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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Pater Leppich und die Nylon-Dirnen

Pater Leppich und die Nylon-Dirnen

oder: Das Lob des Damensitzes

(satirische Ekloge in Hexametern. Der Text verarbeitet auf seine Weise zwei große zeitgenössische Spiegel-Artikel sowie eine Werbeschallplatte der Firma NSU)

© 2009 Dirk Schindelbeck

Manchmal schenkt uns die Zeit an neuerfundenen Dingen
unerwartet und schnell, was sonst die Gedanken der Menschen
höchstens im Traum bewegt: auf einmal sind Luxus-Produkte
wie sie zuvor nur gekrönten Häuptern wie etwa Soraya
vorbehalten gewesen, normalen Verbrauchern erreichbar.
So kamen über das Land, als Boten des besseren Lebens,
auch jene Hüllen aus zauberleichtem Perlon-Gewebe,
die, fast unsichtbar, der Frauen Beine umschließen:
Ruhmreich ist dieses Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte,
rühmend sind auch die Taten der Unternehmer zu preisen,
die jeden Widerstand brachen, deutschen Frauen die zarten
Strumpfkunstwerke zu liefern. Nur wenige traten als Mahner
dieser Massenverführung durch schamloses Beinfleisch entgegen:
Einer von ihnen war Pater Leppich, in brennender Sorge
immer aktiv in der Stärkung der Abwehrkräfte des Volkes.

Strumpfwirker hatt’ es im Deutschen Reich nur in Sachsen gegeben:
Was einst als Handwerk entstanden, das hatte zu Manufakturen
später sich weiterentwickelt durch mehrere Generationen;
auch war die Fabrikation von Cottonmaschinen seit jeher
nur in diesem Winkel des Landes ansässig gewesen.
Sachsen hatten das Monopol auch hier; ja sogar die
Strumpfhersteller in USA waren Sachsen, die ihre
Cottonmaschinen einst mitgebracht hatten. Und als nun
die Alliierten die Reste des Dritten Reiches verteilten,
gab’s in den Westzonen niemand, der Strümpfe herstellen konnte,
nicht aus Kunstseide, aus synthetischen Fasern schon gar nicht.
Dafür aber liefen - ein Markt von gigantischem Ausmaß -
achtzehn Millionen Frauen im Westen des Landes fast barfuß:
Dieses gefiel den Russen und auch Fritz Selbmann, dem Herren
über die sächsische Wirtschaft, der damit schamlos zu wuchern
können glaubte: „Hei, in den Westzonen laufen die Frauen
solange strumpflos, bis ihre Männer uns Stahl, Koks und Kohle
liefern.” Doch die Rechnung mit Frauenträumen und -strümpfen,
sie war ohne die Wirte gemacht, die alten, vertriebnen
und enteigneten Fabrikanten: Hans Thierfelder etwa,
Sohn vom alten Wieland aus Auerbach (der der Erfinder
war des Strumpfes in einem Arbeitsgang), war mitnichten
willens, sich dem Diktat des Genossen Selbmann zu beugen.
Mit seiner Frau, zwei schäbigen Koffern, arm wie die Mäuse,
hatte er kurz nach dem Krieg schon, beseelt vom Gedanken,
auch in der Westzone Strümpfe machen zu können, Kontakte
in die Staaten geknüpft zu Emigranten aus Sachsen,
um vielleicht mit alten Maschinen neu zu beginnen.
Wie aber ohne Arbeiter, Kapital und Gebäude?
Produktionsmittel, selbst gebrauchte, wollten bezahlt sein!

Abbrennen kann ein Kaufmann, er kann sein Vermögen verlieren,
zehn Polit-Kommissare können ihn grundlos enteignen,
wenn ihm nur eines bleibt: seine Kunden und deren Vertrauen.
Dies war die Basis, auf welcher die größte Kollekte der deutschen
Nachkriegsgeschichte abrollen sollte. Thierfelder suchte
seine alten Geschäftskontakte, Grossisten und Händler,
bat sie um Vorschuss von einem Zehntel des Wertes der Ware,
die er, zu kommenden Pfingsten, ihnen zu liefern versprach und -
siehe, sie fassten Vertrauen zum Plan und streckten ihm dieses
Startkapital bereitwillig vor. Denn bevorzugt beliefert
mit einer Ware zu werden, die ihnen, das wussten die Händler,
alle Frauen, ob jung oder alt, im westlichen Deutschland,
aus den Händen nur reißen würden, das war kein Wagnis.
Thierfelder wiederum war erleichtert. In Tagen gelang es,
von seinen Kunden diese gewaltige Summe zu sammeln,
schwieriger war schon der Umtausch in amerikanische Dollars
bei den alliierten Behörden in Frankfurt. Doch schließlich:
Mit einer Aktentasche, prallvoll mit Scheinen, begab er
sich in die Staaten zu den Emigranten aus Sachsen,
die eine Sachkollekte für ihn längst veranstaltet hatten:
Anlagen, ausgemusterte, brauchbar, zu günstigen Preisen.
Und so segelten Cottonmaschinen sächsischen Ursprungs
einst in die USA verschifft, im Dutzend nach Deutschland
wieder zurück, um hier eine Strumpfindustrie zu begründen.

ARWA-Anzeige für Perlon-Nahtstrümpfe (1951)

ARWA-Anzeige für Perlon-Nahtstrümpfe (1951)

Jetzt hob Mundpropaganda an in erzgebirgischen Dörfern;
Thierfelders Tante schlug die Trommel und flüsterte jedem,
den sie kannte: „Der Hans fängt wieder an!”, und ganz heimlich
wanderte einer nach dem anderen ab in den Westen,
bis in der Nähe von Nagold im Arwatal bald die alte
Mannschaft aus Sachsen beisammen war. Spezialisten sie alle,
Wirk- und Maschinenmeister, Lageristen und Drucker.
Und ans Werk ging die verschworene Truppe mit Volldampf,
und aus der Strumpfpolitik, selbstherrlich von Selbmann verkündet,
sollte nun nichts mehr werden, im westlichen Deutschland hingegen
war über Nacht eine Strumpf-Industrie entstanden. Fast stündlich
wuchs jetzt die Produktion an Umfang und Güte. Die ersten
satten Erlöse flossen direkt in moderne Maschinen.
Sieh, und die Großkonzerne, die wiedererstarkten Giganten,
einst als IG-Farben bekannt, sie lieferten bald schon
reißfestes Perlongarn in stets sich verfeinernden Fäden:
Innovationen flossen fast täglich so ins Produkt ein.
Thierfelders Ehefrau hielt Kontakt zu den Kundinnen, fragte
bei ihren Strumpfberatungstagen in westdeutschen Städten
Frauen jedweden Alters und jeder sozialen Gruppierung
nach ihren Strumpferlebnissen freud- und leidvoller Art aus,
Argumente sammelnd für wirksame Werbekampagnen!

Spektakuläre Aktionen begeisterten zudem die Frauen:
Gonda Sureen aus Bremen, Lehrerin für Gymnastik,
war nicht wenig nervös, seit sie in der Zeitung gelesen:
„Wer wird Beinkönigin sein?” Und „Beteiligen Sie sich
an dem Wettbewerb um Deutschlands formschönste Beine.”

ARWA-Beinwettbewerb 1951

ARWA-Beinwettbewerb 1951

Was zu tun war, war angegeben; den Umfang der Fesseln
und der Waden messen, Ergebnis schicken an ARWA.
Hunderttausende folgten dem Aufruf, doch Siegerin wurde
Gonda - ging auf Enthüllungstournee durch sämtliche Länder
bis in die USA. An ihrem unteren Drittel
war das Musterbild der deutschen Frau zu bestaunen.

Gonda Sureen auf ihrer USA-Reise am Strand von Kalifornien

Gonda Sureen auf ihrer USA-Reise am Strand von Kalifornien

Schmunzelte Thierfelder nur: „Die beste Marktuntersuchung,
die es seit Jahren gegeben!” Mit solch phantastischen Daten
ließen sich Form und Sitz seiner Strümpfe weiter verbessern,
und die Ausschussquote sank ab auf ein halbes Promille.

Welche Offenbarung war über die Menschen gekommen!
Welch ein Konsumparadies! Indessen erfüllte so manchen
dies auch mit tiefer Sorge; ihm schienen die Menschen wie ziellos
ohne ein tragendes Leitbild durch ihr Leben zu treiben,
fast der Vermassung verfallen, auf Äußerlichkeiten versessen.
Waren sie noch zu erreichen? Gab es noch Kräfte zur Umkehr?
„Hollywood” stand auf Plakaten in Großbuchstaben geschrieben.
Pater Leppich war angekündigt zum Thema zu sprechen
in dem badischen Städtchen Bühl. Seit Jahren bereiste,
der als „Draufgänger Gottes” bekannt war, das westliche Deutschland.
Ob in Fabrikhallen, Zirkuszelten, in Fußballarenen,
wo er die Menschen erreichte, trat auf der Pater; zur Kirche
wurde ihm jeder Platz, jede Straße, vom Dach seines Opel-
Lieferwagens vor bis zu dreißigtausend Personen,
sprach er per Megaphon und mit beschwörenden Händen
über Fragen wie „Wollen wir Chaos, wollen wir Christus?”

Pater Leppich in den Uhu-Werken (1954)

Pater Leppich in den Uhu-Werken (1954)

Januar war’s und ziemlich kalt im Jahr Vierundfünfzig.
In der Obstmarkthalle sollte er sprechen, am nächsten
Tag in den Uhu-Werken, den großen Klebstofffabriken.
Brechend voll war die Halle; aus allen umliegenden Dörfern
waren sie angereist per Bus oder Fahrrad, und viele
hatten auch nicht gescheut den Marsch zu Fuß in die Kreisstadt.
Wenig verspätet erscheint der Pater. Mit kräftigen Schritten
teilt er die Menge (man sieht das Sportabzeichen am Rocksaum),
schwingt sich auf das Podest, das Murmeln verebbt: „Und wahrlich,
Du, der du mit deiner Glatze hier unten sitzt in der Reihe,
Du Frau, mit oder ohne Make-up, mit gekräuselten Haaren,
Du mit dem wohlgezogenen Scheitel - wie lange denn glaubt ihr,
dass euch das Leben blüht? Und nicht dass Sie denken, ich schlösse
mich hier selber nicht ein!” - Er macht eine Pause, urplötzlich
lässt er die Arme fallen, wirft seinen Kopf in den Nacken,
starrt das Publikum an mit zusammengekniffenen Augen:
„Instinktiv spür ich, dass sich hier einige sperren! Hier vorne,
Du da, ich verstehe dich gut”, und zu dem Verdutzten hinunter
beugt er sich jovial: „Hör zu, ich weiß, einem Schwarzrock
willst du nicht trauen. Mann, hör endlich auf dich zu wehren,
du bist doch auch ein suchender Kerl! Ich kann mir nicht denken,
dass eine Lesemappe dich wirklich befriedigt: Befassen
wir uns mit Gott! Die Chromosomenausstattung für Christus
ist bei euch allen doch völlig unterentwickelt. Und deshalb
wird es auch nichts mit Hollywood heute. Hier sind zu viele,
die sich da heimlich sagen: Höre ich Hollywood heute,
komm’ ich doch morgen nicht mehr. Und also sprechen wir heute
über das Thema Vatikan. Dies gilt euch, ihr Verführten,
Reste der Hitlerjugend, ihr späten Heimkehrer Gottes,
die ihr jeden Begriff von Moral und Anstand längst aufgabt!”

Hieb um Hieb teilt aus der Pater, die Anklage brandet
durch die Halle, schneidend, an alle Gruppen gerichtet:
„Gegen Gott bläht sich überall Sünde. Meine Herrn Redakteure,
die ihr sitzt im geheizten Büro und vom Elend der Armen
in den Baracken schreibt, wo die fetten Ratten sich tummeln:
Schamloses Pack, das mir in die Nasenlöcher das Blitzlicht
hält, um das Bild einer nackten Diva daneben zu setzen:
Rechtsanwälte, die ihr aus jedem Tod ein Geschäft macht,
ohne auch nur den Priester zu fragen. Ha, Priester, auch ihr seid
längst nicht mehr Diener Gottes, seid Steuereintreiber geworden!
Ärzte, die ihr an Fronleichnam scheinheilig die Kerze
tragt und am Montag darauf das Lehrmädchen unzüchtig anfasst.
Und ihr Unternehmer? Nicht lange ist’s her, da erklärte
einer von euch mir seinen Musterbetrieb, und er zeigte
stolz mir die klimatisierten Räume. Ich war sehr beeindruckt
von soviel Menschlichkeit und Fürsorge für die Belegschaft,
bis ich erfuhr, es galt dem Material, hier war es Seide.
Dies scheint mir doch die Lage zu sein in unsern Betrieben,
wo der Mensch nichts mehr gilt und Profitgier die Seelen verkrüppelt.
Ebenso wenig mach ich den Kult mit, den man schon wieder
mit dem Arbeiter treibt. Am dreckigsten geht es nicht immer
dem, der am lautesten schreit. Der soziale Schweinehund geht doch
heute durch alle Schichten, bei uns ist der Arbeiter längst ein
halber Kapitalist, dem der Sachs-Motor nicht mehr ausreicht,
heute hat jeder doch eine schwere Maschine im Schuppen,
hintendrauf die Nylon-Dirne, die schamlos sich räkelt.”

Still ist’s plötzlich im Saal geworden; es schweigen die Menschen.
Manch einer sieht verschämt auf den Boden, andere wieder
schauen trotzig und stur umher, wie halbstarke Burschen.
Alle haben sie jetzt ihr Gewissensfett abbekommen;
Pater Leppich hat sie gepackt und bläst zur Attacke:
„Gestern schrieb mir ein Kommunist einen Brief. Darin hieß es:
‘Einpacken kannst du, Pater, mit deinen Reden, sofern du
es nicht schaffst, einem armen Hund einen Sack voll Kartoffeln
in den Keller zu stellen!’ Da haben Sie’s: Geld und Pakete!
Alles abgeben bei Sankt Agnes, bei Sankt Andreas,
sonst gibt es Morgen keinen Vortrag. Da ist zum Beispiel
ein schwindsüchtiger Mann, der braucht mehr Fett, und ein Mädel,
in der Diaspora tätig, das benötigt dringend ein Fahrrad:
Schenken Sie ihm das Rad, und das Mädchen strampelt noch lange
für den lieben Gott. Einen Anzug für einen Studenten
brauch’ ich, für Russlandheimkehrer Schuhe, ein leichtes Motorrad
- aber natürlich kann’s auch ein schweres sein - oder ein Auto,
ja, ein Auto wär’ besser, schenken Sie mir doch ein Auto,
und es wird noch Jahrzehnte fürs Evangelium rattern.
Wir brauchen Babywäsche. Da bittet ein Opa, am Fenster
halbgelähmt sitzt der - Sie kriegen ein Foto - um einen Lehnstuhl.
Und eine gute Oma braucht Inlett und Bettwäsche. Also:
Inlett und Bettzeug, dass sie wechseln kann. Und dann gibt es
in der Ostzone Priester, die Messgewänder ganz dringend
haben müssen: Für Messgewänder ein paar Meter Seide.
Eine Bahnhofsmission hat nicht mal mehr Brot für die Kinder.
Ich weiß mir keinen Rat mehr. Es fehlen Decken, wir können
die doch nicht so enttäuschen. Ein Pater will in die Zone
gehen und braucht zur Vollendung seiner Studien Mittel.
Stecken Sie fünfzig Mark in einen Umschlag, verschlossen,
geben Sie’s nachher ab bei Sankt Agnes, bei Sankt Andreas.
Wir brauchen Kleidungsstücke für ein gewaltiges Lager.
Helfen Sie mir! Eine Legion von hungernden Rentnern
gibt es in Köln. Und machen wir gegen den Staat keine Sprüche:
Wir können Wunder wirken. Ich habe ein Hilfswerk gegründet,
Stichwort ‚Bruderrente’. Sie können Ihr Teil dazu leisten.
Formulare gibt es nachher. Nicht dass Sie falsch von mir denken,
nicht Euern Geldbeutel will ich, nur Euer Herz will ich ritzen!”

Aber noch immer ist der eifernde Pater nicht fertig,
kommt auf den Kern seiner Rede zurück, das gottlose Leben,
zeichnet ein Sittenbild des verdorbenen Deutschlands von heute:
„Aber wenn einer mich fragt: Geht unser Volk denn zugrunde
oder hat es noch eine Zukunft, so sage ich diesem:
Wir krepieren noch einmal an unsern Frauen und Mädchen,
die ihr Heiligstes in den Dreck werfen, ja wir krepieren
an dem Sexualismus, an der erotischen Springflut.
Ich war in Bremerhaven, wo einst die Amerikaner
erstmals deutschen Boden betraten. Wissen Sie, was man
dort als deutsche Visitenkarte erhält? Eine Hure!
Davon will ich nun sprechen. Das ist mein Thema, die Dinge
werd’ ich beim Namen nennen, die Huren nenne ich Huren,
auch noch dann, wenn Sie zum Ehebrecher jetzt ‚Hausfreund’
sagen, oder was sonst Ihnen einfällt, gnädige Dame!
Eltern, ihr wisst ja gar nicht, welch gefährliches Unheil
schon eine Illustrierte anstiftet, wie ein Folge
geiler Bilder die unschuldig-zarte Seele des Kindes
abtötet. Eine Jugend, die mit Bordell-Magazinen
und Revuefilmen aufwächst, wird eines Tages verrecken.
Da wachsen Mädchen heran und werden zur Jungfrau. Ha, Jungfrau?
Dieses Wort, das heut’ ein paar geile Hunde besudeln,
in die Mülltonne werfen, das unmodern wurde und muffig?
Wahrlich, dass wir in Deutschland heute zu viele Frauen
hätten, es stimmt doch nicht, wir haben nur zu viele Weiber.
Ja, es gab eine Zeit, da schickte dies Land Missionare
in die Welt - und heute: Beinköniginnen! Kommen
Sie mir nicht mit der Rede, der Körper brauche den Ausgleich,
den sexuellen, aus Gesundheitsgründen! Kein Mensch ist
noch an Enthaltsamkeit erkrankt, doch Tausende sah ich
rettungslos in den Irrenanstalten, in den Asylen
an den Folgen der freien Liebe elend verrecken.
Und jetzt frage ich Dich, du Mädel: Kennst Du den Mann denn,
der Dein Bräutigam wird? Mit dem Du dann eines Tages
vor den Traualtar trittst. Ist er gleichfalls einer von jenen
Tangogalanen mit Augenrändern wie Autoreifen?
Weißt du denn wirklich nicht, dass in jedem Manne ein Ritter,
ja, ein Raubritter steckt? O hüte Dich, den Casanova
in ihm herauszufordern! Dann wird er an Deiner Seite
wie ein Flakscheinwerfer mit geilen Augen die Straße
nach sexueller Aufputschung abgrasen, wird Dich dann später
in der Ehe missbrauchen, wegwerfen, wenn er Dich leid ist,
wie eine alte, zusammengeknüllte Papierserviette.”

Was Pater Leppich sagte, sollte die Menschen bewegen,
denn am folgenden Morgen standen - es war kaum zu glauben -
vor der Kirche Sankt Agnes Motorräder jeglichen Hubraums.
Alle, welche die Worte des Paters im Geiste behalten
gegen die Beinkönigin und die Nylon-Dirnen von ARWA,
sahen verschämt an sich selbst hinunter, besonders die Frauen:
Und wenn im Radio dann die Schlager der Werbung ertönten,
Mäntel und Strümpfe bewarben oder ein neues Motorrad,
hörten sie noch seine Stimme in ihrem Gewissen, dann war es,
als ob Besonnenheit und Konsumverzicht eine Weile
über die weltlichen Wünsche siegen könnten, doch bald schon
lockte das Leben sie wieder mit all seiner Macht und Verführung:

„Wenn die Lerche singt in der Morgenstund’
Steig ich auf die NSU und du fährst mit
Und es lacht mein Herz und es lacht dein Mund
Und der Motor singt mit uns das neue Lied:
Ich fahre Fox und fahre darum fix
Mit dir die Straße unsres großen Glücks,
Ja, du und ich und ich und du,
wir fahrn ins Glück auf NSU.

Wer zu Hause sitzt und nicht ins Grüne flitzt,
kann es nicht ermessen, wie das Freude macht,
wenn man Vollgas gibt, durch die Landschaft fliegt,
wenn die helle Sonne von dem Himmel lacht.
Ich fahre Fox…

Laß mich nie allein, liebe Sozia,
fahr mit mir zusammen in den Ehestand.
Vor dem Standesamt sagst du fröhlich ja,
und dann singen wir und reichen uns die Hand:
Ich fahre Fox…”

Welche Spannungen wüteten da in der Seele der Frauen!
Nach dem schrecklichen Krieg, der so viele Männer getötet,
träumten Millionen von ihnen von einem besseren Leben,
eigenen Anteil zu nehmen an Wohlstand und Schönheit, vielleicht auch
sich einen Mann fürs Leben durch hübsche Beine zu angeln
mit ihm ins Glück zu fahren, so wie es die Werbung verkündet,
auf seiner flotten Maschine, doch nur um am Ende solide
eine Familie zu gründen, Mutter den Kindern zu werden.
Nun kam der Pater daher und zeigte das Nylon-Verderben,
ach, und die schönen Strümpfe, sie waren mit Sünde beladen!
Aber Millionen Frauen versagten sich nicht ihre Träume,
wenn auch der Zweifel über sie kam, gegen Sitte und Anstand
zu verstoßen. Wie Nonnen jedoch zu verdecken die Beine,
dass man sie gar nicht sah, war zuviel verlangt, selbst vom Pater.
Einhellig wählten sie den Damensitz auf dem Motorrad,

Lob des Damensitzes (1952)

Lob des Damensitzes (1952)

so beschwerlich er immer auch fiel bei längeren Fahrten,
leise Zweifel noch nährend in Fragen der Länge des Rocksaums.

Hintergrundmaterial zum Thema Pater Leppich finden Sie im Text “Lautsprecher Gottes” Pater Leppich (PDF, 953.9 KB)

Hintergrundmaterial zum Thema Wirtschaftswunder finden Sie im Text “(Kein) Märchen aus Tausenduneiner Nacht” wirtschaftswunder (PDF)

Wer sich für Motorroller und Kleinwagen der 50er Jahre interessiert, kann hier klicken. (PDF)

Zum Thema Werbelyrik der 50er Jahre wiederum empfehle ich diesen Aufsatz (PDF), wer’s farbiger und komprimierter mag, ist hiermit (PDF) besser bedient.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Montag, 9. November 2009 16:58
Themengebiet: Balladen/Eklogen