Beiträge vom Februar, 2009

“Ins Gehirn der Masse kriechen!”

Donnerstag, 12. Februar 2009 12:08

“Ins Gehirn der Masse kriechen!” Werbung und Mentalitätsgeschichte Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt 1995, 224 S. mit 31 Abb., kart. (zus. mit R. Gries/V. Ilgen), ISBN 3534126750 Ins Gehirn der Masse kriechen ISBN 3534126750Das Buch vereinigt neun Untersuchungen zum Thema Werbung und Beeinflussung unter historischer Perspektive. In den einzelnen Beiträgen werden dabei sehr verschiedene Gegenstände näher betrachtet. Sie reichen von einer schlichten Tankstellenwerbebeigabe über Werbelyrik der fünfziger Jahre bis hin zu den Ostprodukten und ihren Kommunikationsleistungen nach der Wende. Die mentalitätshistorischen Pilotstudien entfalten Werbe- und Beeinflussungsgeschichte nicht als äußerliche Ablaufgeschichte(n) von Strategien, Produkten und Botschaften, sondern fassen und deuten Werbung stets auch als zeitbedingten Ausdruck gesellschaftlicher Mentalität. Die werblichen Botschaften werden als historische Quellen ernst genommen, befragt und analysiert. So liefern die Beiträge erste Bausteine zu einer “Geschichte als historischer Kommunikationswissenschaft”.

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Thema: Publikationen | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Szene 9

Sonntag, 8. Februar 2009 19:03

Sänger:

als hans domizlaff
längst werbeleiter war
in reemtsmas großer zigarettenfabrik
verkehrte sich sein leben radikal
zuvor nicht anerkannt
verprügelt verachtet gedemütigt
hatte er jetzt eine position
o welcher genuss o welche macht
wie lange ersehnt und jetzt erreicht
und schon wagte er
in mancher formulierung
einen ziemlich heißen tanz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Domizlaff diktiert seiner Sekretärin Anni Dröge einen Brief an die Fürstin Esterhazy; währenddessen hantiert er mit deren Bildnis, schwenkt es vor sich hin und her wie einen Spiegel, Hamburg-Othmarschen, 1924)

Domizlaff 2: häschen schreib:
durchlauchtigste gnädigste
fürstin esterhazy ach
Anni Dröge: ach
Domizlaff 2: ach was natürlich nicht ach
mögen sie gütigst
einem schon lange
geheimen verehrer
ihrer makellosen schönheit
einem untertänigen diener
ihrer fürstlichen hoheit
erlauben seine verschämten augen
aufzuschlagen und ihn anhören wenn
sich ein bescheidenes wort
aus seiner seele windet
Anni Dröge: seele windet
Domizlaff 2: sie haben ja so recht verehrteste
mich als den verantwortlichen
für die reklame unserer zigarettenfabrik
mit härtesten vorwürfen zu belegen
ja ich bekenne mich schuldig
ja ich war es der sich
wie ein dieb ein abscheulicher
Anni Dröge: abscheulicher
Domizlaff 2: sich bemächtigte
ihres bildnisses und es ungefragt
vervielfältigen ließ
um es unseren zigarettenpackungen beizulegen
so tief sehen sie mich verstrickt
in schuld und scham
Anni Dröge: schuld und scham
Domizlaff 2: niemals verehrteste fürstin
fiele es mir ein diese verfehlung
im geringsten beschöningen
zu wollen und doch
erlauben sie mir ein wort und
- mir zittert der mund -
Anni Dröge: zittert der mund
Domizlaff 2: es ihnen zu sagen -
von ihrer schönheit geblendet
überwältigt vom reinen
ebenmaß ihrer
(er betrachtet das Bild, dann süffisant)
nasenflügel
Anni Dröge: nasenflügel
Domizlaff 2: entwaffnet von der in ihrem antlitz
sich spiegelnden sittlichkeit
eines höheren menschentums
war es mir gleichsam
ein inneres bedürfnis ja nachgerade
ein zwang
Anni Dröge: zwang
Domizlaff 2: schreiben sie unausweichlicher
unausweichlicher zwang
ihr bildnis mit aller
mir zur verfügung stehenden macht
zu verbreiten und dies war
schau schau
Anni Dröge: schau schau
Domizlaff 2: häschen doch nicht schau schau
dies war
das profane aber wirkungsvolle mittel
unserer bekannten markenzigaretten
denn - um den dichter zu zitieren
wer die schönheit angeschaut mit augen
ist dem tode schon anheimgegeben…
Anni Dröge: dem tode schon anheimgegeben …. schön
Domizlaff 2: konzentration häschen!
und doch scheint es zuweilen
die vorsehung so fügen zu wollen
dass ihm zugleich auch wachsen
unsichtbare flügel der list…
Anni Dröge: flügel der list
Domizlaff 2: solcher schönheit lebenslang
ein dienstbarer geist zu sein
dies hochverehrte fürstin
sind die ungelenken worte
ihres stammelnden knechtes
der ihnen das innere seiner brust…
Anni Dröge: das innere?
Domizlaff 2: nein goethischer -
das innere seines
(er benutzt seine gespielte Entrückung, um nach ihren Brüsten zu grapschen, sie wehrt nur halbherzig ab)
busens entdeckt worin
ein unauslöschliches feuer
lodert ihnen ein denkmal
in den herzen der menschen
zu setzen ewiglich amen
Anni Dröge: ewiglich amen
Domizlaff 2: quatsch amen
bedenken sie gnädigste fürstin
doch auch einmal
dass auf diesem wege ihr bildnis
millionen- und abermillionenmal
in die hände schlichter menschen gelangt
wahrhaftig ich sehe schon
vor meinem geistigen auge
das brave volk sich
an ihrer wohlgestalt erquicken
den rohen geschmack veredeln
wenn es ihr bildnis
sammelt und aufbewahrt
und wie eine ikone
(er nähert sich ihr unzweideutig)
inbrünstig küsst.
Anni Dröge: aber herr domizlaff
Domizlaff 2: und jetzt sehen sie mit mir
den arbeitsmann diesen
triebhaften einfachen menschen der
(er nestelt an ihrer Bluse)
von der last seines tagwerks erschöpft
in der mittagspause endlich
sein zigarettenpäckchen öffnet
(er öffnet ihre Bluse)
und was lacht ihn an?
ein anmutiger traum
der mitsamt den schönen runden
geballten tabakwölkchen
seiner zigarette
entzückend vor ihm schwebt
(er erhebt sich und schreitet herrisch auf und ab)
anmut schönheit und grazie
gebührt der sieg
dafür kämpft mannhaft
ihr getreuer vasall
und verneigt sich
vor ihnen ehrfurchtsvoll
Anni Dröge: welch schöner brief welch edler schluss
Domizlaff 2: darunter der übliche nusch
bla bla diese ziege
(geht genervt ab; Anni Dröge richtet ihre Bluse und bleibt verstört zurück)

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Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Szene 8

Sonntag, 8. Februar 2009 19:01

Sänger:

als hans domizlaff
der missverstandene und getretene
ewige außenseiter
nach unendlichen demütigen
in sämtlichen arbeitsgemeinschaften
ob in der schule
im studium oder beim militär
im jahre 1921
schon fast dreißig jahre alt war
ergriff er nach dem großen krieg
in phillipp reemtsmas
aufstrebender zigarettenfabrik
seine allerletzte
ja seine lebenschance
hierin sensibel war
domizlaff hans

Domizlaff 2 allein
(im Büro der Reemtsmaschen Zigarettenfabrik, vor sich eine Reihe verschiedener Zigarettenpackungen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wie „Monte Bello”, „Gibson Girl”, „Rumpler Taube”, „Dandy”, „Feldpilot”, „Unsere Marine”. Daneben Entwürfe für neue Packungen aus dem Hause Reemtsma, zum Teil als Demonstrationsobjekte in überdimensionaler Ausführung aus Pappe, Hamburg 1921).

(liest aus dem Wirtschaftsteil der Zeitung vor)
„In Südbaden mussten etliche Zigarrenfabriken bis auf Weiteres schließen und ihre Arbeiter entlassen. Während des Weltkriegs hatten sie ihre Produktion zuletzt noch stark ausgeweitet. Seit mit Kriegsende die Aufträge aus dem Heeresversorgungsamt ausblieben, ist die Nachfrage so sehr zurückgegangen, dass es keine ausreichenden Erlöse mehr gibt…”

die zigarre ist tot
und wird nicht auferstehen
die leute wollen nur noch zigaretten
die zeit ist auch viel zu nervös
um noch zigarren zu rauchen
allons die karten werden neu gemischt
und ich bin dabei
also meine lieben
ihr seid ja eine richtig bunte truppe
heut werdet ihr examiniert
(nimmt sich die Marke Manoli Monte Bello vor, dreht sie zwischen den Händen, betrachtet die Packung aufmerksam)
das m ist gut
das m ist grafisch wirklich gut
ein zeichen das kein mensch vergisst
und wie der name klingt manoli monte bello
italien ruft
orakelt zauberformelt…
(er entnimmt dem Päckchen eine Zigarette und steckt sie an, bläst den Rauch in die Luft)
rauch ich den tabak oder nur den namen
monte bello
karussell
kreist angenehm in meinem kopf
(er lacht kurz auf, nimmt die Packung Gibson Girl in die Hand, befühlt sie, spricht mit ihr)
und du also willst uns lehren
was heutzutage schönheit ist
das ideal der zeit
als amerikanische erfindung
(entnimmt auch ihr eine Zigarette, steckt auch sie an, prüft, vergleicht beide, schüttelt den Kopf, entnimmt einer dritten Packung der Marke „unsere Marine” eine Zigarette, zündet sie ebenfalls an, raucht alle drei versuchsweise im Wechsel)
unsere marine
zu kurz gedacht mein herr produzent
zu sehr das kriegsglück strapaziert
der krieg verloren
und „unsere marine” tot
was raucht der mensch der raucht
(Er nimmt eine weitere Packung in die Hand: „Rumpler Taube”, entnimmt auch ihr eine Zigarette, zündet sie an, legt sie neben die anderen, schnüffelt am Rauch, läuft hin und her)
ein flugzeugtyp
warum soll ich ein flugzeug höher schätzen
als gibson girl das mich umschmeichelt
mit seinem sexappeal

(er geht auf und ab, schaut immer wieder die Schachteln an, man spürt, wie es in ihm arbeitet. Unschlüssig setzt er sich hin, blättert in einem Buch: Gustave Le Bons „Psychologie der Massen”. Was er liest, wird aus dem Off mit traumhaftem Hall eingespielt)
„die eingebildete vorstellung
kann zum kern einer art
kristallisation werden
welche den bereich des verstandes
ergreift und allen kritischen geist
lähmt.”
(Er lässt das Buch sinken, grübelt, nimmt es nach einer Weile wieder auf)
„handelt es sich jedoch darum
der massenseele ideen
und glaubenssätze einzuflößen so
wenden die führer
verschiedene verfahren an
die behauptung
die wiederholung
und die übertragung oder ansteckung
ihre wirkung ist ziemlich langsam
aber
ihre erfolge sind von dauer
(Pause)
unter den massen
übertragen sich ideen gefühle
erregungen glaubenslehren
mit ebenso starker ansteckungskraft
wie mikroben”
(er stammelt noch ein paar Wortfetzen wie in Trance nach)
glaubenslehren
wie
mikroben
die masse beherrschen
durch …
ideeninfektionen
(er lässt das Buch sinken und geht an einen Tisch, auf welchem verschiedene Pappschachteln liegen, nimmt eine in die Hand, wendet sie zwischen den Händen, schaut aus dem Fenster, wo die Lichter der Stadt flackern)
da draußen liegst du
massengehirn
naturhaft
kennst dich selber nicht
lebst vor dich hin
wie eine pflanze im rhythmus der zeiten
keiner kann dich sehen
keiner dich anfassen
doch jeder spürt dass es dich gibt
wenn deine macht sich zeigt
ein urteil entsteht
zum werturteil wird
tausendfach sich multipliziert
die öffentliche meinung beherrscht
und jeder der nachdenkt
fragt sich verwundert warum
(er wendet sich ab, sein Blick fällt auf einige herumliegende Illustrierte)
wie einem filmsternchen urplötzlich
die herzen zufliegen
ein freundliches vorstellungsbild
von diesem jungen ding
in den köpfen
sich aufbaut
aus unerklärlichen gründen
völlig überzogen
für jeden der nachdenkt
und plötzlich
genauso
sang- und klanglos
wieder abstirbt
(Pause)
wie entsteht
was massenhaft
sympathie
vergibt
(große Pause)
oder verweigert
(Domizlaff krampft plötzlich zusammen; aus ihm brechen paranoide Bilder von früher hervor)
wenn da nur dreie beieinander standen
und ich noch fern war schauten sie schon spitz
ich hörte sie schon tuscheln wenn ich kam
sie tuschelten noch immer wenn ich fort war
war es mein scharfer blick der gleich erkannte
was sie zusammenschweißte masse war an ihnen
sie aber fühlten dass ich sie durchschaute
da steckten sie die köpfe eng zusammen
(er schlägt die Hände überm Kopf zusammen)
und riefen rotfuchs silberblick … nein… nein
(er zuckt zusammen)
in welche studien habt ihr mich getrieben
auf ewig ausgeschlossen
von jeder menschlichen gemeinschaft
der einsamste mensch seit nietzsche
seit nietzsche der einsamste mensch…
(er fängt sich) könnte es so funktionieren
wenn die masse
in sich selbst
eine art vervielfältigungsapparat
in bewegung setzt
man müsste ihr nur das passende material
wie kinderbauklötze
mit denen sie unbewusst spielt
verabreichen
(es klopft, Philipp Reemtsma tritt ein)
Reemtsma: herr domizlaff recht guten abend ich sah licht
und kam gleich her ich habe gute nachricht
in mazedonien und an der türkischen küste
ist eine exzellente tabakqualität gereift
und auch die menge soll erfreulich groß sein
wir haben günstige kontrakte aufzukaufen
die ernte aus verschiednen provenienzen
die einzulagern für jahrzehnte lohnt
wie weit sind sie gekommen herr domizlaff
mit ihrer konzeption der neuen marke
(schaut auf die Vorkriegs-Packungen, nimmt die Rumpler-Taube in die Hand, lacht)
Domizlaff 2 (will antworten): herr…
Reemtsma (hört gar nicht auf ihn):
die sind ja wirklich alle aus der zeit gefallen
wer mag denn heut noch seine raucher-phantasie
in einer rumpler-taube spazieren führen
wir müssen diesem zeug den todesstoß versetzen
denn wenn der weltkrieg etwas gutes hatte
dann wars der radikale schnitt im zeitempfinden
die neue zeit sie schreit nach neue marken
Domizlaff 2 (geradezu devot): herr reemtsma
ich arbeite tag und nacht daran
noch fehlt der name geben
sie mir zwei tage nur ich bitte
Reemtsma (souverän lächelnd): herr domizlaff sie wissen
ein jeder tag ist nicht nur kostbar sondern teuer
und was die konkurrenz macht weiß allein der teufel
Domizlaff 2: die neue marke wird bald fertig sein
Reemtsma: sie muss
Domizlaff 2 (leicht stammelnd):
wenn wie sie sagen endlich
über einen längeren zeitraum
konstante tabakqualitäten verfügbar sind
so können wir mit dieser neuen marke
das öffentliche vertrauen ganz gewinnen
Reemtsma (ungeduldig): mit welcher strategie
Domizlaff 2 (schnell): durch souveräne handhabung aller
künstlerischen mittel in der gestaltung der packung
im hinblick auf alles was immer geeignet ist
vertrauen zur warenqualität aufzubauen…
Reemtsma: (unterbricht gelangweilt) machen sie machen sie
sie hatten mich ja überzeugt
dass sensationsreklame mit sandwichmännern
und werbewagen sogar schädlich ist
Domizlaff 2: in den köpfen bleibt der reklamezirkus lebendig
aber kein dauerhafter eindruck
von der qualität der ware
das ist das problem
Reemtsma: dann beweisen sie mir
dass sie es besser können
indem die leute unsre marke kaufen lernen
(mit einem strengen Blick ab)
Domizlaff 2 (nach längerer Pause, in welcher er verschiedene übergroße Demonstrationspackungen inspiziert und sie sich wie sein Gesprächsgegenüber vor das Gesicht hält):
man müsste dich erwecken können
zu einem lebendigen wesen
nur lebenden wesen
wird auf die dauer vertrauen geschenkt
(er hält die Packung wie eine Maske vors Gesicht und tritt vor einen Spiegel; im Folgenden entwickelt sich ein skurriler Dialog zwischen Domizlaff mit und ohne Musterpackung, wenn er sie abwechselnd vor sein Gesicht hält und dann wieder abnimmt)
Domizlaff 2 (ohne Maske): wer bist du nenn mir deinen guten namen
Domizlaff 2 (mit Maske): ich heiße rumpler taube
Domizlaff 2 (ohne Maske): und du willst eine zigarette sein
ich trau dir nicht warum hast es nötig
mir flugzeugbilder vorzugaukeln
das einzige was dir gemeinsam ist
mit einem flugzeug: rauch fliegt auch
Domizlaff 2 (mit Maske): dann heiße ich D 9
Domizlaff 2 (ohne Maske): warum D 9 warum nicht gleich R 6
wo ist der unterschied
R 6 moment R 6 ja warum nicht
Domizlaff 2 (nimmt die Musterpackung, setzt sich, schmückt sie kunstvoll mit diesen beiden Zeichen aus)
R das heißt reemtsma 6 steht für die mischung
hersteller einerseits und andrerseits die sorte
in denkbar knappsten zeichen ausgedrückt
Domizlaff 2 (er hält die Packungsmaske vors Gesicht)
rrrrrrr
das schnurrt und hallt und läuft ganz rund
Domizlaff 2 (ohne Maske): du scheinst mir eine ehrliche haut zu sein
ein gutes tabakangebot sonst nichts
das ich beruhigt kaufen kann ohne angst zu haben
mit irgendwelchen hergeholten bildern
eingefangen worden zu sein
Domizlaff 2 (mit Maske): ich liebe keine großen worte
ich bin R 6 nüchtern schnörkellos
ein wenig chiffernhaft vielleicht und fast
ein wenig wie für eingeweihte spezialisten
Domizlaff 2 (ohne Maske): genau das macht dich mir sympathisch
es muss ja welche geben die das auch verstehen
eine kleine schar von kennern
die deine qualität sehr schätzen
Domizlaff 2 (mit Maske, säuselnd): genau wie du
du bist ein kenner und wählst behutsam aus
dich kann man nicht betrügen
Domizlaff 2 (ohne Maske, schläfrig): genau wie ich
ich bin ein kenner und wähle behutsam aus
mich kann man nicht betrügen
Domizlaff 2 (legt die Maske zur Seite, setzt sich an den Schreibtisch, triumphierend):
das ist es: das kürzel ist magisch es verheißt
es gibt eine ganze gemeinde von kennern
du und du und du
ihr gehört nach und nach dazu
Domizlaff 2 (stolz und selbstzufrieden):
das soll noch reklame sein
eine packung bewaffnet
mit unendlich feinen widerhaken des vertrauens
wie noch kein industriell hergestellter
artikel zuvor
das ist eine technik
markentechnik

nun geh hinaus du kleine schachtel
arbeite dich wie ein virus schleichend
in ihre psyche ein
langsam zuerst unmerklich fast
vertrau auf deine innere kraft
bald kommt der tag wo sie deine magie verspüren
weil du ein könig bist der sie mit würde bannt

Domizlaff 2: du gnadenloses massentier da draußen
wie hast du mich gequält die vielen jahre
ich werd dir meine viren injizieren
und dich gehorchen lehren dummes tier
und du wirst kaufen weil du der packung traust
der marke die vor deiner nase baumelt
und die ich dir jetzt in dein weichhirn flöße
immerzu immerzu
(er lacht)
du massen-woyzeck ja du woyzeck-masse
wirst glücklich und bewusstlos konsumieren
zwar keine erbsen essen
aber diese zigaretten rauchen
immerzu immerzu
und ohne dass du auch nur ahnst warum

(er macht sich fertig zum Gehen, schaut noch einmal in den Spiegel)
alleine bin ich nichts
der menschlichen gesellschaft fern wie keiner
mit philipp reemtsma bin ich eine macht
wir werfen unsere genies zusammen
der unternehmer und der künstler
das ist die allianz der neuen zeit
und sie ist stark genug jedes massentier
durch infektionen zu beherrschen
(er löscht das Licht. In der Tür dreht er sich noch einmal um)
in wahrheit sind sie beide
der unternehmer und die käufermasse tiere
und ich der letzte mensch dazwischen
der beide am ende nur bestaunen kann

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Szene 7

Sonntag, 8. Februar 2009 18:57

Sänger:

als hans domizlaff
nach dem verlorenen krieg
auf die eigenen füße zu stehen kam
war diese landung ziemlich hart
ohne beziehungen ohne aufträge
saß der künstler monatelang
hungernd und frierend
in seinem atelier in leipzig
da zog er zum ersten mal
eine radikal-ehrliche
halb vernichtende
halb zukunftsweisende
erfahrungs- und lebensbilanz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(In Domizlaffs ärmlichem und verwahrlostem Künstler-Atelier in Leipzig; man sieht zwischen zahllosen freigrafischen Bildern erste einzelne Werbeplakate, Domizlaff völlig deprimiert, allein, Leipzig 1919)

Domizlaff 2 (liest sich selbst aus einem Brief von seinen Eltern vor):

ein halbes leben siebenundzwanzig jahre
haben wir dich treusorgend unterstützt
was eltern nur tun können haben wir getan
dir ist kein abschluss kein zeugnis gelungen
geblieben sind uns étuden eines ewigen studenten
ein paar zeichnungen ein paar bilder
wir können dich nicht länger unterstützen
du musst nun selber sehen
wohin dein lebensschiff dich trägt
leb wohl
deine eltern

(schaut in einen halb zerbrochenen Spiegel an der Wand)

was ist nur los mit mir
seit ewigkeiten
herr gott zeig mir den weg
warum finde ich nie zur gemeinschaft der menschen
warum stoßen sie mich immer aus und ab

bin ich so missraten so unfähig so ungeschickt
mich in jede noch so harmlose ordnung einzufügen
ein außenseiter von geburt an
zeig mir doch den weg herrgott

nein

(er nimmt urplötzlich eine Tasse und zerschlägt den Rest des Spiegels)

fang bei dir selbst an radikal
was kannst du eigentlich antworte ehrlich
(er zählt langsam auf):
physik und mathematik sind mir vertraut
maß und zahl sind mir nicht fremd
technische dinge kann ich mir verständlich machen
ich habe mit formen und farben gearbeitet
die stilmittel der bildenden kunst kenne ich gut
kunstgeschichte hab ich auch studiert
schriftstellerisch war ich tätig
meine allgemeinbildung ist recht gut
sogar als vertreter bin ich herumgekommen
habe kaufmännisch denken gelernt
vor allem bin ich empfindlich und registrierfähig
gegenüber allen psychischen wirkungsmitteln
der sprache und der graphik
und seit frühester jugend
praktisch massenpsychologe gewesen
die deutschen und die europäischen landschaften
mitsamt den besonderheiten ihrer bevölkerung kenne ich
abstrahieren kann ich
und einigermaßen vorurteilslos denken

all das erscheint zusammenhanglos
wie viele einzelne kleine spielereien
die zu einem wirklichen lebensberuf
niemals ausreichen
und dennoch haben sie ja
einen gemeinsamen nenner:
das werbefach

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Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Szene 6

Sonntag, 8. Februar 2009 18:55

Sänger:

als hans domizlaff
schon mitte zwanzig war
zog ihn zum dienst das militär
schon in der schule zurechtgebogen
und scheinbar ohne gegenwehr
ward ihm der letzte willensrest
von der militärmaschinerie
gewaltsam ausgepresst
fast stand er wie sein woyzeck da
abgerichtet als ein vieh
freilich nahm dies gar nicht wahr
die militärische ordonanz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Militärisches Übungsgelände; kleiner Hügel mit einer Mulde an der höchsten Stelle. Es wird „Stellungen stürmen” geübt. Unteroffizier, Rekruten (stumm), Domizlaff, später Offizier des Generalstabes, Truppenübungsplatz in Norddeutschland, 1917)

Unteroffizier: achtung gruppe a sturm-einbruch
der gruppenführer nutzt jede gelegenheit
zum einbruch auch ohne besonderen befehl aus
durch sein persönliches beispiel
reißt er die ganze gruppe zum sturm vor
domizlaff sie sind der gruppenführer
sie operieren beispielhaft verstanden
Domizlaff 2: beispielhaft verstanden
Unteroffizier (brüllt): wie heißt das domizlaff
Domizlaff 2: jawohl herr unteroffizier verstanden beispielhaft
Unteroffizier: vor und während des sturmangriffs
ist der feind mit allen waffen
unter höchster feuersteigerung zu bekämpfen
Domizlaff 2: feuersteigerung jawohl herr unteroffizier
Unteroffizier: gruppe a sturmfertig machen
feind in vorbereiteter stellung (zeigt auf den Hügel)
MG stürmt mit
in der vorwärtsbewegung feuernd
mit handgranaten gewehren pistolen spaten wird
der letzte widerstand des feindes gebrochen
unter „hurra” lautem „hurra”
Domizlaff 2: jawohl herr unteroffizier verstanden
Unteroffizier: auf marsch marsch
(Die Gruppe springt hoch und will vorwärtsstürmen)
halt zurück von vorn:
beim aufspringen wird von den handgranatenwerfern
das gewehr in der linken hand belassen
und mit der rechten
die zum sturmangriff bestimmte handgranate erfasst
(Die Gruppe springt hoch und stürzt vorwärts, während des Sturms mit allen Waffen feuernd)
auf 30-20 schritte an den gegner herangekommen
löst der gruppenführer durch zuruf oder pfiff
den handgranatenwurf der handgranatenwerfer aus
(schreit) domizlaff wo bleibt der pfiff
Domizlaff 2 (pfeift schwach)
Unteroffizier: was war denn das
Domizlaff 2: herr unteroffizier ich kann nicht pfeifen
Unteroffizier: dann machen sie handzeichen rufen sie
der befehl muss ihre kameraden erreichen
Domizlaff 2: handgranaten werft
Unteroffizier (schüttelt den kopf): so matt und saftlos
nach erfolgtem wurf schmeißt sich alles
auf dem boden um nach der detonation
sogleich mit „hurra” in den feind einzubrechen
Domizlaff 2 (eilfertig): „hurra”
Unteroffizier (fasst sich an den Kopf):
domizlaff sie sind noch nicht am ziel
erst in die feindliche stellung einbrechen
übergang in den nahkampf sie allein jetzt
die andern gehen unten vor dem hügel in deckung
Domizlaff 2 (auf halber Höhe am Hügel, grüßt):
jawohl herr unteroffizier
Unteroffizier: schütze domizlaff bricht mit gefälltem gewehr
in die feindliche stellung ein
und erledigt einen gegner
durch bajonettstich
jetzt
Domizlaff 2 (auf dem Hügel, sticht ungeschickt in den Boden)
hurra
Unteroffzier (zeigt, indem er mit seinem Gewehrschaft Bajonettstiche imitiert):
das bajonett ist doch keine kuchengabel
so und so und so domizlaff
Domizlaff 2 (fuchtelt weiterhin ungeschickt mit dem Bajonett herum)
Unteroffizier (merkt die Sinnlosigkeit, plötzlich neuer Befehl)
achtung domizlaff
handgranate aus rückwärtigem graben
(wirft einen Stein in Domizlaffs Richtung)
sie fällt dicht neben ihnen zu boden
Domizlaff 2 (bückt sich langsam und umständlich)
Unteroffizier (entnervt): was tut der schütze jetzt
Domizlaff 2: herr unteroffizier handgranate wegwerfen
Unteroffizier (schreit): dann tun sies aber zackig
werfen sie sie aus dem graben
drücken sie sich selbst zu boden
ist die handgranate krepiert
lugen sie über den grabenrand
Domizlaff 2: jawohl herr unteroffizier
Unteroffizier: achtung domizlaff ein feindlicher schütze geht
aus einem granattrichter vor ihnen
hoch und läuft rückwärts
was tun sie
Domizlaff 2: ich… ich… ich…
Unteroffizier: wenn sie noch weiter so stottern sind sie tot
schnellschüsse domizlaff schnellschüsse
achtung jetzt handgranate von links
sie ist vier schritte von ihnen ins gras gefallen
Domizlaff 2: herr unteroffizier ich laufe weg
Unteroffizier: falsch domizlaff denken sie nach
sie liegen ja in einer mulde
sie drücken sich so platt als möglich an die erde
den kopf der handgranate abgewendet
nach der detonation spähen sie vorsichtig
nach neuen gegnern aus
Domizlaff 2: jawohl herr unteroffizier nach neuen gegnern
Unteroffizier: sie sehen in richtung halblinks
auf handgranatenwurfweite
einen gegner über den grabenrand spähen
Domizlaff 2: herr unteroffizier ich werfe selbst eine handgranate
Unteroffizier: endlich domizlaff endlich
doch plötzlich weichen mehrere gegner
der handgranate aus und laufen rückwärts
Domizlaff 2: ich schieße auf sie herr unteroffizier
Unteroffizier: schnellschüsse domizlaff immer schnellschüsse
so lange bis sich nichts mehr regt
Domizlaff 2: bis sich nichts mehr regt
Unteroffizier: wie heißt das
Domizlaff 2: herr unteroffizier bis sich nichts mehr regt
Unteroffizier: sehn sie domizlaff nur drei monate täglich solche übungen
und selbst sie sind begrenzt verwendungsfähig
ist der schütze im nahkampf tüchtig geschult
so gibt ihm dies ein gefühl
der sicherheit und überlegenheit
wiederholen sie
Domizlaff 2: herr unteroffizier begrenzt verwendungsfähig
Unteroffizier: nein domizlaff nicht doch
sicherheit und überlegenheit
Domizlaff 2 (will gerade wiederholen): herr u..
Unteroffizier: schweigen sie
wissen sie überhaupt was ihre pflicht ist
wenn sie eine stellung erobert haben
Domizlaff 2 (schweigt)
Unteroffizier: ich wusste es schütze domizlaff
sie können nichts sie wissen nichts
ich werde ihnen erklären was pflicht ist sie müssen
die anvertraute stellung siegreich behaupten
oder bis zur eigenen vernichtung halten
wiederholen sie
Domizlaff 2: herr unteroffizier
siegreich behaupten oder
bis zur eigenen vernichtung halten
Unteroffizier (brüllt): lauter domizlaff lauter
ihre kameraden haben nichts gehört
Domizlaff 2 (laut): herr unteroffizier siegreich behaupten oder
bis zur eigenen vernichtung halten
Unteroffizier: das letzte noch einmal und laut
Domizlaff 2 (brüllt): bis zur eigenen vernichtung halten
Unteroffizier: endlich
Offizier des Generalstabs (erscheint im Hintergrund
Unteroffizier (ehrfürchtig in Grundstellung erstarrend):
herr oberstleutnant melde gehorsamst
unteroffzier kottmeier
mit rekruten bei sturm-einbruch-übung
(zu seinen rekruten) achtung stillgestanden
Offizier des Generalstabs:
herr unteroffizier stehen sie bequem
befindet sich in ihrer ausbildungseinheit
ein schütze namens domizlaff
Unteroffizier: jawohl her oberstleutnant
Offizier des Generalstabs: dieser wird auf der stelle
aus ihrer einheit entfernt und versetzt
Unteroffizier: achtung domizlaff vortreten
die andern wegtreten
(völlig irritiert) herr oberstleutnant
darf ich gehorsamst fragen
was der grund für diese maßnahme ist
Offizier des Generalstabs: der schütze hat seinem vater
dem oberpostmeister des deutschen reiches
einen brief geschrieben
darin führt er aus dass es ihm unmöglich sei
die militärische ausbildung fortzuführen
sein vater hat die oberste heeresleitung informiert
dort wurde entschieden den rekruten domizlaff
einer andern verwendung zuzuführen
Unteroffizier (wütend, schreiend): domizlaff hierher
Offizier des Generalstabs: sie sind der schütze domizlaff
Domizlaff 2: jawohl herr general
Offizier des Generalstabs (schmunzelt): sie kommen mit (beide ab)
Unteroffizier (für sich): das habe ich noch nicht erlebt
ich hatte ihn so gut im griff
ich war dabei ihn einzuebnen
zu einem masseklumpen einzuebnen
völlig einzuebnen

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Szene 5

Sonntag, 8. Februar 2009 18:54

Sänger:

als hans domizlaff
am stadttheater zu leipzig
ein bühnenbildner war
da führte er den woyzeck auf
stellte mit lichteffekten
massenpsychologische
exp p perimente
mit dem publikum an
schaut wie der arme tropf
erbsen isst die katze fängt
und auf befehl
mit den ohren wackelt
versuchskaninchen der wissenschaft
ein menschlicher popanz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Proben zur domizlaffschen Inszenierung des Woyzeck am Leipziger Schauspielhaus. Während der Probe wechselt Domizlaff seine Position vom Regiesessel knapp neben der Bühne in die erste Reihe im Zuschauerraum, um die Wirkung der Szene auszutesten. Die Bühne selbst ist augenfällig durch den oben-unten-Gegensatz gekennzeichnet und entsprechend ausgeleuchtet. Auf einer Art Dachvorsprung steht anfangs im grellen Scheinwerferlicht der Doktor dozierend, unten ein paar - schattenhaft und stumm - Studenten. Woyzeck erhebt sich erst später aus dem Dunkel. Domizlaff, Regieassistent, Doktor, Woyzeck, Studenten, Leipzig 1915)

Domizlaff 2 (im Regiesessel, zum Doktor): noch einmal bitte anfangen mit:
meine herren…
Doktor: meine herren wir sind an der wichtigen frage
über das verhältnis des subjekts zum objekt
wenn wir nur eins von den dingen nehmen
worin sich die organische selbstaffirmation des göttlichen…
Domizlaff 2 (unterbrechend): halt - das muss getragener kommen blasierter
Regieassistent (laut): getragener und blasierter bitte
Doktor: selbstaffirmation des göttlichen
auf einem so hohen standpunkte manifestiert
und ihre verhältnisse zum raum zur erde
zum planetarischen untersuchen meine herren
wenn ich diese katze zum fenster hinauswerfe:
Domizlaff 2: halt die katze viel länger zeigen das ist ein stimulans
dann lange pause endlich theatralisch fallen lassen
Doktor: wenn ich diese katze
zum fenster hinauswerfe
wie wird diese wesenheit
sich zum centrum gravitationis
gemäß ihrem eigenen instinkt verhalten?
he woyzeck woyzeck!
Domizlaff 2: brüllen rücksichts brüllen
unmenschlich brüllen wie auf dem kasernenhof
Doktor (brüllt): woyzeck!
Domizlaff 2: gnadenloser unmenschlicher
Doktor: woyzeck!
Domizlaff 2: gut so gut so
Woyzeck (fängt die Katze auf): herr doktor sie beißt
Domizlaff 2 (begeistert): er ist objekt er lässt sich beißen fühlt den schmerz -
und sagt nichts sehr gut sehr gut
Doktor: kerl er greift die bestie so zärtlich an als wär’s seine großmutter
(steigt vom Gerüst herunter).
Woyzeck: herr doktor ich hab’s zittern
Domizlaff 2: halt moment
(wechselt die Position, setzt sich in die erste Reihe im Zuschauerraum):
noch einmal aber zart fast winselnd unterwürfig bis zur willenlosigkeit
Woyzeck: herr doktor ich hab’s zittern
Domizlaff 2: nein nein so nicht
wir brauchen hier ganz anderes licht
kann man das licht nicht bündeln kegelartig
so dass das gesicht des woyzeck wie
eine grelle flache scheibe wirkt
aus der ein restbestand von mensch noch spricht
(grelleres Licht)
Domizlaff 2: besser ich will dass jeder der hier unten sitzt
unbewusst spürt dass er genauso gut
so ein versuchskanichen sein könnte
wie woyzeck dieser arme tropf
dass er ihn wie sein reduziertes ich begreift
die mächte spürt die ihn im alltag drücken
Regieassistent: noch mal
Woyzeck: herr doktor ich hab’s zittern
Doktor: ei ei! schön woyzeck!
meine herren sehen sie: der mensch
seit einem vierteljahr isst er nichts als erbsen
bemerken sie die wirkung
fühlen sie einmal was ein ungleicher puls
und die augen!
Domizlaff 2: wir müssen jetzt die gesichtsscheibe sehn
ganz nackt ganz blass
Woyzeck: herr doktor es wird mir dunkel!
(Woyzeck setzt sich)
Doktor: courage woyzeck noch ein paar tage
und dann ist’s fertig
fühlen sie meine herren fühlen sie!
(Die Studenten treten aus dem Dunkel, betasten Woyzecks Schläfe, Puls und Brust.)
woyzeck beweg den herren doch einmal die ohren
ich hab’ es ihnen schon zeigen wollen
zwei muskeln sind bei ihm tätig
allons frisch!
Woyzeck: ach herr doktor!
Domizlaff 2: in diesem ach muss der ganze abgrund
seiner existenz zum vorschein kommen
dieses ach muss schwach sein fast ein röcheln
aber durchdringend
Woyzeck: ach herr doktor
Doktor: bestie soll ich dir die ohren bewegen
willst dus machen wie die katze
so meine herren das sind so übergänge zum esel
ja die erbsen meine herren
Domizlaff 2: halt noch einmal und wie zum finale furioso
siegesgewiss und triumphal: ja die erbsen meine herren
Doktor: ja die erbsen meine herren
Domizlaff 2: gut so ende
(zum Regieassistenten) ich möchte dass sie sich während der vorstellung
in den zuschauerraum setzen und sich notizen machen
was sie hören aus dem publikum wie es auf den armen tropf
reagiert furcht und mitleid aristoteles sie verstehen
ich will das mitleid bis zum äußersten hervorkitzeln
den masseninstinkt der leute freilegen
und ihr verdrücktes stöhnen winseln wimmern hören

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Szene 4

Sonntag, 8. Februar 2009 18:52

Sänger:

als hans domizlaff
student und malelève war
kam er auch nach paris
- bohème, bohème -
traf modigliani und legèr
und viele andre malgenies
mit spanier pablo teilte er sich
so manchen hübschen akt
mit seinen kuben und dessins collés
wurde picasso bald weltberühmt
der junge deutsche aber fand
mit seinem drögen dürerstil
so gut wie keinerlei resonanz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Kunstausstellung in der Galerie Daniel Henry Kahnweiler in Paris 1913. Jeweils ein kubistisches Werk von Braque, Picasso und Gris an Stellwänden nebeneinander, daneben ein Werk von Domizlaff „südliche Landschaft”. Zwei Ausstellungsbesucher, Kunstkritiker Maurice Raynal und Wilhelm Uhde, in Begleitung ihrer Damen R und U, in Diskussionen über die Bilder. Domizlaff, der sich auch als Ausstellungsbesucher gibt und seine Vaterschaft als Maler eines der Bilder bewusst verschweigt, sucht das Gespräch, um Meinungen über sein Bild zu erfahren, Paris 1913)

Raynal (vor Domizlaffs Bild):
südliche landschaft wie gehabt
Uhde (sie gehen ein Bild weiter, zu Picassos Bild)
Begleiterin U (lacht amüsiert):
was ist denn das
Begleiterin R (gluckst): so schief und zerknickt
(beide Paare gehen vorüber, kehren nach einer Weile zurück, bleiben vor Picasso stehen)
Begleiterin R: als wenn mehrere entwürfe
vom selben motiv übereinlägen
Begleiterin U: das hat fast infantile züge
Raynal (geht mehrfach auf Picassos Bild zu und wieder rückwärts zurück):
ich finde einfach keinen standort
wie bei renoir und bei cézanne
das beunruhigt mich
Uhde: wenn man nur lange genug davor stehenbleibt
fühlt man sich ins bild hineingezogen
ja fast hineingesaugt
Raynal: man wird ganz schwindelig und erregt
es arbeitet in dir
Uhde: abgestoßen irritiert
und fasziniert zugleich
Raynal: doch mit welcher kraft das an sich glaubt
etwas sagen zu können das so zuvor noch niemals
in eine fläche gezwungen worden ist
Uhde: das ist die revolution der perspektive
Raynal: geometrische körper fast ohne farbe
Uhde: junger mann ich sehe dass auch sie
ganz fasziniert auf diese bilder starren
was denken sie davon
Domizlaff 2: das sind hochinteressante versuche
Raynal: o nein das ist viel mehr viel mehr
das ist die revolution
von jetzt an wird
die kunst nie mehr dieselbe sein
die sie bis heute war
Uhde: stoßen sie an mit uns auf diese neuen maler
(nimmt sich von einem Bistrotisch ein Glas Champagner)
wie heißt der eine können sie das lesen
Domizlaff 2: picasso
Raynal: und der daneben
Domizlaff 2: braque so viel ich entziffern kann
Uhde: ich möchte weil ich einfach muss darüber schreiben
alle dimensionen
alle wahrnehmungskonventionen gesprengt
Domizlaff 2: das sind doch eigentlich nur experimente
mit geometrischen flächen und figuren
Raynal: o nein das hat eine innere logik
Domizlaff 2: aber die perspektiven wie sie
seit michelangelo und dürer geltung haben
sind völlig außer kraft gesetzt
Raynal: genau das ist es ja hier wird nichts mehr abgebildet
die wirklichkeit ereignet sich in den köpfen der maler
Domizlaff 2: die gesetze der perzeption einfach ignorieren
Raynal: sie sehen doch es geht es geht
Domizlaff 2: ich kann nur versuche erkennen
Raynal: nein nein wie soll ich ihnen das erklären schauen sie
(zieht ihn vor Domizlaffs Bild)
schauen sie das hier sind versuche
Domizlaff 2: das ist doch sauber konstruiert
hier stimmen die linien noch…
(wendet sich an Raynals Begleiterin) was meinen sie dazu
Begleiterin 1: ganz hübsch südliche land nicht
Domizlaff 2: ja
Raynal (schüttelt den Kopf): doch der hier (zeigt auf Picassos Bild)
und dieser (zeigt auf Braques Bild)
die haben etwas zu sagen das ist neu
das tief versteckt längst in uns allen arbeitet und wühlt
Uhde: nennen sie es die nervosität unserer zeit
Raynal: aber der dagegen (zeigt auf Domizlaffs Bild)
vertraut auf eingefahrenen traditionen
und er bedient sie wo er kann
Uhde: und unter uns er kann es nicht
Raynal: junger mann seien sie dem schicksal dankbar
das sie in diese galerie geführt hat
denn was sie hier und heute sehen
das wird die kunst der welt verändern
Uhde: es wird das leben sehen und denken
der menschen revolutionieren
Raynal: diese künstler lassen uns teilhaben
an ihren form-problemen
Domizlaff 2 (süffisant, fast hämisch): lassen uns teilhaben
an ihren form-problemen ich verstehe
Raynal (macht einen neuen Erklärungsversuch, zeigt auf das Domizlaff-Bild): schauen sie
das hier ist von gestern und wird gestrig bleiben…
Uhde (springt ein): sie haben mich doch beobachtet junger mann
sie sahen doch wie hilflos ich davor stand
anfangs
bis irgendetwas an dem bild mich packte
figuren formen flächen
ich verstand mit einem schlag die sprache
die spannung die zwischen diesen linien pulst
die ladung die mich seither nicht mehr loslässt
ich fing an mich selbst in dieses bild hineinzukomponieren
erinnerungsbilder stiegen in mir hoch
mein denkapparat war wie aufgewühlt
verstehen sie was ich meine
das ist das 20. jahrhundert
was für eine befreiung
(prosten Domizlaff zu, ab)
Raynal: freuen sie sich mit uns junger mann
Domizlaff (allein, nach einer Pause):
welch wunderbar entflammte idioten
der idiot ist einer der im abseits steht
und keinerlei kontakt zur masse hat
das weiß ich noch vom griechisch-unterricht
(zu dem Bild gewandt):
charmant charmant
(schüttelt den Kopf und geht)

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Szene 3

Sonntag, 8. Februar 2009 18:51

Sänger:

als hans domizlaff
nach zahllosen versuchen
auf dem normalen bildungsweg einen schulabschluss mit abitur
zu erreichen schon früh
gründlich gescheitert war
wurde der hoffnungslose fall
von internat zu internat geschickt
doch selbst in solchen anstalten wurde
dem pubertierenden knaben
zum dauerverhängnis seine
außergewöhnliche eitelkeit
und seine extravaganz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Erziehungsanstalt Schnepfenthal, 4-Bett-Zimmer mit Doppel-Etagen-Betten, kleinem Tisch und Stühlen am Fenster, die drei 14-jährigen Anstaltsschüler Eilert, Jacoby und Steinbrecher in entsprechenden Uniformen, ähnlich den Bleyle-Matrosen-Anzügen, später kommen der Schul-Pedell und Domizlaff hinzu, Schnepfenthal bei Naumburg, 1907)

Jacoby: habt ihr den neuen schon gesehn der gestern ankam
wetten der wird zu uns gelegt
seit engelhard letzte woche ging
ist auf unserer stube ja noch ein bett frei
Eilert: dumslaff oder so ähnlich soll er heißen
Jacoby: dumslaff das klingt…
Eilert: wie dummer affe
Jacoby: ja ja grad so (sie lachen)
Steinbrecher: wenn einer mitten im schuljahr herkommt
dann ist er bestimmt woanders rausgeflogen
Eilert: ich hab gehört dass er schon drei-
oder viermal die schule gewechselt haben soll
Jacoby: er soll auch schon 15 sein
Steinbrecher: dann wird er unser stubenältester und darf befehlen
Eilert: wir müssen fest gegen ihn zusammenhalten top
(sie schlagen ein; es klopft)
Alle: herein
(Pedell mit Hans Domizlaff, der in Zivilkleidung erscheint, treten ein)
Alle: achtung
Jacoby: stube 9 eilert jakoby steinbrecher
Pedell: danke
(Die Schüler sind angenehm überrascht, als sie bemerken, wie klein Domizlaff ist und dass er dazu noch eine Brille trägt; sie grinsen sich verstohlen zu)
Domizlaff 1: guten tag
Pedell: das hier ist euer neuer mitschüler
hans domizlaff mit namen
es wird erwartet dass ihr euch vertragt
wenn nicht der karzer wartet
(Pedell ab)
Eilert (abtastend): wie alt bist du
Domizlaff 1: in zwei monaten werde ich 16
Eilert: dann bist du unser stubenältester
denn wir sind alle unter 15
Steinbrecher: du hast ja noch gar keine anstalts-uniform
wann bekommst du sie denn
Domizlaff 1: ich werde keine uniform bekommen
und solang ich hier bin auch nie eine tragen
meine mutter will das so
und die heimleitung hat es akzeptiert
Eilert (staunt mit offenem Mund): keine uniform die ganze zeit nicht
Steinbrecher: als einziger im internat ohne uniform
Domizlaff 1: ja
Jacoby: dann hast du ja auch gar keinen dienstgrad
und kannst auch nie einen bekommen
Steinbrecher: dann ist es auch egal wie alt du bist
Eilert: unser stubenältester kannst du nicht werden
(Mit schnell wachsendem Vergnügen erkennen die drei ihre Machtposition gegenüber Domizlaff, es beginnt ein abgefeimtes Spielchen)
Jacoby: du warst wohl vorher
auf einem städtischen gymnasium
(Domizlaff nickt)
Eilert: hier gelten allerdings andere regeln
Steinbrecher: befehl und gehorsam und eiserne disziplin
Jacoby: absoluter gehorsam gegenüber vorgesetzten
Eilert: zum beispiel sind wir drei
seit diesem schuljahr offiziere
Steinbrecher: du siehst das an dem zeichen hier am ärmel
(zeigt Domizlaff demonstrativ seine Balken)
Jacoby: wo immer du dieses zeichen siehst heißt das für dich
Eilert: dem muss ich gehorchen
Steinbrecher: lerne also lieber gleich unsere befehle auszuführen
Domizlaff 1: ich lasse mir von jüngeren nichts befehlen
Eilert (hochnäsig): du solltest nicht am ersten tag schon widersprechen
Jacoby: ich sags noch einmal und zum letzten mal
hier gilt befehl und gilt gehorsam
Steinbrecher: wir möchten deinen ungehorsam
nicht melden müssen
Eilert: du hasts gehört der karzer wartet
Jacoby (zu 2 und 3): er muss lernen wozu er hier ist
wir werden ihn zu einem nützlichen glied
unserer gemeinschaft erziehen
Eilert: du kannst dich in diesem sinne nützlich machen
zum beispiel … unsere schuhe putzen
Domizlaff 1: ich bin nicht euer knecht das tu ich nicht
(alle drei bilden einen Ring um ihn)
Eilert: runter auf die knie
(sie zwingen ihn zu dritt runter, Domizlaff wehrt sich nicht, man sieht ihn nur noch schemenhaft zwischen ihren Beinen)
Jacoby: putzen
(nach einer Weile)
Jacoby: zeig her
(hält den Schuh hoch und gegen das Licht) das soll geputzt sein
was meint ihr dazu
kann sich ein offizier bei sonntagsausgang
mit so schlecht geputzten schuhen
vor den damen zeigen
ich sage nein
Eilert: ich auch
Steinbrecher: eine schande für unser institut
(nimmt den Schuh, wirft ihn vor die Wand)
aufheben domizlaff noch mal putzen
ein offiziersschuh domizlaff muss blinken verstehst du
(es klopft, ruckartig lassen alle drei von Domizlaff ab, der sich langsam erhebt)
Alle (nach einer Pause): herein
Pedell (tritt ein): hans domizlaff bekommt nun seine tägliche stunde
in der er ganz allein sein darf das ist
so angeordnet worden vom direktor
dazu begleite ich ihn von nun ab jeden abend
schlag sechs in einen abgeschiedenen raum
schlag sieben bring ich ihn zurück
zum abendessen ist er wieder in der gruppe
seine mutter hat das so gewollt
(Pedell mit dem sichtlich triumphierenden Domizlaff ab)
Alle drei (bleiben fassungslos mit offenen Mund stehen)
Eilert (nach längerer Pause den Pedell nachäffend):
seine mutter hat das so gewollt
Jacoby: das muttersöhnchen braucht besondere lektionen
die wird er kriegen und die kriegt er nicht zu knapp
denkt euch was aus wie gemein auch immer
sein ganzes leben soll er’s nicht vergessen

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Szene 2

Sonntag, 8. Februar 2009 18:49

Sänger:

als hans domizlaff
vom lehrer arg verdroschen ward
schmerzt ihn sein hinterteil
und seine weiche seele
verhärtete sich schnell
wie niedrig kamen ihm vor
die andern die ihn so verlachten
der pöbel der mob die masse
umso mehr fühlte er selbst sich
gehörig zur herrenklasse
und seine erfahrung sagte ihm
es wird stets angefeindet
weil unverstanden in seiner brillanz
des künstlers extravaganz
hierin sensibel war
domizlaff hans

(Teilansicht einer Schulklasse mit 11-12 jährigen Knaben. Im Hintergrund eine große Afrikakarte. Lehrer mit Paradeschnurrbart, geradezu ein Abbild Kaiser Wilhelms des II., Lehrer, Schüler, später Domizlaffs Eltern, Erfurt 1904)

Lehrer (klappt seine Hände kurz und trocken zusammen):
achtung
eins!
(die Schüler erfassen ruckartig und geschlossen die unter ihren Bänken liegenden Bücher)
Lehrer (nachdem er kurz abgewartet hat, bis alle fertig sind, klappt wieder kurz und trocken mit den Händen):
zwei!
(Die Schüler heben die Bücher über die Schultafel; der Lehrer wartet ab, bis alle in dieser Stellung verharren, klappt erneut kurz und trocken mit den Händen)
drei!
(Die Schüler versuchen das Buch geräuschlos auf ihre Tafeln zu legen, es gelingt nicht ganz)
Lehrer: das muss viel geräuschloser passieren
zurück noch einmal
von vorn
zwei
(Die Schüler nehmen ruckartig die Bücher wieder auf, halten sie wie in Stellung zwei schwebend über ihren Tafeln, der Lehrer wartet lange ab)
drei
(Diesmal gelingt es)
sitzen
füße parallel gesetzt mich angeschaut
konzentration
(Lehrer wartet eine Weile, pathetisch)
die deutschen kolonien
(effektheischende Pause)
warum braucht unser vaterland kolonien
Schüler Meusel (eifrig, meldet sich)
Lehrer: meusel steh auf tritt vor
Schüler Meusel (steht auf):
herr lehrer die bevölkerung wächst in unserm land
viel schneller als in frankreich oder england
unser boden kann die menschen bald nicht mehr ernähren
Lehrer: setzen meusel bravo beispielhaft
erklärung für alle
mitschreiben schreibhefte vornehmen
(kurze Pause, Lehrer klappt wieder jeweils kurz und trocken mit den Händen, während die Schüler unter den Pulten die Hefte vorziehen)
eins
zwei
drei
schreiben
(Lehrer wartet einen Augenblick, rezitiert):
kein staat auf erden der voranschreiten will
kann sich selbst genügen
jedes volk erschöpft bald die natur seines landes
es muss die fesseln der heimat sprengen
es muss sich die welt öffnen
und sich einen unmittelbaren
anteil an ihren schätzen sichern
so bleibt ein volk jung während andere
zurückgedrängt werden
von der weltbühne und
allmählich verkümmern
(Lehrer wartet) also lautet die conclusio: kolonien
(laut und fordernd) alle
Schüler im Chor: kolonien
Lehrer: sehr richtig
(deutet auf die Karte hinter ihm):
welche kolonien besitzt unser vaterland
in afrika
Schüler Kleinschmidt (meldet sich, steht auf):
herr lehrer togo
Lehrer: an die karte kleinschmidt zeigen
Schüler Kleinschmidt (tritt aus der Bank, geht an die Karte, zeigt)
Lehrer: richtig kleinschmidt setzen
alle notieren
(diktiert) die zu den sudannegern
gehörenden einwohner togos sind
kräftig gebaut friedfertig
arbeitsam und geschickt
ende des diktats
weiter
welches ist
deutschlands großer fruchtgarten in afrika
und welche gebiete umfasst er
Schüler Gebhardt: herr lehrer das ist kamerun
Lehrer: richtig gebhardt und warum
Schüler Gebhardt: dort wachsen viele früchte
Lehrer: wer hätte das gedacht du dummkopf
an die karte zeigen gebhardt
Schüler Gebhardt (tritt aus der Bank, zeigt auf den Kongo):
Lehrer: falsch gebhardt falsch
das dort ist
von unsern feinden besetztes land
du wirst bis morgen eine karte zeichnen
von afrika mit allen deutschen kolonien
wer zeigt uns kamerun wer
erklärt uns warum gerade kamerun
deutschlands großer fruchtgarten ist
Schüler Knapp (tritt aus seiner Bank):
herr lehrer ich kann’s zeigen
Lehrer: geh an die karte knapp und nimm den stock
und wehe dir du zeigst uns etwas falsches
Schüler Knapp: herr lehrer das hier das ist kamerun
hier ist das klima nicht wie in den savannen
sondern sehr feucht und heiß zugleich
man nennt das tropische fruchtbarkeit
drum wachsen hier die früchte ganz ungehemmt
Lehrer: magna cum laude knapp ganz ausgezeichnet
nehmt euch an knapp ein beispiel
(Pause) wie aber kommen die früchte
aus diesem schönen garten her zu uns
Schüler Meusel (meldet sich): mit schiffen
Lehrer: wer hätte das gedacht
was brauchen wir also
Schüler Gebhardt: eine flotte
Lehrer: nur eine
nein wir brauchen zwei
zwei flotten brauchen wir
eine handelsflotte und eine kriegsflotte
wir notieren in die hefte
was harms in seiner
vaterländischen erdkunde schreibt
erstens
schiffe bauen immer mehr schiffe
sie sind die brücken auf denen der güteraustausch
hin- und zurückflutet
zweitens
in den kultur- und industrielosen
erdräumen besitzrechte erwerben
damit die brücken auch am jenseitigen ufer
an möglichst vielen stellen
auf eignem grund und boden ruhen
macht müssen wir haben
darum kriegsschiffe
rechte müssen wir draußen besitzen
darum kolonien
denn
unsere zukunft liegt auf dem wasser
(Lehrer verschmitzt) von wem stammt der letzte satz
Schüler (alle im Chor): von unserer majestät dem kaiser
Lehrer (selbstzufrieden): richtig und darum
und darum hatte ich euch letzten montag schon
als hausarbeit aufgegeben
ein kriegsschiff zu zeichnen dass ihr lernt
was unsere kaiserliche marine
von unserer handelsflotte unterscheidet
zeichnungen vorlegen
(Lehrer klappt wieder in die Händen wie oben):
eins
zwei
drei
Lehrer: domizlaff was zappelst du
schon wieder so in deiner bank
vortreten
zeig deine arbeit vor
Domizlaff 1(voller Stolz, entrollt seine Zeichnung)
hier herr lehrer
Lehrer (erblickt die Zeichnung, ganz kurz bewundernd)
ei
(nimmt sich zurück, spektisch)
und das hast du allein gemacht
Domizlaff 1: ja herr lehrer das habe ich allein gemacht
Lehrer (ungläubig): das glaub ich nicht das kannst du nicht allein
Domizlaff 1 (stolz): jawohl herr lehrer das hab ich allein gemacht
Lehrer (hält die Zeichnung hoch):
schaut euch das an
Schüler (raunen unschlüssig):
Lehrer: so zeichnet niemand mit zwölf jahren
Domizlaff 1: doch herr lehrer ich habe es allein gemacht
Lehrer: du lügst du willst dich hier produzieren
mit fremden federn schmücken
(zornig) das wird dir nicht gelingen
(nimmt den Rohrstock, schlägt ihn)
das hier ist für die lüge
(nach drei leichteren Schlägen)
hast du das allein gemacht
Domizlaff 1 (wimmernd): ja
Lehrer (schlägt mit doppelter kraft):
allein
Domizlaff 1 (vor Schmerzen aufschreiend):
nein
Lehrer (lässt ab): siehst du so kommt die wahrheit an den tag
in die ecke jetzt gesicht zur wand
und fühl die wahrheit
auf deinem hintern brennen
Domizlaff 1 (läuft steif in die Ecke, leise wimmernd)
Schüler (glucksen verstohlen)
Lehrer (dozierend): keine gemeinschaft
darf lügner in ihren reihen dulden
wehret den anfängen bekämpft die lüge
wo immer ihr sie antrefft mit allen mitteln
vor allem wenn sie noch so dreist
nur auf den eigenen vorteil schielt
(zu Domizlaff gewandt)
das war erst der lektion erster teil
tritt vor domizlaff noch einmal vor
(nimmt den Rohrstock erneut)
und das hier ist
der lektion zweiter teil
(zerreißt das Blatt mit großer Geste)
Domizlaff 1 (aufschreiend): nein bitte bitte nicht
Lehrer (zerreißt es in zahllose kleine Schnipsel):
o ja
(schlägt ihn mit voller Kraft)
und das für deine eitelkeit
du wolltest dich fremden federn rausputzen
und deine kameraden hinter dir lassen
sie überragen
ich aber sage dir du bist ein wurm
nichts als ein wurm
ein ganz missratener eitler kleiner wurm
(diebische Freude beim Rest der Klasse)
Lehrer (zieht eine Trillerpfeife aus der Tasche, pfeift schrill):
achtung
Schüler (stehen ruckartig auf und verlassenen in Zweierformationen schweigend den Raum; Lehrer folgt dem letzten Pärchen, Domizlaff tritt aus seiner Ecke, reibt sich den Hintern, tritt nach vorn an den Bühnenrand, währenddessen verdunkelt sich der Klassenraum. Domizlaffs Eltern treten von links auf ihn zu)
Mutter: hans berichte doch…
wie wurde deine zeichnung aufgenommen
du warst so überzeugt so stolz
Domizlaff 1 (etwas stammeln): niemand
niemand hatte über dem schiff solch einen rauch gemalt
sie haben alle nur gestaunt
das hatten sie noch nie gesehen
Mutter: zu hause hängen wir das bild gleich auf
direkt unter das porträt von unserm kaiser
über das vertiko
es gibt auch schon einen schönen rahmen
Domizlaff 1 (stotternd): das das geht nicht
Mutter: warum denn nicht hans
Domizlaff: ich habe es nicht mehr
es es ist in der schule geblieben
es wurde gleich dort aufgehängt
weil es das beste war
Mutter (enttäuscht): es hätte sich bei uns so gut gemacht
ein echtes bild kein dutzenddruck dein erstlingswerk
schlachtkreuzer von domizlaff unter unserm kaiser
Vater: seis drum
wenn nur der teure zeichenunterricht
am ende sein gutes gehabt hat

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Szene 1

Sonntag, 8. Februar 2009 18:48

Sänger:

als hans domizlaff
noch ein knabe war
nahm er sich gleichwohl schon
als etwas ganz besonderes wahr:
in den sälen des elternhauses in leipzig
fand reichlich gelegenheit
der junge musensohn
zu künstlerischer tätigkeit
des wilhelmkaisers bildnis hing
wie eine ikone in jedem raum
so komponierte sich der bub
von ruhm und größe einen lebenstraum
inmitten deutscher ehre
deutschen reiches glanz
war hierin sensibel
domizlaff hans

(Esszimmer in Domizlaffs großbürgerlichem Elternhaus in Leipzig; seine Eltern im Gespräch, später der 9-jährige Hans Domizlaff und sein zukünftiger Zeichenlehrer, der als „sächsischer Katzen-Raffael” bekannt gewordene Fedor Flinzer, Leipzig 1901)

Mutter: hast du die zeichnungen gesehn
die unser hans verfertigt hat
Vater: nein warum ist das von wichtigkeit
Mutter: dann schau sie dir bitte einmal an (zeigt ihm zwei Blätter)
Vater: was ist daran so extraordinär
Mutter: er hat talent der hans siehst du das nicht
Vater: das weiß ich nicht
Mutter: siehst du denn nicht dass er mit neun
schon zeichnet wie andere buben erst mit zwölf
Vater (wittert etwas): was willst du mir damit bedeuten
Mutter: sein talent braucht förderung
Vater (skeptisch): ach so
Mutter: und wir als eltern haben die verpflichtung
wo immer wir nur können und es sehen
die gaben unserer kinder auszubilden
Vater: und du hast natürlich schon einen plan
wie ich dich kenne
Mutter: kein plan nur ein gedanke
deswegen rede ich ja mit dir
Vater: und zwar
Mutter: ich möchte dass der hans zeichenunterricht bekommt
und zwar so instruktiv als möglich
drei mal die woche dachte ich
Vater: und das gerade jetzt wo er in allen sprachen
fast hoffnungslos im rückstand ist
und sich auf diese dinge konzentrieren müsste
Mutter: ich weiß das auch doch ein von gott gegebenes talent
nicht auszubilden würden wir uns nie verzeichen können
auch wenn er nie ein großer maler wird
Vater: ein großer maler gott wo träumst du hin
latein französisch englisch soll er lernen
dafür einen hauslehrer anzustellen machte sinn
Mutter: alles was wir unsern kindern an ausbildung
ihrer talente ermöglichen macht sinn
Vater: zuerst das allgemeine
und dannn das besondere
wie schon so oft verkehrst du wieder mal
die reihenfolge aller dinge
Mutter (unbeeindruckt):
ich habe herrn fedor flinzer
einen anerkannten zeichner und kunstmaler
gebeten sich heute bei uns vorzustellen
er wird bald hier sein
Vater: ich hatte nichts anderes von dir erwartet
Mutter: herr flinzer soll ja heute nur ein urteil fällen
über hans’ begabung
dann wird man weitersehen
Vater: was ziehst du hans’ interesse ab
von dingen die weit wichtiger sind als zeichnen
und erweckst in ihm noch dazu
trügerische hoffnungen er sei außerdem
ein ganz besonderes menschenkind
Mutter: und wenn schon ist das so verwerflich
ich weiß wie gern er zeichnet das ist grund genug
Vater: und dass auch ich so manchen zukunftsplan
für ihn mit mir herumtrage
kommt dir nicht in den sinn
im diplomatischen dienst etwa
da müsste er fremde sprachen fließend sprechen können
da nützt sein zeichentalent ihm nichts
Mutter (unbeeindruckt): herr flinzer ist berühmt für seine katzen
die malt er allerliebst
Vater: allerliebste katzen als ersatz für fremde sprachen
Mutter: sei nicht so ungerecht
(es klingelt) das wird er sein
Vater: du hast’s ja doch schon wieder auf den weg gebracht
da braucht es meine präsenz nun auch nicht mehr
doch mache hans das eine klipp und klar
wenn er von jetzt an zeichenunterricht bekommt
auf kosten andrer fächer geht das nicht
(durch die Tür, durch die er abgeht, kommt Fedor Flinzer herein)
Flinzer: meine verehrung gnädige frau
gestatten fedor flinzer zeichenlehrer
Mutter: ich hab von ihnen manches gelesen und gesehen
man nennt sie auch den sächsischen katzen-raffael
Flinzer (lächelt): gnädige frau wenn sie das für einen ehrentitel halten
werde ich ihnen da nicht widersprechen
Mutter: es geht um unterricht drei mal die woche
für unsern hans er zeichnet für sein leben gern
Flinzer: wie alt
Mutter: neun jahre
schauen sie das hier hat er selbst gemacht
Flinzer (angetan): recht beachtlich durchaus talentiert
kann ich ihn sehn
Mutter: gern herr flinzer
(geht zur anderen Tür, öffnet sie, ruft): hans komm doch bitte einmal her
Domizlaff 1 (tritt ein): guten tag
Mutter: das ist herr fedor flinzer zeichenlehrer
Flinzer: guten tag hans deine frau mutter glaubt
dass ich dich da du so gern zeichnest
doch etwas lehren könnte was meinst du
Domizlaff 1 (erfreut): gern sehr herr flinzer
Flinzer: dann zeichne mir doch gleich mal einen baum
damit ich sehen kann wie weit du bist
(Domizlaff 1 setzt sich, zeichnet)
gnädige frau wie oft dachten sie dass ich dem hans
pro woche unterricht erteile und wie lange jeweils
Mutter: drei mal und jedes mal zwei stunden mindestens
Flinzer: wenn wirklich etwas daraus werden soll
sind sechs stunden in der woche kaum zu wenig
(beugt sich zu Domizlaff herunter):
das sollen äste sein
das sind krickel krakel
hier krickel krakel
dort krickel krakel
und da auch krickel krakel
aber gemach getrost du bist ja noch sehr jung
in einem halben jahr sieht das schon anders aus
Mutter: danke hans geh bitte wieder auf dein zimmer
Domizlaff 1: auf wiedersehen herr flinzer
Flinzer: ich hoffe bald mein junger freund (Domizlaff ab)
Mutter: was sagen sie nach dieser kleinen prüfung
lohnt es ihm unterricht zu geben
ich bitte sie um ihr ehrliches gerechtes urteil
Flinzer (nach einer Pause): ich hatte eigentlich nur einen schüler
der von natur aus eine ähnliche begabung hatte
das war max klinger
Mutter: max klinger der große der berühmte künstler
Flinzer: eben der
Mutter: jetzt schmeicheln sie herr flinzer doch zu sehr
Flinzer: nein gnädige frau in ihrem sohn steckt ein talent
das danach ruft ausgebildet zu werden
Mutter: dann fangen wir noch diesen freitag an
Flinzer: gnädige frau ich empfehle mich (ab)
Mutter: ich habs geahnt ich habs gewusst (ruft)
hans

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Thema: Bühnenwerke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck