Archiv der Kategorie: 'Sag es perVers'

Bei Familie Müsli

Freitag, 29. Mai 2009 9:20

(Der Barockdichter zeigt sich begeistert von der wieder praktizierten natürlichen Lebensweise)

© 1994 Dirk Schindelbeck

Das frische Dinkelbrot aus eignem Schrot und Korn!
Der heiße Fencheltee, gesüßt mit Honig nur!
Bei Müslis kommt ich jetzt dem Vollwert auf die Spur.
So abgelebt dies scheint, man ist im Geiste vorn.

Nichts hat Synthetik hier, nichts Plastik hier verlorn,
denn man denkt abbaubar. Nach jeder Frühjahrsschur
webt man sich Gewand! So wird Natur Kultur!
Sein Bett schnitzt man sich selbst mit Beiteln, Leim und Dorn!

Wie urig! Wie autark! Ich greif in meine Tasche
und lade herzlich ein auf eine feine Flasche
Champagner… Man wehrt ab, man trinke höchstens Most.

Doch Gärung als Prinzip sei zweifellos zu loben,
Verrottung auch. Indes bekomm ich hingeschoben
ein Schälchen mit Kompott - ich dachte schon Kompost.

frz. Übersetzung (Danielle Fiedler-Rasson)

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Ein Heimatbild

Freitag, 29. Mai 2009 9:16

(Der Barockdichter betrachtet interessiert den Wandschmuck eines von kleinbürgerlichen Zeitgenossen gestalteten Wohnzimmers)

© 1997 Dirk Schindelbeck

Im Bogen zischt der Bach aus starken Bergmassiven,
der feuchte Felsengeist, und rumpelt in dem Bett.
Das Licht blitzt auf im Wald ganz zart und violett:
Der große Hirsch tritt auf und röhrt. Die erst noch schliefen,

die Hasen, regen sich. Was an Floral-Motiven
noch fehlte, prangt im Tau und schüttelt jetzt kokett
die Perlenschauer ab. Zum Morgen-Menuett
will schon der Vögel Schar die zarten Stimmen prüfen.

Mit großer Kraft steigt auf der Tag, schiebt die Genossen
Wind, Luft und Sonne her zu den verträumten Sielen,
indessen drückt mit Macht die Wetterfront heran.

Der Hirsch weiß davon nichts. Der Seehund streckt die Flossen,
die kurzen, auf die Bank in tollen Wasserspielen:
Bald staunen Hirsch und Hund den Regenbogen an.

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Im Vers-Discount

Freitag, 29. Mai 2009 6:38

Als Promotionfigur in der Ausstellung "Poetische Installationen"

Als Promotionfigur in der Ausstellung "Poetische Installationen"

(Den Barockdichter überkommt während eines Rundgangs in einem Supermarkt ein kühner Tagtraum)

© 1992 Dirk Schindelbeck

Ein Rollkorb ist so frei, ihn durch den Markt zu schieben:
Ich greife ein Paket. Es spricht zu mir: Persil
Bleibt stets Persil. Wie gut. Doch wütend schäumt Sunil
Dagegen auf. Was ist? Muss ich das Wählen üben?

Soll ich vielleicht erst Rei, Lenor und Omo lieben?
Der weiße Riese grunzt, april-frisch schmunzelt Pril.
Schon tummelt sich im Korb von Stimmen ein Gewühl:
Erst sprach nur ein Paket, jetzt jubilieren sieben.

Mir träumt ein Supermarkt mit nichts als nur Gedichten:
Hier glänzt ein Oden-Gang. Sonette nach Gewichten
Sind auf der Theke dort effektvoll arrangiert.

Im deutschen Vers-Discount sind Preis und Leistung klasse.
Die Botschaft hör ich gern und wende mich zur Kasse,
am Schäferlied-Display geschickt vorbeigeführt.

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Der Grabschriften erster Teil

Freitag, 29. Mai 2009 6:26

(Der Barockdichter, mit der Vergänglichkeit und Eitelkeit menschlicher Lebensäußerungen tief vertraut, verfertigt Gedenkverse für verschiedene Personen, deren Schicksal oder charakterliche Eigentümlichkeiten)

© 1990-2000 Dirk Schindelbeck

Grabschrift eines Angestellten

Hier war ich angestellt, gestellt ganz hinten an,
doch dient ich treu und brav, wie man nur dienen kann.
Den Abtritt stellt ich dar, ich war der letzte Dreck.
Dann stellte ich mich quer, dann stellten sie mich weg.

Grabschrift eines Beamten

Grabschrift eines Beamten

Grabschrift eines Beamten

Ich liege nicht korrekt. Es stimmt nicht mal die Tiefe
des Aushubs für den Sarg. Und dann: Dies Umfeld ist
beleidigend: Kein Arzt, nicht mal ein Prokurist
liegt neben mir. Ach Gott, der du den Dienstweg kennst,
es kann doch gar nicht sein, dass Du mir das missgönnst:
Auch du hast von Pension doch höhere Begriffe!

Vgl. auch das Projekt “Poetische Installationen/Lyrik als Skulptur”

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Auf der Couch

Freitag, 29. Mai 2009 6:16

(Der Barockdichter hat psychische Probleme, aber einen guten Arzt, welcher ihm bei deren Sublimierung hilft)

© 1996 Dirk Schindelbeck

Ich liege fürstlich weich und denk an alles Schöne:
Küsst meine Stirn ein Traum? Hör ich nicht Sphären-Klang?
Mir scheint, da fliegt ein Wort. Es flötet wie Gesang.
Ich fühl mich schweine-wohl, ich lächle, staun und gähne.

Mein Mund spricht von allein und moduliert schon Töne,
die folgen einer Kraft von Vers zu Vers entlang
bis in ein Kling-Gedicht. O Wiederholungszwang!
Der Schweiß, er bricht mir aus: ich röchle, schluck und stöhne.

Mein Zwangscharakter quetscht mir Metren aus dem Hirn:
Herr Psycho-Medicus: Kühl er doch meine Stirn:
Ich fühl mich hündisch klein, ich stöhne, schluck und röchle!

Reich er mir ein Klistier, vollende er den Akt!
Habt Dank! Schon fließt der Druck hinaus in Artefakt:
Ich fühl mich schweinisch frei und gähne, staun und lächle.

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Das Kesselfleisch: ein panisches Idyll

Donnerstag, 28. Mai 2009 18:48

(Der Barockdichter beobachtet in einer Gartenwirtschaft mit gespanntem Interesse die Reaktion des Publikums auf ein außergewöhnliches Paar)

© 1995 Dirk Schindelbeck

„Zum kühlen Grunde” lockt, von reichlich Lindenbäumen
beschirmt, von Jägerzaun bewacht, die Strauss-Wirtschaft.
Hier liegt das Wachstuch aus rot-weiß und hübsch gestrafft.
Die Wirtin äugt herum, schon Gläser abzuräumen.

Sanft gleitet Zeit dahin mit Schwätzen, Trinken, Träumen.
Die gute Sonne scheint, wie selten, meisterhaft.
Es saust der Wein, das Bier steigt auf mit großer Kraft,
allein das Kesselfleisch will nicht so richtig schäumen.

Da kommt ein Schwarzer an. In einem Jaguar!
Mit einer blonden Frau am Arm!! Das ist nicht wahr!!!
Das gibt es nicht?! Infarkt bedroht jetzt die Idylle.

Das Paar sucht einen Tisch. Jetzt schäumt das Kesselfleisch
und tobt im Topf. Doch dann wird alles stumm und keusch:
Die Frau reicht ihrem Mann die schwere Blindenbrille.

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Auf das Handy

Donnerstag, 28. Mai 2009 17:42

(Der Barockdichter staunt über die Möglichkeiten der elektronischen Datenübermittlung im Sektor der mobilen Telefonie, zeigt sich selbst darin aber noch etwas ungeübt)
© 1993 Dirk Schindelbeck

Was ist doch nur die Post! Das Klingeln nimmt kein Ende,
die Annegret, der Heinz und auch die Sylvia
parlierten schon mit mir, obgleich sie gar nicht da.
Dies Wunder-Sprech-Gerät durchlöchert alle Wände.

Der Egon wählt mich an, obwohl er im Gelände
mit seinem Allrad-Jeep durchkreuzt Ost-Afrika.
- Ja, Egon, was beliebt? - Die Wüste lebt? - Aha!
Du aber nicht mehr lang? Dein Sprudel geht zu Ende? -

Ob ich gleich selber mal die Taste niederdrücke
und meiner Stimme Ton in diese Muschel schicke?
Wohlan, es sei probiert. - Ja, spricht dort eine Frau? -

Mein süßer Bär, gib mir zuerst mal deine Nummer,
vorher geht gar nichts. - Wie, was soll ich? - Wohl ein Dummer:
Für fünfzig Euro bist in zwei Minuten schlau.

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Alternative Stadtrundfahrt

Donnerstag, 28. Mai 2009 17:35

(Der Barockdichter nimmt an einer Altstadtführung teil und erfährt vielerlei interessante Details aus der jüngsten Vergangenheit der siebziger und achtziger Jahre)
© 1992 Dirk Schindelbeck

„Und Achtundachtzig gabs die letzte Hausbesetzung
hier in dem Block: legal, sogar mit Mietvertrag.
Die Maske aber fiel dem Spekulantenpack
bald runter: Ihnen stank, was abging an Vernetzung.

Prozess, dann Bullen dick: Nach einer echten Schätzung
dreihundert Mann. Das Haus war danach nur noch Hack.
Stark unsre Demo drauf, ging bis zum nächsten Tag:
Spießbürger, wutentbrannt, beklatschten die Entsetzung.

Die Demo supergeil - ein voller Karneval -
selbst Junkies machten mit und eine große Zahl
an Alkis, Schwulen, Punks, Anarchos und Emanzen.

Dann blies der Bullen-Boss zur Demonstranten-Hatz:
Wir tankten uns noch durch bis an den Rathausplatz
und sahn noch den OB sich auf dem Klo verschanzen.”

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Auf die Auto-Bahnen

Donnerstag, 28. Mai 2009 17:28

(Der Barockdichter bewundert unser Verkehrsnetz - aber es ängstigt ihn auch zugleich)
© 1992 Dirk Schindelbeck

O künstlich-starkes Netz! O bahnenvolles Land!
Wo führet ihr mich hin, ihr blech-geschwollnen Adern?
an Berg und See vorbei, zu dichten Häuser-Quadern
nach Franckfurt, nach Berlin und an den Nordsee-Strand!

Wie kurz wird alle Zeit auf diesem grauen Band!
Vorbei die Langsamkeit, das Zaubern und das Hadern!
Wie drückt die schiere Kraft aus diesen Turbo-Ladern
mich in den Sitz hinein, zerreißt mir den Verstand!

Wie rauscht es an mein Ohr! O Rausch, sei mein Gefährte!
Wie fleucht die niedre Welt, wie fleucht, was mich beschwerte,
und schwindet unter mir, wie roll ich drüber hin!

Die Zeit schrumpft hinten ein, die Bäume rasen schneller
dem Abend zu, das Meer der Lichter wird schon heller,
bringt selbst die Dunkelheit um Raum und Macht und Sinn.

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Prima Klima

Donnerstag, 28. Mai 2009 17:21

(Der Barockdichter, einer sehr viel kälteren Zeit entstammend, freut sich über die allgemein angestiegenen Temperaturen auf der Welt)
© 1994 Dirk Schindelbeck

Mich dünkt, ich komm von fern. Wie stapelt sich der Schnee
In meinem Hirn, o Gott, von sechzehnzweiundsiebzig.
Doch diese Zukunft hier ist wundervoll und gibt sich
Als Klima-Wärme-Zeit: schon wird das Eis Gelee.

Der harte Nordpol selbst schmilzt ab zum Badesee,
und alle Welt wird Strand: Der Süden wächst und übt sich
in Generosität. Man schläft im Freien, liebt sich,
und noch im Winter geht man hin im Negligé.

Wie Echsen döst das Volk träg unter Sonnenschirmen,
wenngleich am Horizont sich schwere Wetter türmen:
Kommt dort ein Regenguss? Doch Schnee? Der ist von gestern.

Die Wolke schüttelt sich wie ein zu nasser Hund,
und perlt und stäubt aufs Land den süßen Wasserschund.
Da tritt die Sonne auf und lacht den Alt-Semestern.

Thema: Sag es perVers | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck