Sprung in die Freiheit

Der Conrad & der Peter

„Sprung in die Freiheit“

Der Conrad1. Unauffälig. Guter Sohn
der Mutter, NVA‑Soldat, voll Disziplin.
Kam 61, dreizehnter August. „Aktion
Rose2„: Abriegelung von Ost‑Berlin.

Conrad auf Posten. Tagelang. Bernauer
Straße. Sieht Pioniere vor sich. Sieht und ringt.
Sieht Stacheldraht, Sand, Steine. Das wird Mauer.
Und Conrad, unauffällig bislang, springt

in einen Wald von Kameras. Am besten
mit seinem Bildschussapparat traf ihn der Peter:
„Sprung in die Freiheit!“ Mega‑Propaganda!

Nun war der Conrad aufgefallen und im Westen,
doch fand nie Ruhe, selbst auf der Veranda
des eignen Häuschens nicht, so dass er sich erhängte ‑ später3.

2014


  1. Als „Mauerspringer“ wurde Conrad Schumann (1942一1998) berühmt – durch das Foto Peter Leibings, der als Sportfotograf Übung bei Reitturnieren gesammelt hatte, springende Pferde so abzulichten, dass sie exakt über ihrem Hindernis ins kamen. So entstand der „Sprung in die Freiheit“, bei dem Conrad Schumann noch im Augenblick seiner Aktion sogar den Stacheldraht niedertrat. Peter Leibing (1941‑2008) verlangte für die Bildrechte an seinem Mauerspringer noch den neunziger Jahren 200 DM. ↩︎

  2. „Aktion Rose“ war der Codename für den im Zusammenhang mit der Grenzschließung am 13. August 1961 stehenden Maßnahmenkomplex der DDR‑Regierung. ↩︎

  3. Die Abbildung zeigt ein aufblasbares Propaganda‑Kissen mit Mauerspringer‑Motiv, das bis etwa 1964 durch Bundeswehr-Ballons in die DDR transportiert wurde, um NVA‑Grenztruppen (nach Vorn Abgehauen) zu Flucht zu ermuntern. Vgl. hierzu: Dirk Schindelbeck: Propaganda mit Gummiballons um Pappraketen, in: Gerald Diesener/Rainer Gries: Propaganda in Deutschland, Darmstadt 1996, S. 213-234. ↩︎