Das Braten-Projekt
© 1977 Dirk Schindelbeck
(Sestine)
Eine Woche lang entbehren
kann ich wohl den Sonntagsbraten,
doch am Sonntag selber? - Nein!
Schwach in Beinen, Hals und Rücken
sieht man mich bei Zeiten linsen,
was sie kocht, die Gute, Liebste.
Ganz enttäuscht seh ich die Liebste
waschen ein paar Schrumpel-Beeren,
und sie spricht: „Dazu gibts Linsen,
denn zum großen Sonntagsbraten
sticht’s mich heut’ zu sehr im Rücken!”
Traumvergessen murml’ ich: „Nein!”
Dann bewusst und fragend: „Nein? -
Niemals machst du mir das Liebste,
niemals Reh- und Hasenrücken,
Pilze, Soße, Preißelbeeren!
Siehst mich schmachten so nach Braten,
und du machst - wie immer - Linsen.”
„Weißt du, Liebster, dass auch Linsen
sehr viel Eiweiß haben? - Nein?” -
„Ist mir völlig gleich! Ein Braten
wär das einzige, das Liebste -
geh mir fort mit deinen Beeren:
Fleisch, der Mann braucht Fleisch im Rücken! -
Ah, jetzt merk ich’s: zu entrücken
mich vom Willen, kochst du Linsen,
raubst die Kräfte mir mit Beeren,
fertig bringst du’s niemals, nein!
Ha, ich koch mir selbst das Liebste -
wer gezwungen wird, kann braten!
Gib die Pfanne! Ich will braten!” -
„Sie steht hinter deinem Rücken!” -
„Spöttisch magst du grinsen, Liebste -
heut’ gibst Braten und nicht Linsen,
heute sag ich nicht nur Nein,
heut ist Schluss mit dem Entbehren!” -
Beeren braten mangels Braten? -
Nein! - Da schont man seinen Rücken!
„Mach die Linsen, mach sie, Liebste!”