Archiv der Kategorie: 'Textservice'

Rasterfahndung

Samstag, 7. Januar 2012 18:08

© 2010 Dirk Schindelbeck

für Horst Herold
(dem Erfinder derselben in den siebziger Jahren)

Du hast ein Ziel, du kennst nicht Ort noch Namen,
weißt nur: Sind Terroristen, Mord ausheckend
in großen Wohnanlagen sich versteckend,
du träumst von einem Zugriffs-Netz mit Rahmen…

Du weißt: Die überweisen nichts, selbst Strom
bezahlen die in bar. Das tun nicht viele.
Sind das nicht Infos? Jag’ sie durch die Mühle,
gleich lüftet sich der Schleier vom Phantom.

Was dann noch übrig bleibt, ist Bodensatz,
genutzt von Dealern als ein Umschlagplatz -
vielleicht nur ein Privat-Puff in ‘ner Wohnung?

Die Rasterfahndung gibt dir die Belohnung.
Schau an: der Terrorist steht seinerseits
fixiert als Ziel in deinem Fadenkreuz.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Vergangenheiten, abgehakt: Das „Waage”-Plakat von 1953 - ein visuelles Zeit-Gedicht

Montag, 2. Januar 2012 11:34

© 1991 Rainer Gries / Dirk Schindelbeck

weitere Texte zum Thema

Das Plakat, das in der Woche vor der Bundestagswahl, also zwischen dem 28. August und dem 1. September 1953, an über 27.700 Anschlagstellen in der Bundesrepublik zu sehen war, hob sich wegen seiner Schlichtheit und Zurückhaltung angenehm vom Geschrei anderer Wahlplakate ab. Schließlich war Kalter Krieg, der Arbeiteraufstand vom 17. Juni des Jahres noch in frischer Erinnerung: dementsprechend regierte wüste Rhetorik die Anschlagwände: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau!” und „Wo Ollenhauer pflügt, sät Moskau!” lauteten die Parolen. Noch heute ist die historischen Wahrnehmung der fünfziger Jahre durch diese überlauten Botschaften geradezu stigmatisiert: sie scheinen ihr so sehr die signifikanten Tendenzen des Zeitalters zu sein, daß ein stilles Plakat wie dieses, das Bezugsscheine ins Zentrum rückt, kaum wahrgenommen wird. Gegenüber der platten Einschüchterungstaktik mit der Beschwörung irrationaler Bolschewisten-Angst arbeitete dieses Plakat ja auch mit außergewöhnlichen, weil in der Sache positiven, Argumenten. Es konnte dies tun, weil es sich strikt auf die wirtschafts und sozialpolitische Binnensituation der Bundesrepublik beschränkte. Obwohl das Plakat namentlich für Erhard und dessen Idee der ‚Sozialen Marktwirtschaft’ warb und somit auch zur Wahl der Christdemokraten aufforderte, also ein politisches Plakat war, zeichnete jedoch keineswegs eine Regierungspartei dafür verantwortlich. Dies war ein Novum für die junge Bundesrepublik.

WAAGE-Plakat zur Bundestagswahl 1953

WAAGE-Plakat zur Bundestagswahl 1953

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Thema: Soziale Marktwirtschaft | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Lob des Tropfenfängers (1953)

Sonntag, 6. November 2011 15:25

© 2008 Dirk Schindelbeckschindelbeck_tropfenfaenger_1953

O stiller Helfer, konntest so verschwiegen
sanft saugend unter Kaffeekannentüllen,
den Wunsch nach Rundum-Sauberkeit erfüllen,
Millionen deutscher Hausfraun zum Vernügen.

Dank deiner rann kein Tropfen mehr wie früher
herab, das Spitzendeckchen braun berändernd.
Du, alle Anstandskurse tief verändernd,
warst unser segensreichster Volkserzieher.

Am Henkel war durch Gummizug das gute
praktische Saugeröllchen eingehakt,
der Tropfenwächter jeder Kannenschnute.

Mit Dir, du kleinem schnödem Alltagsding,
hat Poesie sich in den Bundes-Alltag vorgewagt
pastell, zartrosa als ein Plastik-Schmetterling.

Die Abbildung zeigt Tropfenfänger der Firma emsa von 1953

Variante: der Tropfenfänger als Prosa-Miniatur

Mehr Sonette auf Markenartikel finden Sie hier.

Eine Kulturgeschichte des Konsums in der Bundesrepublik finden Sie hier.

Einen umfangreichen Essay zum Sonett gibts hier.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Beim Anblick ungeputzter Schuhe

Sonntag, 24. Juli 2011 11:40

© 1997/2011 Dirk Schindelbeck

siehe hierzu das berühme gewordene Bild Vincent van Goghs aus dem Jahr 1886:

http://www.welt.de/kultur/article4909929/Wie-sich-Forscher-ueber-van-Goghs-Schuhe-streiten.html

Meine lieben Gesellen. Ihr seht so gequält und so streng aus,
wie als mahntet ihr mich: „Siehst Du uns, Freund, ja Du siehst!
Tollkühne Menschen wie Du, die kämpfen zwar tapfer im Unrat,
aber lassen die Spur an den Getreuen zurück.
Also stehn wir gezeichnet, Absätze und Sohlen voll Klumpen,
und von klebrigem Lehm, übergebackenem Kies
sind wir gelb und grau und fühlen uns grausam gebogen,
ach, wir liegen so krumm in dem getrockneten Schlamm -
und so durstig! Die klaren, feuchten, kühlenden Lüfte
rühren die Haut nicht mehr: Haut aber sind wir doch ganz!
Drum, lieber Freund und Halter, befrei uns aus dem Gefängnis
unserer Atemnot, habe ein Mitleid mit uns,
gib uns zu essen auch, ein wenig an Creme oder Fett nur,
und gleich tragen wir Dich, warm und geschmeidig, wie einst.”

Thema: Epigramme | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Syndetikon klebt, leimt, kittet alles…

Donnerstag, 16. Juni 2011 16:28

Das UHU unserer Urgroßväter

© 2007/11 Dirk Schindelbeck

...kittet alles, selbst Planeten...

...kittet alles, selbst Planeten...

In ihrer 1894 erschienenen Humoreske „Syndetikon” erzählt Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem (1854-1941), eine der erfolgreichsten Modeschriftstellerinnen der Kaiserzeit, die Geschichte eines „geleimten Liebhabers”.

komtesse_k

Mit weiblicher List und der sagenhaften Klebekraft von Syndetikon gelingt es Komtesse Käthe, einen ungeliebten Verehrer an einen Ledersessel so lange zu fixieren, bis sich die Verwicklungen ihrer wahren Liebschaft geklärt haben. Zum ersten Mal in der deutschen Literaturgeschichte war ein Markenprodukt zum Titel eines literarischen Werkes gewählt worden. Damit nicht genug: Mehrfach wurde der Slogan „Syndetikon klebt, leimt, kittet alles” darin von verschiedenen Personen wiederholt, allerdings auch auf den penetranten Geruch hingewiesen, den der Alleskleber entfaltete. [weiter...]

Thema: Reklame & Werbung | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

„Lieber Herr Flieger! Schreiben Sie doch einmal Ursel… So heiße ich..“

Freitag, 20. Mai 2011 12:09

Aufstieg und Fall der Himmelsschreiber von Henkel

© 2008 Dirk Schindelbeck

„Der Potsdamer Platz bot für einige Minuten ein Bild absoluter Ruhe, und straßauf und straßab hielten Autos und Straßenbahnen, gestikulierten aufgeregte Menschen. (…)  Dolle Gerüchte entstanden: Weltuntergang, Kriegsgefahr, Pestankündigung…“ Der Werbeleiter der Firma Henkel, Paul Mundhenke, war begeistert. Wie von Geisterhand geschrieben standen die Worte „Hallo Berlin!“, von zwei Flugzeugen produziert, deutlich lesbar im stahlblauen Himmel über der Hauptstadt: „Kurz nach ½ 7 Uhr endlich erreichte die Spannung die höchste Steigerung, als wiederum hoch droben ein silberner Vogel seine Kreise zog und des Rätsels Lösung brachte. Mit dem Erscheinen des Wortes Persil war der Bann gebrochen, und der Strom fröhlicher Spaziergänger zog weiter – sprach von Persil und zerbrach sich den Kopf über das Wesen dieses Wunders…“

Werbefaltblatt zur Himmelsschreiber-Aktion von 1927

Werbefaltblatt zur Himmelsschreiber-Aktion von 1927

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Thema: Reklame & Werbung | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

k. offers g. cooperation

Donnerstag, 12. Mai 2011 14:43

- but g. insists on his brand name

© 2011 Dirk Schindelbeck


kleist: listek

goethe: ego the

kleist: kistel

goethe: go thee

kleist: letkis

goethe: o geeth

kleist: ketils

goethe: hot ege

kleist: kloset

goethe: to heeg

kleist: geilst

goethe: geh oet

kleist: oleise

goethe: hot gee

kleist: koheil

goethe: eh geto

kleist: hegelo

goethe: go tehe

kleist: tostie

goethe: get hoe

kleist: eitest

goethe: geh toe

kleist: osegel

goethe: ge to he

kleist: eitel-g

Thema: Konkrete Poesie | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Präsent 20

Mittwoch, 27. April 2011 7:47

(Produktoffenbarung zum 20-jährigen Bestehen der DDR 1969)

© 2011 Dirk Schindelbeck

Zum zwanzigsten Geburtstag unsrer Republik
sind wir im Überplan dank vielen Sonderschichten;
wenn sämtliche Brigaden sich dazu verpflichten
gibt’s Stoff für alle aus dem neuen Rundgestrick.

Bei uns, wo ja das Volk herrscht und kein Friedrich Flick,
muss kein Genosse mehr auf Rundgestrick verzichten,
sodass wir freudig und in zeitgemäßem Chic
dem Walter Ulbricht unsern Freundschaftsgruß entrichten.

Was dort im Westen, bei der Herrschaft der Konzerne,
das Volk nicht einmal ahnt und deshalb auch nicht kennt:
das trägt bei uns selbst der Minister-Präsident -

noch selbst im Urlaub und auf seiner Datsche gerne…
Wenn wir die Produktion jetzt schnell nach oben fahren,
wird sie versorgungswirksam werden (in fünf Jahren).

Präsent-20-Modelle aus dem Versandhaus-Katalog (aus: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln 1996, S. 147)

Präsent-20-Modelle aus dem Versandhaus-Katalog (aus: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln 1996, S. 147)

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Die Geburt des Markenartikels aus dem Geist der Apotheke

Dienstag, 26. April 2011 8:37

© 2005/11 Dirk Schindelbeck

Schon die Kleinsten wissen heute ganz genau, was eine Marke ist: ein Image, ein Zeichen, eine Vorstellung. Markenartikel sind Qualitätswaren, die an vielen Orten in gleichbleibender Qualität zu stets demselben Preis zu kaufen sind. Mit großer Selbstverständlichkeit bezieht sich unsere Wahrnehmung alt dessen, was „Marke” sei, ausschließlich auf industriell hergestellte Dinge. Gleichwohl sind die Bestrebungen, sich über seine Produktionen einen „guten Namen” zu erarbeiten, sehr viel älter. Künstler und Schriftsteller arbeiteten von jeher als Propagandisten in eigener Sache. Johann Wolfgang von Goethe etwa inszenierte sein Image überaus geschickt, sodass die Erzherzogin von Sachsen-Weimar bereits 1818 „die einheimischen Erzeugnisse der Einbildungskraft und des Nachdenkens” pries: Ihr erschienen die Werke der ortsansässigen Dichter gewissermaßen als Markenartikel.

Odol Anzeige aus "Die Jugend" (1906)

Odol Anzeige aus "Die Jugend" (1906)

Als sich in der Hochphase der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert die technisch serielle Produktionsweise mit Macht durchsetzte, verlangten auch die Ingenieure danach, einem Millionen-Publikum ihre Erfindungen möglichst effektvoll zu präsentieren. Geeignete Bühnen, auf denen sich die industriell hergestellten Wunderwerke gut inszenieren ließen, wollten gefunden sein. Diese Funktion übernahmen die seit 1851 durchgeführten Weltausstellungen. Sie sorgten dafür, dass sich in der allgemeinen Wahrnehmung bestimmte Vorstellungen von Produkt Qualitäten verfestigten, wie sie noch heute in so klangvollen Namen wie Thonet, Bell und anderen lebendig sind. [weiter...]

Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Der Mello (1904)

Montag, 11. April 2011 16:17

© 2011 Dirk Schindelbeck

(mehr zur Alten Reklame finden Sie hier)

Wir leben nur von dem, was wir verdauen!
Schon häufiges Verdrücken unsrer Dämpfe
ist Grund für mancherlei Schließmuskelkrämpfe.
Die Folge? Alte Darminhalte stauen

sich bald zurück, bis böse Gifte wüten,
die gehen schließlich über in das Blut:
dann droht Vergiftung durch Bakterien-Brut -
Die Gasansammlung weise zu verhüten

hilft jetzt dies kleine Röhrchen, nennt sich Mello:
im After wird’s getragen und entfernt
die Gase ganz geruchlos (pico bello).

Ist es nicht Zeit, dass ihr es kennen lernt?
„Der Menschheit Wohl heischt Offenheit:
Durch Prüderie heilt man kein Leid.”

Annoce für den Darmentlüfter "Mello" von 1904

Annonce für den Darmentlüfter "Mello" von 1904

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck