Szene 9
Sänger:
als hans domizlaff
längst werbeleiter war
in reemtsmas großer zigarettenfabrik
verkehrte sich sein leben radikal
zuvor nicht anerkannt
verprügelt verachtet gedemütigt
hatte er jetzt eine position
o welcher genuss o welche macht
wie lange ersehnt und jetzt erreicht
und schon wagte er
in mancher formulierung
einen ziemlich heißen tanz
hierin sensibel war
domizlaff hans
(Domizlaff diktiert seiner Sekretärin Anni Dröge einen Brief an die Fürstin Esterhazy; währenddessen hantiert er mit deren Bildnis, schwenkt es vor sich hin und her wie einen Spiegel, Hamburg-Othmarschen, 1924)
Domizlaff 2: häschen schreib:
durchlauchtigste gnädigste
fürstin esterhazy ach
Anni Dröge: ach
Domizlaff 2: ach was natürlich nicht ach
mögen sie gütigst
einem schon lange
geheimen verehrer
ihrer makellosen schönheit
einem untertänigen diener
ihrer fürstlichen hoheit
erlauben seine verschämten augen
aufzuschlagen und ihn anhören wenn
sich ein bescheidenes wort
aus seiner seele windet
Anni Dröge: seele windet
Domizlaff 2: sie haben ja so recht verehrteste
mich als den verantwortlichen
für die reklame unserer zigarettenfabrik
mit härtesten vorwürfen zu belegen
ja ich bekenne mich schuldig
ja ich war es der sich
wie ein dieb ein abscheulicher
Anni Dröge: abscheulicher
Domizlaff 2: sich bemächtigte
ihres bildnisses und es ungefragt
vervielfältigen ließ
um es unseren zigarettenpackungen beizulegen
so tief sehen sie mich verstrickt
in schuld und scham
Anni Dröge: schuld und scham
Domizlaff 2: niemals verehrteste fürstin
fiele es mir ein diese verfehlung
im geringsten beschöningen
zu wollen und doch
erlauben sie mir ein wort und
- mir zittert der mund -
Anni Dröge: zittert der mund
Domizlaff 2: es ihnen zu sagen -
von ihrer schönheit geblendet
überwältigt vom reinen
ebenmaß ihrer
(er betrachtet das Bild, dann süffisant)
nasenflügel
Anni Dröge: nasenflügel
Domizlaff 2: entwaffnet von der in ihrem antlitz
sich spiegelnden sittlichkeit
eines höheren menschentums
war es mir gleichsam
ein inneres bedürfnis ja nachgerade
ein zwang
Anni Dröge: zwang
Domizlaff 2: schreiben sie unausweichlicher
unausweichlicher zwang
ihr bildnis mit aller
mir zur verfügung stehenden macht
zu verbreiten und dies war
schau schau
Anni Dröge: schau schau
Domizlaff 2: häschen doch nicht schau schau
dies war
das profane aber wirkungsvolle mittel
unserer bekannten markenzigaretten
denn - um den dichter zu zitieren
wer die schönheit angeschaut mit augen
ist dem tode schon anheimgegeben…
Anni Dröge: dem tode schon anheimgegeben …. schön
Domizlaff 2: konzentration häschen!
und doch scheint es zuweilen
die vorsehung so fügen zu wollen
dass ihm zugleich auch wachsen
unsichtbare flügel der list…
Anni Dröge: flügel der list
Domizlaff 2: solcher schönheit lebenslang
ein dienstbarer geist zu sein
dies hochverehrte fürstin
sind die ungelenken worte
ihres stammelnden knechtes
der ihnen das innere seiner brust…
Anni Dröge: das innere?
Domizlaff 2: nein goethischer -
das innere seines
(er benutzt seine gespielte Entrückung, um nach ihren Brüsten zu grapschen, sie wehrt nur halbherzig ab)
busens entdeckt worin
ein unauslöschliches feuer
lodert ihnen ein denkmal
in den herzen der menschen
zu setzen ewiglich amen
Anni Dröge: ewiglich amen
Domizlaff 2: quatsch amen
bedenken sie gnädigste fürstin
doch auch einmal
dass auf diesem wege ihr bildnis
millionen- und abermillionenmal
in die hände schlichter menschen gelangt
wahrhaftig ich sehe schon
vor meinem geistigen auge
das brave volk sich
an ihrer wohlgestalt erquicken
den rohen geschmack veredeln
wenn es ihr bildnis
sammelt und aufbewahrt
und wie eine ikone
(er nähert sich ihr unzweideutig)
inbrünstig küsst.
Anni Dröge: aber herr domizlaff
Domizlaff 2: und jetzt sehen sie mit mir
den arbeitsmann diesen
triebhaften einfachen menschen der
(er nestelt an ihrer Bluse)
von der last seines tagwerks erschöpft
in der mittagspause endlich
sein zigarettenpäckchen öffnet
(er öffnet ihre Bluse)
und was lacht ihn an?
ein anmutiger traum
der mitsamt den schönen runden
geballten tabakwölkchen
seiner zigarette
entzückend vor ihm schwebt
(er erhebt sich und schreitet herrisch auf und ab)
anmut schönheit und grazie
gebührt der sieg
dafür kämpft mannhaft
ihr getreuer vasall
und verneigt sich
vor ihnen ehrfurchtsvoll
Anni Dröge: welch schöner brief welch edler schluss
Domizlaff 2: darunter der übliche nusch
bla bla diese ziege
(geht genervt ab; Anni Dröge richtet ihre Bluse und bleibt verstört zurück)
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