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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Scanning Empedokles (Hörspiel)

Scanning Empedokles (Hörspiel)

© 2010 Dirk Schindelbeck

<Geräuschebenen: Saal- und Raumgeräusche bei der Rede des Professors, Geräusche technischer Instrumente wie Summen und Piepen, Laborgeräusche u.ä.>

Personen:

Professor
Beisel, Cheftechniker
Hans, Techniker
Stefan, Assistent
Empedokles, Philosoph (ca. 485-425 v. Chr.)i
Staatssekretär
Sekretärin des Staatssekretärs

Vortrag über alte Philosophie (Hörsaal)

Professor:

… und wie haben wir uns diese Männer vorzustellen, die die ersten waren, welche die Grundlagen des abendländischen Geistes schufen? Stolz, aus alten Adels-, ja Königsgeschlechtern, nur die vornehmsten stets, müssen sie für unsere Begriffe von einer unvorstellbar archaischen Würde gewesen sein. In welcher Welt, in welcher Umwelt  lebten sie? Der Kosmos, die Natur im kleinsten und größten, lag noch in den Armen des Mythos, von seinen Göttergestalten durchseelt und durchlebt: Gesicht und Ausdruck überweltlicher Wesen. So die Naturerscheinungen, Meer, Himmel, Erde, die Vulkane Erscheinungen fremder Macht, fremder Herkunft. Wie spannungsreich, wie schicksalsträchtig muss solch ein Leben gewesen sein! Wie groß der Bereich des Unerforschlichen, Dunklen, wie klein die Macht und Reichweite menschlicher Gedanken und Kräfte! Wieviel an Fragen! Wie wenig an Antworten - in unserem Sinn…

Aber wenn diese Buchstaben aufstehen könnten, diese alten, oft verschlossenen, orakelartigen Buchstaben und Worte - und sich uns öffneten…
(Rauschen, Blende, anderer Raum: Labor, wo Versuche und Operationen durchgeführt werden)
(Telefonklingeln)

Assistent:
Institut für Denkgrundlagen und Epistemologie, Abteilung Gehirnscanning, guten Tag… Nein, der Chef ist noch nicht da, müsste jeden Augenblick eintreffen. Später, ja, in zwanzig Minuten, ja…

Techniker (liest aus Zeitung, Wissenschaftsseite, vor):
Hör das mal hier, Stefan: „Führende Vertreter der deutschen Wirtschaft trafen gestern mit dem Wissenschaftsminister zusammen. Dabei kritisierte die Wirtschaftsseite in ungewöhnlicher Schärfe die seit Jahren unausgesetzte Höhe der staatlichen Förderung an jene Institute, die lediglich Grundlagenforschung betrieben, ohne dass sich für die Realwirtschaft ein erkennbarer Nutzen zeige. Es müsse die Frage zu stellen erlaubt sein, Ideen, die über das Laborstadium nicht hinaus kämen, auf ihre Förderungswürdigkeit zu hinterfragen. Im harten Wettbewerb, dem sich die deutschen Unternehmen ausgesetzt sähen, brächten nur verwertbare Forschungsergebnisse Nutzen. Dem Vorstoß widersprach der Minister energisch. Gerade in der Grundlagenforschung sei Langfristigkeit oberstes Prinzip. Und das werde auch in Zukunft so bleiben.” Das geht doch auf uns. Ah, er kommt.. ich geh mal in den Clean-Room (Türschlagen).

Cheftechniker (gehetzt, schnaufend):
Morgen allerseits. Was ist denn das wieder für ein Chaos hier? Muss denn das ganze Zeug da rumstehen? Räumt das mal weg. Wen haben wir denn da heute auf dem Tisch liegen?

Assistent (dem Cheftechniker erklärend):
Der kam vom Institut für Volkskunde gestern herüber.

Techniker (verfremdete Stimme, aus einem offensichtlich abgetrennten Raum):
Augenblick noch. Ja, ich höre schon was. Jetzt…

Empedokles (stammelnd, aus Raumlosigkeit):
…immer außen bleiben, allein…
doch das Feuer, das gräbt
mit Luftwind…
das Feuer, das gräbt
sich heran,
glutwellennah…

Cheftechniker:
Was sagt er?

Techniker:
Einen Moment noch. Die Frequenzen überlagern sich noch…

Empedokles:
Fliehen… der Hass…
O die Hitze, zu sehr…
gekrümmt - wo ist mein Schuh? -
…in kleine Liebe
Erde und Wasser…
und etwas Atem die Seele…
(erneutes lautes Rauschen)
immer außen bleiben, immer
gemischt, verworren…
immer nur Teil
wohin?
(im Ausdruck etwas klarer)
Wohin denn ich?
Immer nur Macht, schlechtes Spiel…
So viel Winde von einem…
So viel Feuer…
und wieder Wasser und breitschultrige Erde…

Cheftechniker:
Was redet der Mann? Da kommt ja nichts klares. So kommen wir nicht weiter.

Techniker:
Wir sind dran. Aber die Abstimmung klappt noch nicht.

Cheftechniker:
Aber aufzeichnen tut ihr?

Assistent:
Natürlich. Vierfach. Sogar analog.

Cheftechniker:
Liegt er überhaupt richtig? Im Koordinatenkreuz fixiert?

Empedokles:
Was… sind wir? …so bunt
ausgesetzt… Liebe und Hass…
zusammen… so bunt
verloren vor Göttern…
so bunt

Cheftechniker:
Habt ihr die Temperatur überprüft?

Assistent:
Natürlich. Aber vielleicht braucht er mehr als die andern.

Cheftechniker (ungeduldig):
Dann gebt ihm halt mehr.

Empedokles:
Meine arme Größe, ach…
Ihr schnellen, huldreichen Götter..

Cheftechniker:
Also anrufen! Name, Geburtstag, Beruf, Eltern, Kontonummer usw.
Ihr habt doch Unterlagen, oder? Auf geht’s. Band abfahren.
(vorbereitete Hallstimme): Empedokles!…
(Rauschen, keine Antwort)

Cheftechniker:
Anruf zwei, erweitert!

Hallstimme:
Empedokles, Sohn des Meton!
(Rauschen)

(Blende in einen Uni-Hörsaal)
Professor:
…denken wir uns zurück in das fünfte Jahrhundert vor Christus, nach Sizilien, einer damals griechischen Kolonie. Einer dieser alten Naturphilosophen war Empedokles aus Akragas, dem heutigen Agrigent im Süden der Insel. In seiner Heimatstadt zeitweise wie Heiliger, ja ein Gott verehrt, soll er Kranke geheilt und sogar den Regen herbeibeschworen haben, offensichtlich den Göttern so nah, dass sie ihm ein Wissen schenkten, das ihn weit über seine Zeitgenossen hinaushob. Zur Legende aber wurde er, weil sein Tod bis heute Rätsel aufgibt. In den Ätna, so heißt es, habe er sich gestürzt, um sich dem Element zu vereinigen, dem er sich am verbundensten fühlte: dem Feuer. Ist diese Deutung richtig? Wir wissen es nicht. Niemand hat es beobachtet, bezeugt. Nur sein Schuh soll am Kraterrand gefunden worden sein…  (verhallend)

Cheftechniker:
Noch mal!

Hallstimme:
Empedokles, Sohn des Meton!

Techniker:
Er regt sich nicht, noch immer nicht.

Cheftechniker:
Stimulanzmaterial, was habt ihr da?

Techniker:
Ein paar Fragmente, Schriften von und über ihn.

Cheftechniker:
Später, später. Sonst nichts? Nichts Persönliches? Leidenschaften? Fehltritte? Skandale?

Techniker:
Wir haben nur eine kleine Liste mit leider recht vielen Negativ-Impulsen: Theron, Tyrann von Agrigent, einige der Bürger, die ihn bekämpften. Ah, vielleicht dies hier:

Hallstimme:
Pausanias!

Assistent (erklärend):
Das war sein Lieblingsschüler. Achtung, er zuckt…

Cheftechniker:
Gut so, weiter, weiter…

Empedokles (im Hall rufend):
Pausanias! Pausanias! (schwächer werdendes Rufen) Bleib zurück, Pausanias. Du kannst mir nicht folgen.

Techniker:
Er wird stabiler…

Cheftechniker:
Wunderbar. Einer von den Schnellen. Dann wollen wir mal hören.

Empedokles (plötzlich gesprächiger, wie in Trance):
Geh, du Guter, geh weit fort, dass dich nicht dasselbe Schicksal trifft. Und lass mich allein, denn ich Armer, ich Ausgestoßener verdiene nicht mehr das Dasein bei euch. Ach, ich vertraute dem rasenden Streite, und nun bin ich verworfen, gejagt von einem Element zum andern, vom Meer auf das Land, vom Land in die Lüfte und gegen die sengende Sonne, friedlos, ein elendes Geschöpf, wer weiß, in wie viele Tode und andere Leben oder Halbleben noch geworfen…

Cheftechniker (eindringlich):
Empedokles, wir sind bei dir. Du brauchst es nicht so schwer zu nehmen..

(Blende: Hörsaal)
Professor:
….was kann uns näheren Aufschluss über diesen Mann geben, diese eigentümlich zwiespältige Gestalt, aber dennoch gewaltige Persönlichkeit? Schon Friedrich Nietzsches Studienkollege, der berühmte Heidelberger Philologe Erwin Rhode, nannte Empedokles als einen „Gast aus fernem Götterland, zu edel für die Welt der Sichtbarkeit.” Etwas sehr Dunkles und Dämonisches schien von ihm auszugehen…

Empedokles:
Weh mir, wo bin ich?

Cheftechniker (schematisch):
Im Explorationsraum unseres Instituts für Denkgrundlagen, mein lieber Empedokles. Im Namen aller Mitarbeiter möchte ich dich hier recht herzlich begrüßen. Es mag für dich auf den ersten Blick vielleicht ein ungewöhnlicher Ort sein, wie du sagst, aber wir alle hier sind Wissenschaftler wie du. Arbeite mit uns zusammen… Wissenschaftler sollten sich gegenseitig befruchten, zum Vorteil für alle, für die Menschheit…

Empedokles:
oh dunkler erdiger Ort… heimatlos, ruhlos gegen die Natur, die mich gemacht hat, wein ich und jammere, ein Fremder…

Cheftechniker (beschwichtigend):
In unserer Dissoziationsanlage warst du zuerst. Dann haben wir dich extrapoliert. Und nun liegst du auf unserem Elektronenbett, dem Gebärstuhl, wie wir es nennen. Gleich wird unser Gehirnscanner über dich gleiten…

Empedokles:
…diese Enge in der Brust, diese furchtbare Enge…

Cheftechniker (einschmeichelnd):
Weißt Du eigentlich, dass du schon für uns, für die Wissenschaft gearbeitet hast? Deine Werke, deine kostbaren Werke liegen uns vor…

(Blende)
Professor:
…halten wir uns an seine Schriften. Das ist wenig genug, sie liegen lediglich in Bruchstücken, in Fragmenten vor. Es scheint, dass sie sich zu zwei großen Lehrgedichten zusammenfassen lassen. Das eine handelt von der Natur, der Entstehung des Alls, der Welt, der Tiere, Pflanzen und Menschen, das andere ist „Reinigungen”, Katharmoi, betitelt. Reinigungen warum? Reinigungen von was?… War Empedokles Naturwissenschaftler oder Mystiker? Oder beides? Ist das möglich? Musste er sich nicht irgendwann für eine Seite seines Wesens entscheiden? Wenn ja, für welche? Noch heute, nach zweieinhalb Tausend Jahren, kann niemand diese Frage beantworten…

Empedokles:
…ach, wie ich weine und klage im Anblick dieses fremden Gebietes…

(Handyklingeln)
Cheftechniker:
Wo bist du, Doris? Beim Arzt? Ach so, die Routineuntersuchung, hatte ich völlig vergessen. Melde dich wieder… Bis später…

(Pause)
Wo war ich?
Nicht doch, Empedokles: Du warst es doch, der die Grundlagen schuf, auf denen sich die Menschheit vorangearbeitet hat, warst der Begründer einer helleren Zeit, einer Zukunft, die unsere Gegenwart ist…

(Telefonklingeln)

Cheftechniker:
Wer ist denn das schon wieder? Nimm mal ab, Hans.

Assistent:
Institut für Denkgrundlagen und Epistemologie, Abteilung Gehirnscanning, guten Tag.

(Stimme des Assistenten):
Ja, wir sind dabei. Ja, Herr Staatssekretär, Augenblick bitte.
(flüsternd zum Cheftechniker):
Der Antrag für die Bewilligung weiterer Fördergelder.

Cheftechniker (leise)
Franz, mach mal die Leitung da hinten dicht. So, jetzt…
(laut):
Ja, Herr Staatssekretär, die Höhe der Mittel wie im vorangegangenen Antrag. Was? - Ja, wir haben gerade ein unglaubliches Fossil auf dem Koordinatentisch, war schwierig, den Kreuzpunkt zu finden, komplizierte Nullung, hochinteressante Aussagen… für die Grundlagenforschung, das Denken, ja…  Gehirnscan läuft schon. Zu erwarten? Eine Menge, denke ich, ein Menge… Wiederhören… Herr Staatssekretär.

Cheftechniker (nervös):
Neuroscanner ansetzen..
(leises Surren)

Assistent:
Okay, bereit.

Cheftechniker (leise):
Schnallt ihn fester.

Empedokles:
…angekommen im dunklen Gewölbe der Erde… oh, oh…

Cheftechniker:
(zu Empedokles beruhigend):
Reine Sicherheitsmaßnahme, damit nichts verrutscht. (lacht)
Achtung, jetzt wird’s ein bisschen wärmer am Kopf.
(leises  Surren)

Cheftechniker (zum Techniker):
Siehst du schon was?
(langes Surren)

Techniker:
Völlige Inaktivität. Als ob sein Gehirn gar nicht arbeitete.

Cheftechniker:
Oder so minimal, dass es außerhalb des Messbereichs liegt.

(Blende)
Professor:
Feuer, Wasser, Erde und Luft - diese vier Urelemente nahm Empedokles an. Alles Seiende sei auf ihnen aufgebaut und durch verschiedene Mischungsverhältnisse entstanden. Doch wie geschieht Mischung und Entmischung? Durch Anziehung und Abstoßung, sagt Empedokles, durch Ineinanderfließen, so als wenn alles Seiende mehr oder weniger unsichtbare Poren hätte, durch welche die anderen Elemente eindringen können…
(Blende)

Empedokles (plötzlich lallend wie in Trance)
…und durch die Erde in uns schauen wir Erde, durch das Wasser das Wasser, durch Feuer vernichtendes Feuer…

Cheftechniker:
Aber hallo, da kommt ja was..
(mechanisch zum Assistenten)
einscannen, speichern, Sicherungskopie erstellen:
neuer Datensatz…

Techniker (wie entrückt):
Was für eine eigenartige Musik in seinen Worten…

Assistent:
Als ob er das automatisch sagte. Als ob es sein Fleisch, sein Blut selber spräche…

(Telefonklingeln)
Assistent:
Noch einmal das Ministerium, Sekretariat…

Cheftechniker:
Ja?

Sekretärin:
Wissenschaftsministerium, Sektion Forschungsförderung. Ihr Antrag auf Bewilligung weiterer Fördergelder für die nächste Periode ist noch lückenhaft. In dieser Form kann er der Gutachterkommission nicht vorgelegt werden.

Cheftechniker:
Ja, warum denn nur? Wir haben doch alles ausgefüllt, nach den Vorgaben, wie sonst. Woran hängt’s denn?

Sekretärin:
Die Spezifikation des Leistungsnachweises.

Cheftechniker:
Kann ich den Staatssekretär sprechen?

Sekretärin:
Nein, er befindet sich jetzt in einer Besprechung.

Cheftechniker:
Den Minister?

Sekretärin:
Der Herr Minister ist auf Dienstreise in den USA.

Cheftechniker:
Können Sie mir nicht wenigstens einen Hinweis geben? Frau Lenbach. Wir kennen uns doch schon so lange…

Sekretärin:
Ich darf nichts sagen.

Cheftechniker:
Nur einen Hinweis, nur einen kleinen.

Sekretärin (nach einer Pause):
Bei Ihrem Institut liegt die Einwerbung von Drittmitteln weit unter dem Durchschnitt. Es werden Ergebnisse erwartet, konkrete Ergebnisse - angesichts der hohen Förderung aus Steuergeldern, die Ihr Institut erhält. Ich habe nichts gesagt…

Cheftechniker:
Wie bitte? Aufgelegt.

Cheftechniker: (unwirsch)
Neuer Datensatz…

Empedokles (vor sich hinlallend):
…das herzumwallende Blut…
der Ort des Denkens…

Cheftechniker:
Der hält uns zum Narren. Wir müssen an seinen Autopiloten ran. Da stecken sie, die echten Informationen.

Assistent:
Haben die nicht alle so blumig geredet - damals?
„Aphrodite, die mit schnellen Schritten das All durchstürmt…”

Cheftechniker:
Der weiß viel viel mehr, als er sagt.
Verheimlicht, der Simulant.

Techniker:
Wenn er etwas bewusst unterdrückt, müsste der Scan entsprechende Aktivitäten anzeigen. Doch da ist nichts.

(Handyklingeln)
Ah Doris. Was ist? Noch immer beim Arzt. Wie lang dauert das denn? Du, wir sind gerade ziemlich im Druck, bis später.

Cheftechniker:
Wie wär’s, wenn wir ihn ein wenig kitzelten? Ein kleiner Elektroschock.
Hans, wir haben doch noch die alten Elektroden im Schrank…

Techniker:
Haben wir. Aber die Methode ist eigentlich nicht mehr erlaubt.

Cheftechniker:
Du siehst doch: Gehirnscan bringt nichts.
Ganz kleine Spannung nur, 15 Volt. Da berührt er ja nicht mal einen Weidezaun…

Techniker:
Mir ist nicht wohl dabei.

Cheftechniker:
Wir fahren die Spannung nur ganz kurz hoch und dann gleich wieder runter…

Techniker:
Das haben wir schon seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht.

Cheftechniker:
Stell dich doch nicht so an, wir brauchen Ergebnisse…

Techniker:
Nur, wenn der Probant zustimmt.

Cheftechniker:
Wie soll er das tun? Du hörst doch, er lallt nur. Auf meine Verantwortung.

Techniker:
Das ist Folter!

Cheftechniker:
Unsinn: Es dient der Wissenschaft!

Techniker:
Wir müssen ihn ans Institut für Volkskunde so zurückgeben, wie wir ihn von dort erhalten haben…

Cheftechniker:
Tun wir ja. Aber wir haben Ergebnisse zu liefern. Auch dein Arbeitsplatz hängt davon ab, vergiss das nicht.

Techniker:
Ich kann das vor meinem Gewissen nicht verantworten.

Cheftechniker:
Nicht Du musst verantworten, sondern ich.

Techniker:
Das da ist ein Mensch, Hartmut, siehst du das nicht.

Cheftechniker:
In dem Wissen steckt, das wir brauchen.

Techniker:
Das geht zu weit, da mach ich nicht mit.

Cheftechniker (förmlich, kalt, nach langer Pause):
Okay. Dann wirst du unterschreiben, dass du mit dem Gesamtprojekt „Scanning Empedokles” niemals etwas zu tun hattest, ebenso mit den vorbereitenden Projekten in den Monaten zuvor. Das gilt ebenso und in vollem Umfang für die Verwertung sämtlicher Ergebnisse, die aus diesem Projekt erwachsen und noch erwachsen werden. Du verzichtest auf jegliche Forderungen, Tantiemen usw. und überträgst sie auf das Institut. Ferner unterschreibst du, dass du alle dabei erworbenen Kenntnisse weder selber jemals nutzen noch an Dritte veräußern wirst sowie sämtliche noch in deinem Besitz befindlichen Unterlagen zurückgibst bzw. alle Kopien sowohl in schriftlicher Form als auch in Form gespeicherter Datensätze vernichtest. Unterschreib!

Techniker:
Nein. Ich habe das Projekt bis zu diesem Zeitpunkt mitgetragen. Nur für das, von jetzt an geschieht, unterschreibe ich. Für mehr nicht.

Cheftechniker:
Du hast dich verpflichtet, das Projekt vollständig mit durchzuziehen. Alles oder nichts. Du hast soeben „nichts” gewählt.

Techniker (ebenso förmlich):
Es geht um die Grenze, die du jetzt überschreitest.

Cheftechniker:
Du hast einen Arbeitsvertrag…

Techniker:
Es gibt ein Maß, das für uns alle gilt, weil wir Menschen sind.

Cheftechniker:
Nicht du setzt das Maß.

Techniker:
Aber Du bist maßlos. Ich gehe. Du hörst von mir.

Cheftechniker:
Vergiss nicht, Deine Papiere morgen im Büro abzuholen…
(zum Assistenten)
Stefan, auch du kannst jetzt gehen. Aber dich brauchen wir. Du bist morgen wieder hier.

Assistent:
Okay, bis Morgen dann.
(Türenklappern)

Cheftechniker:
(für sich)
Puh!

(Handyklingeln)
Ah, Doris! Noch immer beim Arzt? Was? Brust muss geröntgt werden? Melde Dich.. bald…
(Pause)

Allein, Empedokles, wir sind allein.
(Stöhnen des Cheftechnikers aufgrund körperlicher Anstrengung, als er Empedokles eigenhändig auf den Elektrostuhl schnallt: dann Knister- und Zischgeräusche wie von einer heißen Herdplatte)

Empedokles (aufstöhnend von der Elektroschockbehandlung):
Oh, mein Fingerkuppen, meine Hände, sie brennen… oh oh…

Cheftechniker:
Physik, Empedokles, das ist reine Physik. (erhöht die Spannung)

Empedokles:
Oh, oh, als ob meine Adern platzen, Glutwellen durchrasen den Körper… oh oh…

Cheftechniker:
Strom, Empedokles, elektrische Teilchen, die sich jagen - du warst es, der als erster die Elemente so gedacht hat
(erhöht die Spannung)

Empedokles:
Oh, oh, ich selbst bin zum Ort des rasenden Streites geworden, oh oh…

Cheftechniker:
So sieht Fortschritt aus, naturwissenschaftlicher Fortschritt. (erhöht die Spannung)

Empedokles:
Oh, oh, Fortschritt… Nur das Feuer, das rasende Feuer schreitet fort…

Cheftechniker:
Die Menschheit bewegt sich, entwickelt sich immer weiter. Wir sind, was Stand unserer Technik ist. Deine Denkergebnisse - unsere Arbeitsgrundlage. Wir nehmen sie auf, arbeiten sie aus, werden immer besser, perfekter, auf immer höherem Niveau: neue Welten, neue Möglichkeiten…

Empedokles:
Oh, oh, ich dachte, ich hätte es verhindern können… weh, weh.

Cheftechniker:
Sag uns einfach nur: Wo ist der Rest deines Gedichtes? Wo hast du es versteckt? (lässt die Spannung nach)

Empedokles:
(atmet wie von großer Erschöpfung aus)
Mein Lehrgedicht - gibt es nicht mehr. Niemand sollte es jemals mehr lesen, niemand verbreiten. Ich ahnte, dass die Menschen nicht reif genug sind, mit den Elementen gut umzugehen…

Cheftechniker:
Du lügst. Fragmente liegen vor. Und Du warst es ja selbst, der das Einstiegsloch in die Atomphysik schlug. Nun erkenne dich selbst - bei 120 Volt.
(erhöht schlagartig die Spannung)

Empedokles (jault auf):
Oh, oh, oh. Ihr jagt die Elemente aufeinander, bringt sie nur zu gewaltigen Explosionen, ihr Meister der Schmerzen, ihr Höllenhunde. Oh oh… Doch ich sage nichts mehr, ich habe schon wieder zuviel gesagt…

Cheftechniker:
Wo liegen die restlichen Verse? In Sizilien nicht. In Ägypten wurde ein Papyrus gefunden…

(Handyklingeln)
Wo bist du jetzt, im Krankenhaus? Warum denn das? Gewebeuntersuchung? Doris, melde dich, sobald du mehr weißt…

Empedokles:
Oh, oh, ich wollte mich doch zurücknehmen, ganz zurücknehmen, oh oh.. und floh aus Sizilien nach dem Peloponnes.

Cheftechniker:
Aha! Du gibst es also zu! Die Geschichte mit dem Sprung in den Ätna war erlogen, reine Legende. Aber es müssen doch Abschriften deines Gedichts existieren?

Empedokles:
…gerade ihr, ihr Herren der Schmerzen, dürft es nicht kennen…

Cheftechniker:
Du denkst wohl, du könntest dein Ergebnis zurücknehmen auf alle Zeit?

Empedokles:
Ja, das wollte ich.

Cheftechniker:
Das werden wir nicht zulassen, Freund, und wenn wir dich durch alle Aggregatzustände jagen. Jetzt wechseln wir mal die Methode: waterboarding.

(Rauschen, Blende)
Professor:
….Was aber bewegt die Elemente wirklich? Mischung und Entmischung als technische Vorgänge reichen dazu ja nicht aus. Es muss, so nahm Empedokles an, für alles Entstehende und Vergehende größere, steuernde Kräfte geben. Er nannte sie Liebe und Hass, die eine verbindet, der andere trennt. Empedokles denkt sie aber nicht nur physikalisch oder chemisch als Urkräfte, die Abstoßen oder Anziehen bewirken, sondern auch als welt- und heilsgeschichtliche Mächte. Einem Zeitalter des Hasses, wo alles vereinzelt und getrennt umherirrt, folgt ein Zeitalter der Liebe, wo alles eine innige Vereinigung miteinander eingeht. In ihren Armen liegt die Entstehung der Welt…

Cheftechniker (bereitet die Waterboarding-Apparatur vor, man hört Wasserrauschen, Glucksen usw.)
So, Empedokles, was hast du mir mitzuteilen?
(Waterboarding: 30 Sekunden, Wasserrauschen, fast Wasserfall, danach Prusten, Schluckgeräusche, heftiges Atmen, abrupte Stille)
Also, ich höre!

Empedokles (noch hechelnd):
Urg… aus deinen Armen, o Nestis, heraufgetaucht, selbst ein großer Schlauch voll von Meernass…

Cheftechniker:
Das ist bekannt, weiter…

Empedokles:
Urg… so wie ich Pflanze schon war und Vogel, nun ein Fisch, stumm den Fluten enttauchend…

Cheftechniker (für sich):
Er kommt nicht auf den Punkt.
(laut)
Empedokles, noch einmal.
(Wasserrauschen, Glucksgeräusche, heftiges Prusten, Luftschnappen, dann wieder Stille)

Cheftechniker (plötzlich milde, freundlich):
Empedokles, hast du auf Meeresgrund vielleicht etwas erkannt mit deinem geistigen Auge?

Empedokles (benommen, lallend):
…viele halslose Backen… nackte Arme… umherirrend…
Augen schweiften allein herum… ohne Stirnen…

Cheftechniker:
Was stammelst du da?

Empedokles:
… noch nichts von der Liebe zusammengefügt…

Cheftechniker (für sich):
Ich komme an ihn nicht ran. Er versteckt sich hinter Zitatbrocken.
Vielleicht ist er noch gar nicht wieder richtig hier.

(Blende)
Professor:
…welch weitreichende Wirkungen hat gerade dieser Philosoph entfaltet? Die ganze antike Medizin, die Säftelehre, wie sie uns in den Schriften des römischen Arztes Galen vorliegt, nach der jahrhundertelang Krankheitsbilder bestimmt wurden, fußt auf Empedokles. Ebenso die Charakterlehre mit den vier Typen des Sanguinikers, Phlegmatikers, Cholerikers und Melancholikers, und selbst noch die Astrologie, an die auch noch heute Millionen von Menschen glauben. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein galt Empedokles’ Elementbegriff als wissenschaftliche Tatsache. Erst als feinere Apparaturen und Geräte entwickelt wurden, tiefer in die Materie einzudringen…

(Blende)
Cheftechniker (plötzlich)
Die Druckkammer! Vielleicht sollte ich ihn in die Druckkammer stecken….
(technische Geräusche, Abschnallen, Wasserabdrehen)
Empedokles, entspann dich von deinem Wasserabenteuer. Hier, nimm diese warme Decke.

Empedokles (schneuzt sich und das Restwasser aus ihm)

Cheftechniker (für sich):
Das könnte der Zugang sein zu seinen abgelegten Wissensbeständen…
(Vorbereitungen für den Druckkammertest, Zischen)
Sauerstoff, Empedokles, guter, reiner Sauerstoff!
(langes Zischen)

Empedokles (in der Druckkammer, verfremdete Stimme, atmet tief)
Ah, Vater Äther, ah - mir wird auf einmal so leicht.

Cheftechniker:
Das tut gut, nicht war? Als ob du schwebst…
(für sich)
mehr, größere Dosis…

Empedokles:
so nah, den Göttern so nah… am Ort des Wissens selbst…
gleich dem Geist, der mit schnellen Schritten das All durchstürmt…

Cheftechniker:
Gut so, Empedokles, weiter.. Willst du mehr Sauerstoff, hier…
(langes Zischen)

Empedokles (vor sich hin deklamierend):
…nur aus der Grundstoffe Quelle
Fließt alles Irdische aus, das hier als unendlich erscheint dir;
Dieses behalt’, du vernahmst ja von einem Gotte die Kunde.

Cheftechniker (frohlockend):
Von einem Gotte die Kunde… nicht schlecht… das ist es…
er öffnet sich, endlich…
(langes Zischen in mehreren Intervallen, urplötzlich großer Knall, Trümmerteile fliegen zu Boden, Blende):

Professor:
… hier schließt sich der Kreis: Wir kommen an das Mysterium des Empedokles: einerseits der Begründer aller modernen Naturwissenschaft blieb er andererseits doch der gläubige Mensch der Antike. Zutiefst dem alten Götterkosmos verpflichtet, dachte er sogar die Elemente wie Gottheiten, vor allem die verbindende Kraft der Liebe: Kypris, Aphrodite. Fühlte er sich selbst schon als Halbgott, da ihm von ihnen ein Wissen zuteil geworden war wie keinem anderen Menschen zuvor? Quälten ihn deshalb so tiefe Schuldgefühle, weil er den Menschen dieses Wissen sozusagen verriet? Wie Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und sie damit ein Stück unabhängiger von den Göttern machte und dies an einen Felsen geschmiedet qualvoll büßte, scheint auch er ein gefallener Daimon zu sein…

(Wiederholung der Explosionsphase: langes Zischen in mehreren Intervallen, urplötzlich großer Knall, Trümmerteile fliegen zu Boden)

Cheftechniker (fassungslos, aufstöhnend):
…das ganze Dach abgedeckt, die Geräte zerstört. Das ist das Ende… Halleluja!

Empedokles (wie in Trance):
Ich hörte einen gewaltigen Donner… Als ob Zeus’ Blitzkeil niederfuhr…

Cheftechniker:
Das Institut ist explodiert, Empedokles. Die Elemente flogen uns um die Ohren…

Empedokles (erschrocken):
Die Elemente? Nein - sie sind unzerstörbar.

Cheftechniker:
Natürlich, Empedokles, nicht die Elemente: da hast du recht. Aber schau nur… jetzt haben wir nur noch den bloßen Himmel über uns… sogar mit Mond.

Empedokles (versonnen):
Ein fremdes rundes Licht kreist um die Erde.

Cheftechniker:
Dass mich diese müde alte Laterne noch mal so rühren würde…

Empedokles:
Er leuchtet nicht selbst. Sowie das Sonnenlicht den weiten Kreis des Mondes getroffen hat, prallt es alsbald zurück und durcheilt wieder den Himmelsraum, um zu uns zu gelangen.

Cheftechniker:
Was du schon alles wusstest! Was für Experimente hast du dazu eigentlich angestellt?

Empedokles:
Ich dachte nur nach. Das Denken liegt doch im Blut, und mit dem Feuer in mir erkenne ich das Feuer, mit der Erde die Erde…

Cheftechniker: (lacht)
Ja, ja, das ist bekannt, doch so einfach ist es nicht. Man muss schon richtig gute Experimente machen, um die Wahrheit zu erkennen. Wir wissen heute, dass es nicht nur vier Elemente gibt, wie du annahmst, sondern weit über hundert. Manche sind so flüchtig, dass sie nur unter bestimmten Bedingungen existieren.

Empedokles:
Und die Liebe? Die Liebe ist auch Element…

Cheftechniker (lacht amüsiert):
…du meinst Adhäsion, Atom- oder chemische Verbindungen?

Empedokles:
Wo immer Elemente zueinander kommen und sich mischen, ist es das Werk von Liebe…

Cheftechniker:
Nein, Empedokles, wenn du die Formeln kennst, kannst du dir die Elemente zu neuen Stoffen zusammenmixen, ganz nach Bedarf und Belieben - oder auch beschießen, um ihre Energie freizusetzen und zu nutzen.

Empedokles:
Beschießen?

Cheftechniker: (überlegen)
Empedokles, für uns sind die Elemente nicht mehr als der Inhalt eines großen Baukastens.

Empedokles:
Dann seid ihr ja die Herren von Liebe und Hass…

Cheftechniker:
Denk doch nicht immer so poetisch, Empedokles. Schau einfach in unsere Lehrbücher: Physik, Atomphysik, Chemie, Biochemie… Unverrückbares Wissen, das gilt. Keine Spekulation, keine Mystik, sondern Wahrheit, Aufklärung…

Empedokles (fassungslos):
…die Herren von Liebe und Hass…

Cheftechniker:
Meinetwegen nenn es so. Aber darum geht es gar nicht. Es muss etwas Zählbares dabei herauskommen, sonst hat sich der Aufwand doch nicht gelohnt. Wenn sie nicht Fortschritt ist, dann ist ja die ganze Menschheitsgeschichte nichts wert.

Empedokles:
…wieder dieses Wort: „Fortschritt”.

Techniker:
Ein anderes Wort für „besser werden”, Empedokles. Du kannst das heute überall sehen: die Aerodynamik unserer Fahrzeuge, die Effektivität unserer Waffensysteme, die Lebenserwartung der Menschen - wir sind und haben heute mehr als gestern, wir verdienen mehr, erwarten mehr, leisten mehr und können uns mehr leisten als gestern.

Empedokles:
Dann seid ihr ja sogar die Herren der Zeit!

Techniker (geschmeichelt):
Nicht ganz, nicht ganz, aber wir sind schon recht gut…

Empedokles:
Und das ist gut?

Cheftechniker: (unsicher)
Das macht auf jeden Fall Sinn, Empedokles, guten Sinn. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, irgendwelche Götter zu hofieren, damit uns ein paar Zentner Weizen mehr wachsen. Und Du warst es, der den Anfang dazu machte - mit deinem Element-Begriff ging es bergauf. Justus Liebig, der Erfinder des Kunstdüngers, und viele, viele andere haben es weiterentwickelt…

Empedokles:
Die Herren der Zeit! Ich fass es nicht! Ohne Götter geht alles seinen Gang!

Cheftechniker:
Richtig. Unsere Versuche haben gezeigt, wie recht du hattest: Mit deiner Hilfe haben wir die Natur geknackt.

Empedokles: (entsetzt)
Was habt ihr?

Cheftechniker:
Ja, ihre Geheimnisse gelüftet, ihre Codes entschlüsselt. Wir können ihre Arbeits- und Funktionsprinzipien verstehen, rekonstruieren, verändern, bei Bedarf ersetzen und künstlich verbessern, das Unnütze vertilgen, das Nützliche schützen, fördern und züchten…

Empedokles:
Habt ihr so wenig Vertrauen zur großen Allmutter? Ihr seid doch selbst Natur!

Cheftechniker:
Für uns ist sie Rohstoff, Nahrungsquelle…

Empedokles:
Wenn ihr selbst ein Teil der Natur seid, könnt ihr doch nicht gegen sie arbeiten! Alles ist doch belebt vom Atem des Göttlichen, alles hat doch Verstand und Anteil am Denken, und darum muss ich es doch achten und darf mich nicht an ihm vergehen…

(Handyklingeln)
Cheftechniker:
Augenblick mal, Empedokles.

Was? Meine Frau, was?  …bereits operiert? … ausgestreut in die Bauchspeicheldrüse? Ich will sie sprechen… warum nicht möglich?…  dann den Arzt. Wer ist der Arzt? Was?… ist mit dem Schlimmsten zu rechnen?… Tun Sie doch was! Beschießen Sie die Geschwulst… Kobalt-Bombe, Chemo-Therapie, was immer es gibt… was immer Sie können… sehen… nicht möglich… Warum?

(Pause)

Empedokles, meine Frau ist todkrank. Ich habe große Angst, dass sie bald sterben muss.

(schluchzt, schreit plötzlich)
…und ich kann nichts tun…

Empedokles:
… doch nicht die Herren der Zeit!

Cheftechniker (schreit verzweifelt):
Nein, natürlich nicht!

Empedokles:
Und auch nicht die Herren von Liebe und Hass!

Cheftechniker:
Nein, natürlich nicht! Verstehst du denn nicht? Doris wird sterben..

Empedokles:
Sterben ist nur ein Wort unter den Menschen. In Wahrheit gibt es weder Entstehen noch Vergehen. Alle Lebewesen kehren wieder, bauen sich aus Elementen wieder auf. Wenn das Zeitalter der Liebe heranreift und die Liebe selbst immer stärker wird, entstehen wundervolle Kreaturen, die in Frieden miteinander leben, regiert aber der Hass, zerfällt alles in seine Einzelteile, und Jammer und Wehgeschrei erfüllt die weite Erde…

Cheftechniker: (zynisch)
Ist das auf mich gemünzt? Weil ich Grenzen überschritt, weil ich dich quälte, um ein paar Formulierungen aus dir herauszupressen?

Empedokles:
Du liebst die Erkenntnisse nicht. Du wolltest sie nur als Machtmittel…

Cheftechniker:
Nur wer etwas weiß, kann Macht ausüben - Wissen ist Macht, kann nichts anderes sein als Macht! Der Satz ist unbestreitbar.

Empedokles:
So denkt, wer im Zeitalter des Hasses lebst und ihm nicht entrinnen kann. Wissen darf niemals Macht sein, Wissen muss Liebe sein -

Cheftechniker: (große nachdenkliche Pause)
Langsam beginne ich zu begreifen, warum du dich damals zurücknehmen wolltest…

Empedokles:
In mir reifte der Entschluss dazu schon an jenem Tag, als ich in der Nähe des Ätna über loses Geröll und schwarze Krusten herumging. Da ahnte ich, dass ich es nicht wagen durfte, den Menschen das heilige Wissen über die Natur anzuvertrauen. Ich sah, dass sie zu wenig Herzensbildung hatten, gut damit umzugehen. Und wie ich am eigenen Leibe spüren durfte, tut ihr das ja auch heute noch nicht! Und deswegen graute mir vor einem Wissen, das sich unkontrolliert ausbreitet und in falsche Hände gelangt…

Cheftechniker:
und wolltest es nicht mehr in Umlauf bringen…

Empedokles:
Richtig, ich nahm mich zurück. Denn die Liebe hat keine Geschichte, sie entwickelt sich nicht. Sie ist da oder nicht da. Aber es gibt Zeiten, wo sie wirkt, und dann wieder Zeiten, wo sie dem Hass, der Gewalt und der Selbstherrlichkeit weichen muss. Darauf aber hatte ich leider keinen Einfluss…

Cheftechniker (eifrig):
Das gehört ins Protokoll: „Neues von Empedokles.”

Empedokles:
Warum drängt es dich so, das aufzuschreiben? -

Cheftechniker:
Das kam mir auf einmal ganz automatisch, wie ein innerer Impuls.

Empedokles:
Wer bist du in Wahrheit? Du scheinst mir plötzlich wie verwandelt.

Cheftechniker:
Beisel, Cheftechniker.

Empedokles: (sich langsam entfernend)
Jetzt erkenne ich Dich: Du bist Pausanias, Pausanias, mein Schüler… Auch du bist schon tausendmal gestorben und wiedergeboren worden, verblendet wie ich, weil auch du dem rasenden Hass vertrautest..

Cheftechniker:
Ja, Empedokles, ich sehe es jetzt… Doch wo bist du, ich sehe dich nur noch verschwommen…

Empedokles: (von fern)
Willst du wieder mein Schüler sein, die neue Lehre zu verkünden?

Cheftechniker:
Ja, Empedokles, ja.

Empedokles:
Hilf nur immer dazu, dass die Liebe sich ausdehnen kann. Nur so kann ein neues Zeitalter heraufziehen…

Cheftechniker:
Sage mir, was ich dazu tun soll?

Empedokles:
Ehre das fremde wie das eigene Leben. Ehre die Grenzen, die dir gesetzt sind. Fasse alles mit Liebe an. Nimm niemals den Hass zu Hilfe. Vor allem: Denke Wissen nicht als Macht.

Cheftechniker:
Ja, Empedokles, das werde ich tun… ist das die ganze Lehre?

Empedokles:
Das ist sie.
Wenn du sie fügst in die Tiefe des festen Herzens und immer
sorglichen Auges behütest, in freundlich reinen Gedanken,
wird dir das Leben hindurch dies alles ständig gehören…

Cheftechniker:
Empedokles, wo bist du, ich sehe dich nicht mehr… komm zurück..

Empedokles:
(immer schwächer, langsam verhallend)
wird dir das Leben hindurch dies alles ständig gehören…
wird dir das Leben hindurch dies alles ständig gehören…

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 15. Dezember 2010 8:48
Themengebiet: Hörspiele