Archiv der Kategorie: 'Sonettwelt'

Später Frühling

Dienstag, 2. Februar 2010 14:51

© 2010 Dirk Schindelbeck

Du selbst wirst nie mehr Frühling sein; du gehst
dafür durch jeden Frühling intensiver.
Magnolienblüten fallen dir lasziver
als je zuvor in deinen Weg. Du flehst

um Gottes willen keine Mächte an, verstehst
viel besser, was in dir jetzt auflebt, offensiver
gibst Du dich dem hin was da komme - positiver
ist keine Haltung denkbar, wie Du’s drehst.

So kann der Frühling wüten. Klar: ein Bube.
Du kennst ihn lange, weißt wie er sich anschleicht
und zwinkerst mir nur zu (der sich dir angleicht):

Hallo, ihr Reifen, haucht der Gute generös
und drückt mit Macht auf seine Blütentube.
Drück zu, wir dauern: frühlingsgierig und -porös.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Sonettwelt

Dienstag, 8. Dezember 2009 8:23

© 1974-2009 Dirk Schindelbeck

Ein Wort zuvor…

Das Sonett gibt es seit etwa 700 Jahren. Vom Italien des Renaissancezeitalters, wo Dante und Petrarka erste Höhepunkte der Sonettdichtung setzten, breitete sich der Gedichttyp über ganz Europa aus. William Shakespeare, Andreas Gryphius, Johann Wolfgang von Goethe, Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Georg Heym und Rainer Maria Rilke, um nur einige wenige zu nennen, gelten bis heute als seine Meister.

Als fester Gedichttyp fordert das Sonett gewisse Qualitätsstandards ein. Es braucht einen deutlichen Gegensatz zwischen Quartetten und Terzetten ebenso wie eine akzentuierte Schlusspointe, die es auf dialektischem Weg erreicht. In der Vergangenheit blieb es die bevorzugte Form der Liebes- und der Gedankenlyrik. Bis heute schien es, dass damit seine formalen wie thematischen Möglichkeiten erschöpft seien.

Dass dem beileibe nicht so sein muss, können Sie auf den folgenden Seiten erfahren. Hier finden Sie drei ungewöhnliche Sonettzyklen, die neue, bislang noch nicht beschrittene, Wege der Sonettdichtung gehen.

Neue Wege, neue Töne

Wie keine andere Form ist das Sonett ergebnisorientiert. Es eignet sich hervorragend zur Beschreibung industrieller Prozesse. Es kann das Verfahren der Schokoladenherstellung ebenso sinnfällig machen wie die Wirkungsweise eines Medikaments oder eines Thermostaten, zum Plädoyer eines Staatsanwalts werden oder eine Werbebotschaft „auf den Punkt bringen”.

Vom Verdikt, dass das Sonett vor allem ein „schönes” Gedicht zu sein habe, gilt es endlich Abschied zu nehmen. Schon Expressionisten wie Georg Heym, Paul Boldt oder Georg Trakl hatten dazu den Weg gewiesen. Es ist bedauerlich, dass diese Impulse in der Folgezeit kaum aufgenommen worden sind, sondern mit der Wahl der Form immer wieder ein Rückkehr zur Ästhetik des 19. Jahrhunderts einherging - wie etwa im NS oder der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Das Sonett kann mehr, es ist neu zu entdecken. Es kann ein wissenschaftlicher abstract sein, ein gewitzter Kommentator, es kann ein kleines Lehrgedicht ausführen, kann Museumspädagoge, Reiseführer, Beipackzettel, Wirtschaftskommentar, Ordnungshüter oder Marketingstratege sein. Nichts ist so klar, so um Klarheit und Ordnung bemüht wie das Sonett. Es ist die Verbindung von Sonate und Mathematik.

Ob sein Gegenstand ein Kampfpanzer, die Judenvermögensabgabe oder eine Lippenstiftmarke ist - das Sonett (das es ja durchaus als Waschmittel gibt!), ist zu vielerlei pointierten Aussagen und Verdichtungen fähig.

Sonette als Produkte oder: Made in Germany. Der etwas andere Sonettzyklus (26 Stücke)

Technische Sonette Ein innovatives Form-Projekt (14 Stücke)

Kalenderblätter Sonette zu Grafiken von Gerd Grimm (14 Stücke)

Darüber hinaus finden Sie, allerdings unter der Rubrik Liebe et al, den Zyklus Alte Liebe. Ein Sonettzyklus (30 Stücke).

Wer sich näher auf Theorie und Geschichte des Sonetts einlassen möchte, der findet hier weitere Informationen. Ebenso steht ein Essay (PDF) zum Dowdload bereit.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Straßenmusiker in New York

Freitag, 27. November 2009 15:09

gerd_grimm_ny_streetguitar

An hellen Sommernachmittagen, wenn Konturen
der Riesenstadt sich unterm Abendhimmel schärfen,
Passanten Schatten spitz wie Pappelreihen werfen,
das Straßenpflaster glüht und glimmt wie von Glasuren

aus letztem Zwielicht überkrustet, reißt der Strom
der Menschen, die noch streben in die Supermärkte,
nicht ab. Kaum einer unter ihnen, der bemerkte,
wie auf dem Pflaster plötzlich, fast wie ein Phantom

ein Straßenmusiker sich quer zur Promenade
platziert hat und Gitarre spielt. Doch die Akkorde
verhallen kraftlos, und so zieht die Menschenhorde

vorbei am für sich selbst nur spielenden Phantasten,
dessen samtausgeschlagener Gitarrenkasten
erleuchtet daliegt wie die leere Bundeslade.

Bild: Gerd Grimm 1982

Text: Dirk Schindelbeck 2008

Mehr zu dem Grafiker Gerd Grimm finden Sie hier.

Werkausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ab 11. Februar 2010

Mehr Gedichte zu Grafiken finden Sie hier.

Einen umfangreichen Essay zum Sonett finden Sie hier.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Des Kaisers Bart (1911)

Donnerstag, 6. August 2009 13:50

© 2008 Dirk Schindelbeck

Anzeige für Hoffriseu Monsier Haby's Bartformprodukte von 1901

Anzeige für Hoffriseur Haby's Bartformprodukte von 1911

Einst steckt’ in jedem deutschen Mann ein ziemlich kleiner
verdrückter Kaiser, der, gleich unsrem Wilhelm Zwei,
mit einem Donner-Schnauzbart, stark wie Willi seiner,
nassforsch einherstolzierte, frisch, fromm, fröhlich, frei -

Nicht jedem aber war ein Kaiser-Bart vergönnt:
Von diesem Mannesmakel sprach ihn huldvoll los
Frisör Francois Haby, ein windiger Franzos’,
mit seinen Bartformapparaten (deutsches Reichspatent!)

und drei Artikeln (nicht ganz ohne Eigennutz):
Bartbindenkamm, Bartbindenwasser und - geeicht
und echt - die „Kaiser-Binde mit dem Ohrenschutz”.

Die Nacht durch angelegt, erhielt der Bart die Form
der könig-kaiserlichen Garde-Lieutenants-Norm…
Wie jubelte Monsieur Haby: „Es ist erreicht!”

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Alaska

Mittwoch, 22. Juli 2009 15:01

Gerd Grimm Alaska 1979

Kein Mensch wird ohne Not den Ort betreten,
wo sich die Welt so krümmt, wo selbst der Tag
von einem gnadenlosen Eis-Planeten
geschickt, am liebsten sofort wieder gehen mag.

Hier krampft vor Schmerz das Holz. Der Frost ist radikal,
der das Motorenöl verklumpt, den Müll.
Kein Vogel in der Luft, kein menschliches Signal.
Das Dorf wie tot. Und abgrundstill.

Die Spiegelungen aber dauern ewig an,
die Himmelsstücke in die Pfützen pressen,
und monoton schleift Wind an Eisfiguren.

Hier gibt es kein Erleben, kein Vergessen,
hier decken Schlamm und Schnee die Lebensspuren,
und nur die dürren Masten knacken dann und wann.

Bild: Gerd Grimm 1979

Text: Dirk Schindelbeck 2008

Mehr zu dem Grafiker Gerd Grimm finden Sie hier.

Werkausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ab 11. Februar 2010

Mehr Gedichte zu Grafiken finden Sie hier.

Einen umfangreichen Essay zum Sonett finden Sie hier.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Die Polaroid-Kamera

Freitag, 19. Juni 2009 16:52

Anzeige für Polaroid 1974

Anzeige für Polaroid 1974

© 2009 Dirk Schindelbeck

Das Leben jagt dahin! Der Augenblick
kaum ausgeatmet, ist auch schon vorüber.
Wer hält ein Zipfelchen nur fest vom Glück,
wenn dir das Herz aufgeht, die Augen über?

Hat da nicht jemand eine Polaroid
dabei, die alles auf die Platte bannt
was uns zu Tränen rührt und diebisch freut.
Der Apparat denkt nach - wir sind gespannt -

und schiebt zunächst nur ein Papier heraus.
Dann schält sich wie aus Nebeln ein Gesicht,
ein Nasengrat gewinnt Kontur, ein Mund

fängt an zu lächeln, breit und breiter, und
fängt wirklich an zu sprechen - nein spricht nicht:
So sieht der Abglanz unsres Lebens aus.

Thema: Liebe et al, Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Teufelsmaschine Sonett

Sonntag, 7. Juni 2009 9:01

© 2008 Dirk Schindelbeck

Was das Ding leistet, hat man nicht geahnt.
Sei’s drum, man hat sich ja drauf eingelassen
und staunt, denn dies und jenes scheint zu passen,
dass einem ganz von ferne plötzlich schwant,

was mit dem Ding denn los ist. Halb gefesselt
und halb belustigt sieht man Lichterscheiben
ihr eignes reimverrücktes Spielchen treiben -
und plötzlich fühlt man sich wie eingekesselt.

Jetzt nimmt das Fahrt auf, und man spürt Prozesse,
wie beim Computer, dessen Virenscanner
im Hintergrund stets alles überwacht.

Urplötzlich zeigt das Ding sich dann als Kenner
der Psyche seines Schreiber, haut mit Macht
ihm einen satten Faustschlag in die Fresse.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

“Nur Hubraum!”

Sonntag, 7. Juni 2009 8:58

© 2008 Dirk Schindelbeck

„Ein sattes Drehmoment“, befindet unser Dieter,
„das fällt bei reichlich Hubraum von alleine ab.
Schwachbrüstige Motörchen unter einem Liter
die machen ja beim kleinsten Hügel schlapp.“

„Denn Hubraum ist durch gar nichts zu ersetzen!“ lehrt der Dieter
und wird nicht müd, sein Motor-Credo zu betonen.
Was scheren ihn Verschleiß, Verbrauch und Emissionen?
In Hubraumfragen bleibt der Dieter Wertehüter.

Dass Dieter von ’ner Harley träumt, ist stadtbekannt,
mit sattem Blubber-Sound und Mega-Durchzugskraft.
Da fingert er nervös am Haustürschlüssel, gell?

Amerika erscheint ihm eh ganz sagenhaft,
Amerika, da wo der Mann sich noch ermannt
und all die Super-Frauen wachsen (Hubraum XXL).

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Baugrube

Sonntag, 7. Juni 2009 8:54

© 2008 Dirk Schindelbeck

Der Baggerführer prüft den Untergrund
mit Stiefeln: großer Löffel angemessen;
Der Bagger baggert flott, es läuft recht rund.
Dann Pause: BILDer-Busen, Stullen essen.

Die Kipper fahren Schutt und Abraum weg.
Gebunkert ist für alle schon das Bier.
Die Spatenknechte stehn nur faul im Dreck
und schippeln müde. Dann kommt der Polier.

Am Abend ist das Aushubziel erreicht.
Es ragt ein letztes korrodiertes Rohr
links unten aus der Lehmwand dreist hervor.

Ein Spatenknecht geht hin und dirigiert
den Löffelzahn. Der reißt am Rohr, es explodiert,
der Bagger mit. Sei ihm die Erde leicht.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Finger auf Reisen

Sonntag, 7. Juni 2009 8:51

(eine wahre Geschichte)

© 2008 Dirk Schindelbeck

Am Bahnsteig brettert rein der ICE, bremst hart.
Die Türen drücken Menschen aus. Ein dicker Mann
hetzt abgekämpft und schweißbeperlt heran.
Die Türen schließen satt. Der ICE gewinnt an Fahrt.

Sein Finger abgequetscht, im Zug. Unmenschlich schreit
der Mann, indes der Finger schon auf Köln zurast…
„He, Achtung, Ambulanz und Notarzt, aufgepasst:
Seid’s ihr bereit für einen Wettlauf mit der Zeit?”

Der Sankafahrer - Gas! - schiebt alles von der Autobahn,
erreicht den nächsten Bahnhof vor dem Zug mit Glück,
fährt flugs und brav in einer Tupperbox zurück

den Finger. Ärzte stehn bereit und nähn ihn wieder an.
Den Sankafahrer hat das richtig geil geprickelt -
zu selten, dass sich einer einen ICE so um den Finger wickelt.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck