Zumbiegel und das Alphabet

Akademische Milieustudie

© 2002 Dirk Schindelbeck

Welch schöne Jahre, Jahre des Aufbruchs, der neuen Ideen! Drei Freunde waren sie, angetreten, die wissenschaftliche Welt aus den Angeln zu heben. Heinrich Zumbiegel war einer von ihnen - gewesen. Denn mit den Jahren war Entfremdung eingetreten, und Schuld daran war allein das Alphabet. Niemand hatte seinerzeit mit der Arbeitsgemeinschaft Bütefisch, Schnarrhäuser-Knotenberger und Zumbiegel gerechnet. Auf einmal waren sie da, erregten Aufmerksamkeit in Wissenschaftskreisen. Und nach drei, vier Jahren hatten sie sich einen veritablen Namen erschrieben.

Von da an aber wirkte, unmerklich erst, dann immer machtvoller, das gnadenlose Gesetz des Alphabets. Seit jeher gibt dieses ja die Reihenfolge der Autorennamen auf dem Buchdeckel vor. Dass unter solchen Voraussetzungen Zumbiegel niemals würde über einen Nebeneintrag in den Bibliotheks-Katalogen hinauskommen, war ihm von Anfang an bewusst gewesen. Mit der Souveränität des Intellektuellen hatte er dem Umstand aber nur wenig Bedeutung geschenkt. Was waren Bibliotheken, staubige Listen? Die Öffentlichkeit wertete mit Sicherheit anders und würde Verdienst und Ruhm schon gerecht allen am Werk beteiligten Köpfen zugestehen.

Zumbiegel sollte sich täuschen. Als er anfing, den Tatbestand in seiner Tragweite zu erfassen, waren aus Monaten schon Jahre geworden. Von da an verdüsterte sich sein Gemütszustand ebenso schleichend wie das Buch breitere Anerkennung erfuhr. Nach den ersten Rezensionen, in denen von der epochalen Leistung eines Bütefisch die Rede war, hatte sich Zumbiegel noch in Selbstironie geflüchtet. Es gab ja immer wieder einmal auch seriöse Besprechungen, in welchen das Werk bei voller Nennung aller Autoren gepriesen wurde. Dann folgten wieder Dutzende von Rezensionen über Bütefisch oder, wenn es hochkam, Bütefisch et al. Und ihrer wurden immer mehr - und ein entsprechend schiefer Eindruck verfestigte sich in der Öffentlichkeit. Natürlich hatte Zumbiegel den Mechanismus längst durchschaut: Weil Bütefisch vorn stand, galt er vielen unfähigen Zeitungsschreibern automatisch als Leiter der Arbeitsgruppe - womit sich für sie die Nennung der anderen Autoren erübrigte.

Es kam der Tag, an dem Zumbiegel dies nicht mehr hinnehmen wollte. Eine dümmliche, wieder nur Bütefisch et al lobende Sudelbesprechung nahm er zum Anlass, den verantwortlichen Redakteur zur Rede zu stellen. Was bekam er zur Antwort? Platznot habe die Nennung aller Namen verhindert. Bütefisch, Schnarrhäuser-Knotenberger und Zumbiegel passten nicht in die Zeitungsspalte mit 37 Anschlägen. Zumbiegel nahm den Bescheid entgegen - die Zahl der Anschläge war korrekt angegeben - und blieb zerknirscht.

Seine Gedanken begannen um Schnarrhäuser-Knotenberger zu kreisen. Wenn er den Kollegen überzeugen könnte, auf einen Teil seines überlangen Namens zu verzichten, dann passten sie alle drei in die Spalte…? Zumbiegel organisierte ein Treffen und trug ihm den Plan einer eleganten Namensverkürzung vor. Etwa Schnarrhäuser-K. oder - kühner - als Schnarrberger, eventuell Schnarrknoter. Doch der Kollege schüttelte den Kopf. Und eröffnete Zumbiegel, dass sein Name bereits eine Konzession darstelle. Vor seiner Verehelichung habe seine Frau nämlich Knotenberger-Kopetzky geheißen. In langen Auseinandersetzungen sei es ihm gelungen, im wissenschaftlichen Verkehr wenigstens den Kopetzky unterdrücken zu dürfen. Dafür müsse Knotenberger nun immer gedruckt werden. Diese Lösung, als äußerste Kompressionsstufe, enthalte keine weiteren Reduktionsmöglichkeiten. Zumbiegel nahm den Bescheid entgegen und blieb zerknirscht.

Währenddessen mehrte das Werk unaufhaltsam seinen Ruhm. Anfragen kamen, selbstverständlich immer an Bütefisch, zu wissenschaftlichen Tagungen und Kongressen. Bütefisch - das muss der Gerechtigkeit halber gesagt werden - war fair genug, die Einladungen an seine Mitstreiter weiterzugeben. Eines Tages vertrat Zumbiegel die Arbeit der Gruppe auf einem Symposium. Schon als er den Saal betrat, hörte er Tuscheln: „Ist das nicht einer von der Bütefisch-Truppe.” Es dauerte nicht lange, bis man ihn offen ansprach: „Haben Sie nicht auch an dem großen Bütefisch-Buch mitgeschrieben?” Zumbiegel nickte wie geistesabwesend… Noch im Abgang von der Tagung hörte er hinter sich: „Das war doch ein Bütefischer, nicht?”

Der vernichtendste Schlag aber kam auf der Buchmesse. Angereist, im Namen des Teams das Spitzenprodukt des Hauses zu vertreten, strebte er selbstbewusst hinter den Stand. Eine Repräsentantin des Verlags, die in ihm nicht den Autor erkannte, sondern nur einen dreisten Messebesucher, vertrat ihm in den Weg. Bedeutungsvoll wies Zumbiegel auf das kunstvoll zu einem Buchturm aufgeschichtete Werk der Arbeitsgruppe und erklärte, er sei ein Autor dieses Buches. Süffisant gab die Dame zurück: „Sie sind Beiträger”. Wieder das Alphabet! Zumbiegel blieb zerknirscht.

In seiner Depression vergrub er sich in Lektüre. Vom berühmten Institut für Sozialforschung hatte er zwar immer wieder gehört, aber bis dato nur Bruchstückhaftes gewusst. Jetzt las er sich ein, vertiefte sein Wissen. Unweigerlich stieß er auf die Namen Adorno, Benjamin, Horkheimer, Marcuse. Als er die Studien zum autoritären Charakter in die Hand nahm, jenem Werk, das Adorno in den Staaten erst bekannt gemacht hatte, fuhr er wie elektrisiert hoch. Nach seiner Emigration in die USA 1938 hatte es Wiesengrund-Adorno vorgezogen, sich in Theodore W. Adorno umzubenennen, aus ästhetischen Gründen, wie es hieß. Zumbiegel durchschaute den Fall sofort. Schließlich sprach das Ergebnis für sich: Von vier Autoren, welche die Studie gemeinsam verfasst hatten - die Namen von Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson, Robert Nevitt Sanford passten natürlich in keine Zeitungsspalte - blieb am Ende auf dem Buchdeckel übrig: Adorno et al. Was für ein Coup! Den Nachnamen so zu verkürzen, dass er, amerikanischem Geschmack entsprechend wie ein abgekürzter Vorname daherkam und so locker an allen andern vorbeizog!

Mit was für Spätfolgen für die Wissenschaft! Marketing-Adorno, in die Welt hinausposaunt, um ein Forschungsgebiet mit seinem Namen zu bekleben und in jedem Arbeitszusammenhang, vor allem im Hinblick auf den weit genialeren Benjamin, diesen stets hinter sich zu lassen. Beim Börsenverein des Buchhandels, den Grossisten, den Buchhändlern, den Bibliotheken, den Redakteuren, in den Seminarankündigen, den Literaturlisten, Glossaren und Apparaten, Marketing-Adorno stand vorn, vorn, vorn. Was war er, Zumbiegel, doch für ein Dilettant! Hatte er jetzt, in vorgerücktem Alter, überhaupt noch Möglichkeiten, verlorenen Boden gut zu machen? Wenn er sich etwa zum Biegel nannte, am besten in der abgekürzten Version z. Biegel. Es mochte Bibliotheken geben, die ihn dann unter B und nicht unter z einordneten. Doch wenn er sich ehrlich befragte, musste er einräumen, dass diese Strategie nicht trug.

Dafür war sein Forschungsinteresse entflammt. Zumbiegel begann das Groß-Projekt „Bedeutungsgerechtigkeit”. Bis jetzt hatte noch niemand den empirisch gesicherten Nachweis erbracht, in welchem Ausmaß bei gleichrangigen Autoren die vom Alphabet Begünstigten automatisch profitierten, die hinten Stehenden unverschuldet Benachteiligungen erlitten bis hin zu lebenslänglichen Karriereblockaden. Vor diesem Herkuleswerk wäre noch jeder andere zurückgeschreckt. Zumbiegel nicht. Ihn trieb es, endlich handfestes Zahlenmaterial vorzulegen. Ihm schwebte so etwas ein Ruhm-Indikator vor, eine hochgestellte Ziffer hinter jeden Autorennamen - als Koeffizient für zuviel bzw. zuwenig in der Öffentlichkeit zugestandener Bedeutung.

In dieser Lebensphase angestrengten wissenschaftlichen Arbeitens hatte Zumbiegel einen wiederkehrenden Traum. Er betrat den Büchersaal einer einzigartigen Bibliothek, der Bibliothek der reziproken Registrierungen. Hier wurde jedes neu eintreffende, von Autorenkollektiven verfasste Buch aufmerksam begutachtet, geprüft und - sofern die schreiberischen Anteile als gleichwertig befunden wurden - der vom Alphabet diktierten Autoren-Reihenfolge entkleidet. In der eigenen Buchbinderei wurden dazu neue Buchdeckel angefertigt, ebenso die Schmutztitel und die Literaturangaben in den Apparaten und Anhängen: alles in liebevoller Handarbeit neu gesetzt. Das Endergebnis waren sauber gebundene Gemeinschaftswerke in umgekehrter Reihenfolge der Autoren-Nennungen. Immer wieder stöhnte Zumbiegel während seines Lieblingstraums lustvoll auf.

Eines nachts aber wurde sein Traum empfindlich gestört. Zwei rüde Personen drängten sich vor - Zwick und Zytkow. Zumbiegel fuhr wie benommen hoch: Irgendwo musste er diese Namen im realen Leben in sich aufgenommen haben. Doch Zumbiegel blieb klug und verschwiegen. In ihm arbeitete ein teuflischer Plan. Hatte er nicht, mithilfe von Zwick und Zytkow, die Chance seines Lebens, aus Leidensgenossen die idealen Mitarbeiter zu rekrutieren, um das Herkuleswerk „Ruhmgerechtigkeit” mit verdreifachter Energie zu vollenden?

Im realen Leben begann der Start der Arbeitsgemeinschaft Zumbiegel, Zwick und Zytkow verheißungsvoll. Geschickt versuchte Zumbiegel, seine Mitstreiter zu höherer Produktivität anzuregen. Doch so gut ihre Namen mit dem seinen harmonierten, ihr Talent und ihr Fleiß waren beschränkt. Immer wieder blieb ihm selbst die meiste Arbeit zu tun übrig. Die heimliche Rechnung, sich mit ihrer Hilfejenen Ruhm zurückzuholen, der ihm im Bütefisch/Schnarrhäuser-Knotenberger/Zumbiegel-Team vorenthalten worden war, sie schien nicht aufzugehen.

Trotz aller Widerstände schritt das Werk voran. Es gelang, einen Verleger zu finden, der die auf 26 Bände angelegte Gesamtausgabe engagiert betreuen wollte. Schon nach vier Jahren lag das Manuskript des ersten Teilbandes, „Bedeutungsgerechtigkeit, Band 1, Aaa - Aru” beim Verlag. Zumbiegel, voller Vorfreude, lud Zwick und Zytkow zu sich nach Hause ein. Man trank Tee, unterhielt sich freundschaftlich, scherzte. Dann, wie auf ein Zeichen, zogen beide Dokumente aus ihren Taschen. Zwick hatte am Tag zuvor heimlich geheiratet und den Namen seiner Frau angenommen: er hieß nun Adelung-Zwick. Zytkow hingegen hatte unlängst aus einem polnischen Archiv Unterlagen zugestellt bekommen. Er sei, was er zuvor nicht gewusst habe, aus einem alten Adelsgeschlecht und heiße von jetzt an von Zytkow. Für die Deckel der 26 Bände ergebe sich also die Reihenfolge: Adelung-Zwick, von Zytkow, Zumbiegel…

In dieser Nacht lief Zumbiegels Lieblingstraum anders ab. Er betrat seine Bibliothek. Der Buchbinder war gerade damit beschäftigt, die „Studien zum autoritären Charakter” neu aufzubereiten, jenes epochale Werk von Robert Newitt Sanford und anderen. Zumbiegel schaute ihm über die Schulter. Auf dem Deckel waren die Namen der platzfressenden Mitautoren bereits getilgt. Gerade sollte der Schmutztitel neu gesetzt werden. Plötzlich geriet Zumbiegel in Wallung. Das konnte er, aus der Kenntnis des Werkes, nicht hinnehmen. Wenigstens musste doch, der Fairness halber, eingefügt werden: Unter Mitarbeit von Theodor Adorno.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 5. Mai 2010 14:17
Themengebiet: Kurzgeschichten