Eine Handvoll Aphorismen
©1976/1982 Dirk Schindelbeck
Es gibt Leute, die den Moralisten auf Verlangen sogar noch aus der Gesäßtasche holen können.
Es gibt in der Liebe öfters den Fall, dass man sich in äußere Schuld begeben muss, um den Kern des Verhältnisses rein zu erhalten.
Es gibt Menschen, die schon das Gefühl von Macht haben müssen, ehe sie wirklich Macht gewinnen. Es gehört dies unter die sonderbarsten Täuschungsmanöver der Seele.
Es gibt eine Währung der Ängste. Manche Menschen verkehren nur deshalb miteinander, weil sie dieselben Ängste teilen, und vordergründig deshalb dieselbe Sprache sprechen. Manchmal passiert es sogar, dass solche Menschen, um nicht allein zu bleiben, andere zu ihrer Angst überreden, ohne dass letztere es bemerken.
Der Anfangspunkt des Lernens ist genau dort, wo der Schüler anfängt, seinen Lehrer zu verleugnen.
Gegen sein Heiligstes ist man nicht tolerant. Dazu fürchtet man es zu sehr.
Was uns fehlt, ist eine wache Intelligenz aus sich selbst heraus und nicht eine von täglichen Erfordernissen jeweils in Atem gehaltene. Wenn man uns frei ließe von unseren „Aufgaben”, wir würden wohl allesamt stracks einschlafen. So sind die meisten von uns im Grunde heimliche Tagträumer…
Manche ziehen ihr Jacket zurecht, andere ziehen sich in ihrem Jacket zurecht.
Segelboote können selbst den tiefsten See anmutig erscheinen lassen.
Zuerst macht der Charakter die Gewohnheiten, und dann läuft er ihnen hinterher.
Nach Heraklit: Alles klebt.
Nach Descartes: Inkognito, ergo sum.
Jede Zeit hat ihren Zeitgeist - und jede Zeit hält ihren Zeitgeist für den Geist.
Den privaten geistigen Schrebergarten möchte viele zum öffentlichen Park erklären. Kaum einer von denen möchte dann aber noch mit dem Amt des Gärtners zufrieden sein.
Wer heute Denkanstöße gibt, sollte doch nicht auch noch sorgen, die Kegelbahn mitzuliefern, auf der diese dann - in seinem Sinne - abzurollen haben.
Wer aus Menschen Funken schlagen will, muss auf die härteren Teile treffen.
Mutter zu sein bezeichnete ein Politiker als „Erfolgserlebnis”. Wer wollte da noch Kind werden?
Frage des Schülers an seinen Lehrer: „Was wollen Sie denn mal werden?” Warum verhalten wir uns den Kinder gegenüber so naseweis, Politikern, Piloten und Managern gegenüber so devot?
An der Kirche hetzt er vorbei, der moderne religiöse Mensch, ins Reformhaus.
Ich sah ein Baggerschiff namens Achilles und musste herzlich lachen.
Wie es mit der Wahrheit steht? So viel Schlamm wir auch immer sieben, unter dem Sieb liegt stets ein neuer Haufen.
Wo manche Menschen gerade ihren Sinn suchen, ist doch gerade nur die Wanderbaustelle ihres Gefühls.
Alles Große drückt sich nie selbst aus, sondern nur in der Spannung zu dem, was es meint.
Die schönstanzusehenden Menschen sind Alte, die sich heiter erhielten.
Seit Jahren hatte ich mich bemüht, mit meiner Primitivität meiner Intellektualität standzuhalten. Klüger wurde ich nicht dabei, aber hoffentlich mehrmals frisch.
Neulich sah ich wieder einen Urteile fällen und sie elegant wieder aufheben: „Ich meine das nicht wertend!” Man blase einen Luftballon auf, steche hinein und sage: „Also war meine Leidenschaft! Seht den kaputten Gummi.”
Herrliche Zeiten, wo unser Wort „brav” noch mit englisch „brave” übersetzt werden konnte.