Tipp-Ex
Mittwoch, 24. Juni 2009 7:41
Lemma [Kunstwort aus umgangssprachlich Tippen = mit der Schreibmaschine schreiben und lat. Ex = aus, fort]
Definition: Markenname der zum Rückgängig-Machen bzw. Überschreiben von beim Maschinenschreiben entstehenden Fehlern dienenden Korrekturblättchen und Flüssigkeiten
Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung der Marke
Computerzeitalter und neue Märkte
Gebrauchsprodukt mit kuriosen Seiten
Weiterführende Literatur
Weblink
Die Erfindung der Marke
1951 kam die in Dallas bei einer Bank beschäftigte Sekretärin Bette Nesmith (1924-1980) auf die Idee, die beim Maschinenschreiben entstehenden Tippfehler durch eine selbst angefertigte Mischung aus Temperafarbe und Wasser zu überdecken. Schnell sprach sich das Verfahren herum: in gebrauchte mit handgeschriebenen „Mistake out”-Aufklebern versehene Nagellackfläschchen abgefüllt, belieferte Nesmith ihre Kolleginnen mit der abends zuvor zusammengemixten Korrekturflüssigkeit. Freunde ermutigten sie, daraus einen marktfähigen Artikel zu machen - unter dem Namen Liquid Paper. Nachdem der Versuch, die Firma IBM dafür zu interessieren, erfolglos verlaufen war, gründete Nesmith eine eigene Firma und begann mit der Herstellung von Korrektur-Fluid in der eigenen Garage - 1957 waren es gerade 100 Fläschchen im Monat. Als die Handelszeitung „Office” Liquid Paper in einer Liste neuer Produkte anführte, steigerte sich die Nachfrage explosionsartig. Betrug die Monatsproduktion noch 1962 bescheidene 2000 Fläschchen, waren es 1976 bereits 25 Millionen. 1979 übernahm die Firma Gillette für 48 Millionen Dollar das Unternehmen, das inzwischen 38 Millionen Dollar im Jahr umsetzte.
In der Bundesrepublik gründete Otto W. Carls 1959 unter dem Namen Tipp-Ex eine Firma, die unter demselben Markennamen ein ähnliches Produkt herstellte. Mittels einer dünnen, mit weißem Farbstaub beschichteten Korrekturfolie von der Größe eines Zigarettenpapiers ließen sich fälschlich eingetippte Buchstaben und Zeichen auf dem Schreibmaschinenbogen rückgängig machen, indem man dasselbe Zeichen an entsprechender Position noch einmal eintippte und so unter dem Korrekturdeckweiß verschwinden lassen konnte. Anschließend ließ sich an dieser Stelle das richtige Zeichen einfügen.
1965 kam unter dem Namen „C Fluid” eine dem Liquid Paper vergleichbare flüssige Variante auf den deutschen Markt. Sie wurde mithilfe eines kleinen Pinsels aufgetragen, deckte weitaus besser als die Blättchen und sich ließ sich auch besser überschreiben. Stand das Fläschchen längere Zeit offen, verdickte sich allerdings das Fluid, sodass bald auch ein entsprechender Verdünner angeboten wurde. Wie nur wenige Begriffe ist Tipp Ex ohne jede Erklärung in allen Sprachen verständlich; nicht zuletzt deswegen gelang es diesem so Produkt, als Begriff eine Monopolstellung zu erreichen. Selbst in den englischen Sprachschatz ist „to tippex” oder „to tippex out” eingegangen. Heute zählt Tipp-Ex zu den zehn im Ausland bekanntesten deutschen Markennamen.
Computerzeitalter und neue Märkte
Die größten Wachstumsmargen erzielte Tipp Ex während der Boom-Zeit der Copy-Shops in den siebziger bis in die Mitte der neunziger Jahre, als es die einzige Möglichkeit darstellte, ausgebesserte Schreibmaschinen-Texte mithilfe des Fotokopierers in makellose Manuskripte zu verwandeln.
Des öfteren war auch von Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Tipp Ex die Rede, von austretenden chlororganischen Lösungsmitteln verursacht. 1988 wurde in England der Gebrauch von Tipp Ex in den Schulen sogar zeitweise verboten. Die Firma reagierte durch die Einführung eines lösungsmittelfreien Variante des Korrektur-Fluids.
Seitdem sich in den neunziger Jahren die Nachfrage nach Tipp Ex durch die Verbreitung von Computern, Textverarbeitungs-Software, Tintenstrahl- oder Laserdruckern reduziert hat, wurden zeitgemäßere Produkte wie Korrekturroller, Korrekturstift, Kautschuk-Radierer oder ein Mini Pocket Mouse Correction Tape auf den Markt gebracht.
Seit 1997 werden Tipp Ex-Produkte von der englischen Firma Bic, die vor allem durch ihre Einweg-Feuerzeuge bekannt ist, vertrieben.
Gebrauchsprodukt mit kuriosen Seiten
Nur wenige von der technischen Entwicklung überholte Produkte sind nach wie vor so populär geblieben wie Tipp-Ex, nicht zuletzt deswegen, weil dieses Universalmittel zum Rückgängigmachen „dummer Fehler” zu allerlei Witzen reizt. Schon 1993 gab es unter dem Titel „Tipp-Ex für den Direx” eine Sammlung von Schülersprüchen; heute sind Witze, die es sowohl in der Ostfriesen- wie in der Blondinen-Variante gibt, populär: „Woran erkennt man, ob eine Blondine am Computer saß? Am Tipp-Ex auf dem Monitor.” - „Und woran, ob eine weitere Blondine an diesem Computer saß?” - „Das Tipp-Ex wurde überschrieben.”
Weiterführende Literatur:
Wolf von Henschelsberg/ Holger Aue: Tipp-Ex für den Direx. Schüler-Sprüche IV, Frankfurt 1993
Allyn Freeman/Bob Golden: Post it, Pampers, Melitta & co. 50 Produkte, die die Welt eroberten, St. Gallen 1997
Weblink: www.bicworld.com
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Thema: Konsum & Marken | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck




