Archiv der Kategorie: 'Deutschlandgedichte'

Begrüßungsgeld

Dienstag, 12. Januar 2010 16:07

Wie der Kanzler Weltgeschichte machte

© 1994 Dirk Schindelbeck

Abfüllstation für Begrüßungsgeld: in den Trabi

Begrüßungsgeld: in den Trabi

Aber Kohl, der Kanzler, der stets seine Stimmungsberater
Aufmerksam angehört hatte, verfolgte, historisch sensibel,
Diese Massenerregung. Er schaute nur in die Gesichter,
Menschenkenntnis braucht’ es kaum, die Mangelsyndrome
Standen auf diesen Mienen nur allzu deutlich geschrieben;
Zwangsläufig fiel der Beschluss, die aufgestauten Gefühle
Nicht sich selbst zu überlassen. Die Stunde war günstig,
Und erfahren der Kanzler, gestählt in vertrackten Debatten,
Ausgepfiffen so oft von wüsten Chaoten, er wusste,
Wie man Stimmung macht und die schwankende Meinung der Menge
Auf das eigene Konto bucht. Mit einskommasechs Milliarden
D-Mark Begrüßungsgeld, ein winziger Posten im Haushalt,
Ließ sich diesen Leuten ein Leben in Freiheit und Wohlstand,
Wie auf Rosen gebettet, versprechen. Und dies Pro-Kopf-Geld,
Einhundert D-Mark, wahrlich, das ließ sich keiner entgehen:
„Let’s go west!” und en masse. Die Kerzen-Helden, sie kamen,
Schichteten Opas und Enkel bis unter das Dach ihrer Trabis,
Steckten singend im heitersten Stau der deutschen Geschichte,
Fielen ein in westdeutsche Städte und staunten mit großen
Kinderaugen und streunten durch glitzernde Einkaufspassagen
Zwischen riesigen Warenbergen hindurch, und man hörte
Immer wieder nur eins: „Wie wurden wir alle betrogen!”
Preisen wir also, so preiswert sie war, die rühmliche Handlung,
Das Begrüßungsgeld. Es wärmte für Tage die Herzen
Zwischen Deutschen Ost und West, in der kurzen Berührung
Waren die Hand des Gebers und die des Nehmers verschmolzen
Fast wie im Sozialismus, in seinen schönsten Symbolen.
Weihnachten kam, und es weinte ein völlig verwandeltes Deutschland:
„Weltniveau!” verzeichnet sprachlos das Buch der Geschichte.

(Vgl. auch die Langversion im Lehrgedicht “Niemand ist besser für Deutschland” sowie den Sachtext “Jeder bringt noch einen mit…” Die Leipziger Montagsdemonstrationen und der Prozess der deutschen Wiedervereinigung - ein massenpsychologisches Lehrstück), ebenso die Installtionen “kanzlerfuge” als auch die gesamte Ausstellung “Poetische installationen/Lyrik als Skulptur”

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Credo: ich glaube (an Kredit)

Montag, 4. Januar 2010 14:35

© 2009 Dirk Schindelbeck

Die Zeit schreit nach Kredit. Der Mensch soll glauben,
was Banker ihm an Zukunftsbildern malen,
Vertrauen geben und dafür bezahlen.
Den schönen Glauben werden sie nicht rauben.

Sie schätzen Bonität, nicht das Bonmot.
Bonmots sind wichtig für die Volksvertreter
zu Wahlkampfzeiten und auch sowieso.
Ach wären doch die Banker Bonitäter!

Dann würd’ ich dies Gedicht beleihen. So
könnt’ ich mein Häuschen halten und den Garten,
und seine Weisheit würd’ sich noch verzinsen…

Ich trage mein Gedicht zur Bank. Man lässt mich warten.
“Wo liegt die Sicherheit?” Ich sage: „Im Bonmot!”
Ich seh’ die Banker nur noch schallend grinsen.

