Samstag, 13. Juni 2009 8:05
1959: Marktwirtschaft mit Wohlstandsbauch
© 1999 Dirk Schindelbeck
Schon in der Vergangenheit hatte so mancher Förderer der WAAGE Zweifel angemeldet, ob mit den Kampagnen auch die richtigen Adressaten erreicht würden. Es war ihnen nicht entgangen, daß der Verein mit seinen Inseraten wohl in der meinungsbildenden Presse und den überregionalen Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen vertreten war, in den Massenblättern hingegen, denen viel eher zugetraut wurde, den einfachen Arbeiter zu erreichen, eine vergleichbare Präsenz vermissen ließ. So richtig diese Beobachtung auch war, der damit zuweilen verbundenen Forderung nach einer Änderung der Insertionspolitik kam der Verein nicht nach. Eins seiner ,Betriebsgeheimnisse’ hinsichtlich seines Auftretens in der Öffentlichkeit war ja eben, sich sowohl an die (vermeintlichen) Beeinflusser wie auch die Beeinflußten zu richten. Ohne daß der einzelne Unternehmer diese Eigenwerbung wahrnahm, wurde auch er mit der Idee des sozialen Ausgleichs beworben bzw. mit dem Angebot, sich für diese Idee zu engagieren.
Nur in der Zeit des Bundestagswahlkampfs 1957 wurde eine Ausnahme von dieser Strategie gemacht und im Vollsinn der Wortes Massenkommunikation betrieben.’ Mit drei in der Bild Zeitung, der Wochenend und Illustrierten Presse geschalteten Serien trat der Verein an die breite Öffentlichkeit: jeweils sechs Motive fanden sich zu einer Monolog , einer Dialogund erstmals auch einer Comic Strip Serie verarbeitet; zwangsläufig sank dadurch das intellektuelle Niveau der Anzeigen stark ab.’ Dafür rief nun jedes einzelne Inserat den Lebensalltag 1957 durch möglichst konkrete Bilder und Szenen in den Zeugenstand: Die Protagonisten Fritz und Otto, über fast zwei Jahre nicht mehr im Einsatz gewesen, erfuhren mitsamt ihren Familien eine fulminante Wiederkehr.
Beim Thema der kommenden Anzeigen setzte der Vereinsvorstand wie sich schon Mitte 1956 abzeichnete ganz auf die “Sozialbilanz”; selbst der engagierteste Gegner der Marktwirtschaft konnte ja nicht mehr ernsthaft bestreiten, daß der allgemeine Lebensstandard deutlich angestiegen war. Noch ein letztes Mal sollte sich also, als Strategie zur glaubhaften Vermittlung dieser Botschaft, der Vergleich mit dem Gestern anbieten, um im großen Wahlkampfkonzert mit den Leitgedanken “Wohlstand für alle! ” und “Keine Experimente!”‘ eine weitere wirkungsvolle Stimme abzugeben. Auf der anderen Seite konnte letzt auch vieles, was in den Fritz und OttoSerien der vorangegangenen Jahre motivisch nur angelegt war, als Beweis kollektiven wie individuellen Aufstiegs plastisch und offensiv ausgeführt werden. So war 1954 ein Sparbuch zwar gesprächsweise schon genannt, über seine Einlagenhöhe jedoch keine Angaben gemacht worden. jetzt aber, wo auch kleine’ Leute sich etwas zu leisten begannen und sich daran gewöhnten, dies auch zu zeigen, war die Zeit reif, der Marktwirtschaft ein glanzvolles Leistungszeugnis auszustellen: also verwandelte sich in den WAAGE Anzeigen das Sparbuch in einen Kleinwagen, der Bausparvertrag in ein Einfamilienhaus.
Es ist diese Änderung der Blickrichtung “vom Entbehrten zum Begehrten”‘, wie sie 1960 schon der Wirtschaftssoziologe Ernest Zahn beschrieben hat, die das letzte Drittel der fünfziger Jahre prägt und das Zeitalter der nur neuen Schuhe’ endgültig der Vergangenheit angehören läßt. In der Realität wie in den Inseraten hat der Wohlstand Einzug gehalten: “Wir haben die Schlüssel zu den Speisekammern der Welt”, verkündet, mit einem vollen Tablett, Brigitte ebenso selbstbewußt wie selbstverständlich.’ Gleichwohl legten die Werbefachleute der Agentur Brose Wert darauf, vor allem in den via Bild Zeitung verbreiteten Comic Strips die kleinbürgerliche Denk und Verhaltensweise von Fritz und Otto zu betonen. Da befinden sich Otto und Berta auf dem Weg zum Kino und sehen an der Bushaltestelle Fritz vorübereilen. “Hast du gesehen, er hat schon wieder ‘nen neuen Anzug. Daß er sich nicht mal übernimmt”, raunt Berta ihrem Mann zu. Während der Busfahrt entwickelt sich ein Gespräch über das Sparen und das Anschaffen; man erfährt, daß auch Berta sich von ihrem Nadelgeld eine Kaffeemühle gekauft hat. Kurz vor dem Hauptfilm (”So oft konnten wir uns früher auch keinen Kino Abend leisten!”) stößt sie ihren Mann erneut an: “Erinnere mich vor der Wahl noch einmal an Erhards Soziale Marktwirtschaft. ” So exakt Konsumniveau und mentaler Erwartungshorizont des Bild Lesers getroffen sind, so unsensibel und holzschnittartig wird die Politische Botschaft verabreicht.
Im Zentrum eines anderen Comic Strips steht Fritzens neuer Kleinwagen (vgl. Abb. 34).1 Um den wahrgewordenen Traum realistisch zu präsentieren, gibt der Graphiker sogar einen konkreten Fahrzeug Typ wieder: es ist eine BMW Isetta, ein “neuartiges Fahrzeug in freundlicher Verarbeitung”, wie die beliebte Zeitschrift Roller Mobil Kleinwagen wohlwollend befand .7 Seit etwa 1955 hegten immer mehr Arbeiter und kleine Angestellte, denen bislang nur Moped oder Motorrad erreichbar gewesen war, den Wunsch nach einem eigenen Auto, das dann ab 1956 von diesen Schichten auch zunehmend angeschafft wurde.’ Keine Entwicklung im bundesrepublikanischen Aufstiegsszenario hat, mentalitätshistorisch gesehen, stärkere Spuren in der kollektiven Erinnerung hinterlassen als die Massenmotorisierung: Millionen von Lebensgeschichten zerfallen in die Zeit vor und nach der Anschaffung des ersten Autos.9 Auf seiten der Produzenten führte die veränderte Nachfragesituation zu einem oft radikalen Wandel industrieller Strukturen, und nicht selten erwiesen sich Vorausahnung oder Verkennung neu aufkommender Konsumwünsche als entscheidend für die Existenz vieler Betriebe. Eindrücke, wie sie etwa den Fabrikanten Hans Glas überkamen, als dieser im verregneten Sommer 1953 von München in seinen Heimatort Dingolfing zurückkehrte und unter den Brücken hunderte durchnäßtet Zweiradfahrer wahrnahm, haben nicht selten impulsgebend gewirkt: Schlagartig wurde Glas bewußt, daß diese Leute, sobald sie nur über etwas mehr Geld verfügten, den Sprung zum ersten Automobil ihres Lebens wagen würden.` Der niederbayrische Firmenpatriarch, bislang vorwiegend Motorroller produzierend, stellte flugs seine Fertigungsanlagen auf ein viersitziges Motorrad mit Dach’ um, und ein Kassenschlager war geboren: das Goggomobil.
Analog zur Freiheit’ verbeißenden Auto Mobilität bestimmt in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre zunehmend dessen Gegenstück Sicherheit’ das kollektive Denken und Wünschen in Gestalt des Seßhaftigkeit symbolisierenden Eigenheims. So zeigt eine Bilderfolge Otto beim Bezug seines neuen Hauses (vgl. Abb. 35), wobei auch die Figur des freundlichen Finanzierungshelfers ihren wohldosierten Auftritt bekommt: “Herr Müller von der Bausparkasse kann dir sagen, wie’s zustande kam. Bin nämlich weder Hexer noch Kapitalist”, meint Otto zu seinem Kumpan, worauf besagter Herr Müller dem gespannt lauschenden Fritz anhand statistischer Erhebungen schlüssig die Sonnenseiten der Sozialen Marktwirtschaft demonstriert: Von 1954 1956 wurden 104.124 Eigenheime von privaten und öffentlichen Bausparkassen finanziert. Von 1955 neu abgeschlossenen Bausparverträgen gehörten 25,2% Arbeitern, 22,5% Angestellten, 7,2% Beamten.”
Die Idee der Eigenheimförderung mit günstigen Krediten und einer die Finanzierung organisierenden Bausparkasse, oftmals als genuines Kind der Adenauerzeit angesehen, ist freilich sehr viel älter. Schon in der Weimarer Republik gab es Versuche, durch Hausbesitz in Arbeiterhand deren Beheimatung und Integration zu fördern und damit, so die Meinung der Befürworter, den Klassenkampf zu entschärfen. Beispiele solcher Siedlungsgründungen finden sich sofern vom Krieg nicht zerstört in jeder deutschen Stadt. Die Neusiedler mußten sich verpflichten, bei der Erschließung des Gebietes, bei Kanalbauten oder dem Anlegen von Wegen mitzuhelfen und natürlich einen Großteil des Hausbaus aus eigener Kraft zu leisten.` In den fünfziger Jahren knüpfte man nicht nur aus Mangel an Wohnraum an die Idee der Förderung des Eigenheimbaus an, sondern auch oder gerade, weil man sich von der “Verwurzelung der Massen die Lösung aller sozialen Probleme versprach, glaubte man doch, in der Wurzellosigkeit und Leidenschaft der Massen’ die Ursachen für die Entstehung des Faschismus erkannt zu haben” .12 Deshalb, aber auch aus der Notwendigkeit heraus, Flüchtlinge und Heimatvertriebene in den jungen Staatsverband zu integrieren, avancierte das Eigenheim zum zentralen Bestandteil der Familien und Wohnungsbaupolitik11: Besonders stark für diesen Gedanken machte sich der Vorsitzende des Wohnungsbauausschusses des Bundestages und spätere Wohnungsbauminister Paul Lücke. Nur das Eigenheim, tönte er, könne die “Gesundung der Familie und damit auch des Volkes gewährleisten, da die Mietwohnung den Willen zum Kind töte und zur Empfängnisverhütung, Abtreibung und Entsittlichung und damit auch zum biologischen Volkstod führe.` Nicht nur Christdemokraten, sondern auch oder gerade Sozialdemokraten wie Kurt Schumacher waren der Ansicht, daß “Boden und Hausbesitz ( … ) die Abwehrbereitschaft gegen die ,kollektiven Mächte des Ostens’ (stärke) und gegen Extremismus (immunisiere). Freiheit der Menschenwürde und die Fähigkeit zur Gemeinschaft erwachten erst aus Besitz: Besitzlose Massen gefährdeten die Demokratie’, deshalb müsse eine staatstragende Schicht von Kleinbürgern geschaffen werden.”
Mit der pointierten Darstellung von Auto und Eigenheim hat sich in der WAAGE Kommunikation das vergleichsweise “bessere Leben” zum zeitgemäßen “Wohlstand für alle!” gemausert;` zugleich ist damit das konsumpolitische Erziehungsprogramm’ des Vereins an sein Ende gelangt, da keine qualitativ neuen Wünsche mehr zu realisieren bleiben: Von der Trümmerstraße der unmittelbaren Nachkriegszeit sind die umworbenen Bundesbürger der Fritz und Otto Generation stufenweise über die Kneipe als den Ort politischer Erziehung und den Arbeitsplatz als Ort sozialpolitischer Domestizierung heimgeholt worden in die geordneten Verhältnisse des eigenen Heimes.”
Daß diese Interpretation des Lebensalltags der späten fünfziger Jahre eine hohe Glaubwürdigkeit für sich verbuchen konnte, lag natürlich auch daran, daß sie von jeder Produktanzeige der Markenartikelindustrie eine geheime Bestätigung erfuhr, die ja ihrerseits vom Ankommen in der schönen neuen Warenwelt erzählte. Etwa ab 1956 kündet der Stil der Wirtschaftswerbung von einem gewandelten Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten, als sei es nun an der Zeit, die Allianz zwischen Herstellern und Verbrauchern zu feiern.” “Wir können glücklich sein”, jubelt ein Möbelhersteller, “gute Polstermöbel haben sich selbst zum Mittelpunkt des Heimes gernacht.”‘9 Die “Hast du was bist du was” Ideologie” der “verbrieften Sicherheit” und des “Sorglos in die Zukunft Sehens” mit erhöhtem Geltungsnutzen (”Besitz und Ansehen steigern”) beginnt in der Mentalität der Verbraucher immer tiefere Wurzeln zu schlagen. Diese neue Leichtigkeit findet verstärkt Gestalt und Sprache in heiteren Vignetten und harmlosen Versen (vgl. Abb. 36)”: “Wenn einer durch das Leben geht, wie es der Mann im Bild hier tut, sagt jeder, der noch abseits steht: “Der hat’s geschafft, dem geht es gut.” Der Mann hat überlegt gespart, in Pfandbriefen sein Geld verwahrt. jetzt macht ihm erst das Leben Spaß, denn hast Du was, dann bist Du was.”
Und als ob ein millionenfacher Anschaffungsplan nur aufgerufen werden müsse, entwickelt eine Gemeinschaftswerbung der Lebensversicherer im Frühjahr 1959 ein Muster Anschaffungsprofil für die Durchschnittsfamilie: ,Was kommt 1959 dran?”" Michael Wildt hat in seiner Studie vom :,kleinen Wohlstand” diesen Sprung in das neue konsumtive Selbstverständnis präzise beschrieben: “Am deutlichsten ließ sich diese Zäsur beim Besitz langlebiger Konsumgüter beobachten: Die weitaus meisten Haushalte in der Bundesrepublik konnten sich Kühlschränke, Fernsehgeräte oder elektrische Küchenmaschinen erst ab 1958 leisten,” jedoch unterschlagen, daß dieser “Durchbruch zur Mengenkonjunktur” (Ludwig Erhard) nur zum Teil aus gestiegenen Realeinkommen, vor allem aber aus massiven Preisreduktionen im Gebrauchsgütersektor resultierte. Seit 1955 hatte sich nämlich der Wechsel vom Anbieter zum Kundenmarkt angekündigt, der im letzten Drittel der fünfziger Jahre zu einer verschärften Konkurrenz auf der Produzentenseite führte” entsprechend waren die Bemühungen, den Absatz zu stimulieren. Nicht nur die Firma Grundig sah sich gezwungen, mit Argumenten wie diesen zu werben: “Noch nie waren unsere Markenerzeugnisse, für die wir mit unserem Namen und mit unserer Qualität bürgen, so preiswert wie heute.”" Erst beide Tendenzen zusammen konstituierten jene Anschaffungskultur’, die für die späten fünfziger Jahre als signifikant bezeichnet werden kann. Das langlebige Gebrauchsgut, Meilenstein persönlichen Aufstiegs, wird zugleich zu dessen vorzeigbarem Symbol.
Für die WAAGE geriet die Zeit nach der so erfolgreichen Bundestagswahl (50,2% für die CDU)’7 zu einer inhaltlich wie finanziell überaus schwierigen Phase. Bis Mitte 1958 lag kein schlüssiges Konzept vor, wie die Kampagnen der Zukunft aussehen konnten. Einigkeit herrschte nur darüber, daß die Protagonisten Fritz und Otto ausgedient hatten. So war man vorerst bestrebt, wenigstens präsent zu bleiben, wozu sich der zehnte Jahrestag der Währungsreform anbot, an welchem der schon zur Bundestagswahl eingesetzte Zeichentrickfilm “Behalte Deinen klaren Blick” noch einmal zur Aufführung kam. Es war zugleich die allerletzte Chance, sich des Wiederaufstiegsmotivs als Werbeargument zu bedienen. Die parallel geschaltete Anzeigenserie hingegen blieb, aufgrund allgemein gehaltener volkswirtschaftlicher Themen und abstrakter Illustrationen, blaß, auch wenn man durch einen Werbewirkungstest11 die Geldgeber von ihrer Effektivität zu überzeugen hoffte.” Ein Groß-Plakat, im Spätherbst 1958 mit dem Titel “Nur immer Löhne steigern ist nicht richtig” in 30 Großstädten der Bundesrepublik geklebt, erregte bei nicht wenigen der Förderer Unmut.
Auf einem Zusammentreffen im Herbst 1958 in der Industrie und Handelskammer Köln wurde schließlich eine Ausstellung der WAAGE Anzeigen präsentiert. Man wolle, so führte der Vorsitzende Franz Greiss aus, eine neue Phase in der Kommunikationspolitik einleiten, wobei man auch ein bislang belastendes werbetechnisches’ Problem gleich mit zu bewältigen suchte: “Da Professor Erhard und die herrschende Wirtschaftsordnung gleichgesetzt werden, waren wir geradezu genötigt, den für viele farblosen Begriff soziale Marktwirtschaft’ mit dem Namen Erhard zu verknüpfen, um Verwechselungen zu vermeiden.”
In der Tat hatten schon einige Fabrikanten erkannt, wie sehr der Wirtschaftsminister selbst inzwischen zum Markenartikel geworden war, so daß sich mit dem Hinweis auf seine Person sogar Werbung für einen Lippenstift machen ließ (vgl. Abb. 37). In der Vergangenheit seien daraus leider nicht wenige Mißverständnisse erwachsen. So hätten etliche Förderer der WAAGE den Vorwurf gemacht, sie “degradiere sich selbst zu einem Wahlhilfeinstrument”. Andere wiederum hätten sich ein noch deutlicheres Bekenntnis gewünscht, die Anzeigen als “zu sanft und zurückhaltend” empfunden und angeraten, “in aggressiver Form schwarz weiß zu malen”. Von nun an wolle man aber auf den Namen Erhard ganz verzichten und nur noch von unserer” Sozialen Marktwirtschaft sprechen,” um deren gewachsene Azeptanz zu betonen: “Man braucht sich nur einmal vorzustellen, welch fundamentalen Bruch es in der Entwicklung des einzelnen namhaften Unternehmens bedeuten würde, wenn in Deutschland ein bolschewistischer Staatskapitalismus russischer Prägung ans Ruder käme.”
Bewußt spielt der geschickte Conferencier Greiss mit solchen Bildern, um bei den anwesenden Fabrikanten die Arbeit der WAAGE auch nach dem formidablen Wahlergebnis als notwendig erscheinen zu lassen: “In Abwandlung der These von Marx: Wir müssen die Welt interpretieren, damit wir davon ablenken, sie zu verändern.” Dazu wünscht er sich allerdings reichlicher fließende Mittel: leider habe man in der Bundesrepublik nur 800 bis 1.000 Großbetriebe mit mehr als 1.000 Beschäftigten, von welchen ein großer Teil noch auf die Eisen und Stahlindustrie entfalle, die von jeher dem Konsumenten fernstünde und naturgemäß aller Werbung gegenüber wenig aufgeschlossen sei. Trotz aller Anstrengungen habe es sich auch als fast unmöglich erwiesen, die mittelständische Industrie für die Sache der WAAGE zu gewinnen, da man hier nicht gewöhnt sei, für etwas Geld zu geben, das über den reinen Produktions und Umsatzzweck hinausgehe. Erstaunt und bestürzt sei er auch immer wieder zu hören, wenn die WAAGE in der Wahrnehmung potentieller Zuwender mit einer karitativen Organisation gleichgesetzt werde und man nicht erkenne, daß es sich doch um Ausgaben handele, die im Endeffekt allen Unternehmern dienten.
Sodann erklärt der WAAGE Vorsitzende den Anwesenden die Entwürfe für die neue Jugendkampagne, bei der man sich bemüht habe, “überzeugend im pädagogischen Sinne für die jugendlichen und bestätigend im psychologischen Sinne für die Erwachsenen” zu sein. Schließlich sehe die junge Generation die heutigen Lebensumstände und das System der Sozialen Marktwirtschaft als selbstverständlich an; insofern liege bei dieser Zielgruppe ein Kapital an Goodwill vor, das sich publizistisch ausnutzen lasse. Möglichst viel von der Atmosphäre ihrer Lebenswelt habe man in diesen Anzeigen einzufangen versucht: “Eine gewisse physische Frühreife, ein Flair von Sexyness, eine Aufmachung von Typen, die bei allem Abstand von noch zu Vorkriegszeiten allgemein akzeptierten Konventionen durchaus nicht unbürgerlich in irgendeinem abfälligen Sinne ist. Als Orientierungsmaßstäbe jener Jahre dienen nicht selten gewisse Sport und Filmidole aus den Vereinigten Staaten.`
Sich dezidiert auf die Jugend und deren Lebenswelt einzulassen bedeutete für die WAAGE Neuland; wie man vereinsintern damit kommunikationsstrategisch und technisch umzugehen versuchte, dokumentiert die öffentliche Diskussion über ein Zeitphänomen, das von vornherein außerhalb der Erfahrungswelt der Unternehmer lag: die Halbstarken.” Die randalierenden Jugendlichen galten in der veröffentlichten Meinung als “übermütig, mutwillig, aufsässig, herausfordernd, frech, aggressiv gegen jedermann”. Sie seien zwar “abenteuerlustig und erlebnishungrig, aber zügellos, antriebsunmittelbar, hemmungs und rücksichtslos, gefühlsroh und brutal. Sie gelten als unstet, empfindlich, unsicher bis überheblich und betont geltungsbedürftig”. Ein Vor oder Leitbild fehle ihnen. Im ganzen seien sie “eine verwilderte, moralisch destruktive Jugend, ohne Ziel, ohne Glauben, ohne Zukunft”.”
Wer sich jedoch nur etwas eingehender mit ihnen befaßte, erhielt rasch ein anderes Bild. Reporter der illustrierten Quick, welche die “Motorradhorde von Moabit besuchten,” registrierten schnell eine tiefe Gespaltenheit bei den jungen Leuten. Ihr Anführer Kulle sei “an seinem Arbeitsplatz ein fleißiger bescheidener Metzgergeselle”, und seine Freundin Helga wolle gar “Auslandskorrespondentin” werden. Der Eindruck der Journalisten traf sich mit dem Befund des zeitgenössischen Soziologiepapstes. In seiner Studie über die “skeptische Generation” führte Helmut Schelsky unter dem Stichwort “Die Arbeitshaltung der Jugendlichen” aus, daß immerhin 55% von ihnen der Meinung seien, in ihren Betrieben eine gute Ausbildung zu erhalten.” Verglichen mit der älteren Generation habe diese Jugend jedoch neue Werthaltungen entwickelt; fremd seien ihr “Pathos, Programme und Parolen”,” sie sei aber “ungewöhnlich lebenstüchtig”. Schelsky kommt zu dem bemerkenswerten Ergebnis: “Diese Generation wird nie revolutionär!” Und er folgert, daß “Sich die berufliche Sachleistung in dieser Generation eher steigern als vermindern wird, daß zwar auf allen Ebenen die individuelle Pionierleistung zurücktritt, aber ein ungeahnt gründlicher Ausbau des Erreichten einsetzt”.”
Solche Einschätzungen konnten die WAAGE hinsichtlich ihrer geplanten Jugendkampagne nur ermutigen. Dennoch erschien es ratsam, zwar die von Rock ‘n’ Roll und Motorisierung aufgeladene Symbolwelt der Jugend aufzurufen, sich aber im gleichen Atemzug vom Negativ Image der Halbstarken deutlich abzuheben. In den Anzeigensujets erscheint die Zielgruppe denn auch wie nach Schelsky modelliert. Autoritätspersonen fehlen völlig, und die Dimension Freizeit’ wird in den Bildsujets stark betont, in den Texten hingegen die Lebenseinstellung der jugendlichen geradezu generös in Schutz genommen, denn, so die in jedem Inserat wiederkehrende Formel, sie “stehen mit beiden Füßen auf der Erde” .41 Es ist der Geist der Väter, der in dieser Wertewelt nicht zu Hause ist, gleichwohl aber über diesen Szenen wachen möchte und sich in Appellen an verinnerlichte Selbstdisziplin und Leistungsdenken bekundet, etwa in der Anzeige “Sein ganzer Stolz” (vgl. Abb. 38): “Das Moped ist sein ganzer Stolz. Vielleicht macht er manchmal reichlich viel Lärm damit, wenn er mit den Freunden plaudernd an der Ecke steht und ein wenig angeberisch’ am Gasgriff dreht. Aber seine jugendliche Besitzerfreude sollte man ihm deswegen nicht verübeln! Er hat sich das Geld selbst verdient und unter Verzicht auf manch anderen Spaß eisern gespart.”
Jedem der sechs von Anfang Januar bis Ende Juli geschalteten Sujets war zudem ein Ausschneidecoupon für den Gratisbezug einer 36seitigen Broschüre über die “Soziale Marktwirtschaft” eingedruckt, deren Verfasser erneut Greiss Intimus Wilfrid Schreiber war. “Mit beiden Füßen auf der Erde”, so auch ihr Titel, hatte eine Startauflage von 100.000 Exemplaren. Schon die erste Anzeige zog etwa 5.000 Couponeinsendungen nach Sich, was als “guter Anfang” eingeschätzt wurde. Nach der Veröffentlichung der dritten lag die Zahl der eingegangenen Coupons schon bei über 11.000.,’ Unprätentiös und illus’onslos wird hier eine Einstellung zu Leben und Arbeit propaglert, die aus der nüchternen Devise “Was leiste ich? Was bekornnie ich dafür?” abgeleitet ist. Der Umschlag zeigt auf der Rückseite ein junges Paar auf einer Autobahnbrücke. Es ist früher Morgen. Kein Fahrzeug ist zu sehen, und der Weg, der ihr (Lebens )Weg sein soll, ist frei: die Ideologie der persönlichen Freiheit ist das heimliche’ Thema der Broschüre.
Was die sehr moderat gehaltenen Anzeigentexte nicht entfalten konnten und wollten, wird mit Hilfe der Broschüre nachgeholt: die scharfe Auseinandersetzung mit einem Gegner, welcher nicht länger in der Bundesrepublik, sondern weiter östlich geortet wird. “Einkommen im Zwangsstaat”, heißt es schon auf der ersten Seite, “ist nicht Lohn für Leistung, Gegenwert für Gegenwert sondern Prämie für linientreues Verhalten.” Paradiesisch erscheinen hingegen die Zustände des eigenen Systems: “Bei uns in der Sozialen Marktwirtschaft regiert der Kunde, in der Planwirtschaft regiert der Funktionär.”‘ Nur in ersterer manifestiere sich das einzig realistische und auch menschliche Wirtschaftskonzept: “In der Welt der Tatsachen hat die Marktwirtschaft einen großen Teil der Ursachen für soziale Spannungen bereits beseitigt und dadurch wenigstens schon ein wenig den Ehrennamen Soziale Marktwirtschaft’ verdient.”‘ Mithin verwirkliche sie sogar ein Stück Gesellschaftsethik: “Soziale Marktwirtschaft ist nichts anderes als die Anwendung der Demokratie auf das wirtschaftliche Leben”; aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit sei sie “gesund in ihrem sittlichen Gleichgewicht.”" Wie beweglich und effektiv sie auf eine plötzliche Änderung der Nachfrage reagieren könne, wird anhand der Hula Hoop Reifen Welle demonstriert, welche die Unternehmer vor gewaltige Beschaffungsproblerne gestellt hätte, die von ihnen aber bravourös bewältigt worden seien; als Negativ Beispiel einer nicht funktionierenden Zentral Verwaltungswirtschaft wird dagegen der groteske Fall einer Überproduktion von Streichhölzern ausgemalt: “Wenn in der östlichen Zwangswirtschaft einmal ein Produktivitätsfortschritt erzielt wird (und das kommt ja auch vor), zum Beispiel in der Streichholz Industrie, so sind auf einmal furchtbar viele Streichhölzer zu haben. Die HO Läden preisen in allen Schaufenstern Streichhölzer an. Es kommen Spruchbänder auf die Straße: Genossen, kauft Streichhölzer! Damit fördert ihr den sozialistischen Aufbau!’ Aber wenn eine geplagte Mutter im HO Laden 1 in Gummiband verlangt, um die ohnehin schon zehnmal gestopfte Unterhose des Juniors noch für ein weiteres Jahrzehnt gebrauchsfähig zu machen, dann heißt es: Haben wir nicht. Fragen Sie in drei Monaten noch mal nach. Vielleicht gibt es zu Weihnachten auch eine Zuteilung.”
Nur die Marktwirtschaft, so der Schluß, beschere dem Verbraucher ein Maximum an Qualität und Auswahl, Unsicherheiten berge sie nur für eine kleine Gruppe in der Gesellschaft, die Unternehmer, ihre gleichsam tragischen Exponenten: “Im Streben nach mehr Gewinn haben sie in der Sozialen Marktwirtschaft nicht viel bessere Aussichten als ein Dauerläufer, der seinen Schatten überholen will.”
Der westdeutsche Arbeitnehmer aber genieße nicht nur alle Freiheiten, sondern auch jede soziale Sicherheit; selbst bei einem Firmenkonkurs fange ihn der Arbeitsmarkt mit Sicherheit wieder auf.” Im Gegensatz zu der noch stark auf der Betriebsebene argumentierenden Broschüre von 1955 kann “Mit beiden Füßen auf der Erde!” als der Versuch begriffen werden, einer Generation, deren Nationalgefühl unausgebildet geblieben war, aufgrund der erreichbaren Verheißungen wirtschaftlicher Prosperität eine neue Form der Identität anzubieten.
Wie sehr dieses auf der erfolgreichen Marktwirtschaft fußende Selbstverständnis Ende der fünfziger Jahre bereits Fundament einer verbreiteten und zuweilen schon selbstgefällig anmutenden Wirtschaftswundermentalität geworden war, davon gab im Oktober des Jahres die Fahrt dreier Münchner Journalisten in die DDR ein beredtes Zeugnis ab. Hauptanlaß ihrer Reise war die “Spalterflagge” der DDR, welche, zum 10. Jahrestag am 7. Oktober eingeführt,` außenpolitisch für einigen Wirbel gesorgt hatte. Mittlerweile ließ sich ja nicht mehr bestreiten, daß das “Experiment” DDR nun (auch) schon zehn Jahre bestand. Im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik jedoch war dieser Staat weitgehend eine terra incognita geblieben: sofern von ihm überhaupt etwas verlautete, basierte dies regelmäßig auf dem Schreckbild einer mit Versorgungsengpässen kämpfenden Volkswirtschaft in einem stalinistischen Zwangskorsett.
Zehn Jahre nach ihrer Gründung interessiert die Journalisten nun, wie sich die Lebensumstände “in der Zone” tatsächlich entwickelt haben. Schon ihre Vorbereitungen sind ein eindrucksvolles Beispiel für eine bundesrepublikanische Haltung, die wie selbstverständlich von der Überlegenheit der Marktwirtschaft ausgeht. Da rüstet sich der eine mit einer Überlebensration Dauerwurst aus. Der zweite sorgt sich um das MinolBenzin, welches dem Motor schaden könnte, und denkt an das Mitführen gefüllter Benzinkanister. Der dritte packt einige Stangen Zigaretten ein: Nur diese Maßnahme wird sich als nützlich erweisen, weniger allerdings, weil die Versorgungsdecke in “jenem anderen Land, das auch Deutschland heißC, zu dünn wäre, sondern weil sich über die angebotene Zigarette so manches Gespräch anknüpfen lassen wird. Die Frage, welche die drei umtreibt: “Werden Sie uns einholen?”, war ja von Walter Ulbricht auf dem V. Parteitag im Jahr zuvor in seiner berühmten Formel vom “Überholen ohne einzuholen” als wirtschaftspolitische Zielstellung bis 1961 verkündet worden.` Die Erfahrungen jedoch, welche die drei Journalisten während ihres Aufenthalts in der DDR machen, fallen in der Bilanz sehr viel positiver aus, als es ihre Vorurteile gewesen waren: Von einer Versorgungskrise kann keine Rede sein. Die Ost Jugendlichen machen einen offenen Eindruck, der Petticoat ist auch in der DDR ein Phänomen, ebenso, wie es hier MotorradBräute gibt oder Weinbergschnecken im Gasthaus Elephant zu Weimar. Erst in Dresden im Haus Altmark wird ein Spürhund des Versorgungsnotstands fündig, ist in diesem Nobel Restaurant doch kein Zahnstocher aufzutreiben. Generös wird konzediert: “Es wäre albern, wegen nicht vorhandener Zahnstocher zu sagen: Seht her, der ganze sozialistische ostdeutsche Laden klappt nicht. Es ist und bleibt ein mieser Laden. Das auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik gemünzte Wort Michael Wildts vom ,kleinen Wohlstand’ trifft Ende der fünfziger Jahre exakt die Zustände in der DDR. “Aus unseren Brüdern im Osten”, so das maliziöse Fazit der Journalisten, “ist ein Volk von Bockwurst Essern geworden.”
Indessen begann in der Bundesrepublik der Facharbeitermangel, schon Mitte der fünfziger Jahre spürbar, gegen Ende des Jahrzehnts zu einem akuten Problem zu werden. Auch diesen Problemhorizont hatte man in der Jugendkampagne im Blick, beispielsweise in der Anzeige “Mein bestes Stück”, die einen jungen Gesellen mit seiner Prüfungsarbeit in der Hand zeigte.` Gleichwohl schien zur Abrundung der Kampagne noch eins zu fehlen: bewegte Bilder. Ende Juni 1959 schreibt Brose Mitarbeiter Hans E. Haberfeld an den Karikaturisten Loriot, man plane einen Zeichentrickfilm über die Soziale Marktwirtschaft: “In welche Richtung unsere stilistischen Vorstellungen gehen, können Sie daraus ersehen, daß wir uns als Text Autor für diesen etwa 70 in langen Film um Eugen Roth bemühen. Seine Ein Mensch’ Gedichte würden unserer Vorstellung nach Loriot Figuren besonders gut auf den Leib passen.`
Im Herbst finden sich Cartoonist und Texter zusammen: es entsteht der Streifen “Mit beiden Füßen auf der Erde”.” In ihm entrollt sich ein bundesrepublikanischer Musterlebenslauf mit dem Loriotschen Knollennasenmännchen als Hauptdarsteller (vgl. Abb. 39).” Getreu der Rothschen Gedichtformel landet dieser “Ein Mensch” nach individuellen Verirrungen und sozialistischen Verlockungen letztendlich im Hafen der Sozialen Marktwirtschaft mit ihren üppigen Konsummöglichkeiten.” Voraussetzung zur Erreichung des Wohlstandsziels sind freilich harte Arbeit und der Wille, sich zum qualifizierten Facharbeiter weiterzubilden. Dieser Prozeß wird anhand eines Zahnrades versinnbildlicht, das der Held nach einigen fruchtlosen Versuchen perfekt herzustellen lernt: “Selbst ist der Mann, er hat’s geschafft zum Meister und zur Meisterschaft. Anstatt mit leerer Hand zu grollen, schöpft er nun plötzlich aus dem vollen. So ist der Mensch, wie man hier sieht, stets selber seines Glückes Schmied.”
Dem erfolgreichen Zahnradfacharbeiter schließlich fällt sein verdienter Lohn, ein Auto, ein Eigenheim und sogar eine Frau in den Arm offenbar ist er selbst, ohne es zu merken, zu einem wohlfunktionierenden (Zahn ) Rädchen im Getriebe der Sozialen Marktwirtschaft geworden.
Bei aller Leichtigkeit, mit welcher der Film sein Thema behandelt, seine Raffinesse war bemerkenswert. Dies galt sowohl für den Rothschen “Ein Mensch” Gedicht Typ, der, als patentiertes Sprachgebrauchsmuster, sich dem Gedächtnis wie von selbst einprägte”‘ als auch für die Loriotschen Knollennasen: Auch sie waren Ende der fünfziger Jahren bereits eingeführte Markenfiguren mit hohem Wiedererkennungswert.” Zu ihrer Konzeption äußerte sich Vicco von Bülow alias Loriot, sie seien “der Versuch, wie ihn jeder Karikaturist macht, einen Einheitsmenschentyp zu erfinden”.’
Auf den ersten Blick kommt der Eugen Roth Text unverdächtig daher wie die anderen der “Ein-Mensch” Texte auch. Seine Botschaft jedoch erwächst unmerklich aus einem geschickten Arrangement gängiger Redensarten. Neben einigen idiomatischen Ausdrücken leisten dies vier Sprichwörter (”Wie gewonnen, so zerronnen!”; “Wer sich auf andere verläßt, verlassen ist”; “Selbst ist der Mann”; und “jeder ist seines Glückes Schmied”), die sich allesamt bereits in der von Sebastian Franck im Jahre 1552 bei dem Frankfurter Drucker Christian Egenolff veröffentlichten Sammlung deutscher Sprichwörter finden.` Eugen Roth bedient sich also aus einem seit Jahrhunderten verfestigten Formelschatz im sozialen Gedächtnis und überführt ihn in ein didaktisches Konzept, das als Soziale Marktwirtschaft’ ein modernes Äquivalent des Grund und Glaubenssatzes “jeder ist seines Glückes Schmied” vorstellt.”
Ob die Botschaft auch eine entsprechende Langzeitwirkung auslösen konnte, muß dahingestellt bleiben. Didaktisch wie ästhetisch stellt der Film das Spitzenprodukt der WAAGE Werbung überhaupt dar.” Diese Einschätzung kommt auch in einer Selbstdarstellung der ausführenden Werbeagentur Brose aus dem Jahr 1960 unter dem Titel: “Soziale Marktwirtschaft die Wirtschaftsform freier Menschen” deutlich zum Ausdruck: “Man muß eine Reihe von Aufführungen des Streifens nicht vor geladenen Gästen, sondern unter dem Normalpublikum’ der Lichtspieltheater miterlebt haben, um den außerordentlichen Effekt ermessen zu können. Nur selten wirkt das Rezept, die Menschen über ein Schmunzeln zum Nachdenken zu bringen, so prompt wie in diesem Fall.”
Doch der Film ist nicht nur der krönende Abschluß dieser Kampagne, in ihm erfüllt sich das pädagogische Hauptziel der WAAGE Public Relations überhaupt: er ist das Dokument des Triumphs ihrer endgültigen Durchsetzung. Hieraus bezieht er seine Souveränität und Heiterkeit, die ihn so 1958 noch nicht und 1962 nicht mehr hätte entstehen lassen können. Schon im Sommer des Jahres hatte sich ja angedeutet, daß die sozialdemokratische Partei ihren wirtschaftspolitischen Kurs würde von Grund auf ändern müssen, wollte sie die Chance wahren, jemals regierungsfähig zu werden. Wie weit inzwischen ihre Abkehr vom planwirtschaftlichen Denken der Vergangenheit ging, sprach ihr Chefideologe Willi Eichler gegenüber dem Spiegel offen aus: “Die Zustände in der Ostzone entsprechen nicht unserem wirtschaftspolitischen Ideal!”" Im November des Jahres, knapp vor Beginn des neuen Jahrzehnts, wurde das Godesberger Grundsatzprogramm mit der überwältigenden Mehrheit der Delegierten von 324 gegen 16 Stimmen beschlossen. “Totalitäre Zwangswirtschaft zerstört die Freiheit”, heißt es darin, und: “Deshalb bejaht die Sozialdemokratische Partei den freien Markt, wo immer wirklich Wettbewerb herrscht.” Das Programm schließt im Kapitel “Unser Weg” mit einer deutlichen Abfuhr an die Adresse Ost Berlins: “Die SPD ist aus einer Partei der Arbeiterklasse zu einer Partei des Volkes geworden. Die Kommunisten unterdrücken die Freiheit radikal. Sie vergewaltigen die Menschenrechte und das Selbstbestimmungsrecht der Völker.” Damit war der wirtschaftspolitische Konsens in der Bundesrepublik erreicht, aber auch ein mentaler Entwicklungsprozeß hin zu einer homogenisierten’ Gesellschaft hatte seinen Abschluß gefunden.”
Was konnte vom Reeducation Programm der Unternehmer an der Schwelle der sechziger Jahre an Lektionen noch übrigbleiben? Die Antwort ergibt sich aus der technologischen und ökonomischen Entwicklung der Bundesrepublik. Es galt, die Verwandlung vom Arbeiter der Wiederaufbaujahre in den reibungslos funktionierenden’ Angestellten der Industriegesellschaft propagandistisch zu begleiten. Schließlich sollte er immer mehr zum Inbegriff der Dienstleistungsgesellschaft der kommenden Jahre werden. Schon 1958 war dieser Typus als Zeitphänomen treffend beschrieben worden: “Er hat ein Standesethos, er hält auf Prestige. Er ist antiproletarisch. ( … ) Er ist ( … ) an den hierarchischen Aufbau gewöhnt. Er dirigiert nach unten und gehorcht nach oben. Die Atmosphäre des Gehorsams, noch mehr der Gefügigkeit und Bereitschaft, zeichnet ihn gegenüber dem Arbeiterstande aus oder demütigt ihn. Er ist nie primär mit der Materie verbunden, faßt weder Hammer noch Metall und prüft nur selten die Artikel, die in abstrakten Zahlen auf seinem Papier verhandelt werden.”
So sehr das Gegensatzpaar Arbeiter Unternehmer’ in den fünfziger Jahren an Bedeutung verliert, um so mehr bildet sich der Dualismus Angestellter Manager’ heraus.` Steht der eine für das moderne Wirtschafts und Verwaltungssystem als ganzes, dessen Funktionieren er mit unendlich vielen seinesgleichen sicherstellt, so scheint sich im anderen das dynamische, innovative Element im Wirtschaftsgeschehen zu konkretisieren und zu symbolisieren. In einer jibel für Manager”, ebenfalls 1958 erschienen, wird für diesen so belasteten menschlichen Motor um Schonung gebeten: “Das Arbeitsleben des Managers ist ( … ) eine einzige fortdauernde Anspannung und Anstrengung. Deshalb bedarf er der Spannungen außerhalb des Berufes, bedarf er der Reize. Seine Frau muß ihm in kluger Weise Reize und Abwechslung verschaffen. Frieden und Heiterkeit und Genüsse, bei denen er sich wohl fühlt und die ihn erfrischen. ja, er hat die Reize nötig, und er hat sie verdient.”
In einer industriell geprägten Leistungsgesellschaft mit einem zunehmend sich ausdifferenzierenden Verwaltungs und Dienstleistungsbereich scheint der Angestellte der ideale Pufferschicht Typ zwischen Oben und Unten zu sein. Schon in den in dieser Hinsicht modernen’ zwanziger Jahren hat dieses Phänomen Soziologen und Sozialpsychologen stark beschäftigt, als ähnlich starke Rationalisierungsschübe nicht nur zur Ausweitung des distributiven und verwaltungstechnischen Apparates in Industrie und Handel führten, sondern auch zumindest in den Ballungszentren zu einem schnellen Anwachsen der Gruppe der Angestellten. Über deren innere Einstellung befand schon 1929 Erich Fromm, daß sie mit Vorliebe liberalistische Überzeugungen verträten, beispielsweise, daß “jeder seines Glückes Schmied sei und die Welt dem Stärksten gehöre”.” Im “Kabinett der Mentalitäten”, so unlängst Ulf Kadritzke und Werner Baetghe, repräsentiere der Angestellte den Vertreter einer Nicht Klasse: in ihm bleibe “ein Gegenbild zum Arbeiter zu besichtigen”.`
Dieses angestrebte “Gegenbild” führen gleich mehrere Motive der WAAGE Anzeigenserie von 1960 aus, beispielsweise das Stijet “Sein Tag ist noch nicht zu Ende” (vgl. Abb. 40)”. Hervorgehoben aus dem Strom heimkehrender Arbeitnehmer erscheint ein junger Mann, der einen in vielerlei Hinsicht musterhaften Eindruck macht. Nach einem langen Arbeitstag noch adrett gekleidet, strebt er energisch anderen, höheren Zielen entgegen. In einer Vorschau der Werbeagentur Brose auf die neue Kampagne wird dazu ausgeführt: “Die graphischen und typographischen Gestaltungsmittel tragen bewußt die Merkmale der Sachlichkeit, der Festigkeit, der Klarheit. ( … ) Inhaltlich gehen die Anzeigen von dem Faktum aus, daß die Soziale Marktwirtschaft nach ihrer Durchsetzung und Bewährung im ersten Jahrzehnt ihrer Praxis nunmehr in eine Phase tritt, in der es vom Verhalten jedes einzelnen abhängt, wie weit sie als Verfahren zur weiteren Verallgemeinerung des Wohlstands fruchtbar gemacht werden kann.”
Von der Lust, in einer Kneipe zu politisieren wie es für das Pärchen Fritz und Otto einst so bezeichnend gewesen war , ist bei dem jungen Mann nicht viel zu verspüren. Sein Blick ist nicht mehr auf den schnellen Konsum gerichtet, sondern auf eine Zukunft, an der er als seinem ganz persönlichen Aufstiegsprogramm konzentriert und emotionslos arbeitet: “Acht Stunden am Zeichenbrett. Schluß jetzt? Nach Hause? Ins Kino? Zum Skat? Viele mögen das tun”, hebt der Text an und folgert: “Er nicht! … Ob er nun allein zu einem Buch greift oder sein Rad zu einem Abendkursus lenkt sein so erworbenes neues Wissen wird ihn beruflich und menschlich voranbringen.”
Gerade hinsichtlich des behaupteten menschlichen Vorankommens scheinen Zweifel angebracht: Dieser Typ scheint eher durch Kontaktarmut und geringe soziale Kompetenz gekennzeichnet. Ob so einer’ jemals auf den Gedanken verfallen könnte, sich gewerkschaftlich zu organisieren? Seine Energie gehört der Firma, selbst in seiner Freizeit, wo er sich weiterbildet und damit für den Betrieb produktiver und nützlicher wird. Schon in jungen Jahren hat dieser Mensch den Anzug gewählt, in den er im Grunde erst hineinwachsen muß. In der hier vorgeführten Standardisierung ist er als Mensch von der Stange’ nur mehr die Karikatur eines mündigen Staatsbürgers, in summa eben ein Loriotscher Knollennasenmann.