Nachtfahrt im LKW

Ein Road-Poem als Bewusstseinsreise

Als Ritter der Autobahn nimmt uns ein LKW-Fahrer mit auf seiner Tour durch die Nacht. Sehr schnell erweist sich das Road-Poem als eine Daseinsreise in die Abgründe unserer modernen Existenz. Außeneindrücke und Reflexionsschnipsel über Gott und Umwelt wechseln in schneller Folge einander ab. So wird der fahrende LKW zu einer Art Wahrnehmungskäfig, der zum Resonanzraum für die Grundbefindlichkeit unseres Daseins in all seiner unendlichen Leere und Verlassenheit wird. Ein exemplarisches Gedicht, das in der Brutalität und Gnadenlosigkeit technischer Abläufe den Fundus für eine eigenständige, gleichwohl immer wieder sperrige, Poesie findet.

nachtfahrt im lkw

als abgefallen war die hohle sprache
stand in den walzenlagern dünn das öl
im abendhelm der sonne blasse lache
zerrann im korn der nacht im schwarzen mehl
der lastkraftwagen lange reihen fuhren
aus toren in die vorstadtzonen hin
endlos die bahnen wechselnd reifenspuren
einhämmernd dem asphalt in grau und grün
flimmernd im kalk verdreckter ausfallstraßen
vertäut auf ladeflächen fässer: acetat
windlöcher sturmwehre dammwegtrassen
und drüber rieselnd trockner sterne granulat
tanklager altmetalle drahtverhaue
wo kinder mittags schauten nach dem vogelschwarm
schleimnass die müden wiesen nur das raue
gestrüpp bekotzt das auspuffrohr schon warm
gigantisch brückenschatten eisengräten
der kräne ölverschmierte haken straflegion
die trafos knisternd knisternd die magnete
die fieberflanken heißgewalkt vom reifenton
waschschleusen parkraumfelder vorwegweiser
die bahnen werfen blasen aus asphalt
im stauwind dröhnt der schwere diesel heiser
verschwitzt die hand die sich ums lenkrad krallt
auf traumplakaten grinsen werbemünder
die bunten t-shirts: pril: das lila rind
ein strom von creme auf schokoladenkinder
sternsaft der aus den hochzeitsnudeln rinnt
unmengen stoffe wandern durch die därme
gefeiert im gefühl gehasst im nervenstrang
ein rausch ein feuer einer wahrheit wärme
scheppernd im sound der discos nächtelang
der plattgewalzten igel kleine fladen
wie knollen roter beete weichgegart
unter beißender sonne strahlenkanonaden
sott gott sein opfer aber unsre nacht bleibt hart
durchs opfer pflegten wir einst andern reichen
uns einzutauschen zwerghaft klein und fest
gebete stammelnd durften wir hinüberschleichen
nun kaut ein jeder seinen unverdauten rest
o gletscherseen die das lied bewahrten
o hochwaldrücken talwärts hängend lang
gewölbe grotten kalk- tonmergelschwarten
und eines rinnsals feiner röhrenklang
nein keine quellen die sich frei verströmen
vor hitze platzend eiter schlick und schlamm
zerborstne rohre schweres wasser rieselfelder
und all der meere leid das lindern kann
der meere leid das löst die kühlen saaten
unter der wassertäler süßem friedensgrund
o dass wir hätten was noch die altvordern hatten
dunkel im stammhirn: das gefühl vom mythenschwund
iokaste ödipus im partnerschaftscomputer
selbst herakles ließ seine macht den chips
und mikrofilmgespeichert dreizehn bände luther
und seine büstenhohlform: bausatz bastlergips
rauch rauch jetzt! zigaretten! zeit zuweilen
wie der geschwollne bauch der berge so brutal
ein flatterband stets lockend will schon weitereilen
über den berg und liegt erschöpft im nächsten tal
der tod ist nicht das ende aller daseinsreise
kranführer jesus löscht der menschheit ladegut
und dann: die leeren güterwagenleiber auf die gleise
verschoben von des gottessohnes ungeheurer wut
vielleicht einst neu gefüllt zu endlos langen zügen
bereitgestellt in großen serien erzeugt
zu neuen zielen eitlen fortschrittssiegen
oder nur tier zu sein das blöd die stirne beugt
noch weniger vielleicht als stein in die atome
zermahlen granuliert geschmolzen um zu glas
als bunte fensterscheibensteinchen einst im dome
geschickt verbaut – oder als kugel für der kinder spaß
vorbei vorbei umsonst die kurzen träume
gott duldet alles aber unsre nacht bleibt hart
durch reine stille abgestorbner bäume
durch sinnverlassne räume geht die fahrt
das ist der gang der lange den wir brauchen
die ebne kommt und wirft sich unters rad
zum terminal zum friedhof o wir tauchen
in dieselwein noch jede abgetane tat
am rastplatz starb der amsel dürres liedchen
salz zuviel salz im braunen laub urin
die fahrerhauskabine kippt ganz lautlos
vornüber wo ganz dick die auspuffkrümmer glühn
die nockenwellen dampfen unter den erstarrten
gestirnen und die einspritzpumpen über die sich heiß
das gelbgesicht des fahrers beugt mit harten
augen vom druck des lichts im scheinwerferkreis
im nachtloch tief dann windet sich der fahrer
gepresst ein embryo kochend auf dem pritschenbett
und rollt sich aus dem schlaf: die augen klarer
phantastischer wurm zuckend in seinem blut und fett
wie sieht der mensch durch welch verbogne prismen
zu welchen müdigkeiten trinkt er seinen saft
zu welchen egotrips und fetischismen
zu welchen sühnewerken fühlt er lust und kraft?
wo in den motodromen die boliden
dreihundertvierzig stundenkilometer schnell
den spannungsnerv des schauvolks nicht ermüden
oh dessen lustgeschrei tönt doppelt grell
fühlt sich so fit die aufgeputschte seele
rasend im glück als ihrer wunderzeiten kind
bis wieder nacht und nichts und flügellose leere
über den atemraub ganz herr geworden sind
erscheinen felder wild von thymian und winden
duftend und springend übers mühlrad hin
die bäche eilen zu den schattenerlenergründen
und reiherschwärme über teiche ziehn
in weiten weidekoppeln sanfter tiere rücken
das runde ihrer leiber seelenzart und fest
die schmiegsam sich die dummen an die erde drücken
und auenlandschaft leicht zerfasert pittoresk
milchschwere wolken drüber wie vor zeiten
gleich wasserbergen unterm feuerschein
kanäle voller blüten kühle einsamkeiten
und liebespaare wandelnd durch den buchenhain
beeren- und frauenduft an gartenzäunen
wo pferde dampfen mutter stillt das kind
o wie die kolben heute müde scheinen
und immer singt der silo rau im wind
wie wunderzart sind manchmal die kristalle
wenn sie sich bilden winters an dem spiegelrand
die schürzenbleche wimmern und im knalle
zerspringt das eis schon in der hohlen hand
vorbei vorbei industriearealen notfallmeldern
den laderampen schlachthofmauern still –
zu tränenkais und gittermastenwäldern
und tausend fliegenkrusten in dem kühlergrill
o regen regen fall von perlenfluten
kühl dieser stirn verharschten alten schweiß
am gaumen kleben alte pfeffergluten
aus brotgeweben rinderschmalz und reis
doch da: der sonne frühgeburten irre scheiben
am horizont im blutorangentrauf
sternfeuer durch die ausstellfenster treiben
und plötzlich – gläsern – richtet sich ein wille auf
hinauf zu supernovas weltraummeeren
was hindert denn? geschichte? vogelschwarm?
durch bleiern-leere müdigkeiten die beschweren
zuckt auf! befreiung wenn da schrillt alarm!!! –
es gibt auf dieser erde doch kein wohnen
es gibt antennen menschen und das spiel der kraft
es gibt raketen lkws und halluzinationen
und brennend-leere und zerplatzte leidenschaft


© Dirk Schindelbeck, 26. Juni 2026
(Erstfassung Ende der 1980er Jahre)