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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Sybilla Schwarz: Fretowsche Fröligkeit

Sybilla Schwarz: Fretowsche Fröligkeit

Fretowische Fröligkeit Meinen Liebsten Freunden und Mittgenießern der Fretowischen Fröligkeit sey dises zu den Füssen geleget und freundtlichen anbefohlen

KEgenwertiges Getichte / daz zu Ehren der Fretowischen Fröligkeit angefangen / solte ja besser und viel besserer sein eß gehet mich aber damit / als es gemeinlich daher gehn pflegt / daß das / welches am meisten schöne seyn soll / das schlechteste wird. Doch weiß ich nicht / Liebste Freunde und Freundinnen / waßer uhrsachen mir unser Phebus so ungünstigk ist / daß meine Feder denselben / den sie für allen auff der Welt verpflichtet ist / jetzo verstimpelt wird / kan endtlich nichts daraus schliessen / als das die Neun Schwestern nicht Damit zu frieden sein / und es für eine grobe Künheit schetzen / wen eine mit so schlechtem verstand begabte Persohn wie die meine / eine so hohe Fröligkeit gnugsahm zu beschreiben sich unterwinden darff. Dem sey nun / wie ihm wölle / so ist doch einmahl gewiß / daß der / der etwas liebet / immer von dem geliebten rädet / tichtet / schreibet / und sich tächlich quelet / etwas zu erdencken / das zu deßen Ehre (das er liebet) gereichen möge; Und ob ich zwar wol / in betrachtung meiner Unwürdicheit / gezweiffelt / Ob ich / Euch zu Ehren / meine Feder netzen dürffe / so ist doch meine zuversicht zu euch so groß / daß ich der bestendigen Hoffnung gelebe / Ihr werdet diese hierinn begangene Fehler mit dem Mantel der Freundtschafft freundtlich zu decken / und den geneigten willen an stadt schuldiger danckbarkeit / von mir annehmen / weil es ja einig darümb geschrieben / daß unsere Fretowische Fröligkeit / des hochverdienten Lobes nicht beraubet werde / pitte undter deßen / Ihr wollet nicht etwas / das euch für augen kompt / wegen Schönheit / höher halten / als mein Fretow / sondern die Freundschafft / die Krone der Sterblichen / allen andern schetzen fürziehen. Ihr wollet auch dieser Freundtschafft keine Flügel / die euch etwa die Hoffart geben könte / ansetzen / sondern in Ewicheit euwere Trewe unverbrüchlich beybehalten; Zwar kan ich bereits nicht versichert sein / daß nicht etzliche undter Euch (Ja wol meine Liebsten) mir nicht das beste nachreden / wiewol ihnen solches die Tugendt nicht befiehlt / So ist dennoch der Fretowische Glaube so groß bey mir daß ich solches alles / wen es mir fürgebracht wird / in den Windt schlage / und gedencke / daß ich von euch allen gelobt zu werden / noch nicht verdienet habe / bitte aber schließlich / Ihr wollet dise schlechte Reime so lang verlieb nehmen / biß der Himmel mir krefte verleihen wirt / (welches ich dan stetigs wündschen wil) damit ich mein zu dienen begieriges Herze / und grosse zuneigung / euch vollenkommen erweisen magk / und Ihr spüren müget / daß ich dieselbe in der that und wahrheit bin / die sich nennet Euwere biß in Ihr finster grab ergebene Dienerin / als unwürdige Mitgenießerin Fretowischen Fröligkeit.
Den 8. Decemb. An. 1633. Sibylla Schwarz.

H. L. G. [= Hilf Lieber Gott]

ISt schon die gantze Welt im Bluhte durchgenetzet /
So bleibt doch etwas noch / damit man sich ergetzet;
Ob schon ein Mensche gantz verlacht das Thun der Welt /
So hat er doch noch was in ihr / das ihm gefellt /
Und das er rühmt und lobt; kein Traurich sein / kein klagen
Ist so groß / daß es kan den Augen gantz versagen
Den Schein / der Lust erkiest; Nach seufftzen / ach und Leidt
Kömpt dennoch wiederumb die frewdenreiche Zeit /
Die Hertz und Sinn erquickt; gleich wie nach einem Regen
Apollo besser scheint; die Frewd ist auff den Wegen /
Wen Trauren bey uns ist. Ein Unmensch muß es sein /
Der hier nicht etwas sucht / das ihm gefellt allein /
Und das er sich erkiest; In dem ich dieses setze /
So fellt mich Fretow ein / damit Ich mich ergetze;
Das Feld / da Freundtschafft blüht / die Kummerwenderin /
Des starcken Todes Todt / da auch der Musen Sinn
Und Geist die Flügel kriegt. Ein ander lobe Güeter /
Ich Lob und Liebe nur die Treue der Gemütter /
Die Fretow auch erkiest; das Feld / das schöne Thal
Ist mit der Freundschafft Lust gezieret überall:
Der Ort / der schönste Ort / da bey den küelen Quellen
Die Musen ihre Lust / und ihren Tantz anstellen /
Daselbst der grüne Pan auff seiner Feldschalmey
Den Nimphen lieblich spihlt / so lange bis der Rey
Wirt gäntzlich angestellt; Hier sieht man ümher lauffen
Der Satyrn gantze Schar / und der Najaden Hauffen;
Man sagt / daß Venus hier zum ersten sey verliebt /
Darumb sie diesen Ort uns zu bewohnen giebt /
Damit die Liebe magk an diesem Orte bleiben /
Und hier Regirer sein: drüm wil ich einig schreiben
Von dieses Ortes Lust; Hier sieht man umb den Strauch
Ein Bildt der Liebe stehn / bei jenem Brunnen auch /
Hier trewe Freunde gehn / dort dan die Götter sitzen /
Die unser liebes Feldt für Feientschafft beschützen.
Der klugen Schwestern Schar stimbt hier so lieblich an /
Daß auch ein sterblich Mensch nichts bessers hören kan.
Hier sehn von fernen zu die werten Pierinnen /
Was Ihre Kinder doch für Freundschafft halten künnen.
Der Himmel lachet selbst / dieweil ihm auch gefellt
Die Trew und Redligkeit / die auß der gantzen Welt
Hieher gelauffen ist; Die Berg und Hügel springen
Mit ihren Bluhmen auff; Die Echo hört man singen;
Die Todten leben da; man sihet nichts den Lust /
Die ihr / der Städte Volck nur gentzlich meiden must.
Nun fragstu / was es sey / daß jener kam gelauffen
In unsre Compagney / und sagte von dem Hauffen
Der Kelber krummen sprunck? Hier geht der Sonnen Vieh /
Davon Homerus schreibt / das weidet nuhmehr hie /
Und lest die Insel stehn / darin es vohr gewesen /
Als Ihn’n Ulisses Volck die besten ausgelesen /
Und in den Bauch verschart; Hier geht die weisse Kuh /
Die Argus hütten muß / und lauffet mit herzu /
Die Wiesen zu besehn; und diese Lust empfinden
Sunst keine nur als die / die hier sich auch verbinden
In einen festen Bandt. Wir sehn die Götter nicht /
Im fall Apollo uns den Nebel über ziecht:
Die Feder aber macht / daß wir fast täglich sitzen /
Und hören fleissig zu auff des Parnassus Spitzen
Der dreymal dreyen Chor / davon uns Hertz und Sin
Gleich gantz als fewrich wirt / und von der Erden hin
Bis an die Sterne fleucht. Und möcht uns etwa fragen
Ein solcher / der nicht weiß von dieser Lust zu sagen /
Der in der Stadt nur wohnt / da nichts als Krieg und Streit /
Als böß gerüchte wechst und harte eisern zeit /
Woher der Nahme sey / den dises Dorff bekommen?
Der wiße / daß er nicht aus Griechen ist genommen /
Noch auß Arabien / den Fretow ist ein Wort /
Das von der Einfalt Volck / den Bauwren / erst gehört /
Den’n es zum ersten mahl ist in den Mund geflogen /
Und etwan unbedacht dem Dorffe zugezogen /
Dieweil der Ackersman auff seinen Pflug nur denckt /
Und mit der Wörter zier sich leßet ungekrenckt /
Weils sein Beruef nicht ist; Der Nahme mag so bleiben /
Wans aber nöttig thut / so kan man ihm zu schreiben
Viel Nahmen / die es werth / und mit der that erfüllt:
Es heißt ein Ort / da man die Last der Sorgen stillt;
Ein Wohnplatz aller Lust / von Pallas außerlesen;
Ein Kunststück der Nathur; es heist ein herlich wesen /
Daz Göttern selbst gefellt; ein Ort / der Freundschafft trägt /
Und allen Haß und Streit von seiner Seiten legt.
Wens recht genennt soll sein / so magk man billich sagen:
Ein Ort / darauff ein Mensch sein gantzes wolbehagen /
Und alle Sinnen setzt /der Götter steter Preiß /
Und grüner Tantzplatz selbst / Ein Irdisch Paradeiß /
Der Freundtschafft festes Schloß: Den Freundschafft ist und bleibet
Dieselbe die mich itzt zu meiner Feder treibet;
Die Freundschafft ist mein Trost / die Freundschafft ist mein Raht /
Die Freundschafft / die mich selbst mir fast genommen hat /
Ist meine högste lust. O wolte Gott vergönnen /
Daß mir mein Fretow nur so würde lieben können /
Als ich es lieben kan / es solte Damon nicht
Und Pythias / die doch der Freundtschafft helles Liecht
Und Krone sein gewest / den ruhm mehr können führen /
So herlich solte uns das Liecht der Freundtschafft zieren!
Ach! wünsch ich / möcht ich itzt / ach mögt ich immerzu
Bey meinen Freunden sein / so wehr ich voller Ruh /
Und außer aller Noth! Ja durch der Freundschafft Gaben
Sol Fretow seinen Sitz gahr nah den Sternen haben /
Und über alles gehn / was dieser ErdenKreiß /
Und wehr er noch so groß / für schöne sachen weiß /
Und in sich tragen kan. Zwar Fretow hat nicht sachen /
Die nur die Haut / und nicht das Hertze schöner machen /
Hier ist kein gülden Koht / dem nur ein Narr ist holdt /
Die Freundschafft aber ist hier gülden ohne Goldt.
Hier findt man kein Gebäw / das an den Himmel reichet /
Und unterdessen doch der Höllen wenig weichet /
Weil dieses einig nur ist hohe Nidrigkeit /
Und Hoffart wieder Gott / der doch von Hoffart weit /
In Demuht oben sitzt / hier findt man keine Mauwren /
Die dreißig Ellen dick; Hier bauwen uns die Bauwren
Von Strauchen einen Zaun / davor die Freundtschafft steht /
Damit der Feiend nicht auff diesem Sande geht /
Der nichts als Freundtschafft trägt; Hier ist kein Werck zu schauwen /
Darauff man zwantzig Jahr und länger müßen bauwen;
Hier ist kein künstlich Bildt der Sonnen auffgericht /
Das köstlich heißen soll / und doch bestehet nicht;
Hier ist der Tempel der Dianen nicht zu spüren /
Den man in so viel Jahrn kaum wissen auffzuführen;
Hier ist dem Jupiter kein Contrafeyt bestellt /
Das / ob es zwar ist schön / doch stirbet mit der Welt;
Hier ist kein kunstlich Werck / das da zu einem Zeichen
Den Schiffen ist gesetzt / die bald den Port erreichen /
So bald sie nur ein Liecht hienein gesetzet sehn /
Dadurch sie in der Nacht des Weges nicht entgehn.
Hier ist kein Wunderberg / der siedent Hartz ausspeyet /
Wie sunst Vesuvius / und seine Flammen strewet
Mit hauffen Himmel an; hier sieht man keine Grufft /
Darauß die blinde Welt das Goldt zum Gotte rufft.
Zwar ist ein Werck / da die Natur hat anbeweiset
Ein guhtes Meisterstück / wol würdig / daß mans preiset /
Und in die Bücher setzt / so ist mein Fretow doch /
Da selbst die Einfalt wohnt / viel besser aber noch /
Als da man Trug und List bey schönen Künsten findet /
Hier / hier ist Lieb und Trew / die nicht so leicht verschwindet /
Als vieler Menschen fleiß / darümb man Fretow findt
In vollen Bluhmen stehn / so lange Bücher sindt /
Und Tugendt oben steht. Hier hat sich selbst erwehlet
Die Tugend einen Sitz / und sich mit uns vermehlet /
Die nicht Betruch und List noch falschheit leiden kan /
Und sieht viel lieber hier die klahre Einfalt an /
Als dort ein köstlich Schloß / sie will uns selber preisen /
Drüm / daß wir Ihren Wegk mit steiffem Fusse reisen.
Thalia windet uns schon eine LorbärKron /
Das ist der Freundschafft Recht / und wolverdienter Lohn.
O wol / und aber wol / der nur allhie kann bleiben /
Und mit der Freundschafft Trew der zeiten Rest vertreiben!
Was will dan thun der Todt? Was will dann thun der Neidt /
Bey dem / der ist befreyt auß aller Sterbligkeit?
Ach mögt ich immerzu allhier die Schaffe weiden /
Wie gerne wolt ich doch den Schäffer nahmen leiden!
Macht mir alhier ein Grab / dan Fretow ist mein ziel /
Und wann ich da nur bin / so bin ich / wohr ich wil.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Dienstag, 11. November 2008 8:07
Themengebiet: Lehre