Eine leicht verständliche, da visualisierte, Darstellung der internationalen Kredit-Krise (engl.) finden Sie hier.

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2009 als Lehrgedicht, inkl. Bundestagswahl, Wirtschaftskrise und Jahrestag des Mauerfalls

Dienstag, 29. Dezember 2009 6:45

(Langfassung von “Niemand ist besser für Deutschland!”)

© 2009 Dirk Schindelbeck

“…Omnia Nemo potest. Nemo sapit omnia per se.

Nemo manet sempre. Crimine Nemo caret.

Niemand kann alles, es weiß von selber Niemand auch alles,

Niemand bleibt ewig bestehn. Niemand auch ist ohne Fehl.”

(Ulrich von Hutten: Ille ego sum nemo… Jener Niemand bin ich… 1509/1517)[1]

I.

Wahlblasen

Niemand spricht hier, kein Mensch! Es schickt ein riesiger Rechner,

worauf er Zugriff hat aus dem Speicher, in endloser Schleife

Bilder- und Audiodaten ins weltweite Netzwerk, gebündelt

und in bestechender Qualität - und in Millisekunden

steht die Botschaft auf sämtlichen Bildschirmen draußen im Lande,

wo sie auf Netzhäute trifft, in Hirne und Seelen sich festsetzt,

wo sie jetzt wirken könnte, wenn - indessen bleibt’s ruhig.

Niemand widerspricht. Es bleibt alles ruhig an diesem

Abend, wie auch am Abend zuvor, in den Wochen und Jahren.

Niemand fühlt sich betroffen, die Sendung, das zeigen

deutlich die Einschaltquoten seit Jahren, wird gerne gesehen:

„Melodien für Millionen”, vermischt mit den Sprüchen der Werbung:

„Alles super!”, „Nichts ist unmöglich!”, „Heute ein König!”.

Ruhig verläuft der Abend, die Botschaft verteilt sich wie Feinstaub

gleichmäßig über das Land, ein Mehltau, den niemand mehr wahrnimmt.

Nur ein paar Techniker kontrollieren den Ablauf der Sendung,

während jene, die für den Inhalt verantwortlich zeichnen,

ihre Freizeit genießen in Miami oder San Remo. [weiter...]

Thema: Balladen/Eklogen, Deutschlandgedichte | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Deutschlandgedichte

Samstag, 14. November 2009 14:10

© 1974-2009 Dirk Schindelbeck

Die hier als “Deutschlandgedichte” eingestellten Texte sind Momentaufnahmen des sozialen und emotionalen Lebens, durch die episch-lyrische Brille gesehen. Es sind Gedichte mit realen Gegenständen: Sie erzählen gern, sind nah an der Zeit und vor Ort, beschreiben Zustände und Situationen, Typen und Konstellationen, mal abgründig und melancholisch, mal heiter, mal auch derb und drastisch. Unter ihnen finden sich sowohl balladenartige als auch epigrammatische Stücke, ebenso Satiren und pointiert-zugespitzte Sonette. Sie sind das Gegenstück zur Deutschlandreise meines alter ego, des Barockdichters Bernd Kickeschild, alias Theophrastus Bombastus (1555-1666).

Übersicht

“Elite”-Rundfahrten
Judenvermögensabgabe und Reichsfluchtsteuer
Schöpfungsmythos und Goldenes Zeitalter. Unsere Nachkriegsgeschichte als Heldenepos
Roller für die Sieger
Pater Leppich spricht
Herbstmittag im Rheinland
Der Wäschemann im Altenheim
Luftraumbeobachter
elegie eines autotesters
Der deutsche Professor
nachtfahrt im lkw
Der Atommeiler
Vertreteralltag
Rheinbrücke bei Neuwied
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Popperpaar im Frühling
Niemand ist besser für Deutschland. Lehrgedicht über Masse und Demokratie
Begrüßungsgeld
Nach der Buchmesse
Seelenkurort Weimar 2000
Einübung in die Marktwirtschaft
Die Oma und das Tom Tom
Weimar 2005
Mensaspeiseplan August bis Dezember
Grundlagen der Volkswirtschaftslehre
Staatsexamen in Philosophie
Zum Schillerjahr 2009
2009 als Lehrgedicht, inkl. Bundestagswahl, Wirtschaftskrise und Jahrestag des Mauerfalls
Credo: ich glaube (an meinen Kredit)

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Niemand ist besser für Deutschland![1]

Montag, 24. August 2009 13:52

Lehrgedicht über Masse und Demokratie [2]

© 2009 Dirk Schindelbeck

Niemand spricht mehr, kein Mensch! Es schickt ein riesiger Rechner,
worauf er Zugriff hat aus dem Speicher, in endloser Schleife
Bilder- und Audiodaten ins weltweite Netzwerk, gebündelt
und in bestechender Qualität - und in Millisekunden
steht die Botschaft auf sämtlichen Bildschirmen draußen im Lande,
wo sie auf Netzhäute trifft, in Hirne und Seelen sich festsetzt,
wo sie jetzt Anstoß erregen könnte - indessen bleibt’s ruhig.
Niemand widerspricht. Es bleibt alles ruhig an diesem
Abend, wie auch am Abend zuvor, in den Wochen und Jahren.
Niemand fühlt sich getroffen. Und diese Sendung, das zeigen
deutlich die Einschaltquoten seit Jahren, wird gerne gesehen:
„Melodien für Millionen”, vermischt mit den Sprüchen der Werbung:
„Geht nicht, gibt’s nicht!”, „Nichts ist unmöglich!”, „Heute ein König!”.
Ruhig verläuft der Abend, die Botschaft verteilt sich wie Feinstaub
gleichmäßig über das Land, ein Mehltau, den niemand mehr wahrnimmt.
Nur ein paar Techniker kontrollieren den Ablauf der Sendung,
während jene, die für den Inhalt verantwortlich zeichnen,
ihre Freizeit genießen in Miami oder San Remo. [weiter...]

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Weimar 2005: was zu verwerten ist

Dienstag, 9. Juni 2009 6:40

© 2005 Dirk Schindelbeck

Der Markt
ist unerbittlich: Am Markt
stehen die Touristen-Droschken,
gereiht,
komfortabel und sicher
(vier Scheibenbremsen!),
der Kutscher selbst
anekdotenprall
im historischen Outfit
mit sauberen Pferden, deren Äpfel
umweltfreundlich
in lederne Auffangbehälter
zwischen die Deichseln
fallen.

Gingko-Grüße in alle Welt!
Man feiert Kultur,
Kultur macht feiern:
„Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein!” (Slogan nach Goethe)
Gegenüber Schillers Wohnhaus
eine Gelateria (gerühmt), ein Türke (Pide und Sac nicht schlecht)
Filialen von Ketten wie überall
im wiedervereinigten Blühe-Deutschland:
vor Goethe am Frauenplan
mehr fast-food und Take-aways, aber auch
das Unverzichtbare: Rotkohl, Thüringer, Klöße.

Zwischen den Domizilen
der Dioskuren
Hypovereinsbank und Müller-Markt („Hier kauf ich ein…”: s.o.)

Doch überall, allüberall
Kultur, Kultur!
Man feiert Kultur!
Kultur macht feiern!
Die Sprüche von heute
auf den Gehwegen:
„List. Lust. Lost”;
„Mitunter ist ein Schnürsenkel länger als der Orgasmus beispielsweise!”
kontrastieren merkwürdig mit den Sprüchen von gestern:
„Gegen das Schweigen und
das Getöse
erfinde ich
das Wort.” (Octavio Paz)

Der Kapitalismus
- der mit dem unerbittlichen Markt -
hat gesiegt,
vorläufig zumindest. Daran ändert auch
der Wahlkampf nichts,
wo unerbittlich
vom bald wieder wachsenden Markt
gesprochen wird
mit Getöse
(- Schweigen - ?)
Getöse, Getöse
und Ginkgo-Grüßen in alle Welt.

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Zeiten der Seele - ein Spaziergang

Montag, 8. Juni 2009 19:14

© 2005 Dirk Schindelbeck

Sommers und winters die Fässer
über Bohlen und Rampen
vor den Gittern der Seele,
immer gestauter der Druck
an den Ventilen der Zeit. [weiter...]

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Staatsexamen in Philosophie

Donnerstag, 4. Juni 2009 10:29

© 2008 Dirk Schindelbeck

„Am Anfang Platon, nein, erst Thales von Milet,
Anaximander, -menes? Jedenfalls auch Heraklit,
wo alles fließt, Empedokles und Demokrit,
dann Sokrates, wie das ja schon bei Platon steht.

Gottesbeweis im Mittelalter, vorher noch Plotin:
Philosophie des Einen, dann von Kues der Nikolaus
in seinem Mosel-Dorf, und Thomas von Aquin,
mit Leibniz, der Monade, geht das Mittelalter aus.

Dann Imperativ, ganz kategorisch, Anstandsregel
von Kant, nach ihm der Schopenhauer und der Hegel
mit Dialektik, und dann Marx: ‚Das Kapital’, ganz links und rot.

Die ‚Angst zum Tod’ von Kierkegaard, und ‚Gott ist tot’
von Nietzsche, schließlich Heideggers zuhandnes Zeug -
Ach ja, und später kommt da noch der Sloterdijk.”

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Der Atommeiler

Donnerstag, 4. Juni 2009 10:09

© 1985 Dirk Schindelbeck

An dieser Stelle geht der Strom viel breiter,
hier enden Rohre in den Ufersumpf.
Dahinter laufen in die Ferne weiter
Pappeln, hier steigen Blasen kurz und stumpf.

Umzäunt, gigantisch steigt hier aus der Fläche
aus grünem Tuch die blendend weiße Mütze.
Dran leckt das Licht; es flirrt und brüllt von Hitze,
darunter knistern Energienköche.

Weitab ins Landhaus weht ein Grün so kühl
von Wegerändern frühlingsangesäumt,
ein Gärtchen dehnt sich bunt im Abendhimmel.

Vereine sammeln sich zum Fußballspiel,
und wie der Torwart noch die Zeit verträumt,
steigt auf die Brote unsichtbarer Schimmel.

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Der deutsche Professor

Mittwoch, 3. Juni 2009 16:53

(ein Charakterbild)

Fachleuten bin ich wohlbekannt in aller Welt,
nur in den Medien fehlt noch etwas Resonanz.
Das was ich schreibe, ist ja eine Demonstranz
von Kompetenz auf einem weiten Forschungsfeld.

Dass Wissenschaft viel Geld braucht - unbenommen,
allein Politikern ist das nicht immer klar,
hab schließlich doch mein eignes Institut bekommen.
In Talkshowrunden bin ich auch schon mal der Star.

Kongresse, Tagungen sind gut. Es referieren
Kollegen, die mir dann die Manuskripte lassen:
Ich gebe sie heraus, das lässt mich wieder glänzen.

Leute mit eignen Ambitionen werd ich schassen,
dafür schätz ich den Fleiß von braven Arbeitstieren:
Ich pflege mich ganz strikt nach unten zu ergänzen.

Anmerkung

Anlass für dieses Sonett war das Originalzitat eines Freiburger Professors: “Bei der Stellenbesetzung ergänzen wir uns immer nur nach unten.” Es dokumentiert in seltener Offenheit, wie der wissenschaftliche Betrieb in diesem Lande funktioniert.

Thema: Deutschlandgedichte | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck