Eine Tüte voll Fabeln
©1994 Dirk Schindelbeck
Inhaltsübersicht
Der Wolf und das Lamm
Der Affe und der Fuchs
Die Weinbergschnecke und der Winzer
Die beiden Hamster
Die Adler und die Wölfe
Der Bauer und die Esel
Die Tanne und das Schönheitsideal
Der junge Adler
Apfelbaum und Esche
Die Elster
Das Schwein und der Fuchs
Die Ente und die Goldfische
Der Affe und der Pfau
Der Löwe und die Hyäne
Der Wolf und das Schaf
Das Huhn, der Bulle und der Fuchs
Die Laus im Pelz
Die Rechnung des Fischers
Rosenstrauch und Eiche
Wolf und Bär
Der ewige Hund
Die Lektion des Igels
Der Esel und sein Schatten
Die Eselspartei
Der Esel an den Himmel
Die Forelle und die Frösche
Die Häsin
Die Parasole
Der Fuchs und die Erbengemeinschaft
Die Gesellschaft der Äpfel
Der Wurm im Mehlfass
Der Wolf und das Lamm
„Warum bist du nur so feige?” fragte der Wolf das Lamm. - „Damit man dich überhaupt noch beachtet, denn weshalb sollten die Menschen sich deinetwegen kümmern, ja dich fürchten, wenn du nicht mir, das man liebt und ehrt, etwas zu Leide tätest? So fromm bin ich, friedfertig und mild, dass man in mir alle guten und schönen Tugenden erkennt”, säuselte das Lamm und sah den Wolf mit eitlem Vorwitz und keckem Stolz an. „Dem Satz werde ich mich fügen, auf dass man auch in Zukunft erkennt, was du bist und dich nicht verwechselt! Denn bedenke, dass du deine Tugend ja erst dann gewinnst, wenn ich dich schon gefressen habe. Tugend heißt bei mir Tat, und also freue dich, dass ich dir Gelegenheit gebe, groß undruhmvoll zu leiden!” Und er riss das Lamm.
Der Affe und der Fuchs
„Du wirst mir doch zugestehen”, sprach der Affe zum Fuchs, „dass ich weit besser als die anderen Tiere auf zwei Beinen laufe und den Menschen bei weitem am ähnlichsten sehe, ja mitihnen eine gewisse Ausnahmestellung teile.” - „Allerdings”, sagte der Fuchs. „Nun sahest du aber auch, dass die Menschen sich zum Zwecke schnellerer Fortbewegung des edlen Pferdes bedienen, und das edle Pferd - du weißt es - nahm diesen Dienst dankbar und gern an. Ich aber stehe bislang noch ohne einen solch treuen Gefährten da, und obwohl viele Tiere mich bereits um solches Amt gebeten haben, entschied ich noch nicht, wen ich mir dazu erwähle. Die einen waren, wie der Elefant, zwar sanft und gutmütig, aber zu groß für mich, die anderen, wie der Wolf, von der Größe her passend, aber schlechter Gesinnung. Nun jedoch glaube ich, den rechten Begleiter gefunden zu haben. Wir beide, lieber Fuchs, passen von der Größe her zusammen; auch weiß ich um deinen Edelmut und deine Klugheit. Es gäbe wahrlich kein schlechtes Bild ab, wenn wir schon morgen wie Mensch und Pferd des Weges kämen. Was meinst Du, wie die anderen staunen werden! Wir sind das ideale Paar!” - Der Fuchs lachte nur: „Nur bin ich dazu nicht Affe und Du nicht Fuchs genug!”
Die Weinbergschnecke und der Winzer
Einst bot die Weinbergschnecke dem Winzer an, nicht mehr von Trauben sich zu ernähren, wenn er sie dafür verschonen wolle. „Der Handel ist weniger als schlecht,” antwortete der Winzer, „er ist gar keiner, da ich doch gerade froh bin, zwei so außerordentliche Genüsse am selben Orte aufziehen zu können.”
Die beiden Hamster
„Hast Du schon für den Winter gesammelt?” fragte der Hamster seinen Vetter. „Ja, willst du es sehen?” - Und er zeigte ihm seine Höhle. - „Viel ist es!” - „….und vielerlei,” ergänzte der Vetter: „Weizen- und Roggenkorn, Nüsse, Bucheckern, Eicheln… Aber sag mir, hast du auch so vielerlei gesammelt?” - „Nein, nur Nüsse!” - „Das finde ich aber sehr einseitig. Kamst du nicht rechtzeitig zur Getreideernte? Hast Du die Bucheckernzeit versäumt?” - „Nein, ich empfinde kein Versäumnis, da ich das beste gesammelt habe.” - „Aber denk nur, wenn die Fäule über die Nüsse kommt, dann hast du nichts mehr, ich hingegen habe noch so viel und anderes, womit ich den Winter durchstehen kann.” - „Weil du selbst nicht verderben willst, denkst du darauf, dass mir das Gute verderbe? Weil ich es vorziehe und ganz darauf setze, es zu meinem Schicksal mache? O wenn du wüsstest, wie schön es ist, nur auf das ausgerichtet zu sein, das gut ist.” - „Es ist doch tatsächlich die Frage, ob Nüsse wirklich das Gute sind. Das ist noch gar nicht entschieden. Wie viele gibt es, die Nüsse sogar verschmähen!” - „O Freund, ich sehe schon, du bist hoffnungslos modern. Du denkst nur an Versorgung.
