Samstag, 30. Mai 2009 6:19
(Der Barockdichter, mit den eitlen Absichten und Plänen der Menschenkinder nur allzu gut vertraut, gedenkt immerhin einiger ihrer flüchtiger Produktionen und Lebensäußerungen)
© 1994-2002 Dirk Schindelbeck
Grabschrift der letzten Winter-Mode
Das Frühjahr zieht herauf. Weg, weg mit den Klamotten
der öden Winterzeit. Weg, weg. Fahrt hin, habt Dank.
Reiz-Pulver ausgestreut. Herbei, ihr süßen Motten,
macht euern Biotop in diesem Kleiderschrank.
Grabschrift des letzten Italien-Urlaubs
Die Bilder waren längst den Köpfen eingepresst:
Die Sonne liebt dies Land. Hier kriegt man Lust auf Nudeln!
Die Papagallos stehn herum in dicken Rudeln!
Der Nepp ist schlimmer noch als jede Algen-Pest!
Wir lieben dieses Land und seine schönen Seiten
und müssen viel zu schnell den Abgang vorbereiten:
Wir senden Karten aus. Noch fehlt den Panoramen
das Menschlichste. Geduld: Es folgen Dia-Dramen.
Grabschrift der misslungenen Einführung einer Getränke-Marke
Meine Name „Swunsch” verhieß den Durst perfekt zu löschen.
Wer hörte da nicht schon der Kronen-Korken Zischen?
Jch kam mit Jubel-Schrei, doch wurde nicht gehört
mein Brunstruf: So verrann ich saftlos in der Erd.
Grabschrift eines Silvester-Vorsatzes
Die Heuler heulen auf, Raketen ohne Zahl
verplatzen in der Nacht. Es fließt der Sekt in Strömen
und schäumt vor Übermut! Wer wird sich da nicht schämen
der sinn-verprassten Zeit? Das Neujahrs-Ritual
heißt „Prost!” und „Abgeschwört!” der Triebe, so uns halten!
Schon an Drei König sind wir wieder ganz die Alten!
Grabschrift eines Fußballs
Es ging um den Pokal. Es war beim HSV
kurz vor der Halbzeit. Da, ein Schlag, mir wurde flau,
ich trudelte, ein Ei, ins Tor und kriegte Well’n:
So führte Eins zu Null der 1. FC Köln.
Grabschrift eines ganz kleinen Würstchens
Oh, du eiweißvolle
rosa Würstchen-Rolle:
Frankfurt- oder Wiener!
sei mein Magen-Diener!
Löse ein mein Hoffen
mit Aroma-Stoffen!
Ah! Dein Emulgator,
dein Stabilisator,
dein Geschmacks-Verstärker,
füll’ des Mundes Erker!
Und, Ameisen-Säure,
komm jetzt und erneure
mit der Eiweiß-Schmierung
meine Konservierung!
Durch des Schlundes Führung
in den Magen gleite,
Sättigung bereite,
Wohlgefühl bedeute!
O, mein Lebens-Mittel,
ach, nur noch ein Drittel,
weh, nur noch ein Zipfel -
jetzt - - : Genusses Gipfel.
Grabschrift einer Blechdose
Ich war mal eine Dose,
ja eine ziemlich große,
mit wohnten Erbsen ein.
Man hat mich umgeformt
und wieder neu genormt,
ein Öffner jetzt zu sein.
Flugs eilte meine Seele
an eine andre Stelle
zu einem neuen Sinn.
Man nennt dies auch Recycling,
doch mancher Plastik-Feigling,
der bringt es nie dahin:
Das schaff nur ich, die Dose,
das schafft nur die famose
Marketing-Strategie
der Weißblech-Industrie.
Grabschrift Bonns als Hauptstadt
Obgleich ich nie sehr wach, hielt ich am Rhein die Wacht
ein Menschenalter fast: Oft ward ich ausgelacht
vom Rest des deutschen Lands. Ich ließ mich’s nicht verdrießen,
das Rank- und Possenspiel der Macht hier zu genießen:
Ich gab der Republik den neuen Lebensstil
bornierter Dreistigkeit, gemästet im Idyll.
Für vierzig Jahre Treu und Arbeit nun beschissen,
steh ich wie blöde da, möchte’ in den Rhein abfließen:
Berlin, das furzt mich an und kracht und lacht mit Macht.
Grabschrift des letzten Booms
Ich fing ganz langsam an in tiefer Depression:
die Arbeitslosen-Zahl lag über vier Millionen,
doch war der Zinssatz klein. Die Lust, Investitionen
zu tätigen, begann. Belebung merkt ich schon,
bald regte Kaufkraft sich, ich wollte schneller laufen,
jetzt schwoll der Geld-Strom an, die Gäule taten saufen,
Ich wurde stark, so stark und schuf ein Riesen-Angebot,
dann brach der Absatz ein, ich hustete, war tot.