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Dirk Schindelbeck » Dramatisches

Archiv der Kategorie: 'Dramatisches'

Hörspiele

Samstag, 25. Dezember 2010 10:31

© 2010 Dirk Schindelbeck

In dieser Rubrik werden fortan Hörspielmanuskripte eingestellt. Dabei schwebt mir ein breites Themenspektrum vor, von alltagsgeschichtlichen bis hin zu philosophischen Themen, von Feature-Formaten bis hin zu experimentellen Hörspielformen.

Das erste eingestellte Stück trägt den Titel “Scanning Empedokles”. Getreu der Grundstruktur meiner Website “docere et delectare” basiert es auf einer Kombination aus Realitäten und Fiktionen (Sachtext plus belletristischem Text) - in diesem Fall auf “O-Tönen” des vorsorkatischen Philosophen (ca. 485 - 425 v. Chr.), welche nur in Fragmenten überliefert sind und einer fiktiven “Versuchsanordnung” in einem wissenschaftlichen Forschungs-Institut.  Die O-Töne resp. Originalzitate sind drei verschiedenen Ausgaben (von Hermann Diels/Wilhelm Capelle über Jaap Mansfeld bis hin zur hexamatrischen Übertragung von Walther Kranz) entnommen. Die dramaturgische Idee des Spiels nutzt die Elementenlehre des Empedokles, um mit ihm naturwissenschaftliche, gleichwohl ethisch fragwürdige Experimente anzustellen, wobei der auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauende Machbarkeitsglaube derjenigen, die mit ihm eben diese Versuche anstellen, am Ende relativiert wird. Empedokles war eben nicht nur der Begründer der modernen Naturwissenschaft, sondern entwickelte auch eine Ethik, welche sich der Konsequenzen aus dem erwachenden Machbarkeitsglauben sehr wohl bewusst war.

Damit der in der vorsokratischen Philosophie weniger bewanderte Leser und Hörer die historischen bzw. philosophiegeschichtlichen Hintergründe besser nachvollziehen kann, wird immer wieder zwischen dem Institut, in welchem Empedokles “bearbeitet” wird, um ihm mehr “Erkenntnis” zu entlocken, und der Vorlesung eines Philosophieprofessors über ihn hin und her geschaltet. Aber lesen Sie selbst…

Thema: Hörspiele | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Scanning Empedokles (Hörspiel)

Mittwoch, 15. Dezember 2010 8:48

© 2010 Dirk Schindelbeck

<Geräuschebenen: Saal- und Raumgeräusche bei der Rede des Professors, Geräusche technischer Instrumente wie Summen und Piepen, Laborgeräusche u.ä.>

Personen:

Professor
Beisel, Cheftechniker
Hans, Techniker
Stefan, Assistent
Empedokles, Philosoph (ca. 485-425 v. Chr.)i
Staatssekretär
Sekretärin des Staatssekretärs

Vortrag über alte Philosophie (Hörsaal)

Professor:

… und wie haben wir uns diese Männer vorzustellen, die die ersten waren, welche die Grundlagen des abendländischen Geistes schufen? Stolz, aus alten Adels-, ja Königsgeschlechtern, nur die vornehmsten stets, müssen sie für unsere Begriffe von einer unvorstellbar archaischen Würde gewesen sein. In welcher Welt, in welcher Umwelt  lebten sie? Der Kosmos, die Natur im kleinsten und größten, lag noch in den Armen des Mythos, von seinen Göttergestalten durchseelt und durchlebt: Gesicht und Ausdruck überweltlicher Wesen. So die Naturerscheinungen, Meer, Himmel, Erde, die Vulkane Erscheinungen fremder Macht, fremder Herkunft. Wie spannungsreich, wie schicksalsträchtig muss solch ein Leben gewesen sein! Wie groß der Bereich des Unerforschlichen, Dunklen, wie klein die Macht und Reichweite menschlicher Gedanken und Kräfte! Wieviel an Fragen! Wie wenig an Antworten - in unserem Sinn…

Aber wenn diese Buchstaben aufstehen könnten, diese alten, oft verschlossenen, orakelartigen Buchstaben und Worte - und sich uns öffneten…
(Rauschen, Blende, anderer Raum: Labor, wo Versuche und Operationen durchgeführt werden)
(Telefonklingeln)

Assistent:
Institut für Denkgrundlagen und Epistemologie, Abteilung Gehirnscanning, guten Tag… Nein, der Chef ist noch nicht da, müsste jeden Augenblick eintreffen. Später, ja, in zwanzig Minuten, ja…

Techniker (liest aus Zeitung, Wissenschaftsseite, vor):
Hör das mal hier, Stefan: „Führende Vertreter der deutschen Wirtschaft trafen gestern mit dem Wissenschaftsminister zusammen. Dabei kritisierte die Wirtschaftsseite in ungewöhnlicher Schärfe die seit Jahren unausgesetzte Höhe der staatlichen Förderung an jene Institute, die lediglich Grundlagenforschung betrieben, ohne dass sich für die Realwirtschaft ein erkennbarer Nutzen zeige. Es müsse die Frage zu stellen erlaubt sein, Ideen, die über das Laborstadium nicht hinaus kämen, auf ihre Förderungswürdigkeit zu hinterfragen. Im harten Wettbewerb, dem sich die deutschen Unternehmen ausgesetzt sähen, brächten nur verwertbare Forschungsergebnisse Nutzen. Dem Vorstoß widersprach der Minister energisch. Gerade in der Grundlagenforschung sei Langfristigkeit oberstes Prinzip. Und das werde auch in Zukunft so bleiben.” Das geht doch auf uns. Ah, er kommt.. ich geh mal in den Clean-Room (Türschlagen).

Cheftechniker (gehetzt, schnaufend):
Morgen allerseits. Was ist denn das wieder für ein Chaos hier? Muss denn das ganze Zeug da rumstehen? Räumt das mal weg. Wen haben wir denn da heute auf dem Tisch liegen?

[weiter...]

Thema: Hörspiele | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Der Machtberater. Eine deutsche Karriere

Dienstag, 12. Januar 2010 15:05

Dramatische Ballade

© 2009 Dirk Schindelbeck

Vorbemerkung

Dieses Stück erzählt vom wahnwitzigen Lebenskampf eines Einzelnen gegen „die Masse”. Von seinen abgrundtiefen Verletzungen in Schule und Militär durch den rigiden Drill im deutschen Kaiserreich. Von den neuen Möglichkeiten in den zwanziger Jahren, durch Werbung auf „die Masse” langfristig einzuwirken. Von seinem sich entwickelnden Größenwahn, als eine Art Machiavelli des 20. Jahrhunderts auch politisch-propagandistisch wirken zu wollen und zu können. Vom totalen Scheitern seiner in den fünfziger Jahren als überholt geltenden Beeinflussungsmethoden. Schließlich von dem, was unter Markentechnik und Markenführung noch heute mit seinem Namen verbunden wird.

Hans Domizlaff (1892 - 1971), der in Werbefachkreisen als „Urfaust der deutschen Werbung” nach wie vor Kultstatus genießt, ist der größeren Öffentlichkeit bis heute unbekannt geblieben. Als Werbeberater gab er sich nie damit zufrieden, nur nachgeordneter Dienstleister seiner Auftraggeber zu sein, sondern pochte stets auf die fundamentale Bedeutung wirkungsvoller Massenkommunikation - nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Institutionen, Kirchen oder Staaten. [weiter...]

Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Liebe, Sex und große Sprüche

Donnerstag, 4. Juni 2009 15:50

Schülerstück in 20 Bildern

Personen:

Albin, Fluppy, Alfred, Gerd, Berta, Anette, Petra
(Allesamt Gymnasiasten zwischen 14 und 16 Jahren alt.)

Albins Vater, Bibliotheksangestellter

Stiefmutter Albins, Hausfrau

Astrid, Gerds Schwester

Sportlehrer

Schießbudenbesitzer

Punker

Punkerin

Pfarrer

(Die 15 Personen können bequem von 10 Akteuren, 6 männlichen, 4 weiblichen, dargestellt werden. In diesem Fall werden von jeweils dem-/derselben Schauspieler/Schauspielerin gespielt:
Gerd/Pfarrer; Annette/Gerds Schwester; Albins Vater/Schießbudenbesitzer; Stiefmutter Albins/Punkerin; Sportlehrer/Punker)

Handlungsort ist eine mittelgroße Stadt in Deutschland.

Das Stück spielt Mitte der 70er-Jahre; der in ihm vorgestellte Zeitraum erstreckt sich auf etwa vier Wochen.

Um die innere Problematik der dramatischen Aussage zu spiegeln, sollten insbesondere die vorgestellten öffentlichen Räume mit Werbeplakaten ausgestattet werden. [weiter...]

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Empedokles oder die Hybris des Wissens

Dienstag, 26. Mai 2009 14:43

Trauerspiel in drei Akten

© 1978 Dirk Schindelbeck

Personen:
Empedokles von Agrigent, Philosoph, Naturwissenschaftler und Arzt
Eutychia, Pflegetochter des Leonidas, Priesterin
Glaukos, Sohn des Leonidas, Verlobter der Eutychia, Schüler von Empedokles
Leonidas, Glaukos Vater, Dorfältester
Bote


I. Akt

1. Szene (Eutychia; Glaukos)
Glaukos: Sei, Eutychia, Mädchen, mir gegrüßt!
Eutychia: Sei du auch, lieber Glaukos, mir gegrüßt!
Glaukos: Mit Freuden seh ich dich an jeden Tage
in meiner Brust nicht nur, im neuen Hause wohnen,
zu langsam, ach, will nur die Zeit verrinnen,
bis uns erst endlich das Gesetz verbindet.
Eutychia: Brautleute sind wir, Glaukos! Doch ich fürchte,
so lang die Not noch in dem Lande ist,
wird Vater unsern Bund noch nicht bekräftgen. [weiter...]

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Epilog

Donnerstag, 12. Februar 2009 16:19

(Halbdunkel; ein großer Zigarettenautomat steht auf der Bühne; aus dem Off eine Kultursendung aus dem Radio unter dem Thema „Die konservative Revolution in Deutschland”: Ein Professor spricht)

Radiomoderator: Was also ist die „konservative Revolution”, Herr Professor?
Professor: Die konservative Revolution, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist bis heute, trotz des grundlegenden Buches von Armin Mohler, noch immer eine terra incognita geblieben. Bis heute sind ihre Nachwirkungen nicht nur spürbar, sondern sie bestimmen unser Leben und unsern Alltag…

(der Kommentar verebbt, Domizlaff schleicht sich wie ein Dieb auf die Bühne und drückt ganz zart auf eine bestimmte Taste am Zigarettenautomat und verschwindet blitzartig. Zunächst passiert nichts, dann setzt sich der Apparat wie magisch in Bewegung, spukt Schachteln erst langsam und einzeln, dann immer mehr und zuletzt in einem nicht enden wollenden Strom auf die Bühne. Plötzlicher Stop).

Domizlaff 3 (schleicht noch einmal mit spitzen Zehen zurück auf die Bühne, nimmt eine Schachtel hoch, schaut sie fast verliebt an und flüstert ins Publikum):

eine marke hat ein gesicht wie ein mensch
nun kennen sie den zauberer der warenseele
der das öffentliche vertrauen gewann
das war ich

(Vorhang)

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Szene 20

Donnerstag, 12. Februar 2009 16:16

Sänger:

als hans domizlaff
im fünfundsiebzigsten jahr
und die bundesrepublik
schon in ihrem zwanzigsten war
da erlebte er noch einmal
zur zeit der studentenunruhen
wie die masse sich wieder erhob
e r hatte das immer gewusst
doch seit etlichen jahren
hörte ihm keiner mehr zu
vergessen längst
sein „regelbuch der elite”
die lebens- und weisheitsbilanz
des massendompteurs
genüsslich sah er jetzt aus der distanz
ho ho ho chi minh
hierin sensibel war
domizlaff hans

Domizlaff 3: (in Künstlerkluft seinem Haus im Studio des Instituts für Markentechnik, Hamburg, Elbchaussée 191, Sommer 1968)
(Domizlaff verfertigt gerade ein Selbstporträt, sieht dabei abwechselnd auf die Staffelei und in einen Spiegel):

mal bin ich ich und mal nicht ich
und mal mein bild (lacht)
wer so oft außerhalb
seiner selbst spazieren geht
und nur gelegentlich
nach hause kommt der findet
sich selbst zuweilen befremdlich
kehrt er
wieder heim
(lacht, nimmt dann ein Buch: es ist die Festschrift zu seinem 75. Geburtstag):
immerhin: urfaust der werbung
das hat doch was
(während seines Monologs hört man draußen anschwellend Hohoho chi mihn Rufe, gegen die er immer lauter anschreit)
Domizlaff 3 (erfreut):
die masse!
lange stillgestellt
durch wohlstandsphrasen
die geistige not der zeit
die jugend braucht einen infektionsherd
wie diesen dutschke
in tausend formen magst du dich verstecken
gleich erkenn ich dich
ich biete meinen ernst auf
die dinge leicht zu machen
(die Ho chi Minh Rufe verstummen, Domizlaff lauscht)
vorbei schon wieder vorbei
verebbt und abgelebt
ich habe sie besiegt
dutschke junge du begreifst es nie
diese kurzatmigen moden
wo es um ewigkeiten geht
was ist der zeitgeist als ein müder furz
was aber war und ist und immer sein wird
das ist das schöpferische das nicht stirbt
das ist gewiss so wie das jenseits nah ist
und immer webt und dem vernehmlich pocht
dem der nur zu hören weiß
(Rufe: „Enteignet Springer!” er lacht unwirklich, dann verkrampft schreiend):
ich wirke nicht genug!
(Plötzlich tritt Dutschke real aus einer Papierwand, deklamiert unvermittelt wie aus seiner Rede heraus)
Dutschke: es ist notwendig zuallererst
unsere historische lage zu analysieren
die momentane situation
zeigt das bild einer spätkapitalistischen gesellschaft
gekennzeichnet von
kapitalakkumulation und massenkonsum
in den zwei vergangenen jahrzehnten
hat sich in der brd das kapital formiert
restaurative und revanchistische kräfte
gestützt vom us-imperialismus
haben die oberhand gewonnen
allerorten konnten sich die alten
herrschaftsstrukturen restaurieren
sind die alten kriegstreiber und revanchisten
wieder in die machtpositionen zurückgekehrt
selbst unsere lokalpolitiker
korrumpiert vom kapital
sind nichts mehr als erfüllungsgehilfen
des weltweiten imperialismus
die wahren entscheidungen
fallen in der chefétagen der rüstungskonzerne
Domizlaff 3 (gluckst)
Dutschke: doch der fundamentale klassengegensatz
von kapital und arbeit
tritt heute kaum mehr in erscheinung
er wird verdeckt und vernebelt
weil die instrumente der herrschenden
deutlich feiner geworden sind
die wohlstandsapostel haben es verstanden
mit propaganda und werbung
die arbeitenden massen einzulullen
unterstützt von den zeitungszaren
die mit millionenauflagen ihrer massenblätter
die öffentliche meinung kneten
und die arbeitende bevölkerung
mit glücksversprechungen betäuben
künstliche bedürfnisse erzeugen
im eigenen profitinteresse
so unterdrückt das kapital
systematisch das denken
Domizlaff 3 (applaudiert): sehr gut sehr gut beobachtet
Dutschke: die ganze westliche welt
ist moralisch verrottet…
zu spüren bekommen dies
die unterdrückten und ausgebeuteten völker
der sogenannten dritten welt
überall auf dem globus
wachsen die spannungen
zwischen arm und reich
es ist der historische zeitpunkt gekommen
eine wende einzuleiten
die unterdrückten völker dieser erde
machen es uns vor
sie lehnen sich gegen ihre unterdrücker auf
schauen wir nach vietnam
wo sich ein einfaches bauernvolk
jahrelang erfolgreich und tapfer
gegen eine hochgerüstete
verbrecherische söldnerarmee wehrt
dort in vietnam wird
dem kapitalismus dem imperialismus
die maske heruntergerissen
insofern ist vietnam ein anfang
für eine bewusstseinswende
auf der ganzen welt
Domizlaff 3: charmant charmant
Dutschke: die flamme der aufklärung
lässt sich auf dauer nicht
ersticken überall erhebt sich
getragen von einer anderen generation
widerspruch gegen die herrschende praxis
im bewusstsein dass
was von menschen gemacht ist
auch von menschen verändert werden kann
Domizlaff 3: wie wahr wie wahr
Dutschke: es wäre ein gewaltiger fortschritt
wenn sich dieses bewusstsein
allgemein und schnell verbreitete
dass nämlich alles was wir denken und tun
politisch ist nicht nur was sich von haus aus so nennt
auch die ökonomie
auch die sexualität
bis ins privateste hinein
fangen wir bei uns selber an
einzig das streben
nach wahrheit und gerechtigkeit
ausschließlich menschlichkeit
darf richtschnur unseres denkens und handelns sein
Domizlaff 3: finale furioso!
Dutschke: für eine bewusstseinswende
auch bei uns
die quälend lange zeit
eines ‚ohne mich’ ist vorbei
zwei drei viele vietnams
muss es geben
als zeichen
hier bei uns aber
gilt eine andere strategie
wir müssen
kraft unseres denkens
in eine neue phase treten
und die verkrusteten herrschaftsstrukturen
aufbrechen
Domizlaff 3: mein lieber junger freund
sie sind bestimmt
nicht unintelligent
ein denkselbständiges individuum
womöglich das sich
aus verschiedenen mir wohlbekannten schriften
ein weltbild zurechtgebastelt hat
und dieses sehr wirkungsvoll
- sie sind ein naturtalent -
nach außen zu tragen weiß
doch von der masse
wissen sie nichts
Dutschke: die wahre erkenntnis muss verbreitet werden
überall wohin ich mich begebe
finde ich wache augen und ohren
menschen die diskutieren wollen
menschen die verändern wollen
menschen die sich nicht mehr
für dumm verkaufen lassen
Domizlaff 3 (schmunzelt): mein lieber junger freund
sie glauben ja sogar was sie sagen das spürt man
auch wenn es der größte blödsinn ist
die masse spürt das
und empfindet es
ihr junges alter einmal abgerechnet
als eine art format
doch sie unterschätzen bei weitem
das bild das von ihnen umläuft
dass sich dank der presse die sie so verteufeln
sich in die köpfe eingebrannt hat
die art wie sie reden
mit glühenden augen
mit feuriger zunge
wirklich beeindruckend
ein smarter beschaller
der mit messianischem appeal
das megaphon hält
wirklich beeindruckend
ihre haare dabei noch
lässig nach hinten werfen
und immer im selben
karierten pullover
das mögen die seelchen
damit sind sie eine marke
die vor allem bei den jungen damen gut ankommt
Dutschke: sie sind ein zyniker der übelsten sorte
Domizlaff 3: wenn die wahrheit zynisch ist dann ja
ich will es ihnen in aller ruhe erklären
wenn in der wahrnehmungswelt der masse
eine neue marke wie sie es sind auftaucht
entsteht folgender effekt
all die vielen ungebundenen begriffsteile
die in den köpfen und seelchen bisher
lose umhergeschwirrt waren
romantische vorstellungen von heldenhaften kempen
wie all die che guevaras james deans usw
unbestimmte hochgespannte zukunftshoffnungen
veränderungswünsche vielerlei provenienzen
sehnsucht nach einer person die dafür einsteht
suchen sich ein gefäß das all dem ausdruck gibt
die masse ist unendlich dankbar wenn sie
eine sinnliche vorstellung davon haben
und mit dem namen dutschke bezeichnen darf
von nun an haftet dem namen
eine art magie an
sie sind die erste marke
eines jugendlichen politikers
Dutschke: meine person ist nicht wichtig
ich bin zwangsläufiger ausdruck
einer bestimmten historischen situation
jahrzehntelang hat sich die intelligenz
vom monopolkapital diktiert
ihr fremden verwertungsinteressen angepasst
ihre eigentlichen fähigkeiten ungenutzt
in krieg und wiederaufbau
in armee wirtschaft und verwaltung verschlissen
jetzt wo der widerspruch
immer offensichtlicher wird
ist der zeitpunkt gekommen
politisch zu handeln
massenhaft vorzugehen
und im neuen geist
frei von profitinteressen
positionen zu besetzen
in den schlüsselfunktionen des systems
Domizlaff 3: mein guter junge
niemand versteht was du sagst
niemand - oder von mir aus dreie oder fünfe
doch diese fünf das glaube mir
das sind deine ärgsten feinde
sie neiden es dir und verdrücken ihre attacken
noch halten sie still
solange die masse dir ihre liebe
zu füßen legt doch wehe…
Dutschke: es geht nicht um personen
es geht um die sache allein
die sache ist heilig viel zu heilig als dass sie
der eitelkeit einer person geopfert werden kann
ich bin nur werkzeug
des historischen prozesses
meinetwegen sprachrohr der wahrheit
nicht mehr
die niedertracht die sie
meinen kampfgenossen unterstellen
entlarvt sie selbst
Domizlaff 3: ich kenne das individuum und die masse
kenne das menschenherz
von innen und außen
eben weil ich immer außerhalb war
weil ich den unbestechlichen blick habe
dutschke junge du wirst
von einer woge der sympathie getragen
selbst noch bei denen die deine ansichten nicht teilen
ein bemerkenswertes zeichen übrigens
deiner qualität als markenartikel
doch ihnen selbst verstellt es
notwendigerweise den blick
Dutschke: welche niedertracht
nieder…
(Man hört - wie von fern und immer weiter abschwellend, nach beendeter Dutschke-Rede nur noch die Masse der Studenten brüllen: „Nieder, nieder, nieder.. mit Springer. Dieser verschwindet wie er gekommen war)
Domizlaff 3 (windet sich, dann fast verrückt heiter):
vielleicht bin ich zu lange tot
(er verzieht sein Gesicht zu einem tonlosen lachen)
oder zu kurz doch was sind
zwanzig knappe jahre
was hundertzwanzig jährchen
für mich der nur in ewigkeiten denkt auf dauer
bin ich nicht totzuschweigen
wie die vielen aufgeblasenen
(er wiehert laut auf)
politiker mit ihren
automatenhaften phrasen
ich war ich bin und werde immer sein…
(er schaut wieder in den Spiegel)
nur der endsieg zählt
und den erringt nur wer das leben kennt
und seine seinsgesetze
wahre größe
(er posiert im Spiegel)
zeigt sich nur selten oder spät
die wahren ideen wachsen
unendlich langsam durch die zeit und schlagen
ihre feinen wurzeln im gehirn der masse
verbreiten unterirdisch sich wie pilze
um eines tages wenn es
kaum einer weiß kaum einer ahnt
hervorzubrechen:
auf einmal steht die masse auf im glauben
formiert sich zwingend wie ein organismus
und alles lose menschenzeug umher
wird wachs und fließt in einen strom zusammen
und mit urwüchsiger gewalt der seele
der niemand widersteht regiert und herrscht…
visionen…
(er bricht ab)
ein könig sind das nicht glocken?
(Man hört die Glocken der Nikolaikirche in Leipzig von 1989)
meine wahrheit läutet meine wahrheit
wie treibholz weggefegt die morschen sprüche
wie treibholz
(aus einem schlurfenden Marschtritt erwachsen plötzlich Rufe: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!” Domizlaff erfreut)
das deutsche volk dies beste volk der welt
in seiner duldsamkeit in seinem opfermut
treuherzig sehnt es sich nach einem guten führer
unendlich viel verheißung wohnt ihm inne
(Die Rufe „Wir sind das Volk” gehen über in „Wir sind ein Volk!”, durchbrochen von einzelnen „Sieg Heil!” Rufen. Domizlaff schaut aus dem Fenster, in dem ab und zu die Reichskriegsflagge erscheint)
Domizlaff 3: da ist der adler wieder! endlich! sehnsucht
hat wieder einen leib der lebt
endlich schluss
mit diesem schwachen lappen aus drei bahnen
die notstandsflagge notdürftig
zusammengenäht die zeit ist da
der auferstehung mächtiger symbole die
verkünden was zu lange schwieg: das reich!

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Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Szene 19

Donnerstag, 12. Februar 2009 16:12

Sänger: als hans domizlaff
im jahre siebenundfünfzig
sein gesellschaftspolitisches hauptwerk
„die seele des staates
regelbuch der elite”
drucken lassen wollte
stellte er fest
dass es dafür keinen verleger gab
entrüstet und erbost
über soviel ignoranz
druckte er es schließlich selbst
als manuskript
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Im Büro des Verlegers Hans Dulk. Schreibtisch, im Hintergrund große Bücherwand, aus der die in den Jahren 1950 bis 1953 erschienenen Leinenbände der Domizlaff-Ausgabe herausstechen. Domizlaff, gerade eingetreten, hat gegenüber seinem Verleger Platz genommen, deutet auf seine Bücher, Hamburg 1957)

Domizlaff 3: sie stehen immer wieder prachtvoll da
so sieht format aus
Dulk: allein der verkauf herr domizlaff
lahmt nach wie vor
Domizlaff 3: für die tagesmode oder -politik
sind diese bücher ja nicht geschrieben
das haben wir von anfang an gewusst
ein klassiker wächst nicht an einem tag
Dulk: herr domizlaff seit fast vier jahren warte ich
dass der verkauf anzieht inzwischen decken
die erlöse mir kaum noch die kosten
der lagerhaltung für die restbestände
Domizlaff 3: (generös) ich selber nehme noch mal zwanzig
von jedem meiner titel gegen rechnung
in meinem umfeld jedenfalls
ist die nachfrage unvermindert rege
Dulk: das mag ja sein
ich weiß mir dennoch keinen rat mehr
sollten wir es nicht doch einmal
mit werbung versuchen durch einen prospekt
dem publikum das von den büchern nichts weiß
sie überhaupt erst mal bekannt zu machen
Domizlaff 3: zu starke werbung lähmt das markenwachstum
sie muss wurzeln schlagen das braucht zeit
Dulk: und bis dahin ist mein verlag ruiniert
Domizlaff 3: (unbeeindruckt)
sehn sie zum beispiel mein brevier für könige
seit nietzsches zarathustra gibt es nichts
das auch nur ansatzweise solchen tiefgang hätte
spätestens mit diesem buch
ist machiavellis fürst
doch nichts als eine petitesse
Dulk: (schweigt)
Domizlaff 3: wie ist es mit dem neuen manuskript
die seele des staates regelbuch der elite
schlussstein und krönung meines werks
wann wird es denn erscheinen
Dulk: (nach längerem Schweigen)
herr domizlaff ich kann das buch nicht machen
schon viele ihrer andern schriften waren
hart an der grenze des erlaubten
wie oft hab ich befürchtet
dass sie auf den index kämen
doch bislang hatten wir immer glück
bei diesem aber gibt es keinen zweifel
dass es direkt verboten werden würde
da sparen wir uns lieber gleich die mühe
als dass wirs drucken ums zu makulieren
Domizlaff 3: (fassungslos)
das wichtigste meiner bücher
soll nicht erscheinen
das aktuellste das gerade jetzt
benötigt wird die wende einzuleiten
Dulk: es gibt darin zu viele stellen…
Domizlaff 3 (unterbricht): das buch ist eine wertvolle ethik
für alle die in verantwortung stehen
und für die gemeinschaft tiefe sorge tragen
Dulk: allein schon ein kapitel mit dem titel
„die judenfrage” darf es nicht mehr geben
Domizlaff 3: die judenfrage gibt es seit ewigkeiten
politisch ist sie ungelöst und schwelt
nur wegen zwölf hitlerjährchen
lässt sie sich doch nicht
für alle zeit aus dem bewusstsein streichen
Dulk (wechselt genervt das Thema): oder dies hier: ihre
ausführungen über die funktion des zensors
wie wollen sie das in einer demokratie erklären
Domizlaff 3: das wird selbst hier doch täglich praktiziert
gibt es nicht eine stelle gegen schmutz und schund
nicht jeder soll und darf alles lesen
was soll an einem zensoramt denn schlecht sein
ich hab mir lediglich erlaubt das einmal gründlich
und systematisch zu durchdenken
darf man in diesem land
denn nichts mehr unverhüllt benennen
Dulk (wechselt wieder das Thema): oder nehmen sie diesen satz:
„die schwarzen werden nicht mehr als sklaven
dezimiert sondern viele menschenfreunde
erleichtern ihre vermehrung so dass die frage auftaucht
wie lange noch die zwar unzweifelhaft
edlere höher gezüchtete und kulturtragende
weiße rasse den zukünftigen ansturm
der entfesselten primitiven neger aushalten kann
Domizlaff 3: jedes einzelne wort ist nachprüfbar
von der exorbitanten geburtenrate in den negerkralen
bis hin zur feststellung
welche rasse kulturtragend ist
es ist jene die in europa
die gotischen dome baute
als man in afrika
wie übrigens heute immer noch
sich antilopenfelle für die trommeln suchte
Dulk: herr domizlaff verstehen sie
ich kann das buch nicht machen
Domizlaff 3: dass wir hier pressefreiheit haben sollen
ist doch ein ammenmärchen ich verstehe nicht
dass irgendjemand das ernsthaft glauben kann
ich aber lasse mir es nicht verbieten
die dinge die für jedermann so offensichtlich liegen
beim namen zu nennen ich werde es selbst
wenn mein verleger dem ich bislang traute
den mut nicht aufbringt und sich feige drückt
auf eigne kosten drucken und vertreiben
dass alle die es angeht und die deutschland lieben
eine richtschnur für ihr handeln haben
als kommende elite dieses staates guten tag herr dulk

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Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Szene 18

Donnerstag, 12. Februar 2009 16:08

Sänger: als hans domizlaff
voll missmut den neuen staat
nach dem muster einer konsumdemokratie
kaugummi-kauend
sich formieren sah
erfasste ihn ekel tiefer ekel
wo war sie geblieben die reichsidee?
selbst seine vorschläge
zur gestaltung des bundesadlers
nach alten entwürfen
aus dem sechzehnten jahrhundert
bei der regierung blieben sie
völlig ohne jede resonanz
hierin sensibel war
domizlaff hans
Domizlaff:
(im geräumigen Speisessaal seines Heidehofs anfangs im Gespräch mit seiner Haushälterin, später übt er das Manuskript seiner Rede, die er vor seinem geplanten „Bund der Reichstreuen” halten will, vor zwei sogenannten Novizen ein, beobachtet im großen Wandspiegel seine Gestik usw. Immer wieder durch deren zuerst dürres, später anschwellendes Klatschen, unterbrochen, Egestorf, Lüneburger Heide 1954)

Haushälterin: die bettgestelle wurden gestern morgen gebracht
und die matratzen nachmittags um fünf
Domizlaff 3: in dieser qualität hatte ich sie nicht bestellt
ich hatte sogar schriftlich drum gebeten
nur die härteste ausführung zu liefern
Haushälterin: ich hab die männer gleich wie sies mir aufgetragen
danach gefragt sie sagten härtere gebe es nicht
Domizlaff 3: das kann nicht sein es muss matratzen geben
die deutlich härter sind als diese
ich brauche solche wie sie für kasernen
für strafvollzugsanstalten oder jugendlager
aus einfachstem material gefertigt werden
Haushälterin: was soll denn nun geschehen
Domizlaff 3: die gehen alle zurück gleich morgen früh
rufen sie das bettenhaus an und lassen sie abholen
dass ich kein sanatorium einrichte war bekannt
ich hatte ausdrücklich gesagt
ich will hier klosteratmosphäre schaffen
mönchszellen eine wie die andre nackt und kalt
wo ist denn ulrich wo sind die anderen novizen
Haushälterin: sie essen in der küche es sind nur noch zwei
sebastian ist heut morgen weggegangen
und wird nicht wiederkommen
Domizlaff 3: auf solches menschenmaterial lässt sich verzichten
ich hatte schon vermutet dass er sich
aus seiner prägung nicht befreien würde
labil im wesen und dazu fatalerweise
ein kommunistisch infiltriertes elternhaus
holen sie die andern her
Haushälterin (pfeift wie nach einem Hund. Nach sehr kurzer Pause kommen, in kuttenartige Gewänder gehüllt, die beide Novizen herbei)
Novizen (verneigen sich tief): herr domizlaff
Domizlaff 3: novize ulrich novize hans-peter ich sage euch
seid euch bewusst dass ihr die ersten seid
die meine rede hören dürfen schwört
dass ihr zu niemandem von ihrem inhalt
vorab ein wörtchen sagt
(zur Haushälterin): sie können gehen gehen sie (ab)

meine
sehr verehrten damen und herren
liebe freunde
liebe wahre
liebe wahrhafte freunde

sie sind
meiner einladung hierher gefolgt
dafür danke ich ihnen sehr

damit haben sie zu erkennen gegeben
dass die furchtbare not unserer zeit
wie ich sie bereits
in meiner einladung
in groben zügen
dargestellt habe
sie ebenso bedrückt und umtreibt wie mich

ich habe
meinen vorschlag zur gründung
eines bundes der reichstreuen
ganz bewusst
nur an sie
als absolut vertrauensvolle empfänger
verschickt

wir sind eine kleine
eine sehr kleine gruppe
die kleinste gruppe in diesem land
wir müssen ein geheimbund werden

sie wissen warum
denn nichts ist heute
so sehr diskrediert
wie die reichsidee die niemand
mehr in verruf gebracht hat
als hitler und sein gesindel
mit seinem schlechten stil
und seinem wahnwitzigen krieg

wenn ich von der reichsidee spreche
so denke ich sie nicht
in dieser pervertierten form
nicht als gebietsanspruch
nicht als vernichtungsfeldzug
sondern vornehm
als ewige kategorie
einer geistigen heimat
der deutschen seele
die ihr bestimmt ist
vom anfang aller zeit

allein wegen hitler ist diese idee
in der öffentlichkeit
heute nicht mehr diskussionsfähig

dafür triumphieren
amerikanische vorstellungen
modetorheiten
eitler soziologen
die erbsenzählend
nichts kennen
außerhalb ihrer statistik
diese methoden stehen
hoch im kurs
und werden als einzig mögliche
als einzig legitime
herrschaftstechnik
von unseren regierenden
anerkannt nachgeäfft und angebetet
ich musste das
unlängst bei einem gespräch
mit vermeintlich hochrangigen
vertretern unseres staatsadministration
erfahren

bei ihnen existiert auch
keinerlei begriff mehr
von der notwendigkeit
einer starken reichsidee
man hält den besuch ganzer schulklassen
bei den traurigen veranstaltungen des bundestages
sowie die steigerung von konsum und wohlstand
für völlig ausreichend
um das deutsche volk
auf dauer befrieden
und beherrschen zu können

dem großorganismus
des deutschen volkes aber
mit seinem wundervollen
massencharakter
jene nahrung zu geben
nach der es seit jahren lechzt
jene kraftvollen symbole und rituale
an denen es sich aufrichten
und wieder gesunden kann
wird nicht nur als überflüssig
erachtet sondern nicht einmal
erwogen

heute muss ersatz genügen
billigster ersatz
die neuen götter das sind
perlonstrümpfe kühlschränke motorroller
jedem nachdenklichen menschen
muss das zuwider sein
das ist keine politik
das ist kein konzept
das in die herzen
irgendetwas hineinpflanzt und brennt
das wertvoll und nachhaltig wäre
bis in die übernächste generation hinein

mitnichten ist es also
der verlorene krieg
der jetzt unser größtes elend bedeutet
sondern es ist
das ungeheure vakuum
unserer zeit
dieser öden nachkriegsjahre
in denen sich alles fortwährend betäubt
an den produktionszahlen
eines jämmerlichen wirtschaftsaufschwungs
aber keine echten werte
kein gemeinschaftserlebnis
zu erzeugen zu wahren und zu kultivieren weiß

meine wahren
meine wahrhaften freunde
aufgrund meiner kenntnisse
aus dreißig berufsjahren
als volksbiologe
und massenpsychologe
habe ich so manche schlacht
um einfluss und macht erlebt
propagandistische grabenkämpfe
siegreich durchgefochten
subkutane wirkungen
an der menschenmasse
seismographisch verfolgt
über jahre jahrzehnte hin
ja ich darf wohl sagen es gibt
niemand in diesem lande der
mehr erfahrung im geltungskampf
um ehrliche leistungsangebote hat
als ich

was hinter den kulissen der öffentlichkeit
verborgen vor ihren blicken
sich zuweilen abspielt
ist mir zutiefst vertraut
schließlich habe ich selbst
die subtilsten mittel der massensuggestion
nicht nur eingesetzt sondern
eine reihe davon erst erfinden müssen
bis es mir am ende gelang die masse
mit einer kleinen zigarettenschachtel
völlig zu hypnotisieren

doch jetzt und über die nächsten jahrzehnte hin
findet die reichsidee
als markenartikel betrachtet
in der öffentlichkeit
keinerlei resonanz

was bedeutet dies für unseren bund
wir müssen
über lange jahre hin
unterirdisch arbeiten
ein jeder an seinem ort
ein jeder nach seinem vermögen
ein jeder in seinem einflussbereich
aber vereint
im glauben an unsere reichsidee
getrennt marschieren
und vereint zuschlagen
wenn der tag einst gekommen sein wird

viele von ihnen werden es
- und ich selbst gehöre wahrscheinlich dazu -
nicht mehr erleben
doch bis dahin ist es notwendig
diese idee am leben zu erhalten
mit jeder herzensfaser ihre keime
weiter zu verbreiten
nach bestem wissen
und gewissen

ich habe dazu
ethische leitsätze aufgestellt
sie liegen vor in meiner kleinen schrift
ich verspreche ihnen an diesen dingen
fleißig weiterzuarbeiten
und wo immer möglich oder notwendig
mein wissen meine erfahrungen
zur verfügung stellen
jedem der mich danach fragt

nur dann
wenn durch unsere kleine gruppe
der reichstreuen diese idee
vor dem aussterben bewahrt wird
können wir die schreckliche not dieser zeit
den ekel und die geistige leere
an diesen küchenmixern und waschmaschinen
überwinden

es wirke jeder
in diesem sinne
in seinem kreis
im untergrund

amerikanische soziologen
sagen dazu wohl jetzt
opinion leaders
(er lacht schallend, währenddessen schwillt der Beifall zu frenetischem Jubel an)

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Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Szene 17

Donnerstag, 12. Februar 2009 16:05

Sänger:

als hans domizlaff
das erste und einzige mal
in die nähe der politischen macht
in diesem nachkriegsdeutschland kam
- wie oft gewünscht und nie erreicht -
waren die einstellungen
des sechzigjährigen längst aus der zeit
doch je mehr er aufbot
und je mehr er anbot
desto mehr arbeitete er sich
ins politische abseits
am ende verscherzte
er sich radikal und ganz
die letzten sympathien
hierin sensibel war
(sehr viel später dann erst)
domizlaff hans

Staatssekretär, Frau Doktor N.N., Hans Domizlaff
(in einem Büro der Bundesregierung, Bonn, Sommer 1952)

Staatssekretär: wir haben sie heute verehrte frau doktor n.n.
verehrter herr domizlaff
hierher eingeladen weil uns ihre einschätzung
der lage sehr wertvoll ist -
so kurz vor der wahl
um es mit einem wort zu sagen
sie muss gewonnen werden
Frau Doktor N.N.: was können und was sollen wir tun
Staatssekretär: dem herrn bundeskanzler
sind berichte zugegangen
dass die soziale spannung im land
ein ausmaß erreicht hat das einen leichten wahlsieg
plötzlich sehr zweifelhaft erscheinen lässt
Domizlaff 3: sie verkennen den ernst unserer lage
es geht um viel mehr als das tagesgeschäft
einer zu gewinnenden wahl
es geht um die fundamentale frage
wohin treibt dieses land
es geht um deutschland
in diesem raum sind wir uns - denke ich - einig
dass der kommunismus
in welcher verkleidung er auch immer erscheint
ob als sozialismus oder als sozialdemokratie getarnt
hier niemals an die macht kommen darf
das wäre der untergang des abendlandes
wäre knechtschaft zwangswirtschaft barbarei
dafür bin ich bereit alles zu tun
ich biete ihnen meine gesamte lebenserfahrung
im umgang mit der massenpsyche an
Staatssekretär: sie sind uns empfohlen worden
als hervorragender werbeberater in diensten
erster deutscher industrieunternehmen…
Domizlaff 3: bei großen beeinflussungsprojekten spielt es
überhaupt keine rolle ob ich
ein wirtschaftsunternehmen berate oder
eine staatsidee
Staatssekretär: verehrte frau doktor n.n.
die regelmäßigen berichte ihres instituts
über die stimmung in der bevölkerung
in verständlichen zahlenreihen dargestellt
schätzt der herr bundeskanzler sehr
vor allem wenn daraus schlüssige empfehlungen
für die formulierung politischer botschaften
erwachsen und auch mal ausgesprochen werden
Frau Doktor N.N.: herr staatssekretär ich danke ihnen sehr
im namen meines instituts und seiner mitarbeiter
für das vertrauen das die bundesregierung
in uns setzt
an der verbesserung unserer methoden
zum beispiel der fragebögen
arbeiten wir ständig um noch präzisere
ergebnisse liefern zu können und vielleicht auch
die eine oder andere empfehlung zu geben
welche schlüsse daraus zu ziehen sind
muss freilich stets
dem herrn bundeskanzler überlassen bleiben
der im augenblick noch empfindlichste mangel
unserer massenbefragungen
resultiert aus der noch jungen demokratie selbst
es fehlt an verlässlichen vergleichsdaten
wenn wir schon eine reihe panels hätten… [weiter...]

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