Der Adler und die Wölfe
„Warum lebst du nicht auch im Rudel - wie wir? Das Jagen fiele dir um ein gutes Stück leichter!” fragten die Wölfe den Adler, „du bist doch auch - wie wir - ein Raubtier, und so wie wir gefürchtet sind bei den Lämmern, so verbreitest du bei den Tauben Angst und Schrecken.” - „Und Achtung,” erwiderte der Adler.
Der Bauer und die Esel
Ein Bauer hatte zwei Esel erstanden. Am Abend nach der Arbeit führte er sie in den Stall und warf ihnen einen großen Heuhaufen vor die Füße. Gierig, nicht zu kurz zu kommen, schlang jeder Esel in kürzester Zeit einen möglichst großen Teil des Haufens hinunter, fest im Glauben, der andere habe schneller und mehr gefressen als er selbst.
Am nächsten Morgen wollte der Bauer pflügen und spannte die Esel ins Joch. Jeder von ihnen aber dachte: „Da ich gestern weniger als du fraß, ist es nur natürlich, dass ich heute auch weniger arbeite.” So, unter genauer Beobachtung der Bewegungen des anderen, versuchte jeder von ihnen der langsamere zu sein, und beide duldeten lieber, vom Bauern, der sehr zornig wurde, mit harten Rutenschlägen bestraft zu werden. Als der Bauer sah, dass alles Antreiben erfolglos war, begann er zu überlegen.
Abends vor der Fütterung hämmerte er schnell aus ein paar übrig gebliebenen Latten eine Wand zurecht, mit welcher er den Eselstall in zwei kleinere, gleich große Ställe unterteilte. Bei der Fütterung nun stand jeder Esel allein und erhielt genau die Hälfte der Menge des üblichen Heuhaufens. Und siehe, auf einmal fraßen beide in Ruhe und verdauten langsam und ohne Krämpfe.
Als der Bauer sie am nächsten Morgen wieder ins Joch spannte, zogen sie artig, wie Brüder, den Pflug, gemeinsam ihr schweres Los beklagend und jeder den andern zum Durchhalten bestärkend.
Die Tanne und das Schönheitsideal
Eine Jungtanne in einer Schonung hatte das Ziel, ein besonders schönes Exemplar ihrer Art zu werden; und wirklich, seit letztem Frühling fühlte sie die Kraft dazu und die Anlage in sich gegeben. Was aber war ein besonders schönes Exemplar ihrer Art? Etwa eine von den drei hohen Tannen, die ihr gegenüber auf der Anhöhe standen? „Aber nein! Die mittlere, wie eingeklemmt! Viel zu mager! Und die äußeren erst, wie schief und schräg gewachsen, die Äste einseitig! So darf ich nicht werden, ich werde mich hüten müssen, zu übereilt zu wachsen, dass ich ja keinen Fehler mache!” - Dann willst du vielleicht so schön und glatt werden wie deine Brüder dort im Wald? - „Gott bewahre! Unten nackt und dürr, oben borstig! Eine Tanne bin ich und kein Pinsel! So darf ich auf keinen Fall werden!” - Du willst also ganz alleine stehen? - „Schon eher, aber der Wind, der ständig drückt und mich am Ende krumm macht… Ich weiß nicht.” - Dann bilde doch einen kräftigen Stamm gegen den Wind, wachs in die Breite, stütz dich ab! - „… dass ich dick werde, plump und gedrückt aussehe? Nie!” - Aber was willst du dann? - „Ein Muster meiner Art werden, ich brauche nur genügend Zeit zum Überlegen…”
„Diese Kümmerlinge”, dachte der Förster bei seinem Rundgang: „Ein richtig schöner Weihnachtsbaum wird daraus nie,” und haute das Tännchen ab.
Der junge Adler
Ein junger Adler versuchte zum ersten Male im Nest seine Schwingen. „Ich werde ein Adler”, fühlte er. Bald darauf wagte er sich zum ersten Male in Baumhöhe zu fliegen. Stolz kehrte er sich um, übersah seine Leistung und fühlte: „Ich werde ein Adler.” Er übte und übte und maß immer wieder seine Kräfte, seine Geschicklichkeit und erflog die Hügel seiner Heimat, später die Gebirge, die Hochgebirge und kreiste zuletzt über dem höchsten Berg. Lange und ruhig blickte er vom Gipfel herab, wandte dann sein Auge der Sonne zu, erhob sich mit gewaltigen Schwingen, stark und schön, und sprach wieder: „Ich werde ein Adler.”
Als solchen aber hatten ihn die anderen Tiere längst erkannt und fürchteten ihn.
Apfelbaum und Esche
Ein Apfelbaum und eine Esche standen dicht beieinander. Der Apfelbaum ging die Esche an: „Ich bin doch ein wahrhaft wohltätiger Baum. Ich schenke den Menschen die Früchte, aus denen sie Auflauf und guten Kompott machen, gebe ihnen eine gute Verdauung, den Kindern gesundes Aussehn und viel Freude dazu. Aber du, Esche, sag mir an, worin besteht dein Wohltun gegen die Menschen?”
„Wie die Fichte ihnen erst die Leiter gibt, dich zu berauben, so gebe ich ihnen die Axtstiele, dich leichter umzuhauen, wenn du nicht mehr trägst. Gewöhnlich aber fühle ich auch ohne die Menschen meinen Wert!”
Die Elster
Eine Elster hatte ihr Nest auf einer Astgabel, die einen Teich überragte, gebaut. Es war ein übergroßes Nest, denn der Hausstand der Elstern besteht, wie wir wissen, nicht allein aus der Behausung, sondern meist noch aus einer Sammlung an Schmuck oder silbernen Löffeln. All dies hat für gewöhnlich noch mit im Nest Platz. Hier waren es eine Uhr, ein Armkettchen und ein Ring. Als andere Vögel einmal bei der Elster zu Gast waren, lachten sie darüber und fragten: „Was soll denn all das glitzernde Zeug? Wozu nützt es dir denn? Du musst ein vielfach stärkeres Nest bauen als wir, und deine Jungen musst du in einem so großen Nest doppelt warm halten. Einen Aufwand treibst du, der nur Zeit und Kraft kostet…” - „Das versteht ihr nicht,” sagte die Elster knapp, „das sind höhere Werte.” Lachend verabschiedeten sich die anderen Vögel.
Es kam die Zeit der Brut. Als die Jungen geschlüpft waren, hatte die Elster alle Schnäbel voll zu tun. Von Tag zu Tag sah sie ihre Jungen kräftiger und schwerer werden. Doch dann, an einem schwülen Mittag - die Elster war gerade auf Futtersuche - kam ein tückischer Windstoß, der das Nest von der Astgabel riss und in den Teich warf. Augenblicklich drohte es zu versinken, denn die gewichtigen Schmuckstücke zogen gewaltig in die Tiefe. Gott sei Dank kam die Elster gerade noch rechtzeitig zurück und warf den ganzen glänzenden Plunder in den Teich. Leicht genug nun trieb das Nest ans Ufer, und den Jungen war sämtlich nichts geschehen.
„Gut, dass ich ein so großes und starkes Nest gebaut habe; gut, dass ich es mir schwer genug gemacht habe. Leicht kann ich mich von meinen höheren Werten, meine Jungen zu retten, trennen. Ich werde wieder so bauen.”
Das Schwein und der Fuchs
Ein gieriges und fettes Schwein fraß und paarte sich mit seinesgleichen auf einer stark befestigten Koppel und grunzte nach Herzenslust. Gevatter Fuchs, der dies von fern hörte, schlich herbei und kroch unter den Koppelbalken hindurch. „He”, rief das Schwein, „warum frisst du nicht wie wir, vergnügst dich nicht wie wir? Hast du keine Bedürfnisse? Du verleugnest dich selbst! O wie siehst du ausgehungert aus!” - „Ja, das bin ich,” gestand der Fuchs, und, geschickt wie er die Latten untergangen, wand er sich wieder ins Freie: „Ich werde noch üben, auf Bäume zu klettern, ich liebe nun mal das Fliegen…” dachte der Fuchs. Das Schwein wollte ihm nach, ihn bekehren, stieß sich aber, fett und ungeschickt, an den Koppelpfählen die Schnauze. Verärgert kehrte es sich um und sprach zu seinesgleichen: „Der will doch nichts lernen!”
Die Ente und die Goldfische
Eine Ente schwamm auf einem tiefgrünen beschatteten Teich und sah unter sich eine große Anzahl goldener Fische im Wasser wimmeln. „Ach, ihr armen Kerle,” sprach sie, „denkt euch nur einmal, dieser Tümpel hier würde in einer großen und langen Sommerhitze austrocknen, ihr ginget alle miteinander elendiglich zugrunde. Auf Gedeih und Verderb hat euch die Natur dem Wasser ausgeliefert und euch alle Freiheit, euer Element selbst zu wählen, genommen, wie es mich hingegen auszeichnet. Ihr seht ja, mir steht es frei, mich im Wasser zu bewegen oder auf dem Lande, ich tue eben, wozu ich die meiste Lust verspüre.” -
„Ja,” sagten die Fische, „auf dich scheint die Natur alle Reste von Fähigkeiten, die ihr noch übrig geblieben waren, vereint zu haben: Halb kannst du laufen, halb schwimmen, beides nur langsam. Kurz und plump, mit breitem Schnabel, schrägen Beinen, behauptest du, ein Vogel zu sein und hast doch dein Leben lang keinen Baum von oben gesehen. Bist du Landtier, lerne laufen, bist du Vogel, übe fliegen, bist du wasserfähig, komm herab und bleibe bei uns, Was bist du eigentlich?
Der Affe und der Pfau
Der Affe und der Pfau stritten, wer von ihnen der edlere und vornehmere sei. Der Pfau verwies auf seine Ahnentafel und spreizte sich: „Sieh nur, du neureicher Affe, aus welch edlem Geschlecht muss ich entsprungen sein, dass ich so schöne Federn habe? Umsonst wäre ich gewiss nicht so wohlgestalt, so schön. Überall, wo ich erscheine, erkennt man sogleich mein königliches Wesen. Selbst unter den Menschen!” - „Ha, dass ich nicht lache,” erwiderte der Affe, „einzig deine Eitelkeit ist es, die dich so außergewöhnlich erscheinen lässt und wovon niemand ein Maß hat. Es staunen nur alle, dass es etwas so Eitles wie dich überhaupt gibt. Ich aber bin durch eigene Leistung zu Ehren gekommen, nicht durch Ahnentafeln und Gehabe. Das gelehrigste Tier bin ich, ohne allen Zweifel, und mein Ansehen ist der Spiegel meiner großartigen geistigen Leistungen. Selbst die Menschen schätzen mein Geschlecht als das klügste, intelligenteste und vornehmste unter den Tieren.”
Der Löwe, der alles zufällig mit angehört hatte, ward es leid, knurrte nur und ging beiseite. Der Affe und der Pfau aber sollen daraufhin lange geschwiegen haben.
Der Löwe und die Hyäne
Ein Löwe hatte eine Gazelle gerissen und war im Begriff, sie zu fressen, da erblickte er eine völlig erschöpfte ausgehungerte Hyäne. Großmütig winkte er ihr mit der Tatze, sich einen Hinterlauf abzuholen, auch wenn er dann sein Mahl einschränken musste. Hastig nahm die Hyäne die Gabe an und verschwand wortlos im Gebüsch.
Am nächsten Tag hatte der Löwe großes Glück. Er erlegte fünf Gazellen auf einmal. Gemütlich hatte er sich nieder gelegt und angefangen zu fressen, als ihn ein Gefühl, beobachtet zu werden, nicht los ließ. Und richtig, kaum dass er satt geworden war - drei Gazellen lagen noch unberührt -, als aus dem Gebüsch die Hyäne trat und mit tiefer Verbeugung anfing zu reden: „Demütig verneige ich mich vor dem König der Tiere! In tiefster Dankbarkeit stehe ich hier vor euch, dessen Großmut mich gestern vor dem Hungertode bewahrte. Da ich aber meiner Ermattung wegen keine Kraft der Stimme hatte, meine Muskeln auch nicht zu einer angemessenen Verbeugung fähig gewesen waren, nahm ich heute wieder den Weg hierher, Euch eine würdige Bezeugung meiner Ehrfurcht darzubringen.” Der Löwe nickte gelangweilt.
Die Hyäne aber schielte auf das viele Fleisch und sah, wie träge der Löwe dalag und begann von neuem: „Wenn Ihr mir nochmals eine Offenbarung eurer königlichen Güte zuteil werden ließet, ewiglich stünde ich als lebendiges Symbol der Dankbarkeit vor Augen.” Der Löwe reagierte nicht, schien fast zu schlafen. „Es liegt hier soviel Fleisch zu euren Füßen, dass Euch nicht mehr sättigen kann. In wenigen Stunden, bedenkt es wohl, fängt es schon an zu verwesen, und angefaultes Fleisch ist Eurem königlichen Magen wahrlich nicht zuzumuten. Auch denkt an den Hunger in der Welt! Helft ihn lindern. Euch ginge nichts verloren, andere aber und mich sättigte schon ein Hinterlauf dieses schönen Fleisches.” Der Löwe fing unwirsch an zu knurren. „Bedenkt auch, wenn es Morgen völlig verfault oder verwest ist, ist es für nichts und niemanden mehr nütze. Krankheiten gehen von ihm aus, Maden und Würmer verbreiten Gestank, Seuchen. Ist es da nicht besser, ein noch frisches Fleisch gleich zu verzehren als erst Aas entstehen zu lassen?” Der Löwe knurrte etwas lauter, gab aber keine Antwort. „Und ist es Übermorgen nichts als Aas, wem stünde es besser an, es zu vernichten als mir? So wurde es doch von der herrlichen Natur weise eingerichtet, und Ihr, das weiß ich, werdet Euch doch ihrem großen Plane fügen und einsehen, was Euch und einer jeden Tierart ziemet. So bedenkt Euch doch und gebt…”
Aufsprang da der Löwe, zerriss die Hyäne und blieb ihr die Antwort nicht schuldig.
Der Wolf und das Schaf
Unvermutet sah sich das Schaf dem Wolf gegenüber. Obgleich es vor Angst zitterte, fand es sich doch und sagte: „Wolf, ich sehe sehr wohl, dass du mich fressen willst. Aber warte noch einen Moment, denn ich möchte dir einen Handel, zu einzig deinem Vorteile, anbieten. Die Hälfte dieser Wiese trete ich dir ab und behalte nur die andere Hälfte für mich und die Meinigen zurück. Als Grenze lass uns die Linie zwischen diesen beiden Pfählen hier annehmen. Immer aber nun, wenn eins von den anderen Schafen auf dein Gebiet tritt, magst du es fressen, und ich werde dafür sorgen, dass man die Schafe, die sich solcher Übertretung schuldig gemacht haben, auch für schuldig erkennt und dir, der du dann nur deine Wiese verteidigst, recht gegeben und ein guter Ruf nacheilen wird. Überleg es dir schnell und dann lass mich gleich zum Schäfer gehen und ihm unsere Abmachung mitteilen.”
„Von wem Verräter geschlachtet werden, sollte ihnen selbst eigentlich gleich sein,” versetzte der Wolf und riss das Schaf.
Das Huhn, der Bulle und der Fuchs
„Ach!” rief im Gehege das Huhn, „wie eng ist es mir ums Herz, seitdem ich die Wildhühner fliegen sah. Gefangen bin ich hier, meine Eier, meine noch ungeborenen Kinder, nimmt man mir weg!” - „Dein Herz ist bedrängt?” fragte der Fuchs, der außen vorbeischlich, voller Neugier. „O ja, und wie sehr! Beklemmung fühlt es, nur Beklemmung, und will doch endlich frei fühlen dürfen! Kannst Du mir helfen?” - „Natürlich!” - „Doch bist du nicht bekannt als der listige Fuchs? Ich kann dir nicht vertrauen!” - „Gut,” sagte der Fuchs, „dann sei der mächtige Bulle unser Zeuge. „Ja, das bin ich,” sagte der Bulle, dem die plötzliche Richterschaft sehr gefiel, „und wehe dir, Fuchs, du tust etwas anderes als allein das worum das Huhn dich bittet. Sonst wird ein fürchterliches Gericht hereinbrechen über dich!” - „Ich werde dein beklemmtes Herz erlösen, ich schwöre es,” sprach der Fuchs. „Und nichts außerdem,” vervollständigte der Bulle. „So sei es!” - und der Fuchs hob das Drahtgitter an, das Huhn schlüpfte ins Freie. Gleich packte er es am Hals, riss es und fraß fein säuberlich alles ab, bis nur noch das Herz übrig blieb. „Du wirst meine Ehrlichkeit und zugleich deine Dummheit bezeugen müssen!” rief der Fuchs dem grollenden Bullen zu, bevor er das Herz in die Luft warf und schnell im Wald verschwand.
Die Laus im Pelz
Im strengen Winter suchte die Laus den Pelz eines Bären zur Wohnstatt auf. Dieser begann sich bald hier, bald da zu jucken - doch wie sehr er sich auch kratzte, an Baumstämmen rieb, die Laus biss sich nur umso tiefer darin fest. „Ich könnte im Fluss untertauchen, sie darin ertränken, er ist ja noch nicht zugefroren”, dachte der Bär, „aber es ist so bitterkalt, dass ich mir selbst dabei eine Halsentzündung hole. Ich tue lieber gar nichts und warte ab, vielleicht geht die Laus ja von selbst!” Und tatsächlich, nachdem er sich in der Nacht lange hin und hergewälzt hatte, merkte er nichts mehr vom Kribbeln der Laus. „Na also!”, dachte der Bär, „sie ist vermutlich tot. Dumm wäre ich gewesen, wenn ich ins eiskalte Wasser gesprungen wäre bloß wegen einer Laus!” Diese war tatsächlich tot, aber wie viel Eier hatte sie dem Bären in dessen Fell abgelegt? Am nächsten Tag, wie juckte es den Bären da, und wie schnell wollte er ins Wasser gehen, um die Quälgeister loszuwerden. Allein - jetzt war der Fluss zugefroren.
Die Rechnung des Fischers
Abends saß der Fischer beim Netze Knüpfen. Er hatte nur eine mäßige Menge Garn, deshalb dachte er bei sich: „Es ist wohl besser, das Netz recht großmaschig auszuführen, die kleinen Fische, die ich sowieso nicht brauchen kann, schlüpfen heraus, mein Netz wird größer, und ich kann mehr auf einmal fangen. Dabei brauche ich nur die gleiche Menge Garn wie für ein kleineres Netz.”
Am nächsten Tag fuhr er aufs Meer und warf das Netz aus. Gleich schwamm ein großer Fischschwarm hinein, das Netz schloss sich. Sofort wollten die kleineren Fische fliehen, die Maschen waren ja weit genug. Doch der Älteste befahl den Größeren, die Kleinen zurückzuhalten, nach innen zu drängen und ihnen mit ihren Körpern jegliches Maschenloch zu verschließen. Die Kleinen sahen sich von den Großen umringt und riefen ängstlich: „Ihr wollt uns umbringen. Eure eigenen Kinder wollt ihr opfern, obwohl wir uns noch retten könnten!” - „Nicht so voreilig!”, sagte der Älteste, „gleich wird der Fischer versuchen, das Netz hochzuziehen. Gelingt es ihm, dann habt ihr noch genug Zeit zum Entschlüpfen.”
Doch dem Fischer war das Netz heute so schwer wie noch nie, sodass er, obwohl er seine ganze Kraft aufbot, es keinen Zentimeter heraufbringen konnte. Als auch das Boot anfing, bedrohlich zu schwanken, gab er es auf und schnitt das Netz ab und mit leeren Fischkisten musste er heimfahren.
Wenn wir zusammenstehen, können wir oft die Fehler, die uns unsere Feinde in die Hand spielen, zu unserem Vorteil nutzen.
Rosenstrauch und Eiche
„Ha, wie bin ich doch froh, dass ich geschaffen bin klein und biegsam”, sagte der Rosenstrauch zur Eiche, „diesen Charakter hat ja schon einst der Fabeldichter an mir gerühmt, als er von einem gewaltigen Sturm erzählte, der einer Eiche Stolz und Übermut am Boden zerstückte, einen bescheidenen Rosenstrauch hingegen verschonte. So sind doch eigentlich, bedenke ich es recht, die Sträucher die Auserwählten. Sie bezeugen ja auch der großen Natur stets ihre Ehrfurcht und Frömmigkeit, wenn sie sich ihretwegen biegen und neigen. Du aber, Eiche, erhebst dich gegen die Natur, und das leidet sie nicht. Deine Größe und Pracht gelten in ihren Augen nicht. Edel und adlig willst du scheinen und bist doch nichts als hochmütig.”
Schweigend hörte sich die Eiche das an. Und siehe, am Himmel zogen Zeichen auf, Zeichen von Sturm. - Näher und näher schoben sich dunkle Wolkengebirge, Finsternis brach herein, Wind hob sich, die Pflanzen erzitterten. Erschrocken erbebte auch die Eiche, ach, hätte sie nur knien gekonnt: „Große Natur, ich weiß, du kannst mich fällen, doch ich flehe dich an, verschone mich: Ich bin nicht mehr die, die ich war, eitel, überheblich, trotzig. Es ist dies meine Natur, die mich so erscheinen lässt! O zügle den Sturm!” Immer stärker heulte und tobte das Unwetter jetzt. Der Rosenstrauch dachte: „Recht so: Stärker wehe, wilder wüte, Sturm! Verdopple deine Kräfte und sieh, ich bin geschmeidig und biegsam. Ha, wie die Eiche schon ächzt, knarrt und stöhnt. Ja, weh dem, der sich nicht biegen will, dreimal wehe! Ja, Sturm, lass sie ihre Eitelkeit bezahlen, strafe du, Gott! Und danke dir, große Natur, dass du mich wohlgefällig und klein erschaffen hast!”
In dem Moment barst die gewaltige Eiche, die Wurzel fuhr empor, mit krachendem Getöse fiel die breite Krone zu Boden. Zerschmettert aber, vom Eichenstamm niedergewalzt, lag der Rosenstrauch, zerstört bis in die innerste Wurzel.
„Welch ein schönes Holz!” sagte der Schreiner. Gutes Werkzeug und geschickte Hände bildeten daraus ein kunstvoll verzierte Bank, die heute auf dem Platz steht, wo früher der Eichbaum stand. Der Rosenstrauch wurde - einfach ersetzt.
Wolf und Bär
Für den Wolf und den Bären gab ein entwurzelter, quermittig aufliegender Baumstamm ein gutes Wippgerät her. Schon bald aber zeigte sich, dass der schlanke Wolf viel müheloser nach oben stieg als der schwerfällige Bär, der oft und lang auf seine Füße zu stehen kam, obwohl er lange Zeit nicht nachließ, sich nach Kräften abzustoßen. „Ich mag nicht mehr”, sagte er endlich unwillig. Der Wolf, dem es gut gefiel, mit so wenig Anstrengung so hoch zu steigen, neckte ihn: „Na, Freund? Keine Sprungskraft im Leib? Da weiß ich bewährte Mittel: abnehmen und täglich üben.” - „Mein kleiner Sohn kann ja für mich weitermachen,” schlug der Bär vor. Der Wolf war damit einverstanden, und die Baumwippe wurde neu besetzt. Doch wie staunte nun der Bär, als er bemerkte, um wie viel länger der Wolf nun die Füße am Boden hatte und um wie viel mühsamer er sich abstoßen musste, um überhaupt nach oben zu kommen…
Der ewige Hund
„Warum setzt du mir diesen Maulkorb auf!” fragte der junge Hund seinen Herrn. - „Damit du einen Widerstand hast, wogegen du Kraft, Mut und Ausdauer ausbilden kannst. Was liegt mir an einem Wachhunde, der roh und wild bleibt? Damit ist nichts gewonnen.” - Der Hund gab sich mit der Antwort zufrieden und gedieh prächtig. Eines Tages bellte er voller Hoffnung: „Nimmst du mir jetzt den Maukorb ab, denn ich glaube meine Lektion gut gelernt zu haben!” - „Noch nicht. Stärke braucht lange Zucht, das muss gut miteinander entwickelt werden.” Und der Hund wurde zu einem der besten Wachhunde in der Gegend. „Nimm mir jetzt endlich den Maulkorb ab!” knurrte der Hund nach einiger Zeit. Sein Herr aber sagte zu ihm: „Stark genug bist du ja jetzt, nur: zum Fürchten stark. Du könntest mich verletzen. Ich lasse den Maulkorb noch so lange an dir, bis du genug Einsicht und Weisheit zeigst in deine Verantwortung gegenüber den Menschen.” - Und der Hund beschied sich damit, wurde älter und schwächer und wagte lange Zeit nicht nachzufragen. Erst als die Zähne ihm langsam ausfielen, kroch er abermals vor seinen Herrn und winselte: „Bitte nimm mir den Maulkorb ab!” - „Was? Jetzt noch? Was sollen denn da die Diebe denken, wenn sie dich ohne Maulkorb sehen? Sie müssen dich für schwach und ungefährlich halten! Solange du noch reden und fragen kannst, wirst du auch deinen Maulkorb tragen.”
Die Lektion des Igels
„Die Menschen,” stöhnte der Igel, „nehmen mir immer mehr weg von meiner Hecke und von meinem Wald. Alles asphaltieren sie! Wenn ich jetzt vom Park in den Garten hinüber will, muss ich ihre harte Straße überqueren. Aber da ihre Reifen mit Luft gefüllt sind, werde ich ihnen eine Lehre erteilen.”
In der Dämmerung legte sich der Igel kugelrund auf die Straße. Nicht lange, und ein Junge kam auf seinem nagelneuen Fahrrad des Wegs. „Phüüt!” - wie die Luft aus dem Reifen entwich. Der Junge fiel hin, fluchte: „Der verdammte Igel!” Der Igel freute sich und rollte sich wieder zusammen. Bald darauf näherte sich ein Mopedfahrer und - auch er musste schieben.
„Ein guter Anfang: Sie lernen,” dachte der Igel und rollte sich wieder gemütlich ein, sehr gemütlich… Lange nach Mitternacht aber, der Morgen begann schon zu grauen, schreckte ihn ein furchtbares Geräusch aus dem Schlaf. Eine Dampfwalze machte dem Igelterror ein Ende.
Der Esel und sein Schatten
Einen ganzen Tag lang stand der Esel in der prallen Sonne und beobachtete seinen Schatten; denn er hatte gehört, dass der Wolf einst seinem Schattentrugbilde aufgesessen war, welches er genau zu dem Zeitpunkt, da es am größten war, in sich aufgenommen und zum verzognen Maßstab seiner Größe gemacht hatte: „Solchen Fehler begehe ich nicht!” Frühmorgens bemerkte der Esel, dass sein Schatten sehr nach oben gedehnt war: „Sehr erstaunlich: Dies scheint mir wahrhaftig wie eine Giraffe auszusehen! Ein sehr schnelles Tier!” Und er wartete und schwitzte, der Schatten schmolz allmählich zusammen, gab aber immer noch die Größe eines stattlichen Pferdes ab. „Nicht übel,” dachte der Esel, wartete und schwitzte. Der Schatten wurde lang und schmal. „Sollte das das Abbild eines Geparden sein? Wahrlich ein schnelles Tier. Meine Geschwindigkeit muss demnach mindestens die eines kräftigen Pferdes sein,” folgerte der Esel und erkühnte sich, mit dem Maultier um die Wette zu laufen. Nachdem er kläglich verloren hatte, fragte er: „Was habe ich nur falsch gemacht?” - „Einen ganzen Tag schwitzend mit solch mühseliger Spekulation vergeudet, der Wolf nur eine Minute!”
Die Eselpartei
Der Esel fühlte sich unterdrückt und verspottet. Er begann Partei zu machen und sammelte Unterschriften anderer Unterdrückter. Schließlich kam er auch zum Löwen und bat ihn, für die Sache der freien Esel einzutreten. „Es tut mir leid, aber ich möchte leben, und schon wenn ich mich hinlege, wie viele Ameisen unter- ja erdrücke ich schon dann? Habe du deine Moral, ich habe an meiner Natur schon genug zu tragen!”
Der Esel an den Himmel
Der Esel flehte zum Himmel auf, dass er weniger beladen werde: „Ach, der Mensch verfährt so grausam mit mir! Täglich muss ich vom Feld zur Mühle schwere Säcke Kornes herüberschleppen, und dann werde ich noch ins Mahlwerk gespannt! Großer Himmel, hilf mir, mein Leid zu enden!” Und der Himmel schickte die Sonne, und sie brannte so unbarmherzig, dass die ganze Ernte schon im Frühsommer auf dem Felde verglühte. Aber wie musste der Esel nun schon im Schatten schwitzen, und zu fressen gab es nun auch kaum noch etwas. „Das ist nicht das rechte,” rief er zum Himmel hinauf, „ich leide genauso wie vorher. Es macht keinen Unterschied, ob ich unter der Last oder unter der Sonne schwitze. Ich schwitze allemal!” Und der Himmel war wieder gnädig und schickte Frost und Eis. O wie fror den Esel, und wie klapperte er mit den Hufen. Auch den Müller fror, und da ihm die ganze Ernte verbrannt war, beschloss er, den Esel zu schlachten: „Vorher aber holst du mir noch Holz aus dem Wald, damit ich mich wärme.” - „Nein, wehe!” rief der Esel wieder zum Himmel auf, „mach es wieder wärmer, lass es wachsen, um alles in der Welt, ich flehe dich an!” - Da sprach der Himmel: „Du wolltest die Umstände für deine Freiheit und Bequemlichkeit arbeiten lassen, nun sieh zu, dass du auch selbst etwas dazu tust.”
Die Forelle und die Frösche
„Heißa!” rief die Forelle im Bach den Fröschen im Tümpel zu. Wer mitkommen kann von euch, der tu’s. Fremden Ländern entgegen, prachtvollen Städten, auf geschwinder Woge dahingleiten - wie ist das Reisen schön!”
„Immer diese Versprechungen!” murmelte ein alter Frosch, „wie viele kannt’ ich, die ihre Neugier hinriss und am Ende zugrunde richtete.”
„Alter,” sagten die jungen Frösche, „sei still”, und sie machten sich auf und folgten der Forelle.
„Nanu,” rief der Gastwirt, der am unteren Bachlauf Netze zum Forellenfang ausgelegt hatte, „soll ich nun auch Froschschenkel als Delikatesse in meine Speisekarte aufnehmen? Warum eigentlich nicht?” Und er schickte seinen Jungen hinauf zum Tümpel, mehr Frösche zu fangen.
„Ach,” riefen die verbliebenen Frösche, „jetzt müssen wir alle die Neugier einiger von uns mit dem Leben bezahlen. Welchen Feind haben wir da auf uns aufmerksam gemacht!”
Die Häsin
Ein Hase erspähte auf einer Wiese eine Häsin. Von ihrer Schönheit gleich so angetan, wünschte er nichts sehnlicher als ihre Nähe. Aber ach!, als er auf sie zu hoppelte, was musste er entdecken? Ein Bach, der die Wiese teilte, trennte ihn von ihr. „Spring doch herüber,” rief sie ihm zu und machte ein verführerisches Männchen, dass dem Hasemann fast die Augen übergingen. „Ja,” rief er, „aber der Bach! Er ist so breit und reißend, ich muss sehen, ob ich eine Brücke finde…” - „Spring schon! Ich kenne auch einen großen Möhrengarten,” lockte sie ihn und zeigte ihm ihre makellose Blume. „Aber der Bach, der Bach!” Unruhig lief er hin und her. „Bist du ein junger oder ein alter Hase?” reizte sie ihn: „Spring endlich!” Und sie drehte ihm ihre schönen Ohren hin. Aber es war alles umsonst. Nun denn, dachte sie, sammelte sich kurz, holte Luft und schrie laut: „Fuchs, Fuchs!” Und mit einem gewaltigen Luftsprung landete er ihr direkt in ihren Pfoten. „Ach, ich liebe dich so…” stammelte er. - Der Fuchs wird sich freuen, dachte sie.
Wie oft arbeiten die Reize der Angebeteten schon für deinen Feind!
Die Parasole
Auf einer Waldlichtung stand eine Anzahl von Parasolpilzen. „Ihr seht es,” begann der größte von ihnen, „ich bin der größte. Das macht: Ich nähre mich aus einem besonders gesegneten Stückchen Erde, und von oben werden mir vermutlich höhere Wärmeeinheiten geschenkt als euch, sodass ich die Kraft schöpfen kann, das Prachtexemplar eines Parasolpilzes, an dem unser ganzes Geschlecht sich erhebe, euch lebendig vor Augen stellen zu können.”
So gesprochen, trat eine Mutter mit zwei Knaben, alle mit geflochtenen Körben, auf die Lichtung: „Seht nur, da stehen Parasole, die nehmen wir mit…” Gleich stürzten sich die Knaben auf den größten, und noch ehe die Mutter nachgekommen war, hatten sie ihre Körbe schon halb gefüllt. Die Mutter besah die Ausbeute, alle außer einem, dem größten, schienen ihr brauchbar. Sie zeigte den Knaben auch, warum: „Hohl und voller Maden!” - Die Knaben zertraten in auf der Stelle. „Möglichst groß, aber trotzdem fleischig und fest, das sind die besten. Kommt jetzt!”
Der Fuchs und die Erbengemeinschaft
Der gute Hamster, der fleißigste Sammler unter den Tieren, war gestorben, und bald schon mit allen Ehren begraben. Um seine Erbschaft gerecht aufzuteilen, versammelten sich die Tiere vor seiner Höhle. Aber es gab nur einen schmalen Gang, durch den man an die vermuteten Schätze gelangen konnte. „Wer befördert uns all die guten Sachen an die Erde?” so fragten sie sich. „Das will ich wohl gern machen,” sprach die Maus und wollte schon in den Gang schlüpfen. „Halt!” rief das Eichhorn, „wie viel wirst du drinnen fressen und wie wenig mit heraufbringen?” - „Ganz recht,” nickte der Esel, „wie wenig wirst du mit heraufbringen!” - Hitzig ging ihn die Maus an: „Hör du doch auf, du alter Grasfresser, du gehörst ja gar nicht zu den Erben!” - „Ruhig,” sprach der Fuchs, „es war abgemacht, dass jeder seinen Anteil bekommt und wer ihn nicht brauchen kann, tauscht ihn eben ein, so wie ich den meinen für ein saftiges Stück Fleisch gerne andern überlasse. Wir werden ja sehen, ob die Maus rund und saftig genug aus der Höhle zurückkehrt, sodass mir mein Anteil nicht zu klein gerät. Und nun, Maus, geh und bring uns die Erbschaft.”
Die Gesellschaft der Äpfel
Beim Bauern im kühlen Keller lagerten Äpfel auf einem Holzbrett. Februar war’s, viele von ihnen waren schon ausgelesen und gegessen worden. Täglich kaum die Bauerstochter herunter, um die angefaulten auszusortieren und einige gute mitzunehmen. Täglich sahen die Äpfel ihr Schicksal, das einer schrumpfenden und sterbenden Gesellschaft, und sie berieten, wie angesichts dessen zu leben sei: „Wir alle sind zum Verbrauch bestimmt, deshalb hat man uns hierhin gelegt. Wir können absehen, wie lang unser Leben im Höchstfall dauert. Spätestens im August wird keiner von uns mehr da sein. Das wissen wir, wie sollen wir angesichts leben?” - „Ich lasse mich nicht von den Menschen essen. Meine Vitamine soll keiner von ihnen bekommen,” rief einer und lud alle Faulgeister zu sich ein. Und siehe, schon am nächsten Tag quoll Schimmel aus ihm, und bald schon wurde er auf den Komposthaufen geworfen. Ein anderer sann auf Flucht, und er nutzte den Druck der vielen übereinander liegenden Artgenossen, sprang plötzlich über den Rand des Brettes und lag zerschmettert am Boden. Ihn fraßen die Schweine. „Alle sind wir Teil eines Kreislaufs”, meinte ein anderer, „dem niemand entfliehen kann. So sollten wir das, was uns gegeben war, nicht behalten wollten. Wenn wir uns schon als Äpfel nicht dauerhaft erhalten können, so sollten wir doch die Gesundheit, das uns einwohnt, anderen gern abgeben.”
Der Wurm im Mehlfass
In einem Mehlfass, das in einem Vorratskeller stand, saß ein Wurm. Ihm ging es prächtig, er war dick und rund. Schon ein ganzes Jahr hatte er im Fass zugebracht, als er eines Tages auf einen anderen Wurm traf. Es entspann sich, wie bei den Menschen, ein Gespräch über das Leben, und - genau wie bei den Menschen auch - über dessen Unbequemlichkeiten und Mängel. „Schon ein ganzes Jahr lebe ich hier,” sinnierte der Wurm, „und es ist ja auch genug zu fressen da. Aber kann das wirklich alles sein? Irgendwie bin ich es leid, mich mein ganzes Leben lang nur von Mehl zu ernähren. Ich werde mich auf Wanderschaft begeben und durch ein Loch, das ich in der Fasswand erspäht habe, fliehen. Diese Eintönigkeit halte ich nicht länger aus.” - „Hast du keinen Frieden im Leib? Willst du immer noch mehr? Was du Bedürfnis nennst, nenne ich Gier. Gerade jetzt, im fortgeschrittenen Alter, hättest du Zeit, dich nach innen zu wenden und klug zu werden. Ich für mein Teil finde es einen sehr vorteilhaften Zustand, der äußeren Sorge so enthoben zu sein wie wir es sind!” sagte der andere. Doch der unzufriedene Wurm verließ das Fass und suchte das Abenteuer. Anfangs genoss er seine Kühnheit und war sehr stolz auf sich. Dann aber versuchte er in den dunklen Kellerecken Nahrung zu finden, doch dort gab es nur kalte, harte Steine und ein paar alte Kohlen.
„Im Keller steht das Mehlfass viel zu kühl und feucht,” sagte zu dieser Zeit der Bauer, „ich werde es auf den trockenen Speicher tragen. Dort ist der andere Wurm sein ganzes Leben geblieben, der Unzufriedene hingegen vor Hunger und Kälte elendiglich gestorben.