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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Vergangenheiten, abgehakt: Das „Waage”-Plakat von 1953 - ein visuelles Zeit-Gedicht

Vergangenheiten, abgehakt: Das „Waage”-Plakat von 1953 - ein visuelles Zeit-Gedicht

© 1991 Rainer Gries / Dirk Schindelbeck

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Das Plakat, das in der Woche vor der Bundestagswahl, also zwischen dem 28. August und dem 1. September 1953, an über 27.700 Anschlagstellen in der Bundesrepublik zu sehen war, hob sich wegen seiner Schlichtheit und Zurückhaltung angenehm vom Geschrei anderer Wahlplakate ab. Schließlich war Kalter Krieg, der Arbeiteraufstand vom 17. Juni des Jahres noch in frischer Erinnerung: dementsprechend regierte wüste Rhetorik die Anschlagwände: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau!” und „Wo Ollenhauer pflügt, sät Moskau!” lauteten die Parolen. Noch heute ist die historischen Wahrnehmung der fünfziger Jahre durch diese überlauten Botschaften geradezu stigmatisiert: sie scheinen ihr so sehr die signifikanten Tendenzen des Zeitalters zu sein, daß ein stilles Plakat wie dieses, das Bezugsscheine ins Zentrum rückt, kaum wahrgenommen wird. Gegenüber der platten Einschüchterungstaktik mit der Beschwörung irrationaler Bolschewisten-Angst arbeitete dieses Plakat ja auch mit außergewöhnlichen, weil in der Sache positiven, Argumenten. Es konnte dies tun, weil es sich strikt auf die wirtschafts und sozialpolitische Binnensituation der Bundesrepublik beschränkte. Obwohl das Plakat namentlich für Erhard und dessen Idee der ‚Sozialen Marktwirtschaft’ warb und somit auch zur Wahl der Christdemokraten aufforderte, also ein politisches Plakat war, zeichnete jedoch keineswegs eine Regierungspartei dafür verantwortlich. Dies war ein Novum für die junge Bundesrepublik.

WAAGE-Plakat zur Bundestagswahl 1953

WAAGE-Plakat zur Bundestagswahl 1953

Geschaffen hatte das Plakat der Graphiker Walter Müller (1919 bis 1988) im Auftrag eines eingetragenen Vereins, der sich im Laufe des Jahres 1952 gebildet hatte. Er nannte sich „Die Waage. Gemeinschaft zur Förderung des sozialen Ausgleichs e.V”. Im Spätherbst 1952 war beim Amtsgericht Köln der Eintrag erfolgt. Vorsitzender war Franz Greiss, seinerzeit Präsident der Industrie und Handelskammer zu Köln (IHK) und zugleich geschäftsführender Gesellschafter der Glanzstoff Courtauld GmbH. Bis zu seiner Auflösung im Jahr 1978 war Köln Sitz des Vereins, von hier aus operierte er, zuerst aus den Räumen der IHK, später, nach Einrichtung eines Büros, aus der Schildergasse. In dieser Organisation hatten sich eine ganze Reihe namhafter Unternehmer zusammengefunden, die offenbar nur wenig Vertrauen sowohl auf die Regierungskunst als auch die Überlebensfähigkeit des Kabinetts Adenauer hatten. Nur ein Mitglied der Regierungsmannschaft besaß ihr uneingeschränktes Vertrauen: Ludwig Erhard. Er allein schien ihre vitalen Interessen zu verstehen; somit schien er aus ihrer Sicht der einzige Garant für die Fortsetzung des eingeschlagenen wirtschaftsliberalen Kurses zu sein. Grund genug, Ludwig Erhard helfend beizuspringen. So entstand mit dem Verein „Die Waage” ein Public Relations-Instrument in unternehmerischer Hand mit der Zielvorgabe, die Vorteile dieses Wirtschaftssystems der Öffentlichkeit eindringlich vorzuführen.
Dem aufmerksamen Beobachter war es schon 1953 nicht entgangen, welch wichtige Rolle gerade dieses Plakat der „Waage”-Organisation im Konzert des Wahlkampfes spielte. So bemerkte die kluge, von Friedrich Sieburg, Dolf Sternberger und anderen Intellektuellen herausgegebene Zweiwochenschrift ‘Die Gegenwart’ kurz nach der Wahl:

“…es gab kein besseres Plakat als das von dem Haken mit dem Bezugsschein für ein paar Schuhe mit Holzsohlen. Die große Menge der kleinen Leute fürchtete das Experimentieren in der Außenpolitik während einer gefährlichen Weltlage. So wandte sich die Menge dem rundlichen Herrn mit der Zigarre zu, der so freundlich der Hausfrau einen Brief schrieb, und nicht zum geringsten wandte sie sich an den Staatsmann, dem selbst ein Churchill Bismarcksches Format attestierte. Die große Menge der kleinen Leute hat ein Recht darauf, Sicherheit und Prosperität zu verlangen. Das hätte die SPD wissen müssen.”

Und in ihrer Wahlanalyse bestätigten Elisabeth Noelle und Erich Peter Neumann vom Allensbacher Institut für Demoskopie, daß Adenauers Sieg entscheidend auf das Nachlassen der wirtschaftlichen Existenzfurcht in der westdeutschen Bevölkerung zurückzuführen gewesen sei.

„Nie wieder!”: Das Ende der Kriege?

Eben dieses Thema hat das Plakat angeschlagen und formuliert. Worin aber liegen seine suggestive Kraft und Glaubwürdigkeit? Wodurch gewinnt es seine an sprechende Wirkung? Zumal auf Köpfe ja gänzlich verzichtet wird: weder erscheint ‚der gute Kandidat’ noch ‚die grauenerregende Fratze’. Geradezu unaufdringlich und bescheiden fügt sich das Plakat ins Straßenbild. Die Botschaft, die es verkündet, hängt an einem Baum oder einem Bauzaun; von diesem in ihm selbst zitierten, aber doch gleichwohl äußerst realistischen und glaubwürdigen Ort aus thematisiert es Alltag und Alltagsbewußtsein. Zugleich geht es über den unmittelbaren Alltag hinaus und versucht den Alltags Blick zu weiten: es vergleicht ihn mit anderen, früheren Alltagen und reflektiert auf diese Weise Vergangenheit. Seine eigentümliche Wirkung scheint eben in dieser Re Inszenierung, Deutung und Einordnung von Geschichte, die jeden betrifft, zu liegen. Und dieser Konstruktion von Zeit Räumen und Zeitschichten weiß es einen guten Sinn und glücklichen Ausgang unterzulegen. Somit ist das Plakat ein Stück symbolische Verdichtung, ein visuelles Zeitgedicht, das eine Interpretation durch den Historiker herausfordert.

Als Auftakt finden sich oben links, scheinbar mit Kreide dazugesetzt, die programmatischen Worte „Nie wieder!” In dieser rigorosen Form und ihrem gesammelten Ernst macht die Aussage den Imperativ des menschlichen Gewissens geltend, der sich ausschließlich den höchsten ethischen Maßstäben verpflichtet weiß. Somit erwächst die Exposition dieses Plakats zunächst aus der Geschichte dieses ethischen Imperativs, und die Gesamtkomposition bezieht hieraus einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Würde.

Mit der ihm eigenen Gründlichkeit hatte Immanuel Kant 1795 seine selbstreflexive Ethik des “Kategorischen Imperativs” aus der individuellen Sphäre herausgeführt und zu einer Art allgemeinen Menschheitsethik weitergedacht; seine Spätschrift “Zum ewigen Frieden”, die die Funktion des Imperativs für die Völkerfreundschaft beschreibt endet mit dem Satz:

„Wenn es Pflicht, wenn zugleich gegründete Hoffnung da ist, den Zustand eines öffentlichen Rechts, obgleich nur in einer ins Unendliche fortschreitenden Annäherung wirklich zu machen, so ist der ewige Friede, der auf die bisher fälschlich so genannten Friedensschlüsse (eigentlich Waffenstillstände) folgt, keine leere Idee sondern eine Aufgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele (weil die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen, hoffentlich immer kürzer werden) beständig näher kommt.”

Kants Hoffnungen auf eine zunehmend sich beschleunigende Entwicklung hin zu einer letztlich weltumspannenden Friedenskultur haben sich nicht erfüllt. Die Hoffnung indessen nach der regulativen Kraft eines Kategorischen Imperativs ist geblieben, auch wenn dieser unter den schlimmen Zeiterfahrungen bald zu einer Negativformulierung mutierte. Hatte Kant noch schlicht “Friede!” gefordert, so konnte der Imperativ spätestens nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gar nicht mehr anders lauten als: “Nie wieder Krieg!” Untilgbar ist das Wissen um grauenhafte Massenvernichtung ins kollektive Bewußtsein des zwanzigsten Jahrhunderts eingegraben. Wie tief und nachhaltig diese Eindrücke waren und sind, davon künden nicht zuletzt die Werke unzähliger bildender Künstler und Schriftsteller wie Käthe Kollwitz oder Erich Maria Remarque: Nicht in der Hinwendung zu einem Ziel, sondern in der Abwendung von einem Unziel formuliert sich die imperativische Friedenssehnsucht, ihr liegt das geronnene ungeheure Erschrecken zugrunde: “Dies darf sich niemals wiederholen!” Daß es sich dennoch wiederholen konnte - und mit der systematischen Vernichtung der europäischen Juden eine nochmals grauenhaftere Dimension erreichte - ließ den Imperativ zu einer Schwurformel mit überzeitlichem Anspruch werden: „Nie wieder Krieg und Faschismus!” Neben ihrem durch die Erweiterung nun auch eindeutig politischen Auftrag verweist diese Formel damit auch auf ihre Herkunft aus der linken Arbeiterschaft.
Dieser Nachhall ist es, der durch das Plakat zittert, dieser konzentrierte Ernst, der entschlossene Wille zur Abwehr des schlechthin Bösen. Und doch ist das vom Plakat zitierte, noch scheinbar in der moralischen Tradition stehende „Nie wieder!”, genauer betrachtet, ein anderes. Es meint keineswegs: “Nie wieder Krieg!”, sondern schlicht “Nie wieder Kriegsfolgen!”, nie wieder Mangelwirtschaft, von konservativer Seite auch gern umgedeutet in “Nie wieder Planwirtschaft!” Nicht der Krieg an sich erscheint demnach hier als der größte Widersacher der ethischen Grundforderung überhaupt; von ihm als Verursacher abgetrennt werden die Kriegsfolgen, also die Auswirkungen der Rohstoff und Lebensmittelbewirtschaftung. Sie trafen den einzelnen Bürger nicht so sehr seit Kriegsbeginn 1939, sondern erst ab 1942/43 ganz individuell und existentiell spürbar.

Wenn auch die ethische Dimension dieses „Nie wieder!” sich jetzt, 1953, größtenteils verflüchtigt hat, so speist sich die Formel doch aus dem allgemeinen Konsens: Die Zeit der Bewirtschaftung galt, aus der Perspektivik von 1953, als eine ‚böse Zeit’, an die jedermann/frau mit Schrecken zurückdachte. Eben weil diese Bewußtseinsbestände damals noch abrufbar waren, kann das „Waage” Plakat die Gegenwart als einen verhältnismäßig guten Daseinsentwurf vorstellen. Und dies mit Hilfe eines Topos, der aus dem geistigen Besitzstand des politischen Gegners entstammte!
Nach Meinung der Auftraggeber hatte das Plakat freilich einen ‚Haken’: „Die Worte ‚Nie wieder!’ waren in deutscher Handschrift geschrieben und konnten von vielen der jungen Generation nicht entziffert werden. Diese Schrift hatte man nicht mehr gelernt.” Die Sütterlin Schrift, vom badischen Graphiker Ludwig Sütterlin (1865 bis 1917) zwischen 1911 und 1917 geschaffen und in Berliner Schulen probeweise eingeführt, war die Grundlage der 1935 an den deutschen Schulen als Normalschrift eingeführten „Deutschen Schreibschrift”, die allerdings im Jahre 1941 durch die Deutsche Normalschrift, eine lateinische Schrift, ersetzt wurde. Sütterlin hatte 1917 die NS Ideologie teilweise vorweggenommen, als er seine Schrift als ein Erziehungsmittel gegen die „lateinische Entartung” anpries. Obwohl also gerade erst erfundenes Kunstprodukt, transportierte die Schrift einen Großteil des nationalsozialistischen Ideologiekomplexes: Geschichte, Kultur und Tradition im Zeichen eines imaginären ‚Ewigen Deutschtums’. Wenig verwunderlich ist es daher, wenn in der Nachkriegszeit die Intention des Werbegraphikers darauf zielt, die abgelebte Zeit auch durch jene abgelebte Schrift darzustellen. Die Zeit der Kriege der Korea Krieg endete 1951sollte endgültig vorbei sein; tatsächlich hatte die Kriegsfurcht in der Bevölkerung seit 1945 deutlich abgenommen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Sütterlin Schrift als das äußerliche Signal einer finster grauen Vorzeit des Nationalsozialismus, die nun, gerade acht Jahre später, schon in die Requisitenkammer der Geschichte abgestellt werden darf. Keineswegs sollten die Worte „Nie wieder!” Ausdruck von Kollektivschuld und, daraus folgend, eines in die Zukunft gerichteten Besserungsgelöbnisses sein. Das mentale Versatzstück „Nie wieder!” soll vom moralischen zum konsumtiven Imperativ “Nie wieder Not!” umgedeutet werden.

Das Plakatarrangement will dem Betrachter insinuieren, die beiden Worte seinen von geübter Hand und mit Kreide nachträglich hinzugefügt worden. Wer könnte es sein, dessen Kommentar das Plakat ein für alle Mal fixiert haben möchte? Es ist kein anderer als ‚Otto Normalverbraucher’, also der unbekannte Verbraucher, welcher dem unbekannten Soldaten nach ruft: „Nie wieder!”
Das Plakat, das mustergültige Bilder von Vergangenheiten aus der Sicht der frühen Fünfziger produziert, wird damit zu einer erstrangigen Quelle zur Geschichtskultur in der Bundesrepublik. Unstrittig dürfte inzwischen auch in der deutschen Historikerzunft sein, daß Wahrnehmung von Vergangenheiten vom Bedürfnis und vom Interesse der Gegenwart strukturiert wird. So können „Epochen” über Bild und Bedeutungsraster miteinander kommunizieren. Die achtziger Jahre beispielsweise zelebrierten auf fast exzessive Weise ihren Bildertraum von den Fünfzigern. Über ein psychosoziales Kindchen Schema wurden die fünfziger Jahre als Heilmittel einer allenthalben bedrohten Gegenwart in Dienst gestellt und idyllisiert. Und heute, Anfang der neunziger Jahre, ist sogar die unmittelbare Nachkriegszeit bis hin zur Kriegsweihnacht 1944 längst keine “Nie-wieder”-Zeit mehr. Stellen die mit den Ruinen geradezu im Takt swingenden Trümmerfrauen aus Joseph Vilsmaiers Trümmer Melodram “Rama dama” (1991) ihren Zuschauern nicht fortwährend die Frage: ‘Warum eigentlich nicht wieder?’ “Ach, es war… eine gute Zeit, dachte Leni und kippte ihren Whisky. Eine andere hatten wir halt nicht.”

Nachruf auf die Rationen-Gesellschaft

Am Zettelhaken hängen die Zeitzeugen des Mangels und des Hungers: obenauf ein eingerissener, “durchgestrichener” Bezugsschein für ein Paar Schuhe mit Holzsohle, Ausrisse aus Lebensmittelkarten, schließlich eine Bekanntmachung, schlicht „an alle Normalverbraucher!” adressiert. Es sind die Zeugnisse einer ungeliebten Zeit, die seit der Währungswende von 1948 in der Alltagssprache gemeinhin als „die Reichsmarkzeit” gilt, die Jahre der Bezugsscheine, deren Abschaffung Ludwig Erhard ohne Unterlaß für sich in Anspruch nahm. Gemeint sind die „schlechten Zeiten” der letzten Kriegsjahre seit 1943, als die Rationen auch infolge der verstärkten Bombenangriffe stetig verringert werden mußten, und natürlich die Nachkriegsjahre bis zur ersten Deutschen Mark und zur letzten Nährmittel und Brotkarte. Deren Gültigkeit lief mit dem Jahresende 1949 aus. Die Kölnerinnen und Kölner konnten zu diesem Zeitpunkt auf 160 Monate oder 4.800 bittere Rationierungstage zurückblicken. Die Geschichte dieser Jahre ist zu Ende, darf künftig als „abgehakt” gelten, das ist das Credo des Plakates: der vorerst letzte Beitrag zur Geschichte des Hungers in Deutschland.

Er habe ja gar nicht gewußt, was Verzweiflung sei, gesteht ein siebzehnjähriger Kölner. Die Welt schien ihm mit einem Male ganz grau und trostlos, an einen Ausweg, an ein Entrinnen, an Hilfe oder Rettung konnte er nicht mehr glauben. Ihm war das Undenkbare zugestoßen - er hatte die Lebensmittelkarten für die ganze Familie verloren! Heinrich Böll erzählt die Geschichte des Jungen „Am Ufer”, der sich aus Gram über sein Vergehen in den Rhein stürzt, dabei von einem schwarzen US Soldaten beobachtet und gerettet wird. Dem satten Amerikaner freilich muß unergründlich bleiben, was den Jungen ins Wasser trieb: „…wegen so ein paar Fetzen Papier, die vielleicht nicht mal n’en Dollar wert sind”? Von diesen Papieren, die das Plakat von 1953 so demonstrativ an den Nagel hängt, hing das Überleben in der Großstadt nach dem Kriege ab. Die Lebensmittelkarten waren in den Westzonen wie in der Sowjetzone Urteile, ausgesprochen über Leben und Tod des Verbrauchers. Hinter diesen Scheinen stand der hehre Anspruch des Staates, die materiellen Grundlagen des Rechtes auf Leben, mithin dieses Grundrecht selbst, garantieren und organisieren zu können. Die Karte war nicht irgendeinem Ausweispapier gleichzusetzen: daß sich die hungernden Menschen an die Märkchen klammerten, lag diesmal nicht an der preußischen Obrigkeitstreue oder dem allzudeutschen Glauben an Stempel und Unterschrift, sondern daran, daß die Karte zum Lebensberechtigungsausweis avancierte. Die Drohung einer Behörde unbotmäßigen Klienten gegenüber, den Entzug der Karte in die Wege zu leiten, entbehrte zwar jeder rechtlichen Grundlage, denn eine Verurteilung zum Hungertod konnte keine Strafverordnung decken, tat aber gleichwohl ihre erschreckende Wirkung.

Die Karte hatte zwei Gesichter: sie war unter strapaziösem Anstehen vor heruntergekommenen Ausgabestellen zuweilen korrupten Staatsdienern abgerungen, womöglich samt einer ersehnten Zulagekarte. Sie dokumentierte vielleicht eine mit Mühen erreichte Umgruppierung in eine bessergestellte Verbrauchergruppe. Sie versprach Versorgungssicherheit. Die Versorgungswirklichkeit freilich sah anders aus. Selbst wer eine Lebensmittelkarte innehatte, war damit längst nicht vorm Verhungern gefeit. Am schlimmsten traf es in allen Zonen diejenigen Bevölkerungsgruppen, die als ‚Normalverbraucher’ eingestuft wurden. Ein amtliches Wort nenne den Menschen, der nur auf seine Einheitskarte lebe, einen Normalverbraucher, kommentierte die ‚Kölnische Rundschau’ damals bissig, auch wenn sein Verbrauch jenseits der Grenzen aller Normen liege und die ihm gewährten Rationen weder zum Leben noch zum Sterben reichten. Zu diesen Normalverbrauchern, angewiesen auf die Grundration, fern aller Zulagen, zählten in allen Zonen die Hausfrauen und die Alten. Kein außergewöhnliches Beispiel ist daher die 75jährige Magdalene R., Patientin eines Lindenthaler Arztes. Die 150 Zentimeter große Hausfrau war auf 42,5 Kilogramm abgemagert, der Mediziner diagnostizierte herausfordernd: „Staatlich conc. Hungerl(eiderin)… marant. Zustand.” Im Antrag auf zusätzliche Krankenkost führte er weiter aus, die Invalidenrente der Frau betrage DM 34,40, und stellte die provokante Frage, wie hoch demgegenüber wohl das Gehalt von Kölns Oberbürgermeister Pünder sei. Also, verlangte er, “adaequates Verhältnis necesse est.”

2.000 Kalorien täglich hatte der britische Feldmarschall Montgomery gleich nach Kriegsende den Deutschen seiner Zone versprochen, später sollte eine Karte zumindest für 1.550 Kalorien pro Tag gut sein. Zu keinem Zeitpunkt konnte in Köln dieses Kalorienziel erreicht werden. Ganz im Gegenteil, die Kölner NormalverbraucherInnen vegetierten im Herbst 1946 bei wenig mehr als 700 Kalorien dahin! Es war die 100. Zuteilungsperiode im Frühjahr 1947, die mit nahezu leeren Händen daherkam. In der letzten Woche des unrühmlichen Kartenjubiläums blieben die Versorgungsschecks nahezu ungedeckt: Es gab nichts zu essen außer 125 Gramm Zucker, 15,6 Gramm Käse, seit zwei Wochen wieder einmal 62,5 Gramm Fett, 250 Gramm Fisch und 1.500 Gramm Brot. Die Hungerdiät ergab zusammengerechnet gerade 737 Kalorien. Dabei ist es kein Zufall, daß das Plakat von 1953 gerade diejenigen Abschnitte der Karten vorführt, die für Fett und Fleisch stehen sollten. In ganz Deutschland war die Fett und Fleischlücke in aller Munde: gerade diese Marken mußten im Bewußtsein der VerbraucherInnen als die trügerischsten gelten, als Denkmale des Hungers. In Köln kam verschärfend hinzu, daß darüber hinaus auch die Brotbons vielfach wertlos waren. Während in Städten wie München, aber auch in Leipzig, die Brotversorgung durchweg gesichert war, mußten die RheinländerInnen zuweilen selbst um ihr Grundnahrungsmittel bangen.

Zu Anfang der fünfziger Jahre sind diese Bilder noch virulent, die Empfindungen nicht verschüttet, ihre Suggestionskraft ungebrochen. Mit einem Schlag vermag das Plakat die Szenerie der Katastrophengesellschaft ins Gedächtnis zu rufen. Die Lebensmittelkarte steht 1953 für das überwundene Versorgungsgefängnis der unmittelbaren Nachkriegszeit, ihre Abschnitte gewinnen die Gestalt von Zellen. Das Kartenraster wird hier zum Muster einer ganzen Zeit: Aus dem Hungerkerker konnte seinerzeit nur „ausbrechen”, wer mit enormen Geldmengen auf dem Schwarzmarkt wettbewerbsfähig war, und wer etwas zum Tausch anzubieten hatte. Die übergroße Mehrzahl der Bevölkerung war auf den uneinlösbaren Fürsorgeanspruch einer Bürokratie angewiesen, der es an Autorität und Redlichkeit nur allzuoft erheblich gemangelt hatte. Stück für Stück, Portion um Portion wollte die Karte, nach den gesellschaftspolitischen Vorgaben der jeweiligen Zonen, suum cuique zumessen, reklamierte den noblen Anspruch auf Sicherheit und Gerechtigkeit, und erwies sich im Alltag doch als das genaue Gegenteil. Abschnitte wie die abgebildeten 5 Gramm Fett oder 50-Gramm Fleisch Märkchen waren nicht dazu angetan, Vertrauen neu zu begründen. Nichts könnte dagegen die kollektive Erfahrung des uneingelösten Versprechens augenfälliger versinnbildlichen als solch hohle Kartenabrisse. Sicher hatte es im individuellen Rahmen auch Solidarität, Aufbruchstimmung und Hoffnung gegeben, die psychosoziale Grundstruktur der Rationen Gesellschaft jedoch war geprägt vom existentiellen Kampf um Versorgungsvorteile, vom Wettlauf um Hausbrand, vom Ringen um Wohnraum.
Und selbst die politische Topographie Nachkriegsdeutschlands ist vom Geist und vom Raster der Lebensmittelkarte gekennzeichnet: Nachdem „das Reich” obsolet war, hatte sich radikaler Regionalismus Bahn gebrochen. Die Deutschlandpartikel hatten sich eingeigelt, voneinander abgeschlossen, mit Vorliebe eiserne Vorhänge heruntergelassen, um, was man herübergerettet hatte oder produzierte, in den eigenen Grenzen halten zu können. Erbittert hatten Zuschuß- und Überschußländer Kartoffel , Fleisch und Fettkriege ausgefochten! Zone stand gegen Zone, Land gegen Land, Stadt gegen Stadt, ja sogar Arbeiter gegen Arbeiter. Einen Glauben an „die Demokratie”, an eine „neue Ordnung” von Staat und Gesellschaft oder gar an „die Einheit” ließ das Rationenbewußtsein der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht zu.

1953: Die Zukunft hat bereits begonnen!

Kein Wunder, daß die Erfahrung der unmittelbaren Kriegsfolgen im Zentrum des Plakates und eindringlich visualisiert vermittelt werden: Die wüste Lebensmittel Kartographie gibt das probate negative mentale Terrain ab, auf welchem sich das erwünschte Bild der Gegenwart zeichnen läßt, verknüpft mit dem politischen Appell an die Zukunft. Diese Botschaft bleibt nüchtern und wird rein verbal vorgetragen: „Darum weiterhin Aufstieg und Fortschritt durch Erhards Soziale Marktwirtschaft”. Die deiktische Oualität dieser Schlußsentenz liegt darin, daß sie nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich unmittelbar über das Plakat hinausweist: Unmißverständlich wird hier die Alltagswirklichkeit des Zeitgenossen in den Zeugenstand gerufen. Das Plakat versteht sich als Kommentar zu den Waren im Einkaufskorb der Hausfrau, die zufällig an diesem Anschlag vorbeikommt, als Kommentar zu den Auslagen der Schaufenster rings herum in der Straße. Es macht sich damit jene berühmte Grundfrage Ludwig Erhards zu eigen, die er seiner langjährigen Sekretärin am Morgen zu stellen pflegte: „Na, Frau Muhr, sind schon wieder mehr Textilien in den Schaufenstern?”

In der Tat hatte die Bundesregierung am Ende der ersten Legislaturperiode der abgemagerten und abgehärmten Nachkriegsvisage ein „rosiges Gesicht” (‚Der Spiegel’) entgegengesetzt: „Eine Stirn, wie die westdeutsche Produktionskurve (1948 Index 63, heute 152), steil nach oben gerichtet, schmale Schweinsäuglein über aufgeplusterten Wangen (Einzelhandelsumsatz 1948 15 Mrd., heute 36) und herabhängende Fettpolster für schlechtere Zeiten (Devisenreserve 6,5 Mrd. Mark), die das Kinn umrahmen. Darüber, qualmend wie die Schlote des Ruhrgebietes, die ewige schwarze Brasil.”

Freilich, in vielerlei Hinsicht war das Konsumniveau der späten dreißiger Jahre noch nicht erreicht. Aber das „Waage” Plakat gab geschickt die Stimmung seiner Zeit wieder: Eine gewisse Sicherheit und Prosperität waren, im Vergleich zu den Nachkriegsjahren, erreicht. Unser unbekannter Verbraucher der frühen Fünfziger läßt noch einmal einen letzten Blick zurück schweifen, über das fernab liegende „Nie wieder” der Kriege und die nicht allzu ferne Realität der Rationen. Indessen ist ihm die Zeit reif geworden, sich den ersten zaghaft stolzen Blick auf das Erreichte zu genehmigen, und er beginnt, für die Zukunft Ansprüche zu formulieren und Pläne zu schmieden.
Dieses Selbstverständnis hatte die CDU bereits zu Ostern 1953 in zahlreichen parteieigenen Zeitungen als Interpretationsmuster der Zeit angeboten. Sie präsentierte Kanzler Adenauer mit Strohhut als fleißigen Gärtner und behauptete, in Deutschland könne jeder wieder sein Gärtchen bestellen. Auf diesen fruchtbaren Boden fiel ihr frommer Segenswunsch: „Aufbau und Auferstehung für alle!” Das Wahljahr, 1953 zelebriert das Osterwunder der Bundesrepublik, und das Plakat der „Waage” Organisation gibt den einzuschlagenden Weg vor: Weggerückt werden in diesen Tagen die Steine der Vergangenheit, die Wegscheide vom elementaren Ringen um Existenz zur konsumtiven Erlösung ist jetzt überschritten: per aspera ad astra!

Nach ihren Wünschen an die neue Bundesregierung befragt, antworten im Spätjahr 1953 55 von hundert Bürgerinnen und Bürger mit der für die Gegenwart der Fünfziger Jahre charakteristischen Floskel: „Besser leben”. Die rasche Verwirklichung außenpolitischer Ziele beschäftigt gerade 17, die Wiedervereinigung gerade 19 von hundert. Mit dieser Einstellung geht unser Plakat konform. Das Verlangen und die Zuversicht, daß es beim Stand von ‘53 nicht bleiben werde, reflektieren zu gleicher Zeit kongenial auch die Produkte. Die Zeit des „Noch” bricht an: „Noch geräumiger noch schöner noch preiswerter”: der Goliath, Modell 1953, setzt auf den materiellen Fortschritt, den auch das Plakat beschwört - „Fortschritt” übrigens, eine zutiefst kantische Forderung im Sinne der Aufklärung. „Besser leben!” verspricht nicht von ungefähr das Waschmittel ‚Rei’, verbindet damit „mehr Freizeit für unsere Hausfrauen”. „Schöner leben” propagiert selbst der „Leukoplastbomber” Lloyd, der „Volkswagen des kleinen Mannes”: er stellt sich gleichfalls in seiner Zukunftsversion vor, der Luxusausführung mit Schiebedach! Von 1954 an explodieren die Wachstumsraten in der jungen Bundesrepublik, die Arbeitsgesellschaft ersetzt die Rationen Gesellschaft. Die prophezeite „Auferstehung”, Aufbau und Aufstieg, nehmen ihren Lauf.

In der subtil vorgetragenen Komplexität seiner kommunikativen Akte liegt das Geheimnis der Wirkungskraft des „Waage” Plakates aus dem Jahr 1953. Wer sich auf es einläßt, bekommt einen verbindlichen und verläßlichen Standpunkt offeriert. Die räumlichen und zeitlichen Interpretations- und Identifikationsangebote des Plakates erteilen dem Vergessen der Zeit des Nationalsozialismus die Absolution, verstärken das kollektive Verständnis der Zeitgenossen von der Reichsmarkzeit und gewinnen aus diesen Gegenüberstellungen endlich die emotionale Schubkraft für erwünschte politische Handlungsmuster. Mit diesem Kommunikationskonzept hat die Public Relations Organisation „Die Waage” weit vorgegriffen auf den von der Produktwerbung bestimmten Stil politischer Propaganda, wie er sich seit den sechziger Jahren durchsetzte. Es ist die Variation des Postulates „Persil spricht nur von Persil”: Ausgangsmaterial sind nicht mehr starke Abwehraffekte, evoziert von hoch aufgeladenen Feindbildern, sondern geschickt geflochtene Kommunikationsnetze um möglichst resonanzfähige, immer aber ‚positive’ Formeln und Bilder.

Aus: Geschichte in Köln, Nr. 30, Dezember 1991, S. 123-135 (dort auch Fußnoten und Quellennachweise)

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Montag, 2. Januar 2012 11:34
Themengebiet: Soziale Marktwirtschaft