Lyrik, Cash und Lobby
Sonntag, 21. März 2010 10:12
aus: Brückenflower. Neue und ältere Lyrik über Brücken und Blumen, Verbindung und Verständigung, Edition L, Hockenheim 2010, S. 7-13
© 2010 Dirk Schindelbeck
Mein aufschlussreichstes Erlebnis im Hinblick auf den Platz, welcher der Lyrik in unserer Gesellschaft zugestanden wird, vermittelte mir der Redakteur einer auf soziale Themen ausgerichteten Zeitschrift. Auf die Frage, ob er nicht auch mal ein Gedicht abdrucken wolle, kam die harsche Antwort: „Nein, ich möchte kein Fass aufmachen!” Der erfahrene Redakteur wusste allzu gut um die Folgen: eine Flut von Zusendungen, derer er sich nicht mehr würde erwehren können. Wo anfangen, wo aufhören, wie auswählen? Das tat er sich nicht an.
Als Lyriker gedruckt zu werden ist ein heißer Wunsch, und - falls es gelingt - ein rares Glück. Schließlich schreiben Hunderttausende von Menschen Gedichte, aber nur ein Bruchteilchen dieser Produktion wird gedruckt. Buchverlage, mit Lyrik-Manuskripten überhäuft, lehnen dankend ab. Wenn sie überhaupt antworten. In keiner anderen Literaturgattung ist das Missverhältnis zwischen gedruckten und ungedruckten Texten größer. Das ruft findige Geschäftemacher auf den Plan, die sich Verleger nennen, bei Licht besehen aber nur eine Druckwerkstatt betreiben und als Autorenverlage längst berüchtigt sind. Sie verlangen horrende „Zuschüsse”, aber Zuschüsse für welche Leistungen? Sie beraten und lektorieren nicht, die Buchgestaltung ist mehr als oberflächlich, geht am Inhalt laienhaft vorbei, es fehlen fundierte Geleitworte, die auch für die Presse wichtig sind, und auch der Verkauf wird nicht unterstützt… [weiter...]
Thema: Deutsche Literatur | Kommentare (0) | Autor: Dirk Schindelbeck
