Archiv der Kategorie: 'Sag es perVers'

Die schöne Dorothee

Samstag, 30. Mai 2009 6:29

(Den Barockdichter überkommt unsägliche Lust auf ein erotisches Abenteuer, es bleibt aber bei einer schönen Vision)

© 1980 Dirk Schindelbeck

Am grünen Baum, im grünen Klee,
fand ich die schöne Dorothee.

Sie lag ein wenig eingedöst -
Kaninchen ruhen so im Nest.

Ich zupfte sie am Busenband,
doch war’s von Stretch und widerstand.

Dann streift ich kühn, voll zarter Lust,
das Stützgewölb’ auf ihrer Brust.

Hochgotisch! tat ich den Befund,
die Füllung ehr barock und rund -

und legte neben diesem Kind
mich träumend dort, wo Blumen sind.

Und welch ein Traum: Mein Hosenband
- von Stretch - gab keinen Widerstand.

Thema: Sag es perVers | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Der Grabschriften Zweiter Teil

Samstag, 30. Mai 2009 6:19

(Der Barockdichter, mit den eitlen Absichten und Plänen der Menschenkinder nur allzu gut vertraut, gedenkt immerhin einiger ihrer flüchtiger Produktionen und Lebensäußerungen)

© 1994-2002 Dirk Schindelbeck

Grabschrift der letzten Winter-Mode

Das Frühjahr zieht herauf. Weg, weg mit den Klamotten
der öden Winterzeit. Weg, weg. Fahrt hin, habt Dank.
Reiz-Pulver ausgestreut. Herbei, ihr süßen Motten,
macht euern Biotop in diesem Kleiderschrank.

Grabschrift des letzten Italien-Urlaubs

Die Bilder waren längst den Köpfen eingepresst:
Die Sonne liebt dies Land. Hier kriegt man Lust auf Nudeln!
Die Papagallos stehn herum in dicken Rudeln!
Der Nepp ist schlimmer noch als jede Algen-Pest!
Wir lieben dieses Land und seine schönen Seiten
und müssen viel zu schnell den Abgang vorbereiten:
Wir senden Karten aus. Noch fehlt den Panoramen
das Menschlichste. Geduld: Es folgen Dia-Dramen.

Grabschrift der misslungenen Einführung einer Getränke-Marke

Meine Name „Swunsch” verhieß den Durst perfekt zu löschen.
Wer hörte da nicht schon der Kronen-Korken Zischen?
Jch kam mit Jubel-Schrei, doch wurde nicht gehört
mein Brunstruf: So verrann ich saftlos in der Erd.

Grabschrift eines Silvester-Vorsatzes

Die Heuler heulen auf, Raketen ohne Zahl
verplatzen in der Nacht. Es fließt der Sekt in Strömen
und schäumt vor Übermut! Wer wird sich da nicht schämen
der sinn-verprassten Zeit? Das Neujahrs-Ritual
heißt „Prost!” und „Abgeschwört!” der Triebe, so uns halten!
Schon an Drei König sind wir wieder ganz die Alten!

Grabschrift eines Fußballs

Es ging um den Pokal. Es war beim HSV
kurz vor der Halbzeit. Da, ein Schlag, mir wurde flau,
ich trudelte, ein Ei, ins Tor und kriegte Well’n:
So führte Eins zu Null der 1. FC Köln.

Grabschrift eines ganz kleinen Würstchens

Oh, du eiweißvolle
rosa Würstchen-Rolle:
Frankfurt- oder Wiener!
sei mein Magen-Diener!
Löse ein mein Hoffen
mit Aroma-Stoffen!
Ah! Dein Emulgator,
dein Stabilisator,
dein Geschmacks-Verstärker,
füll’ des Mundes Erker!
Und, Ameisen-Säure,
komm jetzt und erneure
mit der Eiweiß-Schmierung
meine Konservierung!
Durch des Schlundes Führung
in den Magen gleite,
Sättigung bereite,
Wohlgefühl bedeute!
O, mein Lebens-Mittel,
ach, nur noch ein Drittel,
weh, nur noch ein Zipfel -
jetzt - - : Genusses Gipfel.

Grabschrift einer Blechdose

Ich war mal eine Dose,
ja eine ziemlich große,
mit wohnten Erbsen ein.
Man hat mich umgeformt
und wieder neu genormt,
ein Öffner jetzt zu sein.
Flugs eilte meine Seele
an eine andre Stelle
zu einem neuen Sinn.
Man nennt dies auch Recycling,
doch mancher Plastik-Feigling,
der bringt es nie dahin:
Das schaff nur ich, die Dose,
das schafft nur die famose
Marketing-Strategie
der Weißblech-Industrie.

Grabschrift Bonns als Hauptstadt

Obgleich ich nie sehr wach, hielt ich am Rhein die Wacht
ein Menschenalter fast: Oft ward ich ausgelacht
vom Rest des deutschen Lands. Ich ließ mich’s nicht verdrießen,
das Rank- und Possenspiel der Macht hier zu genießen:
Ich gab der Republik den neuen Lebensstil
bornierter Dreistigkeit, gemästet im Idyll.
Für vierzig Jahre Treu und Arbeit nun beschissen,
steh ich wie blöde da, möchte’ in den Rhein abfließen:
Berlin, das furzt mich an und kracht und lacht mit Macht.

Grabschrift des letzten Booms

Ich fing ganz langsam an in tiefer Depression:
die Arbeitslosen-Zahl lag über vier Millionen,
doch war der Zinssatz klein. Die Lust, Investitionen
zu tätigen, begann. Belebung merkt ich schon,
bald regte Kaufkraft sich, ich wollte schneller laufen,
jetzt schwoll der Geld-Strom an, die Gäule taten saufen,
Ich wurde stark, so stark und schuf ein Riesen-Angebot,
dann brach der Absatz ein, ich hustete, war tot.

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Saurier-Relaunch

Samstag, 30. Mai 2009 6:12

(Der Barockdichter zeigt sich beeindruckt von der Fantasie mancher Industriebranchen, selbst vor Jahrtausenden ausgestorbene Tiere zum Zweck der Umsatzsteigerung zu reanimieren)

© 1994 Dirk Schindelbeck

Es kam die Kreidezeit mit üppigem Gewächs.
Auch bei den Tieren ward Gigantisches geboren:
Auf riesig großem Leib nur Minihirn und -ohren
wie Stegosaurus und Tyrannosaurus Rex.

Sie stampften träg dahin, nach Nahrung unterwegs,
bis sich dann eines Tags - Einfall von Meteoren? -
das Klima änderte. Nun waren sie verloren,
und starben, bald gepresst zu einem fettigen Klecks.

Indes: es war ihr Glück, dass ihre so enormen
Skelette, dem Morast entrissen, ihre Formen
uns konservierten: dies erbrachte den Relaunch.

Auf T-Shirts und auf Slips erstehen sie uns wieder,
als Gummifrucht und Schoko-Keks: Opinion-Leader
sind Kinder: ihnen dankt und prostet zu die Branche.

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Ostern im Disney-Land

Freitag, 29. Mai 2009 12:59

(Der Barockdichter erlebt die Schwierigkeiten einer Publikums-Animation während einer performance in einem Vergnügungspark)

© 1995 Dirk Schindelbeck

Der Osterhase lässt die Turbodüse an:
Ein Funkenspiel blitzt auf am Leitwerk der Rakete.
Er drückt den Hebel vor, da reißt die schwere Kette
des Katapultes ihn auf seine Umlaufbahn.

Den großen Looping hat der Hase bald passiert.
Die Kinder brüllen: „Heb’, o Pappi, heb’ mich höher!”
Der Todeskurve kommt der Hase rasend näher,
die auf den Scheitelpunkt der Achterbahn ihn führt.

Die Kinder brüllen: „Schaut, o schaut doch! Mammi, Pappi!
Wie mutig er doch ist, der liebe Langohr-Schlappi!
Wie klatscht sein Ohrenpaar ihm um den Gummikopf.

Gleich drückt er wieder mal die Auswurftaste nieder
und Schokolade spuckt’s und Eier regnet’s wieder.”
Der Hase drückt und drückt, doch es versagt der Knopf.

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Die Schönheitsfarm

Freitag, 29. Mai 2009 11:44

(Der Barockdichter hat Figurprobleme, glaubt aber, für eine angedachte Schlankheitskur schon das passende Institut gefunden zu haben)

© 1994 Dirk Schindelbeck

Schau, was der Katalog mir alles hier verspricht
an Frische, Jugend, Glück! Das Aussehn wird phantastisch,
die Hinter-Wölbung klein, die Brüste stramm und plastisch
wie Brüste, wo Rubin durch Alabaster bricht.

Die Frau, die hierher kommt, geht fort im Traum-Gewicht,
die Falten schwinden hin, die Haut wird hochelastisch:
Dies Foto von Frau Schmidt, zuvor, hernach, zeigt drastisch,
wie selbst die Nase wird mit Liebreiz zugericht’t.

Das ist es! Ich fahr hin im goldnen Abendscheine.
Schau! Hängt dort nicht schon Fett in Bahnen von der Leine?
Jawohl, das ist die Farm: hier schmilzt mein Bauch dahin.

Hinein, hinein, ich bitt sofort mich zu behandeln
und meine Rundlichkeit in Schlankheit zu verwandeln,
daß ich, wie die Frau Schmidt - Triumph! - der Herr Schmidt bin.

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Im Baumarkt

Freitag, 29. Mai 2009 11:19

(Der Barockdichter gibt sich große Mühe, ein guter Baumarkt-Kunde zu werden, und er hat einen ganz besonderen Wunsch)

© 1997 Dirk Schindelbeck

„Ich brauch ein Klon-Gerät” - „Wie bitte?” - „Was zum Klonen,
dass ich mich doppeln kann. Ich bin zu sehr gestresst,
die Nerven liegen blank. So steht mein Wille fest,
dass ich mich jetzt verteil auf vier bis sechs Portionen.”

„Mein Herr…” - „Noch besser zehn! Das dürfte sich dann lohnen,
wenn sich, sofern die zehn sind makellos gepresst,
mein Ich in Serie dann produzieren lässt:
Auch könnten zwei bis drei der Burschen bei mir wohnen.”

„ Verstehn Sie…” - „Wenn ich nur schon meine Hohlform hätte:
Ein Abguss macht sich schnell, und meine Silhouette
seht auf als Dummy Eins und läuft…” - „Mein Herr, ich glaub…”

„Nimmt man als Menschenteig noch Lehm und bläst dem Teigling
hernach sein Leben ein?” - „O Herr…” - „Und das Recycling?
Zerfallen sie wie ich auch rückstandslos zu Staub? - - -”

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Die große Barock-Verkaufs-Show

Freitag, 29. Mai 2009 10:53

(Der Barockdichter versucht in einem Einkaufszentrum Produkte aus seiner Zeitepoche den Leute nahe zu bringen - freilich mit begrenztem Erfolg und mancherlei Missverständnissen)

© 1998 Dirk Schindelbeck

Hier vor dem MÜLLI-Supermarckt
im Zentrum der Passage
hab ich mein Test-Mobil geparkt.
Bei hübscher Tages-Gage
will ich mit Diktaphongerät
ein Meinungsbild fixieren,
um nebenbei, wo’s immer geht,
Produkte einzuführen.

"Barocke" Convenience-Produkte in zwei Varianten

"Barocke" Convenience-Produkte in zwei Varianten

<< Triumph! Triumph! Barock ist da!
Die Traumwelt des Barocken
wird hier jetzt zum Erlebnis: Ja,
Da bleibt kein Auge trocken!
Na, kleiner Mann, ein Luftballon
mit Wallenstein und Tilly? >>
„Hamse für Kläuschens Game-Boy schon
die Turbo-Games wie MÜLLI?” [weiter...]

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Aspekte des Aspiks

Freitag, 29. Mai 2009 10:17

Aspekte des Aspiks als serielles Ausstellungsobjekt

Aspekte des Aspiks als serielles Ausstellungsobjekt

(Der Barockdichter, vakuumverpackter Delikatessen
noch ungewohnt, wird durch neue Konsumerlebnisse
zu allerlei philosophischen Betrachtungen inspiriert)

© 1990 Dirk Schindelbeck

Grundsätzlich ist es weich
und schmeckt durch seine Knubbel,
doch hebt sich solch ein Hubbel,
so wird er gleich
versinken, oh, versinken,
ertrinken in Gallerten,
wo er sich mag verhärten.
<gleich öffnen!> [weiter...]

Thema: Sag es perVers | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Die Kaffeefahrt

Freitag, 29. Mai 2009 10:09

(Der Barockdichter nimmt ein unschlagbar preiswertes Bildungs- und zugleich Konsumangebot wahr)

© 1992 Dirk Schindelbeck

Wer günstig reist (wie ich) zur Wartburg, wo einst Luther
die Bibel teutschte, tut dies heut per Kaffeefahrt
im komfortablen Bus. Da wird an nichts gespart:
Im Preis sind inklusiv zehn Eier, ein Stück Butter.

So bildet man sich leicht und kommt noch gut in Futter.
Gemütlich kehrt man ein, wo schon der Gastwirt harrt
bei Soße, Blumenkohl und Schweinebauch. „Sehr zart!”
ertönt ringsum das Lob manch dröger Schwiegermutter.

Im Nebenraum sodann erfolgt ein süßer Schreck:
Ist das nicht Gottfried Sülz? Er feiert sein Comeback
just hier, er singt für uns, macht die Gesichter strahlen,

empfiehlt dann, was ihm hilft: Ein Rheumadecken-Set
für dreizehnhundert Mark. Da wird auf seinem Bett
selbst Luther noch erlöst in diesem Set sich aalen.

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„Das tut man nicht!”

Freitag, 29. Mai 2009 9:29

(Der Barockdichter entwickelt an einem geeigneten Objekt die erotisch-stimulierende Wirkung des Hautkontakts und steigert ihn zu einer ausgedehnten Petting-Übung)

© 2009 Dirk Schindelbeck

Mein Händchen, das durchtriebne Stück,
drängt stets auf seine Art nach Glück,
liebt nur, was als verboten gilt
und führt den Eigensinn im Schild,
indes der brave Anstand spricht:
„Das tut man nicht!”
Zum Beispiel scheint zum Zeitvertreib
ihm dieser zarte Mädchen-Leib
so recht gemacht, drauf auszuruhn -
Was denkt mein Händchen jetzt zu tun?
Noch zögert es, mein Händchen, noch -
ja mach es doch! [weiter...]

Thema: Sag es perVers | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck