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Dirk Schindelbeck » Bühnenwerke

Archiv der Kategorie: 'Bühnenwerke'

Szene 14

Donnerstag, 12. Februar 2009 15:53

Sänger: als hans domizlaff
im jahre neununddreißig
teilnahm an einem teebesuch
im reichsministerium
für volksaufklärung und propaganda
und den minister sah
im stillen die hoffnung nährend
auf den großen durchbruch und
eine neue große wirkungschance
als machtberater in der großen politik…
doch goebbels sprach an ihm vorbei
sprach und übersah ihn
dessen namen
er nicht einmal kannte
voll und ganz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Abordnung deutscher Werbefachleute im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin. An der Wand großformatige Plakate aus der aktuellen Kampagne „Kampf dem Verderb”, „der deutsche Salzhering” usw., die von der Umstellung auf kriegswirtschaftliche Erfordernisse ein deutliches Zeugnis geben. Die vorgeladenen Werbefachleute werden nicht durch Schauspieler, sondern als schattenrissartige Pappschablonen mit kleinen Namensschildchen und Nickfunktion repräsentiert. Vorn auf dem Rednerpodium Joseph Goebbels, Heinrich Hunke, Präsident des Werberats der Deutschen Wirtschaft und ein Referent. Domizlaff tritt scheu von der Seite hinzu und nimmt Platz hinter einer der Schablonen, bleibt während der Szene von dieser verdeckt. Auch seine Schablone nickt an den entsprechenden Stellen wie alle die anderen automatisch. Berlin, Februar 1939; die Szene beginnt mitten in der Veranstaltung)

Goebbels: …mit der ihm eigenen großmut hat die bewegung
den juden zeit und muße gelassen
ihre zelte bei uns abzubrechen und zu gehen
die juden haben die zeichen der zeit nicht verstanden
als sich dann anfang november 1938
in paris die feige jüdische meuchelmörderhand hob
und der schuss fiel der das deutsche volk treffen sollte
war es mit der bisher erwiesenen geduld vorbei
die zeit war reif sämtliche noch verbliebenen juden
aus dem deutschen volkskörper auszuscheiden
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
herr präsident des werberates hunke
welche konkreten maßnahmen
haben sie zur entjudung des berufsstands
der deutschen werber seither durchgeführt
Hunke: herr minister ich melde vollzug
die letzten noch verbliebenen 78 jüdischen grafiker
wurden per 31. dezember 1938 mit berufsverboten belegt
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll nach)
Goebbels: befreit von der jüdischen schlacke kann
die deutsche werbung in eine neue phase treten
rein und lauter im ausdruck
klar und deutlich in ihren bildern
Referent (diensteifrig): mit diesen bereinigungsmaßnahmen
waren allerdings kleine anpassungsprobleme verbunden
so tauchte zum beispiel die frage auf
ob es angängig ist bei hinweisen auf das alter
eines von einem arier übernommenen unternehmens
die zeit mitzurechnen während der sich selbiges
in jüdischen händen befunden hatte
Hunke: diese frage hat der werberat entschieden verneint
mit der vollzogenen entjudung beginnt vielmehr
für das unternehmen eine ganz neue entwicklung
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Goebbels: es wäre eines ehrbaren deutschen kaufmannes
auch gar nicht würdig
sich als inhaber eines entjudeten betriebes
die vergangenheit dieses unternehmens
als verdienst irgendwie anrechnen zu wollen
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Referent: umgekehrt galt es zu verhindern dass unternehmen
die von jeher arisch waren durch werbliche aussagen wie
„arisch seit gründung”
sich gegenüber entjudeten betrieben
plötzlich einen ungerechtfertigten
wettbewerbsvorteil verschafften
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Hunke: auch solche aussagen
hat der werberat der deutschen wirtschaft rigoros untersagt
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Goebbels (ungeduldig zu beiden): meine herren
lösen sie ihre kleinen abstimmungsprobleme
innerhalb ihrer verantwortungsbereiche
(energisch an die vor ihm sitzenden Werbefachleute gewandt):
meine herren werbefachleute
schon der vierjahresplan des führers
hat jedermann deutlich gemacht
dass eine neue zeitepoche begonnen hat…
(die Schablonen der Werbefachleute nicken vorwegeilend ehrfurchtsvoll, Goebbels hält genüsslich ein, setzt nach einer Pause erneut an)
auf sie kommen gewaltige volkserzieherische aufgaben zu
werbung muss jetzt ganz vom geist der propaganda erfüllt sein
darf aber nicht wie propaganda aussehen
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Hunke: sie sehen an den wänden einige schöne beispiele
(weist auf das Plakat „Der deutsche Salzhering”)
wie mit den mitteln der wirtschaftswerbung
beispielsweise die deutsche hausfrauen
schon mit erfolg erzogen werden
Goebbels: im angesicht der vor uns liegenden großen aufgaben
muss der wille des deutschen volkes
zu einem einzigen willen zusammengeschmiedet werden
sein natürlicher pflichteifer und seine arbeitsfreude
seine sparsamkeit und seine bescheidenheit
sind auf eine bislang unerreichte höhe zu führen
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Hunke: zum beispiel mit kampagnen wie: aus alt mach neu
alten kram sammeln neu aufbereiten neu verwenden
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Referent: zum beispiel: sparsam hauswirtschaften
seife besser ausnutzen preiswert ernähren
kochen ohne fleisch ohne fett und ohne eier
verstärktes sammeln wildwachsender nahrungsmittel
brennnesseln etwa ergeben
einen vitaminreichen und gut schmeckenden salat
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Hunke: zum beispiel: erhaltung der volksgesundheit
krankheit ist keine privatsache mehr
Referent: geschickte umsetzung von parolen wie
„lebt gesund und ernährt euch richtig”,
„vollkornbrot ist besser und gesünder”
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Hunke: in der werbung keine dinge zeigen
die wünsche wecken aber nicht zu liefern sind
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Referent: waren stets nur als beispiel verwenden
aber nie als kaufanreiz
Hunke: sorgen sie dafür dass die genannten
propagandistisch wertvollen themen
geschickt in ihre werbungen eingebaut werden
Goebbels: das ist die kunst meine herren
das ist die kunst
(die Schablonen der Werbefachleute nicken ehrfurchtsvoll)
Goebbels: heil hitler
(Goebbels schnell ab)
Hunke, Referent: heil hitler
(Hunke und Referant ab; aus den Pappschablonen recken sich schlagartig Papparme in die Höhe)

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Prolog zum zweiten Akt

Donnerstag, 12. Februar 2009 15:49

Domizlaff 2 (flüsternd): sie werden sich schon des öfteren gefragt haben
wer es in wahrheit ist
der die wirkungsvollsten massenbeeinflussungsmittel
eigentlich erfand
welche die akteure auf der politischen bühne
nur allzu dankbar benutzen
dazu erzähle ich ihnen eine begebenheit
die sich kurz vor beginn des zweiten weltkriegs ereignete

einige hundert werbefachleute
waren zu einem besuch im
reichsministerium für volksaufklärung
und propaganda des doktor goebbels geladen
der einführende beamte bezeichnete mich
als den bedeutendsten werbesachverständigen
der deutschen wirtschaft dessen name
dem minister sicherlich bekannt sei -
doktor goebbels kannte den namen nicht
nun konnte ich mich - törichterweise -
doch nicht enthalten zu sagen
dass er zumindest
eines meiner bücher gelesen habe
der minister schüttelte wiederum den kopf
und fragte dann nach dem titel
ich nannte ihm ‚propagandamittel der staatsidee’
als ob in den kleinen mann
eine elektrische ladung gefahren sei
so zuckte er zusammen
und wie aus der pistole geschossen
kam der ausruf ‚das kenne ich auswendig!’
dabei starrte er mich
mit seinen kohlschwarzen augen brennend an
es wurde kein wort mehr gewechselt
so dass die sekunden sozusagen ins stottern gerieten
das merkwürdige war seine angst
irgendeinem menschen unmittelbar gegenüber zu stehen
das merkwürdige war seine angst….

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Szene 13

Donnerstag, 12. Februar 2009 15:36

Sänger:
als hans domizlaff
ein fahrtensegler war
verbunden und ausgesetzt
der strömung den wellen dem wind
ließ er sich auf die elemente ein
erschien ihm auf schwankem kahn
das meer wie die menschen-masse
erkannte er darin die seinsgesetze
und er verhielt sich
auf seinem boot
als kapitän und philosoph
in aufmerksamer trance
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Domizlaff und Vizeadmiral Alfred Begas, den Domizlaff nur „Onkel Alo” nennt, an Deck von Domizlaffs Fahrtensegelboot „Dirk III”. Beide sind völlig übermüdet, rauchen, trinken abwechselnd in großen Zügen aus einer Sherry-Flasche. Dabei reden sie sich mehr und mehr in eine Art philosophischer Trance hinein. Es ist kurz vor Sonnenaufgang, der sich während der Szene vollzieht. Domizlaff, Admiral Begas, Bootsmann (stumm); Südliches Kattegatt, 1936)

Domizlaff 2: nichts geht
seit stunden geht nichts
totenflaute
Begas: es gibt doch gar nichts schöneres
als herumzudümpeln bei totenflaute
du kannst die stille schneiden
sie ist fast grenzenlos
nichts hörst du mehr als das
gelegentliche klappern des riggs
Domizlaff 2: die see ist so ölig
spiegelglatt
nicht mal ein damenwindchen
wir kommen nicht vom fleck
Begas: auf see verliert der zeitbegriff seinen sinn
irgendwann weißt du nicht mehr
ob stunden oder minuten verflossen sind
die sonne geht unter und du bestaunst das ereignis
die nacht weicht der dämmerung und du denkst
schon wieder ein tag
Domizlaff 2 (ungeduldig): onkel alo nach norden
ich möchte doch so gern nach norden
Begas: warum denn hier ist es doch so schön
Domizlaff 2: im norden ist es bestimmt noch schöner
Begas: schöner als hier kann es gar nicht sein
Domizlaff 2: die flaute kann uns noch tagelang hier festhalten
Begas: dann tut sie’s eben
Domizlaff 2: lass uns den motor anwerfen
und so lange dahintuckern
bis wir wieder guten wind haben
Begas: sind wir nun eine motoryacht oder
ein fahrtensegler
Domizlaff 2: der keine fahrt macht
Begas: ein motor in einem segler was für ein widersinn
wie kam columbus nach amerika
mit einem motor nicht
Domizlaff 2: columbus hatte urlaub unbegrenzt
Begas (brummelt vor sich hin): ich auch
Domizlaff 2 (reicht ihm die Sherry-Flasche):
ich leider nicht
onkel alo nur eine kurze strecke
ich verspreche hoch und heilig
spätestens im skagerrak
wenn der wind auffrischt
den motor für den gesamten rest des törns
nicht mehr zu benutzen
Begas (einen großen Schluck nehmend, grummelnd):
versprochen
Domizlaff 2: versprochen admiral
Begas: also meinetwegen
(große Pause, das Boot beginnt ganz langsam zu schaukeln, vom Horizont her wird es heller)
Domizlaff 2: onkel alo spürst du was
Begas: aus NNO ein leiser windzug
wenn mich meine nase nicht täuscht
Domizlaff 2: hörst du die blöcke knarren am bug
das wasser fängt an zu schwatzen
als ob das schiff erste lange
atembewegungen macht
(trinkt)
Begas: fast wie ein ertrunkener dessen herz
nach stundenlanger stille
ganz schwach zu schlagen anfängt
(trinkt)
Domizlaff 2: man müsste einmal all diese schwingungen
mit einem empfindlichen apparat registrieren
Begas: sie sind so mannigfaltig und doch
mit gleichbleibender grundtendenz
Domizlaff 2: was ist es das den wohlig und genießerisch
in seiner koje liegenden menschen befähigt
in die abgründe der dämonischen geburtszeit
des lebens hineinzuhorchen
(trinkt)
Begas: irgendein ahnen muss es sein
von vorzeitlichen eindrücken
das lässt einen raum an
unwirklichkeit zurückgewinnen
in dem alle lebewesen so etwas
wie ihren ausgangspunkt verspüren
(trinkt)
Domizlaff 2: es ist doch sonderbar dass die wiege
das älteste beeinflussungsmittel
zu beruhigung des neugeborenen kindes ist
als ob das meer
die urheimat allen daseins wäre
Begas: niemand weiß woher wir kommen
und niemand kann deuten wohin wir wandern
Domizlaff 2: aber von allen sichtbaren vorstellungsbildern
unserer irdischen welt
ist das meer die urmutter alles lebens
und das gleichnis allen anfangs
(trinkt)
Begas: jahre und generationen
werden in minuten ausgelebt
es gibt keinen ruhepunkt
das ist das geheimnis der seefahrt
Domizlaff 2: dass dir auch die letzte
feste genommen ist
auf der du gesichert stehen kannst
fest ist nichts mehr
als ein gedanke
wie die kompassnadel
Begas: du hörst nur das zeitlose schreiten
einer macht die dich nicht ansieht
(trinkt) im rhythmus der sekunde oder der jahrmillionen
Domizlaff 2: schau onkel alo ein schmaler streifen
bricht durch die wolkenmassen
Begas: als ob der dämmernde himmel
zu glühen beginnt
Domizlaff 2: das licht blendet
jetzt
gehen die tore auf
Begas: und die majestät des sonnenballes
leuchtet
über der irdischen ruhelosigkeit
Domizlaff 2: leuchtet
über den masseschweren
schwingungen der see
(Begas ist vor Erschöpfung und Müdigkeit eingeschlafen)
Domizlaff 2 (ruft nach unten):
he bootsmann wachablösung übernimm die pinne
(zu sich selbst fast lallend): lerne herrschen nach den gegebenheiten
behalte den respekt vor der naturgewalt
dies ist die wahre herrschaft
dann kannst du herr der stile sein
der einzige mensch auf der welt
der von höherer verantwortung weiß
und sie wahrnimmt
aus selbstgesetzter ethik

(summt): keine welle gleicht der andern,
ob sie auch in langen folgen
monoton vorüberziehn
keine wolken wiederholen
ihre form obwohl sie alle
vor dem gleichen winde fliehn
auch die menschen auf der erde
unterscheiden sich in vielen
taten stimmen und gestalten
trotzdem sind es stets die gleichen
triebgelüste die sie zwingen
ihre dunklen wege einzuhalten
(Vorhang)

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Szene 12

Donnerstag, 12. Februar 2009 15:28

Sänger: als hans domizlaff
wenig später die braunen hemden sah
marschieren marschieren
begriff er dass es noch andre gab
die wussten die massen zu führen
erkannte er nicht ohne neid
dass auch dies
sehr wirkungsvolle propaganda war
halb angewidert
und halb fasziniert
von gewalt und konsequenz
und hitlers penetranz
war hierin sensibel
domizlaff hans

(Domizlaff und Reemtsma am Fenster. Unten marschiert eine SA-Kolonne vorbei. Man hört lauter werdenden Marschtritt und das Horst-Wessel-Lied: …und die Fahne flattert uns voran…” Berlin 1932)

Reemtsma: wie sich diese rückgratlosen
menschenwürmer strecken
sobald sie in uniformen laufen
und wie marionetten dirigieren lassen
Domizlaff 2: das nenn ich doch eine
überzeugende freiluftchoreographie
Reemtsma: wer hätte das gedacht
noch vor kurzer zeit
Domizlaff 2: der ordnungssinn lässt sich immer wieder
erwecken weil er dem deutschen zutiefst
eingegraben ist
Reemtsma: das ist die neue zeit
ich könnte aus einer
privaten schatulle einige gelder
zur ausrüstung zusätzlicher sa-mannschaften
zuschießen damit künftig
keine not mehr besteht
wenn aufmärsche in noch größerem maßstab
stattfinden sollen
Domizlaff 2: massenwesen respektieren nur zwang
und marschieren liegt sowieso
in der natur unseres großartigen volkes
das ergebnis hat sich noch immer
sehen lassen können
Reemtsma: wie sehr hat unser volk
an führungslosigkeit gelitten
Domizlaff 2: in seiner redlichkeit und gutgläubigkeit
ist es das beste volk der welt
doch ohne strenge führung
gerät es immer wieder auf abwege
Reemtsma: noch nie sah ich die menschen
so wie jetzt von heiligen feuern entflammt
Domizlaff 2: wenn das massengehirn erst einmal
seelisch gebunden und damit
zum leben wiedererweckt ist
dann ist auch die seele des volkes
eine geradezu königlich zu nennende komposition
Reemtsma: welch geheimnisvolle kräfte
haben sich da freigemacht
Domizlaff 2: nur für den der sie nicht kennt
es ist die so lange
entbehrte infektion mit
einer starken reichsidee
die im sinne des wortes über-zeugt
Reemtsma: sieh doch die menschen am rand
wie sie die straße säumen: welche liebe
fliegt den marschierenden zu
Domizlaff 2: es ist phantastisch
Reemtsma: wie ihre augen förmlich
herausgesaugt werden
wie ihre herzen
geradezu im marschtritt schlagen
sich der vorbeistampfenden kolonne
willenlos hingeben…
Domizlaff 2: die empfänglichkeit des volkes
für starke stilerlebnisse ist groß
mit ihrem marschtritt üben
die brauen hemden einen großartigen
konsonanzzwang aus
Reemtsma: ist das nicht die ästhetik der neuen zeit
an deren schwelle wir stehen
Domizlaff 2: die größte aufgabe
die unser jahrhundert zu bieten hat
ist und bleibt die führung der massen
Reemtsma: du sagst es hans
und hans es ist deine zeit
ein künstler wie du
wäre doch dumm
wenn er sich nicht gerade jetzt
wirkungsvoll als vordenker
ja als gestalter
präsentierte
Domizlaff 2: doch es gibt elemente von
körperlichem zwang die mich stören
pöbelhaftes gehabe
dieser röhm ist doch abschaum
auch hitler ist trotz all seiner wirkung
nicht mehr als
stammtischniveau
Reemtsma: hans die bewegung es ist die bewegung
es gibt sie und sie ist stark
du bist es der an ihrer spitze
laufen sollte
Domizlaff 2: jan wie oft
sprachen wir davon
es sind doch die werte der gosse
Reemtsma: doch die begeisterung ist echt…
Domizlaff 2: ich bin berater von profession jan
ein berater kann niemals eine diva sein
die sich am offenen fenster
vor den massen produziert
der denker wirkt im hintergrund
Reemtsma: ich kenne niemanden hans
der so wie du so viel von diesen
massenaufwallungen versteht
auch der ullstein sagte mir dass eigentlich nur du
das zeug zum werbeleiter
des deutschen reiches…
Domizlaff 2: ich preise mich nicht an niemals:
der königliche kaufmann wirkt stets
ohne zu handeln doch wer
wirklich etwas wissen will der lese es nach
in meinem buch „die propagandamittel der staatsidee”
Reemtsma: das niemand drucken wollte
und das wir hier bei uns
realisieren mussten
niemand hat es gelesen
nicht einmal die
die es angeht:
„die systematische ausnutzung
moderner propaganda-erfahrungen
bei der schaffung geistiger machtmittel
zur beeinflussung großer volksmassen
ist in der politik noch wenig bekannt
wie überall im leben
zeigt es sich auch
in der geistigen rüstungs-industrie
dass neue methoden
nur dort gefunden werden
wo die bittere not
im kampf um die wirtschaftliche existenz
erfinderisch macht…”
sätze wie keulenschläge
doch es trifft sie nicht
weil sie’s nicht zur kenntnis nehmen
Domizlaff 2: du kennst
ihre eitelkeiten nicht
das gestehen sie sich nicht ein
mein los ist und kann nicht anders sein:
langfristig zu wirken
alle andere wirkung
ist aufgesetzt und schwach
Reemtsma: hans sieh doch wie
die zeit drängt
dieses mal drängt die zeit wie nie
vielleicht könnten wir mehr für das buch tun
die welche es angeht aufmerksam machen
jetzt wo es not tut
der völkische beobachter zum beispiel
den lesen sie doch alle
von hitler selbst abwärts…
und du weißt mit wieviel insertionen
ich diesem blatt
unter die arme greife
Domizlaff 2: ich ahne schon was du meinst
Reemstma: eine besprechung deines buches
dort
könnte wunder wirken
Domizlaff 2: ich bin
unschlüssig
Reemtsma: lass es mich wenigstens versuchen
(schaltet das Radio ein: Eine Goebbels-Rede)
der propagandaminister
arbeitet in den köpfen nicht schlecht
Domizlaff 2: zugegeben doch
die einzige stellung im reich
die mir behagen würde
wäre das amt des zensors
wie es der reichkunstwart
edwin redslob ausübte
Reemtsma: hier wäre der nötige einfluss
Domizlaff 2: mit zugleich ausreichenden schutz
vor den unanständigen und gierigen blicken
des pöbels gegeben
wahrlich: dieser germanist hat keine bindung zum volk!
Reemtsma: ich weiß dass dir
das grelle licht der öffentlichkeit
nicht behagt
du arbeitest
am besten und sichersten im hintergrund
Domizlaff 2: wenn ich so höre
wie dieser goebbels spricht
so steht mein blick
unablässig auf diesem gerät
dessen gestaltung
verbessert werden sollte…

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Szene 11

Donnerstag, 12. Februar 2009 15:01

Sänger: als hans domizlaff
aufgrund von beachtlichen erfolgen
in der markenartikelindustrie
glaubte beeinflussen zu können
was die menschen im tiefsten bewegte
was er seit jahren nun schon
als das massengehirn bezeichnete
und jetzt hautnah erlebte
wie der streit um die deutsche flagge
als nationales symbol eskalierte
da kam ihm doch die idee
sich als werbeleiter des deutschen reiches
und oberste stil-instanz
und zensor ins gespräch zu bringen
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Eingangsportal einer Stadthalle, daran - unscharf zu erkennen - das Plakat zur heutigen Veranstaltung, daneben eine Deutschlandfahne (schwarz-rot-gold); drinnen hat soeben die Wahlkampfveranstaltung der Sozialdemokraten begonnen, noch steht ein Saalwächter am Eingang. Ein Trupp ehemaliger Marinematrosen, angetrunken und durch Uniformen und Kokarden deutlich als „deutsch-national” (schwarz-weiß-rot) gesinnt zu erkennen, kommt vorüber, erblickt das Veranstaltungsplakat, indessen huschen noch einige Leute am Saalwächter vorbei in den Saal. Von drinnen hört man, immer dann wenn noch Besucher von den Saalwächtern eingelassen werden, sekundenlang Fetzen einer politischen Rede; Franz, Alfred, Richard (Ex-Matrosen der Kaiserlichen Marine), drei Saalwächter, älterer Passant, SA-Leute, Domizlaff, Hamburg 1928)

Franz: was redet der denn da
Saalwächter: das hat euch nicht zu interessieren
Franz: es interessiert uns aber sehr
Richard: gehn wir doch einfach rein
und schauen uns die feinen herrschaften an
Saalwächter: nichts da nichts da weitergehen
geschlossene gesellschaft
Franz: was soll das heißen
Saalwächter: ihr seid hier nicht erwünscht
Alfred (zeigt auf das Plakat): wo es um deutschland geht
sind deutsche unerwünscht
das kann nicht sein
Saalwächter: weitergehen weitergehen
Franz: der mann gibt keine gute antwort
Saalwächter: die veranstaltung hat schon begonnen
Richard: hinter dir lief doch eben noch einer rein
Alfred: dann hinterher und nicht wie rein
Saalwächter: halt ihr bleibt draußen
Franz: das werden wir doch sehn
Alfred: (reißt die Deutschlandfahne herunter und trampelt darauf herum)
wer die judenfahne hisst ist selbst ein judenknecht
(es entsteht heftiges Gerangel)
Saalwächter (ruft nach innen): hilfe verstärkung
(es tauchen zwei weitere Saalwächter auf; die Ex-Matrosen werden zurückgedrängt, wobei die Saaltür offen stehen bleibt. Fetzen eines Lieds sind zu hören)
was 48 die väter gedacht
die enkel habens 18 vollbracht
das banner das grimm und uhland entrollt -
wollt ihr verraten schwarz rot und gold
Richard: verraten
wer hat den schandfrieden
von versailles denn unterzeichnet
Franz: wer hat uns verraten
Richard: sozialdemokraten
Alfred: wir lassen uns die ehrenfarben
des deutschen reiches das bismarck schmiedete
nicht in den dreck ziehen
Richard: für immer schwarz-weiß-rot
die flagge die schon die särge
unserer kameraden bedeckte
Franz: hoch die flagge hoch
Alfred: unser lied stimmt an
Richard (singt): stolz weht die flagge schwarz-weiß-rot
von unsrer schiffe mast
Franz (stimmt ein): dem feinde weh der sie bedroht
der diese farben hasst!
Älterer Passant (kopfschüttelnd): der krieg ist aus verloren
und eure marineherrlichkeit perdu
und ich bin ehrlich froh darüber
Franz: schau an ein liberaler
Alfred: ein bürgerlicher weichsäusler
Passant: nein nur einer der deutlich sieht
wie sehr ihr aus der zeit gefallen seid
Franz: nicht für fünf pfennig ehre im leib was
Passant: strohdummes geschwätz
wir haben kohlrüben genossen und
und wir haben kohlrüben gehasst
zwei winter lang 1916/17
als euer von kaisers gnaden
verhätscheltes marinecorps
sich auf seinen schlachtkreuzern
von unseren liebesgabenpaketen mästete
Alfred: bist du gleich still
Passant: ich denk nicht dran gesindel wie ihr
hat nichts begriffen
Franz: schwör deinen fahneneid du hund
Passant: ich denk nicht dran
Alfred: schwör auf die flagge oder beiß ins gras
(zückt ein Messer, Saalwächter hindern ihn, drängen ihn zurück)
Passant: ich geh jetzt rein ich bin schon spät!
Saalwächter (bilden ein Spalier, lassen den Mann durch, zu Alfred):
platz da dem herrn
(von innen schallts) das banner das grimm und uhland entrollt -
wollt ihr verraten
schwarz rot und gold
Richard (aufgebracht, zu seinen Kameraden):
lauter unser lied kameraden dagegen
Alle drei (brüllen mehr als dass sie singen):
stolz weht die flagge schwarz-weiß-rot
von unsrer schiffe mast
dem feinde weh der sie bedroht
der diese farben hasst!
hurra
(ein Trupp SA-Leute kommt vorüber)
Erster: was gibt’s denn da
Alfred: sozialdemokraten beim deutschlandverrat
Zweiter: da hat das singen gleich ein end
Erster: da geht’s zur sache
Zweiter: SA marschiert
Dritter: packt sie bei den hammelbeinen
Erster: wo immer sozialdemokraten
und thälmannkommunisten sich zusammenrotten
wird radikal aufgeräumt
Zweiter: ausgeräumt ausgeräumt
Dritter: hinein
(sie drücken die Saalwächter zur Seite, dringen in den Saal ein, die Rede bricht ab, man hört eine Minute lang eine Saalschlacht toben, dann tritt Domizlaff allein aus dem Saal. Es ist deutlich zu sehen, dass er offenbar zwischen die Parteien geraten ist, seine Kleidung ist zerrissen, er krümmt sich und spuckt)
Domizlaff 2: ich hasse körperliche gewalt
ich hasse sie
das land es taumelt die menschen taumeln
die entfesselte masse beherrscht die straße
ohne richtung
dilettanten regieren
zehn reichkanzler in sieben jahren
wirth cuno stresemann marx luther marx
hat niemand geistige mittel
das alles in der bahn zu halten
die masse beherrschen
durch geistige mittel
alles andere ist illegitim
(schaut auf die am Boden liegende Deutschlandfahne)
beide flaggen
sind nichts wert im angesicht der zeit
wir brauchen ein symbol das tiefer greift
das an die geistige wurzel reicht von generationen
und abergenerationen
das alle deutschen gleichermaßen verehren
das ist nicht schwarz-rot-gold
und ist nicht schwarz-weiß-rot
der adler ist es so wie ihn dürer schon gezeichnet hat
der wurde mit der muttermilch schon eingesogen
der masse ins gedächtnis eingeschrieben
wir brauchen jemand der dieses symbol
betreut und pflegt und für seine durchsetzung
mit aller konsequenz verantwortlich ist
ein zensor ein richtiger zensor
nicht wie der reichskunstwart
der nur empfehlungen gibt und milde säuselt
nur ich kann zensor
dieses neuen deutschen reiches werden

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Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Szene 10

Donnerstag, 12. Februar 2009 14:58

Sänger:

als hans domizlaff
schon compagnon und teilhaber war
in philipp reemtsmas
großer zigarettenfabrik
da schwamm er schnell im großen geld
doch mißfiel dem aristokratensohn
der allzu liberale ton
in der weimarer republik
- so weit zurück so weit
die alte ach die gute zeit -
allein im kaiserlichen yachtclub
stieß man noch ein vivat
auf den kaiser wilhelm aus
sieh da sieh da und auch domizlaff kanns
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Im neu errichteten Clubhaus des Kaiserlichen Yacht-Clubs in Kiel. Zwei Mitglieder der Kaiserlichen Marine, Veteranen des Ersten Weltkriegs, Vizeadmiral Erich Raeder und Vizeadmiral Conrad Mommsen, im Gespräch. Vizeadmiral Alfred Begas, der Hausherr des Clubs, tritt mit dem neuen Mitglied Hans Domizlaff hinzu, Kiel 1927)

Raeder: haben sie das gelesen
reichswehrminister gröner fordert
unseren kaiserlichen yachtclub umzubenennen
der name gefährde das bestehen der republik
Mommsen: es gibt leute denen keine tradition mehr etwas bedeutet
wir treiben segelsport und weiter nichts
Raeder: der kaiser ist in den augen dieser leute
nichts als ein un-symbol
Mommsen: niemand hat mehr zur förderung des segelsports getan
als unser höchster kommodore kaiser wilhelm II
und wenn unser clubname
die erinnerung an seine majestät wachhält
so drückt sich darin nichts als das bekenntnis
zu seinem größten förderer aus
Raeder: wir waren niemals ein politischer verein
und werden niemals einer sein
die herren tagespolitiker sollen sich nur einmal
die namenslisten unserer mitglieder durchsehen
Mommsen: und sie sollten nur einmal
die kieler woche besuchen
sie würden staunen wer uns nach dem weltkrieg
wieder die ehre gibt und teilnimmt
dann würden sie sehen
dass deutschland zumindest im segelsport
längst wieder seegeltung hat
Raeder: was verlangen sie
von unverständigen landratten
Mommsen: landratten die vom politischen tagesgeschmack
ebenso schnell nach oben gespült werden
wie sie wieder verschwinden
während unser club bestehen bestehen beibt
Raeder: auf den kaiserlichen yacht-club
Mommsen: zum wohl (sie trinken)
Begas (tritt mit Domizlaff hinzu): meine herren guten abend
ich hoffe sie fühlen sich in unserm neuen clubhaus wohl
Raeder: ganz ausgezeichnet vizeadmiral begas
ganz ausgezeichnet der komfort hoffe nur
dass die unsinnige forderung
der umbenennung unseres clubs
nicht noch in einer staatskrise endet
Begas: die wellen werden sich schon wieder legen
wenn die bürgerliche presse sich erst einmal
an dem thema satt gefressen hat
darf ich ihnen unser neues mitglied vorstellen
hans domizlaff heißt dieser junge mann
er ist ein werbefachmann
Domizlaff 2: guten abend meine herren vizeadmiräle
Mommsen: und sie segeln
Domizlaff 2: seit 1911
Mommsen (schmunzelnd): dann braucht er ja keine kopftaufe mehr
Raeder: und sie haben ein eigenes boot
Domizlaff 2: ja
Raeder: sie sind noch recht jung - und schon ein eignes boot
Begas: herr domizlaff ist in den letzten jahren
zu einigem vermögen gekommen
für die markenartikelindustrie
entwickelte er völlig neue werbemethoden
Domizlaff 2 (fällt ein): ich nenne es markentechnik
Begas: und wurde teilhaber einer großen zigarettenfabrik
der club könnte von seinen erfahrungen
im werbetechnischen bereich profitieren
gerade jetzt wo unsere finanzielle lage
durch den neubau des clubhauses
so angespannt ist dass wir nicht einmal
für den druck unseres jahrbuchs
kaum mehr die mittel haben
Domizlaff 2: wir könnten einen grossteil der kosten
durch die hereinnahme von inseraten decken
Begas: er hat aber auch noch ganz andere ideen
(nickt Domizlaff aufmunternd zu)
Domizlaff 2: ich denke an eine zigarettenmarke
kaiserlicher yacht-club
exklusiv zu gehobenen preisen
das würde einige mittel in die kasse spülen
Raeder: zigarren und pfeife sind mir willkommen
aber zigaretten
Begas: ihr persönlicher geschmack meine herren
sei ihnen unbenommen
doch in zigaretten scheint viel geld zu stecken
Mommsen: nun ich weiß nicht recht
Begas: wie dem auch sei wir sollten unser neues mitglied
zunächst einmal anständig begrüßen
(Begas und Domizlaff setzen sich dazu, sie trinken - im folgenden immer schneller)
Begas: herzlich willkommen herr domizlaff
im kaiserlichen yacht-club
auf unser neues mitglied
Alle (stehen auf): auf unseren club und seinen guten namen
Raeder: herr domizlaff wenn sie schon ein boot haben
wir planen eine geschwaderfahrt
zum gedächtnis an die schlacht im skagerrak
der reichspräsident von hindenburg wird anwesend sein
in kiel auf ehrentribüne machen sie mit
Domizlaff 2: es ist mir eine ehre
Raeder: blauer anzug blaue mütze
Domizlaff: sehr wohl herr vizeadmiral
Begas (erklärt Domizlaff): beide herren waren damals vor elf jahren
in vorderster reihe selbst mit auf den schiffen
Mommsen: was heute keiner mehr wissen will
wir haben die engländer vernichtend geschlagen
Raeder: im schlachtkreuzergefecht haben unsere
panzerbrechenden granaten sie gnadenlos zerfetzt
queen mary indefatigable und invincible versenkt
Mommsen: drei englische schlachtkreuzer versenkt
in nur einer stunde versenkt
mit über 3000 mann
ha invincible dass ich nicht lache
Begas (versucht zu bremsen): meine herren alte zeiten
doch heute machen wir
friedliche wettfahrten mit segelbooten
wir freuen uns dass unser club gedeiht
und wieder ein neues mitglied hat
(er erhebt sich) drei hurras auf unsern allerhöchsten kommodore
Alle (stehen mit erhobenen Gläsern auf):
hurra hurra hurra
(sie singen inbrünstig):
heil dir im siegerkranz
herrscher des vaterlands
heil kaiser dir
fühl in des thrones glanz
die hohe wonne ganz
liebling des volks zu sein
heil kaiser dir

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Szene 9

Sonntag, 8. Februar 2009 19:03

Sänger:

als hans domizlaff
längst werbeleiter war
in reemtsmas großer zigarettenfabrik
verkehrte sich sein leben radikal
zuvor nicht anerkannt
verprügelt verachtet gedemütigt
hatte er jetzt eine position
o welcher genuss o welche macht
wie lange ersehnt und jetzt erreicht
und schon wagte er
in mancher formulierung
einen ziemlich heißen tanz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Domizlaff diktiert seiner Sekretärin Anni Dröge einen Brief an die Fürstin Esterhazy; währenddessen hantiert er mit deren Bildnis, schwenkt es vor sich hin und her wie einen Spiegel, Hamburg-Othmarschen, 1924)

Domizlaff 2: häschen schreib:
durchlauchtigste gnädigste
fürstin esterhazy ach
Anni Dröge: ach
Domizlaff 2: ach was natürlich nicht ach
mögen sie gütigst
einem schon lange
geheimen verehrer
ihrer makellosen schönheit
einem untertänigen diener
ihrer fürstlichen hoheit
erlauben seine verschämten augen
aufzuschlagen und ihn anhören wenn
sich ein bescheidenes wort
aus seiner seele windet
Anni Dröge: seele windet
Domizlaff 2: sie haben ja so recht verehrteste
mich als den verantwortlichen
für die reklame unserer zigarettenfabrik
mit härtesten vorwürfen zu belegen
ja ich bekenne mich schuldig
ja ich war es der sich
wie ein dieb ein abscheulicher
Anni Dröge: abscheulicher
Domizlaff 2: sich bemächtigte
ihres bildnisses und es ungefragt
vervielfältigen ließ
um es unseren zigarettenpackungen beizulegen
so tief sehen sie mich verstrickt
in schuld und scham
Anni Dröge: schuld und scham
Domizlaff 2: niemals verehrteste fürstin
fiele es mir ein diese verfehlung
im geringsten beschöningen
zu wollen und doch
erlauben sie mir ein wort und
- mir zittert der mund -
Anni Dröge: zittert der mund
Domizlaff 2: es ihnen zu sagen -
von ihrer schönheit geblendet
überwältigt vom reinen
ebenmaß ihrer
(er betrachtet das Bild, dann süffisant)
nasenflügel
Anni Dröge: nasenflügel
Domizlaff 2: entwaffnet von der in ihrem antlitz
sich spiegelnden sittlichkeit
eines höheren menschentums
war es mir gleichsam
ein inneres bedürfnis ja nachgerade
ein zwang
Anni Dröge: zwang
Domizlaff 2: schreiben sie unausweichlicher
unausweichlicher zwang
ihr bildnis mit aller
mir zur verfügung stehenden macht
zu verbreiten und dies war
schau schau
Anni Dröge: schau schau
Domizlaff 2: häschen doch nicht schau schau
dies war
das profane aber wirkungsvolle mittel
unserer bekannten markenzigaretten
denn - um den dichter zu zitieren
wer die schönheit angeschaut mit augen
ist dem tode schon anheimgegeben…
Anni Dröge: dem tode schon anheimgegeben …. schön
Domizlaff 2: konzentration häschen!
und doch scheint es zuweilen
die vorsehung so fügen zu wollen
dass ihm zugleich auch wachsen
unsichtbare flügel der list…
Anni Dröge: flügel der list
Domizlaff 2: solcher schönheit lebenslang
ein dienstbarer geist zu sein
dies hochverehrte fürstin
sind die ungelenken worte
ihres stammelnden knechtes
der ihnen das innere seiner brust…
Anni Dröge: das innere?
Domizlaff 2: nein goethischer -
das innere seines
(er benutzt seine gespielte Entrückung, um nach ihren Brüsten zu grapschen, sie wehrt nur halbherzig ab)
busens entdeckt worin
ein unauslöschliches feuer
lodert ihnen ein denkmal
in den herzen der menschen
zu setzen ewiglich amen
Anni Dröge: ewiglich amen
Domizlaff 2: quatsch amen
bedenken sie gnädigste fürstin
doch auch einmal
dass auf diesem wege ihr bildnis
millionen- und abermillionenmal
in die hände schlichter menschen gelangt
wahrhaftig ich sehe schon
vor meinem geistigen auge
das brave volk sich
an ihrer wohlgestalt erquicken
den rohen geschmack veredeln
wenn es ihr bildnis
sammelt und aufbewahrt
und wie eine ikone
(er nähert sich ihr unzweideutig)
inbrünstig küsst.
Anni Dröge: aber herr domizlaff
Domizlaff 2: und jetzt sehen sie mit mir
den arbeitsmann diesen
triebhaften einfachen menschen der
(er nestelt an ihrer Bluse)
von der last seines tagwerks erschöpft
in der mittagspause endlich
sein zigarettenpäckchen öffnet
(er öffnet ihre Bluse)
und was lacht ihn an?
ein anmutiger traum
der mitsamt den schönen runden
geballten tabakwölkchen
seiner zigarette
entzückend vor ihm schwebt
(er erhebt sich und schreitet herrisch auf und ab)
anmut schönheit und grazie
gebührt der sieg
dafür kämpft mannhaft
ihr getreuer vasall
und verneigt sich
vor ihnen ehrfurchtsvoll
Anni Dröge: welch schöner brief welch edler schluss
Domizlaff 2: darunter der übliche nusch
bla bla diese ziege
(geht genervt ab; Anni Dröge richtet ihre Bluse und bleibt verstört zurück)

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Szene 8

Sonntag, 8. Februar 2009 19:01

Sänger:

als hans domizlaff
der missverstandene und getretene
ewige außenseiter
nach unendlichen demütigen
in sämtlichen arbeitsgemeinschaften
ob in der schule
im studium oder beim militär
im jahre 1921
schon fast dreißig jahre alt war
ergriff er nach dem großen krieg
in phillipp reemtsmas
aufstrebender zigarettenfabrik
seine allerletzte
ja seine lebenschance
hierin sensibel war
domizlaff hans

Domizlaff 2 allein
(im Büro der Reemtsmaschen Zigarettenfabrik, vor sich eine Reihe verschiedener Zigarettenpackungen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wie „Monte Bello”, „Gibson Girl”, „Rumpler Taube”, „Dandy”, „Feldpilot”, „Unsere Marine”. Daneben Entwürfe für neue Packungen aus dem Hause Reemtsma, zum Teil als Demonstrationsobjekte in überdimensionaler Ausführung aus Pappe, Hamburg 1921).

(liest aus dem Wirtschaftsteil der Zeitung vor)
„In Südbaden mussten etliche Zigarrenfabriken bis auf Weiteres schließen und ihre Arbeiter entlassen. Während des Weltkriegs hatten sie ihre Produktion zuletzt noch stark ausgeweitet. Seit mit Kriegsende die Aufträge aus dem Heeresversorgungsamt ausblieben, ist die Nachfrage so sehr zurückgegangen, dass es keine ausreichenden Erlöse mehr gibt…”

die zigarre ist tot
und wird nicht auferstehen
die leute wollen nur noch zigaretten
die zeit ist auch viel zu nervös
um noch zigarren zu rauchen
allons die karten werden neu gemischt
und ich bin dabei
also meine lieben
ihr seid ja eine richtig bunte truppe
heut werdet ihr examiniert
(nimmt sich die Marke Manoli Monte Bello vor, dreht sie zwischen den Händen, betrachtet die Packung aufmerksam)
das m ist gut
das m ist grafisch wirklich gut
ein zeichen das kein mensch vergisst
und wie der name klingt manoli monte bello
italien ruft
orakelt zauberformelt…
(er entnimmt dem Päckchen eine Zigarette und steckt sie an, bläst den Rauch in die Luft)
rauch ich den tabak oder nur den namen
monte bello
karussell
kreist angenehm in meinem kopf
(er lacht kurz auf, nimmt die Packung Gibson Girl in die Hand, befühlt sie, spricht mit ihr)
und du also willst uns lehren
was heutzutage schönheit ist
das ideal der zeit
als amerikanische erfindung
(entnimmt auch ihr eine Zigarette, steckt auch sie an, prüft, vergleicht beide, schüttelt den Kopf, entnimmt einer dritten Packung der Marke „unsere Marine” eine Zigarette, zündet sie ebenfalls an, raucht alle drei versuchsweise im Wechsel)
unsere marine
zu kurz gedacht mein herr produzent
zu sehr das kriegsglück strapaziert
der krieg verloren
und „unsere marine” tot
was raucht der mensch der raucht
(Er nimmt eine weitere Packung in die Hand: „Rumpler Taube”, entnimmt auch ihr eine Zigarette, zündet sie an, legt sie neben die anderen, schnüffelt am Rauch, läuft hin und her)
ein flugzeugtyp
warum soll ich ein flugzeug höher schätzen
als gibson girl das mich umschmeichelt
mit seinem sexappeal

(er geht auf und ab, schaut immer wieder die Schachteln an, man spürt, wie es in ihm arbeitet. Unschlüssig setzt er sich hin, blättert in einem Buch: Gustave Le Bons „Psychologie der Massen”. Was er liest, wird aus dem Off mit traumhaftem Hall eingespielt)
„die eingebildete vorstellung
kann zum kern einer art
kristallisation werden
welche den bereich des verstandes
ergreift und allen kritischen geist
lähmt.”
(Er lässt das Buch sinken, grübelt, nimmt es nach einer Weile wieder auf)
„handelt es sich jedoch darum
der massenseele ideen
und glaubenssätze einzuflößen so
wenden die führer
verschiedene verfahren an
die behauptung
die wiederholung
und die übertragung oder ansteckung
ihre wirkung ist ziemlich langsam
aber
ihre erfolge sind von dauer
(Pause)
unter den massen
übertragen sich ideen gefühle
erregungen glaubenslehren
mit ebenso starker ansteckungskraft
wie mikroben”
(er stammelt noch ein paar Wortfetzen wie in Trance nach)
glaubenslehren
wie
mikroben
die masse beherrschen
durch …
ideeninfektionen
(er lässt das Buch sinken und geht an einen Tisch, auf welchem verschiedene Pappschachteln liegen, nimmt eine in die Hand, wendet sie zwischen den Händen, schaut aus dem Fenster, wo die Lichter der Stadt flackern)
da draußen liegst du
massengehirn
naturhaft
kennst dich selber nicht
lebst vor dich hin
wie eine pflanze im rhythmus der zeiten
keiner kann dich sehen
keiner dich anfassen
doch jeder spürt dass es dich gibt
wenn deine macht sich zeigt
ein urteil entsteht
zum werturteil wird
tausendfach sich multipliziert
die öffentliche meinung beherrscht
und jeder der nachdenkt
fragt sich verwundert warum
(er wendet sich ab, sein Blick fällt auf einige herumliegende Illustrierte)
wie einem filmsternchen urplötzlich
die herzen zufliegen
ein freundliches vorstellungsbild
von diesem jungen ding
in den köpfen
sich aufbaut
aus unerklärlichen gründen
völlig überzogen
für jeden der nachdenkt
und plötzlich
genauso
sang- und klanglos
wieder abstirbt
(Pause)
wie entsteht
was massenhaft
sympathie
vergibt
(große Pause)
oder verweigert
(Domizlaff krampft plötzlich zusammen; aus ihm brechen paranoide Bilder von früher hervor)
wenn da nur dreie beieinander standen
und ich noch fern war schauten sie schon spitz
ich hörte sie schon tuscheln wenn ich kam
sie tuschelten noch immer wenn ich fort war
war es mein scharfer blick der gleich erkannte
was sie zusammenschweißte masse war an ihnen
sie aber fühlten dass ich sie durchschaute
da steckten sie die köpfe eng zusammen
(er schlägt die Hände überm Kopf zusammen)
und riefen rotfuchs silberblick … nein… nein
(er zuckt zusammen)
in welche studien habt ihr mich getrieben
auf ewig ausgeschlossen
von jeder menschlichen gemeinschaft
der einsamste mensch seit nietzsche
seit nietzsche der einsamste mensch…
(er fängt sich) könnte es so funktionieren
wenn die masse
in sich selbst
eine art vervielfältigungsapparat
in bewegung setzt
man müsste ihr nur das passende material
wie kinderbauklötze
mit denen sie unbewusst spielt
verabreichen
(es klopft, Philipp Reemtsma tritt ein)
Reemtsma: herr domizlaff recht guten abend ich sah licht
und kam gleich her ich habe gute nachricht
in mazedonien und an der türkischen küste
ist eine exzellente tabakqualität gereift
und auch die menge soll erfreulich groß sein
wir haben günstige kontrakte aufzukaufen
die ernte aus verschiednen provenienzen
die einzulagern für jahrzehnte lohnt
wie weit sind sie gekommen herr domizlaff
mit ihrer konzeption der neuen marke
(schaut auf die Vorkriegs-Packungen, nimmt die Rumpler-Taube in die Hand, lacht)
Domizlaff 2 (will antworten): herr…
Reemtsma (hört gar nicht auf ihn):
die sind ja wirklich alle aus der zeit gefallen
wer mag denn heut noch seine raucher-phantasie
in einer rumpler-taube spazieren führen
wir müssen diesem zeug den todesstoß versetzen
denn wenn der weltkrieg etwas gutes hatte
dann wars der radikale schnitt im zeitempfinden
die neue zeit sie schreit nach neue marken
Domizlaff 2 (geradezu devot): herr reemtsma
ich arbeite tag und nacht daran
noch fehlt der name geben
sie mir zwei tage nur ich bitte
Reemtsma (souverän lächelnd): herr domizlaff sie wissen
ein jeder tag ist nicht nur kostbar sondern teuer
und was die konkurrenz macht weiß allein der teufel
Domizlaff 2: die neue marke wird bald fertig sein
Reemtsma: sie muss
Domizlaff 2 (leicht stammelnd):
wenn wie sie sagen endlich
über einen längeren zeitraum
konstante tabakqualitäten verfügbar sind
so können wir mit dieser neuen marke
das öffentliche vertrauen ganz gewinnen
Reemtsma (ungeduldig): mit welcher strategie
Domizlaff 2 (schnell): durch souveräne handhabung aller
künstlerischen mittel in der gestaltung der packung
im hinblick auf alles was immer geeignet ist
vertrauen zur warenqualität aufzubauen…
Reemtsma: (unterbricht gelangweilt) machen sie machen sie
sie hatten mich ja überzeugt
dass sensationsreklame mit sandwichmännern
und werbewagen sogar schädlich ist
Domizlaff 2: in den köpfen bleibt der reklamezirkus lebendig
aber kein dauerhafter eindruck
von der qualität der ware
das ist das problem
Reemtsma: dann beweisen sie mir
dass sie es besser können
indem die leute unsre marke kaufen lernen
(mit einem strengen Blick ab)
Domizlaff 2 (nach längerer Pause, in welcher er verschiedene übergroße Demonstrationspackungen inspiziert und sie sich wie sein Gesprächsgegenüber vor das Gesicht hält):
man müsste dich erwecken können
zu einem lebendigen wesen
nur lebenden wesen
wird auf die dauer vertrauen geschenkt
(er hält die Packung wie eine Maske vors Gesicht und tritt vor einen Spiegel; im Folgenden entwickelt sich ein skurriler Dialog zwischen Domizlaff mit und ohne Musterpackung, wenn er sie abwechselnd vor sein Gesicht hält und dann wieder abnimmt)
Domizlaff 2 (ohne Maske): wer bist du nenn mir deinen guten namen
Domizlaff 2 (mit Maske): ich heiße rumpler taube
Domizlaff 2 (ohne Maske): und du willst eine zigarette sein
ich trau dir nicht warum hast es nötig
mir flugzeugbilder vorzugaukeln
das einzige was dir gemeinsam ist
mit einem flugzeug: rauch fliegt auch
Domizlaff 2 (mit Maske): dann heiße ich D 9
Domizlaff 2 (ohne Maske): warum D 9 warum nicht gleich R 6
wo ist der unterschied
R 6 moment R 6 ja warum nicht
Domizlaff 2 (nimmt die Musterpackung, setzt sich, schmückt sie kunstvoll mit diesen beiden Zeichen aus)
R das heißt reemtsma 6 steht für die mischung
hersteller einerseits und andrerseits die sorte
in denkbar knappsten zeichen ausgedrückt
Domizlaff 2 (er hält die Packungsmaske vors Gesicht)
rrrrrrr
das schnurrt und hallt und läuft ganz rund
Domizlaff 2 (ohne Maske): du scheinst mir eine ehrliche haut zu sein
ein gutes tabakangebot sonst nichts
das ich beruhigt kaufen kann ohne angst zu haben
mit irgendwelchen hergeholten bildern
eingefangen worden zu sein
Domizlaff 2 (mit Maske): ich liebe keine großen worte
ich bin R 6 nüchtern schnörkellos
ein wenig chiffernhaft vielleicht und fast
ein wenig wie für eingeweihte spezialisten
Domizlaff 2 (ohne Maske): genau das macht dich mir sympathisch
es muss ja welche geben die das auch verstehen
eine kleine schar von kennern
die deine qualität sehr schätzen
Domizlaff 2 (mit Maske, säuselnd): genau wie du
du bist ein kenner und wählst behutsam aus
dich kann man nicht betrügen
Domizlaff 2 (ohne Maske, schläfrig): genau wie ich
ich bin ein kenner und wähle behutsam aus
mich kann man nicht betrügen
Domizlaff 2 (legt die Maske zur Seite, setzt sich an den Schreibtisch, triumphierend):
das ist es: das kürzel ist magisch es verheißt
es gibt eine ganze gemeinde von kennern
du und du und du
ihr gehört nach und nach dazu
Domizlaff 2 (stolz und selbstzufrieden):
das soll noch reklame sein
eine packung bewaffnet
mit unendlich feinen widerhaken des vertrauens
wie noch kein industriell hergestellter
artikel zuvor
das ist eine technik
markentechnik

nun geh hinaus du kleine schachtel
arbeite dich wie ein virus schleichend
in ihre psyche ein
langsam zuerst unmerklich fast
vertrau auf deine innere kraft
bald kommt der tag wo sie deine magie verspüren
weil du ein könig bist der sie mit würde bannt

Domizlaff 2: du gnadenloses massentier da draußen
wie hast du mich gequält die vielen jahre
ich werd dir meine viren injizieren
und dich gehorchen lehren dummes tier
und du wirst kaufen weil du der packung traust
der marke die vor deiner nase baumelt
und die ich dir jetzt in dein weichhirn flöße
immerzu immerzu
(er lacht)
du massen-woyzeck ja du woyzeck-masse
wirst glücklich und bewusstlos konsumieren
zwar keine erbsen essen
aber diese zigaretten rauchen
immerzu immerzu
und ohne dass du auch nur ahnst warum

(er macht sich fertig zum Gehen, schaut noch einmal in den Spiegel)
alleine bin ich nichts
der menschlichen gesellschaft fern wie keiner
mit philipp reemtsma bin ich eine macht
wir werfen unsere genies zusammen
der unternehmer und der künstler
das ist die allianz der neuen zeit
und sie ist stark genug jedes massentier
durch infektionen zu beherrschen
(er löscht das Licht. In der Tür dreht er sich noch einmal um)
in wahrheit sind sie beide
der unternehmer und die käufermasse tiere
und ich der letzte mensch dazwischen
der beide am ende nur bestaunen kann

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Szene 7

Sonntag, 8. Februar 2009 18:57

Sänger:

als hans domizlaff
nach dem verlorenen krieg
auf die eigenen füße zu stehen kam
war diese landung ziemlich hart
ohne beziehungen ohne aufträge
saß der künstler monatelang
hungernd und frierend
in seinem atelier in leipzig
da zog er zum ersten mal
eine radikal-ehrliche
halb vernichtende
halb zukunftsweisende
erfahrungs- und lebensbilanz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(In Domizlaffs ärmlichem und verwahrlostem Künstler-Atelier in Leipzig; man sieht zwischen zahllosen freigrafischen Bildern erste einzelne Werbeplakate, Domizlaff völlig deprimiert, allein, Leipzig 1919)

Domizlaff 2 (liest sich selbst aus einem Brief von seinen Eltern vor):

ein halbes leben siebenundzwanzig jahre
haben wir dich treusorgend unterstützt
was eltern nur tun können haben wir getan
dir ist kein abschluss kein zeugnis gelungen
geblieben sind uns étuden eines ewigen studenten
ein paar zeichnungen ein paar bilder
wir können dich nicht länger unterstützen
du musst nun selber sehen
wohin dein lebensschiff dich trägt
leb wohl
deine eltern

(schaut in einen halb zerbrochenen Spiegel an der Wand)

was ist nur los mit mir
seit ewigkeiten
herr gott zeig mir den weg
warum finde ich nie zur gemeinschaft der menschen
warum stoßen sie mich immer aus und ab

bin ich so missraten so unfähig so ungeschickt
mich in jede noch so harmlose ordnung einzufügen
ein außenseiter von geburt an
zeig mir doch den weg herrgott

nein

(er nimmt urplötzlich eine Tasse und zerschlägt den Rest des Spiegels)

fang bei dir selbst an radikal
was kannst du eigentlich antworte ehrlich
(er zählt langsam auf):
physik und mathematik sind mir vertraut
maß und zahl sind mir nicht fremd
technische dinge kann ich mir verständlich machen
ich habe mit formen und farben gearbeitet
die stilmittel der bildenden kunst kenne ich gut
kunstgeschichte hab ich auch studiert
schriftstellerisch war ich tätig
meine allgemeinbildung ist recht gut
sogar als vertreter bin ich herumgekommen
habe kaufmännisch denken gelernt
vor allem bin ich empfindlich und registrierfähig
gegenüber allen psychischen wirkungsmitteln
der sprache und der graphik
und seit frühester jugend
praktisch massenpsychologe gewesen
die deutschen und die europäischen landschaften
mitsamt den besonderheiten ihrer bevölkerung kenne ich
abstrahieren kann ich
und einigermaßen vorurteilslos denken

all das erscheint zusammenhanglos
wie viele einzelne kleine spielereien
die zu einem wirklichen lebensberuf
niemals ausreichen
und dennoch haben sie ja
einen gemeinsamen nenner:
das werbefach

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Szene 6

Sonntag, 8. Februar 2009 18:55

Sänger:

als hans domizlaff
schon mitte zwanzig war
zog ihn zum dienst das militär
schon in der schule zurechtgebogen
und scheinbar ohne gegenwehr
ward ihm der letzte willensrest
von der militärmaschinerie
gewaltsam ausgepresst
fast stand er wie sein woyzeck da
abgerichtet als ein vieh
freilich nahm dies gar nicht wahr
die militärische ordonanz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Militärisches Übungsgelände; kleiner Hügel mit einer Mulde an der höchsten Stelle. Es wird „Stellungen stürmen” geübt. Unteroffizier, Rekruten (stumm), Domizlaff, später Offizier des Generalstabes, Truppenübungsplatz in Norddeutschland, 1917)

Unteroffizier: achtung gruppe a sturm-einbruch
der gruppenführer nutzt jede gelegenheit
zum einbruch auch ohne besonderen befehl aus
durch sein persönliches beispiel
reißt er die ganze gruppe zum sturm vor
domizlaff sie sind der gruppenführer
sie operieren beispielhaft verstanden
Domizlaff 2: beispielhaft verstanden
Unteroffizier (brüllt): wie heißt das domizlaff
Domizlaff 2: jawohl herr unteroffizier verstanden beispielhaft
Unteroffizier: vor und während des sturmangriffs
ist der feind mit allen waffen
unter höchster feuersteigerung zu bekämpfen
Domizlaff 2: feuersteigerung jawohl herr unteroffizier
Unteroffizier: gruppe a sturmfertig machen
feind in vorbereiteter stellung (zeigt auf den Hügel)
MG stürmt mit
in der vorwärtsbewegung feuernd
mit handgranaten gewehren pistolen spaten wird
der letzte widerstand des feindes gebrochen
unter „hurra” lautem „hurra”
Domizlaff 2: jawohl herr unteroffizier verstanden
Unteroffizier: auf marsch marsch
(Die Gruppe springt hoch und will vorwärtsstürmen)
halt zurück von vorn:
beim aufspringen wird von den handgranatenwerfern
das gewehr in der linken hand belassen
und mit der rechten
die zum sturmangriff bestimmte handgranate erfasst
(Die Gruppe springt hoch und stürzt vorwärts, während des Sturms mit allen Waffen feuernd)
auf 30-20 schritte an den gegner herangekommen
löst der gruppenführer durch zuruf oder pfiff
den handgranatenwurf der handgranatenwerfer aus
(schreit) domizlaff wo bleibt der pfiff
Domizlaff 2 (pfeift schwach)
Unteroffizier: was war denn das
Domizlaff 2: herr unteroffizier ich kann nicht pfeifen
Unteroffizier: dann machen sie handzeichen rufen sie
der befehl muss ihre kameraden erreichen
Domizlaff 2: handgranaten werft
Unteroffizier (schüttelt den kopf): so matt und saftlos
nach erfolgtem wurf schmeißt sich alles
auf dem boden um nach der detonation
sogleich mit „hurra” in den feind einzubrechen
Domizlaff 2 (eilfertig): „hurra”
Unteroffizier (fasst sich an den Kopf):
domizlaff sie sind noch nicht am ziel
erst in die feindliche stellung einbrechen
übergang in den nahkampf sie allein jetzt
die andern gehen unten vor dem hügel in deckung
Domizlaff 2 (auf halber Höhe am Hügel, grüßt):
jawohl herr unteroffizier
Unteroffizier: schütze domizlaff bricht mit gefälltem gewehr
in die feindliche stellung ein
und erledigt einen gegner
durch bajonettstich
jetzt
Domizlaff 2 (auf dem Hügel, sticht ungeschickt in den Boden)
hurra
Unteroffzier (zeigt, indem er mit seinem Gewehrschaft Bajonettstiche imitiert):
das bajonett ist doch keine kuchengabel
so und so und so domizlaff
Domizlaff 2 (fuchtelt weiterhin ungeschickt mit dem Bajonett herum)
Unteroffizier (merkt die Sinnlosigkeit, plötzlich neuer Befehl)
achtung domizlaff
handgranate aus rückwärtigem graben
(wirft einen Stein in Domizlaffs Richtung)
sie fällt dicht neben ihnen zu boden
Domizlaff 2 (bückt sich langsam und umständlich)
Unteroffizier (entnervt): was tut der schütze jetzt
Domizlaff 2: herr unteroffizier handgranate wegwerfen
Unteroffizier (schreit): dann tun sies aber zackig
werfen sie sie aus dem graben
drücken sie sich selbst zu boden
ist die handgranate krepiert
lugen sie über den grabenrand
Domizlaff 2: jawohl herr unteroffizier
Unteroffizier: achtung domizlaff ein feindlicher schütze geht
aus einem granattrichter vor ihnen
hoch und läuft rückwärts
was tun sie
Domizlaff 2: ich… ich… ich…
Unteroffizier: wenn sie noch weiter so stottern sind sie tot
schnellschüsse domizlaff schnellschüsse
achtung jetzt handgranate von links
sie ist vier schritte von ihnen ins gras gefallen
Domizlaff 2: herr unteroffizier ich laufe weg
Unteroffizier: falsch domizlaff denken sie nach
sie liegen ja in einer mulde
sie drücken sich so platt als möglich an die erde
den kopf der handgranate abgewendet
nach der detonation spähen sie vorsichtig
nach neuen gegnern aus
Domizlaff 2: jawohl herr unteroffizier nach neuen gegnern
Unteroffizier: sie sehen in richtung halblinks
auf handgranatenwurfweite
einen gegner über den grabenrand spähen
Domizlaff 2: herr unteroffizier ich werfe selbst eine handgranate
Unteroffizier: endlich domizlaff endlich
doch plötzlich weichen mehrere gegner
der handgranate aus und laufen rückwärts
Domizlaff 2: ich schieße auf sie herr unteroffizier
Unteroffizier: schnellschüsse domizlaff immer schnellschüsse
so lange bis sich nichts mehr regt
Domizlaff 2: bis sich nichts mehr regt
Unteroffizier: wie heißt das
Domizlaff 2: herr unteroffizier bis sich nichts mehr regt
Unteroffizier: sehn sie domizlaff nur drei monate täglich solche übungen
und selbst sie sind begrenzt verwendungsfähig
ist der schütze im nahkampf tüchtig geschult
so gibt ihm dies ein gefühl
der sicherheit und überlegenheit
wiederholen sie
Domizlaff 2: herr unteroffizier begrenzt verwendungsfähig
Unteroffizier: nein domizlaff nicht doch
sicherheit und überlegenheit
Domizlaff 2 (will gerade wiederholen): herr u..
Unteroffizier: schweigen sie
wissen sie überhaupt was ihre pflicht ist
wenn sie eine stellung erobert haben
Domizlaff 2 (schweigt)
Unteroffizier: ich wusste es schütze domizlaff
sie können nichts sie wissen nichts
ich werde ihnen erklären was pflicht ist sie müssen
die anvertraute stellung siegreich behaupten
oder bis zur eigenen vernichtung halten
wiederholen sie
Domizlaff 2: herr unteroffizier
siegreich behaupten oder
bis zur eigenen vernichtung halten
Unteroffizier (brüllt): lauter domizlaff lauter
ihre kameraden haben nichts gehört
Domizlaff 2 (laut): herr unteroffizier siegreich behaupten oder
bis zur eigenen vernichtung halten
Unteroffizier: das letzte noch einmal und laut
Domizlaff 2 (brüllt): bis zur eigenen vernichtung halten
Unteroffizier: endlich
Offizier des Generalstabs (erscheint im Hintergrund
Unteroffizier (ehrfürchtig in Grundstellung erstarrend):
herr oberstleutnant melde gehorsamst
unteroffzier kottmeier
mit rekruten bei sturm-einbruch-übung
(zu seinen rekruten) achtung stillgestanden
Offizier des Generalstabs:
herr unteroffizier stehen sie bequem
befindet sich in ihrer ausbildungseinheit
ein schütze namens domizlaff
Unteroffizier: jawohl her oberstleutnant
Offizier des Generalstabs: dieser wird auf der stelle
aus ihrer einheit entfernt und versetzt
Unteroffizier: achtung domizlaff vortreten
die andern wegtreten
(völlig irritiert) herr oberstleutnant
darf ich gehorsamst fragen
was der grund für diese maßnahme ist
Offizier des Generalstabs: der schütze hat seinem vater
dem oberpostmeister des deutschen reiches
einen brief geschrieben
darin führt er aus dass es ihm unmöglich sei
die militärische ausbildung fortzuführen
sein vater hat die oberste heeresleitung informiert
dort wurde entschieden den rekruten domizlaff
einer andern verwendung zuzuführen
Unteroffizier (wütend, schreiend): domizlaff hierher
Offizier des Generalstabs: sie sind der schütze domizlaff
Domizlaff 2: jawohl herr general
Offizier des Generalstabs (schmunzelt): sie kommen mit (beide ab)
Unteroffizier (für sich): das habe ich noch nicht erlebt
ich hatte ihn so gut im griff
ich war dabei ihn einzuebnen
zu einem masseklumpen einzuebnen
völlig einzuebnen

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Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck