Archiv der Kategorie: 'Episches & Lyrisches'

Die Beigen

Montag, 23. August 2010 11:54

(Hommage an Rilkes Blaue Hortensie)

© 2010 Dirk Schindelbeck

Als ob die grellen Töne jüngst verstarben,
verändert sich das Straßenbild zu Zeiten,
auf einmal dominieren bleiche Farben:
vor allem Beige beginnt sich auszubreiten.

Die Beige-gekleideten mit grauen Haaren.
sind sanfte, gute, angenehme Kunden.
Da sie den inneren Frieden längst gefunden,
wissen sie stets die Contenance zu wahren.

Sie sehnen immer Frühling her: gleich zieht
ein Pulk von beigen Mänteln, Jacken, Mützen,
in Parkanlagen, wo sie sich verstreuen:

Die beigen Mützen spiegeln sich in Pfützen.
Sie selbst sind stumm und lächeln, und man sieht
gerührte Beige sich im Grünen freuen.

Dieses Sonett ist mit über 7.000 Klicks das auf Sonnet-Archiv
mit Abstand am meisten abgerufene Gedicht!

Einen umfangreichen Essay zum Sonett gibts hier.

Thema: Bühnenwerke, Liebe et al | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Und der Knabe fühlte sein Modellauto in der Tasche und träumte von einem Benz…

Freitag, 13. August 2010 15:36

© 2010 Dirk Schindelbeck

Wiking-H0-Modelle der 60er Jahre

Wiking-H0-Modelle der 60er Jahre

In der Hosentasche gut versteckt
hab ich die Modelle einst genossen,
ihre so zerbrechlichen Karossen
heimlich und für mich allein entdeckt:

Fenstersäulen, Scheiben, Hauben, Kühler,
Bodenplatten, filigran gepresst,
artig tastend wie ein Formenschüler
hielt ich jeden Typ mir blindlings fest.

Traumverloren in der Straßenbahn
sah dies Winkelglück mir keiner an:
Wo die Form war, war Idee nicht weit…

All mein Werkzeug? Fingerzärtlichkeit -
Stern der Sterne war ein Kunststoffknopf -
und der große Stern erstand im Kopf.

Hintergrundinfos (Sammeln, Soziologie, Geschichte der H0-Modelle etc.) dazu gibt’s hier.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Sonette als Produkte

Mittwoch, 4. August 2010 12:37

oder: ”Made in Germany”. Der etwas andere Sonettzyklus

© Dirk Schindelbeck 2007-2010

Wer etwas darüber nachdenkt, wird mir recht geben: Das Sonett ist eigentlich ein Markenartikel. Es hat genormte Qualitätstandards (14 Zeilen, Volta nach dem 8. Vers, Pointe am Ende).  Es ist also stapelfähig. Was Logistik, Lagerung, Transport, Distribution sehr erleichtert.

Ro-80

Werbepostkarte für NSU Ro 80 (1970)

Zello 1905

Anzeige für Zello-Nasenformer (1905)

Spaßprodukt Goethe-Schnuller von 1999

Schnuller mit Goethes Kopf-Profil (1999)

Es hat wie alle Markenartikel eine erotische Oberfläche. Es möchte verführen. Wer einmal von ihm genascht hat, verfällt einer gewissen Sucht. Es ist ein Wiederholungszwang. Es will konsumiert werden, verbraucht, wird aber nie ganz befriedigen - um das Bedürfnis nach einem weiteren Sonett nicht absterben zu lassen. Alles Qualitäten, welche auch den Markenartikel auszeichnen. Grund genug für mein Projekt

„Sonette als Produkte. Made in Germany”

das erstmals gut 30 Sonette auf (historische) deutsche Markenartikel versammelt. So hat es bislang noch nie ein Sonett auf einen Panzertyp gegeben, ebenso wenig auf eine Badewanne, einen Perlonstrumpf oder den Wankel-Motor. Dass dieser Markenartikel-Lobpreis satirisch ausfällt und jeweils in einer entsprechenden Pointe endet, versteht sich von selbst.

Grundlage für dieses Projekt sind meine kulturhistorischen Arbeiten, die Sie unter verschiedenen Rubriken der docere-Abteilung finden, etwa unter Konsumgeschichte, Reklame & Werbung oder Theorie und Geschichte des Markenartikels. Zu Geschichte und Theorie - vor allem des kybernetischen Sonetts - empfehle ich den Text “Wir schreiben ein Sonett…”

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Thema: Reklame & Werbung, Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Thalysia-Edelformer (1954)

Montag, 2. August 2010 15:04

© 2010 Dirk Schindelbeckthalysia128

Der kluge Mensch verschafft sich Proportionen,
die auch das andere Geschlecht begeistern.
Geschickt die Körperformen zu bemeistern,
das von Natur aus Schöne zu betonen

wird sich besonders für die Damen lohnen
(wie sag ich’s nur charmant?..), die etwas feistern
die gern ihr Problematisches verkleistern
und etwas voller sind in manchen Zonen.

Jetzt hilft, was stärker ist als die Natur,
was sich stets ausdehnt, in der Form zu halten:
Thalysia-Mieder mit den Urgewalten

verleihn dem äußren Menschen die Figur
von früher und dem innren Menschen geben
sie frische Spannkraft und ein neues Leben.

Anmerkung:

Aus dem Original-Anzeigetext von 1954: „Kein Grund zur Aufregung, meine Da­men, auch wenn ihr Körper beginnt, sich selbständig zu machen! Sie können trotzdem begehrenswert und schön bleiben - allerdings muss das Formgebende stärker sein als der Ausdehnungsdrang von innen, sonst drückt sich alles durch. Tragen sie also einen Thalysia-Edelformer.” Er erst „verleiht dem äußeren Menschen eine makellose Silhouette und dem inneren Menschen neue Spannkraft und Frische.”

Mehr Hintergründe dazu gibt’s hier.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Der kleine Trommler (1935)

Montag, 2. August 2010 13:15

© 2010 Dirk Schindelbeck

schindelbeck-trommler

Der kleine Trommler läuft im frischen Schritt,
ein stolzer Oskar, deutsch und kerngesund.
Wie strahlt der Pimpf dich an, wie lacht sein Mund!
Wann wanderst du in solchen Schuhen mit?

Dann könntet ihr zusammen wandern. Nein,
wenn ihr schon zwei seid, könnt ihr gleich marschieren!
Er schlägt den Takt vor, und das wird dich führen:
so kommt ihr von den Alpen bis zum Rhein.

Die Schuhe, euer deutsches Fabrikat,
sie passen gut, sie halten bis Paris,
da sind die Mädchen scharf, die Nächte süß…

Doch halt! Was führt der Trommler jetzt im Schild?
beschleunigt seinen Schritt, läuft aus dem Bild
in Gegenrichtung bis nach Stalingrad…

Mehr Hintergrundimformationen zum Thema in Ilgen/Schindelbeck: Am Anfang war die Litfasssäule. Illustrierte deutsche Konsumgeschichte, Darmstadt 2006

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Die Nusskanne (1979)

Freitag, 30. Juli 2010 12:45

ein Requiem

Abbildungen zur WMF-Nusskanne von 1979 finden Sie hier

© 2010 Dirk Schindelbeck

Sie galt als Priesterin gehobner Tischkultur,
die uns Hygienestandards definierte,
und jene, die in Erdnussschalen ihre Spur
von Fingern hinterließen, rasch kurierte!

Wenn sich aus ihrem Bauch den letzten Spießern
ein Schwall von Flips ergoss und Erdnusskernen,
war sie der Anfang vom sozialen Lernen,
verwandelte Genossen zu Genießern.

Du gabst uns, was uns fehlte: Stil, Geschmack.
Doch wir Banausen, ja wir dumpfes Pack
vergaßen dich, benutzten dich höchst selten.

Nusskanne! Herrliche! In unsere Party-Welten
drangst du nie ein und bliebst schon bald im Schrank:
So nimm nun dies Gedicht als letzten Dank.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Das Hexameter-Projekt

Montag, 26. Juli 2010 15:19

© 2010 Dirk Schindelbeck

Wer in einer der Suchmasken im Internet „Hexameter” eingibt, wird, zumindest was moderne Beispiele betrifft, ziemlich enttäuscht sein. Die Ergebnisse pflegen sich auf klassische Texte zu konzentrieren; breit vertreten ist selbstverständlich die Antike (Homer, Vergil, Ovid, Theokrit, Juvenal usw.), evtl. werden einige Treffer aus der Zeit des lateinischen Mittelalters (Waltharius, Mosella u.a.) zutage gefördert, sodann Klopstock, Goethe, evtl. Hölderlin oder Mörike. Das war’s.

Seit Jahrzehnten findet keine moderne Hexameter-Praxis mehr statt: Es mag sein, dass inzwischen der Mut dazu gänzlich verloren gegangen ist, nachdem selbst Autoren von Weltgeltung wie Thomas Mann (Gesang vom Kindchen, 1916[1]) oder Bert Brecht (Lehrgedicht über die Natur des Menschen, Fragment, 1946[2]) auf diesem Terrain erschreckend  schwache Stücke abgeliefert haben, sodass die Gattung selbst auch von der Forschung inzwischen als historisch überlebt abgehakt wird. Die herrschende Lehrmeinung innerhalb der Germanistik jedenfalls teilt diese Auffassung gern, dass mit der Wahrnehmung hexametrischer Texte, die ihren Qualitätsvorstellungen genügen, bei Mörike, im günstigsten Fall um 1900 Schlussbilanz zu ziehen sei.

Dennoch ist es nicht einzusehen, dass alle Epik, alles erzählende Dichten im 20./21. Jahrhundert nur auf die Form des Prosaromans beschränkt bleiben soll.

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Thema: Balladen/Eklogen | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Windelfaltung nach Hausmannsart

Mittwoch, 23. Juni 2010 12:17

schindelbeck_winderfaltung082

(Erfahrungen aus der Vor-Pampers-Zeit)

© 2009 Dirk Schindelbeck

Wenn ich die Leinenwindel mittig falte
und gleich noch einmal quer, sodass vier Lagen (Fig. 1)
entstehen, kann ich es im Zweitschritt wagen,
die obren Lagen rauszuziehn (Fig. 2), erhalte

ein Dreieck oben, drunter ein Quadrat (Fig. 3);
nun wird das Ganze sorgsam umgedreht,
dies Viereck dann zu einem Stoffpaket
dreilagig eingewickelt (Fig. 4). Somit hat

das Baby an der Stelle, wo die Nässe
sich gern und häufig zeigt, ein Maximum (Fig. 5)
an Saugkomfort. Zufrieden schläft’s schon ein:

„Ja, ja, mein Baby, gell, du bist nicht dumm!”
So lässt es mich den coolen Vater sein,
der ich jetzt ein Sonett schreib oder esse.

zurück zum Sonettzyklus “Alte Liebe”

zurück zum Sachartikel “Pampers” aus dem Markenlexikon

Einen umfangreichen Essay zum Sonett gibts hier.

Thema: Liebe et al | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Donnerstag, 10. Juni 2010 13:14

Das "ballrunde" Fußballgedicht in der einzig ihm angemessenen Optik

Das "ballrunde" Fußballgedicht in der einzig ihm angemessenen Optik

© 1995 Dirk Schindelbeck

Dieses Gedicht - die geniale Strophe verdanke ich Johann Christian Günther (1695-1723; “An Leonore beim anderen Abschiede”) - arbeitet nach dem Prinzip der kalkulierten Redundanz. Es ist sowohl ein barockes

Gedichtmarke "barock"

Schindelbecks Gedichtmarke "barock"

als auch ein konkretes

Gedichtmarke konkret

Schindelbecks Gedichtmarke "konkret"

Gedicht, was das beigefügte Bild verdeutlichen möge, wo jede Strophe gleichsam zu einem Spieler auf dem Rasen wird, der den Ball aufnimmt und weitergibt. Ausgestellt wurde es im Jahr 2001 innerhalb der Performance “Poetische Installationen”. Die Besucher konnten raten, wo es anfängt und ob es überhaupt anfängt (oder aufhört)… Es findet sich auch in der von Günter Guben und Astrid Braun herausgegebenen Anthologie “Zur Zeit” (edition kanalstr. 4, S. 158ff., Stuttgart 2008), wo es leider nicht im Kreis gedruckt werden konnte. Aber dafür hier - gepriesen sei das Internet…

„Ein Null zu Null steht gar nicht zur Debatte,
schon immer lag im Angriff unser Heil,
denn den Erfolg, den meine Mannschaft hatte,
errang sie im Direktspiel, schnell und steil:
Der Offensivgeist hat sie meist zum Sieg geführt,
doch kontrolliert.”

Noch kontrolliert der Mann in schwarz die Spieler,
die Stollen, Schoner mit geübtem Blick.
Das Stadion brodelt. Plötzlich wird es stiller:
Soeben aus dem Presseraum zurück
Tritt auf der Admiral und wird bestaunt,
und alles raunt.

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Thema: Deutschlandgedichte, Fußball-Ansichten | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Roller für die Sieger

Dienstag, 18. Mai 2010 10:14

oder: Das deutsche Wunder

© 2001  Dirk Schindelbeck

wunderroller1

1 Ein Unternehmer, wohlgeraten
- Lieblingsessen Schweinebraten -,
das war Hans Glas, ein Fabrikant
aus Dingolfing im Bayernland.

wunderroller2

2 Man schrieb das Jahr des Siegs von Bern;
schon strebten unsere Helden gern
zur Heimat, die sie warm empfing
in München und auch Dingolfing.
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Thema: Balladen/Eklogen, Deutschlandgedichte, Fußball-Ansichten | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck