Archiv der Kategorie: 'Sonettwelt'

Und der Knabe fühlte sein Modellauto in der Tasche und träumte von einem Benz…

Freitag, 13. August 2010 15:36

© 2010 Dirk Schindelbeck

Wiking-H0-Modelle der 60er Jahre

Wiking-H0-Modelle der 60er Jahre

In der Hosentasche gut versteckt
hab ich die Modelle einst genossen,
ihre so zerbrechlichen Karossen
heimlich und für mich allein entdeckt:

Fenstersäulen, Scheiben, Hauben, Kühler,
Bodenplatten, filigran gepresst,
artig tastend wie ein Formenschüler
hielt ich jeden Typ mir blindlings fest.

Traumverloren in der Straßenbahn
sah dies Winkelglück mir keiner an:
Wo die Form war, war Idee nicht weit…

All mein Werkzeug? Fingerzärtlichkeit -
Stern der Sterne war ein Kunststoffknopf -
und der große Stern erstand im Kopf.

Hintergrundinfos (Sammeln, Soziologie, Geschichte der H0-Modelle etc.) dazu gibt’s hier.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Sonette als Produkte

Mittwoch, 4. August 2010 12:37

oder: ”Made in Germany”. Der etwas andere Sonettzyklus

© Dirk Schindelbeck 2007-2010

Wer etwas darüber nachdenkt, wird mir recht geben: Das Sonett ist eigentlich ein Markenartikel. Es hat genormte Qualitätstandards (14 Zeilen, Volta nach dem 8. Vers, Pointe am Ende).  Es ist also stapelfähig. Was Logistik, Lagerung, Transport, Distribution sehr erleichtert.

Ro-80

Werbepostkarte für NSU Ro 80 (1970)

Zello 1905

Anzeige für Zello-Nasenformer (1905)

Spaßprodukt Goethe-Schnuller von 1999

Schnuller mit Goethes Kopf-Profil (1999)

Es hat wie alle Markenartikel eine erotische Oberfläche. Es möchte verführen. Wer einmal von ihm genascht hat, verfällt einer gewissen Sucht. Es ist ein Wiederholungszwang. Es will konsumiert werden, verbraucht, wird aber nie ganz befriedigen - um das Bedürfnis nach einem weiteren Sonett nicht absterben zu lassen. Alles Qualitäten, welche auch den Markenartikel auszeichnen. Grund genug für mein Projekt

„Sonette als Produkte. Made in Germany”

das erstmals gut 30 Sonette auf (historische) deutsche Markenartikel versammelt. So hat es bislang noch nie ein Sonett auf einen Panzertyp gegeben, ebenso wenig auf eine Badewanne, einen Perlonstrumpf oder den Wankel-Motor. Dass dieser Markenartikel-Lobpreis satirisch ausfällt und jeweils in einer entsprechenden Pointe endet, versteht sich von selbst.

Grundlage für dieses Projekt sind meine kulturhistorischen Arbeiten, die Sie unter verschiedenen Rubriken der docere-Abteilung finden, etwa unter Konsumgeschichte, Reklame & Werbung oder Theorie und Geschichte des Markenartikels. Zu Geschichte und Theorie - vor allem des kybernetischen Sonetts - empfehle ich den Text “Wir schreiben ein Sonett…”

[weiter...]

Thema: Reklame & Werbung, Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Thalysia-Edelformer (1954)

Montag, 2. August 2010 15:04

© 2010 Dirk Schindelbeckthalysia128

Der kluge Mensch verschafft sich Proportionen,
die auch das andere Geschlecht begeistern.
Geschickt die Körperformen zu bemeistern,
das von Natur aus Schöne zu betonen

wird sich besonders für die Damen lohnen
(wie sag ich’s nur charmant?..), die etwas feistern
die gern ihr Problematisches verkleistern
und etwas voller sind in manchen Zonen.

Jetzt hilft, was stärker ist als die Natur,
was sich stets ausdehnt, in der Form zu halten:
Thalysia-Mieder mit den Urgewalten

verleihn dem äußren Menschen die Figur
von früher und dem innren Menschen geben
sie frische Spannkraft und ein neues Leben.

Anmerkung:

Aus dem Original-Anzeigetext von 1954: „Kein Grund zur Aufregung, meine Da­men, auch wenn ihr Körper beginnt, sich selbständig zu machen! Sie können trotzdem begehrenswert und schön bleiben - allerdings muss das Formgebende stärker sein als der Ausdehnungsdrang von innen, sonst drückt sich alles durch. Tragen sie also einen Thalysia-Edelformer.” Er erst „verleiht dem äußeren Menschen eine makellose Silhouette und dem inneren Menschen neue Spannkraft und Frische.”

Mehr Hintergründe dazu gibt’s hier.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Der kleine Trommler (1935)

Montag, 2. August 2010 13:15

© 2010 Dirk Schindelbeck

schindelbeck-trommler

Der kleine Trommler läuft im frischen Schritt,
ein stolzer Oskar, deutsch und kerngesund.
Wie strahlt der Pimpf dich an, wie lacht sein Mund!
Wann wanderst du in solchen Schuhen mit?

Dann könntet ihr zusammen wandern. Nein,
wenn ihr schon zwei seid, könnt ihr gleich marschieren!
Er schlägt den Takt vor, und das wird dich führen:
so kommt ihr von den Alpen bis zum Rhein.

Die Schuhe, euer deutsches Fabrikat,
sie passen gut, sie halten bis Paris,
da sind die Mädchen scharf, die Nächte süß…

Doch halt! Was führt der Trommler jetzt im Schild?
beschleunigt seinen Schritt, läuft aus dem Bild
in Gegenrichtung bis nach Stalingrad…

Mehr Hintergrundimformationen zum Thema in Ilgen/Schindelbeck: Am Anfang war die Litfasssäule. Illustrierte deutsche Konsumgeschichte, Darmstadt 2006

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Die Nusskanne (1979)

Freitag, 30. Juli 2010 12:45

ein Requiem

Abbildungen zur WMF-Nusskanne von 1979 finden Sie hier

© 2010 Dirk Schindelbeck

Sie galt als Priesterin gehobner Tischkultur,
die uns Hygienestandards definierte,
und jene, die in Erdnussschalen ihre Spur
von Fingern hinterließen, rasch kurierte!

Wenn sich aus ihrem Bauch den letzten Spießern
ein Schwall von Flips ergoss und Erdnusskernen,
war sie der Anfang vom sozialen Lernen,
verwandelte Genossen zu Genießern.

Du gabst uns, was uns fehlte: Stil, Geschmack.
Doch wir Banausen, ja wir dumpfes Pack
vergaßen dich, benutzten dich höchst selten.

Nusskanne! Herrliche! In unsere Party-Welten
drangst du nie ein und bliebst schon bald im Schrank:
So nimm nun dies Gedicht als letzten Dank.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

“My plate - this is my castle!”

Montag, 10. Mai 2010 8:31

(ehelicher Dialog; sie kursiv, er fett)

© 2010 Dirk Schindelbeck

Im Restaurant: „Heut speisen wir gemütlich!”
Die Frage nach dem optimalen Tisch
ist schon gelöst. Wir einigen uns gütlich:
„Du willst doch sicher Fleisch? Ich nehme Fisch!”

Nun gut. Da kommt mein Rinderhüftsteak: “Fabel-
haft - schmeckt’s mir!”
Plötzlich scheinen deine Augen
an meinem Teller sich fast festzusaugen:
„Lässt Du mich mal probieren - eine Gabel?”

Das Spielchen kenn ich. Aus Probier-Verkehr
wird bald das endlos lange Teller-Kreisen…
D e n Angriff auf mein Essen abzuweisen,

beginne ich mich richtig aufzupflanzen,
und halte Messer, Gabel wie zwei Lanzen:
“My plate - this is my castle, Baby! Yeah!”

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Doktor Unblutig empfiehlt…

Samstag, 10. April 2010 8:14

© Dirk Schindelbeck 2010

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Gestatten, Doktor med. Unblutig. Ja, der Name
ist schon Programm. Da lass ich mich nicht lumpen.
Was sieht mein Auge da für Riesenklumpen
an Ihren Füßen? Hühneraugen, werte Dame,

entfernt kein kluger Arzt mehr mit dem Messer.
Dagegen hilft doch längst das wundersame
bewährte Kukirol - ganz schmerzlos und viel besser:
Das ist der wahre Fortschritt, nicht Reklame.

Die Kukirolfabrik Kurt Krisp in Magdeburg
erspart auch Ihnen jetzt den Haus-Chirurg:
Mit Hühneraugenqualen ist für immer Schluß:

Kein andres Mittel wird an Kukirol je reichen -
doch nur in Apotheken mit dem Zeichen
des Hahnenkopfs auf blutverschmierten Fuß.

kukirol_fuss

Detail der obigen Anzeige

Anmerkung

Wer mehr über die skurrile Kukirol-Reklame wissen möchte, sei auf meinen grundlegenden Artikel über die Werbung der zwanziger Jahre, Firma Kurt Krisp, die Werbefigur des Dr. Unblutig, die Hintergründe der Kukirol-Kampagne sowie den dafür zuständigen Werbefachmann Johannes Iversen etc. verwiesen. Für die Lektüre sollten Sie sich allerdings Zeit nehmen. Es lohnt sich.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Sonettwelt

Montag, 8. März 2010 8:23

© 1974-2009 Dirk Schindelbeck

Ein Wort zuvor…

Das Sonett gibt es seit etwa 700 Jahren. Vom Italien des Renaissancezeitalters, wo Dante und Petrarka erste Höhepunkte der Sonettdichtung setzten, breitete sich der Gedichttyp über ganz Europa aus. William Shakespeare, Andreas Gryphius, Johann Wolfgang von Goethe, Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Georg Heym und Rainer Maria Rilke, um nur einige wenige zu nennen, gelten bis heute als seine Meister.

Als fester Gedichttyp fordert das Sonett gewisse Qualitätsstandards ein. Es braucht einen deutlichen Gegensatz zwischen Quartetten und Terzetten ebenso wie eine akzentuierte Schlusspointe, die es auf dialektischem Weg erreicht. In der Vergangenheit blieb es die bevorzugte Form der Liebes- und der Gedankenlyrik. Bis heute schien es, dass damit seine formalen wie thematischen Möglichkeiten erschöpft seien.

Dass dem beileibe nicht so sein muss, können Sie auf den folgenden Seiten erfahren. Hier finden Sie drei ungewöhnliche Sonettzyklen, die neue, bislang noch nicht beschrittene, Wege der Sonettdichtung gehen.

Neue Wege, neue Töne

Wie keine andere Form ist das Sonett ergebnisorientiert. Es eignet sich hervorragend zur Beschreibung industrieller Prozesse. Es kann das Verfahren der Schokoladenherstellung ebenso sinnfällig machen wie die Wirkungsweise eines Medikaments oder eines Thermostaten, zum Plädoyer eines Staatsanwalts werden oder eine Werbebotschaft „auf den Punkt bringen”.

Vom Verdikt, dass das Sonett vor allem ein „schönes” Gedicht zu sein habe, gilt es endlich Abschied zu nehmen. Schon Expressionisten wie Georg Heym, Paul Boldt oder Georg Trakl hatten dazu den Weg gewiesen. Es ist bedauerlich, dass diese Impulse in der Folgezeit kaum aufgenommen worden sind, sondern mit der Wahl der Form immer wieder ein Rückkehr zur Ästhetik des 19. Jahrhunderts einherging - wie etwa im NS oder der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Das Sonett kann mehr, es ist neu zu entdecken. Es kann ein wissenschaftlicher abstract sein, ein gewitzter Kommentator, es kann ein kleines Lehrgedicht ausführen, kann Museumspädagoge, Reiseführer, Beipackzettel, Wirtschaftskommentar, Ordnungshüter oder Marketingstratege sein. Nichts ist so klar, so um Klarheit und Ordnung bemüht wie das Sonett. Es ist die Verbindung von Sonate und Mathematik.

Ob sein Gegenstand ein Kampfpanzer, die Judenvermögensabgabe oder eine Lippenstiftmarke ist - das Sonett (das es ja durchaus als Waschmittel gibt!), ist zu vielerlei pointierten Aussagen und Verdichtungen fähig.

Sonette als Produkte oder: Made in Germany. Der etwas andere Sonettzyklus (26 Stücke)

Technische Sonette Ein innovatives Form-Projekt (18 Stücke)

Kalenderblätter Sonette zu Grafiken von Gerd Grimm (14 Stücke)

Darüber hinaus finden Sie, allerdings unter der Rubrik Liebe et al, den Zyklus Alte Liebe. Ein Sonettzyklus (30 Stücke); weitere Sonette in barocker Formtradition gibt es immer einmal wieder meiner innerhalb der Zeitreise eines Barockdichters unter Sag es perVers

Wer sich näher auf Theorie und Geschichte des Sonetts einlassen möchte, der findet hier weitere Informationen. Ebenso steht ein Essay (PDF) zum Downdload bereit.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

_zylinder_kopf_dichtung_

Dienstag, 16. Februar 2010 6:40

© 2010 Dirk Schindelbeck

_es ist der kopf_er dichtet nicht mehr richtig_
die kompression lässt nach_bald auch die power_
klar_läuft der motor noch_zuerst nur flüchtig
und fein tritt öl aus_dann wirds mehr_auf dauer

fällt dir die leistung merklich in den keller_
nur_ist die dichtung innen drin gerissen_
vermischt sich öl mit wasser_umso schneller
musst du agieren_ sonst wirds ganz beschissen:

_jetzt hilft nur noch_den kopf herunter reißen_
motorblock schleifen: plan_’ne frische dichtung
auflegen_sauber dann den kopf draufpassen_

dann wird das schlimmste sich verhindern lassen_
wo technik ist_gibts dinge_die verschleißen_
die alte dichtung?___schleunigst zur vernichtung_ _ _

Arbeitsaufgabe für die Mittelstufe: ersetze “Kompression” durch Leidenschaft, “Öl” durch Blut usw. Was könntest Du sonst noch ersetzen?

Wer nicht weiterweiß: Einen umfangreichen Essay zum Sonett gibts hier.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Segeln…

Samstag, 16. Januar 2010 11:37

für Hans-Jürgen Mende

zugleich Hommage an Hans Domizlaffs Segelbuch Dirk III (1934/37/41). Einige Passagen daraus sind in mein Drama “Der Machtberater” (Szene 13) eingeflossen

© 2010 Dirk Schindelbeck

Segeltörn in die Dänische Südsee 2005

Segeltörn in die Dänische Südsee 2005

Im Hafenbecken liegen weiß gereiht
die Boote. Hör nur, wie das Wasser gluckst
und an den Rümpfen leckt… die beste Zeit
endlich in See zu stechen. Knatternd druckst

der Dieselmotor, schiebt uns aus dem Hafen,
geschwätzig gurgelt es schon unterm Kiel.
Das Meer, die alte Platte, scheint zu schlafen.
Du stellst den Motor ab. Nun ist es still.

Hans-Jürgen Mende und DS an Deck

Skipper Hans-Jürgen Mende und seine Crew

Da kommt die Brise und das Segel steht,
und wie von selber macht das Boot jetzt Fahrt.
Der Wind sagt an, wohin die Reise geht.

Was ist die Zeit? Sanft schlägt das Tau ans Boot -
als hätte sich die Schöpfung aufgespart,
saugst du vom neuen Tag das Morgenrot.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck