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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Szene 20

Szene 20

Sänger:

als hans domizlaff
im fünfundsiebzigsten jahr
und die bundesrepublik
schon in ihrem zwanzigsten war
da erlebte er noch einmal
zur zeit der studentenunruhen
wie die masse sich wieder erhob
e r hatte das immer gewusst
doch seit etlichen jahren
hörte ihm keiner mehr zu
vergessen längst
sein „regelbuch der elite”
die lebens- und weisheitsbilanz
des massendompteurs
genüsslich sah er jetzt aus der distanz
ho ho ho chi minh
hierin sensibel war
domizlaff hans

Domizlaff 3: (in Künstlerkluft seinem Haus im Studio des Instituts für Markentechnik, Hamburg, Elbchaussée 191, Sommer 1968)
(Domizlaff verfertigt gerade ein Selbstporträt, sieht dabei abwechselnd auf die Staffelei und in einen Spiegel):

mal bin ich ich und mal nicht ich
und mal mein bild (lacht)
wer so oft außerhalb
seiner selbst spazieren geht
und nur gelegentlich
nach hause kommt der findet
sich selbst zuweilen befremdlich
kehrt er
wieder heim
(lacht, nimmt dann ein Buch: es ist die Festschrift zu seinem 75. Geburtstag):
immerhin: urfaust der werbung
das hat doch was
(während seines Monologs hört man draußen anschwellend Hohoho chi mihn Rufe, gegen die er immer lauter anschreit)
Domizlaff 3 (erfreut):
die masse!
lange stillgestellt
durch wohlstandsphrasen
die geistige not der zeit
die jugend braucht einen infektionsherd
wie diesen dutschke
in tausend formen magst du dich verstecken
gleich erkenn ich dich
ich biete meinen ernst auf
die dinge leicht zu machen
(die Ho chi Minh Rufe verstummen, Domizlaff lauscht)
vorbei schon wieder vorbei
verebbt und abgelebt
ich habe sie besiegt
dutschke junge du begreifst es nie
diese kurzatmigen moden
wo es um ewigkeiten geht
was ist der zeitgeist als ein müder furz
was aber war und ist und immer sein wird
das ist das schöpferische das nicht stirbt
das ist gewiss so wie das jenseits nah ist
und immer webt und dem vernehmlich pocht
dem der nur zu hören weiß
(Rufe: „Enteignet Springer!” er lacht unwirklich, dann verkrampft schreiend):
ich wirke nicht genug!
(Plötzlich tritt Dutschke real aus einer Papierwand, deklamiert unvermittelt wie aus seiner Rede heraus)
Dutschke: es ist notwendig zuallererst
unsere historische lage zu analysieren
die momentane situation
zeigt das bild einer spätkapitalistischen gesellschaft
gekennzeichnet von
kapitalakkumulation und massenkonsum
in den zwei vergangenen jahrzehnten
hat sich in der brd das kapital formiert
restaurative und revanchistische kräfte
gestützt vom us-imperialismus
haben die oberhand gewonnen
allerorten konnten sich die alten
herrschaftsstrukturen restaurieren
sind die alten kriegstreiber und revanchisten
wieder in die machtpositionen zurückgekehrt
selbst unsere lokalpolitiker
korrumpiert vom kapital
sind nichts mehr als erfüllungsgehilfen
des weltweiten imperialismus
die wahren entscheidungen
fallen in der chefétagen der rüstungskonzerne
Domizlaff 3 (gluckst)
Dutschke: doch der fundamentale klassengegensatz
von kapital und arbeit
tritt heute kaum mehr in erscheinung
er wird verdeckt und vernebelt
weil die instrumente der herrschenden
deutlich feiner geworden sind
die wohlstandsapostel haben es verstanden
mit propaganda und werbung
die arbeitenden massen einzulullen
unterstützt von den zeitungszaren
die mit millionenauflagen ihrer massenblätter
die öffentliche meinung kneten
und die arbeitende bevölkerung
mit glücksversprechungen betäuben
künstliche bedürfnisse erzeugen
im eigenen profitinteresse
so unterdrückt das kapital
systematisch das denken
Domizlaff 3 (applaudiert): sehr gut sehr gut beobachtet
Dutschke: die ganze westliche welt
ist moralisch verrottet…
zu spüren bekommen dies
die unterdrückten und ausgebeuteten völker
der sogenannten dritten welt
überall auf dem globus
wachsen die spannungen
zwischen arm und reich
es ist der historische zeitpunkt gekommen
eine wende einzuleiten
die unterdrückten völker dieser erde
machen es uns vor
sie lehnen sich gegen ihre unterdrücker auf
schauen wir nach vietnam
wo sich ein einfaches bauernvolk
jahrelang erfolgreich und tapfer
gegen eine hochgerüstete
verbrecherische söldnerarmee wehrt
dort in vietnam wird
dem kapitalismus dem imperialismus
die maske heruntergerissen
insofern ist vietnam ein anfang
für eine bewusstseinswende
auf der ganzen welt
Domizlaff 3: charmant charmant
Dutschke: die flamme der aufklärung
lässt sich auf dauer nicht
ersticken überall erhebt sich
getragen von einer anderen generation
widerspruch gegen die herrschende praxis
im bewusstsein dass
was von menschen gemacht ist
auch von menschen verändert werden kann
Domizlaff 3: wie wahr wie wahr
Dutschke: es wäre ein gewaltiger fortschritt
wenn sich dieses bewusstsein
allgemein und schnell verbreitete
dass nämlich alles was wir denken und tun
politisch ist nicht nur was sich von haus aus so nennt
auch die ökonomie
auch die sexualität
bis ins privateste hinein
fangen wir bei uns selber an
einzig das streben
nach wahrheit und gerechtigkeit
ausschließlich menschlichkeit
darf richtschnur unseres denkens und handelns sein
Domizlaff 3: finale furioso!
Dutschke: für eine bewusstseinswende
auch bei uns
die quälend lange zeit
eines ‚ohne mich’ ist vorbei
zwei drei viele vietnams
muss es geben
als zeichen
hier bei uns aber
gilt eine andere strategie
wir müssen
kraft unseres denkens
in eine neue phase treten
und die verkrusteten herrschaftsstrukturen
aufbrechen
Domizlaff 3: mein lieber junger freund
sie sind bestimmt
nicht unintelligent
ein denkselbständiges individuum
womöglich das sich
aus verschiedenen mir wohlbekannten schriften
ein weltbild zurechtgebastelt hat
und dieses sehr wirkungsvoll
- sie sind ein naturtalent -
nach außen zu tragen weiß
doch von der masse
wissen sie nichts
Dutschke: die wahre erkenntnis muss verbreitet werden
überall wohin ich mich begebe
finde ich wache augen und ohren
menschen die diskutieren wollen
menschen die verändern wollen
menschen die sich nicht mehr
für dumm verkaufen lassen
Domizlaff 3 (schmunzelt): mein lieber junger freund
sie glauben ja sogar was sie sagen das spürt man
auch wenn es der größte blödsinn ist
die masse spürt das
und empfindet es
ihr junges alter einmal abgerechnet
als eine art format
doch sie unterschätzen bei weitem
das bild das von ihnen umläuft
dass sich dank der presse die sie so verteufeln
sich in die köpfe eingebrannt hat
die art wie sie reden
mit glühenden augen
mit feuriger zunge
wirklich beeindruckend
ein smarter beschaller
der mit messianischem appeal
das megaphon hält
wirklich beeindruckend
ihre haare dabei noch
lässig nach hinten werfen
und immer im selben
karierten pullover
das mögen die seelchen
damit sind sie eine marke
die vor allem bei den jungen damen gut ankommt
Dutschke: sie sind ein zyniker der übelsten sorte
Domizlaff 3: wenn die wahrheit zynisch ist dann ja
ich will es ihnen in aller ruhe erklären
wenn in der wahrnehmungswelt der masse
eine neue marke wie sie es sind auftaucht
entsteht folgender effekt
all die vielen ungebundenen begriffsteile
die in den köpfen und seelchen bisher
lose umhergeschwirrt waren
romantische vorstellungen von heldenhaften kempen
wie all die che guevaras james deans usw
unbestimmte hochgespannte zukunftshoffnungen
veränderungswünsche vielerlei provenienzen
sehnsucht nach einer person die dafür einsteht
suchen sich ein gefäß das all dem ausdruck gibt
die masse ist unendlich dankbar wenn sie
eine sinnliche vorstellung davon haben
und mit dem namen dutschke bezeichnen darf
von nun an haftet dem namen
eine art magie an
sie sind die erste marke
eines jugendlichen politikers
Dutschke: meine person ist nicht wichtig
ich bin zwangsläufiger ausdruck
einer bestimmten historischen situation
jahrzehntelang hat sich die intelligenz
vom monopolkapital diktiert
ihr fremden verwertungsinteressen angepasst
ihre eigentlichen fähigkeiten ungenutzt
in krieg und wiederaufbau
in armee wirtschaft und verwaltung verschlissen
jetzt wo der widerspruch
immer offensichtlicher wird
ist der zeitpunkt gekommen
politisch zu handeln
massenhaft vorzugehen
und im neuen geist
frei von profitinteressen
positionen zu besetzen
in den schlüsselfunktionen des systems
Domizlaff 3: mein guter junge
niemand versteht was du sagst
niemand - oder von mir aus dreie oder fünfe
doch diese fünf das glaube mir
das sind deine ärgsten feinde
sie neiden es dir und verdrücken ihre attacken
noch halten sie still
solange die masse dir ihre liebe
zu füßen legt doch wehe…
Dutschke: es geht nicht um personen
es geht um die sache allein
die sache ist heilig viel zu heilig als dass sie
der eitelkeit einer person geopfert werden kann
ich bin nur werkzeug
des historischen prozesses
meinetwegen sprachrohr der wahrheit
nicht mehr
die niedertracht die sie
meinen kampfgenossen unterstellen
entlarvt sie selbst
Domizlaff 3: ich kenne das individuum und die masse
kenne das menschenherz
von innen und außen
eben weil ich immer außerhalb war
weil ich den unbestechlichen blick habe
dutschke junge du wirst
von einer woge der sympathie getragen
selbst noch bei denen die deine ansichten nicht teilen
ein bemerkenswertes zeichen übrigens
deiner qualität als markenartikel
doch ihnen selbst verstellt es
notwendigerweise den blick
Dutschke: welche niedertracht
nieder…
(Man hört - wie von fern und immer weiter abschwellend, nach beendeter Dutschke-Rede nur noch die Masse der Studenten brüllen: „Nieder, nieder, nieder.. mit Springer. Dieser verschwindet wie er gekommen war)
Domizlaff 3 (windet sich, dann fast verrückt heiter):
vielleicht bin ich zu lange tot
(er verzieht sein Gesicht zu einem tonlosen lachen)
oder zu kurz doch was sind
zwanzig knappe jahre
was hundertzwanzig jährchen
für mich der nur in ewigkeiten denkt auf dauer
bin ich nicht totzuschweigen
wie die vielen aufgeblasenen
(er wiehert laut auf)
politiker mit ihren
automatenhaften phrasen
ich war ich bin und werde immer sein…
(er schaut wieder in den Spiegel)
nur der endsieg zählt
und den erringt nur wer das leben kennt
und seine seinsgesetze
wahre größe
(er posiert im Spiegel)
zeigt sich nur selten oder spät
die wahren ideen wachsen
unendlich langsam durch die zeit und schlagen
ihre feinen wurzeln im gehirn der masse
verbreiten unterirdisch sich wie pilze
um eines tages wenn es
kaum einer weiß kaum einer ahnt
hervorzubrechen:
auf einmal steht die masse auf im glauben
formiert sich zwingend wie ein organismus
und alles lose menschenzeug umher
wird wachs und fließt in einen strom zusammen
und mit urwüchsiger gewalt der seele
der niemand widersteht regiert und herrscht…
visionen…
(er bricht ab)
ein könig sind das nicht glocken?
(Man hört die Glocken der Nikolaikirche in Leipzig von 1989)
meine wahrheit läutet meine wahrheit
wie treibholz weggefegt die morschen sprüche
wie treibholz
(aus einem schlurfenden Marschtritt erwachsen plötzlich Rufe: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!” Domizlaff erfreut)
das deutsche volk dies beste volk der welt
in seiner duldsamkeit in seinem opfermut
treuherzig sehnt es sich nach einem guten führer
unendlich viel verheißung wohnt ihm inne
(Die Rufe „Wir sind das Volk” gehen über in „Wir sind ein Volk!”, durchbrochen von einzelnen „Sieg Heil!” Rufen. Domizlaff schaut aus dem Fenster, in dem ab und zu die Reichskriegsflagge erscheint)
Domizlaff 3: da ist der adler wieder! endlich! sehnsucht
hat wieder einen leib der lebt
endlich schluss
mit diesem schwachen lappen aus drei bahnen
die notstandsflagge notdürftig
zusammengenäht die zeit ist da
der auferstehung mächtiger symbole die
verkünden was zu lange schwieg: das reich!

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Donnerstag, 12. Februar 2009 16:16
Themengebiet: Bühnenwerke