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Dirk Schindelbeck » 2009 » August

Beiträge vom August, 2009

Yin und Yang

Sonntag, 23. August 2009 13:22

oder die vollkommene Dialektik

© 2009 Dirk Schindelbeck

Wir sind nicht, was wir sind - es sei denn eins.
Schau wie in alten Kirchenfensterbögen
Fischblasen träumend liegen, so als flögen
sie fort aus der Rosette ihres Steins…

Mysterium und Rätsel allen Seins?
Noch meinst du, du gehst ganz auf eignen Wegen -
und kommst als Silhouette dir entgegen,
und alles deins verkehrt sich flugs in meins.

Ich wieder bin dein andres Ich - wie du.
Wie soll ich Dir’s geschickt erklären? Warte:
Wählst du das Weiche, bin ich schon das Harte.

Schau diesen Stock an - dieses End heißt Yin,
das andre Yang. Du hörst schon nicht mehr zu
und spürst nur, das ich nicht bin, was ich bin.

Thema: Liebe et al | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Mein Gusszylinder, mein Über-Ich

Mittwoch, 19. August 2009 11:40

ein Sammlertrauma oder: auch eine Weihnachtsgeschichte

© 1997/2010 Dirk Schindelbeck


Die "weinende Braut": Blechspielzeug um 1910:

Die "weinende Braut" (schwenkt ihr Taschen- tuch auf und ab...): Blechspielzeug um 1910

Die wunderlichsten Leute sind nicht immer die,
die ihren Spleen vorführen wie ein Accessoire,
sich selbst zur Eitelkeit, zum Gaudi für die Welt.
Ein Exemplar solch stillerer Sorte ist mein Freund,
ein unauffällig-netter Mensch. Der Erich steht
als Angestellter seinen braven Mann und sucht
Am Sonntag mit den Jungs, der resoluten Frau
Nicht einmal ungern seine Schwiegermutter auf,
bewältigt den Parcours aus Kuchen und Kaffee
und selbst den Asbach hinterher noch mühelos.
Dies ist das Regelmaß, das Erich kennt und lebt.
Niemals auch führt sein Urlaub ihn nach Übersee:
Komfort und Qualität Europas sind ihm lieb
und eine absehbare Rückkehr ebenso.
Wenn er sich informiert, so zeigt sich Erich voll
als der er ist. Die Zeitung, ausgelesen, liegt
bei ihresgleichen in Paketen stramm verzurrt
des Morgens ausgerichtet auf dem Altpapier.
Nie dachte ich, dass diesen Mann ein Furor quält
aus einer andern Welt, ein horror vacui, wie ihn
kein Angestellter je durchlitten haben kann. [weiter...]

Thema: Sammelfieber | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

“vom begriffbau der anbietlehre” (1926)

Montag, 17. August 2009 10:42

© Dirk Schindelbeck 2009

werbwart weidenmüller (1881-1936) in den 20er Jahren

werbwart weidenmüller (1881-1936) in den 20er Jahren

Als Dokumentation zu meinen Texten (wertbwart_weidenmuller PDF; Weidenmueller PDF) über den bis 1930 wohl produktivsten deutschen Werbetheoretiker Hans (auch: Johannes) Weidenmüller (geb. 1881 in Freyburg/Unstrut, gest. 1936 in Baden-Baden) stelle ich hier seinen “begriffbau der anbietlehre” aus dem Jahr 1926 zum Herunterladen in Form von zwei pdf-Files ins Netz, ebenso einige wenige Anmerkungen dazu. Bis heute ist es eins der originellsten Werbefachbücher deutscher Sprache geblieben. Eine Art poetisches Gegenstück dazu hatte der sich seit den frühen zwanziger Jahren nur noch werbwart (wohl analog zum “Reichskunstwart” Edwin Redslob) und zeitweise sogar werbwalt (Kurzform und Ableitung von Werbeanwalt) nennende Weidenmüller schon in seinem “gesang vom werbewerk” 1924 geliefert.

So verschroben und skurril dieses Buch aufgrund seiner sprachlichen Form heute wirken mag, hüte man sich doch davor, seine begriffsprägende Kraft zu unterschätzen. Heute längst selbstverständlich gewordene Termini wie “Blickfang” oder “Streuung” gehen auf Weidenmüller zurück. Darüber hinaus kann, wer genauer hinschaut, in der anbietlehre eine der frühesten Kommunikationstheorien des 20. Jahrhunderts entdecken.

vom begriffbau der anbietlehre, Teil 1 weidenmueller_anbietlehre_teil_1 (S. 1-45, PDF)

vom begriffbau der anbietlehre, Teil 2 anbietlehre_2516 (S. 46-80, PDF)

Thema: Quellen der Zeitgeschichte | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Kukirol: Fortsetzung Teil 4

Sonntag, 16. August 2009 15:21

Und ein drittes Mal kehrte Dr. Unblutig zurück, elf Jahre nach dem Tod seines Textvaters Iversen und nunmehr von seinem Sohn Olaf (1900-1956) aus seiner ersten Ehe (der als Karikaturist beim Simplicissimus einige Bekanntheit erlangen sollte) getreu nach den alten Vorgaben umgesetzt, sodass ihn die „ältere Generation“ auf Anhieb wiedererkennen konnte. In Erinnerung an die „guten alten Zeiten“ versuchte der Arztgnom ab August 1952 von seinem vermeintlichen Bekanntheitsbonus zu zehren und so seinen Relaunch ins Werk zu setzen, denn „was während der ersten Jahre erlebt wurde, ist so kurzweilig und spannend, dass es von Millionen verschlungen würde, wie einst die Inseraten-Serien von Frau Schnatterich und Herr Piedecubiste…“

quick_8_52

Anzeigenseite aus Quick, August 1952

Doch schon die neue Produktpalette zeigte deutlich, dass das Hauptinteresse der inzwischen in Weinheim an der Bergstraße ansässigen Firma längst nicht mehr auf dem Hühneraugenmittel Kukirol lag – längst hatten Zahnpflege-Produkte (vor allem die Haftcreme Kukident) ihm die Bedeutung als Brot-und-Butter-Artikel abgelaufen. Auch wenn man dennoch eine Zeit lang versuchte, aus Dr.-Unblutig eine zeitgemäße Comic-Figur – etwa nach dem Muster Nick Knattertons – zu machen, musste man doch einsehen, dass ihr Bekanntheitsgrad für eine echte und nachhaltige Wiederbelebung im Publikum nicht mehr ausreichte. Mitte der fünfziger Jahre schließlich verschwand Dr. Unblutig für immer aus den Anzeigenspalten.

Dr. Unblutig im Stil Nick Knattertons

Dr. Unblutig im Stil Nick Knattertons, gezeichnet von Olaf Iversen

15. Lehren aus einer dahingeschiedenen Werbefigur

So sehr Dr. Unblutig als Musterbeispiel für den lauten, mitunter bizarren Reklamestil der zwanziger Jahre stehen kann, so sehr zeigt sein Schicksal auch exemplarisch, welche strukturellen Probleme (bis heute) die Verwendung von Werbefiguren in sich birgt.

Der "wirkliche" Dr. Unblutig

Der "wirkliche" Dr. Unblutig (Anzeige 29.8.1926)

1.) Eine Werbefigur, die zugleich als (reale) Autoritäts- und als (gezeichnete) Witzfigur fungieren soll, hat ein fundamentales Kommunikationsproblem. Klaus Brandmeyer hat Werbefiguren einmal in vier Kategorien unterteilt: Erlöser (deus ex machina), Vorbilder (z.B. Frau Sommer), Lehrer (z.B. Dr. Best) und Kobolde. Der reale Dr. Unblutig in seiner Weltreisevilla sollte als Lehrer fungieren, der gezeichnete war - als Karikatur eines Arztes - nie mehr als ein Kobold. Diese Bruchstelle im Konzept ist auch der Firma Kurt Krisp nicht verborgen geblieben; mehrfach wurde in Anzeigen auf den realen Dr. Unblutig rekurriert („Dr. Unblutig - wie er wirklich aussieht”). Und dennoch wurde an der Comic-Figur über fünf Jahre hin eisern festgehalten. Diese doppelte Kommunikationsstrategie konnte das Publikum nicht nachvollziehen. Sollte es über Dr. Unblutig nun lachen oder sollte es ihn ernst nehmen? Beide Kommunikationsstrategien neutralisierten einander in ihrer Wirkung.

2.) Sicherlich werden sich Kurt Krisp und Johannes Iversen gefragt haben, warum sich die ungeheure Popularität der Comic-Figur nicht in entsprechend hohen Umsätzen niederschlug. Wir haben hier zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Werbung das Phänomen des Vampir-Effektes. Spätestens im Herbst 1924 war die Comic-Figur des Dr. Unblutig ihrer dienenden Funktion gegenüber dem zu bewerbenden Hühneraugenpflaster entwachsen und hatte in der Wahrnehmung des Publikums ein Eigenleben entfaltet, das sie himmelhoch über das zu bewerbende Produkt hinaustrug. Sie schadete dem Produkt mehr als dass sie ihm nützte. Aus eben diesem Grund ließ man das HB-Männchen Ende der 80er Jahre sterben. Dass Werbefiguren per se die Gefahr in sich bergen, zulasten des beworbenen Produktes zuviel Aufmerksamkeit auf sich (und vom Produkt ab-) zu ziehen, konnten Iversen und Krisp allerdings noch nicht wissen.

3.) Das fundamentale Problem der Kukirol-Werbung bestand darin, dass die Semper-idem-Idee, die bis heute die Seele jedes echten Markenartikels ausmacht und im übrigen das einzige Mittel ist, das Vertrauen des Publikums nachhaltig zu gewinnen, in jeder einzelnen Anzeige schamlos verraten wurde. Auf ihrer Grundlage erfolgte und erfolgt - bis heute - die kontinuierliche und wirksame Bewerbung bekannter Convenience-Produkte großer Hersteller. Bekannte Zigarettenmarken aus dem Haus Neuerburg oder Reemtsma gehörten dazu, Zahnpasten von Beiersdorf oder Lingner (Pebeco; Chlorodont), ebenso Pixavon oder „Elida”, die legendäre Seife  der zwanziger Jahre. Auch wenn sie alle in ihren Anzeigenmotiven ständig variierten, sie veränderten nie auch die scheinbar unwichtigsten Konstanten in ihren werblichen Auftritten. Auch unter diesem Aspekt macht die Kukirol-Kampagne den Eindruck einer Wanderbaustelle, auf der immer wieder Neues ausprobiert wurde - selbst auf die Gefahr hin, bereits erworbenes Vertrauenskapital ungenutzt verfallen zu lassen. So ist zum Beispiel Ende 1924 das stets wiederkehrende Logo samt Hinweis auf die Schutzmarke „Hahnenkopf mit Fuß” - offensichtlich zugunsten des Imperativs „Kukirolen Sie!” - ersatzlos gestrichen worden.

Ein Motiv aus der Elida-Kampagne (1926)

Ein Motiv aus der Elida-Kampagne (1926)

4.) Insgesamt gesehen trug die berühmt-berüchtigste Werbefigur der 20er Jahre alle Kennzeichen eines „verhängnisvollen Jahrmarkt-Stils” (Hans Domizlaff). Einmal die Ressentiment-Trommel angeschlagen gab es für Kukirol von Anfang an nur noch eine Richtung: die Flucht nach vorn, mit einem stets sich steigernden Aufwand an Phantasieeinsatz, in immer spektakulärere, waghalsigere und unglaubwürdigere Kampagnen hinein. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Zusammenbruch dieser Strategie aufgrund von Erschöpfung erfolgen musste. Auf die Dauer kann niemand seine Seriositätsprobleme mit immer neuen Sensationen und Absurditäten kompensieren.

16. “…mit noch nie dagewesenen Texten…”

Selbstverständlich war Iversen selbst in seinem Lehrwerk (2. Buch, S. 57/58) stets des Lobes voll über die Kukirol-Kampagne und pries sie als Musterbeispiel herausragender Reklame: „’Kukirolen Sie!’ Diese freche Benutzung eines Phantasienamens als Grundlage eines Zeitwortes imponierte selbst Gebildeten und wurde infolge steter Wiederholung bald Gemeingut.” Wenig später spricht er sogar vom Durchbruch des “Kukirol-Stils in der Reklame: Als Der, der dies schreibt, die hässlichen Kukirolbilder … mit bisher noch nicht dagewesenen Texten versah, weil es die einzige Möglichkeit war, sie wirksam zu verwerten, und es ein großer Erfolg wurde, erfasste alle Reklamebeflissenen, einerlei, ob sie fähig waren, einen nicht langweiligen Text zu schreiben, oder nicht, der heftige Wunsch, ähnliche Umsatzrekorde zu schaffen.”

Dass der Fall “Kukirol” hingegen eher ein Negativ-Beispiel dessen darstellte, wie man es eben nicht machen sollte, kam bereits in dem oben angeführten Lehrwerk “Erfolgreiche Werbung” von 1935 zur Sprache: “An dem noch nicht allzu weit zurückliegenden geldlichen Zusammenbruch einer bekannten Fabrik für Hühneraugen- und Fußpflegemittel waren zweifellos auch in hohem Maße die Reklameausgaben beteiligt. Es wurde ein wichtiges Grundgesetz der Werbung nicht beachtet, das besagt, dass jede Werbung im richtigen Verhältnis zu der Eigenart des Unternehmens, der Ware und den Absatzmöglichkeiten stehen muss.“

Insofern kann das Urteil über Johannes Iversen als der mit dieser Reklame und ihrem Stil auf Engste verbundenen Person nur so ausfallen: Aus der ersten Generation deutscher Werbefachleute war er der mit Abstand größte Scharlatan, Schaumschläger und Hochstapler seiner Zunft.

Epilog
(von Kurt Tucholsky: Alte Schauspieler, in: Die Weltbühne, 23. März 1926)

„Die Mode von gestern ist lächerlich. Selig, wer das Übermorgen erlebt. Seiner ist das Klassische, ein ewiger Wert ist er geworden, und so geht er ein in die Unsterblichkeit: Fritz v. Unruh, die bekannte Schöpfung des ›Berliner Tageblatts‹; Paul v. Hindenburg, der Vater der Republik; und Kukirol, der Erfinder der schwarzen Füße. Ihrer ist das Himmelreich.”

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Kukirol: Fortsetzung Teil 3

Sonntag, 16. August 2009 15:20

11. Kukirol wirbt - mit Beschimpfungen, Ressentiments und Monströsitäten

Typische Negativ-Kampagne (Januar 1925)

Typische Negativ-Kampagne (Januar 1925)

Lassen wir einige Inserate der Firm Kurt Krisp aus den Jahren 1924 und 1925 Revue passieren: Kukirols wüste Beschimpfungen der Konkurrenz begannen Anfang November 1924. Sie erfolgten in einer Form, die in ihrer Aggressivität bis dahin beispiellos war. Sie richteten sich vor allem gegen den seit 20 Jahren unbestrittenen Marktführer bei den Hühneraugenpflastern „Lebewohl”. Unter der Schlagzeile: „Wer hat sechseckige Hühneraugen?” inspizierte Dr. Unblutig im Januar 1925 in einer Annonce das Konkurrenzprodukt süffisant und machte es in allen seinen Bestandteilen madig, vom „Pflasterkern der Hühneraugenbinde”, der sogar die „gesunden Hautteile” entzünde und „rasende Schmerzen” verursache über „den Filzschutzring”, der den Druck und somit die Schmerzen erhöhe bis hin zum „Heftplasterstreifen”, der sich durch die Fußwärme zusammenrolle und „Nervöse noch nervöser, als sie es schon sind” mache. „Der einzige Vorzug des Konkurrenz-Präparates ist die sechseckige Form des Pflasters. Wenigstens für diejenigen, die sechseckige Hühneraugen haben….”  Iversen, der Werbetexter, war seiner Vitriol-Schreibe treu geblieben und zur Hochform aufgelaufen. Die diskreditierte Konkurrenz wehrte sich - zumindest öffentlich - nicht. Sie tat gut daran und blieb bei ihrer Werbelinie.

Anzeige des "sechseckigen" Konkurrenzprodukts (1926)

Anzeige des "sechseckigen" Konkurrenzprodukts (1926)

Im Februar 1925 kehrte Kukirol resp. Dr. Unblutig zu den Ressentiment-geladenen, ja revanchistischen Affekten, wie sie bereits die Piedecubiste-Annoncen geprägt hatten, zurück. Jetzt inspizierte der Arzt-Gnom eine Einheit der angetretenen Reichswehr: “Rührt euch! Was ich Ihnen mitzuteilen habe, ist als militärisches Geheimnis zu behandeln, sonst könnte es wieder diplomatische Schwierigkeiten geben. Denn bekanntlich hängt die Schlagkraft einer Truppe von ihrer Marschfähigkeit ab. Da nun die Ententekommission in jeder alten Gummiunterunterlage und in jedem Luftkissen eine Gasmaske wittert, besteht die Gefahr, dass sie bei Verwendung der vorzüglichen Kukirol-Präparate bei der Reichswehr eine unzulässige deutsche Rüstungsmaßnahme erblickt und die Zerstörung der Kukirol-Fabrik verlangt. Deshalb rate ich Ihnen: Kukirolen Sie! aber kukirolen Sie heimlich. Die Entente darf nicht wissen, dass der deutsche Soldat keine Hühneraugen und keinen Fußschweiß mehr hat und dass es bei uns kein Wundlaufen der Füße mehr gibt, sonst bekommen es die Sieger wieder mit der Angst…”

Spätestens zur Jahresmitte 1925 konnte keine deutschsprachige Kampagne, noch dazu von einer so kleinen Firma, solch einen Popularitätstriumph feiern wie Kukirol. Offensichtlich bemaß auch Kurt Krisp die Werbewirkung seiner Kampagne am Grad der Publikumsresonanz, die sie erregte. Ihr Unterhaltungswert jedenfalls war unbestritten: diese Anzeigen wurden gelesen. Stets wurde auch daran appelliert, die einzelnen Folgen wie einen Fortsetzungsroman auszuschneiden und aufzubewahren. Und selbst dann, wenn Dr. Unblutig für Monate in der Versenkung verschwand, wurden in der Zwischenzeit Anzeigen mit vergleichbarer Vitriol-Dosis lanciert. Schon im Frühjahr 1924 z.B. eine Serie über „Adolar, den Unbeweibten” mit „sektkorkengroßen” Hühneraugen, wenig später dann „Tante Josephine” („Besitzerin von sechs gut entwickelten hypothekenfreien Hühneraugen, zwei eingewachsenen Nägeln und einer stadtbekannten Warze”), im Frühsommer 1925 schließlich „Bilder zur Zeitgeschichte”, in denen sich Kukirol gar als Kommentator aktueller Finanz-Skandale (Kutisker-Barnat) gerierte. Wenig später gab sich Kukirol sogar als Global Player - als in einer Serie ein alter chinesischer Mandarin auftrat, der die Kolonialpolitik der alten Großmächte China gegenüber scharf kommentierte:

„Seit Jahrzehnten zerbrechen sich unsere uneigennützigen Freunde, die Engländer, unsere edelen Wohltäter, die Amerikaner, die ritterlichen Franzosen und unsere lieben Nachbarn, die Russen, die Köpfe darüber, was zu unserem Wohle noch geschehen könnte. Deutschland, zurzeit machtloseste Großmacht, hat uns kein Ultimatum und keinen Panzerkreuzer geschickt, sondern nur die freundliche Aufforderung: Kukirolen Sie! Von allen Errungenschaften der westlichen Kultur schätzen wir nur das Kukirol…”

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Ein wahres Monströsitätenkabinett führte im Sommer 1925 schließlich die Serie „Eheirrungen in der Tierwelt” vor; anhand skurriler Grafiken wurden die phantastischsten Tierkreuzungen vorgeführt wie das Kamelkrokodil, die Heringskuh oder der Mückenelefant. Der Anzeigentext des letzteren zeigt, welche Verrenkungen der Text unternahm, um von diesem an den Haaren herbeigezogenen Aufhänger zur Produktanpreisung zu gelangen:

„Dem bekannten Afrikaforscher Knatterbull ist es gelungen, in der Nähe des Wendekreises in den Gebieten der Negerstämme der Dämelacks und der Kanaphagen ein bislang unbekanntes Tier zu entdecken und es lebend nach Europa zu bringen: den Mückenelefanten (elephas müccensis Knatterbulli).
Dieses Tier, dessen bizarre Formen dem entzückten Forscherauge so manchen Liebreiz bieten, scheint seine Entstehung dem Umstand zu verdanken, dass die Kanaphagen die Dämelacks unterjocht haben und bestrebt, ihnen das recht fühlbar zu machen. Ihre Medizinmänner verwandeln deshalb jeden Mückenschwarm, den sie im Bereiche der Dämelacks entdecken, durch sogenannten faulen Zauber in eine Elefantenherde und verlangen davon neue Tribute. Durch die oftmalige Wiederholung hat sich dann eine Zwischenform von Mücke und Elefant herausgebildet, dessen Konstruktion, was das Untergestell betrifft, als nicht wohlgelungen bezeichnet werden kann.
Hagenbeck in Hamburg, bei dem das Tier einstweilen verpflegt wird, hat sich deshalb die gesamte Literatur über Kukirol bestellt und im Elefantengehege, wo es untergebracht ist, ein Plakat aufgehängt: Kukirolen Sie!”

Jahrmarktstil ohne Ende: Selbst der Zirkuselephant "kukirolt" (1926)

Jahrmarktstil ohne Ende: Selbst der Zirkuselephant "kukirolt" (1926)

12. Die Welt „kukirolt!”

Noch 1924 hatte es schlicht geheißen „Hühneraugen groß und klein beseitigt Kukirol allein!” bzw. “Hühneraugen klein und groß wirst durch Kukirol du los!” und sich damit nicht im geringsten vom biederen  Merkvers-Stil der Konkurrenz unterschieden - jetzt hieß es imperativisch kurz und knapp: „Kukirolen Sie!”
In der Tat galt dem Laien dieses Kunstwort in zwanziger Jahren bald als das Nonplusultra raffinierter Reklamestrategie. Neben der gezeichneten Figur des Dr. Unblutig wurde es zur zweiten Konstante in den Anzeigenkampagnen von Kurt Krisp. Erstmals tauchte „Kukirolen Sie (auch selbst. Treiben Sie sachgemäße Fußpflege!)” im Dezember 1924 auf, als Dr. Unblutig in einer Werbeanzeige die neue „Kukirol-Weihnachtspackung” anpries, welche im Hinblick auf das herannahende Weihnachtsgeschäft gleich drei Produkte auf einmal bewarb: Fußbad, Streupulver und Hühneraugenpflaster. Zugleich wurde zum Bezug der Broschüre „Die richtige Fußpflege” aufgefordert, dafür aber kein Hinweis mehr auf die Schutzmarke „Hahnenkopf mit Fuß” gebracht wie in den Wochen zuvor. In der Folge-Anzeige fragte Dr. Unblutig die Familie unterm Weihnachtsbaum: „Habt ihr auch brav kukirolt?” Fortan sollte „Kukirolen Sie!”, nun immer auch optisch durch Freistellung hervorgehoben, für den fortgeschrittenen Konsumenten stehen, dem alle drei Krisp-Produkte gleichermaßen vertraut waren.

Wie sehr das Kunstwort „kukirolen” samt dem Bild des gnomenhaften Dr. Unblutig schon 1925 in den Köpfen spukte, dokumentieren diverse Reaktionen - auch aus dem Ausland. Für den Moskauer Regisseur Alexander Tairoff, den Erfinder des „entfesselten Theaters” kam Dr. Unblutig wie gerufen; er verarbeitete dieses Material 1925 zu seiner avantgardistischen Kurikol-Revue. Damit glaubte er dem Moskauer Publikum die Quintessenz dessen, was in Deutschland en vogue war, zu präsentieren. Im August 1925 versuchte der Journalist Paul Morgan ein Interview mit Carl Lämmle, dem deutschstämmigen, in die USA ausgewanderten allmächtigen Präsidenten der Universal Pictures zu machen. Lämmle hielt sich gerade in Karlsbad auf, als es dem Journalisten gelang, sich zu ihm vorzuarbeiten. In der Film-Revue (17. August 1925) stellt Morgan dieses Zusammentreffen so dar: „Laemmle wird gerade pedikürt. “Good Morning, Mister President”, rufe ich verwegen. (Blitzartig durchlief mich einen Hühneraugenblick lang der Gedanke, wieviel wohl von jenem unblutigen Drogisten zu erzielen wäre, wenn ich plötzlich dem Dollarmann zuriefe: Kukirolen Sie!)…” Der Höhepunkt von Dr. Unblutigs Ruhm stellte jedoch zweifellos das Titelbild des Simplicissimus vom 14. Dezember 1925 dar. Als Karikatur traten auf und als „Dr. Blutig” apostrophiert, Benito Mussolini und, als sein Widerpart, der Gnom Dr. Unblutig. Darunter stand als Kommentar schlicht: „Kukolini und Mussirol”. Bis in den Simplicissimus hatte es also Dr. Unblutig gebracht…

Titelbild vom Simplicissimus 14.12.1925

Titelbild vom Simplicissimus 14.12.1925

13. Das Maß ist voll: Demontage in der Fachpresse

Doch die Umsätze der Firma Krisp entsprachen offenbar in keiner Weise dem ohrenbetäubenden Reklamespektakel, das sie entfaltet hatte. Es schien, dass die Firma kurz vor dem Konkurs stand; zahllose Rechnungen bei den Insertionsorganen waren nicht bezahlt worden. Kurt Krisp jedenfalls hatte „Geschäftsaufsicht” beantragt.
Vor diesem Hintergrund erschien Anfang April 1926 in der Fachzeitschrift „Die Reklame” ein Artikel, der gnadenlos mit der bisherigen Kukirol-Reklame abrechnete. Sein Autor Hans Will Hebsacker brachte es auf den Punkt: „Von der Dackelschlange und dem Kamelkrokodil bis zum Minister Stresemann und dem Volkskommissar Radek mußten wir den Kelch der Kukirolreklame kosten. Vom Weiteren (Die Weltreise) ins Engere (Wo bleibst Du, Schatz, fragt er verstohlen? Ich muß erst, sagt sie, kukirolen!) schweifte der neckische Doktor Unblutig, und es gibt wohl keine Sünde wider den guten Geschmack, die der Brave während seines kurzen Erdenwallens nicht verbrochen hätte.
Am betrüblichsten für das deutsche Werbewesen ist aber nicht einmal Herr Doktor Unblutig selbst, der wenigstens ein Original darstellt, als vielmehr die Seuche, die er - fortzeugend - in Deutschland verbreitete. Jede bessere Firma der Markenartikelbranche versuchte, Herrn Krisp zu imitieren oder nach Möglichkeit zu übertrumpfen… Es soll nicht geleugnet werden, daß die Kukirolfabrik zu Anfang mit ihrer Reklame Erfolg hatte. Warum? Die Sache war neu, das Publikum, auch das „bessere”, reagierte lebhaft auf starke Reize, was mit der geistigen Einstellung der Bevölkerung zusammenhing, die Krieg, Revolution und Inflation durchgemacht hatte.
Auf einen Kardinalfehler der Kukirolreklame habe ich schon in einem früheren Aufsatz hingewiesen. Es war der ‚falsche Ton’, auf den die ganze Werbung Krisps gestimmt war, das Ressentiment und das allzu Volkstümliche, man kann schon sagen Gewöhnliche (im schlechten Sinn). Herr Doktor Unblutig hat von Anfang an zu laut geschrien, da mag es nicht verwunderlich erscheinen, wenn ihm zuletzt die Puste ausging.”

14. Totgesagte leben länger

Offenbar gelang es doch noch, die Firma vor dem Konkurs zu retten. Im November 1926 jedenfalls taucht Dr. Unblutig in den Anzeigenspalten nach längerer Abwesenheit wieder auf - und kann sich natürlich nicht versagen, seinen eilfertigen Grabrednern eine lange Nase zu drehen unter der fetten Schlagzeile: „Dr. Unblutig lebt!” Im Hintergrund sieht das Publikum einen frustrierten Sensenmann davonschleichen. Nur „die mörderische Wirtschaftsgrippe” sei schuld an seinem Schwächeanfall gewesen. Und nun dreht Dr. Unblutig in altbekannter Manier wieder auf: „Da stand er vor mir, der knöcherne Lebensfadenabschneidergehilfe, und tanzte vor Freude wie wild einen Charleston… Gewiss, etwas unpässlich bin ich vorübergehend gewesen, aber keineswegs lebensgefährlich erkrankt… Der aber meinte, dass er das besser wissen müsste. Mein Lebenslicht wäre am Erlöschen. Als ich ihm das ausreden wollte, nahm er mich an der Hand und führte mich in den großen Saal, in dem unendlich viele Lebenslichter brennen. Als uns beide dort der Tod selbst sah, schüttelte er missbilligend den Kopf und sagte zu seinem Gehilfen: ‚Das hast du falsch gemacht. Sieh hier den Stein des Lichtes!’ und er wies dabei auf den funkelnden Stein, der wie hunderttausend Lichter strahlte: „Das ist der Kukirol. Der wird nie erlöschen, weil es immer Menschen geben wird, die an Hühneraugen, Hornhaut, Fußschmerzen und an kalten und nassen Füßen leiden…”

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Dr. Unblutig lebt... im November 1926

Damit war Dr. Unblutig offenbar in seine mystisch-weltanschauliche Phase eingeschwenkt; Ende Mai 1927 erreichte er spielend den Gipfel der Geschmacklosigkeiten: “Wenn die vielen, vielen Millionen Hühneraugen auf einen Lagerplatz zusammengetragen würden, die infolge meiner guten Ratschläge durch das vielmillionenfach bewährte, noch nie übertroffene Kukirol-Hühneraugen-Pflaster schmerzlos in wenigen Tagen beseitigt worden sind, so könnte man zu ihrer industriellen Verwertung eine große Fabrik daneben bauen. Und wenn alle Schmerzen, die durch das Kukirol schon gestillt worden sind, zu einem großen Schmerze zusammengefasst werden würden, so würde das Weltall aufheulen: Kukirolen Sie!

Das Weltall heult auf...

Das Weltall heult auf...

Und wieder wurde Dr. Unblutig zu Grabe getragen. Diesmal von keinem Geringeren als Carl Zuckmayer, der ihm - ebenfalls in „Die Reklame” - Ende April 1928 ein Epitaph widmete:

O Jammer, dass er nicht mehr lebt!
Ich habe zwar niemals Hühneraugen besessen,
doch jahrelang danach gestrebt,
so lang er wirkte unvergessen.

Ein Volk in Hühneraugen statt in Waffen,
den großen Fuß ins herbe Joch gezwängt.
Er hätte Deutschlands Sohle neu geschaffen:
Zu spät, zu spät!
Der Tod, ein Judensöldling, hat auch ihn verdrängt.

Und wieder erhob sich Dr. Unblutig von seinem Sterbebett, diesmal freilich nur noch als matter Schatten seines einstigen, von übersprudelnder Phantasie und Energie strotzenden Selbst. Die 1929 noch geschalteten Anzeigen boten nämlich keine neuen Geschichten mehr: Sie wiederholten exakt dieselben Motive, die schon vier Jahre zuvor, nämlich 1925, in der Presse zu lesen gewesen waren. Dr. Unblutig war endgültig „die Puste ausgegangen”.

Hühneraugen-Notfall für Dr. Unblutig (1925, 1929 wiederholt)

Hühneraugen-Notfall für Dr. Unblutig (1925, 1929 wiederholt)

Seine Spur verlor sich in den Wirren der Weltwirtschaftskrise. Nicht einmal das Kunstwort „kukirolen” blieb, im Gegensatz zum ebenfalls nur durch eine Werbekampagne geprägten „einwecken” (von Hanns W. Brose 1940 erfundenes Kunstwort für das Einmachen ausschließlich mit Produkten der Firma „Weck), im sozialen Gedächtnis haften.

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Kukirol: Fortsetzung Teil 2

Sonntag, 16. August 2009 15:18

7. Hühneraugenmittel-Produzent findet Hühneraugenbeseitigungs-Texter

Wie Iversen auf dem Gebiet des Werbe-Unterrichts ein Newcomer war, so war es auch ein gewisser Kurt Krisp (1893-1971). Von Haus aus Drogist, hatte dieser im Mai 1919 in Magdeburg eine Fußpflege-Spezial-Firma unter dem Namen Kukirol gegründet. 1922 verlegte Krisp den Firmensitz nach Groß Salze wenige Kilometer außerhalb von Magdeburg. Spätestens zu dieser Zeit muss es zu einer intensiven und über Jahre hin andauernden Zusammenarbeit zwischen Johannes Iversen und Kurt Krisp gekommen sein.

Werbeblatt für ALMA-Hühneraugenringe (ca. 1905)

Werbeblatt für ALMA-Hühneraugenringe (ca. 1905)

Eigentlich war der Markt für Fußpflege-Produkte seit Jahrzehnten verteilt. Das älteste Hühneraugenmittel am Markt waren die schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts eingeführten „Alma”-Hühneraugenringe der Firma Ed. Müller aus Klingenthal. Marktführer war das seit 1905 bekannte und noch heute erhältliche Präparat „Lebewohl”. Daneben gab es noch Saxol aus der Jehnolfabrik Zwickau sowie Leybolds Hühneraugenpflaster, das Krudox-Hühneraugenbad, aber auch Privatanbieter wie einen gewissen Hühneraugenoperateur Paul Höhne. Von Anfang an verhielt sich der Neueindringling Kukirol am Hühneraugenmittelmarkt ungewöhnlich aggressiv - dank Iversens vitriol-getränkten Werbetexten.

Seite aus einem "Lebewohl"-Werbe-Bilderbuch (50er Jahre)

Seite aus einem "Lebewohl"-Werbe-Bilderbuch (30er Jahre)

7. RRRREKLAAAAAME

An Aufstieg und Niedergang von Kukirol lässt sich en Detail nachvollziehen, was Reklame in den zwanziger Jahren ausmachte. Schon im Frühjahr 1923 gelang es Iversen, für seinen Kunden Kurt Krisp allein über das Mittel der Zeitungsannonce ein Reklamespektakel zu entfalten, das allerorts zum Tagesgespräch wurde. Die von Iversen geschriebenen Anzeigen erregten seinerzeit ähnlich viel Aufsehen wie die Benetton-Kampagnen vor einigen Jahren. Aufgebaut waren sie wie kleine Fortsetzungsromane, die in Serien daherkamen und unter verschiedenen Themen wie „Frau Schnatterich spricht…“, „Sport und Fußpflege”, „Die Ereignisse in China” oder „Eheirrungen in der Tierwelt” daherkamen. Den Anfang dieser Reklamekampagne machte eine Figur mit geradezu romanhaften Zügen. Sie stand in vielerlei Beziehung zu Iversens eigenem Lebenslauf: ein gewisser Monsieur Piedecubiste (zu deutsch: Kubikfuß, mithin durch gewaltige Hühneraugen verunstaltet). Dieser von seinem Ziehvater „Valutaprolet” genannte Typ der Zeitgeschichte trat in 14 Folgen ab Februar 1923 in der Tagespresse auf. Mit dem Stil dieser Anzeigen schuf sich Iversen unübersehbar sein Markenzeichen als Werbetexter. So viel Politik hatte es in den Anzeigenspalten bis dahin noch nicht gegeben. Stets bedienten sie das Ressentiment der Masse, waren Boulevard-Journalismus in Anzeigenform, die auf ihre Weise die in der Bevölkerung verbreitete Entrüstung über die im Januar 1923 erfolgte Ruhrbestzung durch belgisch-französische Truppen zur Sprache brachten. In der ersten Folge („Aufheben! Fortsetzung folgt!”) wurde der Valutaprolet (d. i.  der Typ des durch den Versailler Vertrag allein durch seine Staatszugehörigkeit gewordene Kriegsgewinnler) so vorgestellt:

„Wir haben das zweifelhafte Vergnügen vorzustellen: Herrn Piedecubiste aus Antwerpen. Er ist in seiner Heimat Empfangschef, Hausdiener und Zimmerkellner in einem Schiffergasthof vierten Ranges; in Berlin aber ist er, mit den Trinkgeldern eines Monats in der Tasche, valutastarker Ausländer und benimmt sich auch so. - Er hat sich vorgenommen, so viel billige deutsche Ware einzukaufen, dass er Reise und Aufenthalt kostenlos hat und noch 100% Profit dabei macht. - Er hat viel von der ausgezeichneten Wirkung des millionenfach bewährten Hühneraugenmittels Kukirol und des Kukirol-Fußbades gehört, und da es gleich gute Präparate im gesamten Ausland nicht gibt, kauft er in allen Apotheken und Drogerien zusammen, soviel er davon erwischen kann. -
Eine freundliche Dame, die er in vorgerückter Stunde in der Friedrichstraße kennenlernt, und die ihm geheimnisvolle Andeutungen über ihre Herstammung aus einer ehemals sehr vornehmen Familie macht, erklärt ihm die Gebrauchsanweisung: Man nimmt ein Kukirol-Fußbad (was ein Fußbad ist, musste sie ihm besonders erklären), bedeckt dann das Hühnerauge mit dem Kukirol-Pflaster, und in einigen Tagen ist es schmerzlos, restlos entfernt. - Kukirol wird hergestellt in der Kukirol-Fabrik Groß-Salze bei Magdeburg.”

8. Werbeanzeige mit Polit-Appeal

So weit war in einer Annonce noch niemand zuvor gegangen. Die Folge war eine starke Polarisierung bei den Lesern: über die Anzeigenserie wurde heftigst gestritten. Der extrem negativ gezeichnete Zeitgenosse Piedecubiste hatte zudem ein Thema in die Öffentlichkeit getragen, über das man bislang nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt hatte. Damit waren Gespräche über Hühneraugen und/oder Schweißfüße als Gesprächsgegenstand offenbar gesellschaftsfähig geworden.

In der 14. und letzten Folge seines „Valutaproleten” nimmt Iversen Stellung zu dem Medienwirbel, den seine Anzeigenserie verursacht hatte - selbstverständlich wieder in einem Kurzroman:
„Piedecubiste ist glücklich in Antwerpen gelandet und hat inzwischen, wie er uns auf einer Ansichtskarte mitteilte, seinen alten Beruf als Stiefelputzer etc. wieder aufgenommen. Piedecubiste hat sich zwar bereits von den verehrten Lesern verabschiedet, aber er wird heute nochmals, und zwar zum letzten Male, hier vorgeführt. Der Grund hierfür sind die zahlreichen anonymen und nichtanonymen, blöden und gescheiten Zuschriften, die er veranlaßt hat. Aus diesen Zuschriften geht hervor, daß die große Mehrzahl der Schreiber die Tendenz, welche diese Anzeigenfolge neben der Reklame für Kukirol zum Ausdruck brachte, ganz richtig verstanden und, soweit sie sich nicht selbst getroffen fühlten, oder in Konkurrenzfabrikaten reisen, gebilligt hat. Denen aber, die sie nicht verstanden haben, möchten wir empfehlen, jetzt noch einmal sämtliche Anzeigen im Zusammenhang durchzulesen. Sie werden dann finden, daß von einer „frivolen Benutzung unseres nationalen Unglücks zu Reklamezwecken” gar keine Rede sein kann, sondern daß im Gegenteil die Ursachen, die uns hindern, aus diesem Elend herauszukommen, die geistige Beschränktheit, die Ausländerverhimmelung, die Sucht nach mühelosem Erwerb, Oberflächlichkeit, Putzsucht und alles, was damit zusammenhängt, an den Pranger gestellt wurden, so gut sich das machen ließ, ohne dem eigentlichen Zweck der Reklame Abbruch zu tun. Es haben sich z. B. einige gute Leute darüber aufgeregt, daß gewisse Typen des Berliner Nachtlebens vorgeführt wurden. Aber, verehrte Herrschaften, es läßt sich doch nicht leugnen, daß diese Typen vorhanden sind, und statt sich darüber aufzuregen, daß diese mit der Lauge des Spotts betröpfelt werden, sollten Sie doch lieber dafür sorgen, daß sie keine Typen bleiben, sondern ekelhafte Ausnahmen werden! Der Verfasser der Texte ist ein gut deutscher Mann. Das haben besonders diejenigen herausgefunden, die ihm „Ausländerhetze” zum Vorwurf machten. Ach nein, gegen Ausländer im allgemeinen wurde nicht gehetzt, sondern verächtlicher Typ vorgeführt, eben der „Valutaprolet”. Andererseits wurde uns sogar der Vorwurf gemacht, dass durch diese Anzeigen ein Export unserer Fabrikate nach Belgien in die Wege geleitet werden sollte. Solche Dummheit müßte eigentlich besteuert werden. Wir lehnen jedes Geschäft mit Belgiern und Franzosen ab! Erstens entspräche eine solche Verbindung nicht der Gesinnung des Inhabers unserer Firma, welcher Poincaré und Genossen auf jeder Zehe ein Hühnerauge wünscht, das bis an die Nasenlöcher reicht, damit sie kein Kukirol brauchten, sondern es abkauen könnten. Zweitens haben wir eine solche Verbindung nicht nötig, denn in Deutschland und im neutralen Auslande wird Kukirol als bestes Hühneraugenmittel so stark gekauft, dass wir uns nicht unseren Feinden anzubiedern brauchen. Wir überlassen das gern anderen. Kukirol entfernt jedes Hühnerauge in wenigen Tagen….” (alle 14 Texte des Valuta-Proleten gibts hier.)

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

9. Dr. Unblutig betritt die Reklamebühne

Doch Kubikfuß alias Piedecubiste war nur Iversens erster Kukirol-Streich. Der zweite war die (gemeinsam mit Kurt Krisp?) Erfindung der Werbefigur eines gewissen Doktor Unblutig. In den Jahren 1923 bis 1929 machte dieser gnomenhafte Medizin-Kobold Furore. Werbefiguren waren keineswegs neu. Um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen: den für Schokolade werbenden Rüger Hansi gab es seit 1895, den Sarotti-Mohren seit 1916. Im Gegensatz zu ihnen besaß Doktor Unblutig jedoch von Anfang an den zweifelhaften Charme eines Comic-Charakters. Das eröffnete der Figur allerdings eigene Möglichkeiten. Gezeichnet hatte sie Joe Loewenstein (Joe Loe), der als Grafiker für besonders humorvolle Entwürfe (z.B. für den Fön oder die Salamander-Schuhe) in Fachkreisen bekannt geworden war und auch schon die Illustrations-Vignetten für Piedecubiste geliefert hatte. Doktor Unblutig trat sowohl in Farbe (etwa auf Schaufenster-Plakaten) wie auch als schwarz-weißer Serienheld in der Tagespresse auf. Als Hühneraugenkapazität besaß der hässliche kleine „Arzt voll Witz und Humor” einen Röntgenblick für das besagte Fußübel.

In der zweiten Juniwoche 1923 betrat dieser Dr. Unblutig als “Professor der Kukirologie” erstmals die Werbebühne. Es war der Auftakt für eine jeweils in den Wochenend-Ausgaben der Tageszeitungen geschaltete Serie “In Dr. Unblutigs Sprechstunde”. In ihr erhielt der Leser Einblick in die Leidensgeschichten verschiedener Patienten, deren Hühneraugenprobleme Dr. Unblutig, mit forschen bis unverschämten Sprüchen kommentierend, mithilfe des beworbenen Präparats kurierte. Am 15. Juli empfahl er einem Patienten: “Aber lieber Freund! Wenn man solche Hühneraugen operieren wollte, so brauchte man Säge und Meißel. Das sind ja keine Hühneraugen mehr, sondern schon eher Telephonglocken. Da könnten Sie eine GmbH zur Verarbeitung von Horn drauf gründen..” Oder am 22. Juli einer jungen Dame: “Aha, da haben wir den sogenannten Pflanzentyp, oben Kokainaugen, unten Hühneraugen, oder – oben hui und unten pfui, wie der Dichter sagt, mit der Schlange des Paradieses im Hintergrunde, wenn es nicht etwa ein Strumpf ist. Aber, schönes Fräulein, dieses kleine Hühnerauge, das Sie da an der kleinen Zehe Ihres kleinen Fußes haben, behandeln wir nicht mit Salvarsan, sondern…”

Launige Verse über Hühneraugenträger

Launige Verse über Hühneraugenträger

Ein halbes Jahr später traten die in den Anzeigen vorgestellten Patienten-Typen auf einem Werbeblatt noch einmal en bloc auf, wobei ihr jeweiliges Fußübel diesmal in einem launigen Vierzeiler (wofür ein anderer Texter als Iversen beauftragt wurde) abgehandelt wurde:

Herr Ober? Sieh da! Wir kennen uns wohl!
Mein Rumpsteak war neulich sehr zäh.
Präparieren Sie den Fuß mit Kukirol,
Ihre Rumsteaks gleichfalls. Ade!..

Hutmacherin sind sie? Freut mich sehr!
Ich vertreibe das Zeug ohne Schnitt.
Vielleicht garnieren Sie dann hinterher
Einen Florentiner damit…

Ihre Hühneraugen sind kolossal,
Frau Raffke, und dabei voll Reiz.
Warum verschiebt denn der Herr Gemahl
Die Knollen nicht nach der Schweiz?..

Wie mag dieses Sich-lustig-Machen über die Gebrechen seiner Patienten beim Publikum angekommen sein? War dieses Zerrbild eines Arztes - noch dazu in einer gnomenhaften Comic-Version - dazu angetan, Vertrauen zum beworbenen Produkt zu erwecken? Mochten diejenigen, die an Hühneraugen litten, diesen „Witz” und „Humor” auf ihre Kosten so sehr goutieren, dass sie das so beworbene Produkt auch noch kauften?

10. Anzeigen sammelnd ein Schwein gewinnen

Natürlich fragten sich die Leser, warum in jeder Anzeige die Aufforderung ausgesprochen wurde: “Aufheben, Fortsetzung folgt!”. Der damit verfolgte Hintersinn offenbarte sich ihnen in der zweiten Augustwoche 1923, als Dr. Unblutig ein “nahrhaftes Preisausschreiben” aussetzte mit einem “lebenden, fetten Schwein” im “Gewicht von drei Zentnern” als erstem Preis. Der Hauptgewinn werde “von einem Prokuristen der Kukirol-Fabrik in der Nähe des Wohnortes des Gewinners eingekauft, wobei der Gewinner zugegen sein kann. Das Schwein wird dem Gewinner an seinem Wohnort persönlich gegen Quittung übergeben. Die Transportkosten trägt selbstverständlich die Kukirol-Fabrik.”

Mit Doktor Unblutig ein Schwein gewinnen. Preisausschreiben 1923

Mit Doktor Unblutig ein Schwein gewinnen. Preisausschreiben August 1923 (Quelle: Werbarium der 20er Jahre)

Als weitere Preise winkten, neben Schinken- und Dauerwurstpaketen, auch Gänse, Hasen und Hühner. Beteiligen daran könne sich jeder, “der die bisher in den Tageszeitungen erschienenen Anzeigen „In Dr. Unblutigs Sprechstunde” und die noch folgenden Inserate einsende. “Bedingung ist, dass die Inserate mit den verschiedenen Bildern und Texten, die sämtlich aus der gleichen Zeitung entnommen sein müssen, portofrei mit genauer Adresse, die Vornamen, Zunamen und Beruf enthalten und mit Tinte geschrieben sein muss, eingesandt werden”. Außerdem solle jeder Preisbewerber “1. auf einem 2-seitigen Bogen mit ungefähr 5 Zeilen kurz seine Ansicht über die millionenfach bewährten Weltartikel Kukirol-Hühneraugenpflaster und Kukirol-Fußbad niederschreiben. 2. mit einem beliebigen Bekannten über die Kukirol-Fabrikate und Kukirol-Reklame sprechen und dessen Name, Beruf und genaue Adresse auf dem gleichen Bogen niederschreiben. Außerdem soll noch kurz und ungeschminkt geschrieben werden, was dieser Bekannte über das in sehr vielen Millionen Fällen bewährte Kukirol-Fußbad und ferner, was dieser über die Kukirol-Reklame gesagt hat. Es hat also jeder Bewerber die Ausschnitte aller erschienenen und noch erscheinenden Unblutig-Inserate und den Bogen mit den Niederschriften an die untenstehende Adresse portofrei einzusenden.”

Was von den Einsendern an Offenbarung verlangt wurde, war nicht eben wenig und kann als früher Versuch einer Marktdurchleuchtung gewertet werden, Verbraucheradressen und -informationen zu erhalten und nebenbei noch eine Sammlung von Werbeargumenten und Lobsprüchen für weitere Anzeigen anzulegen. Doch die Aussicht, in den Monaten der Hyperinflation das tägliche karge Kohlgericht durch eine Fleischeinlage aufzubessern, mag viele Leser zum Sammeln und Einsenden der Kukirol-Anzeigen getrieben haben.

In den folgenden Jahren probierte die Firma Krisp mithilfe der Dr. Unblutig-Figur fast alles aus, was auf dem Sektor der Reklame möglich war. Unerschöpflich erschien das Reservoir sensationeller Ideen und atemberaubender Kampagnen, mit denen er an die Öffentlichkeit trat. Es gab ihn als Zeitungsanzeige und Pappaufsteller, als Ratgeber in Werbebroschüren und es gab ihn - ab 1925 - sogar real. Von seiner Physiognomie her an die gezeichnete Figur erinnernd, wurde ein Arzt (mit bürgerlichem Namen Paul Wasciewitz) engagiert, der mit der „Weltreisevilla” des Dr. Unblutig (einem umgebauten Omnisbus) auf reichsweite Promotion-Tour ging: bis hin nach Ostpreußen und immer einmal wieder mit einer Dame zur Musik des “Kukirol-Walzers” (Komponist: Arthur Walther) ein Tänzchen wagend  (letztere Angaben nach E. Scherf: Kukirol - Eine Karriere vom Drogisten zum Fabrikanten mit Weltruf, in: aus der Historie Schönebecks, 9/2006). Im Bus waren, neben einem Promotionsraum mit Werbematerial auch ein Behandlungszimmer und ein Bad eingebaut.

Die Weltreiseville mit dem realen Dr. Unblutig (1926)

Die "Weltreisevilla" mit dem realen Dr. Unblutig (1926)

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Kukirol: Fortsetzung Teil 1

Sonntag, 16. August 2009 15:15

Was Hans Domizlaff (1892 - 1971) hier im 2. Band seiner “Gewinnung des öffentlichen Vertrauens. Ein Lehrbuch der Markentechnik” (Hamburg 1941) beschreibt, charakterisiert das Erscheinungsbild der Reklame in den zwanziger Jahren treffend. Nicht allein ihre Präsenz im öffentlichen Raum, ob durch Leuchtreklamen, Litfasssäulen oder Verkehrsmittelwerbung nahm in atemberaubenden Tempo zu, auch völlig neue Techniken wir Radiowerbung, farbige Kinofilme, Werbemobile oder Himmelsschrift-Flugnummern wurden nun wie selbstverständlich in ihren Dienst gestellt. Es waren Jahre außerordentlich heftig explodierenden Reklamerummels.

2. Werbefachleute nachgefragt

Natürlich waren nun auch Werbefachleute und -berater gefragt, nicht nur Gebrauchsgrafiker wie vor dem Ersten Weltkrieg. Der erste, der ein entsprechendes Nachschlagewerk auf den Markt brachte, das zugleich als Selbstdarstellungsforum einer ganzen Berufssparte diente, war der Wiener Verleger J. J. Kaindl. Ab 1919 brachte er mehrere Bände zu diversen Facetten der Reklame heraus, 1921 auch „Biographien von verschiedenen Werbefachleuten”, 1928 Bücher und Schriften über Reklame, Plakatkunst, Zeitungswesen, Geschäftsorganisation. Darin trat auch ein gewisser Johannes Iversen auf, der sich mit folgenden Sätzen empfahl:

„Geb. 31. März 1865 in Sommeritz S.-A. (Familie stammt aus Nordschleswig), sechsklassige Volksschule, 1 Jahr Lehrzeit beim Vater als Gärtner, 3 Jahre Lehrzeit als Fleischer, als Handwerksbursche kreuz und quer durch Deutschland. 1885 erste schriftstellerische Versuche, im Jahre 1887/88 Militärzeit, dann Redakteur einer Fachzeitung in Leipzig, später Verleger einer solchen in Hamburg. Schrieb seine Artikel mit Vitriol, infolgedessen Konflikte mit der irdischen Gerechtigkeit. Entzog sich den Huldigungen der Staatsanwaltschaft durch Abreise nach Schweden, hauste dort ein halbes Jahr unter Fischern, dann nach Kopenhagen.
Begründete kleinen Handel mit Gasglühlicht, dann Geschäftsführer der Anzeigenabteilung vom Illustrierten Familien-Journal. Erhöhte dem Umsatz auf das achtzehnfache ohne Vergrößerung des Anzeigenteils. 1901 Begnadigung durch den Hamburger Senat infolge Fürsprache des Kaisers. Rückkehr nach Deutschland. Zunächst bei Scherl, dann bei Anhalt in Kolberg tätig, später im Huckschen Zeitungskonzern usw. Danziger Neueste Nachrichten und Bayrische Zeitung. Seit 1908 freier Werbeberater, half große interessante Konkurrenzkämpfe durchfechten. Wohnsitz abwechselnd München und Jagdhaus in Tirol. 1913 Reise nach Marokko, wo ältester Sohn im Dienste der Mannesmann-Kompagnie verstorben war. 1914 Kriegsfreiwilliger, von der Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes für besondere Aufgaben reklamiert, Tätigkeit in Berlin, Bukarest, Brüssel, Bern, Kopenhagen, Stockholm usw., als politischer Agent für Deutschland und Österreich, diplomatischer Kurier und Verbindungsmann mit der ausländischen Presse. Nebenbei ein bisschen freiwillige Arbeit für den Generalstab. 1917 Austritt aus diesem ehrenamtlichen Dienste (wegen Überfluss an Geldmangel), Vorarbeiten für den „Deutschen Werbeunterricht”, dessen Gründung 1919 mit 10.000 gepumpten Papiermark erfolgte. Gleichzeitig Wiederaufnahme der Werbeberatung. 1922 Angliederung des Athenäums, später Umwandlung des Unternehmens in „Vereinigte Füssener Lehranstalten für brieflichen Unterricht G.m.b.H”. Außerdem Erwerb größeren Grundbesitzes (5 Häuser, Wald, Torfmoore usw.). Ständiger Berater einer Reihe großer Firmen, Spezialkenntnisse in Medizin, Zeitungswesen, Landwirtschaft, Lebensmittelbranchen u.a.m. Liebhabereien: Jagd, Politik, alpines Wandern.”

Johannes Iversen 1928

Johannes Iversen 1928


Was ist von jemandem zu halten, der schon weit in seinen Fünfzigern stehend es für nötig erachtete, sich so zu präsentieren? Dass der Mann herumgekommen war und über reichliche Lebenserfahrung verfügte, konnte man ihm abnehmen, andere Angaben, zumal wenn sie vielsagend im Halbdunkel blieben („Konflikte mit der irdischen Gerechtigkeit…”; „ entzog sich den Huldigungen der Staatsanwaltschaft”; „politischer Agent für Deutschland…”; „freiwillige Arbeit für Generalstab”), ließen ihn eher als schillernde Figur, als Hasardeur und Großsprecher erscheinen. Konnte so einer vertrauenswürdig sein?

Die Vermutung, dass Iversens Ausführungen einer näheren Überprüfung nicht standhalten können, erhärtet sich schnell, wenn man Gegenüberlieferungen befragt. Es verdichtet sich der Eindruck, dass er seinen Mund nicht nur gern voll nahm, sondern sich sogar mit fremden Federn schmückte, wenn es ihm geboten erschien. So werden auf der Homepage des noch heute bestehenden Iversen-Instituts in München die Großtaten des Namensgebers  gepriesen:  „Typisch Iversen - immer eine besondere Idee. 1914 ging er als Freiwilliger in den ersten Weltkrieg und bekam schon bald - wohl aufgrund seines Rufes - ein Telegramm des Außenministeriums: Darin rief man ihn nach Berlin, damit er auf dem Balkan die Gegenpropaganda gegen England übernehme. Als er sah, mit welcher Macht die Engländer gegen Deutschland agierten, hatte er eine geniale Idee: Er kaufte - zu Höchstpreisen, versteht sich - die gesamte Druckerschwärze auf dem Balkan auf!” Und weiter heißt es: „Ludwig Roselius, Kommerzialrat, Gründer und Inhaber der Kaffee Hag AG, bewegte Johannes Iversen, den er als hervorragenden Texter für seinen Kaffee schätzte, 1918 zur Gründung eines Fernunterrichts….”

Dass in diesem Zusammenhang der Name des Kaffee-Hag-Erfinders Ludwig Roselius fällt, kommt nicht von ungefähr. Im Jahre 1924 widmete Alfred Faust, ein enger Freund von Roselius, diesem anlässlich seines 50. Geburtstags eine kleine, in nur 150 Exemplaren gedruckte Schrift. Darin heißt es (S. 19) über Roselius, dem vom Auswärtigen Amt aufgrund seines Rufes, ein PR-Talents zu sein, die prodeutsche und antienglische Propaganda auf dem Balkan, insbesondere in Bulgarien, übertragen worden war: „Um die bulgarische Öffentlichkeit durch die Presse deutschfreundlich zu stimmen, entwickelte Roselius eine ungewöhnliche Taktik: Im Gegensatz zu der üblichen Vorgehensweise von Diplomaten, die Presse durch Bestechung oder Lancierung von kostspieligen Artikeln in ihren Dienst zu stellen, kaufte Roselius ‚die gesamte Druckerschwärze des Landes auf und gab das unentbehrliche Schwarz nur an die Zeitungen ab, die deutschfreundlich schrieben oder zu schreiben sich verpflichteten’”. Nicht Iversen also, sondern Roselius hatte die “geniale” Idee…

3. Mit „Wissenschaft” an die Fleischtöpfe

Gleichviel, wenn einer in Iversens Alter (53 Jahre) nach dem verlorenen Krieg 1918 noch zu etwas kommen wollte, dann musste es sehr schnell und mit durchschlagenden Erfolg geschehen. Seit eh und je werben Werbefachleute und solche, die es werden wollen, zuerst und zunächst einmal für sich selbst. Es versteht sich ebenfalls von selbst, dass sie sich als diejenigen anpreisen, welche die Kunst zu werben nachgerade erfunden haben wollen. Auch Iversen machte hier keine Ausnahme. Das probateste Mittel sich als Spezialist zu positionieren, ist eine möglichst Aufsehen erregende Publikation unter eigenem Namen. In Iversens Fall war es der von ihm selbst so benannte „Deutsche Werbe-Unterricht”. Diesen Fernlehrgang in zwölf Lektionen verschickte er unter anderem auch an Kurt Tucholsky. „In seinen Grundzügen” so ließ er im Begleitbrief an den Schriftsteller verlauten, habe er seinen Werbe-Unterricht bereits „im April 1919 während der Räterepublik in München ausgearbeitet, täglich der Verhaftung durch das damals herrschende Heldengesindel gewärtig”.

Der „deutsche Werbe-Unterricht” sollte jedermann in kürzester Zeit zu einem tüchtigen Reklamefachmann ausbilden. In seinen zwölf Heften vermittelte er praktische Unterweisung zu Anzeigensatz, Satztechnik und Wirkungsbeurteilung von Schriftgrößen (1. Buch), Verfassen wirksamer Anzeigentexte (2. Buch), Übungen zur Beurteilung des Insertionswerts von Zeitungen, Reklamebroschüren, Katalogen, Briefbögen usw. (3. Buch), Anleitung zum Abfassen von Werbebriefen, Plakaten, Affichen (4. Buch), Einführung in die „Propaganda” des Lokal- (5. Buch) und Versandgeschäftes (6. Buch), dem werbestrategischen Aufbau eines Markenartikels  (7. Buch) bis hin zur Eigenwerbung („Propaganda”) der Zeitungs- und Zeitschriftenkonzerne (12. Buch).

Bescheidenerer Auftritt der 2. Auflage - Abschied von den allzu großspurigen "vereinigten Füssener Lehranstalten" (s.o.)

Iversens Deutscher-Werbeunterricht (1919/20)

Selbstverständlich suggerierte Iversen, sein Werk sei eine absolute Novität - was so natürlich keinerlei Prüfung standhielt. Bereits 1908 hatte Richard Kropeit seine deutsche Reklame-Schule in zwei Bänden (und 50 Lektionen) herausgebracht.

Schmutztitel von Richard Kropeits Reklameschule

Schmutztitel von Richard Kropeits Reklameschule 1908

Auch Johannes Weidenmüller (1881-1936), der an der Leipziger Handelshochschule unterrichtete, hatte von 1908 ab nicht nur seine monatlich erscheinenden “Monatshefte für den Kaufmann”

Weidenmüllers Schulungshefte zur Kundenwerbung

Weidenmüllers Hefte zur Werbeschulung "für den Kaufmann"

vorgelegt, sondern ab 1916 - unter dem Titel “Weidenmüllers Werbe-Unterricht” auch ein siebenteiliges Lehrwerk zum Selbststudium:

Weidenmüllers Werbe-Unterricht (1916-1919)

Weidenmüllers Werbe-Unterricht (1916-1919)

Neu war - mit Einschränkungen - Iversens „Methode” eines Werbefernlehrgangs. In der Tat hat sich diese Idee bis heute erhalten (vgl. Homepage des noch heute bestehenden Iversen-Instituts in Fürstenzell).

Auf der Homepage des Instituts wird ausgeführt, ihr spiritus rector habe sich seinerzeit mit seinem “deutschen Werbe-Unterricht” gegenüber dem “Lehr-Kursus für Reklame” des Dr. Kurt Friedländer durchgesetzt. Auch das scheint eher das Ergebnis Iversenscher Eigenpropaganda zu sein als der Wahrheit zu entsprechen - schon deshalb, weil seine zwölf Hefte bereits 1919/1920 erschienen, die 13 Lektionen Friedländers aber erst zehn Jahre später.

Kurt Friedländers Reklame-Kursus (1929)

Kurt Friedländers Lehr-Kursus für Reklame (1929 ff.)

Von einer unmittelbaren Konkurrenzsituation kann also nicht die Rede sein. Legt man beide Lehrwerke nebeneinander, springt die deutlich modernere Anmutung des Friedländer-Lehrwerks schon optisch in die Augen. Auf fast jeder Seite finden sich Foto-Illustrationen und –beispiele, wogegen Iversens primitiv daherkommende Heftchen – was freilich den ökonomischen Verhältnissen der Inflationsjahre geschuldet war – höchstens Strichzeichnungen boten und schon Mitte der zwanziger Jahre den gestiegenen Ansprüchen bald nicht mehr genügen konnten. Ähnliches galt dies für die dargestellten Inhalte und Themen.

Die mindestens doppelt so seitenstarken Hefte Friedländers beschäftigten sich ausgiebig mit neuen Werbemitteln und –methoden wie farbigen Kinofilmen, Leuchtreklamen, Radio- und Verkehrsmittelwerbungen, Luftbuchstaben usw. – was bei Iversen noch nicht einmal im Ansatz ein Thema war. So blieb ihm nur, dagegen zu polemisieren und zu behaupten, Friedländer habe sich an “amerikanischen Vorbildern” orientiert. Auch diese Unterstellung hält keiner Überprüfung stand (Es gilt höchstens für Friedländers Buch “Verkäufer. Firma. Kunde. Wie Amerika Verkaufskunst lehrt”, Berlin 1926, aber nicht für seinen Reklame-Kursus). Immer wieder zitiert Friedländer Kupferberg, und über 90 % seiner Arbeitsbeispiele sind der zeitgenössischen deutschen Werbung entnommen. Dass sein “deutscher Werbe-Unterricht” spätestens Ende der zwanziger Jahre nicht mehr konkurrenzfähig war, konnte Iversen selbst nicht verborgen bleiben – und so verlegte er sich in den dreißiger Jahren auf die Erstellung und Zusendung der sogenannten „Iversen-Drucksachen”.

Iversens (links) und Friedländers Lehrwerk

Aus Iversens (links) und Friedländers (rechts) Lehrwerk

Dessenungeachtet sollte auch Friedländers Lehrwerk kein dauerhafter Erfolg beschieden sein. In den Jahren der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise bestand dafür jahrelang kaum Bedarf, und mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war ein von einem Juden verfasster Reklame-Kursus unerwünscht. Schon 1935 wurde er vom nunmehr stromlinienförmig der NS-Ideologie angepassten Fernlehrgang „Erfolgreiche Werbung!“ (in 14 Lektionen) der Siemens-Studien-Gesellschaft für praktische Psychologie eines Dr. Reis/Dr. Mönkemöller ersetzt: „Was hier gelehrt werden soll, ist ehrliche deutsche Werbung – eine Werbung, die bei unbedingtem Erfolgsstreben die Verantwortung dem Volksganzen gegenüber wahrt.“ (S. 9)

Werbe-Lehrwerk nach NS-Prinzipien (1935)

Werbe-Lehrwerk nach NS-Prinzipien (1935)

4. Tucholsky amüsiert sich sehr

Zurück in die frühen zwanziger Jahre: Da ihm Iversen seine Hefte nun schon einmal zugeschickt hatte, wagte Kurt Tucholsky damit einen Selbstversuch. Das Ergebnis ist in der Weltbühne vom 14. Oktober 1920 unter dem Titel „Ich als Reklamefachmann” nachzulesen. Natürlich fiel es satirisch aus. Besonders angetan war Tucholsky von der Aufgabe Nr. 23 aus dem Zweiten Heft: „Machen Sie ein möglichst vollständiges Verzeichnis solcher Eigenschaften und Stichworte über eine Ware, die Sie kennen, bzw. auf einem Gebiete, welches Sie voll beherrschen. Dieses Verzeichnis ist sehr wertvoll und sollte möglichst vervollständigt werden, denn es dient dazu, die Anzeigen gewissermaßen auszupolstern, sie so zu gestalten, daß sie auf die Phantasie wirken.” Tucholskys Kommentar: „Dazu hat Herr Iversen eine Schlagworttabelle abgedruckt mit vielen anpreisenden Bezeichnungen für Tabak, Zigarren, Tinte, Gemüsepflanzen und Möbel. Ich habe gelernt. Jetzt gehts los.

Politik
Feinste Mischung
Statt tägliches Brot
Saubere reine Züge
Aus feinsten Fetten
Tiefschwarz
Alles auf Nut und Feder gearbeitet…

Theater
Überfettet
Weiche Rundungen
Auf der Zunge zerfließend
Nicht an Kleinigkeiten gespart
Ungeahnte Farbenpracht
Mit Liebe gearbeitet

Das Leben
Havanna braun

Wenn ich so weitermache, werde ich schon nach kurzer Zeit in der Lage sein, Herrn Iversen, Füssen in Bayern, ein schönes Anerkennungsschreiben zu schicken: Ich lese die Hefte, die ich besitze, immer wieder durch und komme erst allmählich hinter all die Feinheiten, die mir beim ersten und zweiten Lesen entgangen sind. Da ist kein Wort zuviel oder zuwenig; jedes hat seine Bedeutung. Die Ankunft eines neuen Heftes erwarte ich mit Ungeduld, und kann ich dasselbe jedermann nur sehr empfehlen.

Hochachtend
Peter Panter,
Schriftstellereibesitzer
mit elektrischem Betrieb.”

5. Werbetexten mit Vitriol

„Vitriol ist die veraltete Bezeichnung für die Salze der Schwefelsäure von zweiwertigen Metallen in der Chemie wie Zink-, Eisen- oder Kupfersulfat. Wegen seiner ätzenden Wirkung wurde es zum Färben und Beizen, zur Holzimprägnierung oder zur Unkrautbekämpfung und Desinfektion verwendet.” (aus: wikipedia)

Besonders stolz und überzeugt war Johannes Iversen von seiner Fähigkeit (nach eigenem Bekunden schrieb er ja „mit Vitriol”, also “ätzend”), einen Werbetext so spannend zu gestalten, dass sich niemand seiner Wirkung entziehen konnte. Indessen: Dass Iversen so viel auf das Medium Anzeige gab, belegt, wie sehr er, der immerhin 35 Jahre seines Lebens noch im 19. Jahrhundert zugebracht hatte, dem zu dieser Zeit alles beherrschenden Print-Medium verpflichtet war. Damit blieb der Anzeigenmann Iversen Kind seiner Epoche, nämlich der Annoncenexpeditionen. Für die mit Macht sich jetzt hervordrängenden neuen Medien wie Werbefilm oder Radio hatte er noch keinen Sinn.

Welchen Erfolg hatte Iversen mit seinem Deutschen Werbe-Unterricht? Welche und wie viele Kunden er damit gewann, ist nur noch unvollständig zu rekonstruieren. Wenn er bestimmte Anzeigen in seinem Lehrwerk als musterhaft und nachahmenswert lobte, so stammten sie selbstverständlich aus seiner eigenen Werbepraxis. Aus Rücksicht auf diese Geschäftsbeziehung nannte er freilich etliche seiner Kunden nicht mit ihren wahren Namen, sondern setzte in diesen Fällen in das jeweilige Anzeigenbeispiel einen der üblichen Allerweltsnamen wie Schmidt, Meyer oder Müller ein. Dass Iversen intensiv Werbung für Zigarren und für den Tabakversandhandel gemacht hat, muss - bei einem so starken Raucher - als sicher gelten. Zu oft sind solche Produkte Gegenstand in seinen Lehrheften. Auch für ein Schirmgeschäft muss er intensiv geworben haben. Ob dessen Inhaber ein Robert Schmidt in Leipzig gewesen war, wie in den Anzeigenbeispielen seines Lehrwerks genannt, muss dahingestellt bleiben. Einige seiner Kunden nennt er jedoch beim echten Namen: z.B. die Orthozentrische Kneifergesellschaft Berlin, das Atelier für photographische Bildniskunst Erich Tschentscher in Cöthen sowie die von ihm über alles gelobte Bayerische Zeitung (Münchner Extrablatt, Abendzeitung).

6. Iversen - ein Werbeberater als Zeitgenosse

Johannes Iversen muss ein sehr unangenehmer und streitsüchtiger Zeitgenosse gewesen sein, der die Behörden durch seine ständigen Eingaben und Anträge - z.B. an den Stadtrat seines

Ein typischer Beschwerdebrief Iversens

Ein typischer Beschwerdebrief Iversens (Quelle: Stadtarchiv Füssen)

Wahlwohnorts Füssen - in Atem hielt und bald als notorischer Querulant galt. Ob es um den Besitz eines Berechtigungsausweises zum Fischen ging oder um politische Parolen an öffentlichen Aushangtafeln - der kleinste Anlass reichte aus, um Iversen in Wallung zu bringen, einen im Ton meist unverschämt einherkommenden Beschwerdebrief mit massiven Forderungen an die Behörden zu richten - in der Regel freilich ohne Erfolg. Selbst im fortgeschrittenen Alter mit fast 75 Jahren verlor Iversen von seiner Streitsucht nichts - wie Waltraud Sennebogen in ihrem Buch “Zwischen Kommerz und Ideologie. Berührungspunkte von Wirtschaftswerbung und Propaganda im Nationalsozialismus” schreibt. Noch 1938 beantragte Iversen ein Ehrengerichtsverfahren gegen den stellvertretenden Reichsfachschaftsleiter der NSRDW (Nationalsozialistische Reichsfachschaft deutscher Werbefachleute) Richard Künzler, den er, der ehemals sein Schüler gewesen war, für unfähig und zudem bestechlich hielt. In einem persönlichen Brief an Propagandaminister Joseph Goebbels beschwerte sich Iversen in seiner typischen Vitriol-Manier im Juli 1938 über Künzler: “Wir Werbefachleute sollen doch eine geistige Auslese der Kaufmannschaft sein uns müssen uns als Führer einen Mann gefallen lassen, dessen Allgemeinbildung äußerst mangelhaft ist, wie mir bei einer Firma, bei der er früher angestellt war, und von einem seiner ehemaligen Schulkameraden bestätigt wurde. Solche Missgriffe in der Auswahl der verantwortlichen Personen belasten aber die ganze Sache.” (zit. Sennebogen, S. 170). Doch dieses Mal wurde Iversens Attacke ihm selbst zum Verhängnis. Nicht der Parteigenosse Künzler, sondern er selbst sollte den Schaden davontragen. Am 13. September 1938 wurde er, “dem Werberat seit langem als übler Querulant und Denunziant bekannt”, aus der Reichsfachschaft ausgeschlossen - womit seine Karriere als Werbefachmann endgültig beendet war.

Gleichwohl genoss Iversen in Kollegenkreisen einen geradezu legendären Ruf. Johannes Schmiedchen, der wie auch Iversen 1924 zu den Mitbegründern des Deutschen Werbeklubs gehört hatte, setzte ihm in seinem „Kurzen Beitrag zur Geschichte der deutschen Wirtschaftswerbung, ihrer Männer, ihrer Organisationen, ihrer Presse“1953 ein Denkmal, indem er schrieb, Iversen sei „Deutschlands ältester Werbeberater, vielleicht Deutschlands bester Werbestilist“ gewesen. Ähnlich äußerte sich Hans Wündrich-Meißen (Wuendrich PDF) in der Werbe-Rundschau Heft 1, 1953 und bezeichnet Iversen, dessen besondere Vorliebe ebenso den Frauen (vier Ehen) wie dem Schwarzwälder Kirschwasser und starken Virgina-Zigarren (20 pro Tag) gegolten habe, als „Vater der neuen deutschen Werbung” und “den Mann, der uns die neue Werbeargumentation lehrte. Seine klare, urwüchsige, volkstümlichfrisch zupackende Sprache, seine erstaunliche Fähigkeit, die Leser in jedem Fall zum Lesen und Zuhören zu zwingen, seine drastischen Vergleiche, seine schlagende Argumentation, seine zwingende Überzeugung,  all das ist noch heute unerreicht.  40 bis 50 Jahre sind seine Texte alt,  aber ihre frische Ursprünglichkeit, Prägnanz und Beeinflussungskraft triumphiert heute noch über die Masse anderer Texte. Wir haben heute noch keinen Texter wieder wie Iversen. Ja, seit Iversen haben wir sogar vieles wieder verlernt, vor allem die Technik der prägnanten und suggestiven Argumentation für eine Ware.“

Sicherlich hat es nach Iversen aber auch kaum einen anderen Werbeberater gegeben, der seine Prägung, sein Temperament und auch all seine Ressentiments so ungehemmt in die von ihm gestalteten Texte einbrachte wie dies Iversen zu seiner Zeit noch tun konnte und durfte. Aus seiner deutsch-nationalen Gesinnung machte er nie einen Hehl, wie das Design seiner in den alten Reichsfarben Schwarz-weiß-rot gehaltenen Briefbögen (s. oben) zeigt. Wie viele seiner Werber-Kollegen repräsentiert er in seiner Person als einer der ersten den Typ des gescheiterten Künstlers oder Schriftstellers, der den Bereich der Reklame als lukratives Betätigungsfeld für sein Talent entdeckt. Unter seinesgleichen erregte er damit einhellige Bewunderung, bei „echten“ Dichtern hingegen eher Kopfschütteln oder Schmunzeln.

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Markentechnik vs. „Kukirolen Sie!”

Sonntag, 16. August 2009 15:10

Als sich (in den 20er Jahren) Werbung von Reklame schied

für Alexander Rosner

und mit einem besonderen Dank an Ruth Michelbach vom Stadtarchiv Füssen

(Das Bildmaterial, sofern es sich um Prospekte oder Werbeblätter handelt, stammt aus dem  Kultur- und werbegeschichtlichen Archiv kwaf Freiburg, die Anzeigenmotive der 20er Jahre aus der Berliner Illustrierten Zeitung)

© 2009 Dirk Schindelbeck

Vorbemerkung

Der folgende Artikel entfaltet auf gleich mehreren Ebenen ein Stück deutscher Werbegeschichte. Es geht darin
1.) um den Begriff der Reklame - im Gegensatz zu unserem heute geläufigen Terminus “Werbung” - und die Herausarbeitung des Reklamestils jener Zeitepoche;
2.) im Zusammenhang damit um den wohl ältesten deutschen Werbeberater und -texter, dessen Person von dieser Reklame nicht zu trennen ist: Johannes Iversen (1865-1941);
3.) um eine der spektakulärsten Reklamekampagnen Iversens der zwanziger Jahre: die für das Hühneraugenbeseitigungsmittel Kukirol;
4.) um die mit dieser Kampagne untrennbar verbundene berühmt-berüchtigte Werbefigur jener Zeit: den sagenumwobenen Dr. Unblutig.
Alle vier Erzählstränge sind in diesem Artikel miteinander verwoben.

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Viel Spaß beim Lesen!
Dirk Schindelbeck, September 2009


1. Effekt, Effekt

„Im Jahre 1920 wurden die Besucher der Frankfurter Messe durch ein seltsames Reklameverfahren überrascht. Jeden Tag zur bestimmten Stunde kamen einzelne Gruppen von Sandwichmännern in Form aufrecht wandelnder Zigarettenmodelle aus den verschiedensten Richtungen zum Mittelpunkt der Stadt, um sich dort zu einem langen Zug zu vereinigen. Nach einigen Schwierigkeiten mit den Oberleitungen der  Straßenbahn zogen die etwa 4 m hohen Reklameträger auf dem Wege über den Bahnhof zum Messegelände. Gleichzeitig beunruhigte eine sonderbare Streckenreklame die Reisenden der mitteldeutschen Hauptbahnen. Kein Mensch wusste anfangs, was das schwarze Zeichen auf weißem Grund mit dem roten Punkt bedeuten sollte. Die meisten Leute rieten auf eine Art Schraubenschlüssel oder Büchsenöffner (gemeint ist das von Prof. Deffke entwickelte Reemtsma-Markenzeichen eines abstrahierten Wikinger-Stevens: Anm. des Verfassers). Das Zeichen besaß keinerlei Sinnfälligkeit, und erst allmählich wurde ein Zusammenhang mit den ungewöhnlich sperrigen Zigarettenpackungen entdeckt, die in einzelnen Läden das gleiche Zeichen den Blicken der Passanten aufdrängten.

In der damals ziemlich reklamearmen Zeit erzeugte dieses energische Vorgehen eine starke Sensation. Man konnte in keinem Zuge auf den plakatierten Strecken fahren, ohne dass die hochmoderne Reklame mit unterschiedlichsten Deutungsversuchen ausführlich von allen Insassen eines Abteils besprochen wurde. Wenn der Kreis der Betroffenen sich auch nur auf die Reisenden und auf wenige interessierte Einwohner der mitteldeutschen Städte beschränkte, so war doch das Ziel einer schnellen Aufmerksamkeitserregung geglückt. Bis zum heutigen Tage gilt dieser Reklamefeldzug in den Augen der Laien als eine propagandistische Meisterleistung. In Wirklichkeit trägt er alle Kennzeichen des verhängnisvollen Jahrmarktstiles.”

1) Fortsetzung Teil 1

2) Fortsetzung Teil 2

3) Fortsetzung Teil 3

4) Fortsetzung Teil 4

Thema: Reklame & Werbung | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Des Kaisers Bart (1911)

Donnerstag, 6. August 2009 13:50

© 2008 Dirk Schindelbeck

Anzeige für Hoffriseu Monsier Haby's Bartformprodukte von 1901

Anzeige für Hoffriseur Haby's Bartformprodukte von 1911

Einst steckt’ in jedem deutschen Mann ein ziemlich kleiner
verdrückter Kaiser, der, gleich unsrem Wilhelm Zwei,
mit einem Donner-Schnauzbart, stark wie Willi seiner,
nassforsch einherstolzierte, frisch, fromm, fröhlich, frei -

Nicht jedem aber war ein Kaiser-Bart vergönnt:
Von diesem Mannesmakel sprach ihn huldvoll los
Frisör Francois Haby, ein windiger Franzos’,
mit seinen Bartformapparaten (deutsches Reichspatent!)

und drei Artikeln (nicht ganz ohne Eigennutz):
Bartbindenkamm, Bartbindenwasser und - geeicht
und echt - die „Kaiser-Binde mit dem Ohrenschutz”.

Die Nacht durch angelegt, erhielt der Bart die Form
der könig-kaiserlichen Garde-Lieutenants-Norm…
Wie jubelte Monsieur Haby: „Es ist erreicht!”

Mehr Hintergrundinformationen zum Thema “Alte Reklame” finden Sie in diesem Buch.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Thalysia-Edelformer (1954)

Sonntag, 2. August 2009 15:04

© 2010 Dirk Schindelbeckthalysia128

Der kluge Mensch verschafft sich Proportionen,
die auch das andere Geschlecht begeistern.
Geschickt die Körperformen zu bemeistern,
das von Natur aus Schöne zu betonen

wird sich besonders für die Damen lohnen
(wie sag ich’s nur charmant?..), die etwas feistern
die gern ihr Problematisches verkleistern
und etwas voller sind in manchen Zonen.

Jetzt hilft, was stärker ist als die Natur,
was sich stets ausdehnt, in der Form zu halten:
Thalysia-Mieder mit den Urgewalten

verleihn dem äußren Menschen die Figur
von früher und dem innren Menschen geben
sie frische Spannkraft und ein neues Leben.

Anmerkung:

Aus dem Original-Anzeigetext von 1954: „Kein Grund zur Aufregung, meine Da­men, auch wenn ihr Körper beginnt, sich selbständig zu machen! Sie können trotzdem begehrenswert und schön bleiben - allerdings muss das Formgebende stärker sein als der Ausdehnungsdrang von innen, sonst drückt sich alles durch. Tragen sie also einen Thalysia-Edelformer.” Er erst „verleiht dem äußeren Menschen eine makellose Silhouette und dem inneren Menschen neue Spannkraft und Frische.”

Mehr Hintergründe dazu gibt’s hier.

Thema: Sonettwelt | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck