Montag, 27. September 2010 14:17
Do 16-18 Uhr, Pavillon 2, pav 009
Bis heute gilt Wilhelm Busch als Inbegriff des humoristischen Schriftstellers (so jedenfalls suggerierte es der millionenfach verbreitete „humoristische Hausschatz”) und dank seines Weltbeststellers „Max und Moritz” vor allem als Kinderbuchautor. Beides ist unzutreffend; zumindest wird, wer sich nur etwas genauer mit ihm und seinem Werk befasst, weder das eine noch das andere ohne Einschränkung bestätigt finden. Seine Stärke waren beißender Spott, bis zum Sarkasmus gehende Satire und vor allem und immer wieder fundamentale Gesellschaftskritik. Wahrscheinlich sind es diese Qualitäten, die ihn bis heute so modern erscheinen lassen. Das verwundert umso mehr, da das Personal seiner Geschichten noch nicht einmal von der Industriellen Revolution berührt erscheint: es gibt „den Bauern”, „den Müller”, „den Lehrer”, „den Arzt”, „den Pfarrer”, „den Wirt” und wenn es hoch kommt, „den Arzt” oder „den Apotheker”. Kaum ein anderer seiner Zeitgenossen kann sich jedenfalls rühmen, so zum Allgemeinbesitz geworden zu sein wie Wilhelm Busch.
Wir wollen uns in diesem Seminar mit der Gestalt Wilhelm Buschs befassen, seinen Werken und ihren Wirkungen bis in die Gegenwart hinein nachspüren (z. B. in der Werbung - etwa in den Bildergeschichten zur Bewerbung des Klebstoffs Syndetikon) und uns vielleicht selbst sogar an die Produktion einer „modernen” Bildergeschichte begeben. Aus bescheidenen und konventionellen Anfängen der Bilderbogentradition des 19. Jahrhunderts kommend, entwickelte Busch daraus die „große”, satirisch-moralische Bildergeschichte. Durchweg sind deren Protagonisten Antihelden im Sinne Georg Büchners, Versager, Kleinbürger, Spießbürger, Scheinheilige usw. Mit unbestechlichen Blick entlarvt der Schopenhauerianer Busch ihre negativen Eigenschaften wie Gier, Geiz, Heuchelei, Jähzorn, Missgunst, Neid usw. - und das mit einem geradezu todsicheren Instinkt.
Ein paar Fragen und Aspekte, die uns Zugänge zu Busch eröffnen könnten: Was leistet die Gattung Bildergeschichte damals und heute? Kann Wilhelm Busch als Urvater des Comcis angesehen werden? Gehört Wilhelm Busch zu den Klassikern? Was oder wie viel Busch kann man Kindern und Heranwachsenden mit gutem Gewissen zumuten (man schaue sich nur seine “Neger” oder “Juden” an)? Kann man heute noch von Wilhelm Busch lernen - und wenn ja, was und wie, z.B. im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis, das Verhältnis der Generationen zueinander, für den Umgang mit Tieren. “Max und Moritz” als Universalwaffe interkultureller Pädagogik (kein Kinderbuch wurde in mehr Sprachen übersetzt!). “Erziehung” (auch “schwarze Pädagogik”) bei W.B. usw.
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