Beiträge vom Dezember, 2009

2009 als Lehrgedicht, inkl. Bundestagswahl, Wirtschaftskrise und Jahrestag des Mauerfalls

Dienstag, 29. Dezember 2009 6:45

(Langfassung von “Niemand ist besser für Deutschland!”)

© 2009 Dirk Schindelbeck

“…Omnia Nemo potest. Nemo sapit omnia per se.

Nemo manet sempre. Crimine Nemo caret.

Niemand kann alles, es weiß von selber Niemand auch alles,

Niemand bleibt ewig bestehn. Niemand auch ist ohne Fehl.”

(Ulrich von Hutten: Ille ego sum nemo… Jener Niemand bin ich… 1509/1517)[1]

I.

Wahlblasen

Niemand spricht hier, kein Mensch! Es schickt ein riesiger Rechner,

worauf er Zugriff hat aus dem Speicher, in endloser Schleife

Bilder- und Audiodaten ins weltweite Netzwerk, gebündelt

und in bestechender Qualität - und in Millisekunden

steht die Botschaft auf sämtlichen Bildschirmen draußen im Lande,

wo sie auf Netzhäute trifft, in Hirne und Seelen sich festsetzt,

wo sie jetzt wirken könnte, wenn - indessen bleibt’s ruhig.

Niemand widerspricht. Es bleibt alles ruhig an diesem

Abend, wie auch am Abend zuvor, in den Wochen und Jahren.

Niemand fühlt sich betroffen, die Sendung, das zeigen

deutlich die Einschaltquoten seit Jahren, wird gerne gesehen:

„Melodien für Millionen”, vermischt mit den Sprüchen der Werbung:

„Alles super!”, „Nichts ist unmöglich!”, „Heute ein König!”.

Ruhig verläuft der Abend, die Botschaft verteilt sich wie Feinstaub

gleichmäßig über das Land, ein Mehltau, den niemand mehr wahrnimmt.

Nur ein paar Techniker kontrollieren den Ablauf der Sendung,

während jene, die für den Inhalt verantwortlich zeichnen,

ihre Freizeit genießen in Miami oder San Remo. [weiter...]

Thema: Balladen/Eklogen, Deutschlandgedichte | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Massenvariationen

Donnerstag, 24. Dezember 2009 8:32

eine experimentelle Textfolge als Langzeitprojekt

in memoriam Frank-Dieter Männel (1950-2005)

© 1973 - 2010 Dirk Schindelbeck

Dieses Projekt einer soziologisch-philosophischen Prosa-Dichtung wird kontinuierlich fortgesetzt. Als erster Text wird heute die Keimzelle aus dem Jahr 1973 ins Netz gestellt.

1

Furcht und Zittern

Zwei Einzelne kamen an der Masse vorbei.
„Sieh, wie groß sie ist!”, sagte der eine.
„Du meinst, die Körper in ihrer Unzahl nebeneinander macht sie so groß…”, verbesserte der andere.

In der Tat war sie so groß, dass selbst der sonst hohe, friedliche Himmel vor ihr zurückwich.
Gestand der eine: „Meine verschämten Augen verstecken sich vor ihrer Weite. Aber warum nur ist so dünn? Wie ein endloser, riesiger Pfannkuchen erscheint sie mir.”

Sie stiegen einen kleinen Hügel hinan und schauten von dort über die Masse hinweg.
Nickte der andere: „So groß ist sie und doch so dünn und niedrig.” - „Ja, niedrig, wirklich, das ist sie, groß und dabei niedrig.”

Die Masse, die bis dahin belustigt zugehört und des öfteren überlegen hatte, wurde sehr zornig und streckte nun viele tausend drohender Finger ihnen entgegen, und böses, unruhiges Blut wuchs schnell in ihr, sodass die beiden Einzelnen ihre Beine nicht verleugnen konnten.

Die riesige Masse schwappte noch hinter ihnen her, entließ sie doch dann, zäh und träge, da sie spürte, dass ihrer Pfannkuchenoberfläche Gefahr drohte, einzureißen. Später erkaltete sie mehr und mehr und war bald eingeschlafen.

Lange noch pochte es in den Einzelnen fort.

Thema: Kurzgeschichten | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Propaganda mit Gummiballons und Pappraketen

Montag, 14. Dezember 2009 16:53

Zum deutsch-deutschen Flugblattkrieg nach dem Bau der Mauer

© 1995 Dirk Schindelbeck

Im Sommer 1959 fuhr ich - sieben Jahre alt - mit meinen Eltern nach West Berlin, um einen Onkel zu besuchen. So gründlich meine Erinnerungen an den Aufenthalt auch verblasst sind, die obligatorische Stadtrundfahrt, die natürlich auch in den damals noch nicht abgetrennten Ostteil der Stadt führte, ist mir noch heute präsent. Als wir die Sektorengrenze passiert hatten und an den ersten grauen Häuserblocks vorbeifuhren, platzte ich ungeduldig heraus: „Und wo sind die Russen?“ Die Erwachsenen im Bus lachten. Ihre unvermutete Reaktion erweckte in mir die Lust, das Spielchen zu wiederholen, und bald hieß es an jeder dritten Straßenecke: „Wann kommen denn endlich die Russen?“

Bundeswehr-Propaganda-Ballon wird mit Gas befüllt (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

Bundeswehr-Propaganda-Ballon wird mit Gas befüllt (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

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Thema: PR & Propaganda | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

Karl Kraus und die Reklame

Montag, 14. Dezember 2009 9:58

© 2009 Dirk Schindelbeck

Womöglich wird sich manche(r), dem/der der berühmte Text von Karl Kraus „Die Welt der Plakate” (1909, in: ders.: Grimassen, Ausgewählte Werke, Bd. 1, Berlin 1971, S. 232-237) schon einmal begegnet ist, gefragt haben, was Karl Kraus damals eigentlich vor sich gesehen hat, als er diese Satire zu Papier brachte. Dass er sich auf reale Werbebotschaften seiner Zeit bezog, daran besteht kein Zweifel, um “Plakate” allerdings in unserem Verständnis des Wortes handelte es sich keineswegs. Es waren Zeitungsinserate, von denen im Folgenden einige an die entsprechende Stelle in den Text eingestellt werden. Somit entsteht einerseits ein plastisches Bild der Anzeigenkultur jener Zeit, andererseits dürfte die Bildstrecke heutigen Lesern den Zugang zum Text erleichtern.


Karl Kraus: Die Welt der Plakate (1909)

„Als man anfing, das geistige Leben in die Welt der Plakate zu verbannen, habe ich vor Planken und Annoncentafeln kaum eine Lehrstunde versäumt. Und lange ehe ich das Wesen des Plakats als die Empfehlung einer Ware erkannte, empfand ich es als eine Warnung vor dem Leben. Ich wusste bald um den Stand des Geistes Bescheid. Mit der Offenbarungskraft eines Erlebnisses wirkte es auf mich ein, als ich einmal in einem Schaufenster die Darstellung zweier Männer sah, deren einer sich mit seiner Krawatte plagte, während der andere triumphierend daneben stand, auf sein fertiges Werk zeigte und schadenfroh rief: „Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so? Kaufen Sie sich Schlesingers Kragenhalter, der hält Kragen und Krawatte fest!” Dass die Menschheit einen Anschauungsunterricht in diesem Fache nötig habe, bedachte ich nicht. Ich nahm vielmehr an, dass es eine realistische Darstellung sei, dass in der guten Gesellschaft täglich solche Dialoge geführt werden und dass es viele Menschen geben müsse, deren Zentrum jenes Problem ist und deren Leben bloß einen Vorwand bedeutet, um den endlichen Zusammenschluss von Kragen und Krawatte zu erreichen. Und plötzlich sah ich es auf der Straße von solchen Leuten wimmeln, überall sah ich diese Gesichter, den verdrossenen Kämpfer und den fröhlichen Sieger des Lebens, ich lernte den Choleriker vom Sanguiniker unterscheiden, wiewohl beide einen aufgewichsten Schnurrbart und Schnabelschuhe hatten. Den ersten, entscheidenden Eindruck von einer Menschheit also, die in ihrer überwiegenden Majorität aus Ladenschwengeln besteht, empfing ich von jenem Bilde, und mit einem Male war ich es, vor dem sie sich alle zu der Frage einten: Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so?… [weiter...]

Thema: Literarische Fundstücke | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck

Sonettwelt

Dienstag, 8. Dezember 2009 8:23

© 1974-2009 Dirk Schindelbeck

Ein Wort zuvor…

Das Sonett gibt es seit etwa 700 Jahren. Vom Italien des Renaissancezeitalters, wo Dante und Petrarka erste Höhepunkte der Sonettdichtung setzten, breitete sich der Gedichttyp über ganz Europa aus. William Shakespeare, Andreas Gryphius, Johann Wolfgang von Goethe, Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Georg Heym und Rainer Maria Rilke, um nur einige wenige zu nennen, gelten bis heute als seine Meister.

Als fester Gedichttyp fordert das Sonett gewisse Qualitätsstandards ein. Es braucht einen deutlichen Gegensatz zwischen Quartetten und Terzetten ebenso wie eine akzentuierte Schlusspointe, die es auf dialektischem Weg erreicht. In der Vergangenheit blieb es die bevorzugte Form der Liebes- und der Gedankenlyrik. Bis heute schien es, dass damit seine formalen wie thematischen Möglichkeiten erschöpft seien.

Dass dem beileibe nicht so sein muss, können Sie auf den folgenden Seiten erfahren. Hier finden Sie drei ungewöhnliche Sonettzyklen, die neue, bislang noch nicht beschrittene, Wege der Sonettdichtung gehen.

Neue Wege, neue Töne

Wie keine andere Form ist das Sonett ergebnisorientiert. Es eignet sich hervorragend zur Beschreibung industrieller Prozesse. Es kann das Verfahren der Schokoladenherstellung ebenso sinnfällig machen wie die Wirkungsweise eines Medikaments oder eines Thermostaten, zum Plädoyer eines Staatsanwalts werden oder eine Werbebotschaft „auf den Punkt bringen”.

Vom Verdikt, dass das Sonett vor allem ein „schönes” Gedicht zu sein habe, gilt es endlich Abschied zu nehmen. Schon Expressionisten wie Georg Heym, Paul Boldt oder Georg Trakl hatten dazu den Weg gewiesen. Es ist bedauerlich, dass diese Impulse in der Folgezeit kaum aufgenommen worden sind, sondern mit der Wahl der Form immer wieder ein Rückkehr zur Ästhetik des 19. Jahrhunderts einherging - wie etwa im NS oder der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Das Sonett kann mehr, es ist neu zu entdecken. Es kann ein wissenschaftlicher abstract sein, ein gewitzter Kommentator, es kann ein kleines Lehrgedicht ausführen, kann Museumspädagoge, Reiseführer, Beipackzettel, Wirtschaftskommentar, Ordnungshüter oder Marketingstratege sein. Nichts ist so klar, so um Klarheit und Ordnung bemüht wie das Sonett. Es ist die Verbindung von Sonate und Mathematik.

Ob sein Gegenstand ein Kampfpanzer, die Judenvermögensabgabe oder eine Lippenstiftmarke ist - das Sonett (das es ja durchaus als Waschmittel gibt!), ist zu vielerlei pointierten Aussagen und Verdichtungen fähig.

Sonette als Produkte oder: Made in Germany. Der etwas andere Sonettzyklus (26 Stücke)

Technische Sonette Ein innovatives Form-Projekt (14 Stücke)

Kalenderblätter Sonette zu Grafiken von Gerd Grimm (14 Stücke)

Darüber hinaus finden Sie, allerdings unter der Rubrik Liebe et al, den Zyklus Alte Liebe. Ein Sonettzyklus (30 Stücke).

Wer sich näher auf Theorie und Geschichte des Sonetts einlassen möchte, der findet hier weitere Informationen. Ebenso steht ein Essay (PDF) zum Dowdload bereit.

Thema: Sonettwelt | Comments Off | Autor: Dirk Schindelbeck

“Kein Vergnügen ohne Revolver”

Montag, 7. Dezember 2009 16:16

Aus der Frühzeit der Zeitungsannonce

© 2009 Dirk Schindelbeck

hippolit687

1879 erscheint in der Tagespresse eine Handzeichnung mit einem balladenartig-versifizierten Text, einen dreisten „Raubüberfall im Thiergarten” darstellend. Solche Präsentationen außergewöhnlicher Ereignisse ist das Lesepublikum im späten 19. Jahrhunderts gewohnt. Sie finden sich vornehmlich in den Illustrierten Bilderbogen (Neuruppiner, Deutsche, Münchner Bilderbogen etc.) der Zeit, sind überaus beliebt für alle Arten erbaulicher und belustigender, skurriler und moralisierender Geschichten.

In Bildtextkompositionen nach Bilderbogenmanier haben Verse die Funktion, ein gewisses literarisches Qualitätsniveau anzuzeigen; ein Gegenstand, der so behandelt wird, hat Wertigkeit, ja Würde. Im vorliegenden Fall wird dadurch zudem lange verdeckt, dass es sich hier um eine Reklame handelt. Zu breit und gewichtig erscheint die Geschichte, aus der sich erst allmählich der werbende Charakter einer Annonce herausschält.

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Thema: Reklame & Werbung | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck