mann-schaftsaufstellung

also die deutsche
sag dazu: die nationale
also die nationalen frauen
stärker betonen: die frauen
ja unsere frauen
unsere deutschen frauen
sag’s laut heraus: frauen frauen frauen frauen
also die frauen sind aufgestellt
deutsch
ja: und national
so steht unsere frauenschaft
deutlicher: die nationale deutsche frauenschaft
nun aber kommt
der ball ins spiel
präziser: der ball für den fuß
mann o mann
was nun mit dem ball
erklär’s mit dem mann:
dem mann der es schafft
der diese frauen schafft
zu unserer frauenschaft
jetzt noch mal: frauen frauen deutsche frauen
aufgestellt
wie ein mann
ein einziger deutscher mann
national
wie eine einzige
deutsche und nationale
frauenschaft
eine einzigartige
deutsche frauenfußballnationalmannschaft

(c) Dirk Schindelbeck

Dichterwahlkampf

Angenommen, Dichterworte mischten unsere Wahlkämpfe auf …

Ein Projekt von Dirk Schindelbeck (Idee) und Alexander Rosner (grafische Umsetzung)

In regelmäßigen Abständen verwandelt sich der öffentliche Raum unserer Städte und Gemeinden in eine Arena, in der sich Menschen für eine politisches Amt zur Wahl stellen und um Stimmen werben.
Seit Jahrzehnten ist das Strickmuster solcher Selbstdarstellungen dasselbe geblieben: Kopf plus Slogan plus Partei – hunderttausendfach plakatiert und in der Regel ohne jede Phantasie.

Nehmen wir einmal an, die Gilde unserer großen Sprachmeister strebte ebenfalls einen Sitz im Bundestag an. Für welche Partei stünden sie wohl, und mit welchem Wahlslogan versuchten sie uns zu überzeugen?

Die folgenden zwölf Plakate spielen das durch – wobei die Slogans der einzelnen Kandidaten /  Kandidatinnen ihren Werken entnommen, die ihnen zugeordneten Parteien dagegen reine Erfindung sind.

Unter dem Titel „Ausstellung EXpositioniert+AUSgestellt in der Galerie im Alten Rathaus“ anlässlich der Abschlussausstellung des Denzlinger Kulturkreises dk vom 14. 03 bis 13. 04. 2025 waren die zwölf Originalplakate in der Größe von DIN A2 ausgestellt. Legenden mit den vollständigen Lyrik-Texten und den daraus herausgefilterten Wahlslogans der „Kanditaten“ waren begleitend beigefügt.

Im hier gezeigten PDF-Dokument stehen diese Legenden zur Verfügung.

Szenen einer Ehe. Ingrid und Winfried

Was nano-sonette trotz oder gerade wegen ihres extrem niedrigen Wortverbrauchs leisten können, zeigt der Zyklus „Szenen einer Ehe. Ingrid und Winfried“, der mit gerade einmal 134 Silben (bei 9 vollständigen Sonetten!) das Drama einer Ehe erzählt. Sonderedition aus „nano-sonett. verrückt, gedrückt, knapp & keck“ (S. 33-43) anlässlich der Leipziger Buchmesse 2026.

Sprung in die Freiheit

Der Conrad & der Peter

„Sprung in die Freiheit“

Der Conrad1. Unauffälig. Guter Sohn
der Mutter, NVA‑Soldat, voll Disziplin.
Kam 61, dreizehnter August. „Aktion
Rose2„: Abriegelung von Ost‑Berlin.

Conrad auf Posten. Tagelang. Bernauer
Straße. Sieht Pioniere vor sich. Sieht und ringt.
Sieht Stacheldraht, Sand, Steine. Das wird Mauer.
Und Conrad, unauffällig bislang, springt

in einen Wald von Kameras. Am besten
mit seinem Bildschussapparat traf ihn der Peter:
„Sprung in die Freiheit!“ Mega‑Propaganda!

Nun war der Conrad aufgefallen und im Westen,
doch fand nie Ruhe, selbst auf der Veranda
des eignen Häuschens nicht, so dass er sich erhängte ‑ später3.

2014


  1. Als „Mauerspringer“ wurde Conrad Schumann (1942一1998) berühmt – durch das Foto Peter Leibings, der als Sportfotograf Übung bei Reitturnieren gesammelt hatte, springende Pferde so abzulichten, dass sie exakt über ihrem Hindernis ins kamen. So entstand der „Sprung in die Freiheit“, bei dem Conrad Schumann noch im Augenblick seiner Aktion sogar den Stacheldraht niedertrat. Peter Leibing (1941‑2008) verlangte für die Bildrechte an seinem Mauerspringer noch den neunziger Jahren 200 DM. ↩︎

  2. „Aktion Rose“ war der Codename für den im Zusammenhang mit der Grenzschließung am 13. August 1961 stehenden Maßnahmenkomplex der DDR‑Regierung. ↩︎

  3. Die Abbildung zeigt ein aufblasbares Propaganda‑Kissen mit Mauerspringer‑Motiv, das bis etwa 1964 durch Bundeswehr-Ballons in die DDR transportiert wurde, um NVA‑Grenztruppen (nach Vorn Abgehauen) zu Flucht zu ermuntern. Vgl. hierzu: Dirk Schindelbeck: Propaganda mit Gummiballons um Pappraketen, in: Gerald Diesener/Rainer Gries: Propaganda in Deutschland, Darmstadt 1996, S. 213-234. ↩︎

Weniger Wortverbrauch, mehr Sinndichte

Zur Erfindung des Nano-Sonetts®

Endlich gibt es Nano-Technik auch in der deutschen Sprache. Das Nano- oder Zwerg-Sonett – abgeleitet aus der 800-jährigen Sonett-Tradition – ist ein zielführendes Reimfeuerwerk auf engstem Raum. Hochkomprimiert erzählt es komplette Geschichten in 14 Zeilen und braucht dazu oft nicht einmal 30 Silben (traditionelles Sonett 150). Nicht von ungefähr ist es das einzige Gedichtformat, das sogar als Marke geschützt ist.1 Wie sieht so etwas aus?

Nikolausfeier mit fatalen Folgen

Sankt

Klaus

tankt

(o Graus!)

schwankt

nach Haus

wankt –

aus.

Ruprecht

zerfetzt

die Rute:

Nicht schlecht –

bin jetzt

der Gute!“ (24 Silben)

Dirk Schindelbeck: nano-sonett. verrückt. gedrückt. knapp und keck. Mit Grafiken von Bernhold Baumgartner, S. 59. EDITION SIGNAThUR, ISBN 9 783906 273730, 18 Euro

1 nano-sonett (auch Nano-Sonett, Nanosonett) wurde unter der Nr. 30 2025 005 385 am 2. Juni 2025 beim Deutschen Patent- und Markenamt als Marke angemeldet und am 26. August 2025 eingetragen.

„Nano-Sonett“ – Jahreskalender 2024

Den Kalender als PDF-Datei herunterladen

Was ist ein Nano-Sonett?

Das Nano-Sonett ist ein neu entwickeltes Gedichtformat, das die 700-jährige Form-Tradition durch eine hochvirtuose Variante bereichert. Das klassische Sonett (Dante, Petrarka, Goethe usw.) ordnete 14 Zeilen in 2 mal vier und 2 mal drei Verse und 5-hebigen Jamben mit Endreimen nach vorgegebenen Schemen wie abba abba cde cde und ähnlichen.

Auf dem Gebiet der Sprachformate hat das Nano-Sonett (lat. Nano = Zwerg) keinerlei Vorbild, stellt insofern eine kleine Weltneuheit dar. Diese Miniaturversion des Normal-Sonetts kommt ganz ohne Verse aus, nutzt allein das Reimmaterial und sonst nichts, um daraus verdichtete Texte zu machen. Im Extrem-Fall ist es ein in sich gereimter Text aus vierzehn Silben. Man könnte es auch Schrumpf-, Minimal- oder Mikro-Sonett nennen.

Nano-Sonette reißen nur an, wo Normal-Sonette mit opulentem Wortschwall arbeiten. So entstehen Freiräume, in denen sich die Phantasie der Leser tummeln kann.

Anmerkung zu „Stasi-Akte Georg Christoph Lichtenberg“ (September-Motiv):
Der kleinwüchsige Göttinger Professor der Experimentalphysik (1742-1799) ist vor allem durch seine witzigen Aphorismen, niedergelegt in den sogenannten „Sudelbüchern“, bekannt geworden. Er führte den Blitzableiter in Göttingen ein.

„Zu Goethes Geburtstag…“

Weimar heute: was zu verwerten ist
(in memoriam 28. August 1749)

Der Markt
ist unerbittlich: Am Markt
stehen die Touristen-Droschken
gereiht,
komfortabel und sicher
(vier Scheibenbremsen!),
der Kutscher selbst
anekdotenprall
im historischen Outfit
mit sauberen Pferden, deren Äpfel
umweltfreundlich
in lederne Auffangbehälter
zwischen die Deichseln fallen.
Gingko-Grüße in alle Welt!
Man feiert Kultur,
Kultur macht feiern:
„Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein!“ (Slogan nach Goethe)
Gegenüber Schillers Wohnhaus
eine Gelateria (gerühmt), ein Türke (Pide und Sac nicht schlecht)
Filialen von Ketten wie überall
im wiedervereinigten Blühe-Deutschland:
vor Goethe am Frauenplan
mehr fast-food und Take-aways, aber auch
das Unverzichtbare: Rotkohl, Thüringer, Klöße.
Zwischen den Domizilen
der Dioskuren
Hypovereinsbank und Müller-Markt („Hier kauf ich ein…“: s.o.)
Doch überall, allüberall
Kultur, Kultur!
Man feiert Kultur!
Kultur macht feiern!
Die Sprüche von heute
auf den Gehwegen:
„List. Lust. Lost“;
„Mitunter ist ein Schnürsenkel länger als der Orgasmus beispielsweise!”
kontrastieren merkwürdig mit den Sprüchen von gestern:
„Gegen das Schweigen und
das Getöse
erfinde ich
das Wort.“ (Octavio Paz)
Der Kapitalismus
- der mit dem unerbittlichen Markt –
hat gesiegt,
vorläufig zumindest. Daran ändert auch
der Wahlkampf nichts,
wo unerbittlich
vom bald wieder wachsenden Markt
gesprochen wird
mit Getöse
(- Schweigen - ?)
Getöse, Getöse
und Ginkgo-Grüßen in alle Welt.