Zwischen Wirtschafts- und Raketenwunder (Teil 2)
8. ,Soziale Marktwirtschaft’ als Zeitgedicht
Am 19. Juni 1959 schreibt Hans E. Haberfeld im Auftrag der die Waage-Aktionen (ausführliches Material zur WAAGE und zur Werbung für die Soziale Marktwirtschaft finden Sie hier) betreuenden Agentur Brose (mehr über Hanns W. Brose und seine Werbeagentur finden Sie hier) an den bekannten Karikaturisten Vicco von Bülow, man plane einen Zeichentrickfilm über die Soziale Marktwirtschaft: „In welche Richtung unsere stilistischen Vorstellungen gehen, können Sie daraus ersehen, dass wir uns als Text-Autor für diesen etwa 70 m langen Film um Eugen Roth bemühen. Seine ,Ein Mensch’-Gedichte …würden unserer Vorstellung nach Loriot-Figuren besonders gut auf den Leib passen.” Im Herbst finden sich Zeichner und Texter zusammen, und es entsteht der Zeichentrickfilm „Mit beiden Füßen auf der Erde”: Held der Handlung ist das bekannte Loriotsche Knollennasenmännchen, den lyrisch-leichten Text liefert Eugen Roth. Im Frühjahr 1960 ist der Film fertiggestellt und wird zwischen dem 20. Mai und dem 23. Juni und nach der Sommerpause noch einmal zwischen dem 9. September und dem 17. November in 545 Lichtspieltheatern mit insgesamt 438250 Plätzen in der Bundesrepublik gezeigt.
„Mit beiden Füßen auf der Erde
Ein Mensch - wie so die Menschen sind -
fühlt sich als Wirtschaftswunderkind,
sieht manchen seiner Träume reifen
und glaubt, er braucht bloß zuzugreifen-
Doch wer sich nur an Träume hält,
gar bald aus allen Wolken fällt:
Die Hände - leer am Ende dann.
Der Mensch fängt besser klein erst an
und kriegt als Lohn für seinen Fleiß
ein Bildungszeugnis, schwarz auf weiß.
Berufswahl trifft nun unbeirrt
der Mensch, der frei wählt, was er wird.
Der Mensch, vom Misserfolg verdüstert-
hört, was das schlechtre Ich ihm flüstert:
„Was man mit Arbeit schwer erreicht,
das Spiel des Glücks bringt es dir leicht!”
Doch wie gewonnen, so zerronnen.
Mit leeren Händen neu begonnen!
Der Mensch, in neuer Illusion,
sucht eine Organisation.
Wer sich auf andere verlässt,
verlassen ist - so stellt er fest.
Noch immer sind die Hände leer.
Dem bessren Ich geh hinterher!
Steh, statt zu laufen mit der Herde,
mit beiden Füßen auf der Erde.
Der freien Wirtschaft erster Satz:
Selbst ist der Mann - frei ist der Platz.
Draus leitet ab Satz Nummer Zwei:
Erst Fortbildung macht wirklichfrei.
Der Mensch mit seinen Zielen reift,
wenn ein Rad in das andre greift.
Selbst ist der Mann, er hat’s geschafft -
zum Meister und zur Meisterschaft.
Anstatt mit leerer Hand zu grollen,
schöpft er nun plötzlich aus dem vollen.
So ist der Mensch, wie man hier sieht,
stets selber seines Glückes Schmied,
schafft, was er will, aus eigner Kraft
in der SOZIALEN MARKTWIRTSCHAFT.
Nicht erst zu bundesrepublikanischen Zeiten erreichten Eugen Roths „Ein Mensch”-Gedichte eine ungewöhnliche Popularität. Schon in den dreißiger Jahren war ihr Autor mit ihnen zu den neben Joachim Ringelnatz und Erich Kästner bekanntesten deutschen Lyrikern des feinsinnigen Humors arriviert. Da sie immer nach demselben Schema abliefen, funktionierten sie wie sich perpetuierende Gebrauchsmuster, die sich dem Gedächtnis besonders gut einprägten und virenhaft verbreiteten. Sobald schon die Anfangsworte „Ein Mensch…” fielen, wusste ein damit jetzt eingestimmtes Publikum, was folgte: eine lyrisch-humoristische Miniatur samt einer guten Portion Lebensweisheit. Im Sinne der Domizlaffschen Werbetheorie ist das Rothsche Verfahren konsequent durchgeführte lyrische Markentechnik: „Ein Mensch…” setzte ja nicht nur ein Signal, das eine Erwartungshaltung kanalisiert, sondern gab auch immer ein lyrisches Produktversprechen ab. Es verwundert nicht, dass der Erfinder dieser so erfolgreichen Gedichtmarke schon während des Dritten Reiches zum gesuchten Werbetexter für Markenartikel avancierte.
Was für das Rothsche Gedichtmuster gilt, gilt für die Loriot-Figuren nicht minder. Auch die Knollennasen sind Ende der fünfziger Jahren längst eingeführte Markenartikel, die sich größter Popularität erfreuen und sich keineswegs genieren, ihrem Erfinder als Werbefiguren (z.B. für Scharlachberg-Weinbrand) so manches Zubrot zu verschaffen. Zur Konzeption der Knollennasenmenschen äußerte sich Vicco von Bülow, es sei „der Versuch, wie ihn jeder Karikaturist macht, einen Einheitsmenschentyp zu erfinden.” Somit waren sowohl mit dem Gedichttyp als auch mit der Comic-Figur zwei Strukturelemente vorgegeben, die - bei klugem Einsatz - in der öffentlichen Meinung auf positiven Widerhall rechnen konnten.
9. (Ein-) Griff ins soziale Gedächtnis
Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Eugen-Roth-Text von den meisten seiner „Ein Mensch”-Texte kaum. Bei näherer Betrachtung aber zeigt sich, dass es sich um ein geschicktes Arrangement sprichwörtlicher Redensarten handelt, das seinerseits das Argumentationsmaterial zu einer neuen Sinnfigur bereitstellt. Neben einigen idiomatischen Ausdrücken („aus allen Wolken fallen”, „aus dem Vollen schöpfen”) sind es vier Sprichwörter, welche die Sinndimension des Textes entfalten („Wie gewonnen, so zerronnen!”; „Wer sich auf andere verlässt, verlassen ist”; „Selbst ist der Mann” und „Jeder ist seines Glückes Schmied”). Sie alle verzeichnet schon die von Sebastian Franck im Jahre 1552 bei dem Frankfurter Drucker Christian Egenolff erschienene Sammlung deutscher Sprichwörter. Das Gedicht bedient sich also aus den in Hunderten von Jahren sedimentierten Partikeln im sozialen Gedächtnis, überführt sie in sein didaktisches Konzept, das als Lernziel in den Begriff ,Soziale Marktwirtschaft’ einmündet. Es ist ja nicht allein die Summe der hier akkumulierten Sprichwortweisheit, sondern auch deren mentale Jahrhunderttradition, welche die neue Wirtschaftsordnung für sich reklamiert. Innerhalb des Gedichts folgt der Einsatz dieser Mentalbausteine dem kompositorischen Muster von den negativen zu den positiv besetzten Spruchweisheiten hin. Scheint in Vers 21 („Wer sich auf andere verlässt..”") noch das (abzulehnende) Kollektiv vor, so geht das Gedicht spätestens mit Vers 26 und “mit beiden Füßen auf der Erde” in den ,positiven’ Bereich über und gelangt in Vers 38 schließlich zum umgangssprachlichen Äquivalent für die Soziale Marktwirtschaft: „Jeder ist seines Glückes Schmied.”
Eigentlich sei, so Hermann Bausinger, das Sprichwort unserer komplexen Welt nicht mehr angemessen, da es zu „altväterisch” daherkomme und eine „gewisse biedere Behaglichkeit” verkörpere. Dennoch repräsentiere es „die wenngleich gefährdete, so doch immer noch gültige bürgerliche Moral.” Heute werde seine „eingleisige Weisheit in Frage gestellt. Sprichwörter werden nicht mehr unbedingt ernst genommen, sondern es wird mit ihnen ,gespielt’”. Dennoch lebe es als “sprachliche und gedankliche Fertigware” im heutigen Sprachgebrauch weiter. Freilich spielt auch der Roth-Text mit diesem Volksgut, jedoch nicht im Sinne einer auffälligen Verballhornung oder Verdrehung. Hier dient das Sprichwort-Geflecht, das im Hintergrund bleibt, der Entfaltung der Erzählung und hilft so ganz unauffällig, den psychologischen Boden für den finalen Auftritt der Wirtschaftsordnung vorzubereiten.
Ob die Botschaft im Publikum die erhoffte positive Resonanz auslösen konnte, muss dahingestellt bleiben. Zwar wird in einer Selbstdarstellung der ausführenden Werbeagentur Brose aus dem Jahr 1960 unter dem Titel: „Soziale Marktwirtschaft - die Wirtschaftsform freier Menschen” nicht ohne Stolz vermerkt, der Film sei auch in dieser Hinsicht als ein kleines Meisterstück anzusehen: „Man muss eine Reihe von Aufführungen des Streifens nicht vor geladenen Gästen, sondern unter dem ,Normalpublikum’ der Lichtspieltheater miterlebt haben, um den außerordentlichen Effekt ermessen zu können. Nur selten wirkt das Rezept, die Menschen über ein Schmunzeln zum Nachdenken zu bringen, so prompt wie in diesem Fall,” doch dürfte es sich hier um ein gutes Stück Eigenwerbung der betreuenden Agentur gehandelt haben.
Wenn überhaupt eine Veränderung der öffentlichen Meinung im Sinne von wachsender Zustimmung zu dem über den Slogan „Mit beiden Füßen auf der Erde” vermittelten wirtschaftspolitischen Gedanken- und Vorstellungskomplexen messbar war, so dürfte sie eher der vorausgegangen Anzeigen- und Broschürenkampagne gleichen Titels zuzuschreiben sein.
Wie die Propagandabroschüre „Nachmachen selbstverständlich” ist aber auch der Film als Zeitdokument zu verstehen, das seinerseits wiederum Zeithorizonte gestaltet. Einerseits durchzieht ihn eine leise Sorge um eine in der Bevölkerung sich ausbreitende oder schon vorhandene Wirtschaftswundermentalität mit den - aus Unternehmersicht -negativen Folgeerscheinungen sinkender Arbeitsmoral bei gleichzeitig steigendem Anspruchsdenken, andererseits genießt er - ohne dies allzu offensichtlich zu tun - auch einen Triumph: die endgültige Durchsetzung der ,Sozialen Marktwirtschaft’. Im November 1959, knapp vor Beginn des neuen Jahrzehnts, hatte ja selbst die SPD in ihrem Godesberger Grundsatzprogramm beschlossen: „… die Sozialdemokratische Partei (bejaht) den freien Markt, wo immer wirklich Wettbewerb herrscht.” Aus diesem Siegesgefühl bezieht der Film seine Souveränität und vielleicht auch Heiterkeit, die ihn weder 1958 noch 1962 so hätte entstehen lassen können.
10. Im Duett und Streitgespräch: eine Bilanz
Welche Summe lässt sich ziehen hinsichtlich des Quellenwertes, aber auch der Leistungskraft solcher Propagandagedichte? Welcher Rang kommt ihnen innerhalb einer deutsch-deutschen Mentalitätsgeschichte als einer doppelten und zugleich verschränkten Kommunikationsgeschichte des Alltags zu?
Es fällt auf, dass im formalen Bereich die Gemeinsamkeiten besonders ausgeprägt sind. Beide Propagandagedichte sind stark verdichtete Text-Bild-Verbände, die mit Bedacht auf ästhetische Mittel setzen, um ihre Botschaft eingängiger, humorvoller und breitenwirksamer zu gestalten. Beide arbeiten mit Versen und benutzen gezeichnete Figuren als Protagonisten; sie können mithin als Kurzepen bezeichnet werden. Eingebettet sind sie in ästhetische Kommunikationskonzepte, wie sie in der Werbe- bzw. Propagandalyrik der späten fünfziger Jahre in Ost und West beliebt und gängig waren. Beide sind Lehrgedichte mit Appellcharakter: ganz auf die Gewinnung der eigenen Bevölkerung zielend möchten sie über das ,positive’ Beispiel zur Leistung motivieren, wobei der Ost-Text in Appell- (d.i. Parolen) und Erzählsequenzen viel deutlicher zerfällt als der West-Text, der sein „docere” fast gänzlich im „delectare” versteckt. Dieser Befund verweist nicht nur auf unterschiedliche Rezeptionssituationen (Arbeitsplatz vs. Kino), sondern dokumentiert auch den Stellenwert, den die Begriffe ,Arbeit’ und, Freizeit’ im Gesellschaftsleben der DDR und der BRD an der Schwelle der sechziger Jahre einnehmen. Beide Gedichte sind Propagandaprodukte der leisen Töne, die mit wenig Polemik auskommen, zumal der jeweils ideologische Gegner („Schlotbarone” vs. „Organisation”) hier nur untergeordnete Rollen spielen. Beide schließlich sind als funktionaler Teil innerhalb größerer Konzepte bzw. Kampagnen zu verstehen, die, obwohl ihre Botschaft über verschiedene Medien (Broschüre vs. Film) verbreitet wurde, zu einer unmittelbarer Gegenüberstellung und Ineinanderspiegelung einladen.
Beide Propagandaprodukte bewerben eine in ihrer gesellschafts- bzw. wirtschaftspolitischen Dimension im hohen Grade abstrakte Idee, deren , Konkretisierung das jeweilige gesellschaftliche System selbst ist. Beide müssen, um diese Idee glaubhaft propagieren zu können, die sinnliche Anschauung suchen und wenigstens einen in sich kohärenten Teil ihres Systems überzeugend ,erzählen’. Als Kommentatoren und Animateure verstehen sie sich als Teilnehmer am großen Nachkriegsprojekt des gesellschaftlichen resp. individuellen ,Aufstiegs’-Schauspiel. Während diese Botschaft vom Ost-Gedicht in die Worte „schneller” und „vorwärts” gefasst wird, ist der West-Text eine Beschwörung des „besser” („besseres Ich” = besseres Zahnrad). Einer ganz im (männlichen!) Individuum begründeten Leistungsethik unter Konkurrenzbedingungen antwortet die sozialethische Utopie des „sozialistisch arbeiten, lernen und leben”. Ganz Zukunftsbild zeichnet diese eine bis in die letzte Verästelung durchgeformte sozialistische Gesellschaft, wohingegen „Ein Mensch (…) in der Sozialen Marktwirtschaft” den zwar gefährdeten, aber letztlich sich doch schon zur Zeit unweigerlich vollziehenden Aufstieg eines Individuums vorführt. Der ,Waage’-Film beschränkt sich mit Bedacht auf dieses eine musterhafte Arbeits- und Konsumentenschicksal; nur so kann er zugleich unterstellen, alle erstrebenswerten Ziele seien letztlich innerhalb des privaten Lebensrahmens erreichbar, womit implizit auch die Reproduktion (klein-) bürgerlicher Weltanschauungen mitläuft. Sofern Probleme wahrgenommen werden, sind es Probleme der Person, aber niemals des Systems. Somit kann gar kein Kampf um eine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung stattfinden, sondern er wird stets im Individuum selbst ausgetragen. Will dieses im System erfolgreich bestehen, muss es sich zurechtmodeln, anpassen, konditionieren („dem bessren Ich geh hinterher…”). Damit wird schon im ersten Satz die ,Soziale Marktwirtschaft’ als gegeben vorausgesetzt - ein überaus kluger Propagandaschachzug. Die Ost-Broschüre antwortet darauf mit dem noch weithin offenen Projekt einer erst zu erreichenden neuen Gesellschaftsethik. Ziel soll ein „Wir” deutlich höherer Qualität sein, ein Kollektiv aus lauter Aktivisten, das die sozialistische Weltanschauung nicht nur vollständig internalisiert hat, sondern aus dieser Systembegeisterung die Energie zu permanenten Höchstleistungen schöpft. In der Realität 1959 allerdings stellte sich diese hohe gesellschaftsethische Zielvorstellung für den Einzelnen wie auch die Brigade zunächst nur als ein Abarbeitung heischender Forderungskatalog dar: und letztlich enthielten die Planvorgaben auch eine planmäßige charakterliche Umgestaltung des Einzelnen („Meier geht ein Lichtlein auf…”) im Sinne des sozialistischen Menschenbildes.
In der Art und Weise, wie beide Texte mit ihren Botschaften umgehen, offenbart sich der Unterschied der Systeme und letztlich auch der Stellenwert, den Propaganda im jeweiligen System inne hatte: Der Ost-Text umrahmt und durchwirkt seine Story beständig und recht holzschnittartig mit dem Begriff „sozialistisch”, wohingegen der psychologisch durchgearbeitete West-Text seine Botschaft eher versteckt, zumindest bis zum Ende aufspart und in die Erzählung noch so eben einschmuggelt. Mit kaum einem anderen Vorwurf hätte man die ‚Waage’-Verantwortlichen auch mehr treffen können als mit jenem, sie hätten Propaganda gemacht.
Der grundlegende Dissens schließlich lässt sich in der Frage konzentrieren, ob sich eine Leistungsethik kollektiv oder individuell begründen lässt. An Paul, dem verbissen vor sich hin arbeitenden Eigenbrötler, werden die diametral entgegengesetzten Weltanschauungen bildhaft deutlich: in den West-Text verpflanzt, wäre er der geradezu ideale Protagonist dieses Systems.
11. Runde Töne, geteilte Welt
Werden die Propagandagedichte in ihrer Spiegelbildlichkeit aufeinander hin gelesen, bieten sie das Dokument eines nicht nur sich spaltenden deutschen Landes, sondern auch eines auseinanderdriftenden Denkens an der Schwelle der sechziger Jahre.1n diesem Stadium des Wettlaufs der Systeme - bei einer noch offenen Grenze! - verrät diese sich so exzessiv in Versen dokumentierende Selbstein- und Überschätzung der beiden Gesellschaftsformen vielleicht auch etwas von der Suche nach einer Selbstgewissheit, die bei mehr prosaischer Betrachtungsweise so schon längst nicht mehr existierte.
Selbst ausgewiesene Konservative wie der ‚Welt’-Kolumnist Paul Sethe nahmen dies wahr und witterten dahinter das Unheilvolle einer Entwicklung, die im 13. August 1961 dann ihren vorläufigen Abschluss finden sollte: „Das Gefährliche an dem Grundsatz ,Nie mit Pankow sprechen’ ist, dass diese vorgeschobene Stellung immer schwächer und immer bedrängter wird. Schon hat man einige Schritte zurückweichen müssen. Gerade aus den Hauptstädten befreundeter Staaten müssen wir in diesen Wochen immer wieder hören: ,Warum sprecht ihr eigentlich nicht mit Pankow? Eine künftige Geschichtsschreibung wird unser Verhalten in diesen Jahren danach beurteilen, ob und wie wir den Gedanken der deutschen Einheit wachgehalten und was wir getan haben, um ihn zu verwirklichen.” Das ist mehr als ein Hinweis darauf, warum bei den nachdenklicheren Zeitgenossen die Rhetorik der versifizierten Vollmundigkeit Unverständnis, Ablehnung, ja Ratlosigkeit hinterließ.
1960 erscheint aber auch der schmale Gedichtband des jungen Lyrikers Hans Magnus Enzensberger mit dem bezeichnenden Titel ‚landessprache’. Das gleichnamige Gedicht -ungereimt! - versucht, dieses aus der öffentlichen Diskussion ausgeblendete und sich fortwährend tiefer entzweiende deutsche Wissen von sich selbst wieder zur Sprache zu bringen:
„…Was habe ich hier? und was habe ich hier zu suchen,
in dieser Schlachtschüssel, diesem Schlaraffenland,
wo es aufwärts geht, aber nicht vorwärts…
…Das habe ich hier verloren,
was auf meiner Zunge schwebt,
etwas andres, das Ganze,
das furchtlos scherzt mit der ganzen Welt
und nicht in dieser Lache ertrinkt.
verloren an dieses fremde, geschiedne Geröchel,
das gepresste Geröchel im Neuen Deutschland,
das Frankfurter Allgemeine Geröchel
(und das ist das kleinere Übel),
ein mundtotes Würgen, das von nichts weiß,
von dem ich nichts wissen will, Musterland,
Mördergrube, in die ich herzlich geworfen bin
bei halbwegs lebendigem Leib,
da bleibe ich jetzt,
ich hadere aber weiche nicht,
da bleibe ich eine Zeitlang,
bis ich von hinnen fahre zu den anderen Leuten,
und ruhe aus, in einem ganz gewöhnlichen Land,
hier nicht,
nicht hier.”
Anmerkung: Fußnoten und Zitatnachweise des Orinigaltextes von 1994 (aus: comparativ, Nr. 3, 1994) sind hier weggelassen worden.
