Dienstag, 8. September 2009 18:05
Vom Maßstab des deutschen Mannes
© 1997 Dirk Schindelbeck
Das Abbild des Vorbilds des Urbilds oder: Von Sammlern und Umbauern
Kehren wir in die Modellautowelt zurück, wo sie noch nicht aus den Fugen geraten ist: Von Winston Churchill, Prinz Charles und Richard von Weizsäcker geht die Rede, sie seien Modellautofanatiker (gewesen), letzterer gar ein eingeschworener Wikinger. Ob aber auch Platon, lebte er noch, sich zu ihnen bekannt hätte? Spaß daran hätte er vielleicht gehabt, zumal man ja in den großen Automobilwerken, lange bevor ein neuer Typ in die Produktion geht, zunächst einmal ein Modell anfertigt, das Urbild mithin, die Idee. Was also, so würde der Philosoph seinen Sokrates vielleicht fragen lassen, treibt den Modellautofreund zum Sammeln an? Sind es die Modelle als solche oder dasjenige, wovon sie etwas vorstellen und Abbilder sind? Natürlich, spricht Karl Heinz, geht es mir letztlich nicht um die Modelle selbst, sondern um dasjenige, was sie an vorbildgetreuer Wiedergabe der Wirklichkeit leisten. Und die Wirklichkeit, auf die sich das Modell bezieht, die erkennst du dann auch? Klar, indem ich zwischen beiden vergleiche, sagt Karl-Heinz, erkenne ich sowohl die Wirklichkeit als auch das Modell. Du meinst also, wenn du ein Modell in der Hand hast, hast du immer einen Vergleich im Kopf, denn du misst das Modell, das ein Abbild ist, an der Wirklichkeit als seinem Vorbild und erkennst auf diese Weise, was beide sind? Richtig. Und wird das Abbild jemals besser sein können als das Vorbild, worauf es sich bezieht? Natürlich nicht. Wie aber, Karl Heinz, ist es dir möglich, diesen Vergleich anzustellen, wenn es da nicht noch etwas Drittes gäbe, worauf beide, Vorbild wie Abbild, zurückgehen müssen, nämlich das Urbild? Ich meine das so: Wenn du die reine Idee des Opel X als das Urbild für beide, großes Vorbild wie kleines Abbild, nicht längst erkannt hättest, könntest du nicht sagen: In Bezug darauf ist dies hier besser und jenes schlechter. - Ich verstehe dich nicht. - Da draußen auf dem Parkplatz, was ist das? - Ein Opel X. - Und hier drinnen, auf dem Tisch, was ist das? - Auch ein Opel X, als Modell. Erinnerst du dich also der Idee des Opel X auch über das Modell oder nicht? Ja. Ist dieses Erinnern selbst ein notwendig schlechteres? Nicht unbedingt. - Aber eins ist doch klar: Die Idee des Ford Z erinnerst du dabei nicht, oder? Keinesfalls. Also Opel X, ob groß oder klein. Ja. Die Frage also, so Sokrates, ist doch, ob das Modell, von dem wir sagten, es enthalte eine Erinnerung an die Idee, ja vielleicht selbst als die Idee in ihrer konzentrierten Form gelten kann und… Hör auf, Sokrates, spricht Karl Heinz, ich versteh dich nicht mehr. Ich bleibe bei meinen Modellen.

Wikings Borgward Arabella reloaded: 1964 (blau) und 2009 (schwarz)
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