt die anakreontische Lyrik eines Gleim, Hagedorn unmittelbar zu den Liedern des jungen Goethe hin - ebenso wie Klopstocks empfindsame Oden.

In der Zwischenzeit des 17. Jahrhunderts eröffnete sich das weite Feld der barocken Lyrik, die - außer in wenigen Gedichten eines Andreas Gryphius - leider ebenfalls kaum Eingang in unsere Schulbücher gefunden hat. Dabei steht neben dessen berühmtem Ausruf „Es ist alles eitel!”, den existenziellen Erfahrung des irdischen „Jammertals” im 30-jährigen Krieges geschuldet, gleichberechtigt das „Carpe diem!” eines Christian Hofmann von Hofmannswaldau als Ausdruck von Diesseitsbejahung und Lebensfreude.

So gilt es, in diesem Seminar das reiche Spektrum lyrischer Produktionen und Entwicklungen auszuloten, wie es sich von Georg Rudolf Weckherlin (1584 -1653) bis hin zu Johann Christian Günther (1695 -1723) entfaltet hat. Ein besonderer Schwerpunkt soll auf dem Entwicklungsprozess der Liebeslyrik liegen: hier sind die Versuche deutschsprachiger Autoren, eine Art „Weltniveau” zu erreichen, bemerkenswert - sei es mithilfe der Poetik eines Martin Opitz (1597-1639) oder über die Adaption der lyrischen Bild- und Formelsprache des europäischen Petrarkismus (dieser lyrische „Qualitätsstandard” wurde von Petrarka in Italien entwickelt, in England von Shakespeare, in Frankreich von der Pleiade aufgegriffen).

Auch die Lebenssituationen der Autoren in diesen 250 Jahren werden eine Rolle spielen, ebenso Stellung und Funktion der Literatur in der Gesellschaft. Dichtende Frauen wie Regina Catharina von Greiffenberg oder Sibylla Schwarz werden Thema sein, Sprachgesellschaften oder „Blumenorden” wie die Nürnberger Pegnitz-Schäfer, die Schlesischen Dichterschulen gegen Ende des 17. Jahrhunderts sowie der Klopstock-nahe Göttinger Hain um 1770.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Freitag, 6. Februar 2009 11:55
Themengebiet: Lehre