Freitag, 29. Mai 2009 8:12
Aus: Gries/Ilgen/Schindelbeck: Gestylte Geschichte. Vom alltäglichen Umgang mit Geschichtsbildern, Münster 1989
Kapitel: „Von den Trümmerfeldern zum CDU‑Staat: Adenauer‑Ästhetik” (S. 116-128)
Hier finden Sie einen Artikel zur Modell-Theorie generell
© 1988 Dirk Schindelbeck
Kleiner Rundgang durch die Modellstadt:

50-er Jahre Modellstadt im Hobbyraum

Brandmauer und Milchbar

Tankstelle mit Schrottplatz

Signalements der 50er: Haubenlaster und Sissi-Kino
„In den 50er Jahren,” heißt es in einem Werbeprospekt der Modellbaufirma Pola 1984, „gab es insbesondere in den Städten noch zahlreiche ausgebrannte Hausruinen und Trümmergrundstücke… Mit Beginn des ungeheuren Baubooms in der 2. Hälfte der 50er Jahre verschwanden die Ruinen… Konrad Adenauer war der populärste Politiker jener Zeit.”[1]

Modellbausatz HO der Firma Pola von 1984: Trümmerruine mit Löffelbagger
Die solcheraxt als geschichtliche Fakten gehandelten Versatzstücke des Fünfziger‑Jahre‑Bildes wollen wir nun nach dem oben entwickelten semiotisch‑hermeneutischen Verfahren herausarbeiten. Wie in keinem anderen Modellgebäude sind im Trümmergrundstück mit der zum Bausatz gehörigen Wahlplakatwand die Vorstellungen von den fünfziger Jahren im wahrsten Sinne plastisch vorgestellt. Denn hier wird nicht nur, wie in vielen andern Gebäuden der Serie, eine Momentaufnahme aus den fünfziger Jahren wiedergegeben, sondern ein ganzer Zeitabschnitt zur sinnfälligen Anschauung gebracht. Die Spannung, die zwischen der Ruine und dem Wahlplakat nur an diesem Ort so überzeugend inszeniert und gelöst werden kann, erhält ihre Qualität allein schon aus der zeitlichen Spanne von mindestens zwölf Jahren: von den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs, deren Folgen am „einstmals stattlichen Gebäude” in allen Details zu besichtigen sind bis zum Höhepunkt der Adenauerschen Macht im Jahre 1957: „Keine Experimente”. Somit ist die Ruine, obgleich noch Alltagsrealität, eigentlich nur noch das Zeichen für eine als abgelebt aufzufassende Zeit. Das Wahlplakat hingegen, das papierene Zeichen, hat eine ungleich höhere Realität, ist nicht bloße Ankündigung, vages Versprechen einer besseren Zukunft, sondern enthält schon deren Einlösung und Beglaubigung: Es geht aufwärts.[2] [weiter...]