Archiv der Kategorie: 'Lehre'

WS 2010: Wilhelm Busch

Montag, 27. September 2010 14:17

Do 16-18 Uhr, Pavillon 2, pav 009

Bis heute gilt Wilhelm Busch als Inbegriff des humoristischen Schriftstellers (so jedenfalls suggerierte es der millionenfach verbreitete „humoristische Hausschatz”) und dank seines Weltbeststellers „Max und Moritz” vor allem als Kinderbuchautor. Beides ist unzutreffend; zumindest wird, wer sich nur etwas genauer mit ihm und seinem Werk befasst, weder das eine noch das andere ohne Einschränkung bestätigt finden. Seine Stärke waren beißender Spott, bis zum Sarkasmus gehende Satire und vor allem und immer wieder fundamentale Gesellschaftskritik. Wahrscheinlich sind es diese Qualitäten, die ihn bis heute so modern erscheinen lassen. Das verwundert umso mehr, da das Personal seiner Geschichten noch nicht einmal von der Industriellen Revolution berührt erscheint: es gibt „den Bauern”, „den Müller”, „den Lehrer”, „den Arzt”, „den Pfarrer”, „den Wirt” und wenn es hoch kommt, „den Arzt” oder „den Apotheker”. Kaum ein anderer seiner Zeitgenossen kann sich jedenfalls rühmen, so zum Allgemeinbesitz geworden zu sein wie Wilhelm Busch.

Wir wollen uns in diesem Seminar mit der Gestalt Wilhelm Buschs befassen, seinen Werken und ihren Wirkungen bis in die Gegenwart hinein nachspüren (z. B. in der Werbung - etwa in den Bildergeschichten zur Bewerbung des Klebstoffs Syndetikon) und uns vielleicht selbst sogar an die Produktion einer „modernen” Bildergeschichte begeben. Aus bescheidenen und konventionellen Anfängen der Bilderbogentradition des 19. Jahrhunderts kommend, entwickelte Busch daraus die „große”, satirisch-moralische Bildergeschichte. Durchweg sind deren Protagonisten Antihelden im Sinne Georg Büchners, Versager, Kleinbürger, Spießbürger, Scheinheilige usw. Mit unbestechlichen Blick entlarvt der Schopenhauerianer Busch ihre negativen Eigenschaften wie Gier, Geiz, Heuchelei, Jähzorn, Missgunst, Neid usw. - und das mit einem geradezu todsicheren Instinkt.

Ein paar Fragen und Aspekte, die uns Zugänge zu Busch eröffnen könnten: Was leistet die Gattung Bildergeschichte damals und heute? Kann Wilhelm Busch als Urvater des Comcis angesehen werden? Gehört Wilhelm Busch zu den Klassikern? Was oder wie viel Busch kann man Kindern und Heranwachsenden mit gutem Gewissen zumuten (man schaue sich nur seine “Neger” oder “Juden” an)? Kann man heute noch von Wilhelm Busch lernen - und wenn ja, was und wie, z.B. im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis, das Verhältnis der Generationen zueinander, für den Umgang mit Tieren. “Max und Moritz” als Universalwaffe interkultureller Pädagogik (kein Kinderbuch wurde in mehr Sprachen übersetzt!). “Erziehung” (auch “schwarze Pädagogik”) bei W.B. usw.

zur Literaturliste geht’s hier.

Thema: Lehre | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Seminare an der PH Freiburg

Freitag, 8. Mai 2009 16:42

Seit dem Sommer-Semester 2002 unterrichte ich als Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Schwerpunkte meiner  in der Regel zwei Seminare pro Semester sind kultur- und kommunikationshistorische sowie gattungsspezifische Themen aus der deutschen Literatur und Geschichte.

Die inzwischen 37 Seminare im einzelnen:

Sommer-Semester 2002:

  • Werbung und Sprachkultur
  • Einführung in die lyrische Formenwelt

Winter-Semester 2002/03:

  • Werbung als Dichtung des Alltags
  • Satire, Persiflage, Parodie

Sommer-Semester 2003:

  • Propaganda, Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit
  • Vom Hörspiel zum Hörbuch: Chancen und Grenzen einer an ein technisches Medium gebundenen Literaturgattung

Winter-Semester 2003/04:

  • Marken, Moden und Kampagnen.
  • Aphorismen, Epigramme, Sprichwörter

Sommer-Semester 2004:

  • Massenbeeinflussung in Wort und Bild: zwischen politisch-gesellschaftlicher Notwendigkeit und Demagogie
  • Die Deutschen und ihre Idyll(e)

Winter-Semester 2004/05:

  • Werbeappelle als Schlüssel zum Zeitgeist
  • Barocklyrik: Gedichtete Welt zwischen Sinnenlust und Jammertal - mit Schreibwerkstatt

Sommer-Semester 2005:

  • Literatur als Ware, Autoren als Markenartikel
  • Propaganda und PR: Ideologie und Pädagogik von Massenbeeinflussungstheorien

Winter-Semester 2005/06:

  • Von der Reklame zum Event-Marketing

Sommer-Semester 2006:

  • Barocklyrik - zwischen Sinnenlust und Jammertal
  • Hans Domizlaff, ein Werbefachmann als Literat (mehr…)

Wintersemester 2006/07:

  • Die Fabel - Poetik und Didaktik einer literarischen Kleinkunstform
  • Bildergeschichten des 19. Jahrhunderts - Gebrauchsliteratur für alle Stände?

Sommer-Semester 2007:

  • Die Satirezeitschrift Eulenspiegel
  • Werbegeschichte als Gesellschaftsspiegel

Wintersemester 2007/08:

  • Aphorismen, Epigramme, Sprichwörter
  • Lyrik des 19. Jahrhunderts

Sommer-Semester 2008:

  • Konkrete Poesie

Winter-Semester 2008/09:

  • Die Welt des Sonetts - Sonette der Welt
  • Propaganda/ PR und Öffentlichkeitsarbeit

Sommer-Semester 2009:

  • Lyrik des 16. - 18. Jhdts - Von Luther bis Klopstock (mehr…)
  • Literatur als Ware

Winter-Semester 2009/10

  • Wirtschaftswerbung gestern und heute
  • Friedrich Hölderlin

Sommer-Semester 2010

  • Konkrete Poesie (mehr..)
  • Theorie und Geschichte des deutschen Dramas (mehr..)

Winter-Semester 2010/11

Sommer-Semester 2011

  • Reklame, Werbung, PR
  • Alltagsgeschichte der DDR

Winter-Semester 2011

Thema: Lehre | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Sommer-Semester 2010: Theorie und Geschichte des deutschen Dramas

Freitag, 6. Februar 2009 15:15

In diesem Seminar wollen wir uns mit dem Entwicklungsgang des Dramas im deutschen Sprachraum befassen. Es gilt, anhand ausgewählter Texte einerseits verschiedene theoretische Positionen, andererseits die Spannweite ihrer dramaturgischen und letztlich auch schauspielerischen Realisierung kennen zu lernen. Wenn möglich, soll dabei auch ein Zugang zur Praxis eröffnet werden - etwa durch einen Blick „hinter die Kulissen” z.B. des Freiburger Theaters, durch Besuch ausgewählter Stücke, Gespräche mit den für die Inszenierung Verantwortlichen (Regisseur, Dramaturg, Bühnenbildner, Schauspieler usw.).

Vor allem aber soll der Blick geweitet werden für die historisch gewachsenen Möglichkeiten, die im Drama als literarischer Gattung stecken und realisiert worden sind. Die Spanne reicht dabei von den Mysterien- und Fastnachtsspielen des Mittelalters und der frühen Neuzeit über das höfische, der Oper nahe (Barock-)Drama, das bürgerliche Lust- und Trauerspiel, das Historien- und Sozialdrama, das psychologische Drama (z.B. Ehekrieg) bis hin zu neuen, offen Formen, wie sie von Brecht, Piscator und anderen eingeführt worden sind. Schließlich wird ein Blick auf ausgewiesene Drama-Schreiber (im Gegensatz zu Lyrikern oder Epikern) und deren Weltsicht unerlässlich sein.

Natürlich impliziert die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Drama auch die intensive Beschäftigung mit seinen Bauelementen wie Szenenaufbau, Figurenwahl und -einsatz, Plot-Konzeption und -Lösung, Sprache (Prosa, Dialekt, Vers usw.), aber auch seinen historischen Hintergründen, pädagogischen Zielen sowie sein Verhältnis zum Publikum (z.B. Illusionstheater vs. Episches Theater, Theater des Absurden usw.). Unverzichtbar wird auch die Diskussion um die elementaren Möglichkeiten dramatischer Kunst (vgl. Thomas Bernhard: „Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie?”) sein.

Parallel zur Sichtung eines „Bestands” an signifikanten Beispielen aus der Geschichte des Dramas - womöglich gelingt uns ja sogar die Erarbeitung einer Art Systematik - erfolgt die Auseinandersetzung mit theoretischen Texten und Positionen von Aristoteles, Gottsched, Lessing, Gustav Freytag bis hin zu Brecht und anderen.

Thema: Lehre | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

SS 09: Lyrik des 16. - 18. Jahrhunderts

Freitag, 6. Februar 2009 11:55

Die Lyrik des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ist ein wenig bekanntes Terrain. Wir wollen uns in diesem Seminar in diese terra incognita einarbeiten - nicht zuletzt, um die Vorgeschichte jener uns unmittelbar berührenden Lyrik, wie sie uns seit der Sturm-und-Drang-Periode begegnet, verstehen zu lernen. Diese Zeitspanne von etwa 250 Jahren - zwischen 1520 und 1770 - bietet ein ungeheuer vielfältiges Spektrum lyrischer Weltaneignungen. So wurde von Luther die große Tradition des (protestantischen) Kirchenliedes begründet, von Paul Gerhard und anderen 100 Jahre später fortgeführt und zur Hochblüte gebracht. Daneben beeindruckt der reiche Schatz lateinischer Dichtung deutscher Humanisten z.B. eines Conrad Celtis oder die sich parallel entwickelnde überaus derbe Volkslieddichtung, deren Texte - oft anonym überliefert - häufig in das kollektive Bewusstsein eingegangen sind. Der oft lehrhaft einherkommende Meistersang (bekanntester Vertreter Hans Sachs) wiederum stellte zur selben Zeit nach dem Muster der Handwerkszünfte frühe Qualitätskriterien für die Verfertigung poetischer Texte auf. Lehrhafte Dichtung finden wir auch 18. Jahrhundert häufig (z.B. gereimte Fabeln bis hin zum großen Lehrgedicht wie Albrecht von Hallers „Die Alpen”). Daneben führt die anakreontische Lyrik eines Gleim, Hagedorn unmittelbar zu den Liedern des jungen Goethe hin - ebenso wie Klopstocks empfindsame Oden.

In der Zwischenzeit des 17. Jahrhunderts eröffnete sich das weite Feld der barocken Lyrik, die - außer in wenigen Gedichten eines Andreas Gryphius - leider ebenfalls kaum Eingang in unsere Schulbücher gefunden hat. Dabei steht neben dessen berühmtem Ausruf „Es ist alles eitel!”, den existenziellen Erfahrung des irdischen „Jammertals” im 30-jährigen Krieges geschuldet, gleichberechtigt das „Carpe diem!” eines Christian Hofmann von Hofmannswaldau als Ausdruck von Diesseitsbejahung und Lebensfreude.

So gilt es, in diesem Seminar das reiche Spektrum lyrischer Produktionen und Entwicklungen auszuloten, wie es sich von Georg Rudolf Weckherlin (1584 -1653) bis hin zu Johann Christian Günther (1695 -1723) entfaltet hat. Ein besonderer Schwerpunkt soll auf dem Entwicklungsprozess der Liebeslyrik liegen: hier sind die Versuche deutschsprachiger Autoren, eine Art „Weltniveau” zu erreichen, bemerkenswert - sei es mithilfe der Poetik eines Martin Opitz (1597-1639) oder über die Adaption der lyrischen Bild- und Formelsprache des europäischen Petrarkismus (dieser lyrische „Qualitätsstandard” wurde von Petrarka in Italien entwickelt, in England von Shakespeare, in Frankreich von der Pleiade aufgegriffen).

Auch die Lebenssituationen der Autoren in diesen 250 Jahren werden eine Rolle spielen, ebenso Stellung und Funktion der Literatur in der Gesellschaft. Dichtende Frauen wie Regina Catharina von Greiffenberg oder Sibylla Schwarz werden Thema sein, Sprachgesellschaften oder „Blumenorden” wie die Nürnberger Pegnitz-Schäfer, die Schlesischen Dichterschulen gegen Ende des 17. Jahrhunderts sowie der Klopstock-nahe Göttinger Hain um 1770.

Thema: Lehre | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

SS 2006 Hans Domizlaff - ein Werbefachmann als Literat

Sonntag, 25. Januar 2009 17:25

© 2006 Dirk Schindelbeck

Einführender Kommentar zum Seminar

Noch heute verehren ihn viele Werbefachleute wie einen Gott. Hans Domizlaff  (1892-1971), der Werbeberater von Reemtsma, Siemens und der deutschen Grammophongesellschaft, ist in die (Beeinflussungs-) Geschichte als der Erfinder der Markentechnik eingegangen. Sie besagt, dass keinesfalls durch hohen Werbedruck Lebendigkeit, Resonanz und Erfolg einer Warenmarke gesichert werden können, sondern allein durch die Einheitlichkeit ihrer Stilkomposition. Vermutlich gab es aber auch keinen dämonischeren Werbetheoretiker in Deutschland als ihn: seine weltanschaulichen Schriften zeigen ihn als einen modernen Machiavelli und Exponenten der „konservativen Revolution” (Armin Mohler): ein praktizierender Massepsychologe und Machtdenker, der bei Marke und Werbung begann und bald alle Lebensbereiche, wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle, durchdrang.

Einer breiteren Öffentlichkeit jedoch ist Hans Domizlaff unbekannt geblieben. Dabei hat der Mann, der 18 Bücher schrieb, keine Textsorte ausgelassen - ob Drama, Gedichtband, Reisetagebuch, Autobiographie, Philosophielehrbuch, religiöser Diskurs, Gesellschaftsanalyse, Propaganda- und Werbehandbuch usw. Stehen seine im einheitlichen Design gestalteten Bücher nebeneinander im Regal, so könnte man meinen, einen Klassiker vor sich zu haben. Ist er das wirklich, oder handelt es sich bei dem gewieften Werbefachmann dabei nur um einen Marketing-Trick?

Immerhin verwundert, dass die so facettenreiche literarische Seite seines Werks von der literarhistorischen Forschung wahrgenommen oder untersucht worden ist. Ansatzpunkte gerade für Germanisten gibt es genug. Als Bühnentechniker war Domizlaff einer der ersten, der am Leipziger Schauspielhaus Büchners Woyzeck aufführte, wo er - nach eigenen Angaben - mit dem Publikum „massenpsychologische Experimente” angestellt haben will. Ebenso scheint sein Revolutionsdrama „Idealisten” stark von Büchners Dantons Tod beeinflusst. Sein „Brevier für Könige” wiederum erinnert in vielem an Nietzsches „Zarathustra”. Anhand dieser und weiterer Texte soll in diesem Seminar Domizlaffs literarische Dimension ausgelotet werden.

Eine knappe Einführung in Domizlaffs Leben und Werk bietet mein Aufsatz: „Stilgedanken zur Macht: ‚Lerne wirken ohne zu handeln!’ Hans Domizlaff, eines Werbeberaters Geschichte”, in Gries/Ilgen/Schindelbeck: „Ins Gehirn der Masse kriechen! Werbung und Mentalitätsgeschichte”, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1995, S. 43-73.

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Sommer-Semester 2010: Konkrete Poesie

Dienstag, 6. Januar 2009 15:10

Die Konkrete Poesie ist ein literarisches Phänomen vorwiegend der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Sie verwendet die phonetischen, visuellen und akustischen Dimensionen von Sprache als literarisches Mittel, indem sie sich primär auf ihr  Material bezieht: Wörter, Buchstaben oder Satzzeichen werden aus dem Zusammenhang semantischer Strukturen herausgelöst und treten dem Betrachter „konkret”, d. h. für sich selbst stehend, gegenüber: Erste Wurzeln Konkreter Poesie finden sich bereits in den (mystischen) Sprachspielen der Barock-Lyrik, später in den Achsen-Gedichten von Arno Holz, den Nonsense-Poesien eines Christian Morgenstern, bei Surrealisten wie Stéphane Mallarmé oder Guillaume Apollinaire, bei Expressionisten wie August Stramm und natürlich im Dadaismus eines Hugo Ball, Hans Arp oder Kurt Schwitters.

Der Begriff der Konkreten Poesie wurde von einem ihrer Protagonisten, Eugen Gomringer, 1953 populär gemacht. Er hielt die hergebrachten Erscheinungsformen von Lyrik wie Strophe oder Vers für nicht mehr zeitgemäß. Fortan sollte es nur noch Konstellationen, Palindrome, Typogramme oder Permutationen geben, die mathematischen Prinzipen und einer Ästhetik der Fläche verpflichtet waren. Inhaltlich wendeten sich die Konkreten Autoren massiv gegen das, was sie „Stimmungslyrik” nannten. Max Bense und Reinhard Döhl forderten bereits 1964, die Poesie solle „kein Transportmittel für zumeist fragliche ethische Inhalte, kein Rechtfertigungsvehikel für weltanschaulichen Unfug” mehr sein. An die Stelle „metaphysischer Schwadroneure” vom Typ Goethe, Hölderlin oder Benn müsste der atheistische, „rationale und methodische Autor treten, dessen Augenmerk der Sprache, den Materialien gilt, derer er bei der Verfertigung seiner Reihen und Strukturen bedarf, die er methodisch handhabt.”

Der mit Abstand bekannteste Autor der Konkreten Poesie wurde der Wiener Ernst Jandl, vor allem wegen seiner herausragenden Fähigkeit, das Sprachmaterial immer wieder zu witzigen und phantasievollen konkreten Kombinationen zu führen. Jandl, der das konkrete Verfahren auch ins Hörspiels einführte („Fünf Mann Menschen”), blieb der führende Kopf der Wiener Schule, deren Nachfahren sie heute längst zur Video-Kunst weiterentwickelt haben. Andere bekannt gewordene Vertreter der Konkreten Poesie waren Helmut Heißenbüttel, Kurt Marti oder Diter Rot.

Die Konkrete Poesie kennt keine konsistente Theorie, sondern nur programmatische Positionen; auch eine Didaktik ist allenfalls in Ansätzen zu erkennen. Dabei erscheinen sowohl die Konzentration auf das Sprachmaterial als auch die ihr immanenten spielerischen Möglichkeiten besonders geeignet, die Konkrete Poesie schon in der Grundschule produktiv einzusetzen. In diesem Seminar wollen wir versuchen, ihre Formen und Möglichkeiten im Deutschunterricht auszuloten.

Thema: Lehre | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Daniel Czepko von Reigersfeld: Das Leben ist ein Schauspiel

Dienstag, 11. November 2008 8:16

Was ist dein Lebenslauf und Tun, o Mensch? Ein Spiel.
Den Inhalt sage mir? Kinds, Weibs und Tods Beschwerde
Was ist es vor ein Platz, darauf wir spieln? Die Erde.
Wer schlägt und singt dazu? Die Wollust ohne Ziel. [weiter...]

Thema: Balladen/Eklogen, Dokumentationen, Lehre | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Andreas Tscherning: Der Alte verredet sich

Dienstag, 11. November 2008 8:12

Liebste /derer hohe Ziehr
Mein Gemüte hat entzündet /
Vnd mich selbst genommen mir /
Dencke nicht daß alles schwindet
Mit den Jahren.
Bin Jch /alß ich muß gestehn /
Greiß an den Haaren /
Gleichwol kan ich buhlen gehn. [weiter...]

Thema: Lehre | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Sybilla Schwarz: Fretowsche Fröligkeit

Dienstag, 11. November 2008 8:07

Fretowische Fröligkeit Meinen Liebsten Freunden und Mittgenießern der Fretowischen Fröligkeit sey dises zu den Füssen geleget und freundtlichen anbefohlen

KEgenwertiges Getichte / daz zu Ehren der Fretowischen Fröligkeit angefangen / solte ja besser und viel besserer sein eß gehet mich aber damit / als es gemeinlich daher gehn pflegt / daß das / welches am meisten schöne seyn soll / das schlechteste wird. Doch weiß ich nicht / Liebste Freunde und Freundinnen / waßer uhrsachen mir unser Phebus so ungünstigk ist / daß meine Feder denselben / den sie für allen auff der Welt verpflichtet ist / jetzo verstimpelt wird / kan endtlich nichts daraus schliessen / als das die Neun Schwestern nicht Damit zu frieden sein / und es für eine grobe Künheit schetzen / wen eine mit so schlechtem verstand begabte Persohn wie die meine / eine so hohe Fröligkeit gnugsahm zu beschreiben sich unterwinden darff. Dem sey nun / wie ihm wölle / so ist doch einmahl gewiß / daß der / der etwas liebet / immer von dem geliebten rädet / tichtet / schreibet / und sich tächlich quelet / etwas zu erdencken / das zu deßen Ehre (das er liebet) gereichen möge; Und ob ich zwar wol / in betrachtung meiner Unwürdicheit / gezweiffelt / Ob ich / Euch zu Ehren / meine Feder netzen dürffe / so ist doch meine zuversicht zu euch so groß / daß ich der bestendigen Hoffnung gelebe / Ihr werdet diese hierinn begangene Fehler mit dem Mantel der Freundtschafft freundtlich zu decken / und den geneigten willen an stadt schuldiger danckbarkeit / von mir annehmen / weil es ja einig darümb geschrieben / daß unsere Fretowische Fröligkeit / des hochverdienten Lobes nicht beraubet werde / pitte undter deßen / Ihr wollet nicht etwas / das euch für augen kompt / wegen Schönheit / höher halten / als mein Fretow / sondern die Freundschafft / die Krone der Sterblichen / allen andern schetzen fürziehen. Ihr wollet auch dieser Freundtschafft keine Flügel / die euch etwa die Hoffart geben könte / ansetzen / sondern in Ewicheit euwere Trewe unverbrüchlich beybehalten; Zwar kan ich bereits nicht versichert sein / daß nicht etzliche undter Euch (Ja wol meine Liebsten) mir nicht das beste nachreden / wiewol ihnen solches die Tugendt nicht befiehlt / So ist dennoch der Fretowische Glaube so groß bey mir daß ich solches alles / wen es mir fürgebracht wird / in den Windt schlage / und gedencke / daß ich von euch allen gelobt zu werden / noch nicht verdienet habe / bitte aber schließlich / Ihr wollet dise schlechte Reime so lang verlieb nehmen / biß der Himmel mir krefte verleihen wirt / (welches ich dan stetigs wündschen wil) damit ich mein zu dienen begieriges Herze / und grosse zuneigung / euch vollenkommen erweisen magk / und Ihr spüren müget / daß ich dieselbe in der that und wahrheit bin / die sich nennet Euwere biß in Ihr finster grab ergebene Dienerin / als unwürdige Mitgenießerin Fretowischen Fröligkeit.
Den 8. Decemb. An. 1633. Sibylla Schwarz.

H. L. G. [= Hilf Lieber Gott]

ISt schon die gantze Welt im Bluhte durchgenetzet /
So bleibt doch etwas noch / damit man sich ergetzet;
Ob schon ein Mensche gantz verlacht das Thun der Welt /
So hat er doch noch was in ihr / das ihm gefellt / [weiter...]

Thema: Lehre | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Johann Rist: Magdeburg, am 10. Mai 1631 erobert und zerstört

Montag, 10. November 2008 7:35

Schweig nur, Homerus, schweig und laß dein Troja fahren,
Du kanst dein Klagen jetzt im Schreiben wol ersparen,
Daß Ilion im Feur, jedoch durch Trug und List
(Versteh das große Pferd), so gar zerstöret ist.
Hie ist ein’ andre Stadt, hie sind auch andre Feinde,
Ja Feinde, die man noch muß ehren wie die Freunde.
Hier wird Parthenope, die allerschönste Magd,
Die Helena beschämt, geschändet und geplagt,
Zuletzt gar umgebracht. Hie gilt nicht Paris Rauben;
Man greift einander hie viel härter auf die Hauben,
Als dazumal geschah; hie gilt kein Hektor nicht,
Kein Herz, kein tapfrer Mut, kein freudig Angesicht;
Wer hie wil trefflich sein, der muß tyrannisieren,
Der muß der Laster Schaar im Mund und Herzen führen,
Ja, toben grimmiglich mit Morden, Raub und Brand;
Wer solches nun wol kan, wird aller Welt bekant. [weiter...]

Thema: Lehre | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck