Auf der richtigen Seite
Mittwoch, 10. Juni 2009 6:53
© 1982 Dirk Schindelbeck
Die Bewerber sind im großen Foyer des Hauptgebäudes versammelt. In Fällen, wo sich - wie hier - Gruppen bilden, hat der Pförtner stille Anweisung, noch eine viertel Stunde hingehen zu lassen, damit auch die Verspäteten nicht ohne Chance wieder davongehen müssen. Doch das wäre unnötig gewesen, da sich niemand verspätet hat. Einige Sekretärinnen, einige Herren gehen durch das Foyer, den Pförtner grüßend, zu den Aufzügen hinüber. Manche der Damen lächelt die Bewerber an, die Herren ignorieren sie.
Der Pförtner ist etwas ungeduldig. Gern würde er sein zweites Frühstück einnehmen, doch das Raunen und Gemurmel der vielen Leute stört ihn. Da lässt er es lieber. Auch die Telefongespräche, die er annimmt und vermittelt, sind der Unruhe, die von den Leuten ausgeht, ausgesetzt. Dabei ist heute seltsamerweise wenig zu tun, und er könnte im Grunde gemütlich in seiner Loge sitzen bleiben und abwarten. Doch die Zeit vergeht, auch diese Zeit vergeht, und, da der Pförtner zur Uhr sieht, ist er schon etwas erleichterter, denn es sind nun kaum mehr fünf Minuten, bis er die Bewerber, wie in solchen Fällen üblich, in den 11. Stock, die Personalabteilung, schicken wird. Es fehlt nur noch der bestätigende Anruf von oben. Der Pförtner ist aufgestanden, er macht ein paar Schritte hin und her in seiner Loge. Zeitung mag er nicht lesen, rund so fällt sein Blick erst selten, bald unweigerlich öfter und intensiver auf die Bewerber. Auch sie alle tragen Anzüge, und sie haben, soweit er das sehen kann, ihre Haare gewaschen. Nein, ungepflegt wirken sie nicht, das könnte man nicht behaupten. Wenn sie nur andere Aktentaschen tragen würden, dann würde man sie ohne weiteres für Angestellte des Hauses halten können. Für was die sich wohl alle bewarben? [weiter...]
Thema: Kurzgeschichten | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck