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Dirk Schindelbeck » Prosaisches

Archiv der Kategorie: 'Prosaisches'

Zumbiegel und das Alphabet

Mittwoch, 5. Mai 2010 14:17

Akademische Milieustudie

© 2002 Dirk Schindelbeck

Welch schöne Jahre, Jahre des Aufbruchs, der neuen Ideen! Drei Freunde waren sie, angetreten, die wissenschaftliche Welt aus den Angeln zu heben. Heinrich Zumbiegel war einer von ihnen - gewesen. Denn mit den Jahren war Entfremdung eingetreten, und Schuld daran war allein das Alphabet. Niemand hatte seinerzeit mit der Arbeitsgemeinschaft Bütefisch, Schnarrhäuser-Knotenberger und Zumbiegel gerechnet. Auf einmal waren sie da, erregten Aufmerksamkeit in Wissenschaftskreisen. Und nach drei, vier Jahren hatten sie sich einen veritablen Namen erschrieben.

Von da an aber wirkte, unmerklich erst, dann immer machtvoller, das gnadenlose Gesetz des Alphabets. [weiter...]

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Massenvariationen

Donnerstag, 24. Dezember 2009 8:32

eine experimentelle Textfolge als Langzeitprojekt

in memoriam Frank-Dieter Männel (1950-2005)

© 1973 - 2010 Dirk Schindelbeck

Dieses Projekt einer soziologisch-philosophischen Prosa-Dichtung wird kontinuierlich fortgesetzt. Als erster Text wird heute die Keimzelle aus dem Jahr 1973 ins Netz gestellt.

1

Furcht und Zittern

Zwei Einzelne kamen an der Masse vorbei.
„Sieh, wie groß sie ist!”, sagte der eine.
„Du meinst, die Körper in ihrer Unzahl nebeneinander macht sie so groß…”, verbesserte der andere.

In der Tat war sie so groß, dass selbst der sonst hohe, friedliche Himmel vor ihr zurückwich.
Gestand der eine: „Meine verschämten Augen verstecken sich vor ihrer Weite. Aber warum nur ist so dünn? Wie ein endloser, riesiger Pfannkuchen erscheint sie mir.”

Sie stiegen einen kleinen Hügel hinan und schauten von dort über die Masse hinweg.
Nickte der andere: „So groß ist sie und doch so dünn und niedrig.” - „Ja, niedrig, wirklich, das ist sie, groß und dabei niedrig.”

Die Masse, die bis dahin belustigt zugehört und des öfteren überlegen hatte, wurde sehr zornig und streckte nun viele tausend drohender Finger ihnen entgegen, und böses, unruhiges Blut wuchs schnell in ihr, sodass die beiden Einzelnen ihre Beine nicht verleugnen konnten.

Die riesige Masse schwappte noch hinter ihnen her, entließ sie doch dann, zäh und träge, da sie spürte, dass ihrer Pfannkuchenoberfläche Gefahr drohte, einzureißen. Später erkaltete sie mehr und mehr und war bald eingeschlafen.

Lange noch pochte es in den Einzelnen fort.

Thema: Kurzgeschichten | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Kurz- und Kürzestgeschichten

Samstag, 20. Juni 2009 6:47

In dieser Schublade präsentiere ich Ihnen Kostproben von einigen meiner Kurzgeschichten.

Übersicht

Die schöne Stadt

Irmtrud

Tod der rechten Hand

Auf der richtigen Seite

Der Kapitalismus siegt!

Zumbiegel und das Alphabet

Bei Lehrers zieht der Hamster ein

Thema: Kurzgeschichten | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Satiren und Realsatiren

Freitag, 19. Juni 2009 18:52

© 1990-2007 Dirk Schindelbeck

In dieser Rubrik präsentiere ich Ihnen eine Auswahl verschiedener Satiren. Manche (und z.T. auch mehr) davon finden Sie auch auf anderem Wege, etwa in den Rubriken “Deutschlandgedichte”, “Kurzgeschichten” oder “Sag es perVers”. Nicht minder satirisch wollen etwa die  Sonette auf Produkte oder auch viele Epigramme verstanden sein.

Vom Überholen ohne einzuholen. Die Mutter aller Weimar-Satiren

daraus: Weimar 2000 (Prosa- und Versfassung)

Bei Lehrers zieht der Hamster ein (Prosa- und Versfassung)

Zumbiegel und das Alphabet. Eine akademische Milieustudie

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Spielkunst meets Verskust

Im Fortgeschrittenen-Tanzkurs. Ein Dialog zwischen Mann und Frau

Mein Gusszylinder, mein Über-Ich (Kurzfassung)

Thema: Satiren | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Vom Überholen ohne einzuholen oder: Realsatire wie sie leibt und lebt

Freitag, 19. Juni 2009 6:40

Die Mutter aller Weimar-Satiren
© 2003 Dirk Schindelbeck

1
Das Unausweichliche - wird’s so Ereignis?

Es war im Januar 1990 - gerade hatte man begriffen, dass die Mauer nun wohl für immer gefallen war, noch waren die Gesichter der Ost-Menschen hell vom Segen des Begrüßungsgeldes und die Silvesterraketen noch kaum über dem Brandenburger Tor verzischt - da war auch ich froher Erwartungen voll. Denn noch kaum lief der Frühlingswind durch die kahlen Alleen, da sah ich sie schon vor mir, die Landschaften dieses neuen, größeren Deutschlands, blühend zwar noch nicht, aber irgendwie einig und eins, Geschichte wie Zukunft, Orte und Menschen, Erlebnisse oder Symbole. In dieser Stimmung wagte ich mich an ein Stückchen Zukunftsmusik:

„Siebter November 1999. In Frankfurt besteigt eine Gruppe von Werbefachleuten einen Helikopter und fliegt längs der E4 Richtung Osten. Längst zieht sich die Autobahn achtspurig durch das Hessische Bergland gegen Berlin zu, der wiedererstandenen Hauptstadt des neuen Großkanzlerreiches. Über Gotha und Erfurt nähern sie sich dem Tal der Ilm, dem Ziel ihrer Reise: Weimar. [weiter...]

Thema: Satiren | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Mein Gusszylinder, mein Über-Ich (Kurzfassung)

Freitag, 19. Juni 2009 6:31

Ein Sammlertraum(a)
© 1997 Dirk Schindelbeck

Die wunderlichsten Leute sind nicht immer die,
die ihren Spleen vorführen wie ein Accessoire,
sich selbst zur Eitelkeit, zum Gaudi für die Welt.
Ein Exemplar solch stillerer Sorte ist mein Freund,
ein unauffällig-netter Mensch. Der Erich steht
als Angestellter seinen braven Mann und sucht
am Sonntag mit den Jungs, der resoluten Frau
nicht einmal ungern seine Schwiegermutter auf,
bewältigt den Parcours aus Kuchen und Kaffee
und selbst den Asbach hinterher noch mühelos.
Wenn er sich informiert, so zeigt sich Erich voll
als der er ist. Die Zeitung, ausgelesen, liegt
bei ihresgleichen in Paketen stramm verzurrt
des Morgens ausgerichtet auf dem Altpapier.
Nie dachte ich, dass diesen Mann ein Furor quält
aus einer andern Welt, ein horror vacui, wie ihn
kein Angestellter je durchlitten haben kann.

Der Anlass war ein alter Schuhkarton. Darin
fand sich, vergessen lang, ein altes Blechspielzeug.
Zum Vorschein kam dies eines Sonntagnachmittags,
der grau und regenschwer daherschlich, dass ich bald
- der Erich war mit der Familie da - für seine Jungs
schnell auf den Speicher stieg und damit wiederkam.
Als nun der Deckel von dem staubigen Karton
gelüftet ward, winkt ich den beiden generös
und reichte ihnen dieses Dings. Erstaunen steht,
Entsetzen dann auf Erichs Miene. Rüde drückt
er seine Söhne weg und sich vor das Objekt:
„Ich hätte so was nicht bei dir vermutet,” schmunzelt er
und lacht: „Das ist nichts für die rohe Kinderhand!
Ein Storchbein!” - „Was?” - „Von Bing. Für Spiritusbetrieb:
Ein Bodenläufer, ähnlich einer Dampflok, fährt
auf einem Spurkranz zwar, doch nicht auf einem Gleis:
Nürnberger Stil, ich schätz, um neunzehnhundertvier,
doch nicht korrupt.” - „Wie bitte?” - „Keine Replika.
Es wurde nichts verfälscht, ersetzt. Ein feines Teil.” -
„Aha.” - „Nur Ferrihydroxyd: der rote Rost,
nicht weiter tragisch. Reparabel.” Damit liegt
er schon am Boden, windet sich um sein Objekt
wie eine Schlange, welche ihre Eier schützt.
„Hast Du vielleicht ein wenig Spiritus im Haus?”
tönt es herauf, „nur keine Angst, nicht zum Betrieb,
zur Reinigung.” Indes, sein Wunsch bleibt unerfüllt,
vom Kaffeetisch hinunter schüttl’ ich nur den Kopf.

O Erich-Menschenbild, was tust du mir? Der Mensch
noch immer Sammler, homo collectans? Gleicht er
dem Hamster, Geier, dem verschlagnen Fuchs? Da liegt
der alte Wolf in seinem Fernsehsessel, spielt
gelangweilt an der Fernbedienung. Doch ich seh’
das teuflische Gemisch aus Ordnungswut und Gier
in seinen Augen jetzt. Und schau, schon springt er auf,
durchkämmt Bazare, Börsen auf der ganzen Welt
in seinem halt- und ruhelosen Trieb nach Blech:
Daheim trifft Päckchen bald auf Päckchen ein, es schiebt
die Restfamilie Wache, sichert, registriert,
füllt die Regale auf, versiegelt Räume. Abgeschirmt
von aller Welt akkumuliert sich so sein Reich.
In solchen Schreckensphantasien lief der Tag
mir hin, als Erich blieb vom Storchbein absorbiert.

Er selbst hat über seinen Auftritt nachgedacht
(vermutlich), denn er lud mich ein zum Männertee:
Er führt mich durch den Flur ins Schlafgemach, wo sich
der Kleiderschrank elektrisch öffnet. Jesus, nein!
Vitrinen voll mit schönem altem Blechspielzeug.
Verschüchtert steh ich vor der Pracht: Dies also ist,
halb Wallfahrtskirche und halb Gruselkabinett,
des Erichs Innenwelt. Er registriert den Blick:
„Ingrid verbietet mir, das auszustellen. Recht
hat sie. Verflixt noch mal, da hat sie recht.” Er ringt
nach Luft - und lacht und dreht an Knöpfen. Tür um Tür
der Kleiderschrankwand öffnet sich von Zauberhand
und präsentiert sein ganzes Blech-Panoptikum.
„Da möchtest Du wohl gern mal fassen? Ist nicht, Freund,
solang die Zugreifsperre wirkt. Im Sinne der Objekt-
Erhaltung regelt mein rotierendes System
die Stückentnahme: jeden Tag ein andres Teil,
ganz rigoros.” Er schmunzelt: „Doch wir haben Glück,
denn freigegeben ist heut Nummer Eins!” Er holt
aus der Vitrine eine herzige Blechfigur.
„Auf einem Flohmarkt fünfundsiebzig in Berlin
erstand ich diesen Auto-Onkel. Jahrelang
stand er auf meinem Bücherbrett nur so als Zier,
bis mir ein Freund davon erzählte: ein Produkt
von Lehmann, Brandenburg, um neunzehnhundertzehn.
Das war der Urgrund, war der Keim. Schnell kam dann Stück
um Stück hinzu, je mehr es Sammlung wurde, wuchs
natürlich auch das Platzproblem. Wohin mit all
dem Kleiderwust von vier Personen? Gott sei Dank
ist unser Keller trocken, wenn auch ziemlich kühl.”

Da greint er wie ein Schlitzohr und führt lächelnd aus:
„Die Schrankwand umzurüsten, das war ein Projekt!
Geeignete Vitrinen, Brandschutz, Sicherheit,
Beleuchtungsfragen und so fort. Den Ausschlag gab,
dass hier das Klima wesentlich konstanter ist
als in den andern Räumen dieser Wohnung. Klar,
die Unterbringung ist ein Dauer-Kompromiss
aus angemessner Lagerung des Sammelguts
und dem Bedürfnis, es zu präsentieren. Doch
im engen Rahmen meiner Möglichkeiten stellt
dies gleichwohl die mit Abstand beste Lösung dar.”
Die Perfektion, wie presst sie mir Bewundrung ab
Gleich der Beziehung, die sie schafft und konserviert!
Wie oft mag Erich nachts, wenn andre Baldrian
Und Schlaftabletten nötig haben, sich vom Bett
Erheben: ein vertrauter Gang zu seinem Schatz.

„Ist dieses Material denn nicht phantastisch, sag?
Prä-Plast-Epoche sozusagen. Wieviel Charme
vergangner Zeiten ist drin aufbewahrt? Zu Blech
die Welt zurechtgebogen, dann bedruckt, lackiert!
Wie oft steh ich davor, bestaune stundenlang
den Blechfisch hier: Wie ungelenk und primitiv
das eiert, quietscht und sein Spektakel macht. Es drängt
mich dann wohl auch, dies andern mitzuteilen, doch -
Ingrid zu überzeugen war mein Meisterstück.
Du weißt ja selber wie das ist. Am Ende siegt
das rohste Argument, der Wertbesitz. Nun denn:
Im Keller steht seitdem der echte Kleiderschrank.
Dafür spiel ich auf Lebenszeit auch den Kurier
und hol, was immer man zum Anziehn braucht, herauf.
Wenn mich die Ingrid früher ärgern wollte - mal
war dies, mal das nicht richtig -, schickte sie mich schon
auch fünf- und sechsmal in den Keller runter. Doch
seitdem ich im PC nicht nur die Blech-Artikel
verwalte, sondern jetzt auch den Gesamtbestand
an Kleidungsstücken überblicke, ist das längst
kein Thema mehr. Am Bildschirm wählt sie sich ihr Kleid,
die Strümpfe, Unterwäsche, was sie anzieht, aus:
Ich lass mir ihren Kleidungswunsch bestätigen
und liefere in drei Minuten - garantiert.”

Jetzt dreht er an den Schaltern - und verführerisch
taucht erst in rotes, dann in violettes Licht
die pralle Hülle einer Montgolfiere ein,
ein Zeppelin trifft sanft aus seinem Schatten, jetzt
fällt auf die Hakenkreuze seines Leitwerks Licht.
„Er war der letzte seiner Art, der Zeppelin
von neununddreißig, schwere Tippco-Qualität.
Schau das mal an, das dampfbetriebne Karussell -
und dennoch geben mir die Sahne-Stücke letztlich nie
den Kick. Hier schau, die Biller-Bahn, ein Loren-Zug
von zweiundfünfzig, das ist Nachkriegszeit ganz pur.
enttrümmen war ja auch mein Lieblingsspiel…” Er seufzt:
„Und doch bin ich als Sammler nur ein Zwerg. Dies muss
man immer wieder sagen. Laien sehn und meist
auch Frauen hier die Dimensionen nicht. Mein Traum”,
gesteht er, „wär ein großes Blechschiff noch.” Ich nick
und steh mit ihm andächtig vor dem Arrangement.
„Hast du denn nichts gehört? Dies feine Knacken? Nichts?”
Ich schüttle nur den Kopf. Er lauscht. - Da draußen streunt
vielleicht ein Hund, ein Vogel knistert im Gebüsch.
„Mit allerfeinsten Rissen fängt es an, dann biegt
das Blech sich langsam auf und platzt, und der Zerfall
des Stücks beginnt - ein Häufchen grauer Asche bleibt
am Ende davon übrig. Zinkpest ist wie Aids,
heimtückisch rafft sie ganze Sammlungen hinweg.
Kein Mittel gibt’s bislang, die Wissenschaft weiß nichts.”
Der Aufschrei sitzt. Nervös und völlig umgedreht
zieht er die Nachttischlade auf, da liegen sie:
Zahnkränze, Druckzylinder, jämmerlich zerstört.
„Es steckt im Guss! Es steckt im Gus!” so murmelt er,
läuft an der Schrankwand hin, horcht hier und dort: „Ich muss
das infizierte Stück in Quarantäne nehmen.” Doch
er findet nichts; mit Mühe lässt er sich besänftigen,
wenngleich er ständig aufhorcht und verstört bekennt:
„Im Grunde sammle ich ja gar kein Blechspielzeug,
ich sammle Zeit, ich schaue Zeit durchs Blech mir an.”

Die kühne Selbsterkenntnis hat mich tief berührt;
sie spielt in meinen Träumen ihren Part,
wenn Erichs Stimme an mein Ohr vernehmlich dringt:
„Wer aus dem Abgrund aller Unvollständigkeit
bleibt eingeschworen auf sein Ziel, nur der Idee
der Sammlung treu, doch ewig strebend im Bemühn,
bis dass er ihr dereinst das letzte Stück
erjagt und einverleibt, an diesem Tage, wenn
in lauter Glück er steht vor seinem Werk und ruft:
‚Komplett! - - ‚ …. als ob im Hintergrund das Morgenrot
des jüngsten Tags zugleich heraufzieht, Endzeit ist
mit großem Coming-Out, mit Showdown der Substanz
und - schau - aus aller Herren Länder angereist
schon die Fraktion der Sammler anhebt: ‚So ein Tag…’,
die es, aus dumpfen Kellern an das Tageslicht
hervorzukehren trieb, was bislang vor der Welt
versteckt lag, sie, die Hüter des verkannten Seins,
formiert und aufgereiht vor ihren Truhen stehn,
die Deckel fortzureißen (jeder sich noch schnell
ins Bild zu rücken strebt, als Glanzstück, Schlusspunkt, Sinn
des eignen, unvergänglich edlen Werks) und nun
die Schachteln sich eröffnen, in dem Augenblick,
wenn dann, o Schreck, das Sammelgut zerfallen ist,
als Häufchen grauen Pulvers nur zum Vorschein kommt,
nach riesigem Lamento Fassung wiederkehrt,
sind sie die wahrhaft Auferstandenem vom Wahn,
und, nun im Wissen, endlich frei zu sein,
macht sich homerisch-himmlisches Gelächter breit
und füllt den Himmel aus, es lacht der Dilettant,
es lacht der Auktionator, lacht die Ehefrau,
es lacht der allergrößte Sammler vor dem Herrn
über den Staub der Welt, den Haufen altes Blech.”

Thema: Satiren | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Weimar 2000

Donnerstag, 18. Juni 2009 18:30

(mehrfach abgedruckt seit 1990, hier die Fassung aus dem Eulenspiegel, Oktober 1992)

© 1990 Dirk Schindelbeck

Vorbemerkung zehn Jahre nachdem Weimar 1999 Kulturhauptstadt Europas wurde: Die Wirkung dieses Textes auf die Kulturpolitik vor Ort und an höherer Stelle war durchschlagend. In dieser und anderen Varianten kursierte er ab dem Sommer 1990 sowohl in Weimar selbst als auch andernorts. Es sind mindestens 15 Abdrucke belegt bis hin zur Zitation im Spiegel. Die Idee zur marketingmäßig gestylten Klassiker-Marketing, hier satirisch überzeichnet, wurde 1999 schließlich absurd-komische Realität. Selten hat Satire kulturpolitisches Handeln so sehr präfiguriert wie in diesem Fall.

„Siebter November 1999. In Frankfurt besteigt eine Gruppe von Werbefachleuten einen Helikopter und fliegt längs der E4 Richtung Osten. Längst zieht sich die Autobahn achtspurig durch das Hessische Bergland gegen Berlin zu, der wiedererstandenen Hauptstadt des neuen Großkanzlerreiches. Über Gotha und Erfurt nähern sie sich dem Tal der Ilm, dem Ziel ihrer Reise: Weimar.
Die Ortsbesichtigung heute ist mehr als eine der turnusmäßig durchgeführten Mythos-Inspektionen, seit Weimar konsequent zur gesamtdeutschen Classic-Metropole ausgebaut wurde. Die Werbeleute gehören zum Team der Weimar-Creativ-Productions, einer Frankfurter Agentur, die vorwiegend auf den Markt des immateriellen Konsums und auf Orts- und Kulturträgermarketing spezialisiert ist. 1997 kam der große Durchbruch mit der Einrichtung des Satellitenprogramms ‚Weimar-Inside’, das Klassik-Animationsprogramme und darauf abgestimmte Produktwerbung ausstrahlt.
So konnte dieses Jahr erstmalig zusammengezogen werden zu einem zweijährigen Mega-Festival. Was fällt heuer auch nicht alles zusammen? Ende August war der 250-jährige Goethe-Geburtstag. Und schon beginnen die 50-Jahre-Deutschland-Feiern mit dem Höhepunkt übermorgen, der 10-jährigen Maueröffnung. In einer medialen Zusammenschaltung werden dann die bekanntesten word-designer (Dichter) der Welt ihre Hymnen auf die Freiheit anstimmen. Dann werden alle Weimarer Einwohner, längst als Dauerstatisten geübt, in tosenden Beifall ausbrechen. Gut betuchte Nostalgiker können noch die letzten Stasi-Windjacken oder Ortsschilder aus Karl-Marx-Stadt ersteigern. Für den kleineren Geldbeutel bieten eigens eingerichtete Souvernirstände Replikate der Leipziger Demonstrations-Kerzen im VEB-Karton-Imitat feil.

All dies wäre natürlich nicht ohne ein entsprechendes Marketing des Ortes möglich gewesen. Als Glücksfall erwies sich, dass Weimar über so dichte DDR-Heimat-Rohmasse verfügte, die mithilfe des BRD-Marketing-Knowhow zu einer hochglaubwürdigen Ortsanmutung synthetisiert worden ist. Anfangs der neunziger Jahre wurde ja noch lange der Plan einer totalen Weimar-Simulation an neutraler Stelle heftig befürwortet. Wie die Entwicklung wohl verlaufen wäre, wenn damals beim Probelauf des Goethe-Androiden nicht dessen eklatante Reimschwächen zutage getreten wären?
Was sich hier alles getan hat, kann nur derjenige ermessen, der sich der Zeit vor der Deutschen Revolution noch erinnert. Weimar, das war ein schmutzig-grauer Provinzflecken, über den sich im Winter eine bräunliche Schicht aus Zweitakt-Abgasen und verkokeltem Braunkohlehausbrand legte. Johann Wolfgang Goethe hatte diesen Verfall lange vorausgesehen und sich schon 1796 energisch gegen kommunistische SED-Misswirtschaft gewandt:
„Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird,
wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue
Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.”
(Hermann und Dorothea)
Nachdrücklich hatte er dagegen eine Stadtqualität gefordert, professionell möbliert wie die damals führenden Metropolen Mannheim oder Frankfurt!
Mit seinen geringen Marketing-Kenntnissen sorgte er 1775, eben hier eingetroffen, in seiner gelb-blauen Werther-Tracht immerhin für die Akzente der Mode-Saison. Trat dann bald als ‚Pater Dekorator’ auf und animierte die Hofgesellschaft mit Theaterstücken, sorgte für Illuminationen und künstliche Wasserfälle. Es dauerte noch bis 1818, ehe die Erzherzogin erkannte, dass die „einheimischen Erzeugnisse der Einbildungskraft und des Nachdenkens” die premium position im Ortsmarketing einnehmen mussten.

Heute haben die Ambiente- und Patina-Directors diese guten Ansätze ins Gesamt-Konzept der Classic-City integriert. Alle hier käuflichen Produkte entsprechen der Weimar-Design-Linie. So z.B. die edel geschnittenen DOB-Modelle der ‚Iphigenie-Collection’ des Hauses ‚Charlotte von S.’ für die reifere Dame. ‚Vulpius-Dessous’ wiederum befriedigt den verwöhnten, auf erotische Raffinesse ansprechenden Geschmack. Zu einem Multivisions-Zentrum mit integriertem Liebhaberkino ist das alte Hoftheater umgebaut worden. Hier darf sich der Gourmet beim Soft-Porno ‚Tausend Figuren. Ein Deutscher in Rom’ entspannen, einem Film in Goethocolor nach der Farbenlehre gedreht.
Selbst völlig amusische Menschen empfangen beim Gang durch die Stadt Kauf- und Konsumimpulse von bislang ungeahnter Dimension. In den Cafés, die ein breites Sortiment an Dichterköpfen aus Marzipan, Schokolade oder Schaumbaiser anbieten, sitzen Wissenschaftler und Gelehrte, die im Goethe-Schiller-Research-Center arbeiten und vergnügen sich an den süßen Kreationen, während sie den Stand ihrer Werkausgaben und Tantiemen diskutieren. Vor ihnen über die Plätze der Stadt und durch die Ladenpassagen bis hinunter zu den Ilmauen flanieren die Dichter-Trainees aus aller Welt, den Walkman im Ohr, der sie mit klassischem Gedankengut lädt.
Ein neuer Besucherrekord zeichnet sich jetzt schon ab. Vor allem im Marktbereich der Ganz-Animationen werden die Wachstumsraten kräftig zulegen, wie De-Stael-Tours, der führende Weimar-Anbieter, verlauten lässt. Wer zur Weltbildgenesung hier reisen will, bucht für die nächste Saison möglichst jetzt schon seine Suite im Sheraton-Hotel ‚Herzog Karl August’. Nach langen, äußerst zähen Verhandlungen ist es den Hotel-Managern gelungen, erfahrene Weltbild-Animateure der Rudolf-Steiner-Schulen vertraglich zu binden. In wohligen Regressionserkern des Hauses oder verschwiegenen Mooshütten im Ilmtal wird die gehetzte Bilderseele massiert und wieder an Sprache gewöhnt. Die Erfolge sind einzigartig: Neunzig Prozent der Befragten geben an, dass sie nun neben Bildern und Videos wieder Worte schätzen und in Zukunft verstärkt benutzen wollen.
Apropos Worte: Lange wurde ja ein passender Slogan aus echter Goethe-Substanz gesucht. Schließlich gelang die kommunikationstechnisch optimale Reduktion eines seiner Gedichte. Aus dem Textrohling
Alles geben die Götter, die unendlichen,
ihren Lieblingen ganz,
alle Freuden, die unendlichen,
alle Schmerzen, die unendlichen, ganz

wurde die fetzige Head: ‚Weimar. Alles ganz’”.

Thema: Satiren | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Tod der rechten Hand

Mittwoch, 10. Juni 2009 7:10

© 1982 Dirk Schindelbeck

Der Schweiß. Weiß liegt die Hand, flach und warm auf dem Oberschenkel, dem Hosenstoff, einem braunen Cord. Liegt flach. Beginnt zu kreisen, rutscht abwärts, wird hohl, wird rund, umgreift das Knie, hebt einen Finger ab, den kleinen zuerst, dann Ring-, Mittel- und Zeigefinger, lässt sie wieder zurückfallen einzeln, beginnt von neuem eins, zwei, drei, vier, vier, drei, zwei, eins.

Auf die Haut treffen in unregelmäßigen Abständen Licht- und Schattenbänder von fern. Liegt wieder ruhig. Liegt und wartet, wie gespannt auf etwas, das kommt. Gibt sich hin den Schwingungen, dem Rollen und Rauschen des Blutes unter dem Stoff, dem Pochen dort, dem Pochen tief drinnen in ihr. Rutscht plötzlich nach vorn, hängt einen Augenblick frei, wird wieder zurückgezogen vom Arm, legt sich wieder hin wie ein aufgeschreckter Hund, um die Kniescheibe, rund, hohl, feucht von Schweiß. [weiter...]

Thema: Kurzgeschichten | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Irmtrud

Mittwoch, 10. Juni 2009 7:05

© 1983 Dirk Schindelbeck

Irmtrud begibt sich zu ihrer Freundin. Sie fährt durch die Straßen der Altstadt, mit dem Fahrrad. Trägt flache Schuhe, ein altmodisches Hemd, eine weite Hose. Sie ist so dürr, sie sieht aus wie eine Vogelscheuche. Und die Freundin ist eigentlich gar keine Freundin, sie ist eine Bekannte vom Studium her, die mit ihr lernen will. Irmtrud findet sie nett. Natürlich hat Irmtrud auch Freundinnen. Aber die haben alle keinen Freund. Die Bekannte, zu der sie jetzt fährt, hat einen Freund, lebt sogar mit ihm zusammen.

Irmtrud hört gern klassische Musik. Immer zur selben Zeit im Radio. Und oft danach noch die Literatursendung. Irmtrud ahnt nicht, wie wenig diese Sendungen gehört werden.
Meist isst Irmtrud während der Radiosendung ein Plätzchen. Meist eins, seltener zwei. Eine Rolle Plätzchen reicht ihr eine Woche hin. Sie hält aber immer noch eine Reservepackung in ihrem Schrank. Falls ihre Freundinnen einmal mit ihr die Radiosendung hören sollten. Vielleicht sollte sie die Reservepackung doch in der nächsten Woche anbrechen und durch eine frische ersetzen, sonst werden die Plätzchen noch zu alt.

Ein so kleines Studentenzimmer, wie sie es bewohnt, bei einer älteren Dame, kann man sich gar nicht vorstellen. Aber Irmtrud ist nicht anspruchsvoll, und sie wohnt gern hier, schon im dritten Jahr.

Irmtrud hört auch von Problemen anderer Leute, von Examinierten und Referendaren ohne Anstellung. Irmtrud ist sehr gut, die beste des Semesters. Der Professor hat ihr schon eine Assistentenstelle angeboten, aber sie möchte lieber in den Schuldienst. Eigentlich hatte sie immer Einser, so lange sie denken konnte.

Manche Tage in der Universität mag Irmtrud gar nicht. Tische werden aufgebaut, Versammlungen abgehalten. Es ist dann unglaublich viel Unruhe in den Gängen und Räumen, da kann sie sich nicht konzentrieren.

Einmal hatte ihr Professor sie schon zu sich nach Hause eingeladen, aber dann hatte es sich doch zerschlagen, aus Termingründen. Seitdem weiß sie, wo ihr Professor wohnt, kennt auch die Busverbindung dorthin, es ist außerhalb. Irmtrud erinnert sich genau, wie sie sich für die Einladung bedankte, sie sieht es ganz bildhaft.

Im Radio hört Irmtrud von schlimmen Dingen. Von der Angst der Leute um ihre Arbeitsplätze, von Katastrophen, Kriegen, Wahnsinnstaten aus Leidenschaft. Ihr Professor würde ihr direkt ein Gutachten schreiben. Ein Stipendium wäre bestimmt kein Problem. Es gibt Augenblicke, wo Irmtrud gern wissen möchte, wie zum Beispiel andere Frauen empfinden.

Ihre Freundinnen sind sehr nett, aber über dieses Thema wurde noch nicht gesprochen. Bei der Bekannten aber, zu der sie jetzt fährt, hat sie das Gefühl, das Gespräch könnte einmal darauf kommen, oder - und das wäre ihr im Grunde viel lieber - aus der Art des Gesprächs, aus den Formulierungen könnte sich etwas ergeben oder ableiten lassen. So etwas wie einen Hauch von diesen unbekannten Dingen zu erfahren, das wäre schon viel.

Einmal war der Freund dabei. Da war ihr unbehaglich. Sie wusste nicht, ob sie gehen oder bleiben sollte. Dann ging aber der Freund.

Am wohlsten fühlt sich Irmtrud, wenn etwas Kulturelles dabei ist. Sie hat früher einmal Flöte gespielt. Recht ordentlich sogar. Aber dafür hat sie jetzt wirklich keine Zeit mehr.

Vielleicht hat Irmtrud, sie weiß es wohl selbst nicht so genau, im Geheimen beschlossen, ihre Bekannte zu ihrer Freundin zu machen. Auf einen oben schon vorgelochten, langen schwarzen Pappstreifen, der sich an die Wand hängen lässt, hat sie in regelmäßigen Abständen fünf kleine Schokoladenmarienkäfer geklebt, als eine kleine Geste, wenn man so will, ein Geschenk. Sie freut sich schon jetzt über die Freude ihrer Bekannten.

Nun ist sie bei ihr angelangt, schließt ihr Fahrrad sorgfältig ab. Im Hausflur kommt ihr der Freund entgegen. Wie sie ihn sieht, packt sie die Befürchtung, die Tasche, in der sich das Geschenk befindet, könnte zu Boden fallen und sie verraten, und sie drückt sie heftiger an sich.
Der Freund grüßt nicht einmal. Irmtrud geht die Stiege hinauf.

Thema: Kurzgeschichten | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Die schöne Stadt

Mittwoch, 10. Juni 2009 7:01

© 1981 Dirk Schindelbeck

In einer Stadt, deren Name nicht überliefert ist, achteten die Bewohner ihre sensiblen Mitmenschen in einer besonderen Weise. Sie ließen sich Ausbildung und Qualifikation dieser Leute viel Geld kosten. Da gab es zum Beispiel diejenigen mit einem besonders feinen Gehör. Diese sah man ihre Ohren intensiv einsetzen und in den U-Bahnen, an Straßenkreuzungen oder an Orten, wo sie es für sinnvoll hielten, in den Parks, in Hauseinfahrten oder in der Nähe von Brücken, lauschen, um Schwingungen und Veränderungen der Umwelt zu registrieren. Andere gab es, die mit geschärftem Blick und großer Hingabe den Himmel beobachteten, die Veränderung der Wolkenbilder, die Formen, Farben und Entfärbungen der Natur im Frühling oder Herbst. Auch vergaßen sie nicht, ihre Mitmenschen, deren Gesten und Bewegungen, Lächeln und Trauermienen zu registrieren. Andere mit besonders empfindlichen Nasen gingen den Gerüchen und Düften nach, erspürten die Aromen der Gemüse und Kräuter auf dem Markt und in den Vorgärten ebenso wie die Konzentration von Schadstoffen und Abgasen: kein leichtes Amt! Wieder andere betasteten die Festigkeit und Dichte von Materialien, und wenn sie meinten, auch Tiere und Menschen befühlen müssen, so taten dies - immer freilich mit großer Zurückhaltung und gebotenem Takt. Auch sie zeichneten ihre Beobachtungen sorgfältig auf. Ein Mal im Monat wurden dann diese Ergebnisse zusammengefasst im Stadtrat vorgetragen und den anderen Einwohnern zugänglich gemacht. Immer wieder brachten die Beobachtungen für alle Stadtbewohner Neues. Es blieb nicht aus, dass mit den Jahren und Jahrzehnten der allgemeine Grad an Kultiviertheit und Sensibilität in der schönen Stadt sehr anstieg. Der Sinn für Kunst und Kultur hatte einen ganz anderen Stellenwert als andernorts, ebenso wie die Empfindlichkeit der Einwohner füreinander ungemein groß war, ihr Engagement für das Gemeinwesen, ihre Fähigkeit, Rücksicht zu nehmen. Es war, als ob die Entstehung eines allgemeinen seismographisch-empfindlichen Organs für alles Geschehen in der Stadt und um sie herum in greifbare Nähe rückte - allein weil man auf das Wissen um die Verflochtenheit aller Dinge miteinander in jedem Einwohner zählen konnte. Immer wieder hörte man sagen: „Die nützlichsten sind die, welche herumgehen und sensibel registrieren: Sie verhindern den Krieg!”

Thema: Kurzgeschichten | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck