Archiv der Kategorie: '"Docere"'

Die neue Eleganz - der Modezeichner Gerd Grimm (1911 - 1998)

Donnerstag, 4. Februar 2010 12:17

© 2010 Dirk Schindelbeck

Werkausstellung Gerd Grimm

im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe

vom 11. Februar bis 5. April 2010

Weitere Informationen und vor allem mehr Bildmaterial finden Sie auf den Seiten der  grimm-foundation, die auch Allein-Inhaberin aller Rechte am Gesamtwerk von Gerd Grimm ist.


Gerd Grimm

Stationen im Leben eines Modezeichners - ein Porträt

Gerd Grimm im Jahr 1954

Gerd Grimm im Jahr 1954


1  Renaissance der Modezeichnung

2 Ein Modezeichner aus Deutschland

3 Uneitel und arbeitsbesessen

4 Überleben als „Halbjude” in der NS-Zeit

5 Neue Perspektiven nach dem Krieg

6 Als Gebrauchsgrafiker im Wirtschaftswunder-Deutschland

7 Das Reval-Engagement und seine Folgen

8 Weltreisen und Menschenbilder


1  Renaissance der Modezeichnung

Über Jahrzehnte hin schien sich die Modezeichnung als grafische Gebrauchskunst überlebt zu haben. Doch nachdem René Gruau (1909-2004), dem Grafiker Christian Diors, im Musee de la Mode et du Costume in Paris 1989 eine erste Retrospektive gewidmet worden war, ist das Interesse an ihr wieder kontinuierlich angestiegen. Die Ausstellung damals vermochte nicht nur erstmals Profil und Qualität eines Werbegrafikers einem größeren Publikum vor Augen zu führen, „sondern dokumentierte auch die Wertschätzung der Mode und ihrer Darstellung im Bild als Kunst.” (Birgit Liesenklas) Heute kann man von einer kleinen Renaissance der Modegrafik sprechen.

Gerd Grimm: Modezeichnung (1950)

Gerd Grimm: Modezeichnung (1950)

Bereits in den neunziger Jahren tauchten auch wieder verstärkt Modegrafiken in Werbeanzeigen auf. Zwar wolle, wie Donald Schneider, Artdirector bei Paris Vogue, feststellte, das Publikum stets das reale Kleidungsstück sehen, wozu seit Jahrzehnten die Fotografie das adäquate Mittel zu sein schien: „Wenn es jedoch darum geht, eine Einstellung oder einen Stil auszudrücken, dann stellen Zeichnungen ein ebenso effektives Kommunikationsmittel dar. Und da es so lange vernachlässigt wurde, wirkt es nun frisch und unverbraucht, fast wie eine ‚neue Darstellungsart’”.

Gerd Grimm: Modegrafik (1950)

Gerd Grimm: Modegrafik (1950)

Natürlich haben auch Modezeichnungen in erster Linie mit Kleidung zu tun, aber es geht dabei längst nicht nur um „Stoffe”. Eine Modezeichnung fängt auch die Haltung, die Lebenseinstellung und die Stimmung ein, sei es ohne Hintergrund oder in einer betont modischen Umgebung oder einfach nur andeutungsweise. Eine Modezeichnung ist suggestiv, anregend. So verstanden, präsentiert sich Mode als romantische Fiktion, die uns verblüfft, verzaubert und verlockt, als visueller Luxus.

2 Ein Modezeichner aus Deutschland

Wie die Mode selbst ist auch die Modezeichnung ein internationales Phänomen, das im Umfeld der großen Modemetropolen wie Mailand, New York oder Paris gedeiht. Vor allem Paris mit seiner Haute Couture bot als genius loci dazu von jeher ideale Voraussetzungen. Und nur hier konnte René Gruau zusammen mit Christian Dior groß und bekannt werden.

Solche Rahmenbedingungen hatte ein Gerd Grimm nie, obwohl auch er als einer der Großen seines Faches gelten darf - neben George Lepape, Paul Iribe, Jean Patou oder Elsa Schiaparelli. Für den deutschen Sprachraum kann er sogar als singuläre Erscheinung gelten. Branchenkenner und Kollegen haben das stets erkannt. Schon 1951 schrieb Eberhard Hölscher in der Fachzeitschrift „Graphik”, Grimm gehöre „zu jenen wenigen deutschen Gebrauchsgrafikern, die sich mit Sicherheit auf dem internationalen Parkett zu bewegen verstehen.” Und die Modezeichnerin Gi Neuert bekannte: „Wir bewunderten seinen Strich, seine Eleganz und Leichtigkeit”. Dennoch ist Gerd Grimm der breiteren Öffentlichkeit bis heute so gut wie unbekannt geblieben. Warum?

Gerd Grimm: Akt (1990)

Gerd Grimm: Akt (1990)

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Propaganda mit Gummiballons und Pappraketen

Montag, 14. Dezember 2009 16:53

Zum deutsch-deutschen Flugblattkrieg nach dem Bau der Mauer

© 1995 Dirk Schindelbeck

Im Sommer 1959 fuhr ich - sieben Jahre alt - mit meinen Eltern nach West Berlin, um einen Onkel zu besuchen. So gründlich meine Erinnerungen an den Aufenthalt auch verblasst sind, die obligatorische Stadtrundfahrt, die natürlich auch in den damals noch nicht abgetrennten Ostteil der Stadt führte, ist mir noch heute präsent. Als wir die Sektorengrenze passiert hatten und an den ersten grauen Häuserblocks vorbeifuhren, platzte ich ungeduldig heraus: „Und wo sind die Russen?“ Die Erwachsenen im Bus lachten. Ihre unvermutete Reaktion erweckte in mir die Lust, das Spielchen zu wiederholen, und bald hieß es an jeder dritten Straßenecke: „Wann kommen denn endlich die Russen?“

Bundeswehr-Propaganda-Ballon wird mit Gas befüllt (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

Bundeswehr-Propaganda-Ballon wird mit Gas befüllt (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

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Thema: PR & Propaganda | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

“Kein Vergnügen ohne Revolver”

Montag, 7. Dezember 2009 16:16

Aus der Frühzeit der Zeitungsannonce

© 2009 Dirk Schindelbeck

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1879 erscheint in der Tagespresse eine Handzeichnung mit einem balladenartig-versifizierten Text, einen dreisten „Raubüberfall im Thiergarten” darstellend. Solche Präsentationen außergewöhnlicher Ereignisse ist das Lesepublikum im späten 19. Jahrhunderts gewohnt. Sie finden sich vornehmlich in den Illustrierten Bilderbogen (Neuruppiner, Deutsche, Münchner Bilderbogen etc.) der Zeit, sind überaus beliebt für alle Arten erbaulicher und belustigender, skurriler und moralisierender Geschichten.

In Bildtextkompositionen nach Bilderbogenmanier haben Verse die Funktion, ein gewisses literarisches Qualitätsniveau anzuzeigen; ein Gegenstand, der so behandelt wird, hat Wertigkeit, ja Würde. Im vorliegenden Fall wird dadurch zudem lange verdeckt, dass es sich hier um eine Reklame handelt. Zu breit und gewichtig erscheint die Geschichte, aus der sich erst allmählich der werbende Charakter einer Annonce herausschält.

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Beiträge zur Geschichte der Genossenschaften

Freitag, 2. Oktober 2009 14:35

Hier werden von nun an Untersuchungen und Essays zur Geschichte der Genossenschaften publiziert.

Als ersten Beitrag finden Sie eine detailreiche Darstellung der Frühphase des Endinger Vorschussvereins, also einer Kreditgenossenschaft, zwischen 1868 und 1873.

Quellen zur Frühphase genossenschaftlicher Entwicklung sind äußerst selten; im Fall Endingens am Kaiserstuhl hat sich durch glückliche Umstände ein großer Bestand handschriftlichen Materials erhalten, der es erlaubt, endlich einmal etwas Licht in diese frühe Zeit zu bringen.

Die Ergebnisse dürften nicht nur für den Kaiserstuhl oder Baden interessant sein, sondern auch für zahllose andere Kreditgenossenschaften überall in Deutschland, wo ländlich geprägte Verhältnisse vergleichbare Herausforderungen mit sich brachten.

Der Text ist als bebildertes PDF-file (17 S. ) hier eingestellt (vorschussv_end_bilder).

Thema: Genossenschaft | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Reklame & Werbung

Mittwoch, 30. September 2009 8:21

In dieser Rubrik finden Sie Texte zum Thema “Alte Reklame” bzw. “Werbung”. Bis heute ist sich die Kultur- bzw. Kommunikationswissenschaft nicht einig darüber, wann “Reklame” sich zu “Werbung” wandelte. Viele sehen in der Umbenennung der gleichnamigen Fachzeitschrift durch die Nationalsozialisten 1935 in “Deutsche Werbung” den entscheidenden Paradismenwechsel, andere plädieren für eine Verwendung des Begriffs Werbung erst für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Andererseits gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg Dienstleister, die sich im vollen Bewusstsein in Absetzung von Reklameschreierei “Werbeanwalt” nannten, wie umgekehrt eins der bekanntensten Gedichte Ingeborg Bachmann von 1953 noch unter dem Titel “Reklame” figuriert.

Sinnvoller erscheint es dagegen, Phänomene  der werblichen Kommunikation strukturell zu ordnen: also Werbeformen (z.B. Emailschilder, Werbefilme usw.) von ihrern Erzeugnern (z.B. Werbeberater, Grafiker usw.) sowie den beworbenen Produkten selbst zu trennen.

Innovative Werbemethoden, -mittel und -wege

Galerie deutscher Werbefachleute

Untergegangene Produkte

Thema: Reklame & Werbung | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Sammelfieber

Montag, 21. September 2009 16:28

Unter dieser Überschrift finden Sie mehrere Texte zum Phänomen des modernen Sammelns. Sie stammen aus dem Volker Ilgen und mir 1997 verfassten Buch “Jagd auf den Sarotti-Mohr. Von der Leidenschaft des Sammelns”.

Auch in der einen oder anderen Rubrik finden sich Texte, die mit dem Sammeln zu tun haben wie  der unter “Alte Werbemethoden,-mittel und -wege” eingestellte Vortrag zum Thema Emailschilder. Gleiches gilt für die Satire “Mein Gußzylinder, mein Über-Ich. Ein Sammlertraum(a).

Im Land des Sammelns. (Einleitung aus Jagd auf den Sarotti-Mohr)

Dahinter steckt immer ein kluger Kopf. Die Büsten-Sammlung der Walhalla

Leben und Taten der Wikinger. Vom Maßstab des deutschen Mannes

Das Ei des Ferrero. Vom Sammelfieber der 90er Jahre

Wer hat’s erfunden - die Schweizer. Vom Rahmdeckeli-Sammeln in der Alpenrepublik

Thema: Sammelfieber | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Leben und Taten der Wikinger - Teil 1

Mittwoch, 9. September 2009 3:31

Vom Maßstab des deutschen Mannes

© 1997 Dirk Schindelbeck

Anmerkung 2009: auch wenn der folgende Artikel schon 13 Jahre alt ist, so hat sich im Kern am damaligen Befund, was die soziologischen, mentalen und historischen Implikationen des Sammelgebietes betrifft, bis heute wenig verändert. Es geht wie immer seinen Gang: Eine Unzahl neuer Modelle ist hinzugekommen, die “Fans” sind um einige Jahre gealtert, und nachwachsende Käuferschichten noch schwieriger zu erreichen. Vieles wird inzwischen in China produziert; deswegen sind die strukturellen Marktprobleme freilich nicht kleiner geworden.

»Ich möchte Plastik sein!« Ich erinnere mich noch gut, wie sehr Andy Warhols Ausspruch die Altvorderen damals, Ende der sechziger Jahre, sprachlos zurückließ. Provokant und ironisch beschrieb es das Lebensgefühl der »Kinder von Marx und Coca Cola« als satirische Utopie, als Blaue Blume der Romantiker in ihrer PVC-Version. Selbst Joseph Beuys, zur Unzeit ein Grüner, machte da noch nicht mit, hielt er doch eisern auf authentisches Material wie Kupfer und Filz, Honig und Fett. Doch der Mensch des Industriezeitalters, musste er nicht, als Produzent serieller Ästhetik, irgendwann selbst zu seinem letzten Kunstprodukt werden? Auch aus dem sozialistischen Lager kam, was die Hochschätzung der Polymerisation anging, kein Widerspruch. Chemie, die Beglückerin der Menschheit, die Garantin für Wohlstand, Schönheit und Glück! Entzückt starrte eine ganze Epoche auf die Zauberstoffe universeller Formbarkeit. »Nur ARWA«, so eine Anzeige aus den frühen Fünfzigern, »verleiht Ihnen die vollendete Beinplastik. « Plaste, die charakter und widerstandslose, die sollte erst später, deutsch deutsch gewendet, zum Schmähbegriff für allen defizitären Ersatzstoff aus einer dem Untergang geweihten Welt werden, nachdem sich im goldenen Westen die Umwertung alles verfügbaren Humus in Bio Wertmasse längst vollzogen hatte.

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Thema: Sammelfieber | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Leben und Taten der Wikinger - Teil 2

Dienstag, 8. September 2009 18:05

Vom Maßstab des deutschen Mannes

© 1997 Dirk Schindelbeck

Das Abbild des Vorbilds des Urbilds oder: Von Sammlern und Umbauern

Kehren wir in die Modellautowelt zurück, wo sie noch nicht aus den Fugen geraten ist: Von Winston Churchill, Prinz Charles und Richard von Weizsäcker geht die Rede, sie seien Modellautofanatiker (gewesen), letzterer gar ein eingeschworener Wikinger. Ob aber auch Platon, lebte er noch, sich zu ihnen bekannt hätte? Spaß daran hätte er vielleicht gehabt, zumal man ja in den großen Automobilwerken, lange bevor ein neuer Typ in die Produktion geht, zunächst einmal ein Modell anfertigt, das Urbild mithin, die Idee. Was also, so würde der Philosoph seinen Sokrates vielleicht fragen lassen, treibt den Modellautofreund zum Sammeln an? Sind es die Modelle als solche oder dasjenige, wovon sie etwas vorstellen und Abbilder sind? Natürlich, spricht Karl Heinz, geht es mir letztlich nicht um die Modelle selbst, sondern um dasjenige, was sie an vorbildgetreuer Wiedergabe der Wirklichkeit leisten. Und die Wirklichkeit, auf die sich das Modell bezieht, die erkennst du dann auch? Klar, indem ich zwischen beiden vergleiche, sagt Karl-Heinz, erkenne ich sowohl die Wirklichkeit als auch das Modell. Du meinst also, wenn du ein Modell in der Hand hast, hast du immer einen Vergleich im Kopf, denn du misst das Modell, das ein Abbild ist, an der Wirklichkeit als seinem Vorbild und erkennst auf diese Weise, was beide sind? Richtig. Und wird das Abbild jemals besser sein können als das Vorbild, worauf es sich bezieht? Natürlich nicht. Wie aber, Karl Heinz, ist es dir möglich, diesen Vergleich anzustellen, wenn es da nicht noch etwas Drittes gäbe, worauf beide, Vorbild wie Abbild, zurückgehen müssen, nämlich das Urbild? Ich meine das so: Wenn du die reine Idee des Opel X als das Urbild für beide, großes Vorbild wie kleines Abbild, nicht längst erkannt hättest, könntest du nicht sagen: In Bezug darauf ist dies hier besser und jenes schlechter. - Ich verstehe dich nicht. - Da draußen auf dem Parkplatz, was ist das? - Ein Opel X. - Und hier drinnen, auf dem Tisch, was ist das? - Auch ein Opel X, als Modell. Erinnerst du dich also der Idee des Opel X auch über das Modell oder nicht? Ja. Ist dieses Erinnern selbst ein notwendig schlechteres? Nicht unbedingt. - Aber eins ist doch klar: Die Idee des Ford Z erinnerst du dabei nicht, oder? Keinesfalls. Also Opel X, ob groß oder klein. Ja. Die Frage also, so Sokrates, ist doch, ob das Modell, von dem wir sagten, es enthalte eine Erinnerung an die Idee, ja vielleicht selbst als die Idee in ihrer konzentrierten Form gelten kann und… Hör auf, Sokrates, spricht Karl Heinz, ich versteh dich nicht mehr. Ich bleibe bei meinen Modellen.

Borgward Arabella reloaded. 1964 (blau) und 2009 (schwarz)

Wikings Borgward Arabella reloaded: 1964 (blau) und 2009 (schwarz)

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Thema: Sammelfieber | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Mein Gusszylinder, mein Über-Ich

Mittwoch, 19. August 2009 11:40

ein Sammlertrauma

(zugleich ein vorweihnachtliches Special
und milde Satire in jambischen Trimetern)

© 1996 Dirk Schindelbeck

(aus: Volker Ilgen/Dirk Schindelbeck:
Jagd auf den Sarotti-Mohr, Fischer TB, Frankfurt 1997; mehr zum Thema Sammeln finden Sie hier.)

Die wunderlichsten Leute sind nicht immer die,
die ihren Spleen vorführen wie ein Accessoire,
sich selbst zur Eitelkeit, zum Gaudi für die Welt.
Ein Exemplar solch stillerer Sorte ist mein Freund,
ein unauffällig-netter Mensch. Der Erich steht
als Angestellter seinen braven Mann und sucht
Am Sonntag mit den Jungs, der resoluten Frau
Nicht einmal ungern seine Schwiegermutter auf,
bewältigt den Parcours aus Kuchen und Kaffee
und selbst den Asbach hinterher noch mühelos.
Dies ist das Regelmaß, das Erich kennt und lebt.
Niemals auch führt sein Urlaub ihn nach Übersee:
Komfort und Qualität Europas sind ihm lieb
und eine absehbare Rückkehr ebenso.
Wenn er sich informiert, so zeigt sich Erich voll
als der er ist. Die Zeitung, ausgelesen, liegt
bei ihresgleichen in Paketen stramm verzurrt
des Morgens ausgerichtet auf dem Altpapier.
Nie dachte ich, dass diesen Mann ein Furor quält
aus einer andern Welt, ein horror vacui, wie ihn
kein Angestellter je durchlitten haben kann. [weiter...]

Thema: Sammelfieber | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Kukirol: Fortsetzung Teil 4

Sonntag, 16. August 2009 15:21

Und ein drittes Mal kehrte Dr. Unblutig zurück, elf Jahre nach dem Tod seines Textvaters Iversen und nunmehr von seinem Sohn Olaf (1900-1956) aus seiner ersten Ehe (der als Karikaturist beim Simplicissimus einige Bekanntheit erlangen sollte) getreu nach den alten Vorgaben umgesetzt, sodass ihn die „ältere Generation“ auf Anhieb wiedererkennen konnte. In Erinnerung an die „guten alten Zeiten“ versuchte der Arztgnom ab August 1952 von seinem vermeintlichen Bekanntheitsbonus zu zehren und so seinen Relaunch ins Werk zu setzen, denn „was während der ersten Jahre erlebt wurde, ist so kurzweilig und spannend, dass es von Millionen verschlungen würde, wie einst die Inseraten-Serien von Frau Schnatterich und Herr Piedecubiste…“

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Anzeigenseite aus Quick, August 1952

Doch schon die neue Produktpalette zeigte deutlich, dass das Hauptinteresse der inzwischen in Weinheim an der Bergstraße ansässigen Firma längst nicht mehr auf dem Hühneraugenmittel Kukirol lag – längst hatten Zahnpflege-Produkte (vor allem die Haftcreme Kukident) ihm die Bedeutung als Brot-und-Butter-Artikel abgelaufen. Auch wenn man dennoch eine Zeit lang versuchte, aus Dr.-Unblutig eine zeitgemäße Comic-Figur – etwa nach dem Muster Nick Knattertons – zu machen, musste man doch einsehen, dass ihr Bekanntheitsgrad für eine echte und nachhaltige Wiederbelebung im Publikum nicht mehr ausreichte. Mitte der fünfziger Jahre schließlich verschwand Dr. Unblutig für immer aus den Anzeigenspalten.

Dr. Unblutig im Stil Nick Knattertons

Dr. Unblutig im Stil Nick Knattertons, gezeichnet von Olaf Iversen

15. Lehren aus einer dahingeschiedenen Werbefigur

So sehr Dr. Unblutig als Musterbeispiel für den lauten, mitunter bizarren Reklamestil der zwanziger Jahre stehen kann, so sehr zeigt sein Schicksal auch exemplarisch, welche strukturellen Probleme (bis heute) die Verwendung von Werbefiguren in sich birgt.

Der "wirkliche" Dr. Unblutig

Der "wirkliche" Dr. Unblutig (Anzeige 29.8.1926)

1.) Eine Werbefigur, die zugleich als (reale) Autoritäts- und als (gezeichnete) Witzfigur fungieren soll, hat ein fundamentales Kommunikationsproblem. Klaus Brandmeyer hat Werbefiguren einmal in vier Kategorien unterteilt: Erlöser (deus ex machina), Vorbilder (z.B. Frau Sommer), Lehrer (z.B. Dr. Best) und Kobolde. Der reale Dr. Unblutig in seiner Weltreisevilla sollte als Lehrer fungieren, der gezeichnete war - als Karikatur eines Arztes - nie mehr als ein Kobold. Diese Bruchstelle im Konzept ist auch der Firma Kurt Krisp nicht verborgen geblieben; mehrfach wurde in Anzeigen auf den realen Dr. Unblutig rekurriert („Dr. Unblutig - wie er wirklich aussieht”). Und dennoch wurde an der Comic-Figur über fünf Jahre hin eisern festgehalten. Diese doppelte Kommunikationsstrategie konnte das Publikum nicht nachvollziehen. Sollte es über Dr. Unblutig nun lachen oder sollte es ihn ernst nehmen? Beide Kommunikationsstrategien neutralisierten einander in ihrer Wirkung.

2.) Sicherlich werden sich Kurt Krisp und Johannes Iversen gefragt haben, warum sich die ungeheure Popularität der Comic-Figur nicht in entsprechend hohen Umsätzen niederschlug. Wir haben hier zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Werbung das Phänomen des Vampir-Effektes. Spätestens im Herbst 1924 war die Comic-Figur des Dr. Unblutig ihrer dienenden Funktion gegenüber dem zu bewerbenden Hühneraugenpflaster entwachsen und hatte in der Wahrnehmung des Publikums ein Eigenleben entfaltet, das sie himmelhoch über das zu bewerbende Produkt hinaustrug. Sie schadete dem Produkt mehr als dass sie ihm nützte. Aus eben diesem Grund ließ man das HB-Männchen Ende der 80er Jahre sterben. Dass Werbefiguren per se die Gefahr in sich bergen, zulasten des beworbenen Produktes zuviel Aufmerksamkeit auf sich (und vom Produkt ab-) zu ziehen, konnten Iversen und Krisp allerdings noch nicht wissen.

3.) Das fundamentale Problem der Kukirol-Werbung bestand darin, dass die Semper-idem-Idee, die bis heute die Seele jedes echten Markenartikels ausmacht und im übrigen das einzige Mittel ist, das Vertrauen des Publikums nachhaltig zu gewinnen, in jeder einzelnen Anzeige schamlos verraten wurde. Auf ihrer Grundlage erfolgte und erfolgt - bis heute - die kontinuierliche und wirksame Bewerbung bekannter Convenience-Produkte großer Hersteller. Bekannte Zigarettenmarken aus dem Haus Neuerburg oder Reemtsma gehörten dazu, Zahnpasten von Beiersdorf oder Lingner (Pebeco; Chlorodont), ebenso Pixavon oder „Elida”, die legendäre Seife  der zwanziger Jahre. Auch wenn sie alle in ihren Anzeigenmotiven ständig variierten, sie veränderten nie auch die scheinbar unwichtigsten Konstanten in ihren werblichen Auftritten. Auch unter diesem Aspekt macht die Kukirol-Kampagne den Eindruck einer Wanderbaustelle, auf der immer wieder Neues ausprobiert wurde - selbst auf die Gefahr hin, bereits erworbenes Vertrauenskapital ungenutzt verfallen zu lassen. So ist zum Beispiel Ende 1924 das stets wiederkehrende Logo samt Hinweis auf die Schutzmarke „Hahnenkopf mit Fuß” - offensichtlich zugunsten des Imperativs „Kukirolen Sie!” - ersatzlos gestrichen worden.

Ein Motiv aus der Elida-Kampagne (1926)

Ein Motiv aus der Elida-Kampagne (1926)

4.) Insgesamt gesehen trug die berühmt-berüchtigste Werbefigur der 20er Jahre alle Kennzeichen eines „verhängnisvollen Jahrmarkt-Stils” (Hans Domizlaff). Einmal die Ressentiment-Trommel angeschlagen gab es für Kukirol von Anfang an nur noch eine Richtung: die Flucht nach vorn, mit einem stets sich steigernden Aufwand an Phantasieeinsatz, in immer spektakulärere, waghalsigere und unglaubwürdigere Kampagnen hinein. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Zusammenbruch dieser Strategie aufgrund von Erschöpfung erfolgen musste. Auf die Dauer kann niemand seine Seriositätsprobleme mit immer neuen Sensationen und Absurditäten kompensieren.

16. “…mit noch nie dagewesenen Texten…”

Selbstverständlich war Iversen selbst in seinem Lehrwerk (2. Buch, S. 57/58) stets des Lobes voll über die Kukirol-Kampagne und pries sie als Musterbeispiel herausragender Reklame: „’Kukirolen Sie!’ Diese freche Benutzung eines Phantasienamens als Grundlage eines Zeitwortes imponierte selbst Gebildeten und wurde infolge steter Wiederholung bald Gemeingut.” Wenig später spricht er sogar vom Durchbruch des “Kukirol-Stils in der Reklame: Als Der, der dies schreibt, die hässlichen Kukirolbilder … mit bisher noch nicht dagewesenen Texten versah, weil es die einzige Möglichkeit war, sie wirksam zu verwerten, und es ein großer Erfolg wurde, erfasste alle Reklamebeflissenen, einerlei, ob sie fähig waren, einen nicht langweiligen Text zu schreiben, oder nicht, der heftige Wunsch, ähnliche Umsatzrekorde zu schaffen.”

Dass der Fall “Kukirol” hingegen eher ein Negativ-Beispiel dessen darstellte, wie man es eben nicht machen sollte, kam bereits in dem oben angeführten Lehrwerk “Erfolgreiche Werbung” von 1935 zur Sprache: “An dem noch nicht allzu weit zurückliegenden geldlichen Zusammenbruch einer bekannten Fabrik für Hühneraugen- und Fußpflegemittel waren zweifellos auch in hohem Maße die Reklameausgaben beteiligt. Es wurde ein wichtiges Grundgesetz der Werbung nicht beachtet, das besagt, dass jede Werbung im richtigen Verhältnis zu der Eigenart des Unternehmens, der Ware und den Absatzmöglichkeiten stehen muss.“

Insofern kann das Urteil über Johannes Iversen als der mit dieser Reklame und ihrem Stil auf Engste verbundenen Person nur so ausfallen: Aus der ersten Generation deutscher Werbefachleute war er der mit Abstand größte Scharlatan, Schaumschläger und Hochstapler seiner Zunft.

Epilog
(von Kurt Tucholsky: Alte Schauspieler, in: Die Weltbühne, 23. März 1926)

„Die Mode von gestern ist lächerlich. Selig, wer das Übermorgen erlebt. Seiner ist das Klassische, ein ewiger Wert ist er geworden, und so geht er ein in die Unsterblichkeit: Fritz v. Unruh, die bekannte Schöpfung des ›Berliner Tageblatts‹; Paul v. Hindenburg, der Vater der Republik; und Kukirol, der Erfinder der schwarzen Füße. Ihrer ist das Himmelreich.”

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck