Seminar “Geschichte und Öffentlichkeit” SS 2012

In diesem Seminar wollen wir uns mit der Schnittstelle von Geschichte und Öffentlichkeit befassen - weshalb, wie, wozu und mit welchem Ergebnis kommen historische Inhalte in die Öffentlichkeit?
Im Kern geht es hier um Transformationen, die man auch Geschichtskultur nennen kann. Wenn Geschichte in unserem Alltag stattfindet, - ist damit immer eine Art „Wahrnehmungsformat” verbunden und wenn ja, welches? Wie wird Geschichte aufbereitet, dass sie „rüberkommt”, etwa in Museen, Lehrpfaden, Brettspielen, als Werbemotiv, in einem „Oral history Projekt”, im Fernsehen (z.B. Hitlers Generäle), als Spielfilm oder als Zeitungsartikel, der nur aufgrund eines „runden” Jubiläums überhaupt geschrieben wird („100 Jahre” Titanic-Katastrophe usw.)? Welche Präsentationsformen, welche Vermittlungswege, welches „Design” mimmt Geschichte an, damit sie rezeptionsfähig wird? Was verstehen wir unter „Geschichtsklitterung”, was ist „angewandte Geschichte”? Wie populär darf sie sein oder werden? Wo liegen die Chancen, Defizite oder gar Gefahren? Was heißt letztendlich „Geschichte schreiben?”

Anregungen und Vorschläge für mögliche Arbeitsgruppen

Arbeitsgruppe „Rummel um runde Zahlen”
Keine Zeitung kommt ohne Geburtstage aus. Gerade 100 Jahre Titanic-Katastrophe, nächstes Jahr 200 Jahre Freiheitskriege, 2014 wird es der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren sein. Längst stehen Historiker, Journalisten, Drehbuchautoren usw. in den Startlöchern, um just in time zu liefern, wonach die Medien gieren..  Muss das so sein? Geht Geschichte auch ohne Jubelzahlen?

Arbeitsgruppe „Geschichte und Werbung”
Geschichte ist Rohmaterial für viele Markenkonzepte und Stories rund um Markenprodukte. Wie funktioniert die Entkernung und Luxussanierung von Geschichte zu kommerziellen Zwecken? Schauen wir den Machern auf die Finger!

Arbeitsgruppe „Geschichte im öffentlichen Raum”
Wie funktioniert Gedenken, Andenken, Totenehrungen, Jubiläen etc. Von Kriegerdenkmälern, Gedenkstättenpädagogik (Stolpersteine etc.) bis zur Inszenierung von historischen Festen und Feiern.

Arbeitsgruppe „Geschichte in Literatur, Film und Fernsehen”
Friedrich Schillers Wallenstein, „Der Arzt von Stalingrad” von Johannes Mario Simmel, Filme wie „Good bye Lenin”, „Das Wunder von Bern” oder „Der Untergang” - Geschichte ist spannend, bzw. kann entsprechend „bearbeitet”, gut unterhalten. Welcher Tribut ist zu leisten, damit sie spannend sein kann, welchen dramaturgischen Tricks und Kniffe muss sie sich gefallen lassen, damit sie “publikumswirksam” wird?

Arbeitsgruppe „Geschichte und Identität”
Wir kennen alle den berühmten Appell: „Opa, erzähl mal vom Krieg!” Wie gehen verschiedene Lebensalter mit Geschichte um, welche Rolle spielt die eigene Prägung, für die Herausbildung der eigenen Identiotät? Welche Vorstellung von Geschichte nisten in den Köpfen von: Migranten, „Ossis” und „Wessis” usw.

Arbeitsgruppe „Geschichtsverwertung und/oder -klitterung”
Hier sind diejenigen gefordert, die Spürnase mitbringen, warum, wie und wozu Geschichte instrumentalisiert, ideologisiert und verfälscht wird, um bestimmten außerhistorischen Zielen zu dienen. Wie entstehen und verfestigen sich bestimmte Geschichtsbilder, werden zu Ikonen. Was z.B. haben die “goldenen” zwanziger Jahre mit den realen zwanziger Jahren gemein? usw.

Arbeitsgruppe „Geschichte als Dienstleistung”
„Ich schreibe Ihre Biografie, ihre Firmengeschichte, die Geschichte ihrer Stadt”, Profi-Historiker gehen in Stellung gegen Laien in Geschichtswerkstätten. Schüler machen Geschichte, recherchieren, präsentieren eigene Ergebnisse in Form von Ausstellungen, Kurzfilmen, Hörspielen usw.

Arbeitsgruppe „Alternative Geschichte”
Hier lässt sich der Frage nachgehen, ob Geschichte so sein muss wie sie uns in den Lehrbücher entgegentritt. Geschichte als Denkmodell, als Experiment (”Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte…), als Science Fiction-Vorlage, als Brettspiel (z.B. Troja) oder Computeranimation und -spiel (z.B. als Mauer-Shooter-Spiel in “1378km”)

Arbeitsgruppe „Geschichte und Ethik”
Wie ist etwas gelaufen, und was lernen wir daraus? Kann man aus der Geschichte lernen oder werden immer wieder dieselben Fehler gemacht? Ist der Mensch unverbesserlich?

Ausgewählte Literaturempfehlungen

Theorietext: einleitung_werbung_mentalitaetsgeschichte (aus: Gries/ilgen/Schindelbeck: “Ins Gehirn der Masse kriechen!” Werbung und Mentalitätsgeschichte; Darmstadt 1995, S. 1-28)

Schlagworte: »

Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Dienstag, 10. April 2012 14:54
Themengebiet: Lehre