Archiv der Kategorie: 'Sonettwelt'

Des Kaisers Bart (1911)

Donnerstag, 6. August 2009 13:50

© 2008 Dirk Schindelbeck

Anzeige für Hoffriseu Monsier Haby's Bartformprodukte von 1901

Anzeige für Hoffriseur Haby's Bartformprodukte von 1911

Einst steckt’ in jedem deutschen Mann ein ziemlich kleiner
verdrückter Kaiser, der, gleich unsrem Wilhelm Zwei,
mit einem Donner-Schnauzbart, stark wie Willi seiner,
nassforsch einherstolzierte, frisch, fromm, fröhlich, frei -

Nicht jedem aber war ein Kaiser-Bart vergönnt:
Von diesem Mannesmakel sprach ihn huldvoll los
Frisör Francois Haby, ein windiger Franzos’,
mit seinen Bartformapparaten (deutsches Reichspatent!)

und drei Artikeln (nicht ganz ohne Eigennutz):
Bartbindenkamm, Bartbindenwasser und - geeicht
und echt - die „Kaiser-Binde mit dem Ohrenschutz”.

Die Nacht durch angelegt, erhielt der Bart die Form
der könig-kaiserlichen Garde-Lieutenants-Norm…
Wie jubelte Monsieur Haby: „Es ist erreicht!”

Mehr Hintergrundinformationen zum Thema “Alte Reklame” finden Sie in diesem Buch.

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Thalysia-Edelformer (1954)

Sonntag, 2. August 2009 15:04

© 2010 Dirk Schindelbeckthalysia128

Der kluge Mensch verschafft sich Proportionen,
die auch das andere Geschlecht begeistern.
Geschickt die Körperformen zu bemeistern,
das von Natur aus Schöne zu betonen

wird sich besonders für die Damen lohnen
(wie sag ich’s nur charmant?..), die etwas feistern
die gern ihr Problematisches verkleistern
und etwas voller sind in manchen Zonen.

Jetzt hilft, was stärker ist als die Natur,
was sich stets ausdehnt, in der Form zu halten:
Thalysia-Mieder mit den Urgewalten

verleihn dem äußren Menschen die Figur
von früher und dem innren Menschen geben
sie frische Spannkraft und ein neues Leben.

Anmerkung:

Aus dem Original-Anzeigetext von 1954: „Kein Grund zur Aufregung, meine Da­men, auch wenn ihr Körper beginnt, sich selbständig zu machen! Sie können trotzdem begehrenswert und schön bleiben - allerdings muss das Formgebende stärker sein als der Ausdehnungsdrang von innen, sonst drückt sich alles durch. Tragen sie also einen Thalysia-Edelformer.” Er erst „verleiht dem äußeren Menschen eine makellose Silhouette und dem inneren Menschen neue Spannkraft und Frische.”

Mehr Hintergründe dazu gibt’s hier.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Alaska

Mittwoch, 22. Juli 2009 15:01

Gerd Grimm Alaska 1979

Kein Mensch wird ohne Not den Ort betreten,
wo sich die Welt so krümmt, wo selbst der Tag
von einem gnadenlosen Eis-Planeten
geschickt, am liebsten sofort wieder gehen mag.

Hier krampft vor Schmerz das Holz. Der Frost ist radikal,
der das Motorenöl verklumpt, den Müll.
Kein Vogel in der Luft, kein menschliches Signal.
Das Dorf wie tot. Und abgrundstill.

Die Spiegelungen aber dauern ewig an,
die Himmelsstücke in die Pfützen pressen,
und monoton schleift Wind an Eisfiguren.

Hier gibt es kein Erleben, kein Vergessen,
hier decken Schlamm und Schnee die Lebensspuren,
und nur die dürren Masten knacken dann und wann.

Bild: Gerd Grimm 1979

Text: Dirk Schindelbeck 2008

Mehr zu dem Grafiker Gerd Grimm finden Sie hier.

Mehr Gedichte zu Grafiken finden Sie hier.

Einen umfangreichen Essay zum Sonett finden Sie hier.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Alles in OBI

Samstag, 27. Juni 2009 18:34

© 2009 Dirk Schindelbeck

„Ich brauch ein Klon-Gerät” - „Wie bitte?” - „Was zum Klonen,
verdoppeln will ich mich, ich bin zu sehr gestresst,
die Nerven liegen blank. Mein Wille steht längst fest,
dass ich mich jetzt verteil auf vier bis sechs Portionen.”

„Wie bitte?” - „Besser zehn! Das dürfte sich dann lohnen,
wenn sich, sofern die zehn sind makellos gepresst,
mein Ich in Serie reproduzieren lässt:
Auch könnten zwei bis drei der Burschen bei mir wohnen.”

„ Verstehn Sie…” - „Wenn ich nur schon diese Hohlform hätte:
Ein Abguss macht sich schnell, und meine Silhouette
steht auf als Dummy Eins und läuft…” - „Mein Herr, ich glaub…”

„Nimmt man als Menschenteig noch Lehm und bläst dem Teigling
danach das Leben ein?” - „O Herr…” - „Und das Recycling?
Zerfallen sie wie ich auch rückstandslos zu Staub?” - - - - - -

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braun sixtant:

Samstag, 27. Juni 2009 11:56

Das ideale Konfirmandengeschenk (1964)

© 2009 Dirk Schindelbeck

braun sixtant von 1962

braun sixtant von 1962

Der sich so schmiegte satt und fest in jede Hand,
begegnete real nur männlichen Geschöpfen
zeitgleich mit Anzug, Schlips, Manschettenknöpfen,
der wundervolle Apparat, der braun sixtant.

Durch ihn erst ward der junge Glaubens-Praktikant
mitsamt dem Spruch: „Es soll’n wohl Hügel weichen,
doch meine Gnade soll nie von dir weichen…”
ein rundherum gut aufgestellter Konfirmand.

Schon bald danach war’s abgehakt. Es kam die Zeit
der Nassrasur, die jetzt der Stenz für sich entdeckte:
Vergessen der sixtant und alle prospektive Gnade.

Als reifer Mann erst auf der Lebenszielgerade
erkannte er, was in der Grundausstattung steckte:
Form follows function, Mensch! Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Zum Sachartikel “braun” im kleinen Markenlexikon bitte hier klicken.

Einen aufschlussreichen Text zum Sonett finden Sie hier (PDF, 23 S.)

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Tetra-Pak

Samstag, 27. Juni 2009 6:57

© 2010 Dirk Schindelbeck

Ein hundsgemeines Rohr aus Pappe, innen
hauchdünn mit einem Kunststofffilm beschichtet.
Mit dem Patent, dass sogar Pappe richtig dichtet,
lässt sich weltweit ein Markt erobern und gewinnen.

Das Rohr ist leer noch, dümpelt - bis ein Schwall
von ultrahocherhitzter Milch in seine Kammer
einschießt, das Rohr ganz fest und stramm steht, prall,
urplötzlich wird’s brutal von einer Eisenklammer

hier abgeklemmt, hier abgeklemmt, hier ab-
geklemmt, um neunzig Grad dabei gedreht:
geschieht wo Milch aseptisch portioniert entsteht.

Da kommt der Greifer schon, schiebt kurz und knapp
zum Supermarkt die kleinen Pyramiden,
zu Kindern, selbst befüllt bald und zufrieden.

Zum Sachartikel Tetra-Pak in meinem kleinen Markenlexikon geht’s hier.

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Die Polaroid-Kamera

Freitag, 19. Juni 2009 16:52

Anzeige für Polaroid 1974

Anzeige für Polaroid 1974

© 2009 Dirk Schindelbeck

Das Leben jagt dahin! Der Augenblick
kaum ausgeatmet, ist auch schon vorüber.
Wer hält ein Zipfelchen nur fest vom Glück,
wenn dir das Herz aufgeht, die Augen über?

Hat da nicht jemand eine Polaroid
dabei, die alles auf die Platte bannt
was uns zu Tränen rührt und diebisch freut.
Der Apparat denkt nach - wir sind gespannt -

und schiebt zunächst nur ein Papier heraus.
Dann schält sich wie aus Nebeln ein Gesicht,
ein Nasengrat gewinnt Kontur, ein Mund

fängt an zu lächeln, breit und breiter, und
fängt wirklich an zu sprechen - nein spricht nicht:
So sieht der Abglanz unsres Lebens aus.

Thema: Liebe et al, Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Teufelsmaschine Sonett

Sonntag, 7. Juni 2009 9:01

© 2008 Dirk Schindelbeck

Was das Ding leistet, hat man nicht geahnt.
Sei’s drum, man hat sich ja drauf eingelassen
und staunt, denn dies und jenes scheint zu passen,
dass einem ganz von ferne plötzlich schwant,

was mit dem Ding denn los ist. Halb gefesselt
und halb belustigt sieht man Lichterscheiben
ihr eignes reimverrücktes Spielchen treiben -
und plötzlich fühlt man sich wie eingekesselt.

Jetzt nimmt das Fahrt auf, und man spürt Prozesse,
wie beim Computer, dessen Virenscanner
im Hintergrund stets alles überwacht.

Urplötzlich zeigt das Ding sich dann als Kenner
der Psyche seines Schreiber, haut mit Macht
ihm einen satten Faustschlag in die Fresse.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

“Nur Hubraum!”

Sonntag, 7. Juni 2009 8:58

© 2008 Dirk Schindelbeck

„Ein sattes Drehmoment“, befindet unser Dieter,
„das fällt bei reichlich Hubraum von alleine ab.
Schwachbrüstige Motörchen unter einem Liter
die machen ja beim kleinsten Hügel schlapp.“

„Denn Hubraum ist durch gar nichts zu ersetzen!“ lehrt der Dieter
und wird nicht müd, sein Motor-Credo zu betonen.
Was scheren ihn Verschleiß, Verbrauch und Emissionen?
In Hubraumfragen bleibt der Dieter Wertehüter.

Dass Dieter von ’ner Harley träumt, ist stadtbekannt,
mit sattem Blubber-Sound und Mega-Durchzugskraft.
Da fingert er nervös am Haustürschlüssel, gell?

Amerika erscheint ihm eh ganz sagenhaft,
Amerika, da wo der Mann sich noch ermannt
und all die Super-Frauen wachsen (Hubraum XXL).

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Baugrube

Sonntag, 7. Juni 2009 8:54

© 2008 Dirk Schindelbeck

Der Baggerführer prüft den Untergrund
mit Stiefeln: großer Löffel angemessen;
Der Bagger baggert flott, es läuft recht rund.
Dann Pause: BILDer-Busen, Stullen essen.

Die Kipper fahren Schutt und Abraum weg.
Gebunkert ist für alle schon das Bier.
Die Spatenknechte stehn nur faul im Dreck
und schippeln müde. Dann kommt der Polier.

Am Abend ist das Aushubziel erreicht.
Es ragt ein letztes korrodiertes Rohr
links unten aus der Lehmwand dreist hervor.

Ein Spatenknecht geht hin und dirigiert
den Löffelzahn. Der reißt am Rohr, es explodiert,
der Bagger mit. Sei ihm die Erde leicht.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck