Montag, 14. Dezember 2009 9:58
© 2009 Dirk Schindelbeck
Womöglich wird sich manche(r), dem/der der berühmte Text von Karl Kraus „Die Welt der Plakate” (1909, in: ders.: Grimassen, Ausgewählte Werke, Bd. 1, Berlin 1971, S. 232-237) schon einmal begegnet ist, gefragt haben, was Karl Kraus damals eigentlich vor sich gesehen hat, als er diese Satire zu Papier brachte. Dass er sich auf reale Werbebotschaften seiner Zeit bezog, daran besteht kein Zweifel, um “Plakate” allerdings in unserem Verständnis des Wortes handelte es sich keineswegs. Es waren Zeitungsinserate, von denen im Folgenden einige an die entsprechende Stelle in den Text eingestellt werden. Somit entsteht einerseits ein plastisches Bild der Anzeigenkultur jener Zeit, andererseits dürfte die Bildstrecke heutigen Lesern den Zugang zum Text erleichtern.
Karl Kraus: Die Welt der Plakate (1909)
„Als man anfing, das geistige Leben in die Welt der Plakate zu verbannen, habe ich vor Planken und Annoncentafeln kaum eine Lehrstunde versäumt. Und lange ehe ich das Wesen des Plakats als die Empfehlung einer Ware erkannte, empfand ich es als eine Warnung vor dem Leben. Ich wusste bald um den Stand des Geistes Bescheid. Mit der Offenbarungskraft eines Erlebnisses wirkte es auf mich ein, als ich einmal in einem Schaufenster die Darstellung zweier Männer sah, deren einer sich mit seiner Krawatte plagte, während der andere triumphierend daneben stand, auf sein fertiges Werk zeigte und schadenfroh rief: „Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so? Kaufen Sie sich Schlesingers Kragenhalter, der hält Kragen und Krawatte fest!” Dass die Menschheit einen Anschauungsunterricht in diesem Fache nötig habe, bedachte ich nicht. Ich nahm vielmehr an, dass es eine realistische Darstellung sei, dass in der guten Gesellschaft täglich solche Dialoge geführt werden und dass es viele Menschen geben müsse, deren Zentrum jenes Problem ist und deren Leben bloß einen Vorwand bedeutet, um den endlichen Zusammenschluss von Kragen und Krawatte zu erreichen. Und plötzlich sah ich es auf der Straße von solchen Leuten wimmeln, überall sah ich diese Gesichter, den verdrossenen Kämpfer und den fröhlichen Sieger des Lebens, ich lernte den Choleriker vom Sanguiniker unterscheiden, wiewohl beide einen aufgewichsten Schnurrbart und Schnabelschuhe hatten. Den ersten, entscheidenden Eindruck von einer Menschheit also, die in ihrer überwiegenden Majorität aus Ladenschwengeln besteht, empfing ich von jenem Bilde, und mit einem Male war ich es, vor dem sie sich alle zu der Frage einten: Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so?… [weiter...]