Das Hexameter-Projekt
Montag, 26. Juli 2010 15:19
© 2010 Dirk Schindelbeck
Wer in einer der Suchmasken im Internet „Hexameter” eingibt, wird, zumindest was moderne Beispiele betrifft, ziemlich enttäuscht sein. Die Ergebnisse pflegen sich auf klassische Texte zu konzentrieren; breit vertreten ist selbstverständlich die Antike (Homer, Vergil, Ovid, Theokrit, Juvenal usw.), evtl. werden einige Treffer aus der Zeit des lateinischen Mittelalters (Waltharius, Mosella u.a.) zutage gefördert, sodann Klopstock, Goethe, evtl. Hölderlin oder Mörike. Das war’s.
Seit Jahrzehnten findet keine moderne Hexameter-Praxis mehr statt: Es mag sein, dass inzwischen der Mut dazu gänzlich verloren gegangen ist, nachdem selbst Autoren von Weltgeltung wie Thomas Mann (Gesang vom Kindchen, 1916[1]) oder Bert Brecht (Lehrgedicht über die Natur des Menschen, Fragment, 1946[2]) auf diesem Terrain erschreckend schwache Stücke abgeliefert haben, sodass die Gattung selbst auch von der Forschung inzwischen als historisch überlebt abgehakt wird. Die herrschende Lehrmeinung innerhalb der Germanistik jedenfalls teilt diese Auffassung gern, dass mit der Wahrnehmung hexametrischer Texte, die ihren Qualitätsvorstellungen genügen, bei Mörike, im günstigsten Fall um 1900 Schlussbilanz zu ziehen sei.
Dennoch ist es nicht einzusehen, dass alle Epik, alles erzählende Dichten im 20./21. Jahrhundert nur auf die Form des Prosaromans beschränkt bleiben soll.
Thema: Balladen/Eklogen | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

