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Dirk Schindelbeck » Reklame & Werbung

Archiv der Kategorie: 'Reklame & Werbung'

Kukirol: Fortsetzung Teil 2

Sonntag, 16. August 2009 15:18

7. Hühneraugenmittel-Produzent findet Hühneraugenbeseitigungs-Texter

Wie Iversen auf dem Gebiet des Werbe-Unterrichts ein Newcomer war, so war es auch ein gewisser Kurt Krisp (1893-1971). Von Haus aus Drogist, hatte dieser im Mai 1919 in Magdeburg eine Fußpflege-Spezial-Firma unter dem Namen Kukirol gegründet. 1922 verlegte Krisp den Firmensitz nach Groß Salze wenige Kilometer außerhalb von Magdeburg. Spätestens zu dieser Zeit muss es zu einer intensiven und über Jahre hin andauernden Zusammenarbeit zwischen Johannes Iversen und Kurt Krisp gekommen sein.

Werbeblatt für ALMA-Hühneraugenringe (ca. 1905)

Werbeblatt für ALMA-Hühneraugenringe (ca. 1905)

Eigentlich war der Markt für Fußpflege-Produkte seit Jahrzehnten verteilt. Das älteste Hühneraugenmittel am Markt waren die schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts eingeführten „Alma”-Hühneraugenringe der Firma Ed. Müller aus Klingenthal. Marktführer war das seit 1905 bekannte und noch heute erhältliche Präparat „Lebewohl”. Daneben gab es noch Saxol aus der Jehnolfabrik Zwickau sowie Leybolds Hühneraugenpflaster, das Krudox-Hühneraugenbad, aber auch Privatanbieter wie einen gewissen Hühneraugenoperateur Paul Höhne. Von Anfang an verhielt sich der Neueindringling Kukirol am Hühneraugenmittelmarkt ungewöhnlich aggressiv - dank Iversens vitriol-getränkten Werbetexten.

Seite aus einem "Lebewohl"-Werbe-Bilderbuch (50er Jahre)

Seite aus einem "Lebewohl"-Werbe-Bilderbuch (30er Jahre)

7. RRRREKLAAAAAME

An Aufstieg und Niedergang von Kukirol lässt sich en Detail nachvollziehen, was Reklame in den zwanziger Jahren ausmachte. Schon im Frühjahr 1923 gelang es Iversen, für seinen Kunden Kurt Krisp allein über das Mittel der Zeitungsannonce ein Reklamespektakel zu entfalten, das allerorts zum Tagesgespräch wurde. Die von Iversen geschriebenen Anzeigen erregten seinerzeit ähnlich viel Aufsehen wie die Benetton-Kampagnen vor einigen Jahren. Aufgebaut waren sie wie kleine Fortsetzungsromane, die in Serien daherkamen und unter verschiedenen Themen wie „Frau Schnatterich spricht…“, „Sport und Fußpflege”, „Die Ereignisse in China” oder „Eheirrungen in der Tierwelt” daherkamen. Den Anfang dieser Reklamekampagne machte eine Figur mit geradezu romanhaften Zügen. Sie stand in vielerlei Beziehung zu Iversens eigenem Lebenslauf: ein gewisser Monsieur Piedecubiste (zu deutsch: Kubikfuß, mithin durch gewaltige Hühneraugen verunstaltet). Dieser von seinem Ziehvater „Valutaprolet” genannte Typ der Zeitgeschichte trat in 14 Folgen ab Februar 1923 in der Tagespresse auf. Mit dem Stil dieser Anzeigen schuf sich Iversen unübersehbar sein Markenzeichen als Werbetexter. So viel Politik hatte es in den Anzeigenspalten bis dahin noch nicht gegeben. Stets bedienten sie das Ressentiment der Masse, waren Boulevard-Journalismus in Anzeigenform, die auf ihre Weise die in der Bevölkerung verbreitete Entrüstung über die im Januar 1923 erfolgte Ruhrbestzung durch belgisch-französische Truppen zur Sprache brachten. In der ersten Folge („Aufheben! Fortsetzung folgt!”) wurde der Valutaprolet (d. i.  der Typ des durch den Versailler Vertrag allein durch seine Staatszugehörigkeit gewordene Kriegsgewinnler) so vorgestellt:

„Wir haben das zweifelhafte Vergnügen vorzustellen: Herrn Piedecubiste aus Antwerpen. Er ist in seiner Heimat Empfangschef, Hausdiener und Zimmerkellner in einem Schiffergasthof vierten Ranges; in Berlin aber ist er, mit den Trinkgeldern eines Monats in der Tasche, valutastarker Ausländer und benimmt sich auch so. - Er hat sich vorgenommen, so viel billige deutsche Ware einzukaufen, dass er Reise und Aufenthalt kostenlos hat und noch 100% Profit dabei macht. - Er hat viel von der ausgezeichneten Wirkung des millionenfach bewährten Hühneraugenmittels Kukirol und des Kukirol-Fußbades gehört, und da es gleich gute Präparate im gesamten Ausland nicht gibt, kauft er in allen Apotheken und Drogerien zusammen, soviel er davon erwischen kann. -
Eine freundliche Dame, die er in vorgerückter Stunde in der Friedrichstraße kennenlernt, und die ihm geheimnisvolle Andeutungen über ihre Herstammung aus einer ehemals sehr vornehmen Familie macht, erklärt ihm die Gebrauchsanweisung: Man nimmt ein Kukirol-Fußbad (was ein Fußbad ist, musste sie ihm besonders erklären), bedeckt dann das Hühnerauge mit dem Kukirol-Pflaster, und in einigen Tagen ist es schmerzlos, restlos entfernt. - Kukirol wird hergestellt in der Kukirol-Fabrik Groß-Salze bei Magdeburg.”

8. Werbeanzeige mit Polit-Appeal

So weit war in einer Annonce noch niemand zuvor gegangen. Die Folge war eine starke Polarisierung bei den Lesern: über die Anzeigenserie wurde heftigst gestritten. Der extrem negativ gezeichnete Zeitgenosse Piedecubiste hatte zudem ein Thema in die Öffentlichkeit getragen, über das man bislang nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt hatte. Damit waren Gespräche über Hühneraugen und/oder Schweißfüße als Gesprächsgegenstand offenbar gesellschaftsfähig geworden.

In der 14. und letzten Folge seines „Valutaproleten” nimmt Iversen Stellung zu dem Medienwirbel, den seine Anzeigenserie verursacht hatte - selbstverständlich wieder in einem Kurzroman:
„Piedecubiste ist glücklich in Antwerpen gelandet und hat inzwischen, wie er uns auf einer Ansichtskarte mitteilte, seinen alten Beruf als Stiefelputzer etc. wieder aufgenommen. Piedecubiste hat sich zwar bereits von den verehrten Lesern verabschiedet, aber er wird heute nochmals, und zwar zum letzten Male, hier vorgeführt. Der Grund hierfür sind die zahlreichen anonymen und nichtanonymen, blöden und gescheiten Zuschriften, die er veranlaßt hat. Aus diesen Zuschriften geht hervor, daß die große Mehrzahl der Schreiber die Tendenz, welche diese Anzeigenfolge neben der Reklame für Kukirol zum Ausdruck brachte, ganz richtig verstanden und, soweit sie sich nicht selbst getroffen fühlten, oder in Konkurrenzfabrikaten reisen, gebilligt hat. Denen aber, die sie nicht verstanden haben, möchten wir empfehlen, jetzt noch einmal sämtliche Anzeigen im Zusammenhang durchzulesen. Sie werden dann finden, daß von einer „frivolen Benutzung unseres nationalen Unglücks zu Reklamezwecken” gar keine Rede sein kann, sondern daß im Gegenteil die Ursachen, die uns hindern, aus diesem Elend herauszukommen, die geistige Beschränktheit, die Ausländerverhimmelung, die Sucht nach mühelosem Erwerb, Oberflächlichkeit, Putzsucht und alles, was damit zusammenhängt, an den Pranger gestellt wurden, so gut sich das machen ließ, ohne dem eigentlichen Zweck der Reklame Abbruch zu tun. Es haben sich z. B. einige gute Leute darüber aufgeregt, daß gewisse Typen des Berliner Nachtlebens vorgeführt wurden. Aber, verehrte Herrschaften, es läßt sich doch nicht leugnen, daß diese Typen vorhanden sind, und statt sich darüber aufzuregen, daß diese mit der Lauge des Spotts betröpfelt werden, sollten Sie doch lieber dafür sorgen, daß sie keine Typen bleiben, sondern ekelhafte Ausnahmen werden! Der Verfasser der Texte ist ein gut deutscher Mann. Das haben besonders diejenigen herausgefunden, die ihm „Ausländerhetze” zum Vorwurf machten. Ach nein, gegen Ausländer im allgemeinen wurde nicht gehetzt, sondern verächtlicher Typ vorgeführt, eben der „Valutaprolet”. Andererseits wurde uns sogar der Vorwurf gemacht, dass durch diese Anzeigen ein Export unserer Fabrikate nach Belgien in die Wege geleitet werden sollte. Solche Dummheit müßte eigentlich besteuert werden. Wir lehnen jedes Geschäft mit Belgiern und Franzosen ab! Erstens entspräche eine solche Verbindung nicht der Gesinnung des Inhabers unserer Firma, welcher Poincaré und Genossen auf jeder Zehe ein Hühnerauge wünscht, das bis an die Nasenlöcher reicht, damit sie kein Kukirol brauchten, sondern es abkauen könnten. Zweitens haben wir eine solche Verbindung nicht nötig, denn in Deutschland und im neutralen Auslande wird Kukirol als bestes Hühneraugenmittel so stark gekauft, dass wir uns nicht unseren Feinden anzubiedern brauchen. Wir überlassen das gern anderen. Kukirol entfernt jedes Hühnerauge in wenigen Tagen….” (alle 14 Texte des Valuta-Proleten gibts hier.)

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

9. Dr. Unblutig betritt die Reklamebühne

Doch Kubikfuß alias Piedecubiste war nur Iversens erster Kukirol-Streich. Der zweite war die (gemeinsam mit Kurt Krisp?) Erfindung der Werbefigur eines gewissen Doktor Unblutig. In den Jahren 1923 bis 1929 machte dieser gnomenhafte Medizin-Kobold Furore. Werbefiguren waren keineswegs neu. Um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen: den für Schokolade werbenden Rüger Hansi gab es seit 1895, den Sarotti-Mohren seit 1916. Im Gegensatz zu ihnen besaß Doktor Unblutig jedoch von Anfang an den zweifelhaften Charme eines Comic-Charakters. Das eröffnete der Figur allerdings eigene Möglichkeiten. Gezeichnet hatte sie Joe Loewenstein (Joe Loe), der als Grafiker für besonders humorvolle Entwürfe (z.B. für den Fön oder die Salamander-Schuhe) in Fachkreisen bekannt geworden war und auch schon die Illustrations-Vignetten für Piedecubiste geliefert hatte. Doktor Unblutig trat sowohl in Farbe (etwa auf Schaufenster-Plakaten) wie auch als schwarz-weißer Serienheld in der Tagespresse auf. Als Hühneraugenkapazität besaß der hässliche kleine „Arzt voll Witz und Humor” einen Röntgenblick für das besagte Fußübel.

In der zweiten Juniwoche 1923 betrat dieser Dr. Unblutig als “Professor der Kukirologie” erstmals die Werbebühne. Es war der Auftakt für eine jeweils in den Wochenend-Ausgaben der Tageszeitungen geschaltete Serie “In Dr. Unblutigs Sprechstunde”. In ihr erhielt der Leser Einblick in die Leidensgeschichten verschiedener Patienten, deren Hühneraugenprobleme Dr. Unblutig, mit forschen bis unverschämten Sprüchen kommentierend, mithilfe des beworbenen Präparats kurierte. Am 15. Juli empfahl er einem Patienten: “Aber lieber Freund! Wenn man solche Hühneraugen operieren wollte, so brauchte man Säge und Meißel. Das sind ja keine Hühneraugen mehr, sondern schon eher Telephonglocken. Da könnten Sie eine GmbH zur Verarbeitung von Horn drauf gründen..” Oder am 22. Juli einer jungen Dame: “Aha, da haben wir den sogenannten Pflanzentyp, oben Kokainaugen, unten Hühneraugen, oder – oben hui und unten pfui, wie der Dichter sagt, mit der Schlange des Paradieses im Hintergrunde, wenn es nicht etwa ein Strumpf ist. Aber, schönes Fräulein, dieses kleine Hühnerauge, das Sie da an der kleinen Zehe Ihres kleinen Fußes haben, behandeln wir nicht mit Salvarsan, sondern…”

Launige Verse über Hühneraugenträger

Launige Verse über Hühneraugenträger

Ein halbes Jahr später traten die in den Anzeigen vorgestellten Patienten-Typen auf einem Werbeblatt noch einmal en bloc auf, wobei ihr jeweiliges Fußübel diesmal in einem launigen Vierzeiler (wofür ein anderer Texter als Iversen beauftragt wurde) abgehandelt wurde:

Herr Ober? Sieh da! Wir kennen uns wohl!
Mein Rumpsteak war neulich sehr zäh.
Präparieren Sie den Fuß mit Kukirol,
Ihre Rumsteaks gleichfalls. Ade!..

Hutmacherin sind sie? Freut mich sehr!
Ich vertreibe das Zeug ohne Schnitt.
Vielleicht garnieren Sie dann hinterher
Einen Florentiner damit…

Ihre Hühneraugen sind kolossal,
Frau Raffke, und dabei voll Reiz.
Warum verschiebt denn der Herr Gemahl
Die Knollen nicht nach der Schweiz?..

Wie mag dieses Sich-lustig-Machen über die Gebrechen seiner Patienten beim Publikum angekommen sein? War dieses Zerrbild eines Arztes - noch dazu in einer gnomenhaften Comic-Version - dazu angetan, Vertrauen zum beworbenen Produkt zu erwecken? Mochten diejenigen, die an Hühneraugen litten, diesen „Witz” und „Humor” auf ihre Kosten so sehr goutieren, dass sie das so beworbene Produkt auch noch kauften?

10. Anzeigen sammelnd ein Schwein gewinnen

Natürlich fragten sich die Leser, warum in jeder Anzeige die Aufforderung ausgesprochen wurde: “Aufheben, Fortsetzung folgt!”. Der damit verfolgte Hintersinn offenbarte sich ihnen in der zweiten Augustwoche 1923, als Dr. Unblutig ein “nahrhaftes Preisausschreiben” aussetzte mit einem “lebenden, fetten Schwein” im “Gewicht von drei Zentnern” als erstem Preis. Der Hauptgewinn werde “von einem Prokuristen der Kukirol-Fabrik in der Nähe des Wohnortes des Gewinners eingekauft, wobei der Gewinner zugegen sein kann. Das Schwein wird dem Gewinner an seinem Wohnort persönlich gegen Quittung übergeben. Die Transportkosten trägt selbstverständlich die Kukirol-Fabrik.”

Mit Doktor Unblutig ein Schwein gewinnen. Preisausschreiben 1923

Mit Doktor Unblutig ein Schwein gewinnen. Preisausschreiben August 1923 (Quelle: Werbarium der 20er Jahre)

Als weitere Preise winkten, neben Schinken- und Dauerwurstpaketen, auch Gänse, Hasen und Hühner. Beteiligen daran könne sich jeder, “der die bisher in den Tageszeitungen erschienenen Anzeigen „In Dr. Unblutigs Sprechstunde” und die noch folgenden Inserate einsende. “Bedingung ist, dass die Inserate mit den verschiedenen Bildern und Texten, die sämtlich aus der gleichen Zeitung entnommen sein müssen, portofrei mit genauer Adresse, die Vornamen, Zunamen und Beruf enthalten und mit Tinte geschrieben sein muss, eingesandt werden”. Außerdem solle jeder Preisbewerber “1. auf einem 2-seitigen Bogen mit ungefähr 5 Zeilen kurz seine Ansicht über die millionenfach bewährten Weltartikel Kukirol-Hühneraugenpflaster und Kukirol-Fußbad niederschreiben. 2. mit einem beliebigen Bekannten über die Kukirol-Fabrikate und Kukirol-Reklame sprechen und dessen Name, Beruf und genaue Adresse auf dem gleichen Bogen niederschreiben. Außerdem soll noch kurz und ungeschminkt geschrieben werden, was dieser Bekannte über das in sehr vielen Millionen Fällen bewährte Kukirol-Fußbad und ferner, was dieser über die Kukirol-Reklame gesagt hat. Es hat also jeder Bewerber die Ausschnitte aller erschienenen und noch erscheinenden Unblutig-Inserate und den Bogen mit den Niederschriften an die untenstehende Adresse portofrei einzusenden.”

Was von den Einsendern an Offenbarung verlangt wurde, war nicht eben wenig und kann als früher Versuch einer Marktdurchleuchtung gewertet werden, Verbraucheradressen und -informationen zu erhalten und nebenbei noch eine Sammlung von Werbeargumenten und Lobsprüchen für weitere Anzeigen anzulegen. Doch die Aussicht, in den Monaten der Hyperinflation das tägliche karge Kohlgericht durch eine Fleischeinlage aufzubessern, mag viele Leser zum Sammeln und Einsenden der Kukirol-Anzeigen getrieben haben.

In den folgenden Jahren probierte die Firma Krisp mithilfe der Dr. Unblutig-Figur fast alles aus, was auf dem Sektor der Reklame möglich war. Unerschöpflich erschien das Reservoir sensationeller Ideen und atemberaubender Kampagnen, mit denen er an die Öffentlichkeit trat. Es gab ihn als Zeitungsanzeige und Pappaufsteller, als Ratgeber in Werbebroschüren und es gab ihn - ab 1925 - sogar real. Von seiner Physiognomie her an die gezeichnete Figur erinnernd, wurde ein Arzt (mit bürgerlichem Namen Paul Wasciewitz) engagiert, der mit der „Weltreisevilla” des Dr. Unblutig (einem umgebauten Omnisbus) auf reichsweite Promotion-Tour ging: bis hin nach Ostpreußen und immer einmal wieder mit einer Dame zur Musik des “Kukirol-Walzers” (Komponist: Arthur Walther) ein Tänzchen wagend  (letztere Angaben nach E. Scherf: Kukirol - Eine Karriere vom Drogisten zum Fabrikanten mit Weltruf, in: aus der Historie Schönebecks, 9/2006). Im Bus waren, neben einem Promotionsraum mit Werbematerial auch ein Behandlungszimmer und ein Bad eingebaut.

Die Weltreiseville mit dem realen Dr. Unblutig (1926)

Die "Weltreisevilla" mit dem realen Dr. Unblutig (1926)

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Kukirol: Fortsetzung Teil 1

Sonntag, 16. August 2009 15:15

Was Hans Domizlaff (1892 - 1971) hier im 2. Band seiner “Gewinnung des öffentlichen Vertrauens. Ein Lehrbuch der Markentechnik” (Hamburg 1941) beschreibt, charakterisiert das Erscheinungsbild der Reklame in den zwanziger Jahren treffend. Nicht allein ihre Präsenz im öffentlichen Raum, ob durch Leuchtreklamen, Litfasssäulen oder Verkehrsmittelwerbung nahm in atemberaubenden Tempo zu, auch völlig neue Techniken wir Radiowerbung, farbige Kinofilme, Werbemobile oder Himmelsschrift-Flugnummern wurden nun wie selbstverständlich in ihren Dienst gestellt. Es waren Jahre außerordentlich heftig explodierenden Reklamerummels.

2. Werbefachleute nachgefragt

Natürlich waren nun auch Werbefachleute und -berater gefragt, nicht nur Gebrauchsgrafiker wie vor dem Ersten Weltkrieg. Der erste, der ein entsprechendes Nachschlagewerk auf den Markt brachte, das zugleich als Selbstdarstellungsforum einer ganzen Berufssparte diente, war der Wiener Verleger J. J. Kaindl. Ab 1919 brachte er mehrere Bände zu diversen Facetten der Reklame heraus, 1921 auch „Biographien von verschiedenen Werbefachleuten”, 1928 Bücher und Schriften über Reklame, Plakatkunst, Zeitungswesen, Geschäftsorganisation. Darin trat auch ein gewisser Johannes Iversen auf, der sich mit folgenden Sätzen empfahl:

„Geb. 31. März 1865 in Sommeritz S.-A. (Familie stammt aus Nordschleswig), sechsklassige Volksschule, 1 Jahr Lehrzeit beim Vater als Gärtner, 3 Jahre Lehrzeit als Fleischer, als Handwerksbursche kreuz und quer durch Deutschland. 1885 erste schriftstellerische Versuche, im Jahre 1887/88 Militärzeit, dann Redakteur einer Fachzeitung in Leipzig, später Verleger einer solchen in Hamburg. Schrieb seine Artikel mit Vitriol, infolgedessen Konflikte mit der irdischen Gerechtigkeit. Entzog sich den Huldigungen der Staatsanwaltschaft durch Abreise nach Schweden, hauste dort ein halbes Jahr unter Fischern, dann nach Kopenhagen.
Begründete kleinen Handel mit Gasglühlicht, dann Geschäftsführer der Anzeigenabteilung vom Illustrierten Familien-Journal. Erhöhte dem Umsatz auf das achtzehnfache ohne Vergrößerung des Anzeigenteils. 1901 Begnadigung durch den Hamburger Senat infolge Fürsprache des Kaisers. Rückkehr nach Deutschland. Zunächst bei Scherl, dann bei Anhalt in Kolberg tätig, später im Huckschen Zeitungskonzern usw. Danziger Neueste Nachrichten und Bayrische Zeitung. Seit 1908 freier Werbeberater, half große interessante Konkurrenzkämpfe durchfechten. Wohnsitz abwechselnd München und Jagdhaus in Tirol. 1913 Reise nach Marokko, wo ältester Sohn im Dienste der Mannesmann-Kompagnie verstorben war. 1914 Kriegsfreiwilliger, von der Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes für besondere Aufgaben reklamiert, Tätigkeit in Berlin, Bukarest, Brüssel, Bern, Kopenhagen, Stockholm usw., als politischer Agent für Deutschland und Österreich, diplomatischer Kurier und Verbindungsmann mit der ausländischen Presse. Nebenbei ein bisschen freiwillige Arbeit für den Generalstab. 1917 Austritt aus diesem ehrenamtlichen Dienste (wegen Überfluss an Geldmangel), Vorarbeiten für den „Deutschen Werbeunterricht”, dessen Gründung 1919 mit 10.000 gepumpten Papiermark erfolgte. Gleichzeitig Wiederaufnahme der Werbeberatung. 1922 Angliederung des Athenäums, später Umwandlung des Unternehmens in „Vereinigte Füssener Lehranstalten für brieflichen Unterricht G.m.b.H”. Außerdem Erwerb größeren Grundbesitzes (5 Häuser, Wald, Torfmoore usw.). Ständiger Berater einer Reihe großer Firmen, Spezialkenntnisse in Medizin, Zeitungswesen, Landwirtschaft, Lebensmittelbranchen u.a.m. Liebhabereien: Jagd, Politik, alpines Wandern.”

Johannes Iversen 1928

Johannes Iversen 1928


Was ist von jemandem zu halten, der schon weit in seinen Fünfzigern stehend es für nötig erachtete, sich so zu präsentieren? Dass der Mann herumgekommen war und über reichliche Lebenserfahrung verfügte, konnte man ihm abnehmen, andere Angaben, zumal wenn sie vielsagend im Halbdunkel blieben („Konflikte mit der irdischen Gerechtigkeit…”; „ entzog sich den Huldigungen der Staatsanwaltschaft”; „politischer Agent für Deutschland…”; „freiwillige Arbeit für Generalstab”), ließen ihn eher als schillernde Figur, als Hasardeur und Großsprecher erscheinen. Konnte so einer vertrauenswürdig sein?

Die Vermutung, dass Iversens Ausführungen einer näheren Überprüfung nicht standhalten können, erhärtet sich schnell, wenn man Gegenüberlieferungen befragt. Es verdichtet sich der Eindruck, dass er seinen Mund nicht nur gern voll nahm, sondern sich sogar mit fremden Federn schmückte, wenn es ihm geboten erschien. So werden auf der Homepage des noch heute bestehenden Iversen-Instituts in München die Großtaten des Namensgebers  gepriesen:  „Typisch Iversen - immer eine besondere Idee. 1914 ging er als Freiwilliger in den ersten Weltkrieg und bekam schon bald - wohl aufgrund seines Rufes - ein Telegramm des Außenministeriums: Darin rief man ihn nach Berlin, damit er auf dem Balkan die Gegenpropaganda gegen England übernehme. Als er sah, mit welcher Macht die Engländer gegen Deutschland agierten, hatte er eine geniale Idee: Er kaufte - zu Höchstpreisen, versteht sich - die gesamte Druckerschwärze auf dem Balkan auf!” Und weiter heißt es: „Ludwig Roselius, Kommerzialrat, Gründer und Inhaber der Kaffee Hag AG, bewegte Johannes Iversen, den er als hervorragenden Texter für seinen Kaffee schätzte, 1918 zur Gründung eines Fernunterrichts….”

Dass in diesem Zusammenhang der Name des Kaffee-Hag-Erfinders Ludwig Roselius fällt, kommt nicht von ungefähr. Im Jahre 1924 widmete Alfred Faust, ein enger Freund von Roselius, diesem anlässlich seines 50. Geburtstags eine kleine, in nur 150 Exemplaren gedruckte Schrift. Darin heißt es (S. 19) über Roselius, dem vom Auswärtigen Amt aufgrund seines Rufes, ein PR-Talents zu sein, die prodeutsche und antienglische Propaganda auf dem Balkan, insbesondere in Bulgarien, übertragen worden war: „Um die bulgarische Öffentlichkeit durch die Presse deutschfreundlich zu stimmen, entwickelte Roselius eine ungewöhnliche Taktik: Im Gegensatz zu der üblichen Vorgehensweise von Diplomaten, die Presse durch Bestechung oder Lancierung von kostspieligen Artikeln in ihren Dienst zu stellen, kaufte Roselius ‚die gesamte Druckerschwärze des Landes auf und gab das unentbehrliche Schwarz nur an die Zeitungen ab, die deutschfreundlich schrieben oder zu schreiben sich verpflichteten’”. Nicht Iversen also, sondern Roselius hatte die “geniale” Idee…

3. Mit „Wissenschaft” an die Fleischtöpfe

Gleichviel, wenn einer in Iversens Alter (53 Jahre) nach dem verlorenen Krieg 1918 noch zu etwas kommen wollte, dann musste es sehr schnell und mit durchschlagenden Erfolg geschehen. Seit eh und je werben Werbefachleute und solche, die es werden wollen, zuerst und zunächst einmal für sich selbst. Es versteht sich ebenfalls von selbst, dass sie sich als diejenigen anpreisen, welche die Kunst zu werben nachgerade erfunden haben wollen. Auch Iversen machte hier keine Ausnahme. Das probateste Mittel sich als Spezialist zu positionieren, ist eine möglichst Aufsehen erregende Publikation unter eigenem Namen. In Iversens Fall war es der von ihm selbst so benannte „Deutsche Werbe-Unterricht”. Diesen Fernlehrgang in zwölf Lektionen verschickte er unter anderem auch an Kurt Tucholsky. „In seinen Grundzügen” so ließ er im Begleitbrief an den Schriftsteller verlauten, habe er seinen Werbe-Unterricht bereits „im April 1919 während der Räterepublik in München ausgearbeitet, täglich der Verhaftung durch das damals herrschende Heldengesindel gewärtig”.

Der „deutsche Werbe-Unterricht” sollte jedermann in kürzester Zeit zu einem tüchtigen Reklamefachmann ausbilden. In seinen zwölf Heften vermittelte er praktische Unterweisung zu Anzeigensatz, Satztechnik und Wirkungsbeurteilung von Schriftgrößen (1. Buch), Verfassen wirksamer Anzeigentexte (2. Buch), Übungen zur Beurteilung des Insertionswerts von Zeitungen, Reklamebroschüren, Katalogen, Briefbögen usw. (3. Buch), Anleitung zum Abfassen von Werbebriefen, Plakaten, Affichen (4. Buch), Einführung in die „Propaganda” des Lokal- (5. Buch) und Versandgeschäftes (6. Buch), dem werbestrategischen Aufbau eines Markenartikels  (7. Buch) bis hin zur Eigenwerbung („Propaganda”) der Zeitungs- und Zeitschriftenkonzerne (12. Buch).

Bescheidenerer Auftritt der 2. Auflage - Abschied von den allzu großspurigen "vereinigten Füssener Lehranstalten" (s.o.)

Iversens Deutscher-Werbeunterricht (1919/20)

Selbstverständlich suggerierte Iversen, sein Werk sei eine absolute Novität - was so natürlich keinerlei Prüfung standhielt. Bereits 1908 hatte Richard Kropeit seine deutsche Reklame-Schule in zwei Bänden (und 50 Lektionen) herausgebracht.

Schmutztitel von Richard Kropeits Reklameschule

Schmutztitel von Richard Kropeits Reklameschule 1908

Auch Johannes Weidenmüller (1881-1936), der an der Leipziger Handelshochschule unterrichtete, hatte von 1908 ab nicht nur seine monatlich erscheinenden “Monatshefte für den Kaufmann”

Weidenmüllers Schulungshefte zur Kundenwerbung

Weidenmüllers Hefte zur Werbeschulung "für den Kaufmann"

vorgelegt, sondern ab 1916 - unter dem Titel “Weidenmüllers Werbe-Unterricht” auch ein siebenteiliges Lehrwerk zum Selbststudium:

Weidenmüllers Werbe-Unterricht (1916-1919)

Weidenmüllers Werbe-Unterricht (1916-1919)

Neu war - mit Einschränkungen - Iversens „Methode” eines Werbefernlehrgangs. In der Tat hat sich diese Idee bis heute erhalten (vgl. Homepage des noch heute bestehenden Iversen-Instituts in Fürstenzell).

Auf der Homepage des Instituts wird ausgeführt, ihr spiritus rector habe sich seinerzeit mit seinem “deutschen Werbe-Unterricht” gegenüber dem “Lehr-Kursus für Reklame” des Dr. Kurt Friedländer durchgesetzt. Auch das scheint eher das Ergebnis Iversenscher Eigenpropaganda zu sein als der Wahrheit zu entsprechen - schon deshalb, weil seine zwölf Hefte bereits 1919/1920 erschienen, die 13 Lektionen Friedländers aber erst zehn Jahre später.

Kurt Friedländers Reklame-Kursus (1929)

Kurt Friedländers Lehr-Kursus für Reklame (1929 ff.)

Von einer unmittelbaren Konkurrenzsituation kann also nicht die Rede sein. Legt man beide Lehrwerke nebeneinander, springt die deutlich modernere Anmutung des Friedländer-Lehrwerks schon optisch in die Augen. Auf fast jeder Seite finden sich Foto-Illustrationen und –beispiele, wogegen Iversens primitiv daherkommende Heftchen – was freilich den ökonomischen Verhältnissen der Inflationsjahre geschuldet war – höchstens Strichzeichnungen boten und schon Mitte der zwanziger Jahre den gestiegenen Ansprüchen bald nicht mehr genügen konnten. Ähnliches galt dies für die dargestellten Inhalte und Themen.

Die mindestens doppelt so seitenstarken Hefte Friedländers beschäftigten sich ausgiebig mit neuen Werbemitteln und –methoden wie farbigen Kinofilmen, Leuchtreklamen, Radio- und Verkehrsmittelwerbungen, Luftbuchstaben usw. – was bei Iversen noch nicht einmal im Ansatz ein Thema war. So blieb ihm nur, dagegen zu polemisieren und zu behaupten, Friedländer habe sich an “amerikanischen Vorbildern” orientiert. Auch diese Unterstellung hält keiner Überprüfung stand (Es gilt höchstens für Friedländers Buch “Verkäufer. Firma. Kunde. Wie Amerika Verkaufskunst lehrt”, Berlin 1926, aber nicht für seinen Reklame-Kursus). Immer wieder zitiert Friedländer Kupferberg, und über 90 % seiner Arbeitsbeispiele sind der zeitgenössischen deutschen Werbung entnommen. Dass sein “deutscher Werbe-Unterricht” spätestens Ende der zwanziger Jahre nicht mehr konkurrenzfähig war, konnte Iversen selbst nicht verborgen bleiben – und so verlegte er sich in den dreißiger Jahren auf die Erstellung und Zusendung der sogenannten „Iversen-Drucksachen”.

Iversens (links) und Friedländers Lehrwerk

Aus Iversens (links) und Friedländers (rechts) Lehrwerk

Dessenungeachtet sollte auch Friedländers Lehrwerk kein dauerhafter Erfolg beschieden sein. In den Jahren der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise bestand dafür jahrelang kaum Bedarf, und mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war ein von einem Juden verfasster Reklame-Kursus unerwünscht. Schon 1935 wurde er vom nunmehr stromlinienförmig der NS-Ideologie angepassten Fernlehrgang „Erfolgreiche Werbung!“ (in 14 Lektionen) der Siemens-Studien-Gesellschaft für praktische Psychologie eines Dr. Reis/Dr. Mönkemöller ersetzt: „Was hier gelehrt werden soll, ist ehrliche deutsche Werbung – eine Werbung, die bei unbedingtem Erfolgsstreben die Verantwortung dem Volksganzen gegenüber wahrt.“ (S. 9)

Werbe-Lehrwerk nach NS-Prinzipien (1935)

Werbe-Lehrwerk nach NS-Prinzipien (1935)

4. Tucholsky amüsiert sich sehr

Zurück in die frühen zwanziger Jahre: Da ihm Iversen seine Hefte nun schon einmal zugeschickt hatte, wagte Kurt Tucholsky damit einen Selbstversuch. Das Ergebnis ist in der Weltbühne vom 14. Oktober 1920 unter dem Titel „Ich als Reklamefachmann” nachzulesen. Natürlich fiel es satirisch aus. Besonders angetan war Tucholsky von der Aufgabe Nr. 23 aus dem Zweiten Heft: „Machen Sie ein möglichst vollständiges Verzeichnis solcher Eigenschaften und Stichworte über eine Ware, die Sie kennen, bzw. auf einem Gebiete, welches Sie voll beherrschen. Dieses Verzeichnis ist sehr wertvoll und sollte möglichst vervollständigt werden, denn es dient dazu, die Anzeigen gewissermaßen auszupolstern, sie so zu gestalten, daß sie auf die Phantasie wirken.” Tucholskys Kommentar: „Dazu hat Herr Iversen eine Schlagworttabelle abgedruckt mit vielen anpreisenden Bezeichnungen für Tabak, Zigarren, Tinte, Gemüsepflanzen und Möbel. Ich habe gelernt. Jetzt gehts los.

Politik
Feinste Mischung
Statt tägliches Brot
Saubere reine Züge
Aus feinsten Fetten
Tiefschwarz
Alles auf Nut und Feder gearbeitet…

Theater
Überfettet
Weiche Rundungen
Auf der Zunge zerfließend
Nicht an Kleinigkeiten gespart
Ungeahnte Farbenpracht
Mit Liebe gearbeitet

Das Leben
Havanna braun

Wenn ich so weitermache, werde ich schon nach kurzer Zeit in der Lage sein, Herrn Iversen, Füssen in Bayern, ein schönes Anerkennungsschreiben zu schicken: Ich lese die Hefte, die ich besitze, immer wieder durch und komme erst allmählich hinter all die Feinheiten, die mir beim ersten und zweiten Lesen entgangen sind. Da ist kein Wort zuviel oder zuwenig; jedes hat seine Bedeutung. Die Ankunft eines neuen Heftes erwarte ich mit Ungeduld, und kann ich dasselbe jedermann nur sehr empfehlen.

Hochachtend
Peter Panter,
Schriftstellereibesitzer
mit elektrischem Betrieb.”

5. Werbetexten mit Vitriol

„Vitriol ist die veraltete Bezeichnung für die Salze der Schwefelsäure von zweiwertigen Metallen in der Chemie wie Zink-, Eisen- oder Kupfersulfat. Wegen seiner ätzenden Wirkung wurde es zum Färben und Beizen, zur Holzimprägnierung oder zur Unkrautbekämpfung und Desinfektion verwendet.” (aus: wikipedia)

Besonders stolz und überzeugt war Johannes Iversen von seiner Fähigkeit (nach eigenem Bekunden schrieb er ja „mit Vitriol”, also “ätzend”), einen Werbetext so spannend zu gestalten, dass sich niemand seiner Wirkung entziehen konnte. Indessen: Dass Iversen so viel auf das Medium Anzeige gab, belegt, wie sehr er, der immerhin 35 Jahre seines Lebens noch im 19. Jahrhundert zugebracht hatte, dem zu dieser Zeit alles beherrschenden Print-Medium verpflichtet war. Damit blieb der Anzeigenmann Iversen Kind seiner Epoche, nämlich der Annoncenexpeditionen. Für die mit Macht sich jetzt hervordrängenden neuen Medien wie Werbefilm oder Radio hatte er noch keinen Sinn.

Welchen Erfolg hatte Iversen mit seinem Deutschen Werbe-Unterricht? Welche und wie viele Kunden er damit gewann, ist nur noch unvollständig zu rekonstruieren. Wenn er bestimmte Anzeigen in seinem Lehrwerk als musterhaft und nachahmenswert lobte, so stammten sie selbstverständlich aus seiner eigenen Werbepraxis. Aus Rücksicht auf diese Geschäftsbeziehung nannte er freilich etliche seiner Kunden nicht mit ihren wahren Namen, sondern setzte in diesen Fällen in das jeweilige Anzeigenbeispiel einen der üblichen Allerweltsnamen wie Schmidt, Meyer oder Müller ein. Dass Iversen intensiv Werbung für Zigarren und für den Tabakversandhandel gemacht hat, muss - bei einem so starken Raucher - als sicher gelten. Zu oft sind solche Produkte Gegenstand in seinen Lehrheften. Auch für ein Schirmgeschäft muss er intensiv geworben haben. Ob dessen Inhaber ein Robert Schmidt in Leipzig gewesen war, wie in den Anzeigenbeispielen seines Lehrwerks genannt, muss dahingestellt bleiben. Einige seiner Kunden nennt er jedoch beim echten Namen: z.B. die Orthozentrische Kneifergesellschaft Berlin, das Atelier für photographische Bildniskunst Erich Tschentscher in Cöthen sowie die von ihm über alles gelobte Bayerische Zeitung (Münchner Extrablatt, Abendzeitung).

6. Iversen - ein Werbeberater als Zeitgenosse

Johannes Iversen muss ein sehr unangenehmer und streitsüchtiger Zeitgenosse gewesen sein, der die Behörden durch seine ständigen Eingaben und Anträge - z.B. an den Stadtrat seines

Ein typischer Beschwerdebrief Iversens

Ein typischer Beschwerdebrief Iversens (Quelle: Stadtarchiv Füssen)

Wahlwohnorts Füssen - in Atem hielt und bald als notorischer Querulant galt. Ob es um den Besitz eines Berechtigungsausweises zum Fischen ging oder um politische Parolen an öffentlichen Aushangtafeln - der kleinste Anlass reichte aus, um Iversen in Wallung zu bringen, einen im Ton meist unverschämt einherkommenden Beschwerdebrief mit massiven Forderungen an die Behörden zu richten - in der Regel freilich ohne Erfolg. Selbst im fortgeschrittenen Alter mit fast 75 Jahren verlor Iversen von seiner Streitsucht nichts - wie Waltraud Sennebogen in ihrem Buch “Zwischen Kommerz und Ideologie. Berührungspunkte von Wirtschaftswerbung und Propaganda im Nationalsozialismus” schreibt. Noch 1938 beantragte Iversen ein Ehrengerichtsverfahren gegen den stellvertretenden Reichsfachschaftsleiter der NSRDW (Nationalsozialistische Reichsfachschaft deutscher Werbefachleute) Richard Künzler, den er, der ehemals sein Schüler gewesen war, für unfähig und zudem bestechlich hielt. In einem persönlichen Brief an Propagandaminister Joseph Goebbels beschwerte sich Iversen in seiner typischen Vitriol-Manier im Juli 1938 über Künzler: “Wir Werbefachleute sollen doch eine geistige Auslese der Kaufmannschaft sein uns müssen uns als Führer einen Mann gefallen lassen, dessen Allgemeinbildung äußerst mangelhaft ist, wie mir bei einer Firma, bei der er früher angestellt war, und von einem seiner ehemaligen Schulkameraden bestätigt wurde. Solche Missgriffe in der Auswahl der verantwortlichen Personen belasten aber die ganze Sache.” (zit. Sennebogen, S. 170). Doch dieses Mal wurde Iversens Attacke ihm selbst zum Verhängnis. Nicht der Parteigenosse Künzler, sondern er selbst sollte den Schaden davontragen. Am 13. September 1938 wurde er, “dem Werberat seit langem als übler Querulant und Denunziant bekannt”, aus der Reichsfachschaft ausgeschlossen - womit seine Karriere als Werbefachmann endgültig beendet war.

Gleichwohl genoss Iversen in Kollegenkreisen einen geradezu legendären Ruf. Johannes Schmiedchen, der wie auch Iversen 1924 zu den Mitbegründern des Deutschen Werbeklubs gehört hatte, setzte ihm in seinem „Kurzen Beitrag zur Geschichte der deutschen Wirtschaftswerbung, ihrer Männer, ihrer Organisationen, ihrer Presse“1953 ein Denkmal, indem er schrieb, Iversen sei „Deutschlands ältester Werbeberater, vielleicht Deutschlands bester Werbestilist“ gewesen. Ähnlich äußerte sich Hans Wündrich-Meißen (Wuendrich PDF) in der Werbe-Rundschau Heft 1, 1953 und bezeichnet Iversen, dessen besondere Vorliebe ebenso den Frauen (vier Ehen) wie dem Schwarzwälder Kirschwasser und starken Virgina-Zigarren (20 pro Tag) gegolten habe, als „Vater der neuen deutschen Werbung” und “den Mann, der uns die neue Werbeargumentation lehrte. Seine klare, urwüchsige, volkstümlichfrisch zupackende Sprache, seine erstaunliche Fähigkeit, die Leser in jedem Fall zum Lesen und Zuhören zu zwingen, seine drastischen Vergleiche, seine schlagende Argumentation, seine zwingende Überzeugung,  all das ist noch heute unerreicht.  40 bis 50 Jahre sind seine Texte alt,  aber ihre frische Ursprünglichkeit, Prägnanz und Beeinflussungskraft triumphiert heute noch über die Masse anderer Texte. Wir haben heute noch keinen Texter wieder wie Iversen. Ja, seit Iversen haben wir sogar vieles wieder verlernt, vor allem die Technik der prägnanten und suggestiven Argumentation für eine Ware.“

Sicherlich hat es nach Iversen aber auch kaum einen anderen Werbeberater gegeben, der seine Prägung, sein Temperament und auch all seine Ressentiments so ungehemmt in die von ihm gestalteten Texte einbrachte wie dies Iversen zu seiner Zeit noch tun konnte und durfte. Aus seiner deutsch-nationalen Gesinnung machte er nie einen Hehl, wie das Design seiner in den alten Reichsfarben Schwarz-weiß-rot gehaltenen Briefbögen (s. oben) zeigt. Wie viele seiner Werber-Kollegen repräsentiert er in seiner Person als einer der ersten den Typ des gescheiterten Künstlers oder Schriftstellers, der den Bereich der Reklame als lukratives Betätigungsfeld für sein Talent entdeckt. Unter seinesgleichen erregte er damit einhellige Bewunderung, bei „echten“ Dichtern hingegen eher Kopfschütteln oder Schmunzeln.

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Markentechnik vs. „Kukirolen Sie!”

Sonntag, 16. August 2009 15:10

Als sich (in den 20er Jahren) Werbung von Reklame schied

für Alexander Rosner

und mit einem besonderen Dank an Ruth Michelbach vom Stadtarchiv Füssen

(Das Bildmaterial, sofern es sich um Prospekte oder Werbeblätter handelt, stammt aus dem  Kultur- und werbegeschichtlichen Archiv kwaf Freiburg, die Anzeigenmotive der 20er Jahre aus der Berliner Illustrierten Zeitung)

© 2009 Dirk Schindelbeck

Vorbemerkung

Der folgende Artikel entfaltet auf gleich mehreren Ebenen ein Stück deutscher Werbegeschichte. Es geht darin
1.) um den Begriff der Reklame - im Gegensatz zu unserem heute geläufigen Terminus “Werbung” - und die Herausarbeitung des Reklamestils jener Zeitepoche;
2.) im Zusammenhang damit um den wohl ältesten deutschen Werbeberater und -texter, dessen Person von dieser Reklame nicht zu trennen ist: Johannes Iversen (1865-1941);
3.) um eine der spektakulärsten Reklamekampagnen Iversens der zwanziger Jahre: die für das Hühneraugenbeseitigungsmittel Kukirol;
4.) um die mit dieser Kampagne untrennbar verbundene berühmt-berüchtigte Werbefigur jener Zeit: den sagenumwobenen Dr. Unblutig.
Alle vier Erzählstränge sind in diesem Artikel miteinander verwoben.

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Viel Spaß beim Lesen!
Dirk Schindelbeck, September 2009


1. Effekt, Effekt

„Im Jahre 1920 wurden die Besucher der Frankfurter Messe durch ein seltsames Reklameverfahren überrascht. Jeden Tag zur bestimmten Stunde kamen einzelne Gruppen von Sandwichmännern in Form aufrecht wandelnder Zigarettenmodelle aus den verschiedensten Richtungen zum Mittelpunkt der Stadt, um sich dort zu einem langen Zug zu vereinigen. Nach einigen Schwierigkeiten mit den Oberleitungen der  Straßenbahn zogen die etwa 4 m hohen Reklameträger auf dem Wege über den Bahnhof zum Messegelände. Gleichzeitig beunruhigte eine sonderbare Streckenreklame die Reisenden der mitteldeutschen Hauptbahnen. Kein Mensch wusste anfangs, was das schwarze Zeichen auf weißem Grund mit dem roten Punkt bedeuten sollte. Die meisten Leute rieten auf eine Art Schraubenschlüssel oder Büchsenöffner (gemeint ist das von Prof. Deffke entwickelte Reemtsma-Markenzeichen eines abstrahierten Wikinger-Stevens: Anm. des Verfassers). Das Zeichen besaß keinerlei Sinnfälligkeit, und erst allmählich wurde ein Zusammenhang mit den ungewöhnlich sperrigen Zigarettenpackungen entdeckt, die in einzelnen Läden das gleiche Zeichen den Blicken der Passanten aufdrängten.

In der damals ziemlich reklamearmen Zeit erzeugte dieses energische Vorgehen eine starke Sensation. Man konnte in keinem Zuge auf den plakatierten Strecken fahren, ohne dass die hochmoderne Reklame mit unterschiedlichsten Deutungsversuchen ausführlich von allen Insassen eines Abteils besprochen wurde. Wenn der Kreis der Betroffenen sich auch nur auf die Reisenden und auf wenige interessierte Einwohner der mitteldeutschen Städte beschränkte, so war doch das Ziel einer schnellen Aufmerksamkeitserregung geglückt. Bis zum heutigen Tage gilt dieser Reklamefeldzug in den Augen der Laien als eine propagandistische Meisterleistung. In Wirklichkeit trägt er alle Kennzeichen des verhängnisvollen Jahrmarktstiles.”

1) Fortsetzung Teil 1

2) Fortsetzung Teil 2

3) Fortsetzung Teil 3

4) Fortsetzung Teil 4

Thema: Reklame & Werbung | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Innovative Werbemethoden, -mittel und -wege

Dienstag, 16. Juni 2009 14:22

Hier finden Sie einige Arbeiten zu verschiedenen Werbemethoden, -mitteln und -wegen, die seit dem Beginn der Wirtschaftswerbung Mitte des 19. Jahrhunderts von sich reden gemacht haben - wie etwa zum Phänomen der Reklamemarke vor dem Ersten Weltkrieg, zum neuen Medien wie Werbefilm oder den Himmelsschreiber in den zwanziger Jahren oder zur Geschichte der Werbelyrik.

Einübungen in die Gebrauchsgraphik 1870 - Liebesgabenpakete für die Truppen im Felde

Kein Vergnügen ohne Revolver. Aus der Frühzeit der Zeitungsannonce

Die Reklamemarke - Klassisches Werbemittel im Briefmarkenformat

Emailschilder (als Sammelgebiet) Einführungsvortrag zur Ausstellung “Lust und Sehnsucht” des Schweizer Sammlers Guido Hemmeler in Thun 2004

“Kurze Darstellungen des Begriffs ins Abenteuerliche ausbauen…” Werbetrickfilm in den zwanziger Jahren

“Lieber Herr Flieger. Schreiben Sie doch mal Ursel. So heiße ich!” Aufstieg und Fall der Himmelsschreiber von Henkel (abgedruckt in: C. Kleinschmidt: Kuriosa der Wirtschaftsgeschichte, Essen 2008)

Werbelyrik (aus: Trödler kompakt, 1/2005) Werbelyrik (PDF, 1 S.)

Als die Waren noch in Reimen sprachen (kürzere Fassung aus: Damals. Das Magazin für Geschichte & Kultur, Nr 5/2006) Als die Waren noch in Reimen sprachen (PDF, 5 S.)

Konsumhymnen. Alltag und Mentalität der Nachkriegszeit im Spiegel der Lyrik (= Werbelyrik der 50er Jahre, aus: Der Deutschunterricht, Nr. 4/1990 Konsumhymnen (PDF, 14 S.)

Thema: Reklame & Werbung | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

„Kurze Darstellungen des Begriffs ins Abenteuerliche ausbauen…”

Dienstag, 16. Juni 2009 14:12

Werbetrickfilm in den zwanziger Jahren

© 2006 Dirk Schindelbeck

(aus: Volker Ilgen/Dirk Schindelbeck: Am Anfang war die Litfaßsäule, Darmstadt 2006)

Solange es das Kino gibt, wurden in ihm auch Werbefilme gezeigt. Schon 1897 war in Berlin ein Streifen mit dem Titel „Bade zu Hause” zu sehen gewesen, der eine neuartige Badewanne bewarb. Auch in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg hatte es immer wieder Werbung im Kino gegeben - wie etwa die per Legetrick animierten tanzenden Maggi-Flaschen von 1908. 1911 ließ sich deren Produzent Julius Pinschewer (1881-1963) das Recht sichern, „lebende Karikaturen” zu Werbezwecken zu verwenden. [weiter...]

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Mailied/Chanson de Mai

Montag, 1. Juni 2009 19:00

© 1978 Dirk Schindelbeck

(© traduction Danielle Fiedler-Rasson 2006)

Avec ses verts rameaux
Et ses touffes d’herbes vertes
Voici notre mois de mai en habit
tel un malicieux garnement.
Dans le feuillage s’éveille la source
fraîche et court vers la vallée,
tandis que dans les prés
le boutons d’or reprennent vie. [weiter...]

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1928: Das Lob des leichten Rassewagens - als Deutschlandlied

Freitag, 22. Mai 2009 15:13

Werbelyrik der heroischen Art können Sie hier genießen. Der Lobpreis des “leichten Rassewagens” der Firma NSU eines unbekannten Autors

Der Sechs-Zylinder-NSU von 1928

Der Sechs-Zylinder-NSU von 1928

strotzt nur so von deutsch-nationalen Tönen. Das arme Auto konnte nichts dafür.

„Wie das Rauschen deutscher Eichen
Klingt ein Wort, so treu gemeint:
NSU, das ist das Zeichen,
das uns brüderlich vereint!
Um Dich wollen wir uns scharen,
stolzes Werk im Schwabenland,
das seit dreiundfünfzig Jahren
mächtig blüht am Neckarstrand!

Dreifach herrlich ist die Gabe,
die du unsrer Wirtschaft schenkst:
Fahrradbau und Fahrradnabe
künden deinen Ruhm schon längst.
Deine Motorräder tragen
junge Kraft und Sport zum Spiel,
doch der leichte Rassewagen
ist und bleibt dein höchstes Ziel.

Heut das jüngste deiner Kinder
wird dir neu zum Ruhmesblatt:
Erster deutscher Sechszylinder,
der sechs Steuerkräfte hat!
Kraft und Präzision zu einen
unermüdlich schafftest Du!
Sei gegrüßt von all den Deinen,
Sechszylinder NSU.

Freudig kamen wir, zu weihen
heut den ersten, der entstand.
Aber bald in großen Reihen
läuft er auf dem Arbeitsband.
Bald in Mengen ohne Maßen
strömen neue Brüder zu
tausendfach auf allen Straßen
Sechszylinder NSU!

Ja, du wirst das Ausland schlagen,
wirst beweisen früh und spät,
daß der edle deutsche Wagen
unerreicht an Qualität!
Deutsche Kraft wird nicht erliegen,
und du wirst ohn’ Rast und Ruh
auf der ganzen Linie siegen,
Sechszylinder NSU!”

Thema: Reklame & Werbung | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

“Stilgedanken zur Macht”

Freitag, 22. Mai 2009 11:33

© 1992/1995 Dirk Schindelbeck

aus: Rainer Gries / Volker Ilgen / Dirk Schindelbeck:

„Ins Gehirn der Masse kriechen!”
Werbung und Mentalitätsgeschichte
Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1995, S. 45-73.

Lerne wirken ohne zu handeln!”:
Hans Domizlaff, eines Werbeberaters Geschichte

„Jedenfalls muss der Propagandist, der ja eigentlich nur ein Instrument ist, der großen Masse gegenüber Opportunist sein und auf die Möglichkeiten aufbauen, die das jeweilige Weltbild seiner Aufgabe bietet.”

(Hans Domizlaff: Die Propagandamittel der Staatsidee, S. 104)

zu einer Kurzdarstellung Domizlaffs mit Bildmaterial (pdf)

zum Theaterstück über Domizlaff “Der Machtberater” bitte hier klicken.

Die Legende lebt
Irgendwann in den frühen sechziger Jahren macht sich ein Mann auf ins Lüneburgische und fährt bis in die Nähe von Egestorf, um Material für ein Buch zu sammeln und einen Zeitzeugen zu befragen. Der Mann heißt Willi Bongard, er ist Journalist und Unternehmensberater. Gerade hat er eine große kulturhistorische Serie über klassische Markenartikel in der >Zeit< geschrieben. Sein neues Buch soll den Titel tragen >Männer machen Märkte< (1). Als Branchenkenner weiß Bongard sehr wohl, dass der Zeitzeuge, den er heute aufsucht, einen geradezu legendären Ruf genießt. Hans Domizlaff heißt die Legende, er war der Werbeberater von Reemtsma, Siemens und der Deutschen Grammophongesellschaft, er gilt als der Erfinder der Markentechnik. Bongard ist gespannt. Wie er gehört hat, schreibt Domizlaff gerade an einem Werk mit dem Titel >Denkfehler. Imaginäre Vorträge< (2). In der generösen Art des Grandseigneurs wird der Auserwählte begrüßt. Bevor der Alte zu einer ausgiebigen Prüfung des Bongardschen Allgemeinwissens anhebt, platziert er ein Stimulans der genüsslichen Art: “Wollen Sie den Leuten wirklich sagen, wie dumm sie sind?” [weiter...]

Thema: Reklame & Werbung | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Ernest Dichter und seine deutschen Kollegen

Freitag, 22. Mai 2009 10:54

Dargestellt an seinem Verhältnis zu Hans Wündrich-Meißen

©  2006 Dirk Schindelbeck

(Text aus: R. Gries/S. Schwarzkopf (Hg.): Ernest Dichter. Doyen der Verführer. Zum 100. Geburtstag des Vaters der Motivforschung, Wien 2007 , S. 234ff.; vgl. auch den Text über Wündrich-Meißen mit vielen Abbildungen)

1 „Tiefenheinis” dünnes Mäntelchen

„‚Wissen Sie, was Sie hier rauchen?’ fragte mich mein Gegenüber in der Bahn. Ich lächelte arglos: ‚Eine Zigarette, wenn Sie gestatten.’ - ‚Falsch!’ sagte der Mann, ein reifer Jüngling mit Stehhaaren, intellektu­eller Nickelbrille und stechenden Augen, ‚Sie rauchen keine Zigarette, Sie rauchen Genuss, Vergessen, Ablenkung, Sie rauchen sogar aus einem gewissen Schuldgefühl heraus!’
Ich war verwundert. ‚Warum soll ich ein Schuldgefühl haben? Wir sind doch in einem Raucherabteil! Wollen Sie mir das Rauchen verleiden?’ - ‚Im Gegenteil!’ Der reife Jüngling räkelte sich selbstbewusst. ‚Ich arbeite für die Absatzförderung der Zigarettenindustrie, ich bin nämlich ein Tiefenheini - so nennt man uns Motivforscher im Volksmund.’ Er streckte die Beine aus und fuhr fort: ‚Wir als Hebammen wis­senschaftlicher Werbung forschen nach den Verhaltensweisen des modernen Verbrauchers und haben bei­spielsweise festgestellt: Die Zigarette ist keine Zigarette, sondern Mittlerin gesellschaftlichen Kontakts und noch mehr - ein Sicherheitsventil für autoerotische Impulse!’
‚Was hat das mit der Erotik im Auto zu tun?’ fragte ich. Er lächelte nachsichtig: ‚Nichts. Autoerotik ist eine Art Eigenliebe.’ Er dozierte weiter: ‚Die Zigarette ist der Schnuller für Erwachsene, eine späte Nachempfindung und Nachlust aus der Säuglingszeit.’
‚Sehr erheiternd!’ sagte ich trocken, ‚darf ich Ihnen einen autoerotischen Erwachsenenschnuller anbie­ten?’ - ‚Danke, ich bin Nichtraucher!’ sagte der Tiefenheini.
Und er wandte sich nun an die neben mir sitzende Matrone, die kopfschüttelnd unserem Gespräch ge­lauscht hatte: ‚Backen Sie gerne Kuchen!’ - ‘O ja!’ Die Augen der spätmittelalterlichen Dame leuchteten. ‚Ich kann Ihnen genau erklären, warum Sie gern Kuchen backen’, sagte der Motivforscher, ‚der amerika­nische Motivforscher James Vicary kam zu dem Schluss: Kuchenbacken steht stellvertretend für Nicht-mehr-gebären-Können. Mit dem Kuchen beschenkt die Frau ihre Familie symbolisch mit einem neuen Baby.’
Die ehrwürdige Matrone bekam einen hochroten Kopf und verließ wortlos das Abteil.
Der Heini zuckte mit den Achseln: ‚Ich wollte der Dame nicht wehtun - aber lesen sie nach! Das hat Pa­ckard wörtlich geschrieben! Ich habe es auswendig gelernt!’ - ‚Und sie glauben es?’ fragte ich. ‚Ich weiß es. Ich bin ja Werbewissenschaftler! Ich habe einen psychologischen Fernkurs absolviert!’ - ‚Schön,’ sagte ich, ‚aber nun mal was ganz anderes: Lieben Sie Wackelpudding?’ - ‚Und wie! Wackelpudding ist meine Lieblingsspeise!’ Ich bohrte weiter: ‚Wissen Sie, warum sie Wackelpudding lieben?’ - ‚Weil er mir schmeckt!’ lachte der Tiefenheini. ‚Falsch!’ rief ich aus, ‚Ihre Vorliebe für Wackelpudding hat einen unterschwelligen erotischen Hinter­grund! Beim Anblick von Wackelpudding entsteht nämlich in ihrer wissenschaftlich gebändigten Phanta­sie eine Assoziation zu…’ (den Rest flüsterte ich ihm Ohr!) Der Tiefenheini wurde rot und rief: ‚Sie haben mich überlistet. Sind Sie etwa auch Motivforscher?’ ‚Das will ich meinen, Freund Heini!’ lachte ich.
‚Wundervoll! Welches Spezialgebiet bearbeiten Sie, Herr Kollege?’ - Ich antwortete salbungsvoll: ‚Ich erforsche die Motive der Motivforscher, die zur Überbewertung der Motivforschung führten.’ ‚Und Ihre Schlussfolgerung?’ fragte er unsicher.
‚Wer Binsenweisheiten ein dünnes halbwissenschaftliches Mäntelchen umhängt, kann der Industrie am leichtesten das Geld aus der Tasche ziehen!’
Mit diesen Worten verließ ich hutlüftend das Abteil, und der Tiefenheini sah mir durch die Nickelbrille mit unterschwelligem Psychologenblick böse nach.”
[1]

[weiter...]

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Emailschilder als Sammelgebiet

Donnerstag, 21. Mai 2009 15:05

Einführungsvortrag zur Ausstellung “Lust und Sehnsucht” des Schweizer Sammlers Guido Hemmeler in Thun 2004

© 2004 Dirk Schindelbeck

lust-und-sehnsucht240

„Zermattertal, kostbares Kleinod unserer Alpenwelt! Verstreut überall, im Tal wie auf den Höhen, malerische kleine Häuser, von Sonne und Regen schwarzbraun gebeizt, dazwischen weiße Kapellen, deren melodisches Geläute so unsagbar harmonisch und süß durch das Tal flutet. Und über unsere schönheitstrunkene Seele ergießt sich ein Strom unendlicher Freude, köstlichen, reinsten Genusses. Doch oh Schmerz, oh alles ernüchternder Anblick! Beim Näherkommen erweist sich der größte Teil dieser köstlichen Hütten als Träger einer der schlimmsten Auswüchse der heutigen Reklamesucht. In geschmacklosester Weise hängt da Plakat über Plakat, die alle Schokolade- und andere Erzeugnisse moderner Industrie aufdringlich in Erinnerung rufen, und je weiter wir vordringen, um so schlimmer wird es und Zermatt endlich, unsere heißersehnte Königin, erscheint überklebt und verunstaltet, dass die Augen schmerzen. Wie Pilze sitzen sie da, die vielfarbigen Blechtafeln, auf den Samtwänden unserer Chalets, auf Felswänden, auf Baumstämmen; überall müssen wir mit erneutem Ärger lesen, welches die beste Schokolade der Welt sei!” [weiter...]

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